Ausgabe 
19.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 116 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Freitag, 16. Mai 1933

Schuhhändler-Tagung in Frankfurt a. M.

Der Landesverband Rhein-Maingau im Reichsoerband Deutscher Schuh- Händler hielt in Frankfurt a. M. eine außer­ordentliche Mitgliederversammlung ab, deren Haupt­punkte die Durchsührung der Gleichscholtungsaktion war. Die Leitung der aus dem ganzen Gebiet des Landesverbandes sehr aut besuchten Versammlung hatte der 2. Vorsitzende Herr Wa 1 dschmidt, Gießen.

Nach seinen Begrüßungsworten teilte der Ta- gungslelter mit, daß der 1. Vorsitzende Herr Bru­nel! sein 21 mt niedergelegt und der bisherige Syn­dikus Dr. Millner um Aushebung seines Ver- lrngsoerhältnisses gebeten Hobe. Darauf seien sämt­liche Vorstandsmitglieder von ihren Posten zurück- geireten. Ein neuer Vorstand könne sich zum großen Teil aus den bisherigen Mitgliedern zusammen­setzen, da die Mehrzahl von ihnen der NSDAP, bei­getreten sei. Einstimmig wurden zu Vorstandsmit- gliedern gewählt: Wald sch m id t, Gießen, als 1. Vorsitzender; Harms, Wiesbaden, als 2. Vor­sitzender; Knackmuß, Frankfurt a. M., als 1. Schriftführer; Jürgens, Frankfurt a. M., als 2. Schriftführer; Beisitzer wurden. Mayer, Frank­furt a. M., Mohr, Worms und Tischler, Darm­stadt. Die Gewählten nahmen die Wahl an. Der Pusten des Syndikus soll künftig eingespart werden.

Zum Punkt ./Anträge zum Verbandstag" sprach Mayer, Frankfurt a. M., der ein völliges Verbot der Inventur- und Saisonaus­verkäufe für den Schuhhandel forderte. Er begründete diese Forderung u. a. mit dem Hin­weis, daß der Schuhhandel seine Einzelware im Lause des Jahres ebenso gut absetzen könne. Bisher habe der Schuhhandel von diesen 21usverkäufen keinen Nutzen gehabt, sondern nur die Warenhäuser. Die Kundschaft habe mit ihrer Bedarfsdeckung bis zu den 21usvcrkäufen gewartet, dann den Vorteil des Preisnachlasses ausaenutzt und kein einziges Paar mehr gekauft als beim Fortfall dieser Verkaufstage. G e n z e 1, Frankfurt a. M.. machte zur Forderung nach einem völligen Verbot der Inventur- und Sai- fonschlußverkäufe einen Ergänzungsvorschlag zur Beschränkung der Ausoerkausstage auf vielleicht eine Woche und Die Verlegung in die Monate Februar und 'August. Notwendig sei die Rücksicht auf die Schuhhändler, die Saisonartikel führten, und vor allem die Wiederherstellung der Firmenwahrheit, um eine Tarnung der Großdetaillisten alschrist­liche" Geschäfte zu verhüten Nach längerer Aus­sprache wurde ein Antrag Mayer, Frankfurt a. M., einstimmig angenommen, her ein völliges Verbot der Inventur und Saisonlchlußverkäufe für alle Branchen fordert. Angenommen wurde als Even­tualantrag auch der Vorschlag von Genzel.

Zur Frage der Belieferung von Behör­den usw. berichtete Mayer, Frankfurt, von einem Abkommen mit dem Frankfurter Wohlfahrts­amt, das bestimmte, tragbare Preise für die Schuh- lieferungen an Wohlfah'-tsempsänger sestsetzt. Da­für solle gute Stapelware mit einer Garantie für Haltbarkeit geliefert werden, und zwar von allen Schuhhändlern, deren Verzeichnis auf dem sog. Roten Schein" steht. Die Aussprache ergab, daß sich einheitliche Preise für den ganzen Bezirk des Landesverbandes nach dem Frankfurter Vorbild nicht festlegen lassen, doch soll der Landesverband den Ortsgruppen dieses Frankfurter Abkommen nochmals mitteilen, damit es als Unterlage für ört­liche Verhandlungen dienen kann. Der Schuhhandel soll darüber wachen, daß die Direktlieferun­gen der Schuhfabriken an die Behörden aufhören und der Kleinhandel wieder eingeschaltet wird. Ge- gen Schuhfabrikanten, die doch direkt liefern, soll der Boykott durchgeführt werden; vor allem dürfen

Streichungen von derSchwarzen Liste" nicht mehr möglich fein.

Zum Punkt Verschiedenes berichtete Mayer, Frankfurt a TO., über die bevorstehenden Verhand­lungen des Frankfurter Schuheinzelhandels über die Innehaltung von Mindeftpreifen im Schuhhandel; dazu müßten die zeichnungs- berechtigten Firmeninhaber fämtlicher Geschäfte ein- geloben und durch einen Revers verpflichtet wer- den. Der Landesverband will auch dies den Orts­gruppen mitteilen, um ihnen die gleichen Ab­machungen zu erleichtern. Gefordert wurde schließ­lich nochmals die F i r m e n w a h r h e i t und die Klärung der Verhältnisse bei gewissen Groß- betai lüften, wie z. B. Salamanber unb Tack. Dazu brachte Genzel, Frankfurt a. M., foigenben Antrag ein, ber einstimmig angenommen wurde:

Es wird gefordert, daß 1. willkürliche Firmie- rungcn, in denen der Name des Geschäftsinhabers nicht enthalten find, beseitigt werden und für die Zukunft die Detailgeschäfte so zu firmieren sind, daß der Name des Inhabers deutlich ersichtlich ist, und daß 2. verhütet wird, daß Firmen wie Salamander, Mercedes, Singel, Bottina, Tack usw. sich für die Folge nicht mehr alsdeutsche Geschäfte" benennen dürfen, indem sie ein unkontrollierbares Anteil- besitzmanöver vornehmen. Gerade durch dieses Ma­növer wird der Sinn und die gute Absicht der na­tionalsozialistischen Bewegung zu umgehen und zu verschleiern versucht." .

Als einmütige Meinung der Versammlung wurde noch festgestellt, daß Schuhreparaturen allein dem Schuhmachergewerbe zuzufuhren find, das schwer um feine Existenz kämpfe und dem der Schuhhandel diesen Kampf nicht noch erschweren wolle.

Kirche und Schule.

Oberhessische Tagung der Baseler Mission.

y. Hungen, 17. Mai. Die Oberhessische Verein für Basler Mission hielt gestern nachmittag imSolmser Hof" seine übliche Früh­jahrs-Arbeitstagung ab, die aus fast allen ober- hessischen Dekanaten von den Vertrauensmännern gut besucht war. Fünf Missionare nahmen als Gäste teil. Nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden,. De­kan Gußmann, Kirchberg, wurden zunächst prak- tische Fragen erledigt, wie der Besuch des diesjähri­gen Jahresfestes in Basel, zu dem der Verein einige Mission-:freunde delegiert, Festlegung des Tagungs­ortes für die Jahresversammlung des Vereins im Herbst, wozu Lauterbach gewählt wurde. Die schwere finanzielle Notlage der Mission regte zu einem lebhaften Austausch an. Einen hochinteressan­ten Vortrag hielt Millionär Glöckel, der frühere Präses ber Baseler Mission in Kamerun, über bie Frage:Welchen Aufgaben unb Schwierigkeiten be­gegnet heute bie Mission in Kamerun?" Alle Fra gen, z. B. Gesährbung bes afrikanischen Volkstums burcf) bie einbredjenbe europäische Kultur, Schwie­rigkeit ber Jugenbarbeit (infolge ber englischen Schu­len mit ihrer oft einseitigen Parole:Bildungs- arbeit"), ber Gehilfenfrage unb schließlich bie Wirt- schaftskrisis. Da es nicht möglich war, ben Vortrag so zu besprechen, wie es hätte sein müssen, würbe be- schlossen, im tommenben Jahre eine Ganz-Tagung abzuhalten.

G. A.-Sport.

OSC.-Leichtathletik.

Am Sonntag nimmt eine größere Anzahl OSC-Leichtathleten an den Gaumei st er- schäften in Wetzlar teil. L u h und M o h l sind für Kugel- und Steinstoßen, Diskus- und Hammerwerfen gemeldet und haben gute Aus­sichten. 3m Kugelstoßen wird es wohl zwischen

ihnen und Kilo (l£03) einen scharfen Kampf geben. L u h nimmt außerdem noch am Weit­sprung teil. Jakob hat das Speerwerfen be­legt und trifft hier in Hopfenmüller (1903) und Gitter (Weilburg) auf zwei sehr gute Gegner- Simon ist für 803 Meter unb 400 Meter gemeldet; er wird sich sicher beide Male gut schlagen. 3n .Oj Meter (Äiaffe ill) werden nicht weniger als acht Mann starten, von denen Siegmund unb Specht die besten Aussichten haben Enders wird im Kugelstoßen (Kl. Ill) starten; es ist sehr wohl möglich, daß er hier Franz, DsL- seinen besten Gegner, schlägt. Die außerdem gemeldete 4>:103-QHcter-6taffcl dürfte in Klasse III zu den Besten gehören.

Wirtschaft.

Frankfurt unsicher.

Frankfurt a. TO., 19. Mai. (WTB. Draht- melDungJ Die unsichere Stimmung, bie bereits gestern aus kaum betanntcr Ursache auf ber Börse lastete, hielt auch bei Eröffnung der heutigen Mit- tagsbörse an. Neben dem fast vollkommenen Fehlen von Kunbenorbers lagen auch keine Anregungen aus der Wirtschaft vor, so baß Geschäftsloügkeü weiterhin etwas auf bie Kurse brückte. Die Spekula- tion verhielt sich nach wie vor stark abroartenb. Hin­sichtlich ber weiteren Entwicklung ber a u ß e n p o l i- tifd)cnSituationift man jeboch etwas op- timistischer geworden.

Die Kursbilbung gegenüber ber 21benbbörfe war erneut uneinheitlich. Durch schwache Haltung fielen Sübbeutsche Zucker mit minus 5,25 v. H. unb Deutsche Erböl mit minus 3,5 o. H. auf. Ferner er­schienen Akkumulatoren Berlin mit Minus-Minus- Zeichen. IG. lagen nach einer Besserung um 0,75 v. H., später um weitere 0,75 o. H. höher, Scheibeanstalt zogen um 0,75 v. H. an. Von Elektro­werten lagen AEG., Bekula unb Gessürel um Bruch­teile eines Prozents höher. Siemens eröffneten un­verändert, während Lechwerke Augsburg 1,75 v. H. verloren. Am Montanmarkt waren die Kurse bei kleinem Geschäft meist etwas freundlicher, nur Rhei­nische Braunkohlen gaben um 1,5 v. H. nach. Be­merkenswert matt lagen am Schiffahrtsmarkt Hapag unb Norbbeutfcher Üloyb mit je minus 0,90 o. H. Von Zellstoffwerten gingen Aschaffenburg um 1,5 v. H. zurück, Walbhof blieben behauptet. Im übrigen cröfneten Daimler 0,65 v. H., Zement Hei» belberg 0,25 v. H. niebriger, dagegen Gebr. Junghans 0,40 v. H. unb Contigummi 0,75 v. H. hoher. Im Verlaufe war bie Haltung allgemein schwächer. Die burchschnittlichen Rückgänge betrugen etwa 1 v. H., barüber hinaus gingen IG. von 130,5 auf 128, Lech­werke von 87,25 auf 85 v. H. unb einige Spezial- werte im gleichen Ausmaß zurück. Für Akkumula­toren ermäßigte sich bie Taxe um weitere 2 auf 182 v.H.

Am Rentenmarkt lag bie Neubesitzanleihe anfangs bemerkenswert fest (plus 1,40 v.H), später unterlag sie aber ebenso wie bie übrigen variabel gehanbelten Werte stärkeren Schwankungen. Lim Pfanbbries- markt brückte kleines Angebot auf die Kurse um etwa 0,5 bis 1 v H. Staats- unb Stabtanleihen lagen geschäftslos. Tagesgelb war zu 3,5 v. H. etwas leichter.

Rundfunkprogramm.

Samstag, 20. IHai.

7.15 Uhr: Frühkonzert. 10.10 bis 10.40: Schulfunk. 12: Mittagskonzert 1. 13.30 bis 14.30: Mittagskon­zert II. 15.30: Stunbe ber Jugenb. 16.30: Nachrnit- tagskonzert. 18.25: Zeitfragen. 19: Stunbe ber Na­tion:Symphonie ber Arbeit". 20: Richarb Benz spricht über sein letztes Buch. 20.15: Hochzeit im Hause Hampelmann, Horposse von Toni Impekoven unb Carl Mathern. 22.45: bis 24: Nachtmusik.

Milet le Weit

Ein vcUerländifcherRoman vonHansVietzke

Urheber-Rechtsschutz

durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

2. Fortletzung Nachdruck verbotenI

Döllnitz nimmt die Gelegenheit wahr unb eilt hinaus zu ben Freunben. Er muß fein Inkognito wahren. Er ist vogelfrei auf Deutscher Erde!

Der Hauptmann tritt in bas Herrenzimmer, ^teht eine Sekunde an ber Tür. Seine Augen, in langer Fahrt burch buntle Winternacht, jinb bes Hellen Lichtes entwöhnt. Da rufen vor Freude bebende Stimmen seinen Namen. Hände strecken sich ihm entgegen. Er aber steht wie beschwörend. Fassungs­los starren ihn bie Freunbe an.

Um Gottes willen nicht meinen Namen nen­nen! Ich heiße Bankier Möbius unb komme in Geschäften aus Warschau ..."

Unb nun erst kann er offen ben Verblüfften bie Hänbe zum Gruß entgegenstrecken. Er atmet er­leichtert aus. Sein altes, befreienbes Lachen kommt auf seine Züge: Er ist in der Heimat!

Der Baron mochte seine Hände gar nicht loslas­sen vor lauter Freude, bis sein «ohn ihm sagt: Vater wir mochten unseren Freund auch be­grüßen!"

Unb nun faßt. Baronesse Maria seine Hanb. Döllnitz das ist mein schönstes Weihnachtsge­schenk! ... Wer konnte das ahnen ich bin über­glücklich!"

Lange, innig küßt ber Hauptmann ihre Hanb.

Dann setzt man sich vor das lodernde Kamm- feuer, in bas der alte Diener Tobias noch ein paar kräftige Scheite wirft. Döllnitz hat auch für ihn, ber ben Hauptmann immer roieber freubestrahlenb von ber Seite ansieht, ein paar freunbliche Worte, bie den Allen zu einer gerührten Antwort ermuntern:

Ist bas aber schon, baß ber Herr Hauptmann noch am Heiligenabenb uns bie Ehre gibt..

Woraus Döllnitz, in seiner burschikosen Art, la­chend antwortet-Tja mein lieber Tobias was so'n richtiger preußischer Kurier ist, ber versteht sich auf Überraschungen!"

Unb nun erzählt ber Hauptmann von ben Erleb- nissen ber letzten Stunben. Berichtet von bem Zu­sammentreffen mit ber Frau bes Hauptmann Le- fevre, hort von ber Besatzung Löbaus, bie vor einem Monat hergelegt würbe.

Der Baron wird ernst. ..Man hat uns böse mttge- spielt, seit Sie uns bas letztemal verlassen haben, Hauptmann! Ich erwarte jeden Tag, daß es im Kreise zu offenem Aufruhr kommt. Ohne Erbarmen holen sie ben Leuten das Letzte heraus." Und leise setzt er hinzu:Mir haben sie kaum soviel gelassen, wie idj'für die Dienstleute brauche... Dabei ist

Hauptmann Lesevre hält bie Hänbe seiner Frau. Sein Auge sucht ihren tastenden Blick zu halten.

Jeanette versucht zu lächeln. Sie möchte glücklich scheinen.

Aber sie muß sich erst an dieses Verändertem gewöhnen.

Innerlich ist Rens Der alte geblieben. Zwar haben Die letzten Jahre tiefe Furchen in seine einst glatten und schönen Hüge gezeichnet und unter Der schwar­zen Binde lauert unauslöschdar Die gräßliche WunDe.

Jeanette liebt Rene trotz allem. Unb hoch muß erst biese Liebe roieber ganz von neuem geboren werden, anders als einstmals.

Der Mann, der dort vor ihr sitzt, ein Offizier Der großen Armee, einer von hunDerttausenD, will ge­liebt fein wie zuvor

Schoner als je findet der Hauptmann feine Frau: Leid, Warten und Hoffen haben ihre Züge geadelt. Etwas Großes und unnennbar Schones steht in ihrem Gesicht.

Daß Du wieder bei mir bist Jeanette! ... Ich freue mich, Jeanette--ich freue mich so ..." Mit

aller Zärtlichkeit, deren er noch fähig ist, küßt er ihre Hände. Nur schwer findet der Mund, Der Durch

Dieser Hauptmann Lesevre noch nicht Der Schlech­teste."

Tobias melhet, Daß ber Tisch für bie Herrschaften gebeckt sei.

Wirb wenig festlich sein!" meint ber Baron mit bitterem Lächeln.Kommen Sie, Hauptmann Sie werben einen Morbshunger im Leibe haben. Wir wollen uns wenigstens ben Heiligenabenb nicht trüber machen als nötig. Hauptsache: Wir haben Sie heil roieber!"

Der Baron führt ben Gast mit ben Seinen in ben Salon, wo noch Der Gabentisch steht. Döllnitz geht ein paar Schritte Darauf zu.

Darf ich alter LanDsknecht heute nicht auch ein­mal Nikolaus spielen . . .?" Mit jungenhafter FreuDe legt er flink Drei zierliche Päckchen auf Den Tisch, bie er sorgsam ben Taschen seines Rockes entnommen hat.

Unb bas ist für Sie, Baronesse!" Mit chevale- resker Geste beutet er auf bas Päckchen, bas er zuletzt aufgelegt hat.

Lächelnb öffnet es Maria. Freudiges Staunen: Ein schimmerndes Armbanb fällt auf bas zarte Weiß ihrer Hanb.

Aus Petersburg echt russischer Bernstein, Baronesie! Ich hoffte, Ihnen eine kleine Freube zu machen muß auch sein in dieser schweren Zeit!"

Unb Döllnitz fragt, ba sie gar nicht antworten will:Hab ich bas Richtige getroffen?"

Da kann ihm Maria nur Die Hanb brücken unb ihm voll stillen, schlichten Dankes in bie Augen sehen.

Ader bieser Blick ist für Den Hauptmann schöner, als taufenD Worte.

Jahre Befehle für Blut unD ToD gab, Worte Der Liebe.

Alles roirh gut werben Rene ..." Frauliche Finger streichen sanft über bie schweren, harten Hände.Wir wollen heute bem Schicksal bankbar fein trotz allem!"

Der Hauptmann senkt nachbenkend ben Blick.

Wenn es bir recht ist, Jeanette, wollen wir für morgen beinen Retter zum Diner bitten."

Nicht einmal seinen Namen weiß ich! Aber ich werbe selbst ben Fremden bei seinen Freunden auf- suchen unb ihn zu Gast laben." Sie zieht Renss Arm bittend zu sich.Sei sreunblich zu ihm ob­wohl er ein Deutscher ist ..

Der Hauptmann lächelt.Ich weiß, was ich bei­nern Retter schulbig bin, chsrie ..." Er bietet Jean­nette ben Arm und beutet zum Gabentisch.Ich badjte, es wirb bir ein wenig Freube machen, Jean­nette!"

Er führt seine Frau vom Kaminplatz hinüber, wo unter Tannengrün Geschenke warten.

4.

Unten im Dorf, im GasthofZum Hirschen", liegt seit Monaten französische Solbatesta in Quartier.

Der Gastwirt Mertens kann sich nicht beklagen: Noch nie hat sein Geschäft so geblüht wie heuer. Zwar sinb feine Stammgäste, ber Franzosen wegen, allmählich ganz ausgeblieben, aber beren Zeche ist bei ber Not im Lanb ohnehin mager, unb dafür bringen Die fremDen SolDaten reichlichen Ausgleich. Fast ihre ganze Löhnung bleibt hier hängen. Zech­prellerei gibt es nicht Dafür hat ihr Hauptmann bei Zeiten gesorgt.

Der alte Mertens hat einen schönen Wahlspruch in zierlicher Bauernmalerei zu seinen Häupten über ber Theke hängen. Ein reifender HänDler hat Die Tafel einst aus Dem Pommerschen mitgebracht, unD Mertens ist ein Diplomat, der sich streng an Den weisen Spruch hält:

Hier sup Die Duhn

UnD fret bi bick Un hol bin Mui Von Politik!

_ Die Tur wirb aufgerissen. Mit seinen schweren Stiefeln stampft ber Korporal Lanbry, keuchenb, sich bie klammen Hänbe reibenb, in bie Gaststube. Hinter ihm seine Leute, bie eben von einem Patrouillenritt in bie Winternacht ber schlesischen Berge zurückkommen.

Ein ©renabier springt hinzu und nimmt Dem Herrn Korporal, Der sich's, breitbeinig mitten im Raum stehenD, würDig gefallen läßt. Den schweren verschneiten Schafspelz ab.

Dann schreitet her alte Haudegen zum Stamm­tisch am warmen Ofenplatz und lehnt sich wohlig an Die bauchigen Kacheln.

Mit einer Hanbbewegung läßt ber Korporal Die in strammer Haltung wartenden Soldaten rühren und besiehst zur Theke hinüber:Wirt eine otu-

Aus aller Welt.

Haftbefehle gegen frühere Vorstandsmitglieder Der Breslauer Ortskrankenkasse.

Der Untersuchungsrichter beim LanDgericht in Breslau hat gegen Den Architekten Kleemann, Die Gewerkschaftssekretare Senk unD Meise, Den Geschäftsführer Eickertz, Den Bureaubirektor Kirchhoff unb ben Fabrikbesitzer Kretschmer Haftbefehle erlassen. Die Genannten stehen im Verbacht, vorsätzlich zum Nachteil Der Breslauer Allgemeinen Ortskrankenkasse über Beiträge unD über Vermögensstücke Der Allgemeinen Ortstranfen- taffe absichtlich zu Deren Nachteil verfügt zu haben. Verwandlung von loDesftrafen in Zuchthausstrafen.

Wie Der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Der preußische Ministerpräsident Göring bie gegen ben landwirtschaftlichen Arbeiter Franz Leh­mann, sowie ben Schnitter Anton Potocki ver­hängten Todesstrafen im Gnabenwege inlebens­längliche Zuchthaus st rafe umgewan- b e 11. Lehmann ist im Wieberausnahmeversahren burch Urteil bes Schwurgerichts in Torgau 1931 wegen Morbes an bem Chausseebauaufseher Mün­cheberg zum Tobe verurteilt worben. Der TOorb würbe bereits im Jahre 1921 verübt. Lehmann war zunächst 1921 von bem Schwurgericht in Torgau freigesprochen worben. Das Verfahren würbe roieber ausgenommen, weil Lehmann in ber Zwischenzeit ein Gestänbnis abgelegt hatte. Potocki ist Durch Urteil Des Schwurgerichts in Prenzlau 1931 wegen MorDes an bem Strafanstaltsoberwachtmeister Neubauer in Prenzlau zum Tobe verurteilt worben. Der in biesem Verfahren mitangeklagte Schlächter Heinrich Pilgram war wegen Totschlags zu zehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worben.

Gewinnauszug

2. Klasse 41. Preußisch-Eübdeutsche (267. Preuß.) Slaats-Losterie

Ohne Gewähr Nachdruck verboten

Aus jede gezogene Nummer sind zwei gleich hohe Gewinne gefallen, und zwar je einer auf die Lose gleicher Nummer in den beiden

Abteilungen I und II

2. Ziehungstag 18. Mai 1933

3n der heutigen Vonnittagsziehung wurden Gewinne übet 300 M. gezogen

4 ®e»lnn« ,u 6000 M. 238070 243200

2 (üttomne ju 3000 M. 189758

16 »ttoinn« a 2000 <7H. 646P7 76648 109694

201391 211023 312651 363589 373255

20 »etrnnn« »a 1000 OT. 113576 148728 160435 179863 192046 216184 231106 258986 292991 303766

30 E.wlnn. ,u 800 M. 21189 35333 61912 64171 88439 99101 127944 184307 226039 245293

262912 266846 267193 326187 332487

62 ertrmnt -u 600 =m. 23492 27149 29994 39463 129256 158140 180473 186954 194294 229048

232169 237639 245620 247424 263095 272217

284001 292551 294133 296493 302946 338944

341533 359702 370619 38680-

ön der heutigen Nachmitlagsziehung wurden Gewinne über 300 M. gezogen

2 ettoinnt iu 6000 M. 29806

4 »eiDlnne ,o 3000 M. 93640 178573

2 «etDlnnt ju 2000 M. 221473

22 ®en>tnne ,u 1000 M. 20074 76285 77343

100368 172823 287825 316298 322109 341438 360890 386313

32 ettomn* 800 M. 10383 2 3126 45394 93811 143434 167126 172926 260126 261305 277640 290295 302761 310540 341884 349497 367892

42 ®»tt>tnn« »u 600 <JI(. 6020 8572 55419 55504 96889 152285 163720 207476 208034 246943 247223 255076 288969 298727 298815 315380

322446 335221 356243 371626 374288

Die Ziehung der 3. Klasse der 41. Preußisch- Süddeutschen (267. Preußischen) Staats-Lotterie findet am 14. und 15. Juni 1933 statt.

benlage!" Er bläht sich gönnerhaft.Weil heute Weihnachten ist. ihr Lausepack!^

Die Leute feiner Patrouille, seine Spießgesellen, Die mit ihm in mancher Schlacht schon Durch Dick und Dünn gegangen sind, haben es sich an dem run den, schweren Eichentisch bequem gemacht. Mit dem Fidibus werden die alten Knasterkolben in Brand gesetzt, daß bald schwere Schwaden über dem Tisch kreisen und das spärliche Licht der Oellampe, die oben am Gebälk schaukelt, verdunkeln.

Die Wirtstochter Hanne bringt auf dem zinnenen Tablett die hohen, dreistöckigen Schnapsgläser. Sie bedient den Stammtisch, während ihr Vater den Gemeinen den Branntwein serviert.

Na, Jungfer Weihnachtsmann schon dage- wesen?" Der Korporal grinst unb klopft ihr anzüg­lich auf bie strammen Arme.

Er weiß, er hat zwar kein Glück bei bem schmucken Möbel, aber er versuchte boch immer roieber. Er glaubt eben an bie alte Lanbsknechtregel: Den Feind attackieren, bis er sich ergibt!

Hanne hat seine Handgreiflichkeiten satt. Sie haut ihm auf die Pfoten, daß es klatscht. Dröhnendes Gelächter quittiert ihren Mut.

Das erstemal, als man hier Quartier bezog, wollte Landry böse werden, aber da kam der Hauptmayn dazwischen--und seitdem bemüht er sich, Spaß

zu verstehen.

Nicht mal zu Weihnachten bißchen freundlich!" brummt der Viechskerl in seinen martialischen Bart.

Würfelbecher her!" brüllt er Dann zur Theke hinüber.

Der Korporal lacht. Daß Der Ofen zittert.

Verdammtes Pech mit den Weibern vielleicht haben wir mehr Glück im Spiel!"

Und als Hanne sich anschickt, Würfel und Becher zu bringen, läßt Landry gleich noch eine Lage für Den Stammtisch servieren

Dann beginnt Das Spiel. Unablässig rollt ber Würfel. Aus bes Korporals Stirn schwillt rot bie alte Narbe Andenken an Jena und Auerstedt, Der Hieb eines preußischen Husaren.

Der alte HauDegen kommt immer mehr in Hitze. Die erste Runde hat er verloren. Er pfeift verächt­lich Durch Die brüchigen Zähne unD wischt sich Den Schweiß von Der Stirn. Dann gurgelt er Die letzte Neige Branntwein hinunter.

Das Spiel geht weiter. Jetzt gewinnt LanDry. Ein befrieDigtes Grinsen zuckt um sein breites Maul.

Stimmung, KinDer! Stimmung!" Er Dreht sich um unD legt seinen wuchtigen Oberkörper schwer vor, um Die Ecke Des breiten Ofens lugenD.

Komm mal her ba Schlappschwanz ver­dammter!" ruft er bem kleinen, blonden (Befreiten zu, der hinten in einer Ecke vor sich hindöst. Der denkt jetzt an feine Heimat, an den fernen Rhein, wo er feine Mutter hat, wo seine Geschwister um ihn bangen werden und ein blondes Mädel ...

(Fortsetzung folgt.)