Nr. U9 Zweites Blatt
Paraguay erklärt den Krieg.
Don unserem u.-Derichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Genf, Mai 1933.
Seit Destehen des Dölkerbundes ist Paraguay der erste Staat, der es gewagt hat, ohne alle Umschreibung einen Krieg einen Krieg zu nennen, und ihn nicht mehr, als bisher üblich, als bewaffnete Sanktion, erzwungene Selbstverteidigung, Wahrung lebenswichtiger Interessen ufto. zu bezeichnen. Paraguay hat, indem es Bolivien offen den Krieg erklärte, an den Tatsachen nichts geändert, schon seit langem stehen sich die Armeen der beiden Staaten im Chaco feindlich gegenüber, Schlachten werden ge- scylagen, Tausende von Toten bedecken den Hr- waldboden, und sowohl in Asuncion, als auch in La Paz werden tagtägliche Kriegsberichte veröffentlicht und Siegesfeiern veranstaltet, und doch hat die offizielle Kriegserklärung, der der Präsident von Paraguay Dr. Ayala unter dem Jubel dec Bevölkerung gegen Bolivien schleuderte, sowohl auf dem amerikanischen Kontinent, als auch in Europa Aufsehen und in den Kreisen der Diplomatie Verwirrung erregt.
Der Völkerbund ist in Hebereinstimmung mit seinen Satzungen zum Einschreiten verpflichtet, und die Gefahr liegt nahe, daß er ebenso wie im japanisch-chinesischen Konflikt, der nicht den amtlichen Stempel eines Krieges trägt, versagen und wieder einmal seine Ohnmacht offenbar werden lassen wird. In einer zu diesem Zweck einberufenen außerordentlichen Sitzung des Völkerbundsrates wurden Telegramme an Bolivien und an Paraguay mit der Aufforderung, die Feindseligkeiten einzustellen, gerichtet. Wenn die Depesche, wie angenommen wird, wirkungslos bleibt, so ist der Völkerbund verpflichtet, den Artikel 16 des Paktes in Anwendung zu bringen, der die Anwendung der wirtschaftlichen und finanziellen D l o ck a d e und den Abbruch aller Beziehungen mit einem Staate verlangt, der den Krieg begonnen hat.
Wie aber könnte der Völkerbund im Herzen Südamerikas seine Autorität zur Geltung bringen? Man weiß in Genf, daß die Voten und Depeschen, die nach Asuncion und La Paz gesandt werden, nur ein geringes moralisches Gewicht und im übrigen nicht viel mehr Wert, als das Papier, auf dem sie geschrieben sind, besitzen. Argentinien, das durch seine Grenze mit Paraguay und durch die Beherrschung des La Plata-Stromes, am ehesten aus Paraguay einen Druck ausüben könnte, ist nicht Mitglied des Völkerbundes, und die anderen südamerikanischen Vepubliken sind gleichsalls wenig geneigt, sich vom fernen Genf ihre Lebensinteressen berührende Vorschriften machen zu lassen.
Auch in Washington würde man eine europäische Einmischung in amerikanische Strei- tiakeiten voraussichtlich ab lehn en. Auf der Monroe-Doktrin fußend, maßen sich die Vereinigten Staaten eine Art von Protektorat über die lateinamerikanischen Staaten an und haben diese Anschauung gegen den Protest der Eüdamerikaner auf den panamerikanischen Kongressen recht unverhüllt zur Sprache gebracht. Im Staatsdepartement von Washington erklärte der paraguayische Gesandte, Bordenave, daß Paraguay eine Veu- tralitätscrklärung Argentiniens und Chiles erwarte, und daß von einer Blockade keine Rede sein könne. Der Paranastrom werde auch in Kriegszeiten, wie die Verträge es vorsehen, für die Hfcrstaaten nicht gesperrt werden können, zumal da die brasilianischen Anwohner von der Lebensmittelzufuhr nicht abgeschnitten wer- Äwöii
Lin vaterländischerRoman vonHansVietzke
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
5. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Lasgsam tastet der zu Boden gesenkte Blick der Französin suchend in das Antlitz der deutschen Frau. Sie ahnte den schneidenden Haß, der sie erwartete, als sie ihre Heimat verließ. Aber jetzt erst weiß sie ganz, daß einst von Preußen das Schwert eines furchtbar rächenden Schicksals wird in das Herz ihres Vaterlandes gestoßen werden, das Europa, von preußischem Denken entflammt, Frankreichs Macht zersprengen wird.
Ihre Seele bangt um das Geschick ihres Bater- landes. Ihr Herz zittert bei dem Gedanken, daß Rens wieder von ihrer Seite gerissen wird in die blutige Bahn der kommenden Entscheidung, in den Donner der Kanonen, die Europas Schicksal diktieren.
Alles Trennende fällt, als sie unter dem Zwang des Augenblickes rückhaltlos ihr Innerstes preisgibt.
„Baronesse — wer leidet furchtbarer unter dem unabwendbaren Schicksal dieser grausamen Zeit, als wir Frauen? Jahre habe ich hingegeben, die reinstes Glück hätten bedeuten können, wenn dieser Krieg nicht wäre! Jahre des Wartens, des Bangens, Jahre enttäuschter Hoffnung! Als einen Krüppel finde ich den Mann wieder, dem meine ganze Liebe gilt. Aus meiner Heimat bin ich, ihn wiederzusehen, in ein Land geeilt, das^uns haßt! Und hier muß ich warten — an seiner Seite auf die Stunde warten — die ihn in Krieg und Tod zurückruft."
Jeanette läßt ihren Tränen freien Lauf. Sie muh sprechen, muß ihr ganzes Herz offenbaren.
Maria hat sich erhoben. Mit leisen Schritten geht sie auf die weinende Frau zu, deren Schicksal auch das ihre ist.
„Madame — auch ich bange stündlich um einen Menschen, der mir das Kostbarste bedeutet, das es für eine Frau auf Erden geben kann."
Die Blicke der beiden treffen sich, sie ruhen fest ineinander.
„Es ist Ihr Retter — Madame .. ." Ein weher Zug steht in Marias Gesicht. Jeanette aber richtet sich auf an den zarten Worten, die ihr Trost sind. Das Gefühl des verfolgenden Halses, der bedrückenden Einsamkeit, weicht erwachender Hoffnung.
Maria deutet hinüber zu dem Bild ihres gefallenen Bruders.
„Wir wissen um die Grausamkeit des Todes! Ich kenne die Tage furchbaren Bangens, die quälende Ungewißheit, bis ein unabwendbares Geschick das Entsetzliche zur Wahrheit voll Leid und Trä-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Dienstag, 2?. Mai (933
den könnten, andererseits nehme Paraguay an, daß Argentinien nach der Veutralitätserklärung keine Waffen» und Munitionstransporte auf der Bahnlinie Buenos Aires—La Paz mehr zulassen werde.
Auf die Einwendung des Staatssekretärs White, daß Paraguay den Vertrag von Paris unterschrieben und sich verpflichtet habe, eine Vermittlung im Streite zuzulassen, erwiderte der Gesandte, daß Paraguay auch nach der Kriegserklärung eine Vermittlung anderer Mächte begrüßen würde, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß man sein Vaterland nicht zwingen wolle, auf die ihm durch den Vertrag Ruth<n> ford-Hayes zugesprochenen Gebiete (d. h. auf den strittigen Teil des nördlichen Chaco) zu verzichten. Paraguay würde es vorziehen. als Staat von der Landkarte zu verschwinden, denn einem ungerechten Frieden zuzustimmen.
Ebensowenig wie Paraguay ist Bolivien geneigt. seinG Ansprüche auf den nördlichen Chaco aufzugebcn, es stützt sich dabei auf vergilbte Dokumente aus der Zeit der spanischen Dize- könige. deren juristischer Wert nach dem vor etwa 60 Iahren abgeschlossenen Vertrag Rutherford Hayes angezweifelt werden kann. Bolivien hat mit Chile Sonderverträge über die unbehinderte Benutzung der Häfen von Antofagasta und Arica abgeschlossen, sowie über den „unter allen Umständen" freien Transitverkehr, die diese Häfen durch die Eisenbahnlinie nach La Paz verbinden. Bolivien hat ferner von den Vereinigten Staaten eine Anleihe für Waffenankäufe erhalten. und sehr bedeutende nordamerikanische Waffen- und Munitionstransporte sind kürzlich in
Arica gelöscht worden. Ferner hat Bolivien die gemeinsame Grenze mit Peru am Titicacasee, über den Dampfer verkehren. Dort läßt sich eine Kontrolle der Waffenzusuhr schwerlich durchführen.
Das panamerikanische Komitee in Washington hat bisher vergeblich im Chaco- konflikt vermittelt, auch die Vermittlungsaktion Argentiniens und Chiles, die nach der Zu- sammenkunft des argentinischen Außenministers Saavedra-Lamas und des chilenischen Außenministers Cruchoga in Mendoza aktive Formen angenommen hatte, blieb erfolglos, so ist denn kaum anzunehmen, daß der Völkerbund in Gens einen Stillstand der Feindseligkeiten erzwingen wird.
Die Kriegserklärung hat, wie Telegramme berichten, allgemein kriegerische Begeisterung hervorgerufen: die Präsidenten Ayala (Paraguay) und Salamanca (Bolivien) haben vom Balkon des Regierungspalastes Ansprachen an das Volk gehalten und ausgefordert, den letzten Blutstropfen für den Ruhm und die Ehre des Vaterlandes und der gerechten Sache zu opfern. Die Entschlossenheit, bis zum äußersten zu kämpfen, spiegelt sich in allen Regierungsmaßnahmen wider. Wenn man bedenkt, mit welcher bewunderungswürdiger Tapferkeit sich das kleine Paraguay in den sechziger Iahren des vorigen Jahr- Hunderts unter seinem Diktator Lopez gegen die Hebermacht Brasiliens, Argentiniens und Aruguay wehrte, bis fast keine Männer mehr im Lande blieben, so ist zu befürchten, daß auch jetzt der Chacokrieg noch unabsehbare Blutsopfer fordern wird.
Linier dem Oanebrog.
Oer Stachel Nordschleswig. — 3n britischen Fangarmen. — Britische Hoffnungen. Oer Grönland-Frieden.
Don unserem E.
Vachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Kopenhagen, im Mai.
Als Zaungäste oder höchstens stille Teilhaber des großen Weltgeschehens haben sich die Dänen durch Jahrzehnte von jeder außenpolitischen Aktivität ferngehalten, und nur der dänische Hof war, infolge seiner verwandtschaftlichen Beziehungen, während dieser Zeit nicht ohne Einfluß auf die europäische Entwicklung. Hm die Jahrhundertwende und bis zum Weltkrieg gab es hier oben so gut wie gar keine Erschütterungen und selbst die „Schleswig-Frage" wurde mehr oder weniger abwartend behandelt, d. h. den dänischgesinnten Vordschleswigern überlassen. Vach dem deutschen Zusammenbruch tauchte das Problem jedoch plötzlich als Aahziel wieder auf und verdichtete sich zu jener — Deutschland gegenüber nichts weniger als loyalen — Aktion des Außenministers Scavenius bei der Entente.
Mit diesem halb freiwilligen und halb erzwungenen Schritt trat die damalige Kopenhagener Regierung aus ihrer Reserve heraus und schuf eine Lage, die ihren Vachfolgerinnen bis auf den heutigen Tag viel zu schaffen macht. Es gibt gute Dänen, die den 28. Vovember 1918, vom Standpunkt allen „Hnheils" betrachten. Selbstverständlich werden solche Empfindungen nicht öffentlich geäußert, doch erinnert man sich auch hier manchmal der Tatsache, daß Dänemark damals jede direkte Verhandlung mit Deutschland ganz einfach verboten wurde. Die schleswiger Grenzfrage erhielt ihre eigenen Artikel im Versailler Machtspruch.
v. ^.-Berichterstatter.
Zunächst glaubten die Dänen das unverhofft große Geschenk aus den Händen der „Sieger" dankbar annehmen und die eigenen Hände in Hnschuld waschen zu können. Gewissen, professionellen Deutschenfeinden, wie etwa dem Hetzer Franz von Jessen, war das Geschenk sogar noch nicht groß genug, da sie auch das kerndeutsche Flensburg und womöglich ganz Schleswig schlucken wollten. Heute „will es allerdings niemand gewesen sein" und man wäre vielleicht froh, sich mit dem Versailler Diktat nicht gar so eng verbunden zu haben. Ein Diktat ist kein Dauerzustand und auch zwischen Deutschland und Dänemark kgnn nur direkte freundschaftliche Verständigung die Reibungen beseitigen.
Zunächst verschanzt man sich allerdings hinter der Versailler „Entscheidung" und macht sowohl die „Heiligkeit der Verträge" wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker geltend. Ebenso hält man an der Behauptung fest, daß Vordschleswig nicht durch einen Gewaltakt in einer Zeit deutscher Wehrlosigkeit, sondern durch den Willen der Bevölkerung an Dänemark gefallen sei. Gerade in diesen Tagen widmet die Kopenhagener Presse der Grenzfrage und den nordschleswiger Kundgebungen spaltenlange Artikel. Was man jedoch stets verschwieg, ist die Tatsache, daß die en bloc-Abstimmung in Vordschleswig — unter dem „Schuh" englisch- französischer Bajonette — dem Begriff der Selbstbestimmung in keiner Weise gerecht wurde. Kein dänisches Blatt scheint sich des Hm- standes zu erinnern, daß in dieser ersten Zone
nen werden läßt. Maria ergreift in tiefem Ernst die Hand Jeannettes. „Wir wollen versuchen, daß sich unsere Herzen über Haß und Not zueinander finden. Schmerzen erdulden, Not lindern, Leid tragen helfen, ist Frauenamt — in kampfumtobter Zeit."
Ein warmer Sonnenstrahl steht im Zimmer, umhaucht zärtlich die schlanken Gestalten der Frauen. Symbol der Liebe ...
Zur gleichen Zeit sitzt im Arbeitszimmer des Hauptmanns Lefevre der französische Zivilkommissar Nambeaux. Der schwere, gotische Schreibtisch zwischen den beiden Männern ist mit Akten und Papieren bedeckt, die der Beamte aus Glogau mitgebracht hat.
Nambeaux spricht mit kalter, leidenschaftsloser Stimme. In den langen Jahren, in denen er im Dienst der geheimen französischen Polizei steht, hat er gelernt, mit tückischer Sachlichkeit Dinge zu sagen, die andern Leben und Eigentum kosten.
„Herr Hauptmann, das Oberkommando in Glogau hat mich beauftragt. Ihnen mitzuteilen, daß die Ergebnisse der Requisitionen in Ihrem Machtbereich bisher als gänzlich unzulänglich betrachtet werden müssen."
Nambeaux sieht scheinbar gelangweilt auf seine spitzen, dürren Finger, während er mit halber Stimme zu Lefevre roeiterfpridjt:
„Die Kommandantur will zunächst von unliebsamen Weiterungen, in Ihrem Interesse, Herr Hauptmann" — hier verstärkt sich die Stimme — „absehen, jedoch dürfte die Frist zur Erlangung der erforderlichen Mindestgrenze sich nicht länger als über einen Zeitraum von weiteren zwei Wochen erstrecken."
Der Kommissar macht eine Pause, die den Hauptmann zwingt, zu anworten:
„Ich habe dem Oberkommando wiederholt geschrieben, Monsieur Nambeaux, daß der Kreis Löbau auf das äußerste erschöpft ist und ich ohnehin täglich den offenen Aufruhr der Bevölkerung erwarte."
Nambeaux' Augen werden klein und tückisch. Seine' Stimme aber bleibt, trotz aller Gereiztheit, näselnd sanft.
„Dann bauchen Sie Gewalt, Herr Hauptmann! Das dürfte, mit Erlaubnis", er macht eine ironische, leichte Verbeugung gegen Lefevre, „die einfachste Sache der Welt sein. Wir sind im Krieg — Sentiments find hier überflüssig!"
Lefevre sieht den Kommissar an, so wie man einen Gegner mißt, dessen Kräfte noch Geheimnis sind. Der Offizier weiß: Die Beamten der Armeepolizei haben schon manchen Kameraden um Ehre und Stellung gebracht. Sie sind bei Freund und Feind die bestgehaßten Menschen.
Hauptmann Lefevre erhebt sich. „Ich werde mein Möglichstes tun, Herr Kommissar! Aber ich lehne
jede Verantwortung für kommende Dinge strikte ab."
Die schmale, zähe Gestalt Nambeaux' schnellt vom Sessel auf und steht unbeweglich gegen das tiefe Dunkel der holzgetäfelten Wand.
„Die Verantwortung, Herr Hauptmann, tragen wir! Von Ihnen ist uns nichts weiter erwünscht, als tätige Mitarbeit im Sinne unserer obersten Behörde."
Ein greller Sonnenstrahl zuckt durch die trüben Butzenscheiben der alten Fenster und läßt für einen Augenblick das abgezehrte, gelbe Gesicht des Kom» missars gespenstisch aufleuchten.
„Seien Sie versichert, daß wir uns über die Schwierigkeit Ihrer Aufgabe in vollem Umfange im klaren sind. Aber, wenn ich aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung auf diesem speziellen Posten sprechen darf, so ist es immer von neuem erstaunlich, was der eiserne Wille und Spürsinn eines tätigen Beamten für reiche Schätze zu Nutz und Frommen seines Vaterlandes, aus einem scheinbar noch so ausgemergelten Volke zu holen in der Lage ist " ' .
Nambeaux langt seine Akten vom Tisch und wendet sich zum Gehen.
„Tätigsein, Herr Hauptmann, das ist die ganze Kunst! Die Gewalt ist das Zauberwort, das auch das verschlossenste Sesam zu öffnen vermag."
Er reicht Lefevre lässig die kalte Hand, mit dem sichtlichen Bemühen eines verbindlichen Lächelns. „Ich werde jedenfalls, um uns unliebsame Weiterungen zu ersparen, Herr Hauptmann, dem Oberkommando von dem Versprechen Ihres künftigen, energischen Durchgreifens Meldung machen. Ich hoffe, damit ganz in Ihrem Sinne zu handeln."
Ohne Antwort und Gruß abzuwarten, verläßt der Kommissar das Arbeitszimmer.
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Als eine Stunde später Baron von Löbau und Hauptmann Döllnitz nach scharfem Ritt, der sie auf Umwegen, um Spuren zu verlöschen, aus dem Forsthaus im Eulengrund nach Löbau zurückbringt, auf dem Schloßhof eintreffen, bittet die Ordonnanz Lefevres den „Herrn Bankier Möbius" zu einer kurzen Unterredung in das Arbeitszimmer des französischen Hauptmanns.
Kurz nach dem Weggänge des Kommissars Ram- beaux, hat Lefevre eine für ihn gerade in diesem Augenblick äußerst peinliche Entdeckung machen müssen. Als er sich an die Durchsicht amtlicher Akten setzte, die der Kommissar aus Glogau mitgebracht hat, fand er unter anderen auch den Steckbrief des preußischen Hauptmanns und geheimen Kuriers des Freiherrn vom Stein, Joachim Döllnitz, bei dessen Studium er feststellen mußte, daß der Kurier kein anderer ist, als der Lebensretter seiner Frau, der vermeintliche Bankier Möbius, den ihm Jeannette heute morgen stolz vorn Fenster ihres Boudoirs aus zeigte, als Döllnitz mit dem Baron nach dem Eulengrund ritt
nicht weniger als 41 Gemeinden zum Teil sehr beträchtliche deutsche Mehrheiten aufweisen, unb daß z B. Tondern zwangsmäßig zu Dänemark geschlagen wurde, obgleich 76 Prozent aller Stimmzettel f ü r Deutschland in die Hrnen fielen.
Ebenso spricht man nur widerwillig von der schweren wirtschaftlichen Vot - I a g e Vordschleswigs. die in erster Linie auf die Zerreißung Schleswigs und nur zu geringem Teil auf die allgemeine Krise zurückzusühren ist. Ihres historischen Hinterlandes und natürlichen Absatzgebietes beraubt, kann die Wirtschaft sich nicht erholen, wodurch die nordschleswiger Frage zu einem Problem der Selbsterhaltung wird. ES braucht hier kaum wiederholt zu werden, daß die deutsche Vation dem dänischen Vachbarn gegenüber gar nicht an Gewalt denkt und sich nichts besseres wünscht, als friedliche Verständigung und gute Beziehungen. Jedoch nur die Trennung von Versailles und ein gütliches Hebereinkommen zwischen den beiden blutsverwandten nordischen Völkern kann die von „dritter Hand" geschlagene Wunde heilen und das Vertrauen wieder ganz Herstellen.
Die brennende Frage nach einem Absatzmarkt f ü r i h r e l a n d w i r t s ch a f t l i ch e n Erzeugnisse hat die Dänen geradezu HalS über Kopf England in die Arme getrieben. Die zunächst freundschaftliche Hmarmung droht allerdings auf die Dauer schmerzhaft zu werden und es fehlt hier nicht an warnenden Stimmen. Einsichtige Geschäftskreise erklären, mit einer gewissen Bitterkeit, daß Dänemark seine Valuta an daS Jnselceich „verschachert" habe und von der britischen Handelspolitik gründlich ausgenutzt werde. Auch das letzte, noch nicht veröfsentlichte Handelsabkommen enthalte schwere Bedingungen in bezug auf die dänische Abnahmepflicht an Kohle, Stahl, Eisen ufto. Bei schärferer Beobachtung gewinnt man den Eindruck, daß die Engländer mit großer Zielsicherheit darauf ausgehen, Dänemark wirtschaftlich dem Imperium anzugliedern. Die scherzhaft gebrauchte Wendung von der „neuesten britischen Kolonie" ist nicht ganz ohne Beigeschmack. Auch die Erteilung des großen Brückenbau-Auftrages (Falster—Seeland» an die englische Firma Dorman, Cong & Co. ärgert diejenigen dänischen Hnternehmungen, die dabei übergangen wurden.
Im April ist nun der zwischen Dänemark und Vorwegen bestehende Grönland-Konflikt beigelegt worden. Vach dem Prestigeerfolg im Haag zeigte sich hier eine unerwartet starke nationale Begeisterungsfähigkeit, die besonders die dänische Jugend ergriff. Obgleich Grönland in jedem Sinne eine „kalte Angelegenheit" ist, hatte der Streit die Gemüter doch stark erhitzt und damit eine fast übertriebene außenpolitische Bedeutung gewonnen. Man warf den Vorwegern vor, an Der grönländischen Küste mit Gift und anderen Mitteln „Raubfang" zu treiben und die dänischen Interessen dadurch empfindlich zu schädigen. Vach dem Haager HrteUsspruch hat es keinen Sinn mehr, sich mit der Rechtsfrage zu befassen. Sie ist praktisch entschieden und von beiden Staaten anerkannt worden. Der Danebrog flattert wieder über den beiden Küstengebieten und anstatt der fünf norwegischen Beamten sind dänische in die geräumten Hütten eingezogen. Die norwegischen Funkstationen werden abgebaut und durch dänische erseht. Der Hebergang aus einer Souveränität in die andere hat sich also an Ort und Stelle leichi und schmerzlos vollzogen, und es fragt sich, ob die Eingeborenen jenes nordischen Eislandes viel von der „Hmwälzung" gemerkt haben.
Unablässig hat er In der letzten Stunde die Frage erwogen: Soll er seiner Frau sagen, wem sie ihr Leben zu verdanken hat? Jeannette machte zu dieser Zeit gerade ihren Besuch bei der Baronesse, um ihren Lebensretter von seinen Freunden für das ihm zu Ehren zu veranstaltende Diner frei zu bekommen.
Lefevre hat sich zu dem Entschluß durchgerungen, das Geheimnis dieser verhängnisvollen Wahrheit für sich zu behalten und den preußischen Haupt- mann zu sich zu rufen, um die Sache unter vier Augen abzumachen.
Ahnungslos folgt Döllnitz der Ordonnanz.
„Ich habe Sie zu mir bitten lassen, Monsieur," beginnt Lefevre in merkwürdig kühlem Ton, der Döllnitz aufhorchen läßt, „um eine Angelegenheit zu regeln, bei der ich hoffe, in Ihnen einen Mann von Ehre zu finden, der zu schweigen weiß!"
„Herr Hauptmann — ich bürge mit meiner Ehre, soweit es sich um Dinge handelt ..
Lefevre schneidet ihm das Wort ab: „Kommen wir zur Sache — Hauptmann Döllnitz ..."
Döllnitz springt auf und unterbricht den Gegner schroff: „Sie irren — mein Herr! Mein Name ist Möbius — ich bitte sich zu bedienen. Er wirft feinen Paß vor die Hände des französischen Offiziers.
Lefevre macht eine nervöse Geste. „Lassen wir doch das Bersteckspiel, Herr Hauptmann--der
Paß ist falsch!"
Er langt nach dem Steckbrief, den er Döllnitz hinüberreicht. „Die französische Geheimpolizei irrt sich nicht!"
Der preußische Kurier lieft seine Personalbeschreibung, die in allen Teiley auf das genaueste stimmt. Tausend Pistolen sind auf feinen Kopf gesetzt —• tot oder lebendig. Mechanisch fährt feine Hand nach der Waffe im Gürtel.
„Bleiben wir sachlich, Herr Hauptmann", sagt Lefevre mit abgewandtem Blick. „Ich stehe in Ihrer Schuld: Sie haben das Leben meiner Frau gerettet — jetzt schenke ich Ihnen das Ihrige! Unsere Rechnung ist glatt."
Mannhaft sucht Lefevres Blick den seines Gegners.
„Ich weiß, ich handle gegen meine Pflicht als Offizier meiner Armee, deshalb nahm ich Ihr Wort, als das eines Mannes von Ehre!"
Die Stimme des Franzosen wird hart und schnei- dend: „Ihre Zeit ist kurz bemessen, Herr Haupt- mann! Ich muß Sie ersuchen, sofort, auf das schnellste, mein Dienstgebiet zu verlassen."
Er reicht Döllnitz militärisch straff die Hand. „Ich rechne auf Ihr Wort! Ein zweites Mal, Herr Hauptmann, muß ich anders handeln. Ich hoffe, wir haben uns verstanden."
Wortlos verläßt Döllnitz das Zimmer. Dumpf fällt die eichene Tür ins schloß. Draußen verhallen die Schritte.
(Fortsetzung folgt)


