Ausgabe 
19.6.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Soll man den Hauptgashabn nachts zudrehen?

Don Frih Jieumann.

Es gibt viele Leute, die es für notwendig halten, den Haupthahn der Gasleitung nachts-u- »udrehen in der Meinung, dadurch ungeheuren Ge­fahren zu entgehen. Ich habe es nie getan, und zwar aus folgenden Gründen nicht. Es kann doch noch irgendwo eine Lampe brennen: wenn man dann den Haupthahn zudreht, fo geht fie aus. Dreht man ihn früh wieder aus, beispielsweise um Kaffee zu kochen, so strömt aus der Lampe Gas aus. Dauert das längere Zeit und betritt man dann den Raum mit Licht, so kann man den schön­sten Zerknall herbeisühren, den man früher be­kanntlich Explosion nannte, und der geeignet ist, ein ganzes Haus niederzulegen. Oder man hat durch Zudrehen des Haupthahns gar eine in einem Schlafzimmer brennende Gaslampe ausgemacht: irgendein Wohnungsgenosse will in der Rächt Licht haben oder etwas aus Gas kochen und dreht den Haupthahn auf, vergibt ihn aber nachher zu­zumachen dann ist die Gasvergiftung da!

Die Gefahr, daß bei offenem Haupthahn ein Unglück geschieht, ist nicht so sehr grob. Es muß jemand schon den bewußten Professor mit dem vergessenen Regenschirm an Zerstreutheit weit in den Schatten stellen, wenn er etwa den Gashahn einer Lampe aufdreht und dann das Anzünden vergißt Und wenn er die Lampe ausmacht, so dreht er ja zu, denn es wird Wohl niemand auf den Gedanken kommen, eine Gasflamme auszu­pusten und so den Hahn offen zu lassen, ganz ab­gesehen davon, daß das Auspusten mit großen technischen Schwierigkeiten verknüpft ist.

3d) halte deshalb das Schließen des Haupthahns für einen technischen Aberglauben und bin dazu um Io mehr geneigt, als es tatsächlich ungemein viel Aberglauben auf technischem Gebiet gibt, der sich leider recht häufig in Gestalt ganz törichter Hand­lungen äußert.

Da wir gerade beim Leuchtgas sind, möge ein zweiter Aberglaube aus diesem Gebiet hier noch Platz finden: Es gibt eine recht große Zahl von Hausfrauen, die die feste Ueberzeugung haben, sie fparten ganz ungeheure Gasmengen, wenn fie den Haupthayn nur halb ausmachten,weil bann der Druck geringer sei". Wie steht es damit in Wirklich, feit? Nun, solange noch keine Campe brennt, ist der Druck in den Zimmerleitungen genau gleich groß, wenn der Haupthahn ganz und wenn er halb ausgedreht ist. Auch wenn nur eine Lampe brennt, ist der Unterschied nicht merklich. Wenn aber all- mählich mehr Campen angezündet werden, ober wenn gar mit Gas gekocht wirb, dann kann durch den nur halb offenen Haupthahn nicht mehr genug Gas zuströmen. Die Folge davon ist die: Alle Canv pen brennen dunkler, aber nicht nur um so viel dunkler, als es der ihnen nun weniger Zuströmen- den Gasmenge entfvricht: ihre Helligkeit läßt viel­mehr stärker nach, schon weil die Flamme nun die Glühstrümpfe nicht mehr genügend bespült: es ist also unvorteilhaft, so zu verfahren: man spart zwar tatsächlich etwas Gas, aber nur bann, wenn mehrere Campen gleichzeitig brennen, etwa wenn mehr als die Hälfte brennen; brennen weniger, so spart man nichts, denn so viel Gas, wie diese brauchen, kann auch durch den halb geschlossenen Haupthahn Zu­strömen. Beim Kochen aber verschwendet man unter allen Umständen, denn wenn wenig Gas zuströmt, so dauert es länger. Das gleicht sich nicht etwa aus. Denn je länger cs dauert, desto mehr Wärme strahlt während des Kochens aus und geht verloren.

Aber ganz abgesehen davon: Heute wird Gas fast nur noch in Bunsenbrennern verbrannt, das heißt in solchen Brennern, in denen es vor der Berdren- nung mit Cuft gemischt wird, und zwar geschieht dies sowohl in den Glühstrumpfbrennern als auch in den Kochbrennern. Nun sind die Einrichtungen felbstverständlich so getroffen, daß ein möglichst gu­ter Wirkungsgrad erzielt wird: dazu gehört, daß Gas und Cuft in einem ganz bestimmten Verhält­nis gemischt werden, wovon man sich leicht über­zeugen kann, wenn man die Cuftlöcher an einem Glühstrumpfbrenner zuhält. Wenn nun die Haus­frau zu wenig Gas gibt, ohne zugleich die Cuftzu- fuhr zu vermindern und das tut sie natürlich nicht! so spart sie nur scheinbar, in Wirklichkeit ist sie eine Verschwenderin: Beim Kochen arbeitet sie auf alle Fälle teurer, beim Verbrauch von Gas für Ceuchtzwecke bekommt sie für dasselbe Geld weniger Licht.

Einen Hahn gibt es freilich fast in jeder Wohnung, der immer geschlossen werden sollte, wenn kein Gas fließen soll: Das ist der Hahn an der Wand, an den ein Schlauch angeschlossen ist: denn solche Schläuche werden leicht undicht ober losen sich von ihrem Hahn oder von ber mit ihnen angeschlossenen Vorrichtung, und bann strömt gleich sehr viel Gas aus. Dagegen wirb aber leiber recht oft gesündigt!

Oie Erhebung der Ehestandshilfe.

3m Reichssteuerblatt werden jetzt die umfang­reichen Durchführungsbestimmungen über die Ehe- ftandshilfe ber Lohn- unb Gehaltsempfänger ver­öffentlicht. Der Reichsfinanzminister weift dazu in einem Runderlaß barauf hin, baß besonders vor­dringlich die umgehende Unterrichtung ber Arbeit­geber über die Einbehaltung dieser Ehestandshilfe ift. Er erinnert nochmals daran, daß ber Beginn der Auszahlung ber Ehestandsbarlehen davon abhängig ist, baß die allein aus der Erhebung der Ehestands- Hilfe dafür zu beschaffenden Mittel rechtzeitig zu flie­ßen beginnen. Die Ehestandshilfe wird bekanntlich erstmalig von den Löhnen und Gehältern einbehal- ten, die für den Monat 3uli 1933 zu zahlen sind.

lieber die Behandlung der vom bisher erhobenen Lebigenzuschlag befreiten Arbeitnehmer besagt der Runderlaß folgendes: Nach den Vorschriften über den Zuschlag zur Lohnsteuer ber ledigen Arbeitneh­mer waren Steuerpflichtige, die zum Unterhalt ihrer geschiedenen Ehefrau ober eines bedürftigen Eltern- teils seit einem Jahre mindestens ein Zehntel ihres Einkommens aufroenbeten und deren steuerfreier Cohnbelrag aus diesem Grunde erhöht worben war, vom Lebigenzuschlag befreit. Von ber Ehestandshilfe sind dagegen unter denselben Voraussetzungen nur Personen befreit, die mindestens ein Sechstel ihres Einkommens für die genannten Zwecke aufwenben. Dana* müßte in allen Fällen, in denen Personen vom Lebigenzuschlag befreit sind, nachgeprüft wer­ben, ob auch die Voraussetzungen für die Befreiung von ber Eh^standshilfe vorliegen. Eine solche Nach­prüfung würbe aber zu einer erheblichen Belastung ber Finanzämter in der nächsten Zeil führen und auch unbillige Härten während ber Uebergangszeit mit sich bringen. Der Reichsfinanzminister hat sich beshalb damit einverstanden erklärt, baß diejenigen, bei denen im übrigen die Voraussetzungen für die

Befreiung von der Ehestandshilfe gegeben sind, schon bann von ber Ehestanbshilfe befreit werden, wenn sie im Jahr nur ein Zehntel ihres Einkom­mens für die genannten Zwecke aufwenben. Wenn die Befreiung von der Ledigensteuer auf ber Steuer­karte für 1933 bereits vermerkt ist, fo hat dies ohne weiteres auch die Befreiung von ber Ehestandshilfe zur Folge.

Aiedergelegte Mandate bleiben bis auf weiteres unbesetzt.

WSN. 3n einer Reihe von Landgemeinden Hes- sens haben die sozialdemokratischen Mitglieder des Gemeinderats ihre Mandate niebergelegt. Die Man- bäte wurden dann durch Mitglieder anderer Par­teien besetzt. Der hessische Minister des Innern hat diese Umbesetzung für unzulässig erklärt und an- geordnet, daß niedergelegte Mandate bis auf wei­teres unbesetzt bleiben müssen. Eine Neubesetzung könne nur mit ausdrücklicher ministerieller Geneh­migung erfolgen.

lv.rnotizen.

Tageskalender für Montag. Neues Schloß: 10 bis 13, 15 bis 18 Uhr, Werbe-Ausstel- lung hessischer unb rheinischer Kunsttöpfereien. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Was Frauen träumen" mit Nora Gregor und Gustav Fröhlich.

* Gefallenen-Ehrung im Landgraf- Ludwigs-Gnnasium. Wie wir im Februar schon kurz beridjteten, läßt das Landgraf-Ludwigs- Gymnasium eine Ehrentafel für die im Weltkrieg gefallenen Schüler unb Lehrer anbringen. Die

Denkt an die(Stiftung für Opfer der Arbeit"!

Einzahlungen an Relchskrebilgefellschaft Berlin W 8, Behrensstraße 21/22, sowie aus deren Reichs­bankgirokonto und deren Postscheckkonto Berlin 120 unter Angabe der Kontobezeichnung:Stiftung für Opfer ber Arbeit".

Ehrentafel wirb im Dorraum des ersten Stockes an­gebracht. Die Vorarbeiten sind nun soweit fertig- gestellt. Die Einweihung soll in einem Festakt am 14. Juli erfolgen. Die Direktion bes Landgras-Cub- wigs-Gymnasium wirb in einer befonberen Ein­ladung in unserem Blatte die Eltern und Ange­hörigen der Gefallenen zu diesem Festakt auffordern.

** Beschäftigung von Hausgehilfin- ne n und ermäßigter Steuerabzug. Im neuesten Reichssteuerblatt weist der Reichsfmanz- miniftcr hinsichtlich ber Gesetzesbestimmungen über bie Beschäftigung von Hausgehilfinnen darauf hin, daß Haushaltungsvorstänbe, die Lohn- unb Gehalts­empfänger sind unb Hausgehilfinnen in ihrem Haus­halt aufgenommen haben, zweckmäßigerweise mög­lichst bald bei der Gemeindebehörde die Ergänzung ihrer Steuerkarte durch Nachtragung der Hausgehil­fin beantragen, damit ber Arbeitgeber ober die aus- zahlende Kasse den Steuerabzug erstmals von den Löhnen ober Gehältern, bie für den Monat Juli zu zahlen sind, unter Berücksichtigung ber Haus- gehilfin vornehmen kann.

Zur Abwehr unwahrer Schwätzereien.

Frankfurt a. M., 17. Juni. (WSN.) Das Frankfurter Volksblatt" schreibt u. a.:Es läuft in der Bevölkerung bas Gerücht um, baß anläßlich des Besuches bes Ministerpräsibenten Göring ein besonderer Aufwand getrieben worden fei. Diese An­sicht ist offensichtlich darauf zurückzuführen, daß die Reportage schlecht und zum Teil mit u n - richtigen Angaben durchgegeben worden ist. Ministerpräsident Göring ist in glühender Son­nenhitze von 9 bis 23 Uhr durch die Städte und Dörfer bes Nassauer Landes gefahren und hat hier- bei etwa 30 Mal bas Wort ergriffen. Es ist felbftDerftänblid), daß nach diesen außer­ordentlichen Strapazen eine Erfrischung geboten werden mußte. Bei den Darbietungen der Erfrischungen ging man von dem Grundsatz ber ab­soluten Sparsamkeit aus. Es wurde ledig­lich kalter Fisch, kalter Braten ohne Vorspeisen mit einem Täßchen Kafsee geboten, dazu gab es offiziell ein Glas Wein ober Bier. Auf besonderen Wunsch wurde mit Rücksicht auf die Ermüdung einzelner Teilnehmer an ber Fahrt ein ©las Sekt gereicht. Don einer Schlemmerei ober Bölleret kann keine Rebe fein. Ein noch einfacherer Umfang würbe sich allerdings mit ber Würbe der Stadtver­waltung nicht vereinbaren lasten. Als eine unver­schämte Lüge muß bie Behauptung angesehen wer­den, es wäre übermäßig getrunken worden. Tatsache ist. daß Herr Ministerpräsident Göring zwei Glas Bier getrunken hat. Für diese Maß­nahmen übernehmen bie betreffenden Stellen bie volle Verantwortung."

Or. Krebs einstimmig zum Frankfurter

Oberbürgermeister gewählt.

Frankfurt a. TI., 17. Juni. (WSN.) In einer bringlidj einberufenen außerordentlichen Stadtver­ordnetenversammlung wurde heute der bisherige beauftragte Oberbürgermeister Lcmdgerichtsrat Dr. Krebs zum Oberbürgermeister ber Stadt Frankfurt a.M. gewählt. Don den 77 Stadtverordneten waren 62 anwesend, die sämt­lich ihre Stimme für Dr? Krebs abgaben. Die Be­stätigung des neuen Oberbürgermeisters war bereits gelegentlich ber Anwesenheit bes preußischen Mi­nisterpräsidenten Göring in Frankfurt erfolgt

SPO.-Abgeordneter in Schutzhast genommen.

Offenbach, 17. Juni. (WSN.) Heute vormittag fand sich vor dem Hause bes SPD.-Abgeordneten Wibwann eine große Menschenmenge ein unb bemonstrierte gegen ihren ehemaligen Genossen. Die Polizei sah sich veranlaßt, Widmann zu seiner per­sönlichen Sicherheit in Schutzhaftzu nehmen.

Operation des Bischoss von Fulda.

Marburg, 17. Juni. (WSN.) Der im 76. Le­bensjahr stehende Bischof von Fulda ist auf seiner Firmungsreise in Marburg erkrankt. Er mußte sich einer Operation unterziehen, bie nach Aussage ber Aerzte günstig verlaufen ist

Aufstieg zum Darmstädter Monument wieder geöffnet.

WER. Darmstadt, 17. Juni. Genau 20 Jahre lang, feit dem Jahre 1913. war der Aufstieg auf die 33 Meter hohe Plattform der Cubroigsfäule, dem Wahrzeichen Darmstadts im Regierungsviertel, geschloßen. Von nun an ist es wieder möglich, .zu Füßen" des Groh- hevzogs Ludwig I. einen wundervollen Rund­blick zu genießen. Der Aufstieg über die 173 Stufen im Innern deS .langen Ludwig" ist wesentlich erleichtert da infolge der neuinftal- lierten elektrischem Beleuchtung die Begleitung eines Führers mit Laterne überflüssig wurde. WormserGartenbaudirektorerschießt sich

WSR. Worms. 17. Juni. Heute vormittag erschoß sich in seiner Wohnung der Garten­baudirektor der Stadt Worms Hans Thierolf. Der Berstorbene war ein gebürtiger Darm­städter und feit 17 Jahren hier als Leiter der Garten- und Friedhofsverwaltung tätig, lieber die Beweggründe zur Tat ist noch nichts näheres bekannt.

Bücheriisch.

Werkleute. Die Arbeit im Spiegel der Dichtung. WitBeiträgen von Karl Dröger, Ger­rit Engelke, Hans Grimm, Heinrich Lerfch, Her­mann Löns, Jakob Kneip, Karl Benno von Mechow, Paul Zech u. a. Wit sechs Aufnahmen. In Halbleinen 85 Pf., in lackiertem Umschlag ge­heftet 45 Pf.. Verlag Fredebeul & Koenen, Essen. (134.) Das Bändchen erschien in der bekannten SammlungDeutsches Gut". In ihm sprechen Dichter in Prosa und Vers vom deutschen Men­schen bei feiner Arbeit, fei es, daß Benno von Mechow von dem erschütternden Tod eines Tag- löhners an der Dreschmaschine erzählt, oder Her­mann Löns uns zu dem besinnlichen Schnucken­schäfer in der einsamen Heide führt, sei es, daß Heinrich Lersch uns das aufregende Ginschwim­men eines Brückenbogens miterleben läßt ober wir mit Paul Zech zum Hauer in die Grube fahren, oder Hans Grimm die unermüdliche Ar­beit schildert, die der Deutsche in den Kolonien geleistet hat. Vielstimmig ist das Lied, das zu Preis und Ehre deutscher Arbeit erklingt: Freude am Beruf, Stolz auf das Werk, tägliche Mühsal im Dienst der Volksgemeinschaft. Die Hingabe des Deutschen an sein Werk kommt auch in den sechs Aufnahmen von schaffenden Men­schen, die sich dem Text harmonisch eingliedern, zum Ausdruck.

Paul von Hahn: Die Augen des unbekannten Soldaten. Roman. 256 S. Gurt Pechstein, Verlag, München. (44.) Dieser Roman ist der erste Band einer Trilogie unter dem TitelWende der Zeit". Er gibt

ein Stück Psychologie der russischen Revolution unb stellt den russischen unb den deutschen Typus psychologisch abwagend gegeneinander In einer spannenden Fabel wird die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit der bolschewistischen Lehre und die Rückkehr zu Heimat unb Arbeit insVer­heißene Land" geschildert; dies ist der Titel des in Vorbereitung befindlichen zweiten Ban­des. Der dritte sollAlltag und Jugend" heißen.

Gerhard Wenzel: Flüchtlinge Er­lebnis Deutscher in fernen Ländern Ganzleinen 5.80 Mk. kartoniert 4 Mk. Wilh. Gottl. Korn, Verlag, Breslau. (55 ) Daß der Wensch ohne den Glauben nicht zu leben vermag, und daß ber Glaube in sich selbst bie Kraft hat. Berge zu versetzen, zeigen die abenteuerlichen Schicksale einer Handvoll Wolgadeutscher Flüchtlinge, bie im fernen Osten drei Tage unb drei Rächte lang in der allerhöchsten Gefahr schweben, so­lange fie ohne Glauben sind, in dem Maße aber, indem sie dieses Glaubens teilhaftig werden, auf das wunderbarste über ihre Feinde siegen. Von Gerhard Menzel stammen bie DramenTo­boggan" unbBork" und das Textbuch deS großen Uboot-FilmSMorgenrot".

WilhelmJäaer.StreitunbStrafe. Erzählung aus den Zeiten des Reichskammerge­richts. Herausgegebcn von Karl Esselborn. Wetzlar, Schnitzlersche Buchbruckerei und Buchhand­lung 1932. Preis broschiert 2 Mk. (415) Wir können Esselborn nur dankbar fein, daß er diese kleine Erzählung aus Jägers (gestorben 1892 als Steuerrat in Darmstadt) Nachlaß veröffentlicht hat. Gibt sie doch einige Episoden aus der Geschichte der Reichsstadt Wetzlar und des Reichskammergerichts, über die bie Einleitung genauer Aufschluß gibt, ge­schickt ineinander verwebend ein lebendiges Bild der eigenartigen Verhältnisse, in die der höchste Ge- richtshof des alten Reiches verflochten war, unb ver­bindet sie glücklich mit einer bei aller Harmlosigkeit psychologischer Feinheiten nicht entbehrenden Lie­besgeschichte. L.

Damballa ruft! Ein Roman aus Haiti. Don Hans Possendorf. (Verlag Knorr & Hirth, München.) Geheftet RM. 1,80, Leinen RM. 2,70. (115.) Damballa, der Schreckliche, der Gott, den die Eingeborenen Haitis fürchten und verehren, ruft nach seinen Gläubigen und . . . nach Opfern! Die blutige Negerrevolution des Jahres 1917 hat Haiti heimgesucht. Ströme von Blut sind vergossen, zweihundert Geiseln hingemordet. Vor diesem histo- rifchen, in Europa infolge des Weltkrieges kaum be­achteten Hintergrund, spielt Possenborfs neuer Ro­man. Die merkwürdige Geschichte eines Zombies, eines Scheintoten, der durch die Kunst eingeborener Magier aus einem tobähnlichen Starrkrampf zu einem willenlosen Scheinleben erweckt wirb, macht diesen neuesten, spannenden Roman von Hans Pos­sendorf aus der geheimnisvollen Insel besonders reizvoll.

Oie Entdeckung Deutschlands.

Greuelmärchen im Altertum. Oer Bernstein lockt. Das Geheimnis der ^Meerlunge". Oer Columbus Germaniens.

Don Professor Or. Friedrich Behn, Kustos am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.

Während an den Rändern des Mittelmeers unb im Orient Kulturen aufblühten und wieder ver­blühten, von denen uns ein reich entwickeltes Schrifttum kündet, lag der Norden Europas noch im Dämmerlicht derVorgeschichte", das fein Strahl geschriebener Geschichte erhellt. Dod) Vorgeschichte ist nicht gleichbedeutend mit Kulturlosigkeit oder auch nur Kulturarmut, die Funde zeigen uns ein reiches Kulturleben vor allem in den Gebieten, die von den Germanen bewohnt waren. Es ist besonders die Stufe der sog.Bronzezeit", bie rund dem zweiten Jahrtausend v. llchr. entspricht, mit ihrer unerhörten Pracht selbst in den Dingen des täg­lichen Lebens. Es war wohl die Stärke dieser Kul­turen, daß sie sich ungestört vom Strome derklas­sischen" Lebensformen in ihrer Eigenart voll ent­falten konnten. Ein im Altertum heiß begehrter Handelsartikel des Nordens war basGold des Nordens", der B e r n ft e i n, ber in ber Urgeschichte bes Handels eine ungeheuer große Rolle spielt. Zu diesen Quellen führten sowohl Land- wie Seewege, jene entiang den großen Ftußtälern. Die Seefahrer hatten ein drastisches Mittel, sich unliebsamer Kon- kurrenz festzuhatten, indem sie fürchterliche Dinge erfanden von unglaublichen Gefahren und Unge­heuern aller Art. Die Erzählungen ber Odyssee haben uns eine ganze Anzahl solcher Schiffermär- chen überliefert. Ein wirkliches geographisches In- teresse hat das klassische Altertum nicht gekannt. Man machte es sich recht leicht: alle nördlich von Griechenland wohnenden Völkerschaften waren Skythen". Als dann durch die jonische Kolonisa­tion in Frankreich (Massilia) und Spanien (Em- porion) auch ber Westen mehr in den Gesichtskreis zu treten begann, kamen bieKetten" hinzu. Als Grenze biefer beiden Nordvölker nahm man die Elbe an. Was noch weiter nördlich wohnte, nannte manKeltoskythen".

Die wirkliche Entdeckung bes germanischen Nor- bens knüpft sich an den Namen bes Pytheas von Massilia. Er ist einer der größten Entdeckungsreisen- den der Geschichte gewesen. Seine Fahrt ging aus von Massilia (Marseille), berührte Gades (Cadix) und folgte bann den Küsten des Ozeans. Die Ex­pedition des Pytheas war ausgerüstet von maffa- statischen Kaufherren, hattte also wohl nicht bloß wissenschaftliche Ziele, sondern sicher auch wirtschaft­liche. Doch immer ist ja die Erweiterung des See­handels auch ber Erweiterung des geographischen Wissens zugute gekommen. Jedenfalls hat sich Py­theas lange an den Küsten bes Atlantischen Meeres aufgehalten und Messungen an Ebbe unb Flut vor- genommen; bie ja im Mittelmeere kaum merkbar sind. Sein Ziel war angeblich, bas Lanb zu finben, in dem bie Sonne im Sommer nicht untergeht. Das klingt sehr glaublich, findet sich doch bereits in der Odyssee eine Nachricht von den langen nordischen Nächten.

Das spätere Altertum hat Pytheas vielfach ange- feindet unb ihm falsche Zettangaben vorgeworfen, die allerdings durchweg doppett zu lang sind. Eine Erklärung ist vielleicht bie Verzögerung der Fahrt durch bie wissenschaftlichen Beobachtungen. Ein Be­weis für feine Glaubwürdigkeit aber sind seine burchaus richtigen Angaben über England, Form unb Lage der Insel und das Längenverhättnis der drei Seiten, wenn auch hier die Maße wieder dop- pett zu groß sind. Die Insel heißt bei ihm bereits Brettanike und Albion. Von hier aus fährt er in 6 Tagen nach Thule. Der Ort war vorher ein vager, gern von Dichtern gebrauchter Begriff. Man

hat in Pytheas Thule gern Island gesehen, das auch im Mittelalter häufig so genannt wurde, doch ist das unmögüd).

Die Römer, die mit einer eigenen Expedition den Nachrichten des Pytheas nachgingen, glaubten Thule in einer ber Shetlands-Inseln wiedergefunden zu haben. Neuerdings neigt man mehr zu einem Orte an ber norwegischen Küste, nach den spärlichen An­gaben bei Pytheas sehr wohl möglich. Er fährt von ber Nordspitze von Schottland aus nach Norden und muß dabei in den Golfstrom geraten sein, ber fein Schiff so versetzen mußte, daß er leicht in die Gegend von Drontheim geraten konnte. Hier findet er be­reits ganz kurze Nächte. Jenseits liegt dieMeer- lu n g e", eine viel behandelte Nachricht. Wenn es nicht wieder ein Schifsermärcben ist, das die Ein- heimischen ihm aufgebunden haben, mag man im­merhin an die dem Südländer allerdings gänzlich ungewohnte Erscheinung des Wattenmeeres denken. Der Wechsel von Ebbb« und Flut erweckt ja leicht die Vorstellung eines gigantischen Atmens des Meeres.

In ber Norbsee findet Pytheas eine 1100 Kilo- meter lange Bucht namensM e t u o n i s". Der Name ist sicherlich verderbt, es mag aber sehr wohl das altgriechische Mede darinstecken, das in sehr vielen Namen oorkommt. Eine Tagereise vor j)er Küste liegt eine Insel Abalus. Hier ist der Bern­stein so häufig, daß die Bewohner ihn bei dem Mangel an Holz zum Lichtbrennen benutzen. Man hat an Helgoland gedacht, auch an bie nord­friesische Hallig Habel, deren Name allerdings ganz gut stimmen würbe. Doch hat sich die Küste der Nordsee feit der Mitte des 4. vorchristlichen Jahrhunderts durch die häufigen Sturmfluten (zu- mals vor der Eindeichung) so völlig verändert, daß jeder Versuch überflüssig ist, die Insel noch festzu­stellen.

Die Leute von Abalus verhandeln den Bernstein an bie Anwohner der Bucht. Deren Name heißt in den Handschriften Guiones, wohl verschrieben aus Gutones Goten (alt Gutans). Im attfriesi- schen Recht finden sich Spuren ostgermanischer Rechtsauffassung, die chre Erklärung fänden, wenn einmal Goten an der Küste ber Norbsee gesessen hätten. Daß der Name aus Tutones, Teutonen, verschrieben sei, ist ziemlich ausgeschlossen, nachdem ber Süden diesen Stamm aus allergrößter Nähe kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte. Ob Py­theas in bie Ostsee eingefahren sei, ist umstritten, seine Berichte sind im Original nicht erhalten, wir besitzen nur eine Reihe von Zitaten bei späteren Schriftstellern.

Der Reise des Pytheas folgten bald andere, bie noch über ihn hinausgingen. So wird uns um bie Mitte bes 2. Jahrhunderts von einer Reife in den hohen Norden berichtet, dabei findet sich zuerst ber Name Sa Hein. Um die Wende des zweiten zum ersten Jahrhundert ist bie Ostsee bekannt unb wird Morimarusa, Totes Meer genannt wegen des Fehlens von Ebbe unb Flut. Der samländifche Bernstein wird bekannt, unb man unterscheidet noch der Farbe zwei Arten. Die schweren Kämpfe der Römer gegen die Kimbern und Teutonen, denen sich als dritter Stamm bie Ambronen (von Amrum) zu- gesellt hatten, brachten den Süden bann in nähere Berührung mit dem germanischen Norden, um diese Zeit werden die Nordländer zum ersten Male ® er- mani genannt. Der kühne Entdecker Germaniens aber war Pytheas von Mafsista.