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Roman von Helma von Hellermann.
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
„Katja, Katja — sieh nur, wie schön!"
Die alte Dienerin, die soeben am anderen Fenster des großen Schlafgemachs die schweren gelbseiüenen Vorhänge zurückzog, wandte sich um.
„Unser Seelchen wird sich erkälten und ist kaum gesund", meinte sie, besorgt herbeieilend, „so vorn warmen 23eff mit bloßen Füßen ans Fenster ..."
Aber das zwölfjährige Mädchen, das im weißen Nachthemd im Erker stand, schüttelte lachend den Kopf, legte einen Arm um den Hals der alten Frau und wies mit der Rechten hinaus.
„Sieh nur, wie der Schnee glitzert, Katia — es muß die ganze Nacht geschneit haben! Wie weih und schön alles aussieht, und wie herrlich die Sonne scheint! Ach, ich bin so froh ..." Die Kleine breitete plötzlich beide Arme aus und stieß einen hellen Iubellaut hervor.
Es war auch wahrlich ein herrlicher Tag. Aus tiefblauem Himmel strahlte die Sonne herab auf die schneeverhüllte Stadt, die in ihrer weißglitzernden Pracht etwas von märchenhafter Unwirklichkeit hatte. Von den zwiebelförmigen Türmen der vielen Kirchen ragten die goldenen Kreuze wie funkelnde Lichtspeere gen Himmel. Gedämpft klang das Geläut einer vorüberfahrenden Troika herauf: lustig bimmelten die Glöckchen am Geschirr der drei prächtigen Rappen, die ein herrschaftlicher Kutscher in hoher Astrachanmütze und Pelzmantel gewandt und kraftvoll lenkte. Zwei Offiziere saßen im offenen Gefährt, in ernstes Gespräch vertieft, sahen aber beide im Vorbeifahren am Hause empor und grüßten lachend das kleine Mädchen, das, von Katjas sorgenden Händen mit einem wattierten Kimono umhüllt, ihnen in lebhafter Freude des Erkennens zuwinkte. >
„Ist mein Vögelchen denn schon auf, daß ich es so fröhlich zwitschern höre", fragte eine klangvolle Stimme hinter der Kleinen, die herumfuhr und stracks in die weitgeöffneten Arme der Mutter lief.
„Eben fuhr Onkel Gregor vorbei", berichtete die kleine Wera eifrig, „mit Onkel Sascha zusammen, und dann folgte ein zweiter Schlitten mit lauter Koffern. Gewiß muß er wieder fort. „Schade", meinte sie bedauernd, „er spielte so fein mit mir und brachte immer so feine Bonbons! Er geht auch gar nicht gern, glaub' ich, denn er sah furchtbar ernst und böse aus. Erst als er mich sah, lachte er und winkte. Er wollte halten lassen, aber Onkel Sascha schüttelte den Kopf und sagte was und legte die Hand auf seinen Arm. Da ließ er weiterfahren."
Die schlanke blonde Frau wandte sich ab, legte unbewußt die Hand aufs Herz und sah Himmler auf die schneebedeckte Straße, als könne sie noch einen Gruß des Mannes erhaschen, dessen Lippen gestern abend abschiednehmend auf den ihren geruht. Sie fühlte es in abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit: Es gab kein Wiedersehen. —
„Gregor Gregorowitjch ist an die Front zurückgekehrt", sagte sie leise, mit weit in die Ferne schauendem Blick, „wir wollen beten, daß es bald Frieden gibt."
„Ja", nickte Wera eifrig, „und dann fahren wir wieder nach Deutschland zurück — nicht wahr, Ma- minka? Ich freue mich schon auf die feine lange Reise und--" Sie stockte, betrachtete die Mutter.
Ganz groß und andächtig wurden die schwarzen Augen, die dem zarten, hellhäutigen Kindergesicht mit den goldflimmernden Locken einen besonderen Reiz verliehen. „Wie schön du bist, Maminka", flüsterte sie, als fürchte sie sich, die Stille zu stören, „gerade so schön wie das Bild der heiligen Gottesmutter von Kasan, das Großmama uns in Petersburg zeigte — nein, noch viel, viel schöner!"
Gräfin Wettern fuhr aus ihrer Gedankenversunkenheit zusammen. Sie zog ihr Töchterchen an sich und schloß den Kindermund mit einem Kuß.
„Närrchen, du", lächelte sie, zärtlich über das noch etwas schmale Gesicht ihres soeben von schwerer Diphtheritis genesenen Kindes streichelnd, „willst mich wohl eitel machen, hm? Ist das Bad fertig, Katja? Schön. Nun beeile dich, Liebes. Wenn es windstill bleibt, darfst du vor Tisch eine kleine Schlittenfahrt mit mir machen: der Arzt hat es erlaubt. Und heute abend kommt Kolja an, seine Ferien haben begonnen."
Die schwarzen Augen, die Wera van der Großmutter und dem vor einigen Jahren verstorbenen Vater geerbt, strahlten wie dunkle Sterne. Glückselig lachte sie die Msttler an, die in ihrer zarten, lichtblonden Schönheit wie die verkörperte Verheißung des herrlichen Tages vor ihr stand. Sie war wieder genesen, durfte ausfahren, Kolja kam ... In allen Poren pochte das Blut, lachte und lockte das Leben.
„Du Unband, willst du dich wohl betragen", lachte die Gräfin, schnell von der Schwelle des weißgekachelten Badezimmers zurückweichend, da Wera übermütig mit flachen Händen aufs Wasser schlug, „wir haben den Bösewicht zu sehr verwöhnt, Katja. Das sollte Onkel Gregor sehen ..
Rrrrr! Ein rasselnder Lärm verschlang plötzlich die Stimme der Mutter. Was war denn das für ein Nebel im Raum, man konnte ja nichts mehr sehen.
Rrrrrr----!
Wera Wettern fuhr empor. Sie lag im Bett. Um sie schwarze Nacht, nur durch die schlechtschließende Jalousie sickerte ein Strahl trüb-gelblichen Laternenlichtes. Auf dem Nachttisch raffelte der Wecker.
Mechanisch griff sie danach und steckte ihn unter das Federbett. Hockte dann, die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen, auf dem schmalen, harten Lager und starrte ins Dunkel. UeberaU im Hause regte es sich. Schritte polterten in der Wohnung über ihr, eine Tür wurde zu- geworsen.
Mama, ihr Zimmer, die Sonne — war ja alles nur ein Traum gewesen, nur ein Traum ...
Der Kopf des Mädchens sank herab. Ein trockenes Schluchzen schüttelte den ganzen Körper wie im Krampf. Mama, die Zarte, Zärtliche; Kolja, der geliebte Unband mit dem lachenden Frohsinn sorgloser Jugend: Großmama, das Haus in Moskau, in dem schon fünf Generationen Freud und Leid erlebt — tot, vorbei. Auf ewig vorbei ...
Irgendwo schlug eine Uhr. Das Schluchzen verstummte jäh. Wera Wettern hob das Haupt. Im Treppenflur Stimmen, Lachen — ein scheltender Nachruf. Die eben noch bebenden Sippen preßten sich zu schmaler Linie. Was galten Träume in dieser Welt grausamer Wirklichkeiten? Vergessen mußte man, nur der Gegenwart leben. Sie kam zu spät ins Geschäft!
Das Mädchen sprang aus dem Bett, zündete das Gaslicht an und begann sich in fieberhafter Haft zu waschen und anzukleiden. Ein Schnürsenkel riß. Auch das noch! Kaum vermochten die zitternden Finger die zerfransten Enden zusammenzuknoten, so peitschte die Unrast. Zum Frühstück langte es nicht mehr. Schnell ein Schluck des abends zuvor bereiteten Kaffees aus der Thermosflasche — die Brötchen mußten warten. Hut, Mantel, Handschuhe, Tasche — gottlob lagen sie bereit.
Das Haus war still, die Treppe leer, als Wera Wettern sie betrat. Die andern berufstätigen Menschen in der großen Mietkaserne waren schon alle fort.
Zwischen den hohen Häuserreihen brütete der schwarzgraue Nebel eines nassen Wintermorgens, der zögernd und unlustig gen Osten heraufdäm- merte. An einzelnen Geschäften wurden schon die Läden hochgezogen, kreischend und knarrend rollte die Holzwand empor. Lastkraftwagen ratterten vorüber. Schwer zog ein stämmiges Pferdgespann an einem vollbeladenen Kohlenwagen, dessen Kutscher soeben gähnend den Mund aufriß und dann mit lautem Fluch den Kragen seines Mantels hochklappte. Die Luft war von einer eisigen, durchdringenden Kälte und doch seltsam unfrisch.
Im Laufschritt hatte das Mädchen die nächste Haltestelle der Autobuslinie erreicht. Nichts zu sehen. Von der nahen Andreaskirche begann es dröhnend zu schlagen, langsam, unerbittlich. Achtmal. Wenn sie auch den nun heranratternden Bus benützte, die Jagd war vergeblich gewesen: sie kam zu spät!
Aufseufzend sank Wera Wettern auf den leeren Eckplatz des nur spärlich besetzten Wagens und reichte dem Schaffner mechanisch die Karte hin.
Aber kein noch so tiefes Atemholen vermochte den Druck zu lösen, der sich mit Zentnerlast auf ihre Brust gesenkt. Zu schrecklich war das Erwachen ge« wesen.
Wieder stand das Gesicht der Mutter vor ihr, wie sie neben der alten Dienerin im sonnenüberfluteten Zimmer stand, ein schwermütiges Lächeln im schönen Gesicht. Zum Greifen deutlich und nahe — und war doch zwölf Jahre seit jenem Tag, dem letzten glücklichen ihrer Kindheit. Im Paradies war sie gewesen: was dann kam, war Hölle. Angst, Armut und endlose Not. Und dennoch lebte sie, konnte sie noch (eben! Wozu eigentlich? Die Augen schließen — versinken im tiefen, wohligen Frieden des Nicht- mehrseins . . .
„Königsplatz!"
Mit einem Ruck hielt der Wagen. Das Mädchen, das ganz in sich zusammengesnnken dagehockt, fuhr auf. Hinter zwei sicy lebhaft unterhaltenden Herren stieg sie aus und ging mit matt schleppenden Schritten die breite Straße hinauf, die schon reger Großstadtverkehr durchflutete.
Wie doch im Leben alles vom Zufall abhing! Oder war es Fügung? Hätte Großmama damals nicht krank darniedergelegen, wäre vielleicht die Flucht aus Rußland geglückt. Daß Mama bei der Schwiegermutter blieb, war selbstverständlich. Eine Wettern verließ den Posten nicht, auf den sie gestellt. Deswegen trug wohl auch sie ihr Leben roeiter, Fahnenflucht war feige.
Ein elegantes Privatauto glitt leise an der Grübelnden vorüber und hielt vor der Deutschen Bank, deren Tore soeben geöffnet wurden. Stahlbeschläge funkelten auf kostbarem Holz. Die Tür flog auf, ein Herr stieg aus, wandte sich an den Chauffeur mit irgendeiner Weisung. Aufrecht ragte die hohe Gestalt neben dem hellen Wagen.
„So etwa sah Onkel Gregor von hinten aus", fuhr es Wera durch den Sinn, „so trug er den Kopf, so breit waren seine Schultern, so schmal die Hüften. Gregor Gregorowitsch, den seine Soldaten einen Tag nach dem Abschied in Moskau getötet..."
Im Umdrehen gewahrte der Herr das nahende Mädchen, dessen Blick gedankenversunken an ihm hing, und das sich nun, erschrocken über das fremde Gesicht, jäh abwandte.
Um Gott, sie war ja kein Kind in Moskau mehr, war eine Verkäuferin, die zum zweiten Male in dieser Woche zu spät kam zum Dienst . . . Sie begann zu laufen.
Der Fremde aber, der im Begriff gewesen, ein Notizbuch aus der Brusttasche zu ziehen, als er Wera gewahrte, hielt in der halben Bewegung inne und starrte der Davoneilenden nach, eine tiefe Falte zwischen den dichten Brauen, die sich in ungläubigem Staunen zusammengezogen. Das große Waren- haus da an der Ecke — in einem Seitenportal ver- schwand sie.
(Fortsetzung folr' '
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Die gesamte Reichswehrkapelle unter persönlicher Leitung von Obermusikmeisler Krauße Der Deutsche Abend findet nicht auf der Liebigshöhe, sondern In der Volkshalle statt
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