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21.3.1933 Erstes Blatt
 
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schen Geistlichkeit gehandelt wurde, ' Führer undMitglieder DerRSDAP. als Abtrünnige der Kirche bezeich­net. die nicht in den Genu st der Sa­kramente kommen dürften. Diese Erklärun­gen sind bis heute noch nicht widerru­fen. und es wird auch seitens der katholischen Geistlichkeit weiterhin danach gehan­delt. Infolgedessen sah sich der Kanzler zu seinem Leidwesen nicht in der Lage, am katholischen Gottesdienst in Pots­dam teilzunehmen.

Der Kanzler hat während der Zeit des offiziellen Gottesdienstes zusammen mit dem Reichsministcr für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goeb­bels, auf den dasselbe trifft, die Gräber sei­ner ermordeten SA.-Kameraden auf dem Luisen-Städt. Friedhof in Berlin besucht. Er legte dort einen Kranz nieder mit der Inschrift:Meinen toten Kameraden. Adolf Hitler". Triumphfahrt durch Potsdam

Um 11.20 Uhr ist der Gottesdienst in der Ntkolai- kirche beendet. Alle Glocken der Stadt läuten, denn jetzt beginnt der feierliche Zug der Fest- teilnehmerzurGarnilonkirche. Jubelnde Hoch- und Heilrufe empfangen den Reichsprä­sidenten, als er aus der Kirche kommt, um eine Rundfahrt durch die Stadt zum eigentlichen Sitz des Preußengeistes, zum Reuen Palais und zum Stadtschloß zu machen. Es ist eine Triumphfahrt durch lebende Mauern von Menschen, die nicht müde werden, durch Fahnenschwenken und Zurufe dem Reichsoberhaupt zu huldigen. Als die harrende Menge den Reichskanzler Adolf Hitler erblickt, durchbraust ein Donner von Heil­rufen die Straßen. Jetzt ist die Polizei kaum im- stände, dem Kanzler einen Weg zu bahnen durch die begeisterten Menschenmassen.

11.30 Uhr:lieb' immer Treu und Redlichkeit." Vom Glockenspiel der Garnisonkirche perlen klare Töne über die Dächer von Alt-Potsdam. Die letz­ten Ehrengäste erscheinen. Man sieht den Staatskommissar von Berlin Dr. Lippert, hohe Reichswehroffiziere darunter den Gruppenführer I General von R » ndstedt, weiter bemerkte man den SA.-Gruppcnführer Berlin-Brandenburg, Graf H e l l d o r f.

Vor der Garnisonkirche in Erwartung deSReichspräsidenten Die Aufstellung an der Garnisonkirche ist voll­endet. Zwanzig Reihen tief an den Bürgersteigen vor den Häusern hat eine ungeheure Men­schenmenge, regungslos der Ereignisse har­rend, StcUung genommen. Davor ist die SA. in acht Gliedern, auf der gegenüberliegenden Stra­ßenseite Reichswehrspalier, so daß nur ein schmaler Weg in der Mitte für den Vorbeimarsch übrig bleibt. AUe Fenster und alle Balkons sind beseht. Ein Teil des Platzes neben der Garnisonkirche ist mit Seilen abgesperrt. Hier sieht man Reichswehr, Stahlhelm an Stahlhelm, dazwischen das Blau der Marineuniformen und der Schutzpolizei. Bunt mischen sich die Uniformen der alten Armee in das Bild. Ein Kommando er­tönt. Reichswehr mit oufgepflanztem Seitenge­wehr marschiert an ihrem Kommandeur im Pa­radeschritt vorüber. Währenddessen treten die Lautsprecher in den Bäumen in Tätigkeit. Das Flötenkonzert von Sanssouci schwingt über dem Platz. Um 11 Uhr plötzlich wieder harter Marschtritt. Die Ehrenkom­panie der Reichswehr marschiert an. An der Spitze rauscht und knistert es: die Fahnen der alten Armee werden vorangetragen. Steil recken sich die Arme zum Gruß. Die Häup­ter entblößen sich, ein Hauch von 1914 weht über die Masse und läßt sie erschauern in Ehrfurcht und Dankbarkeit. 3n wenigen Minuten muß der Reichspräsident erscheinen.

Wie sie ihn bezwang

Originalroman von3- Gchneider-Foerstl

Urheberrechtsschutz: Verlag 0. Meister, Werdau i. S.

28 Fortsetzung Rachdruck verbaten!

Das breite Band der Straße lag in mattgelber Helle. Auf- der gegenüberliegenden Seite rauschte das Meer. Die Schaumkronen der Wellen glitzerten auf wie flüssiges Silber. Sie überschritt die Fahr­bahn und den anschließenden schmalen Gehsteig. Sand rieselte unter ihren Füßen. Der Mond warf ein unwirklich scharfes Licht über die Wasserfläche. Weit draußen glaubte sie ein Segel zu erkennen. Es war aber nur weißer Gischt, der aufbrandete.

Den Mantel um die Hüsten gezogen, ließ sie sich in den Sand gleiten. Wenn sie den Kops rückwärts wandte, konnte sie das helle Rechteck der Türe erkennen, die in ihr kleines Paradies führte. Der Zaun warf stabförmige Schatten gegen die Straße und die Palmen konnten es selbst in der Nacht nicht lassen, mit dem Winde zu kokettieren. Ihre Häupter neigten und fächelten und die Wedel bogen sich der kühlen Brise des Windes entgegen, den das Meer nach dem Lande schickte.

Morgen wurde sie einundzwanzig Jahre und war so alt, als zähle sie sechzig und darüber. Ihre Jugend flog vorbei. Die Sonnentage in Wien. Die Ferien auf Jettenbach AU die tollen Streiche, die sie aus­geheckt und vollbracht hatte. Tage der Trauer meng­ten sich darein. Als kaum Fünfzehnjährige hatte sie den Vater verloren. Ein halbes Jahr später war sie selbst auf den Tod krank gewesen.

Und nun das heute. War es denn so wichtig, dieses kurze zerklatternde Leben und ob man lachte oder weitne, Glück oder Leidvolles ertrug? War es nicht alles ein? Alles? Auch ihre große Sorge, ihr Sehnen nach Liebe. Wie ein tolles Spiel kam es ihr vor, was sie mit solchem Eifer angefangen und ins Werk gesetzt hatte.

In dieser Minute war sie ausgebrannt, erschöpft, müde, alles Hoffens und Wollens bar

Sie streckte sich in den Sand und legte das Gesicht aus die Hände. Ohne Erregung dachte sie an Hans Jörg. Sie hatte ihn erringen wollen um jeden Preis und in dem Augenblicke, in dem sie beinahe am Ziel war, erschien es ihr als sei er ihr weiter entrückt als je. Noch einmal den Kampf, der nun doch kommen mußte, aufnehmen? Noch einmal ihn um- zustimmen und um ihn werben müssen? Neinl

Da war es besser, noch vorher zu gehen.

Aber wohin denn? Wohin denn nur? Sie sah die Mutter mit offenen Armen auf sie warten und ihr ein Asyl bieten, sah Vater Merlin und hörte jedes Wort, das er zu ihr gesprochen hatte:Komm mir wieder, Kind! Nur das eine versprich mir, daß du mir wieder kommst!"

©er Staatsakt in der Garnisonkirche.

und Reichstagspräsident Göring die Kirche. Gs folgen Oberst von Hindenburg, Staatssekretär Meißner, Reichswehrminister von Blomberg, Die Chefs der Heeres- und Marineleitung und an­dere Persönlichkeiten aus dem Gefolge des Reichspräsidenten. Dem Zuge voran schreiten die Geistlichen. Der Reichspräsident bleibt einen Augenblick vor dem Altar stehen. Dann nimmt er gemeinsam mit dem Reichskanzler und Dem Reichstagspräsidenten Göring Platz. Der Reichs­präsident trägt Ceneralfeldmarschallsuniform mit dem leuchtenden Orangeband des Schwarzen Adlerordens. Auch die Teilnehmer des Fest­aktes nehmen Platz.

Der Staatsakt beginnt darauf mit dem Vor­trag des alten Augsburger ChoralsSo lobe meine Seele den Herrn" durch den Staats- und Domchor unter Leitung von Prof. Hugo Rüdel. Von der höchsten Empore unter dem Darock­ausbau der Kanzel schlingen sich die hohen Knabenstimmen durch das Gotteshaus. Als der Ehoral beendet ist, erhebt sich alles. Staats­sekretär Meißner tritt zum Reichspräsidenten vor und überreicht ihm den Text der Be­grüßungsansprache. Der Reichsprä­sident tritt einen Schritt vor und spricht mit ruhiger fester Stimme. Bei den Worten, die er an den Reichskanzler und die Regierung richtet, wendet er sich mit einer Kopfbewegung

Hindenburgs Ansprache.

Durch meine Verordnung vom 1. Februar d. 3. löste i ch den Reichstag auf, damit das deut­sche Volk selbst zu der von mir neugebildelen Regie­rung des nationalen Zusammenschlusses Stellung nehmen könne. 3n der Reichstagswahl vom 5. März hcst unser Volk sich mit klarer Mehr­heit hinter diese durch mein vertrauen berufene Regierung ge st eilt und ihr hierdurch die oerfassungsmäßige Grund­lage für ihre Arbeit gegeben. Schwer und mannigfaltig sind die Aufgaben, die Sie, Herr Reichskanzler und Sie, meine Herren Reichsminlsler vor sich sehen auf innen- und außenpolitischem Ge­biet. 3n der eigenen Volkswirtschaft wie in der Wett sind schwere Fragen zu lösen und bedeutende Entschlüsse zu fassen. 3d) weiß, daß Kanzler und Regierung mit b e st em Willen an die Lösung ihrer Aufgabe Herangehen und ich hoffe von 3hnen, den Mitgliedern des neugebildelen Reichstags, daß Sie in der klaren Erkenntnis der Lage und ihrer Notwendigkeiten sich hin-

Oer Reichskanzler verkündet das Programm der nationalen Regierung.

nach rechts zu Den Plätzen Der Regierung. Be- soNders nachdrücklich waren Die Worte des Reichspräsidenten, als er Die AbgeorDneten a« ihre Pflicht mahnt, an Den großen Werk Der Deutschen Erneuerung mitzuwirken. Wit erho­bener Stimme unterstreicht Der Reichspräsident Den Appell an Das Deutsche Volk zur Einigkeit.

Die Versammlung nimmt wieDer Platz, und Dann ergreift Reichskanzler Hitler Das Wort, Das Der ReichsPräsiDent ihm erteilt hat. Der Kanzler tritt zum Pult, seine Hände ruhen auf Der Plüschdecke Der Pultplatte, auf Der Das Manuskript seiner ReDe liegt. Der Kanzler spricht mit ruhiger unD klarer Bestimmtheit. Seine Stimme bekommt metallenen Klang, wo er vor Dem ganzen Auslände von dem ehrlichen Willen Des deutschen Volkes zeugt, im Sinne der Kaiser­proklamation zu wirken. Bewegt erhebt sich die Versammlung, als der Kanzler mit feierlichen und begeisterten Worten sich an Den Re ich s- präsiDenten wendet. Auch der Reichspräsi- denk steht, gestützt auf seinen Degen. Während Adolf Hitler zu seinem Platz zuriickschreitet, st reckt ihm Der ReichsPräsiDent in tiefer Bewegung Die HanD entgegen: es ist Der Händedruck Der Repräsentanten Des alten und Des neuen DeutschlanDs, von Denen Der Kanzler in seiner ReDe gesprochen hat.

Wieder erklingen im frohen, lebhaften Klang Die (Stimmen Des Domchors Durch Den Raum. AnDachtsvolle Stille umfängt Die Menschen, Die dieser wahrhaft nationalen Feier des deutschen Volkes beiwohnen Durften, während Das macht­volle Amen erklingt.

1 et Die Regierung ff eilen und auch 3hrer- seits alles tun werden, um diese in ihrem schwerer» werk zu unterstützen.

Der Ort, an dem wir uns heute versammelt haben, mahnt uns zum Rückblick auf das alle Preußen, das in Gottesfurcht, durch Pflichttreue, nie verzagendem 2fiut und hingeben- der Vaterlandsliebe groß geworden ist und auf die­ser Grundlage öle deutschen Stämme ge­eint hat. Wöge der alte Gei ft dieser Ruh­me s st ä t t e auch das heutige Geschlecht beseelen, möge er uns f r e i m a d) e n* von Eigensucht und Parteienzank und uns in nationa­ler Selbstbesinnung und seelischer Er­neuerung zusammenführen zum Segen eines in sich geeinten freien stolzen Deutschlands. Wit diesem Wunsche begrüße ich den Reichs­tag zu Beginn seiner neuen Wahlperiode und er­teile nunmehr dem Herrn Reichskanzler das wort."

Oer Reichspräsident betritt die Garnisonkirche. Um 11.45 Uhr künden brausende Heilrufe die Ankunft des Reichspräsidenten an der Garnisonkirche an. Der ehrwürdige Feldmarschall entsteigt seinem Wagen, um das letzte Stück Weg zur Garnisonkirche zu Fuß zurückzulegen. Von fern heran klingt das Deutschlandlied und wird von der Masse naher und näher getragen, bis auch zu den Häusern der Garnisonkirche sein wuchtiger Klang emporbrandet:Deutschland, Deutschland über alles in der Welt." Neue, donnernde Jubel­rufe begrüßen den Reichskanzler Adolf Hitler, der gemeinsam mit dem Vizekanzler v. Papen der Menge grüßend zuwinkt. Reichs­präsident von Hindenburg, mit dem Marschallsstab in der Hand, in der Feldmarschall- uniform der alten Armee, tritt vor d i e E hr e n- k o m p a g n i e, die das Gewehr präsentiert. Die Degen der Offiziere blinken, wie aus einem Guß stcht die feldgraue Mauer. Dann fällt die SA.- Kapelle ein und trägt das Deutschlandlied weiter. Mit erhobenem Marschallstab grüßt der Reichs­präsident die Ehrenabordnungen der Verbände. Dann wendet er sich zur Kirche hin. Am Eingang stehen Reichcminister Göring, Oberbürgermeister Rauscher und der evangelische Pfarrer und grü­ßen das Oberhaupt des Reiches am Eingang zur historischen Stätte des alten Preußens. Die Kirchen­türen schließen sich hinter dem Reichspräsidenten.

Oie Festversammiung.

Im Altarraum nimmt der Herr Reichspräsi­dent gegenüber dem Altäre Platz, schräg rechts von ihm der Reichskanzler, schräg links der Reichstagspräsident. Die rechte Seite des Altarraumes nehmen Reichsmini st er ein. Auf der linken Seite fitzen die Mitglieder der Landesregierungen. ..

Im Kirchenschiff befinden sich die Platze für d i e Mitglieder des Reichstages, westlich vom Altar die Mitglieder der NSDAP., auf der Ostseite die Mitglieder der DNVP., der Zentrumspartei, der BVP. und die Mitglieder der kleineren Parteien.

In der hinter dem Platz des Herrn Reichspräsi- denten gelegenen Kaiserin-Loge haben Platz genommen der frühere Kronprinz, die Kom­missare des Reiches für die preußischen Ministerien, die Präsidenten des Preußischen Landtages, des Reichsgerichts, Reichssinairzhofes, Rechnungshofes, der Reichsbahn, der Reichsbank, Der Oberpräsident der Provinz Brandenburo, die Spitzen der Evange- lischen und Katholischen Kirche, die Oberbürgermei­ster von Berlin und Potsdam, die Präsidenten des Industrie- und Handelstages, der Handwerkskam­mer und die Führer der großen vaterländischen Verbände.

Auf der Empore hat das diplomatische Korps Platz genommen. Vertreter von Handel und Wirtschaft, Vertreter von Kunst und Wissenschaft, die Rektoren aller Ber­liner Hochschulen, die Führer der nationalen Verbände sowie die Vertreter der in- und aus­ländischen Presse. Auf der Südempore haben die Veteranen sowie Angehörige der Stadt­verwaltungen von Berlin und Potsdam und der Justizbehörden Plätze erhalten. Auf der zweiten Empore sind den Bürgern von Potsdam Plätze Vorbehalten.

Oer Verlauf der Feier.

Punkt 12 Uhr braust Die Orgel Durch Den mit GirlanDen unD Fahnen geschmückten Raum. Alle Teilnehmer an Der Feier erheben sich, und wäh­rend b;e Kronleuchter aufstrahlen, betreten Der ReichsPräsiDent, Der Reichskanzler

Herr Reichspräsident!

Abgeordnete, Männer und Frauen Des Deut­schen Reichstages!

Schwere Sorgen lasten seit Jahren auf unserem Volk. Rach einer Zeit stolzer Erhebung, Reisens, Blühens unD GeDeihens auf allen Gebieten un­seres Lebens sind wie so oft in Der Ver- §angenheit wieder einmal R o t und Armut ei uns eingekehrt. Trotz Fleiß und Arbeits­willens, trotz Tatkraft, einem reichen Wissen und besten Wollen suchen Millionen Deutsche heute vergebens das tägliche Brot. Die Wirtschaft ver­ödet, Die Finanzen finD zerrüttet, Millionen ohne

Arbeit! Die Welt kennt nur Das äußere Schein- bilD unserer Städte, den Jammer und das Elend sieht sie nicht. Seit zwei Jahrtausenden wird unser Volk von diesem wechselvollen Geschick be­gleitet. Immer wieder folgt dem Emporstieg der Verfall.

Die Ursachen waren immer die gleichen. Der Deutsche, in sich selbst zerfallen, uneinig im Geist, zersplittert in seinem wollen und damit ohnmächtig in der Tat, wird kraftlos in der Behauptung des eignen Lebens. Er träumt von Recht in den Sternen und verliert den Boden auf der Erde.

Merkwürdig, daß gerade dieses Wort sie jetzt auf­trieb. Er würde sicher nicht vergessen haben, um was sie ihn beim Gehen gebeten hatte, sie heimzuholen nach Ichenhausen, wenn ach, es würde alles so voll Ruhe dort sein. Sie wollte nicht liegen, wo so viel Menschen waren. Immer hatte sie die Stille und das Alleinsein geliebt. Und auf Ichenhausen, da war Der Friede. Vielleicht wo die alten Buchen standen ober weiter hinaus, dem Walde zu, wo die Tannen schatteten. Vater Merlin würde schon wissen wo sie gerne gesessen und es ihr am liebsten gewesen war.

Langsam richtete sie sich im Sande auf und erjchrak. Ihr ganzer Körper hatte sich Darin abgeprägt. Mit beiden Händen verwischte sie die Spur.

Ihre Gedanken zerfuhren immer mehr. Sie wußte nicht wie sie ins Haus zurückkam. Fast ohne sich dessen bewußt zu sein, nahm sie ein Badetrikot aus dem Schranke. Es legte sich weich und warm um ihren Körper. Vor Dem Spiegel stehend, betrachtete sie die Linie ihres Körpers. Wie war sie einmal selig gewesen, daß er so ohne Tadel war. Und jetzt? Sie schüttelte den Kops und begriff sich nicht mehr. Tand! Alles Tand! Und vergänglich! Ach so vergänglich, alles!"

Als sie zum zweiten Male nach Der Treppe ging, verhielt sie den Schritt. Aus Dem Zimmer, in wel­chem das Mädchen schlief, war ein Laut gekommen. Sie lauschte. Nina durfte nicht wissen, daß sie das Haus verließ. Sie konnte jetzt niemand brauchen, Der ihr hinderlich war.

Die Haustüre fiel lautlos in Die Angeln. Sie offen zu lassen getraute sich nicht. Sie drehte den Schlüssel und warf ihn durch das offene Fenster eines der ebenerdigen Zimmer. Der Teppich fing ihn aus, ohne irgendwelchen Ton hörbar werden zu lassen.

Für Die Bewohner Ostias schien es keine Nacht zu geben. Immer zog wieder ein Trupp später Wan­derer vorüber. Verhaltene Worte flüsterten auf. Ein Liedchen trällerte sich zu Den Palmen empor. Fern, vom Getöse der Wellen übertönt gellten Die Signale eines Schiffes.

Fast wäre sie gestürzt, so weich war der Sand, der um ihre Füße riefelte. Die Schultern zurück- gebogen, blickte sie über Die bewegte Fläche. Der Mond stand halb versteckt und spiegelte sich in un­ruhigem Flimmern in jeder Woge, die herangerauscht kam. Man glaubte ihn greifen zu können. Und Dann war er verschwunden

Unweit der Stelle, wo sie stand, flüsterten zwei Menschen. Die Augen zur Hälfte geschlossen, sah sie wie sie sich umfingen, glaubte den Kuß zu hören, den der Mann dem Weibe auf Die Lippen drückte, vernahm den leisen verstohlenen Schrei, der mehr Lull als Abwehr verriet.

Für Sekunden deckte sie die Hände über die Lider. Eine Woge kam von draußen, rollte näher, schillerte und zischte auf. Das Meer lockte:Komm"

Die Arme hebend warf sie sich ihm entgegen. Wie weich! Wie kühl! Nun würde sie Ruhe finden. Ihr

Mund lächelte, während ihr Die Wellen Die Tränen fortspülten.

Buona notte I"

*

Joe Brandt stand mit abgenommenem Hut im Vestibül des Parkhotels und kehrte seinem Spiegel­bild den Rücken. Er hatte vorhin im Vorübergeyen einen Blick darauf geworfen und sich mit Schrecken abgewendet. Seit sechs Uhr, als die Aufforderung an ihn ergangen war, Baron Merlin erwarte ihn im Hotel, trug er sich mit der Gewißheit, daß diese Stunde jetzt Die Entscheidung bringen werde.

Und keine, aber auch nicht die geringste Möglich­keit, sich mit Frau Stephanie zu verständigen. Himmel und Hölle hatte er in Bewegung gesetzt, war selbst in Ostia gewesen und hatte nicht erfahren können, wo sie wohnte. Er wußte nichts als das eine, daß der Baron der Ansicht war, daß er Der Geliebte feiner Frau fei. lieber alles andere war sie so ahnungslos wie er.

Er zermarterte syin Gehirn, wie Merlin es heraus- gebracht hatte, daß er in Rom war, im Hause Guielmo. Jedenfalls hegte er auch den Verdacht, daß die Baronin hier war. Niemals im Leden hatte er sich in ähnlich fürchterlicher Lage befunden. Er hatte im Kriege seinen Mann gestellt, war zweimal schwer verwundet und zum Schluß noch einen halben Tag verschüttet gewesen, niemals mutlos ober ver­zagt. Und nun stand er ratlos und spielte mit dem Gedanken an Tod und Flucht.

Aber selbst dieser Wey war ihm verrammelt, Denn die Baronin benötigte ihn als Zeugen, daß nichts, aber auch yar nichts

Er riß sich zusammen als Merlin eintrat. Hinter ihm erschien Doktor Oehme. Zwei Schritte machte er auf Die beiden zu, hielt inne, tat sie wieder zurück und verneigte sich:Brandt!"

Merlin Doktor Oehme!" #

Sich Die Hände zu reichen war keine Veranlassung. Absr als Joe sich jetzt wieder im Spiegel sah, zog er sein Taschentuch und tupfte sich über die schweiß- überronnene Stirne.

Vielleicht haben Sie Die Güte, mit auf mein Zimmer zu kommen, Herr Oberleutnant!' sagte Merlin.Dort haben wir wenigstens keine Horcher zu befürchten."

Zu dreien schritten sie Die läuferbelegte Treppe hinauf. Vor Dem Eingänge zu Den Räumen, die Hans Jörg mit Oehme bewohnte, blieb dieser zurück. Ich warte unten im Lesezimmer auf dich!" Mit einer Verneigung nach Joe hin stieg er Die Stufen wieder hinab.

Merlin schloß auf, trat als erster übet die Schwelle und nachdem er das Licht hatte aufflammen lassen, machte er eine auffordernde Bewegung nach Brandt hin. Die Türe floppte hinter den beiden zu und Joe war auf einmal ganz sicher, daß er Den Raum nicht lebend verlassen werde.

Merlin zeigte nach einem Der beiden an Den Tisch geschobenen Stühle und forderte kein zweitesmal

auf, als die Ablehnung, Platz zu nehmen, erfolgt war. Ich verteidige mich lieber im Stehen, Herr Baron!"

Wie Sie wollen! Es würde uns beiden vel Zeit ersparen, wenn Sie im Falle Sie sich schuldig zu sprechen haben Ihr Geständnis ohne weiteres ob­legen wollten. Meinerseits habe ich nichts zu erklären, als daß ich allerdings auf anonymem Wege benachrichtigt wurde, daß Sie meine Frau oder besser, daß meine Frau sich", er suchte offenbar nach Worten, das Heikle dieser Sache möglichst dis­kret zu bezeichnen.Also, daß meine Frau sich mit Ihnen amüsiert hat. Ist es so?"

Brandt stand im hellen Licht Des Kronleuchters, Der mit unbarmherziger Schärfe jeden Zug seines Gesichtes zur Schau stellte. Die Hände leicht zur Faust geballt, sah er nach Merlin hinüber, Der, ge­gen Den Schreibtisch gelehnt, keinen Blick von ihm lieh.

Keine Frage, auch nicht Die geringste Handbewe- gung forderte Joe auf zu sprechen. Und als er es tat, dünkte ihm feine Zunge wie ein schwerer Kloß. Der Brief ist eine gemeine Verleumdung", sagte er, jedes Wort abgehackt.Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Offizier, Daß zwischen Ihrer Frau Gemahlin unD mir niemals irgendwelche Beziehun­gen beftanDen haben."

In Merlins Gesicht veränderte sich kein Zug.Wie sind Sie überhaupt nach Ichenhausen gekommen, Herr Oberleutnant?"

Auf die Empfehlung Des Herrn Grafen von Har- rach wurde ich als Reitknecht von Ihrem Herrn Vater in Dienst genommen."

Im Einverständnis mit meiner Frau!"

Brandt wollte auffahren. Denn Der Spott hatte ihn wie ein Peitschenhieb getroffen, aber er be­herrschte sich. ,Ja im Einverständnis mit der Frau Baronin!"

Sie waren viel mit meiner Frau zusammen?"

Bei Ihren Ritten, ja!"

Und sonst?"

Brandt blieb nichts übrig, als Die Wahrheit zu bekennen. Wenn etwas Frau Stephanie nützen konnte, Dann nur Das. Eintönig, als erzähle er Die Geschichte eines anDeren, fing er zu sprechen an:

Ich liebte--ich liebe noch--" Eine Wen­

dung, die Merlin nach ihm hinmachte, ließ ihn er­schrocken weiterhastenDie Komtesse Isabella Trany, Graf Harrachs älteste Enkelin." Er zuckte Die Schulter unD benötigte Das Taschentuch, Das feuchtglänzende Haar zurückzustreichen.Es war aussichtslos." Sein schlanker Körper beugte sich Da­bei etwas nach vorne, als wollte er sein Gesichr ver­bergen.Nur Die Frau Baronin wußte Davon. Sie war Die einzige, Der ich mich anvertraut hatte. Sie' suchte mich zu trösten und an Dem Nachmittag, an welchem ich bereits Den Revolver in der Hand hielt, entwand sie mir diesen und versprach"

Merlin machte einen Schritt auf ihn zu:Herr Oberleutnant, Sie haben Ihr Wort als Offizier gegeben!" (Fortsetzung folgt.)