Samstag, l8. November 1953
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 271 Zweites Blatt
Oie politische Freiheit eines Christenmenschen.
(Ein Wort zur Lutherfeier.
Von £)r. Wilhelm Fifchvick.
Ins Zentrum der Persönlichkeit Luthers — soweit man überhaupt in das Zentrum einer Persönlichkeit gedanklich eindringen kann — toinmi man ganz sicher nicht von den Dingen dieser Welt her. Auch soll immer wieder daran festgehalten werden, daß sich bei ihm alles auf die Fragen des Glaubens sammelt, und daß seine Auswirkungen auf „profane" Dinge nur in einem weiten Abstande davon in Betracht kommen. Und doch ist auch wieder nicht zu übersehen, daß in ganz weitem Umkreise seine Persönlichkeit sich gerade auch auf weltliche Dinge ausgewirkt hat. Ohne Luther keine deutsche Schriftsprache, und ganz abgesehen davon, daß er selber ein kerniger und inniger Dichter war — ohne ihn nicht die Befreiung deutschen Singens, mit der Hans Sachs den Anfang machte, dessen „poetische Sendung", von Goethe ersaßt bis zu Wagners „Meistersinger" reicht, also nicht jener deutsche Reimvers, der dem „Faust" seinen eigentümlichen Sprachzauber verleiht —, ohne Luther keine deutsche Schule, keine deutsche Kirche, kein neuerwachtes, seiner selbstbewußtes deutsches Volkstum, ohne ihn kein deutscher Staat und kein neues deutsches Reich, aus der Entfesselung deutschen Triebes nach Staatsgestaltung geboren. In erster und letzter Hinsicht ist es doch immer wieder der Eislebener Bergmannssohn, der uns zur Deutschheit erzog. Und das alles in der Breite nur, weil es i n d e r T i e f e , all die- f e s Weltliche nur, weil es im Ueberweltlichen gesammelt war. All diese Vielseitigkeit nur, weil er ganz einseitig mit derbenNagelschnhen auf der schmalen Plattform zu stehen den Mut hatte, ein demütiger Diener, aber ein Ritter, der nicht mit sich spielen ließ, vom Papst,* vom Kaiser, oom Pöbel und vom Teufel nicht. Dämonische Leidenschaft und kindliche Einfalt zeichnen seine Spur.
Wenn wir politisch von Luther reden, so ist es vor allem eines, was uns auffällt: Ein ganzes Jahrhundert liegt hinter uns, das die Signatur des Kampfes zwischen Konservatismus und Fortschrittsideologie trägt. Niemals aber erscheint uns Luther unfaßbarer, als wenn wir den dürftigen Versuch machen, ihn von einem dieser beiden Gegensätze aus zu verstehen. „F o r t s ch r i t t s g l ä u b i g" ist Luther n i e gewesen. Ihm war die Welt alles andere als ein aus ihm selber mit mathematischer Sicherheit einer Vollendung sich entgegen entwickelnder Kosmos, in den man nur mit der „Vernunft" recht kräftig hineinzuleuchten brauchte, um fein Wachstum zu fördern, wie wenn man junge Triebe unter die Quarzlampe stellt. Er stand unter dem gewaltigen Drama von Golgatha, das zu fassen ihm die „Vernunft" keineswegs ausreichte, unter dem Geheimnis der Krippe von Bethlehem:
Wenn ich dies Wunder fassen will, So steht mein Geist vor Ehrfurcht still. Er betet an, und er ermißt. Daß Gottes Lieb' unendlich ist."
Und die Freiheit, die er verkündet, hat nichts zu tun mit der vielgepriesenen „Freiheit der Persönlichkeit". die später der Westen gepredigt. Ja sie ist eigentl'ch nicht einmal die Freiheit der Meinung,' nicht einmal ganz identisch mit der „Gedankenfreiheit" auch des deutschen späteren Idealismus Er ist so ganz und gor nicht geneigt, für jede indi viduelle Vorstellung, ob sie begründet ist oder nicht, wenn nur subjektiv ehrlich, ob sie von einem Menschen stammt, der sich das Recht auf eine eigene Ansicht der Dinge im Kampfe erworben hat oder nicht, Freiheit und Auswirkungsmöglichkeit zuzugestehen ohne Rücksicht auf das, was daraus kommen mag. Er weiß sehr wohl, daß es einen Unterschied gibt zwischen dem, was den Namen „Ueberzeugung" verdient und dem, was nur selbstverliebte Sonderlich
keit ist Seine Freiheit ist die des Ge- wissens, das da Gründe hat, um so oder so zu entscheiden, das also in diesen Gründen eigentlich gar nicht frei, sondern zutief st gebunden ist. Und die einzige Bindung, die er so recht als legitim anerkennt, ist die an das „Wort Gottes". Die Freiheit allein gilt ihm, die sich bewährt im Dienst, und die in den Dienst wieder einmündet: „Der Christ ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan", — „der Christ ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." oo ist er nicht im geringsten der Vater der deutschen Eigenbrodelei, vielmehr der der deutschen Sammlung, er, an dem alles gesammelt war und in Kraft geballt.
Aber auch ein „K o n s e r v a t i v e r" war er nicht. Luther greift aus das Alte niemals zurück, um Bestehendes zu verteidigen oder zu erhalten (conser- vare), sondern immer zu erneuern. So wenn er von Thomas zu Augustin und von Augustin zu Paulus schreitet, von der lateinischen Bibel zum griechischen und hebräischen Text, — das Ziel ist der ewige Gott und der ewige Christus, und seine Verkündigung in deutscher Sprache, faßbar jedem einfältigen Gemüt. Und doch, — allem Gesagten zum Trotz —, wieder voll Vertrauen, daß man es nur einfältig barbieten müsse, und es werde seine Kraft von selber entfalten. Darum sollen sie lesen und schreiben lernen in Deutschland und jeder Hausvater soll berufen fein zum Priestertum in feiner Familiengemeinde. Ein Revolutionär aus der Tiefe und doch voll leidenschaftlich polterndem Abscheu gegen alle Revolutionsmacherei. Tobend und aufde- gehrend gegen alle irdische Gewalt, die ihn zu fesseln bestrebt ist, und doch mit demselben gewaltigen Wort Bundesgenosse rechtschaffener Obrigkeit und Prediger des Gehorsams um der Gottesordnung im Lande willen, selbst da, wo die Obrigkeit vielleicht nicht recht tut. Und wiederum hemmungslos, sobald das Wort Gottes in Gefahr. Als in Meißen, in Bayern, in der Mark und anderswo die Fürsten 1523 den Befehl erließen, alle Neuen Testamente abzuliefern, schreibt er: „Hier sollen ihre Untertanen also tun: Nicht ein Blättlein, nicht einen Buchstaben sollen sie überantworten bei Verlust ihrer Seligkeit. Sonder das sollen sie leiden, ob man ihnen durch die Häuser laufen und mit Gewalt nehmen
heißt, es seien Bücher oder Güter. Frevel soll man nicht widerstehen, sondern leiden: man soll ihn aber nicht billigen, noch dazu dienen oder folgen oder gehorchen mit einem Fußtritt oder mit einem Finger." Hier ist diese seltsame, heldenhafte Einheit, die er Selber verkörpert, Ab scheu vor jedem revolutionären Ungehorsam, aber abgründlich revolutionärer, heiliger Mut zum Dulden und Leiden. Das ist der Unterschied zur Bauernbewegung.
Luther ist nur aus der Polarität zu erfühlen. MU dem letzten Willen zum Einsatz verkündet und erkämpft hier die Freiheit ein Mann, der im selben Atemzug von der Freiheit des Willens gar nichts hält. Der Wille, der frei sein will von Gottes oder der Obrigkeit Gebot, sei der Wille der sündigen Kreatur, sei an den Teufel gebunden, und der vom Teufel befreite Wille ist gebunden in Gott. Aber so kommen wir aus der Polarität doch wiederum gerade der stillen Einfalt eines Wesens ganz nahe. Gottes und der Obrigkeit gehorsamer Revolutionär: Er will ja die alte Kirche gar nicht verlassen', er will sie aus den echten Lebenskräften ihrer eigenen Geschichte erneuern. Er wird gegen seinen Wil - l e n durch den Bann ausgeschlossen. Vorher hat er nie daran gedacht, eine neue Kirche gegen die alte zu gründen, im Gegenteil, als er es dann mußte, war er gar nicht darauf gerüstet und nahm Zuflucht zu dem landesherrlichen Summepiscopat, einem Notbehelf, aus dem wahrhaftig nicht nur Segen geflossen. C. F. Meyer hat ihn wohl am tiefsten verstanden:
„Er brach in tiefster Not den Klosterbann;
Das Größte tut nur, wernichtanderskan n."
Und das ist es, was uns — nicht erst seitdem —, den Maßstab auch jeder echten politischen Größe bedeutet. Uns überzeugt nicht mehr, wer politisch oder sonst im Volks- und Völkerleben nach einem aus- getiftelten Plane etwas „machen" will. All diese Leute können im Grunde auch anders, wenn sie es sich nur entsprechend überlegen. So der Professor Wilson mit (einen vierzehn Punkten, die Väter des Versailler Vertrages und des Völkerbundes, so die Marxisten und die politischen Amateure in den Par- I lamenten und Ausschüssen. Die Großen haben nie anders gekonnt. Das ist es, was sie über alle I Unterschiede hinweg verbindet.
Erbkrankheiten unbVolkswirtschast
Uon Dr Günt er Just, a o. Professor an der Universität Greifswald.
Durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das am 1. Januar 1934 in Kraft treten wird, ist nunmehr die Möglichkeit geschaffen worden, die Erzeugung von Nachkommen bei solchen Menschen unmöglich zu machen, von denen auf Grund unseres heutigen umfangreichen Wissens aus vererbungswissenschaftlichem Gebiete mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, daß seine Nachkommen ebenso wie er selbst schwere körperliche oder geistige Erbschäden aufweisen werden.
Die Zahl der heute in unserem Vaterland lebenden Erbkranken, zu denen das Gesetz bie angeboren Schwachsinnigen, die log. Jugendirren, die manisch- depressiven Irren, die erblich Fallsüchtigen die erb* lieben Veitstänzer, die erblich Blinden, die erblich Tauben und die schwer körperlich Erbmißbildeten rechnet, geht nicht nur in die Tausende und Zehn- tausende, sondern umfaßt mehrere hunderttausend Menschen. Wenn auch durch das neue Gesetz nicht etwa mit einem Schlage eine Befreiung des Volkskörpers von diesen Erbkrankheiten erfolgen kann, so wird doch schon in der nächsten und übernächsten Generation eine sehr st a r k e Verringerung der Zahl der Erbkran- k e n eintreten, die sich in der Folge noch weiter senken wird.
Der Hautpgewinn, der unserem Volke durch dieses Gesetz zuteil wird, betrifft das kostbarste Gut, das unser Volk überhaupt besitzt, nämlich jenen Strom
innerer Kräfte, der von Urzeiten her zu uns kommend, in der Gegenwart in vieltausendfältiger Form in sichtbarem Leben hervorbrechend, und durch uns in die Zukunft weiterführend, die Grundlage unserer Existenz als Volk darstellt: den Erb- strom, die Erbmasse unseres Volkskörpers. Die Befreiung dieses inneren Kraftstromes unseres Volkskörpers von Krankem und Hemmendem, wie sie durch das Gesetz erzielt werden wird, ist der entscheidende Gesichtspunkt gewesen, unter dem die gesetzgeberische Arbeit stand.
Das Problem der Erbkranken hat indes auch eine höchst bedeutungsvolle wirtschaftliche Seite. Von dieser allein sei im Folgenden die Rede. Ein überaus großer Teil jener vielen Tausenden von Erbkranken erfordert ja doch Jahr um Jahr außerordentlich hohe Unterhaltungsmittel. Ob diese Summen vom Staate ausgeworfen werden, oder ob sie die einzelne Familie selbst aufzubringen hat, immer werden die vielen Millionen, um die es sich hierbei handelt, schließlich von dem gesunden, arbeitenden Teil der Gesamtbevölkerung aufgebracht.
Es ist klar, daß ein Kranker mehr k o st e t als ein Gesunder; es ist ebenso selbstverständlich, daß die Kranken und Hilfsbedürftigen, die nun einmal unter uns leben, auch versorgt und gepflegt werden müssen. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, daß die Mittel, die für solche fürsorgerische Arbeit zur Verfügung gestellt wurden, eine solche Höhe erreichten, daß für den Gesunden,
Tüchtigen dienende, wichtige und notwendige Maßnahmen die Mittel in unerträglichem Maße eingeschränkt werden mußten. Konnte es verantwortet werden, daß Jahr um Jahr viele Millionen für unheilbare schwer E r b geschädigte ausgeworfen werden mußten, während für produktivere Zwecke, als es die bloße Verwahrung Unheilbarer eben sein kann, immer wieder bie Mi11ei fehlten?
In einer vor wenigen Jahren durchgeführten Untersuchung ist einmal genau festgestellt worden, welche Geldmittel eigentlich damals dem arbeitenden Menschen, der also mit seiner Hände ober seines Kopfes Arbeit volkswirtschaftlich N ü tz l i ch e s leistete, zur Verfügung stauben, unb welche Mittel zur gleichen Zeit für solche Fürsorge zwecke aus- geworfen wurden, wie wir sie hier im Auge haben. Es ergab sich dabei, daß beispielsweise für Geisteskranke täglich 4 bis 4,50 Mark an Anstaltskosten aufzubringen waren, daß bie Fürforgezöglinge in ben preußischen Provinzialerziehungsanftalten 4,85 Mark pro Tag kosteten, ja in zwei Berliner Anstalten entstaub je Tag und Kops bes Fürsorgezög- lings die grotesk hohe Summe von 6,87 Mark.
Man muß sich klar machen, was eine solche Zahl bedeutet. Um knapp 7 Mark am Tage je Kops zur Verfügung zu haben, muß ein Familienvater mit zwei Kindern über 600 Mark im Monat verdienen, wobei mir seine beiden Kinder ie mit der Hülste des Betrages der erwachsenen Personen eingesetzt haben. Wieviel verdiente aber Damals der tätige Mensch?
In einem Arbeiterhaushalt hatte der Erwachsene für bie Gesamtheit seiner Lebensbebürfnisse, also für Wohnung, Kleibung, Ernährung, aber auch für Unterhaltung unb für Aufwenbung für ernstere geistige Bebürfnisse im Durchschnitt 2,40 Mark pro Tag zur Verfügung; in einem Angestelltenhaushalt erhöhte sich biefer Betrag um bie Hälfte, also aus 3,60 Mark pro Tag unb Kopf, währenb er in einem Beamtenhaushalt noch um ein Geringes, nämlich bis auf 4 Mark anftieg.
Das fchreieube Mißverhältnis, das in solchen Zahlen gegenüber ben vorher genannten zum Aus- bruck kommt, führt ohne weiteres zu ber Frage, ob hier nicht im wahrsten Sinne bes Wortes „Wohltat Plage" geworben war. Denn da alle bie Mittel, bie in jene oft unprobuftioe Arbeit hineingesteckt wer- ben mußten, schließlich ja boch eben burch bis Ar- beit bes gefunben, strebenden Menschen aufzubnn- gen waren, so gaben die gesunden Ellern gesunder Kinder einen Teil ihres Einkommens, statt es s u r ihre eigenen gefunden Kinder üerroen- den zu können, auf dem Wege über die öffentliche Hand für fremder Leute minderwertige Kinder.
Selbstverständlich, um das noch einmal zu betonen ist und bleibt es Pflicht bes Einzelnen wie Pflicht bes Volksganzeu, für ben kranken, für ben gefährbeten Volksgenossen mit allen Mitteln sur- sorgerischer, ärztlicher, erzieherischer Hilfe Zst sorgen Aber aus dieser großen unb heiligen Pflicht folgt keineswegs, baß über ihr bie Sorge für bie Gefunden versäumt werden dürfe.
Eine Einschränkung derjenigen Mittel, die einer unproduktiven Fürsorge bienen, z u Sun ft en einer probuktioen Für sorge, einer Fürsorge also, bie nicht dem Unheilbaren, Unrettbaren, sondern dem Heilbaren, dem Rettbaren, dem wieder ins Leben ber Volksgemeinschaft Einzuorbnenben gilt, unb zu Gunsten einer oorbeugenben Fürsorge stellt eine schon jetzt auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht sich günstig auswirkenbe Umlenkung dar. Noch größer wird ber Gewinn an freiwerbenden Mitteln in den nächsten Jahrzehnten sein, wenn infolge der Durchführung bes segensreichen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses bie Zahl berjenigen, die ber Für- sorge bebürfen, in einem höchst merkbaren Umfange herabgesetzt sein wirb. So wirb ber Gewinn, den unser Volk aus diesem Gesetz ziehen wird, ein doppelter sein, und unser Dank gebührt denen, die es schufen.
schon
blieb
ruhig seinen Blick: „Ich glaubte
lachte ge-
auf. Er
stieg in ihm
aus
war
das?"
Sie erwiderte nur."
Ein Verdacht
schlossen sich sest. „
„Ja. Das sollen Sie mir glauben.
„Wievielen Frauen haben Sie das wohl
gesagt?"
„Keiner/'
Sie lächelte. Ihr schmales, blasses Gesicht
Abenteuer in Mai-and.
Don Io ann« Rösler.
„Unb bas soll ich Ihnen glauben?"
Er beugte sich vor. Seine großen, harten Hänbe
gezeichnet."
„Ihre Ohnmacht?"
„Gespielt." „
„Unb das ganze Verhör in Mailand.
„Sie bestreiten nach wie vor", fuhr der Stationsvorstand fort, „der Dame eine betäubende Zigarette angeboten zu haben?"
„Selbstverständlich."
„Wollen Sie uns Ihr Etui zeigen?"
Er reichte es den Beamten.
„War es das Etui, gnädige Frau?"
Sie nickte schwach. „
„Nein — die Zigaretten von ber anderen Seite.
Der Herr aus dem Abteil würbe unruhig.
„Das ist boch heller Unsinn. Hier ist mein Paß. Lassen Sie bie Zigaretten von einem Arzt prüfen. Mein Name ist Baron Barolli aus Wien. Sie können sich beim österreichischen Konsulat in Mailanb telephonisch erfunbigen. Konsul Graf Drawe ist cm guter Freunb meines Vaters."
Ein kurzer Telephonanruf bestätigte die Angaben.
Ein im Zug befindlicher Arzt erklärte die Zigaretten für völlig harmlos. Sie enthielten keinerlei Rauschgift. ... ...
Der Beamte bedauerte: „öie müssen sich sicher im Irrtum befinden, gnädige Frau."
Sie lächelte matt: „Sicher. Es tut m-.r leib.
Der Zugführer brängte zum Aufbruch: „Wollen die Herrschaften bie Reise fortsetzen. Der Zug fahrt in einer Minute." ...
Baron Borelli nickte. Dann roanbte er sich an 016 ffiärT es Ihnen lieber, wenn ich mein Gepäck in "ein anberes Abteil bringen lasse?"
Sie erschrak: „Nein." *
Der Zug setzte sich in Bewegung. Sie schritten ben Gang entlang, ihrem Abteil zu.
Baron Borelli öffnete bie Tur. Erstaunt sah er auf: „Mein Gepäck?" „
Sein 1 Öe9pärfC W gestohlen. Alle brei Koffer - bie Aktentasche — es waren wertvolle Dokumente darin."
schnell um: „Woher wissen Sie
retts''.
Sie sagte langsam: „Die Zigarette
Ungläubig. ...
,Sie kennen mich seit einer Stunde. Sie stiegen zu mir in bas leere Abteil, stellten sich kurz vor unb begannen sofort, mir Ihre Liebe zu beteuern. Sie müssen mir schon gestatten, baß mich Ihre allzu schnelle unb zielsichere Art eher auf ein kurzes Abenteuer als auf eine große Liebe schließen laßt. Uebrigens -- wann sinb wir in Mailand?" ,
Er zog seine Uhr. „In ungefähr zehn Minuten.
„Sie fahren weiter?"
„Ja. Nach Nizza."
„Dann muß ich Sie warnen. Ich fahre auch nach Nizza. Ich könnte Sie beim Wort nehmen und von Ihnen einige Wochen verlangen, wo Sie nur Stunden zu geben dachten."
Er sah sie lange an. Unvermittelt sagte er: „Wollen Sie rauchen?"
Er zog seine goldene Tabatiere aus ber Tasche und reichte sie hinüber.
„Nein — nehmen Sie von der anderen Seite — sie sind besser."
Sie sah kurz auf, zögerte.
„Danke", fagte*fie bann unb nahm eine der angebotenen Zigaretten.
Wenige Minute,» vergingen in Schweigen. Der Zug verlangsamte seine Fahrt. Plötzlich sprang fie auf: ~ r
„Wollen Sie bitte schnell das Fenster offnen — mir ist nicht gut — die Zigarette — was ist das nur - die Zigarette —" .......
Sie sank auf ihren Sitz zuruck, fiel ohnmächtig j»ur Seite.
Unwillkürlich nahm er ihr die Zigarette aus der Hand unb warf sie zum Fenster hinaus.
Vor dem Verwaltungszimmer des Bahnhofes in Mailand staute sich eine neugierige Menge. Man war einer halbohnmächtigen Dame gefolgt, die von zwei Schaffnern aus dem Zug hierher getragen wurde. Hinter ihr ging aufgeregt ein äußerst eleganter Herr, der dauernd auf den Zugführer sin- fprach.
^Jch^oerstehe. Nicht schlecht gemacht. Die Ziga-
Sie sagte kurz.: „Eine Komödie."
„Inzwischen ließen Sie meine Koffer stehlen?" Sie nickte: „Genau, wie Sie sagen."
Er schloß hart die Abteiltür. Zog den Vorhang vor.
„Hören Sie, ich brauche die Aktentasche unbedingt. Ihr Verlust ruiniert meine Karriere. Wohin haben Sie die Tasche bringen lassen?"
„In Sicherheit."
„Wo ist die Tasche?"
Sie schüttelte ben Kopf.
„Sie wollen es mir nicht sagen?"
„Nein."
Er ließ ihren Arm los. Starrte zum Fenster hinaus.
Plötzlich klang ihre Stimme hinter ihm:
„Warum haben Sie noch nicht gesagt, daß Sie mich verhaften lassen?"
Baron Borelli gab keine Antwort.
Sie lachte spöttisch: „Verhaften Sie mich doch!" Unb bann: „Wie steht es jetzt mit Ihrer Liebe, Baron? Lieben Sie mich noch immer?"
Er sah sie an. Lange. Dann sagte er: „Ja." „Trotzdem?"
„Trotz allem. Ich liebe dich. Ich weiß nicht, wer du bist. Aber ich liebe dich. Ich weiß, nicht, was geschehen wird. Aber ich liebe dich, du!"
Ihre Lippen drängten seinen Küssen entgegen.
„Jetzt glaube ich an deine Liebe."
„Wir werden reisen — weit in die Welt — wo uns niemand kennt — ich bin reich genug, meinen Berus aufzugeben — wir werden uns ein kleines Haus mieten in einem großen Garten —"
„In Nizza?"
Er löste sich verwundert aus ihren Armen.
„In Nizza? Hast du denn vergessen, was du getan hast? Vergißt du denn, baß bie Polizei mich unb bich in brei Tagen verhaften wirb, wenn sie erfährt, baß bie Akten verschwunden sind?"
Ein frohes Lachen fiel über ihr Gesicht.
„Die Akten sind doch nicht verschwunden. Ich habe nur deine Koffer durch meinen Diener, ber im zweiten Waggon bes Zuges saß. in Mailanb mit bem Wagen nach Nizza vorausgeschickt. Sie sinb sicher schon längst in meiner kleinen Villa, unb bu wirst alles dort vorfinben. Verzeih mir bie kleine Ueberrafchung."
Er fanb sich nicht zurecht:
„Aber warum hast du bas getan? Warum hast du erst mich und dann bich in einen so schlimmen Verdacht gebracht?"
Sie legte ihre Hand auf seinen Mund:
„Ich mußte mich doch erst überzeugen, was für ein Mann bu bist. Ich wußte boch nicht, ob du
mich wirklich so liebtest, wie bu sagtest Man kann als junge Frau, bie allein in ber Welt steht, nicht vorsichtig genug sein. Jetzt aber weiß ich, daß ich mich deiner Liebe ruhig einige Wochen anvertrauen kann."
Er küßte ihre Augen.
„Dein ganzes Leben kannst du meiner Liede anvertrauen."
Sie sagte leise:
„Nein — nicht mein ganzes Leben — nur meins Jugend."
Figaro im Glück.
Der berühmteste Mann, den nach dem durch Daudet verewigten Schwindelgenie Tartarin die Stadt Tarascon hervorgebracht hat, ist gegenwärtig ein Figaro dieses Ortes namens Paul Bonhoure, ber ben Hauptgewinn der Französischen National- ßotterie im Wert von 5 Millionen Francs einge» heimst hat. Dieser glückliche Figaro hatte bisher, bie Kriegsjahre ausgenommen, ein stilles und friedliches Leben geführt und feinen Laden feit 33 Jahren nur einmal auf längere Zeit verlassen, als er eine Reise nach Avignon unternahm. Auch das ist immerhin von Tarascon nicht weit. Nun hatte er das ungewöhnliche Erlebnis, daß ihm der Steuereinnehmer, der sonst auch von den Franzosen nicht gern gesehen wird, eine Freudennachricht brachte.' Er hatte sich bereits schlafen gelegt, denn er gebt früh zu Bett, da er am Morgen schon früh seine Kunden bedienen muß — als es laut an seiner Tür klopfte, und als w verschlafen öffnete, stand der Steuereinnehmer, bei dem er bas Los gekauft hatte, vor der Tür unb sagte schlicht und ruhig: „Ich habe Sie nur herausgeklopft, um Ihnen zu sagen, daß Sie 5 Millionen Francs gewonnen haben". Erst glaubte unser Fiaaro zu träumen, bann aber eilte er mit dem Glücksboten in das nächste Cafe, und bald war eine große Schar von Mitfeiernden um ihn versammelt und die ganze Nacht durch hob em Gelage an, wie es Tarascon feit ben fabelhaften Festen des guten Tartarin nicht erlebt hat. Am anderen Morgen aber öffnete der Barbier trotz der durchfchwärmten Nacht feinen Laden rote gewöhnlich unb verkündete, daß er alle feine Kunden gratis bedienen werde. Die Damen erhielten sogar unentgeltlich Dauerwellen! Das Geschäft ging natürlich so gut wie noch nie. Im übrigen will Herr Bonhoure nach diesem Glückszufall fein Leben überhaupt nicht sehr verändern, sondern nur mit Gattin und Sohn eine größere Vergnügungsreise unternehmen.


