Ausgabe 
24.10.1933 Erstes Blatt
 
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Für das Städtische Elektrizitätswerk mit Ueberlandanlage und Straßenbahn wird ein Diplom-Ingenieur des elektrischen Fachs gesucht. Bewerber mit Kenntnissen auch im Gas- und Wasserfach werden be­vorzugt. Die Vergütung erfolgt etwa nach Gruppe 2d der Hessischen staatlichen Besol­dungsordnung. Ob frühere Dienstjahre angerechnet werden können, bleibt beson­derer Vereinbarung Vorbehalten. Bewer- bungen mit Lichtbild, Lebenslauf- und Zeugnisabschriften sind bis zum 10. No­vember 1933 an die Bürgermeisterei Gie­ßen, Stadthaus, Bergstraße 20, einzu­reichen.

Gießen, den 21. Oktober 1933.

Der Dezernent für die städtischen Betriebe: Dr.-Ing. Hamm, Bürgermeister.

Suchen Sie einen lohnenden Nebsrwevdlenfi wollen Sie sich als Verrufs-Vevtveiev betätigen, oder wollen Tie als solcherden Kreis Ihrer Vertretung andern oder er­weitern, dann bitte bewerben Sie sich bei uns. Wir übertragen Ihnen die Ver­tretung einer alten deutschen Vers.-Ges. für Personen- und Sachversich. Berufs- Vertreter, welche Erfolge nachw. können, werden beoort. Cfiert.u.F.H.10ü2iui Als Hamen'tcin A Vogler. Frankfurt M. r,5-.ov

Lin Lied vom Glück.

Roman von Anny von panhuys.

32. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Bewahre, Herr von Malten! Davon ist's ziem­lich still geworden in der Gegend. Was ich meine, ist auch noch kein richtiger Klatsch. Es könnte aber so weit kommen. Es handelt sich um Ihre Braut, Fräulein Olbers."

Was sagt man von ihr?" fragte er viel ruhiger.

Die Wirtschafterin spielte mechanisch mit ihrer schwarzen breiten Schürze.

Der Wollner, der Fräulein Olbers nicht leiden kann, hat sie gesehen, schon zweimal, drüben im Böhmischen, wie sie einen alleinstehenden Herrn besucht hat, und er meint, das gehöre sich nicht, be­sonders nicht, wo sie doch der Herr von Malten hei­raten will. Er hat mich gebeten, e» Ihnen zu sagen. Heute hat er sie zum zweiten Male gesehen. Es war schon Abend."

Achim von Malten erwiderte ärgerlich:

Dieser Wollner kann morgen sein Krämchen zu­sammenpacken. Diesmal fliegt er bestimmt heraus. Der Kerl saugt Iich das einfach aus den Fingern. Er haßt meine Braut und will ihr schaden. So ein Filou."

Auguste Helm druckste, wandte dann resolut ein:

Es tut mir leid, Herr von Malten, aber an der Sache ist etwas Wahres daran. Der Mann beschwor es beim Leben seiner Kinder, als ich es auch an- zweifelte. Und er liebt feine Kinder abgöttisch.

Achim von Malten zerdrückte verstimmt den Rest seiner Zigarette im Aschenbecher.

Es kann nicht wahr sein, und wenn, dann han- beit es sich eben um einen ganz harmlosen Besuch. Wahrscheinlich hat meine Braut geschäftlich bei dem betreffenden Herrn zu tun."

Frau Helm zuckte mit den Achseln.

Wollner erzählte, er hätte heute unter einem Fenster des Hauses im Böhmischen gehört, daß eine Männerstimme drinnen in einem Zimmer geklun­gen: ^ch lasse dich nicht, so lange ich lebe. Und komme Ich ins Unglück, dann ziehe ich dich mit hinein!'"

Etwas sonderbar war Achim von Malten doch zumute nach dieser Fortsetzung. Aber er erwiderte trotzdem:

Der Kerl lügt! Nur gemeine Rachegefühle be­wegen ihn dazu!"

Auguste Helm erhob sich.

Es ist mir natürlich sehr peinlich, daß ich nun wahrscheinlich von Ihnen auch falsch beurteilt werde, ober ich hielt die Mitteilung, wie ich vorhin schon erklärte, für meine Pflicht. Uebrigens können Sie a selbst ein bißchen Umschau halten, der Herr jen- eits der Grenze heißt Bernd Brussak und soll rüher Zirkusreiter oder so etwas gewesen sein und etzt von seinem Ersparten leben."

Die heißt der der Herr?" fragte Achim von Malten. Auguste begriff nicht, warum der eben noch ziemlich ruhige Mann mit einem Male vollständig verwandelt war. Seine Augen sahen fast drohend aus.

Sie wiederholte den Namen langsam und deut- lich.

Er nickte.

Gut, liebe Auguste. Ich danke Ihnen. Ich bitte Sie nur, über das, was Sie von Wollner erfahren, zunächst zu keinem Menschen zu sprechen, auch zu meiner Mutter nicht, und Wollner ebenfalls um Schweigen zu bitten. Ich beabsichtige, die Sache zu untersuchen."

Auguste nickte eifrig.

Wir schweigen, Herr von Malten verlassen Sie sich daraus."

Nachdem Auguste gegangen war, zog Achim von Malten eine dicke Joppe an und setzte den alten Iagdhut auf. Er verspürte Sehnsucht nach frischer Luft. Die Neuigkeit verwirrte ihn, schien ihm un­glaublich. Der frühere Besitzer des Kleeblattes, nach dem der Kommissar suchen lassen wollte, wohnte so nahe, und Roberta kannte ihn? Ihr sollte er zuge- rufen haben: ,Hch lasse dich nicht, solange ich lebe! Komme ich ins Unglück, dann ziehe ich dich mit hinein!" ... Unglaublich war das!

Er erinnerte sich aber, wie bleich Roberta beim Lesen des Pariser Brieses geworden, und erkannte jetzt, daß sie das Kleeblatt absichtlich hatte beiseite bringen wollen, als sie behauptete, sie hätte es ihm Aurücfgegcben. Ihm war es, als sähe er etwas Un­heimliches, Grausiges vor sich, was er nur ahnte, doch nicht klar begriff.

Er benutzte den kleinen Ausgang des linken Schloßflügels und wollte einen Spaziergang durch den Park machen. Draußen würde fein Kopf klarer werden. Er hatte, der späten Stunde wegen, eine kleine elektrische Taschenlampe und seinen Revolver eingesteckt.

. Langsam wanderte er durch den Park, leine Ge­danken nahmen ihn dabei stark in Ansprucy. So er­reichte er den sogenannten Gartensaal. Das war ein flaches, einstöckiges Gebäude, das früher im Sommer für Feftlicykeiten benutzt wurde. Jetzt geschah das schon seit Jahren nicht mehr.

Er stutzte plötzlich. Ihm war es, als wenn er ein Geräusch Härte. Er blieb stehen. Das Geräusch wie­derholte sich abermals.

Er schlich vorwärts und ließ vorsichtig den Licht­kegel seiner Taschenlampe umherspielen. Vor Ver­blüffung blieb er plötzlich wieder stehen. Dort hinter dem Gartensaal gewahrte er ein weißes Pferd. Er atmete gepreßt; ein bißchen Grauen war wohl auch dabei, denn er dachte, es mußte das Pferd fein, das die weiße Reiterin immer benutzte, das Spukpferd. Er schüttelte den Schreck ab, betrachtete das Pferd. Es war sehr kräftig gebaut und sah aus wie ein beliebiges, gut gehaltenes, lebendiges Pferd. Don Spuk keine Spur.

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Er schob sich bis an den Gartenfaal heran, und als er das Ohr an die Tür legte, vernahm er drinnen leises Raunen. Es war Robertas Stimme, die er hörte; doch verstand er keine Silbe.

Was ging hier im Gartensaal vor? Und besaß er nicht ein Recht, sich davon zu überzeugen? Er drückte das Ohr noch fester an die Türspalte, und nachdem sich sein Gehör an das Raunen da drinnen gewöhnt, verstand er deutlich die Worte:

Morgen früh, ganz früh, reise ich bestimmt! Verlaß dich darauf! Aber ich konnte nicht fort, es ging über meine Kraft. Ich muhte dich noch ein einziges Mal sehen. Liebste, sonst hätte ich wahr­haftig nicht noch einmal die weiße Reiterin gespielt. Zum letztenmal!"

,La, zum letztenmal!"

Ohne zu überlegen, hatte Achim von Malten die Tür aufgerissen und stand nun, in der erhobenen Rechten den Revolver, vor dem eng umschlungenen Paare, das sich jetzt jäh losriß.

Bernd Brussak wollte mit der einen Hand in die Tasche fahren, doch Malten kommandierte rauh:

«Hände hoch! Und nicht von der Stelle gerührt, ihr beiden!"

Vier Hände flogen hoch.

Achim von Malten sah ein großes, weißes Laken, das lässig über einen Stuhl geworfen war, und spöttelte:

Da liegt das Kleid der weißen Reiterin! Ich irre wohl nicht, in Ihnen Herrn Bernd Brussak begrüßen zu können, und bitte jetzt, mir keine Schwierigkeiten beim Transport ins Schloß zu bereiten."

Roberta hatte sich von ihrem grenzenlosen Schreck etwas erholt.

Laß dir erklären, Achim, wie harmlos alles ist!" bat sie ihn.

Er schrie sie an:

Das dürfen Sie morgen der Polizei erklären. Ich habe das Gefühl, Kommissar Murrmann wird viel Interesse für Sie beide ybben."

Roberta war außer sich. Sie sah keine Rettung mehr, alles schien verloren. Sie bäumte sich dagegen auf, und in ihrer furchtbaren Wut schlug sie Bernd Brussak kräftig ins Gesicht. Und was sie nicht für möglich gehalten, geschah: er schlug wieder: aber mit seiner lahmen Hand war er im Nachteil. Es war sehr häßlich.

Und so etwas hätte ich beinahe geheiratet!, dachte Achim von Malten entsetzt und betrachtete Roberta mit tiefem Abscheu.

Die Tür sprang auf. Der Nachtwächter des Gutes, der feinen Rundgang heute, was er sonst nie tat, bis in den Park ausgedehnt weil er dort verdächtige Geräusche gehört zu haben glaubte, stand in der Tür, neben ihm fein großer Wolfshund.

Der Wächter war sprachlos. Die Szene überstieg seine kühnste Phantasie, aber er folgte blind dem Befehl feines Herrn, und gemeinsam schafften sie

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Schon beim zweiten Verhör, das ein Richter führte, brachen die anscheinend schon feit langer Zeit zerrütteten Nerven des so starknervig scheinenden ehemaligen Artisten zusammen. Er war, wie tr erzählte, in allerletzter Zeit dem Laster des Kokains verfallen, das schon anfing, ihn schwach zu machen. Er wollte alles gestehen, gab den Mord an Lila von Born zu, erklärte:Roberta Olbers hat mich dazu verleitet!"

Roberta versuchte mit klug ersonnenen Reden, die sie leidenschaftlich erregt vorbrachte, sich als ein Opfer Brussaks hinzustellen. Sie fuhr bei der Gegen- Überstellung auf ihn los: ,Lch weiß nichts von Dem Mord, ich habe bis heute nicht geahnt, wer der Schuft gewesen, der die Aermste ermordete." ~ie verschwendete ein paar Blicke ihrer machtvollen Augen an den Richter.Ich gebe nur zu, eine törichte Liebschaft mit dem Menschen gehabt zu haben, die ich längst als meiner unwürdig erkannte. Ich habe mir diese Liebe nur eingebildet, aber er gab mid nicht frei, erpreßte mich immer wieder. Hätte icv geahnt, daß er ein Mörder ist, wäre mir alles gleich gewesen, dann hätte ich seinen Erpressungen nicht mehr nachgegcben und ihn angezeigt."

(Fortsetzung folgt)

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I ilt Oer Appell an itite! Jeder muß begreifen, dost es auch Otlf ihn ankommt, auf seine ©por groschen! Diele Wenige machen ein großes Diel! Denk daran und span auch Du bei der

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die beiden Ins Schloß. In zwei Kellerstuben schloß, man sie ein. Roberta ließ jetzt alles über sich ergehen,' stumm und verbissen.

Achim von Malten war es gleich, daß die Diem. und Mädchen zusammenliefen. Ihm war es gleich, daß Auguste raunte:

Nehmen Sie wenigstens etwas Rücksicht Herr von Malten. Das gibt ja einen gräßlichen Klatsch. Weisen Sie die Inspektorin doch aus dem Hause! Lasten Sie die Falsche doch mit ihrem Liebsten laufen!"

Er allein wußte, es ging um mehr, als um eine falsche, lügnerische Braut und ihren Galan.

Das Pferd, das noch immer draußen im Park auf seinen Herrn wartete, ließ er in den Stall führen und gut unterbringen.

Er überzeugte sich vor allem auch, daß seine Mutter schlief und begab sich dann auch zur Ruhe. Allerdings schloß er kein Auge in dieser Nacht und dachte vie» nach.

In aller Herrgottsfrühe telephonierte er in die Stadt, und Kommissar Murrmann kam selbst mit, * um die Gefangenen abzuholen.

Achim von Matten hatte ihm telephoniert:

Einer von ihnen oder beide, die ich festgenommen, sind des Mordes, dessen ich beschuldigt war, dringend verdächtig."

In einem Polizeiauto, mit gefesselten Händen, wurden Roberta Olbers und Bernd Brussak in die Stadt gebracht. Eie versuchten es unterwegs gar nicht, miteinander zu reden, sie blickten nur gehässig aneinander vorbei.

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