Rom 1922.
Als Adolf Hitler auf den Stuhl Bismarcks berufen wurde, frohlockte die italienische Presse. Sie zog aus diesem Ereignis die Schlußfolgerung, daß die faschistische Idee die Welt zu erobern beginne. In Deutschland gab es viele Leute, die je nach der Einstellung zur nationalsozialistischen Bewegung betrübt oder beruhigt sagen, Deutschland sei nicht Italien, und was dort möglich gewesen sei, werde bei uns an den ganz anders gelagerten politischen Tatsachen und an den viel stärkeren materiellen, geistigen und traditionellen Widerständen mit Notwendigkeit schei- tern. Man sollte sich ein vorgreifendes Urteil nicht zu leicht machen. Es ist gewiß nicht möglich, die Geschichte einer kommenden -Zeit auch nur in ihren allgemeinsten Umrissen im voraus zu schreiben. Aber es gibt Ideen, die in der -Zeit liegen und Bewegungen, die aus ihr heraus wachsen, und wenn man ihren Verlauf auch nicht im einzelnen berechnen kann, so vermögen doch Tatsochenvergleiche Rückschlüsse auf die allgemeine Richtung zu geben.
Die innerpolitische und nationale Entwicklung in Italien und in Deutschland weist schon in einer früheren Zeit eine überraschende Parallele auf. Cavours nationales Einigungswerk in Italien ging zum Teil denjenigen Bismarcks voraus und hielt dann mit ihm Schritt. Die außenpolitischen Schwierigkeiten und die inneren Gegensätze landsmannschaftlicher und weltanschaulicher Art, die der Schöpfer des neuen Italien zu überwinden und zu überbrücken hatte, waren kaum geringer als diejenigen, die sich Bismarck entgegenstellten. Der Weg von Savoyen über die Lombardei, Denezien (die Herrschaftsgebiete Oesterreichs) nach Florenz und dann nach der Hauptstadt des Kirchenstaates läuft der preußisch-deutschen Entwicklung über 1864, 1866 nach dem Versailles von 1871 durchaus parallel.
Wenn man nun das Italien von 192 2 dem Deutschland von 1933 gegenüberstellt, so glaubt man in weiten Kreisen der öffentlichen Meinung einen fundamentalen Gegensatz konstruieren zu können zwischen dem „Revolutionär" Mussolini, der nach dem Morsch auf Rom die Staatsmacht gewaltsam den bisherigen Inhabern entrissen habe, und dem Parteiführer Hitler, der wie jeder andere deutsche Kanzler vor ihm völlig legal berufen worden sei und eine Koalition mit anderen, vielleicht stärkeren Gruppen und Männern habe bilden müssen. Dieser älnterschied besteht nicht. Er ist eine Legende, die durch die einfachsten geschichtlichsten Tatsachen zu widerlegen ist. Mussolini hat seinen Vorgänger Facta in genau der gleichen Weise abgelöst, wie Hitler auf Schleicher folgte. Italien befand sich im Herbst 1922 im Zustand der völligen wirtschaftlichen Auflösung. Die älnfähig- keit der Regierung Facta, die herrschende Rot zu meistern, hatte Massenstreiks in der Industrie und auf den Verkehrsmitteln ausgelöst.
Gegen die Gefahren des nationalen Zerfalls setzten sich die faschistischen Verbände der Männer zur Wehr, die ihr nationalistisches Fronterlebnis in sich trugen und deren Führer es nicht dulden wollten, daß die Enttäuschung über die Friedensoerträge durch die innere Auflösung des Staates vermehrt werde, die vielmehr im Innern eine neue Ordnung und eine starke Regierungsgewalt forderten, damit von dieser Grundlage aus Italien auch nach außen hin wieder groß und stark gemacht werden könne. Zwischen den streikenden Marxisten und den nationalistischen Faschisten, die überall als technische Nothilfe einsprangen, tobten bürgerkriegsähnlick)e Kämpfe. In Rom schwankten der König und sein Ministerpräsident Facta, ob sie die Militärmacht einsetzen sollten. In dieser Zeit saß Mussolini in dem Redaktionsbüro seines Mailänder „Powlo d'Jtalia". Am 28. Oktober rief ihn sein Freund Pronta aus Rom an. Er möge sofort in die Hauptstadt kommen, um sich an die Spitze seiner Schwarz- Hemden zu stellen und den König durch ein Ultimatum zu zwingen, ihm die Macht zu übertragen. Mussolini lehnte ab. Er werde erst kommen, wenn ihn der König rufe, wenn er Facta entlassen habe und ihm den Auftrag zur Regierungsbildung gebe.
3n Rom schwankte man noch 24 Stunden. Sosste man nicht doch die Armee einsetzen und schießen lassen? Aber damit allein war es ja schließlich nicht getan. Facta sah nicht einen Weg, auf dem er dem wirtschaftlichen und sozialen Chaos hatte steuern können. Man tarn zu dem Entschluß, der faschistischen Bewegung die Türe in den Staat zu öffnen. Am 29. Oktober telephonierte der General Mangarini nach Mailand. .Der König ruft mich also?" fragte Mussolini. „Ich komme nicht, ehe mich nicht der König offiziell zum Ministerpräsidenten ernennt." Mussolini wußte, daß seine Bewegung den Gipfel bereits überschritten hatte. Die industriellen Verbände hatten die Zuschüsse gekündigt. Der Generalsekretär Olivetti muhte dem Duce bekennen, daß die Kassen erschöpft seien und daß man in aller Kürze die Soldzahlungen an die Legionen einstellen müsse. In dieser Situation spielte Mussolini ein ganz großes Spiel. Er verlangte zu einer Zeit, wo die Macht seiner Legionen nach außen noch wirkte, vom König „alles oder nichts". Er bekam alles. General Mangarini bestätigte ihm die Ernennung zum Ministerpräsidenten. Ehe Mussolini den Zug nach Rom bestieg, verkündeten Extrablätter des „Popolo dItalia". daß der Duce Ministerpräsident sei.
Als ganz „legal" ernannter Ministerpräsident saß Mussolini in dem Zuge von Mailand nach Rom, und was die Legende von dem „M a r s ch nach Rom" weih, das war im Grunde gar nichts anderes als der Fackelzug der SA-, der SS- und des Stahlhelms durch das Brandenburger Tor und durch die Wilhelmstrahe in der Rächt nach dem 30. Ianuar. Es war eine große Kundgebung des Iubels und der Begeisterung nach der vollzogenen Einigung zwischen dem König und dem Duce.
Auch nach dem 29. Oktober konnte Mussolini nicht als Diktator auftreten. Er mußte eine Koalition bilden. In seinem Kabinett sahen so starke Persönlichkeiten des alten Italien, wie der Admiral Thaon di Revel, der General Digz, Federzoni di Stefans und Origlio. In den leitenden Kreisen des Heeres schaute man argwöhnisch auf die Organisation der Schwarzhemden. Der Hof und die Führer des alten Italien schauten herablassend auf den „Emporkömmling". Mussolini konnte das Parlament nicht auflösen. Er muhte sich mit ihm zunächst auseinandersetzen, ihm Rede und Antwort stehen. Es schienen alle Garantien im Sinne des alten Italien, dos Hofes und der^ Armee, gegeben. Dennoch setzte sich der Mann und seine Bewegung durch. Mussolini wußte nach der Machtergreisung nicht im einzelnen, welchen Weg er gehen sollte. „Ihr fragt nach unserem Programm? Wir wollen Italien regieren! Regieren unabhängig von Parteien und ihrer veralteten Ideologie und ihren Phrasen! Regieren im Geist einer neuen Ordnung und Disziplin!“
Oer Reichspräsident am Sarkophag des alten Kaise .
Berlin, 21. März. (WTB.) Der Herr Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg begab sich nach der Potsdamer Feier zum Mausoleum im Charlottenburger Schloßpark, wo er am Sarkophage Kaiser Wilhelms I. ein Lorbeergebinde mit schwarzweißroter Schleife niederlegte.
Das Potsdamer Glockenspiel als Pausenzeichen des Oeutschlandsenders.
Die Reichsrundfunkgesellschaft teilt mit: Von Mittwoch, 22. März, ab wird der Deutschlandsender ein neues Pausenzeichen führen. In Zukunft werden als Zeichen die ersten Klänge des Glockenspieles der Potsdamer Garnisonkirche erklingen, um den Hörer an die denkwürdigen, vom deutschen Rundfunk aus Potsdam übertragenen Feierlichkeiten des 21. März zu erinnern.
Oie neuen Notverordnungen unterzeichnet.
Berlin, 22. März. (CRD.-Funkspruch.) Der Reichspräsident hat die angekündigten
Wie sie ihn bezwang
Dnginalroman von Z. E>chneider»Foerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau L 5.
29 Fortsetzung. Rachdruck verboten«
„Ja!" Sein Körper bog sich etwas zusammen. „Sie oersprack an Isabellas achtzehntem Geburtstag mir von Graf Harrach das Jawort zu erbitten. Und ---ich muß damals von Sinnen gewesen
sein, Herr Baron--ich glaubte nicht so lange
warten zu können und wollte um jeden Preis diesem Zustand ein Ende machen--da tat sie ein
Letztes--Ihre Frau, Herr Baron, diese Frau,
die ich verehren werde bis zu meinem Ende--
sie schenkte mir, um mich das Gleichgewicht wieder finden zu lassen, ihr Vertrauen, gestand mir, daß auch sie liebe, genau so aussichts- und hoffnungslos wie ich."
Merlins Atem ging laut. Brandt suchte nach Worten, wie er das, was sie ihm geoffenbart hatte, sagen konnte, ohne sie zu schädigen und ihn zu verletzen: „Sie weiß, daß sie von Ihnen nicyt geliebt wird, Herr Baron!" Nun war es heraus, was Segen oder Unheil bringen konnte.
«Mein Herr!" Hans Jörg hatte die Faust gehoben, entspannte sie und ließ die Hand wieder herabfallen.
„Die Frau Baronin sagte so!" entgegnete Brandt entmutigt „Sie quält sich--Sie ahnen nicht,
wie sie sich quält, den Weg zu Ihrem Herzen zu finden und wie sie sucht nach allem, was Sie bezwingen könnte, nachdem ihre Liebe dies nicht vermacht hat. Und da riet ich ihr — ich wollte sie doch trösten, wie sie mich getröstet hat — zu versuchen, Ihnen ein Kamerad zu werden, sich in das Milieu hineinzufinden, in dem Sie nun einmal leben und ganz darin einzudringen. Sie nahm den Vorschlag sofort mit Begeisterung auf. In der Jagdhütte, sie wurde selten um diese Zeit benutzt habe ich ihr die ersten Kenntnisse über die Technik des Flugwesens vermittelt. Ich habe als Flieger gedient, und es war mir ein Leichtes, ihr alles zu erklären und die geeigneten Bücher und Schriften zu verschaffen. Und die gnädige Frau begriff so rasck.--Die Praxis
gestaltete sich natürlich ungleich schwieriger. Wir machten zwar ab und zu einen kleinen Abstecher nach Oberwiesenfeld, dort habe ich auch die ersten Flüge mit ihr unternommen. Aber länger als einen Tag auszubleiben, durften wir uns nicht getrauen, es hätte fönst Verdacht erregt. Sie war mutig wie
ein Mann und als sie dann soweit war, ohne mich auskommen zu können, habe ich um meine Entlassung auf Ichenhausen gebeten---"
„Uno dann, Herr Oberleutnant?"
Joe Brandt taumelte —. „Weiter habe ich nichts mehr beizufügen, Herr Baron!"
„Sie haben meine Frau seither nicht mehr gesehen?" --—
Ein atemlanges Schweigen: „Nein!"
„Nun haben Sie gelogen!"
Joe Brandt hob die Hand und ließ sie wieder herabfallen. Das grelle Licht, das von der Decke kam, bohrte sich wie eine Spitze in feine Augen.
„Ich will annehmen", kam Merlins Stimme zu ihm herüber, „daß es das erstemal an diesem Abend ist. — Warum hat meine Frau Sie mit nach Rom genommen?"
Joe hatte das Gefühl, als sackten feine Füße in dicken Schlamm. Er vermochte keinen mehr zu rühren. Berge stürzten über ihm zusammen und begruben ihn unter Schutt und Gerölle und meterhohem Unrat. Unter halbgeöffneten Lidern sah er zu Merlin hinüber, setzte zu sprechen an und schüttelte den Kopf. Die Zunge gab keinen Laut mehr.
„Sie müssen diese Lücke unbedinkt ausfüllen, Herr Oberleutnant", gebot Hans Jörg schroff. „Warum hat meine Frau Sie mit nach Rom genommen!"
Joes Kehle würgte, als fei er am Ersticken. Nahm dieser Kreuzweg denn kein Ende mehr? Mußte auch das Letzte, das Allerletzte, noch gejagt sein? Und wußte dieser Mensch denn um jeden Gedanken seiner Frau?--„Sie war noch nicht ganz sicher! Sie
*- ich konnte die Verantwortung nicht übernehmen, die gnädige Frau ohne jegliche Begleitung aufsteigen zu lassen. Und sonst wollte sie sich niemand an- vertrauen.--Hier hat sie die letzte Etappe der
Reife zurückgelegt."
Merlin war zu ihm herübergekommen. Sie standen jetzt Auge in Auge. „Haben Sie nie bedacht, Herr Brandt, daß darin eine Gefahr liegt? — Ich meine in dieser Stellung, die Sie da zu meiner Frau eingenommen haben?"
Joe hielt den Blick Jörgs ruhig aus. „Unser beider Wille war so rein, daß Gott selbst nichts anderes als ein gerechter Richter sein könnte, wenn er an Ihrer Statt hier stünde."
-'Das will ich gelten lassen, Herr Oberleutnant" Merlins Rechte streckte sich ihm entgegen.
Joe hob die seine und fragte verhalten: „Sie wissen auch das Letzte, Herr Baron?--"
„Alles, ja! — Ich habe es schon bei jenem Flug über die Campagna gewußt. Sie haben nicht genügend Vorsicht malten lassen. Ich bekam die post- lagernden Briefe ausgehändigt. Natürlich nur die
Notverordnungen über den Erlaß einer Amnestie und die Maßnahmen zur Abwehr heim- tückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung unterzeichnet. Der Charakter der Amnestie ist in den Bestimmungen selbst eindeutig dahingehend festgelegt, daß lediglich politische Straftaten amnestiert werden sollen und rein kriminelle Delikte ausgeschaltet bleiben.
Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstags.
Berlin, 22. März. (DDZ.) Der Geschäftsordnungsausschuh des Reichstages lehnte heute unter dem Vorsitz des Abgeordneten Högener (SPD.) mit den Stimmen der Rationalsozialisten gegen die Stimmen der Sozialdemokraten bei Stimmenthaltung des Zentrums und der Bayerischen Dolkspartei den sozialdemokratischen Antrag ab, die 11 in Haft befindlichen sozialdemokratischen Abgeordneten sofort aus der Haft zu entlassen. Die Anträge der Regierungsparteien auf Aenderung der Geschäftsordnung (Abschaffung der Institution des Alterspräsidenten, pflichtmähige Teilnahme an den Verhandlungen und Ausschluß bis zu 60 Sihungstagen im Falle unentschuldigten Fernbleibens) wurde angenommen.
Wahl des preußischen T inister- Präsidenten erst im Dcu.i
Berlin, 22. März. (TDZ.) Es ist damit zu rechnen, daß der Preußische Landtag sich bereits nach seiner heutigen Sitzung bis zumMai vertagt. Es besteht die Absicht, bis zum Mai in Preußen die kommissarische Regierung amtieren $u lassen und erst dann die Wahl des Ministerpräsidenten vorzunehmen. Die Personenfrage ist bisher nicht entschieden. In Preußen soll jedoch wie im Reiche der Parlamentspräsident dem Kabinett angehoren. Vermutlich,bleibt es bei der Ernennung des Landtagspräsidenten K e r r l zum preußischen Iustizminister.
Beschränkung des Hausierhandels mit Arzneimitteln.
Berlin, 22. März. (VDZ.) In einem Erlaß an die Nachgeordneten Behörden weist der kommissarische preußische Innenminister Goring erneut auf die strengste Beachtung früherer Grund- erlafse hin, die sich auf den Straßen- und Hausierhandel mitArznei- undGe-
heimmltteln beschäftigen. Minister Göring erklärt dazu, es könne im Interesse heilungsuchender und oft auch mittelloser Volksgenossen nicht geduldet werden, daß im Straßen- und Hausierhandel w e r t l o s e Schw i nd e l m i 11 el zu betrü- gerischenPreisenin zunehmendem Ausmaß feilgeboten und verkauft würden. Der Minister ersucht daher, daß nachdrücklichst gegen dieses Llnwesen vorgegangen werde. OerReichsbundderKrregSbeschädigten
zur Lage.
Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten hat eine Kundgebung an seine Mitglieder herausgegeben, in der es heißt: „Mit der Wahl vom 5. März hat die Mehrheit des deutschen Volkes sich zu einer neuen Staat Führung bekannt, die damit auf verfassungsmäßigem Weg vom Volk in aller Form bestätigt worden ist. Diesen verfassungsmäßigen Willen des Volkes haben auch wir als Kriegsopfer zu achten. Auf dem Boden strenger Verfassungsmäßigkeit und parteipolitischer Reutralität wollen wir für das Wohl unserer Mitglieder und der Gesamtheit der deutschen Kriegsopfer tätig sein. Wir glauben an die Einlösung des Wortes, nach dem der Kriegsbeschädigte der erste Bürger im Staate sein soll. Wir glauben an die wahre Bedeutung des am 12. März unter stärkster amtlicher Betonung begangenen Volkstrauertages, eine gute Versorgung für die Hinterbliebenen unserer gefallenen Kameraden zu schaffen. Unserem Vaterland und unserem Volk, denen wir im Kriege die größten Opfer gebracht haben, bleiben wir immer verbunden."
Meine politische Nachrichten.
In Bayern wurden zur Vermeidung aller Umstände, welche die öffentliche Ruhe und Ordnung zu gefährden- geeignet sind, sämtliche sozialdemokratischen periodischen Druckschriften weiter für die Zeit vom 21. März bis 4. April 1933 einschließlich verboten.
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Der Münchener Oberbürgermeister Dr. Schar- n a g I hat dem kommissarischen Innenminister Adolf Wagner seinen Rücktritt erklärt. Der Minister hat den nationalsozialistischen Stadtrat F i e h l e r zum kommissarischen ersten Bürgermeister für München bestellt.
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Aus der Provinzialhauptstadt.
Oie Tage der Saat.
Wenn die Lerchen zum Himmel steigen und sich die Wiesen mit frischem Grün überziehen, wenn sich am Wegrain die Gänseblümchen zeigen und von verborgenen Plätzen die Veilchen ihren Duft in die Frühlingsluft senden, dann rüsten sich die Menschen, um in Feld und Garten den Sarnen in die harrende Erde zu senken.
In braunen, schweren Schollen liegt das Land, wie eine Wiege. Darinnen aber schaffen und wirken geheimnisvolle Kräfte. Die winzigen Samen- körnchen, in sommerlicher Hitze gereift, werden nun in das dunkle Erdreich gelegt und sofort beginnt ihr Leben. Sieckehnen sich, schwellen an und treiben ihre Keime der Sonne entgegen. Mit emsigem Fleiß nährt sie die mütterliaje Erde. Bald finden die zarten Keimchen den Weg zum Licht. Scheu und neugierig kommen sie hervor, und bald schmückt ein frisch-grünes Kleid die braune Erde. Die Lerche baut ihr^Rest im Schutze der Hälmchen, die kleinen Vöglein liegen tvohl behütet hinter den grünen Vorhängen. Kornblumen und Klatschmohn kommen zu Besuch. Es ist für die Samenkörnchen das schönste Auferstehungsfest.
Diese Gedanken strömen uns zu, wenn wir den fleißigen Landwirten, den emsigen Gärtnern tzu- schauen. Gibt es ein schöneres Bild als den Säemann dort auf dem Acker? Es ist ein „kleiner" Dauer. Sein Betrieb erfordert noch keine Ma
schine. Reben am Weg steht der Pflug mit den Kühen. Sie haben nun Zeit, denn ihre erste Arbeit ist getan. Frischer, kräftiger Erdgeruch steigt aus dem gepflügten Land, die Schollen glänzen im Sonnenlicht, Stare und Bachstelzen lesen Würmer und Larven aus der aufgerissenen Erde. Der Landmann aber nimmt bedächtig das weiße Säetuch, bindet es sorgfältig um und füllt es mit Körnern aus dem Sack, der auf dem Wagen liegt.
Llnd nun beginnt d i e Arbeit, die uns von jeher als die schönste und ehrwürdigste aller Arbeiten erscheint: die Aussaat.
Aehnlich empfanden auch unsere Vorfahren. Der erste Samenwurf, er wurde stets eingeleitet mit einem Blick zum Himmel, mit einem Gedanken an Gott, der doch nur allein Wachsen und Gedeihen geben kann. „Das walte Gott!" sagt der Dauer, und dann fliegen die Samenkörner in breitem Wurf durch die milde Frühlingsluft wie ein leichter Regen auf die wartende Erde. Schwer und langlam schreitet der Dauer, wendet am Ende des Ackers und beginnt, den zweiten Streifen zu besäen.
.. über den frisch gepflügten, dampfenden Acker hin, wie von heimlicher Musik
aus der Tiefe der Erde begleitet, von segnenden Winden umfungen aus des Himmels leuchtenden Höhen...“
meiner Frau. Der Beamte hat wahrscheinlich gedacht, daß es so in Ordnung ist!" Es war das erstemal, daß Joe Brandt den Baron lächeln sah.--
Als ein Klopfen an der Türe erfolgte, strich er sich über die Stirne. „Ich habe nicht gedacht, daß wir jo viel Zeit benötigen würden, uns auszusprechen. Mein Freund wird ungeduldig, und meine Frau fürchtet sich womöglich, wenn ich so lange ausbleibe. Ich nehme an, daß es Ihnen ein Vergnügen bereiten wirb, sich einmal ohne jede Verstellung mit ihr unterhalten zu können. Man spricht immer gerne von jemand, den man liebt und die kleine Isabella ssr wirklich ein ganz entzückendes Mädel, an dem Sie sicher Ihre Freude haben werden. Meine Frau wird ohne Zweifel ihr Versprechen halten, bei Onkel Harrach eine Lanze für Sie zu brechen und was an mir liegt, soll ebenfalls geschehen. Ihnen zu Ihrem Glück zu verhelfen.--" Und als er Joes Augen
verdächtig aufschimmern sah, half er ihm rasch über die wehe Stimmung hinweg „Kommen Sie morgen zu uns nach Ostia. Doktor Oehme weiß Bescheid. Wir essen dann zusammen zu Mittag. Ich werde auch Frau von Guielmo bitten, unser Gast zu sein. — Jedenfalls freue ich mich, Sie wieder zu sehen. Und für heute meinen Dank für Ihre Offenheit und daß Sie meiner Frau ein so selbstloser Freund waren.--Aus morgen bann!"
„Auf Wiebersehen, Herr Baron!"
Die Hänbe ber beiben Männer lagen noch für einen Augenblick in festem Drucke ineinanber.
Merlin begleitete Branbt noch bis zum Ausaang unb sah bort bereits bie Scheinwerfer bes Autos leuchten, bas Oehme für ihn zur Fahrt nach Ostia hatte bestellen lassen.
Die Uhr zeigte vier Minuten nach elf.
Um halb ein Uhr konnte er Stephanie in den Armen halten.
*
Merlin hatte versprochen, recht leise zu (ein, wenn er zurückkomme.--Und bas tat er bann auch.
Zwar knarrte bie Türe bes Parterrezimmers etwas, als er mit abgestreiften Schuhen hinein- fchlüpfte, aber sie klappte bafür um so lautloser ins Schloß. Er hatte einen Höllenburst von Rom mit herausgenommen, aber im Hotel nicht Zeit gehabt, auch nur ein Glas Wein zu trinken. Der Chianti, welcher auf ber Kredenz stand, war reichlich warm, aber immer besser als das noch wärmere Wasser ber Leitung.
Es schüttelte ihn förmlich, ols er ihn trank. Ganz gräßlich war bas, wie gefärbtes Spülwasser. Da war ber Wein aus dem Ichenhausener Keller ein wahrer Göttertrank. Er mußte lächeln, als er jetzt an den Vater dachte und was der für Augen machen
würde. Aber er sollte es erst ganz zuletzt erfahren. Warum hatte er so lange stille geschwiegen und hatte mit Steffie unter einer Decke gesteckt!
Ob sie schlief? Oder bereites gehört hatte, daß er zurückgekommen war? — Er horchte nach oben, aber es regte sich nichts.
Er griff wieder nach dem Glase, in welchem ein letzter Rest bes roten Weines schimmerte, besann sich unb stellte es auf ben Tisch zurück. Ein Trunk war schon Strafe genug gewesen. Man oerbarb sich höchstwahrscheinlich den Magen damit.
Er löschte das Licht, knipste die Treppenbeleuch
tung auf unb begann vorsichtig bie Stufen nach bent Oberstock zu nehmen, lieber jebe einzelne, bie knarrte, empfanb er etwas wie Aerger. Vor ber Türe bes Schlafzimmers blieb er eine Weile stehen unb horchte. Es war. sicher, bah ihr bas Warten zu lange gebauert unb sie barüber eingeschlafen war.
Behutsam brückte er bie Klinke herab unb trat ein. Trotzbem kein Licht brannte, floß boch von außen genügenb Helle in ben Raum, daß die Gegenstände deutlich zu erkennen waren. Milchig verschwommen schimmerten die weißen Laken des Bettes vor ihm
auf.
Er wußte nicht, ob er das war, der aufgeschrien hatte oder ein anderer. „Stephanie?"
Die Kissen zeigten noch den Eindruck ihres Körpers. Die Decke war hochgezogen, als gälte es einen frierenden Leib zu schützen. — „Stephanie!"
Diesmal hörte er seine eigene Stimme im Zimmer widerhallen. Die Zofe kam. Noch wirren Traum im Blick. „Ist die Signora krank?"
Er zeigte, hektische Flecken auf den Wangen, nach dem leeren Bett. „Sie wissen, wohin sie gegangen
„Ich weiß es nicht, mein Herr!--Bei Sanfta
Maria de la Traoestare — ich weiß es nicht." Sie hatte Furcht vor ihm, wie er, die Finger in das Leinen der Kissen gedrückt, den Blick in sie hinein-
bohrte.
Den Körper etwas gegen sie vorgeneigt, frug er: „Wenn Sie nicht wissen, wohin sie gegangen ist — sagen Sie mir bann wenigstens, wann sie bas Haus verließ."
Das Mäbchen schüttelte sich vor Angst. „Signore", unb als er verärgert auffuhr, weil er eine Lüge fürchtete, stieß sie hervor: „Die Mabonna bei Angelo soll mich tot zu ihren Füßen sehen, wenn ich auch nur gehört habe, baß ihr Fuß über bie Treppe ging. — Und ich schlafe so leise "
„Sehen Sie nach, ob meine Frau etwas an Gepäck mit sich genommen hat. Sie wissen am besten« was sie von Rom mit herausbrachte."
(Fortsetzung folgt.)
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