Ausgabe 
23.9.1933 Erstes Blatt
 
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Auch die letzte große Frage, rote Deutschland wieder in die weltpolitik einge­schaltet werden könne, werde gelöst werden können. Unsere auhenpolitische Lage sei z u - weilen sehr bedrohlich gewesen, wir müssen versuchen, mit unserer Leistung 3 u überzeugen. Dem Ausland könne es nicht entgehen, daß die Regierung bei der Be­kämpfung der Arbeitslosigkeit schon bedeutende Erfolge errungen habe. Ulan könne auch im Auslande nicht daran vorbeisehen, dah in Deutschland Volk und Regierung eins seien. Ein denkender Ausländer mutz doch einen Vergleich ziehen zwischen den frü­heren Regierungen, die ihre Rot zur Schau trugen, die um Kredite bettelten, an das Welt- gewissen appellierten, um dann wie begossene Pudel nach Hause zurückzukehren und ihre Volksgenossen mit Gummiknüppeln und Bajo­

netten zusammenschlagen zu lassen. Wenn man das mit uns vergleicht, die wir viel zu stolz sind, um zu betteln und nicht um Kre­dite hausieren gehen» sondern für unsselbst sorgen, so muh das doch eine Wirkung

haben. (Stürmischer Beifall.)

Der Minister richtete sodann an die Volksgenossen einen Appell, mit eiserner Beharrlichkeit den Kampf gegen die Wintersnot aufzuneh­men und sich nicht von Fehlschlägen entmutigen zu lassen, auf der anderen Seite aber gegen jede Sabo­tage oorzugehen und überall darauf zu achten, wo ein Saboteur sitze und ihn zu vernichten. (Stürmi­scher Beifall.) Das müsse geschehen, nicht um De­nunzianten zu züchten, sondern um unser Volk zu reinigen. Die Regierung werde ihre Arbeit zu Ende führen, ohne Kompromisse. Wenn hier und da ein Umweg eingeschlagen werden müsse, dann könne auch er nur zum Besten führen. Seien wir davon überzeugt, daß wir nicht für ein paar Wochen

oder Monate, daß wir auf lange Sicht, auf Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte hinaus ar­beiten. Dann fei der Nationalsozialismus in der Tat der Bahnbrecher eines neues Zeit- alters. (Stürmischer Beifall.)

2Reid)6minifter Or. Goebbels spricht am Niederwald-Oenkmal.

Frankfurt a.2TL, 22. Sept (WSR.) Das Gaupresseamt teilt mit. daß bei der Rieder- waldkundgebung am kommenden Sonntag Reichspropagandaminister Dr. G o e b b e l s sprechen wird. Die Pressenotiz, nach welcher Dr. Goebbels sich unmittelbar nach dem Spatenstich nach Genf begibt, entspricht nicht den Tatsachen, sondern Dr. Goebbels wird bestimmt die Riederwaldkund­gebung wahrnehmen. Der Rede des Reichsministers am Riederwald Denkmal ist somit ganz besondere Bedeutung beizumessen.

Wer ist van der Lübbe?

Die ersten Klarstellungen im Leipziger Prozeß gegen die Reichstagsbrandftifier.

Oer Brandstifter.

Don unserem Sonderkorrespondenten.

Das psychologische Rätsel, das sich um diesen Holländer van der Lubbe gelagert hat, be­ginnt sich nach seiner Vernehmung und dem Gut­achten der Sachverständigen langsam wenigstens etwas zu lichten. Es ist charakteristisch für den ganzen Prozeß, daß zunächst erst einmal seine Identität nachgewiesen werden mußte. Die Hetzpropaganda, die mit allen Mitteln arbeitet und leider immer noch auf nur gar zu willige Ohren stößt, hatte nämlich schlankweg behauptet, daß dieser Mann garnicht der richtige van der Lubbe sei, und wenn er schon der Richtige sei, daß er dann ein bezahlter Spitzel der National­sozialisten sei, wofür zum Beweise angeführt wurde, daß er irgendwann einmal Gast bei National­sozia l i st e n gewesen sein soll. Die Reichsan. waltschast hat sich um sein Vorleben eine wirklich erstaunliche Mühe gegeben. Was dann an Einzel­heiten und an sich belanglosen Kleinigkeiten zu­sammengetragen wurde, ist geradezu musterhaft. Es ist deshalb unschwer gelungen, auch den Bös­willigsten davon zu überzeugen, daß hier nicht irgendein bezahlter Achtgroschenjunge unter einer fremden Maske herumkriecht, sondern daß d i e s e r Mann wirklich van der Lubbe ist, dem irgendein Genosse einmal auf seinen Paß zwei Häkchen über dem u gemacht hat, offenbar um die holländische Schreibweise mit der deutschen Aus­sprache in Uebereinstimmung zu bringen. Es ist auch gelungen, die Geschichte mit seiner angeblichen Gastrolle bei den Nationalsozialisten aufzuklären. Eine Nebensächlichkeit; gewiß. Aber sie ist zu einer Haupt- und Staatsaktion aufgebauscht worden, ist sogar durch Flugblätter verbreitet gewesen und selbstverständlich auch durch die Presse der ganzen Welt getratscht. Nur weil irgendwo einmal in einem kleinen Dorf eine Personenverwech­slung vorgekommen ist, die geschäftig weiterge­geben wurde und in der zehnten Hand schon aur Tatsache wurde. Lächerlich, daß das höchste deutsche Gericht solchen Gerüchten nachgehen muß, aber es hat sich gelohnt.

' Und nun der Mann s e l b st: ein merkwürdi­ger Mensch; dicker Schädel, platte Nase, tiefliegende kleine Augen, wenn man will, eine Verbrecher­physiognomie. Sicherlich nicht der Kretin, als der er sich vor Gericht gibt. Dazu steht auch feine Hal­tung in der Voruntersuchung in Widerspruch. Er versucht es eben nur mit einer neuen Taktik, um das Gericht irrezuführen. Vielleicht ein Herostrat, der von sich reden machen wollte; vielleicht ein Pyromane, auf den Feuer eine starke Anziehungs­kraft ausübt; vielleicht auch nur ein Kommunist, der mit einer solchen Brandfackel das Zeichen zum Weltumsturz geben zu können glaubte; vermut­lich von allem etwas. Jedenfalls ein Mensch mit einem starken Geltungsbedürfnis, der schon bei der Kommunistischen Partei sich eine Führerrolle erobern wollte. Er ist wiederholt aus der Kommu­nistischen Partei ausgetreten, gehört ihr auch jetzt wohl nicht an. Aber solche Fälle haben wir öfter erlebt, daß die Kommunisten Leute offiziell aus ihren Listen strichen, um nicht mit ihnen belastet zu fein, sie aber damit schon für ihre späteren Taten präparierten. Sein Handeln ist ganz be­stimmt der Ausfluß rein kommunisti - scher Denkungsweise, und es wird dem Kommunismus nicht gelingen, trotz aller Verfäl­schung der Tatsachen diesen Menschen von seinen Rockschöhen zu schütteln.

Oer zweite Tag.

Leipzig, 22. Sept. (WTB.) Nach Eröffnung der Sitzung nimmt der Oberreichsanwalt zu folgender Erklärung das Wort: Ich habe heute morgen ein Telegramm von SA.-Oberführer, Poli­zeipräsident, preußischer Staatsrat Heines, fol­genden Inhaltes bekommen:Im Braunbuch und in der in- und ausländischen Presse werde ich der Brandstiftung im Reichstagsgebäude verdächtigt. Ich war vom 26. Februar bis 1. März 1933 in Glei- witz und habe dort im Hotel Haus Oberschlesien ge­wohnt und bin in Gleiwitz von vielen Personen gesehen worden. Ich bitte das Gericht, mich gegen Diese Verdächtigungen zu schützen." In einem Teil der ausländischen Presse, so fährt der Oberreichs­anwalt fort, ist die Behauptung verbreitet worden, daß der Absender dieses Telegramms, Polizeipräsi­dent Heines, Anführer einer Kolonne gewesen sei, die durch den oft erwähnten unterirdischen Gang in das Reichstagsgebäude einge brachen sei und den Brand gelegt habe. Ich werde mir vorbehalten, entsprechende Anträge zu stellen, wenn dieser Komplex zur Sprache kommt.

Das Gutachten des medizinischen Sachverständigen.

Der Vorsitzende gibt dann zunächst dem medizini­schen Sachverständigen Geheimrat Dr. B v n n h o e s- f e r das Wort zu einem Gutachten über den Ge­sundheitszustand des Angeklagten van der Lubbe. Der Sachverständige führt u. a. aus: Ick hatte van der Lubbe vorn 20. bis 25. März mehrfach eingehend untersucht. Das Bild, das der Untersuchte damals geboten hat, war das eines körperlich kräftigen Men­schen, der es ablehnte, an irgendwelcher Krankheit zu leiden. Das damalige Bild wich insofern von dem ab, das der Angeklagte bei der gestrigen Verhand­lung bot, als es damals keinerlei Schwierigkeiten be­reitete, mit ihm in Kontakt zu kommen und sich mit

ihm zu unterhalten. Er hatte etwas durchaus selbst­sicheres, sogar etwas übermütiges. Auch damals lächelte oder lachte er bei Situationen, die ihm aus irgendeinem Grunde komisch erschie­nen. Die Möglichkeit, sich mit ihm zu unterhalten über den Tatbestand und über seinen Lebensgang war durchaus gegeben. In manchen Dingen war er zurückhaltend, namentlich über feinen letzten Weg von Holland nach Berlin. Der unmittelbare Anlaß für die Untersuchung war ein Hunger st reik, der damals von ihm im Untersuchungsgefängnis be­absichtigt war, well er drei Wochen lang den Wunsch hatte, daß die Sache beschleunigt werde. Der Ange­klagte hat uns dann auch Motive seines Handelns angegeben und dabei keinen Zwei­fel darüber gelassen, daß es sich um eine Aktion von ihm handelte, die aus kommunistischen Gedankengängen heroorgegangen war. Er habe ein Vorbild sein wollen für an­dere, in ähnlicher Weise vorzugehen. Ich habe keinen Anhaltspunkt gewonnen zu der An­nahme, daß etwa eine psychische Störung bei ihm vorliegen könnte.

Verteidiger Dr. S e u f f e r t: Es ist mir ausge­fallen, daß van der Lubbe, als ich mit ihm allein war, plötzlich in leidenschaftliche Erre­gung kommt, die dann zwar wieder abklingt, aber ohne erkennbaren Anlaß wiederkommt. Haben Sie auch solche Beobachtungen gemacht?

Sachverständiger: Daß eine leidenschaftliche Er­regung bei ihm zu beobachten wäre, kann ich nicht sagen. Er wird allerdings oft lebhaft und mitteilsam.

Verteidiger: Ist es denkbar, daß der Angeklagte unter einem po st hypnotischen Ein­fluß steht?

Sachverständiger: Das halte ich für ausgeschlossen.

Rach Der Verhaftung.

Kriminalkommissar Heisig berichtet.

Als Zeuge wird hierauf der Berliner Kriminal­kommissar Heisig vernommen, der in Holland (Ermittlungen über das Vorleben van der Lübbes angestellt hat. Der Zeuge gibt an, er habe Diejeni- gen Kommunisten in Leyden und Umgebung aus­gesucht, die als Freunde des Angeklag - t e n oan der Lubbe bezeichnet wurden. Ein Stu­dent van Albara erklärte, er fei Anhänger des sogenannteninternationalen Kommu- n i s m u s", einer Sonderbildung, die in gcmz Hol­land etwa 20 und in Leyden etwa fünf Mitglieder zählt. Auf die Frage, was eigentlich der inter­nationale Kommunismus bezwecke, erklärte der Student, diese Leute würden sich nicht nach irgend welchen Weisungen einer Zentralinstanz richte^, sondern als selbständige Kommunisten die kommunistische Idee vertreten und verfolgen. Auch das Programm der Kommunistischen Partei vertreten sie.

Albara ist zu der Ueberzeugung gekommen, dah van der Lubbe für die kommunistische Partei ein geeignetes Objekt war, besondere Ak­tionen durchzuführen. Die Partei habe van

der Lubbe immer vorgeschickt, um selbst im Hintergrund zu bleiben, und van der Lubbe war so anständig, die Schuld immer auf sich zu nehmen.

Im Jahre 1931 sei van der Lubbe der Aus­tritt von der Kommunistischen Partei nahegelegt worden. Van der Lubbe sollte sozusagen kaltgestellt werden. Aber die Gründe hierfür waren nicht zu erfahren. Auch ein anderer Freund oan der Lübbes, Jacobus Vink, Mitglied der Kommunistischen Partei, wußte davon, daß Lubbe mit der Kom­munistischen Partei in Konflikt geraten war und daß die Partei ihn zum Austritt veranlassen wolle, nehme allerdings kaum an, daß Lubbe ausgetreten fei, da er sich weiter im Sinne der Partei betätigt habe.

Bei den Aufzeichnungen des Angeklagten, die am Tage vor dem 1. März von einem Vertreter der Kommunistischen Partei Hollands abgeholt mür­ben, handelte es sich um ein Tagebuch und um einen alten Paß oan der Lübbes. In dem Tage­buch waren Adressen inländischer und ausländischer Kommunisten verzeichnet. Es waren auch deut­sche Namen darin. Aus dem Abholen dieser Sachen ist zu entnehmen, daß die Kommunistische Partei Hollands berechtigtes Interesse daran hatte, diese Aufzeichnungen nach dem Bekanntwerden der Festnahme van der Lübbes verschwinden zu lassen.

Nach seiner Festnahme in Berlin war oan der Lubbe noch aufgeregt und erschöpft von den vorher- gegangenen Dingen. Aber sehr schnell schon gegen 24 Uhr war er zu einer fließenden U n - ter Haltung bereit.

Es war bemerkensroerk, mit welchem Interesse er selbst über die Dinge sprach, und wie er mir alles genau erklärte. Wenn ihm das Protokoll seiner Aussage vorgelegt wurde, so erbat er hier und da Korrekturen und erklärte dann eingehend, warum er diese oder jene Fas­sung lieber in das Protokoll ausgenommen sehen möchte. Dieses interessierte Verhalten behielt er bei, solange er bei der Polizei war. Als ich nach der ersten Führung van der Lübbes durch das Reichstagsgebäude noch einmal mit ihm durch den Reichstag gehen mutzte, zeigte er sich auherordentlich gut orientiert. Er hat tatsächlich uns geführt, lieber die Brandstelle wußte er besser Bescheid als ich. Bei seiner ersten Vernehmung gleich nach der Tat war van der Lubbe keineswegs niedergeschlagen, sondern er hat ganz offen und frei bekannt, daß er die Reichstagsbrandstiftung gemacht hätte und auch dafür ein stehen wolle.

Er fragte, ob die Sache auch in die holländischen Zeitungen käme. Als ich das bejahte, sagte er er­freut:So ist's recht!" Er habe mit seiner Tat d i e Arbeiter aufrütteln wollen, die schon viel zu lange gezögert hätten. Um die bestehende Ordnung des Staates zu stürzen, müsse man gewalt­sam vorgehen. Als Ziel des Kampfes bezeichnete er die Arbeiterregierung.

Van der Lubbe lehnt den Holländer Stomps als Verteidiger ab.

Der Oberreichsanwalt verweist auf die Mitteilung eines holländischen Nachrichtenbüros, das eine Er­klärung der Familie von der Lubbe verbreitete, wo­nach diese mit Bestürzung erfahren habe, daß ihr Brief an den Angeklagten, worin sie dem Angeklagten dringend die Annahme des Rechtsanwalts Stomps als Verteidi­ger angeraten habe, an van der Lubbe nicht ausgehändigt worden sei. Das habe zur Folge gehabt, daß Lubbe in seinem Mißtrauen gegen aufgezwungene Verteidiger auch diesen Ver­teidiger abgelehnt habe. Die Familie habe sich in diesem Zusammenhang an den Reichsprä­sidenten von Hindenburg gewandt, um diesen dringend um eine Vermittlungsaktion beim Reichsgericht zu ersuchen, daß der Brief an Lubbe ausgehändigt werde.

Vorsitzender: Haben Sie in den leten Tagen von Ihren Angehörigen einen Brief bekom­men, in dem Ihnen geraten wurde, den Rechts­anwalt Stomps als Verteidiger anzunehmen?

Der Angeklagte Lubbe antwortet zunächst mit Nein. Als Die Frage wiederholt wird, sagt er leise: 9a I", und auf die weitere Frage, wo sich der Brief befinde, erwidert er:Im Gefängnis".

Vorsitzender: Dann haben Sie ihn also bekom­men. Stand in diesem Bries, was ich Ihnen gesagt habe?

Lubbe: Ja.

Der Vorsitzende Präsident Dr. Bünger unter­bricht dann die Verhandlung durch eine Pause von 20 Minuten, um Rechtsanwalt Stomps Gelegen­heit zu einer Aussprache mit dem Ange­klagten zu geben. Nach der Pause legt Gefang- nisdirektor Dietze den Brief der Angehörigen van der Lübbes dem Gericht vor und teilt mit, daß er ihn soeben vom Tisch der Zelle des An­geklagten gen ommen habe. In dem Brief heißt es u. a.: Die Familie hat in Verhandlungen mit Rechtsanwalt Pauwels gestanden, um Dich verteidigen zu lassen. Sie hat ßber jetzt ihr volles Vertrauen Rechtsanwalt Stomps gegeben. In der Zeitung stand, daß Du jegliche Vertei­

digung ablehnst. Aber wir bitten Dich drin­gend, Stomps als Verteidiger anzunehmen. Er steht nicht im Dienste einer politischen Partei und wird Deine Interessen so wahren, wie Du es selbst wünschst. Ich schreibe Dies im Namen der ganzen Familie, die Dir herzliche Grüße sendet. Der Brief ist unterzeichnetSimon".

Vorsitzender: Der Fall Dürfte Damit aufgeklärt fein. Ich frage nun den Angeklagten van Der Lubbe: Haben Sie soeben mit Herrn Stomps gesprochen. Van Der Lubbe schüttelt Den Kops, worauf Rechts­anwalt Dr. Seuffert, Der Offizialverteidiger van Der Lübbes erklärt: E r hat mit ihm g e - «sprachen. Rechtsanwalt Stomps erklärt, daß die Unterredung stattgefunden hat.Der Offi­zialverteidiger hat mir Gelegenheit gelassen, allein mit van der Lubbe zu sprechen, aber nur in Gegen- märt des Dolmetschers. Ich habe auf verschiedene Art und Weise versucht, einige Worte aus ihm her­auszubekommen. Er hat es völlig verwei- gert, mir eine Antwort zu geben."

Auf eine Frage des Verteidigers von Torgier, Rechtsanwalt Dr. Sack, bestätigt Rechtsanwalt Stomps, daß von allen Freunden und Bekann- ten des Angeklagten van der Lubbe entschieden b e st r i 11 e n worden sei, daß van der Lubbe h o - mosexuell veranlagt sei. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil in dem sogenannten Braun- buch nur der Ansang des Satzes steht:Ich Hube ein halbes Jahr mit van der Lubbe zusammen- gewohnt". Die entscheidende Fortsetzung aber:und ich kann sagen, daß er nicht homosexuell ist", ist im Braunbuch unter den Tisch gefallen. Welche Schlüße aus dieser Weglassung gezogen wer­den, ist ja verständlich.

Oie politischen Ziele des Angeklagten.

Der Vorsitzende erklärte es für notwendig, nun die Frage zu untersuchen, ob van der Lubbe eine gewaltsame Aenderung Der gegen­wärtigen deutschen Verfassung erstrebe

unD dafür eine Staatsverfassung nach dem sowjet- russischen VorbilD errichten wolle.

Oberreichsanwalt Dr. Werner verliest zu diesem Thema Briefe holländischer Freunde van der ßubbes. In einem Brief heißt es u. a.t Lieber Kamerad, dieser Brief hat Die Aufgabe, Dir namens Des internationalen Proletariats, Das mit Deinen Ansichten soliDarisch ist, brüDerlidje Grüße zu übermitteln. Dein Verhalten während Der Tat hat Anlaß zu ernsthaftem NachDenken unD zu Dis­kussionen in jeDer Strömung Der Bewegung ge- geoen."

Rechtsanwalt Dr. Sack fragt Den Angeklagten, ob er im September 1932 im Haag in einer Versammlung ft reifender Chauffeure sich Dahin ausgesprochen habe, man müsse gegen Den Willen Der Kommunistischen Partei Terror­aktionen ausführen.

Van Der Lubbe erklärt: Das glaube ich nicht.

Es wirb Dann noch einmal eine kurze Pause ein­gelegt, in Der geprüft roerDen soll, inwieweit Teile einer Broschüre verlesen roerDen können, Die Dem Angeklagten aus HollanD zugesanDt roorDen sinD. Die Broschüre roirD hierauf verlesen. Sie ist von Den BrüDern unD Stiefbrü- Dern van Der ßubbes verfaßt unD verbreitet roorDen. In Der Broschüre roenDen sich Die Verfas­ser mit großer ßeiDenfdjaft gegen Die Behauptung, Daß van Der Lubbe ein faschistischer <5 p ii ze l fei. lieber seine politische Gesinnung heißt es u. a.: Sein Interesse ist auf Spartakus ge­richtet, Doch ist er nie Mitglied gewesen. Er be­mühte sich, Die Einheit der Arbeiter durch Heraus­gabe von Pamphleten zu stärken." An anderer Stelle der Broschüre heißt es, daß, wo er eine Gefahr für andere sah, Lubbe sich felbft aufop« f e r t e, ohne einen Gegendienst zu verlangen. Er sei aus keinem anderen Grund jemals mit Dem Ge­setz in Konflikt geraten als wegen feiner Grund­sätze.

Der Prozeß wird dann auf Samstag vertagt. Die Vernehmung über die Persönlichkeit des Ange­klagten van der Lubbe Ist jetzt abgeschlossen, das Gericht will, ehe zu Der Tat selbst übergegangen wird, zunächst d i e Persönlichkeiten der anderen Angeklagten feststellen.

Torgler lehnt ausländische Verteidiger ab.

Leipzig, 22. Sept. (WTB.) Nach Schluß her Verhandlung interessierte sich die ausländische Presse dafür, ob Torgler nicht doch noch den (freute in Leip­zig eingetroffenen amerikanischen Anwalt Hayes als Verteidiger annehmen wolle. Torgler erklärte, daß Dr. Sack, sein Verteidiger, ihn allein zu ver­teidigen wünsche, und daß er keinen Anlaß habe, irgendwie mit Der Verteidigung von Dr. Sack unzufrieden zu sein. Er habe volles Ser« trauen zu Dr. Sack und habe infolgedessen kei­nen Grund, irgendeinen weiteren Verteidiger zuzu­ziehen. Er fühle sich von Dr. Sack in jeder Weise ausreichend verteidigt. Diese Er­klärung Des Angeklagten vor der ausländischen Presse zeigt die bis an die äußerste Grenze der. Loyalität gehende Verhandlungsart in Leipzig.

Am Vorabend des Stahlhelm- tages in Hannover.

Hannover, 22. Sept. (CNB.) Die Stadt Hannover steht im Zeichen Der Stahlhelmführer, tagung. Die Stadt selbst hat reichen Flaggenschmuck angelegt. Gewaltig ist auch Der Zustrom Der Frem- Den, Die aus allen Teilen Des Reiches nach hier gekommen sinD. Die Vorbereitungen für Die Ver­anstaltung sind so gut wie abgeschlossen. Entlang Der sogenannten Masch hinter Dem neuen Rathaus, wo am Sonntag Der große Führerappell ftattfinDet, Dehnen sich Die Tribünen in langer Reihe in fest­lichem Schmuck.

Die Reichsbahn hatte am heutigen Tage einen riesigen Verkehr abzuwickeln. Denn nicht weniger als 78 SonDerzüge trafen aus allen Teilen DeutschlanDs mit Den . Tagungsteilnehmern ein. Heute abend traf Der Führer Des Stahlhelms Reichsarbeitsminister S e ID t e in Hannover ein. Zu seinem Empfang war eine Stahlhelmehren, kompagnie angetreten. Der Stahlhelmführer hat im HotelKöniglicher Hof" Aufenthalt genommen, wo sich in Den Abendstunden eine Dichte Menschen- menge angesammelt hatte. Die wieDerholt dem Stahlhelmführer Ovationen darbrachte.

Oie Genfer Ratstagung eröffnet.

RostingDirektor der Minderheitenabteilung - des Völkerbundes.

Genf, 22. Sept. (TU.) Die 67. Tagung des Völ- kerbundsrats wurde am Freitagoormittag unter Dem Vorsitz Des norwegischen Außenministers M o - winckel zunächst mit einer geheimen Sitzung er­öffnet. Die Deutsche Regierung ist Durch ihren stän- Digen Vertreter, Gesandten von Keller, ver­treten. Die französische Regierung ließ sich Durch ihren Botschafter in Bern, Grafen Clauzel, Die englische Regierung Durch einen höheren Be­amten Des Foreign Office vertreten. In Der Sitzung ist Der Danziger VölkerbunDskommissar R o fti n g zum Direktor Der Minderheitenabtei- I u n g Des VölkerbunDssekretariats ernannt roorDen. In letzter StunDe war von französisch-polnischer Seite eine Intrige eingeleitet roorDen, um Die Wahl Rostings zu verhinDern. DasJournal Des Nations" brachte einten für internationale Ver­hältnisse ungewöhnlich groben Angriff auf Rosting, tn Dem ihm schwerste Verletzung seiner Pflichten, DuIDung unD Unterstützung Des Ratio- nalsozialismus in Danzig unD offene Sympathie für Den Nationalsozialismus oorgeroorfen wurde. Versuche, in der geheimen Ratssitzung Die Er­nennung Rostings auf eine nächste Sitzung zu ver­schieben, für Die Die polnische Regierung Den Vertreter einer anderen Macht vorgeschoben hatte, scheiterten jedoch an der Festhaltung Des Prä- fibenten.

Von Deutscher Seite wird Die Wahl Rostings zum Direktor Der Minderheitenabteilung aufs wärmste begrüßt. In seiner langjährigen Tätigkeit im Volker- bunbsfefretariat und als VölkerbunDskommissar in Danzig hat Der Däne Rosting. stets in hohem (9 r a D e objektiv unD gerecht feine Ge­schäfte geführt und gerade ein für Genfer Ver­hältnisse seltenes Verständnis für die deutschen In­teressen gezeigt. Nach Der jahrelangen völligen Miß­achtung Der Minderheiteninteressen im Völkerbunds- fetretariat Dürfte jetzt enDlich eine ernsthafte und gerechtere Prüfung Der zahllosen fortlaufend ein. gebenden Minderheitenbeschwerden erfolgen.

Anschließend trat der Völkerbundsrat zu einer öffentlichen Sitzung zusammen, in der jedoch nur nebensächliche Fragen behandelt wurden.