Doktor Grudes Ehe.
Originalroman von Z. Schneider-Zoerstl.
17. Fortsetzung. Nachdruck oerboienl
„Ach, Madien", Hub Christa von neuem an, „das gehört doch gar nicht hierher. Was gehen dich die anderen an. Du bist feine Frau! Seine Frau, Madien! Ich w-ll gar nicht von der Schuld sprechen, die du an mir begangen hast. Ich spreche nur von der, die du tagtäglich an ihm verübst. Rolf sagt ..."
„Was sagt er denn?" Madien horchte gespannt, was nun kommen würde.
„Daß Felix vor dem Ruin steht. Richt nur vor dem körperlichen, sondern auch vor dem als Arzt. Seine Praxis ist um die Hälfte zurückgegangen."
Das schien endlich Eindruck auf die junge Frau zu machen. Hilflos sah sie zu der Schwester auf. „Das kommt von dem verfluchten Morphium."
„Und du hast es aus dem Gewissen!" ergänzte Christa. „Er ift nicht Morphinist gewesen, als du ihn geheiratet hast." . „
„Ach, das wäre er vielleicht so auch geworden , verteidigte sich Madien.
„Niemals!" unterbrach sie Christa. „Du hast ihn dazu getrieben! Was wird nun, wenn er seine Praxis aufgeben muß? Was denkst du, daß sich alles daran knüpft? Einschränkung in allem! In Gesellschaft unmöglich! Steine Einnahmen mehr! Stein Auto!"
„Hör auf!" bat Madlen. Der Schrecken war beut- sich in ihren Augen zu lesen. Sie würde arbeiten müssen, in der Küche stehen, die Böden selber schruppen, für das Kind sorgen, auf den Markt laufen und Einkäufe machen.
„Was soll ich tun?" jammerte sie. „Sag, Christa, was soll ich tun?"
„Du mußt ihn sofort bestimmen, daß er- sich einen Vertreter nimmt und in ein Sanatorium geht, bis er vollkommen entwöhnt ist. Ein Zweites gibt es nicht."
Madlen war schon wieder beruhigt.
„Wenn es sonst nichts ist, das läßt sich ja machen. Ich halte ihn nicht, wenn er in ein Sanatorium will", sagte sie weinerlich. „Dr. Bäcklin bringt sicher auch die Praxis wieder auf die frühere Höhe. Wir können auch in manchem sparen. Zum Beispiel die Lena, die kann--"
„Die bleibt", unterbrach Christa sie schroff. „Du würdest dir nur selbst schaden, wenn sie ginge."
„Aber Dick ift überflüssig!" trotzte Madlen.
„Für ihn wird sich etwas finden."
Die junge Frau atmete auf. Wenn nur Montrey aus dem Haufe war. Lauernd fragte sie: „Und du?"
„Ich habe einen Borschlag, Madlen: Ich werde verschollen bleiben, wie bisher. Niemand weiß um meine Existenz, als die wenigen Menschen, die bisher darum gewußt haben. Du gibst mir dein Ehrenwort, daß du Felix' Leben zu einem friedlichen
Glück zu gestalten suchst, dafür verspreche ich dir daß ich mich weiterhin vor ihm verkriechen will und einen Erdteil zwischen ihn und mich legen.
„Aber er darf nicht zu viel von mir verlangen." ,^Jft das zuviel, wenn du gut zu ihm bist?
,',Du stellst dir das so leicht vor", sagte Madlen, schrak zusammen und riß die Schwester nach der Ture. Von der Straße heraus tarn Grudes Hupen- fignaL „Um Gotteswillen, geh!--Er soll nicht
mehr über mich zu klagen haben! Ich schwöre es dir!" hastete sie, als Christa noch immer auf dem gleichen Platze stand.
„Ich werde es erfahren, wenn du nicht Wort hältst!" Christas Blick umfaßte drohend die Schwe- fier.
„Geh jetzt!--Geh!--Ich bitte dich —
er kommt ja schon!" Sie schob die Schwester aus der Türe, über den Korridor hinüber und öffnete Lenas Zimmer.
Im selben Augenblick steckte Grude draußen den Schlüssel in die Flurtüre.
*
Grudes Kind war ein Mädchen.
Aber er war nicht zu Hause, als feine kleine Tochter zur Welt kam. Auf Rolfs und Lenas dringende Bitte hin hatte er sich schon drei Wochen vorher in das Sanatorium von Professor Haider begeben. Er hatte selbst eingesehen, daß dies ein Gebot der Notwendigkeit war.
Madlens Freude an ihrem Kinde war nicht gerade übermäßig groß. Es mischte sich zuviel Erbitterung über den Gatten darein. „Ich habe es ihm mehr als ein Dutzendmal gesagt, daß es noch einmal ein solches Ende mit ihm nimmt", maulte sie. „Und gerade jetzt ist er nicht da, wo ich ihn so nötig hätte." Sie wühlte dabei den Kopf in die Kiffen und schluchzte vor sich hin.
Lena ging auf leisen Füßen und die Geheim- rätin trug ihr Enkelkind nach einem anderen Zimmer, damit es dort ungestört schlafen konnte.
Grudes Vertreter, Dr. Böcklin, kam dreimal des Tages, um nach Madlen und dem Kleinen zu sehen. Dabei zog die junge Frau jedesmal rücksichtslos die gröbsten Register gegen ihren Mann. „Was muß er auch Morphium haben! Das kann ein Mensch in seinem Alter doch fertig bringen, daß er sich etwas versagt. Noch dazu etwas, von dem er weiß, daß es ihm schadet. Das nur feinen Patienten zu predigen, ist freilich leicht. Wie lange glauben Sie, daß es dauert, bis er völlig entwöhnt ift?"
Böcklin zuckte die Achseln. „Das ist schwer zu sagen. Einige Monate dürfte es immerhin in Anspruch nehmen."
„Schrecklich", sagte sie. „Und was das kostet!" Sie zog die Spitzen ihres Nachthemdes weit über die gepflegten Hände und warf ihm dabei einen Blick zu, der Mitleid entfachen sollte.
Zweimal am Tage fuhr Montrey nach dem Sanatorium und besprach sich mit dem Chefarzt.
Profesor Haider war sehr liebenswürdig und mitteilsam. Aber so eine Entwöhnung brauchte natürlich ihre Zeit. Anfangs hatte der Fall fast hoffnungslos ausgesehen. Erft feit Tagen begann Grude sich etwas zu beruhigen. Den beiden oelbftmorö- versuchen, die er gleich in den ersten Wochen unternommen hatte, war fein weiterer mehr gefolgt.
„Entziehen Sie ihm die Dosis nach und nach?" fragte Dick.
Der Professor lächelte nachsichtig. „Nein! Nein! das muß auf einmal geschehen. Ein „Nach und nach" gibt es bei dieser Leidenschaft nicht. So wenig wie man einen Trinker ober einen Nikotin-Besessenen nach und nach entwöhnen kann. Der Schnitt muß auf einmal gemacht werden. Mitleid oder irgend welche andere Gefühlsmomente sind hier nicht am Platz."
„Und er hat es so ruhig hingenommen?" verwunderte sich Montrey?
„Heißen Sie das ruhig, Herr Hauptmann, wenn er zum Messer und zum Strick greift, schreit, tobt, mich einen Schandkerl und Zuchthausinspektor heißt?" Als er das Entsetzen in Dicks Augen las, nickte er: „Man gewöhnt sich an alles! Er ist ja nicht der Erste und der Einzige, den ich zwischen den Händen habe. Don den zweihundert Morphinisten, die sich hier befinden, machen es alle gleich. Wir haben schon welche gehabt, die auszubrechen versuchten und mich und meine Assistenten tätlich angriffen. Beleidigungen, die bei solchen Austritten fallen, zählen nicht! Wo kämen wir da hin!"
„Ich möchte ihn so gerne sehen", bat Montrey.
„Ausgeschlossen! Ich könnte es nicht verantworten, Herr Hauptmann." Dabei irrte wieder dieses nachsichtige Lächeln über das Gesicht des Professors. „Sie würden es gar nicht fertig bringen, wenn er fo dringend um ein bißchen Morphium bettelt. Man muß ein Herz von Stein haben. Das Ihre wäre zu weich."
Madien kam zwar auch, ein ober zweimal, sah sich jebesmal abgewiesen unb setzte eine gekränkte Miene auf. Das konnte sie ja bleiben lassen, immer ben weiten Weg herauszufahren. Da gab es ent- schieben anbere Gelegenheiten, wo man sich besser amüsieren konnte. Auch zu Hause behagte es ihr nicht besonbers, Lena war ihr im Wege. Auch bie Anwesenheit ber Mutter war ihr nicht sonberlich erwünscht.
Was sollte sie auch noch um die anderen hcrum- sitzen!
Sie nahm Unterricht im Chauffieren und erneuerte ihr Theaterabonnement. Der Tag war sonst endlos. Man mußte doch auch etwas haben, auf das man sich freute.
Mit Dick wechselte sie kaum mehr ein Wort. Und als sie eben in bie Garage kam unb sah, wie er eine Reparatur am Wagen vornahm, sagte sie unhöflich: „Immer, wenn ich ben Wagen brauche, hast du etwas daran zu richten!"
„Well du allemal was dran verdirbst, fo oft du ihn fährst!" kam es gleichmütig.
„Ach, immer sott ich an allem schuld fein! Ich will jetzt fort!"
Er hörte das Ausstampfcn ihres Fußes und sah flüchtig empor. „Du kommst net bis zum Prater damit! Nimm dir ein Miettaxi!"
Daß er nun in aller Ruhe auch noch zwei Zünd« kerzen herausnahm, brachte sie vollends in Wut. „Für einen K. und K. Hauptmann benimmst du dich recht flegelhaft! Uebrigens steuert Dr. Böcklin den Wagen ganz allein, und ich auch." In fein verfinstertes Gesicht spähend, setzte sie hinzu: „Wir müssen doch jegt auch sparen!"
„Freilich!" sagte er, schon wieder vollkommen im Gleichmut. „Du d-auchst nix weiter zu fag'n. Ich versteh dick schon." Seine Hand hob sich abwehrend, als sie weitersprechen wollte — „Das Benzin ab ich aufg'füllt. — Dr. Böcklin braucht den Wag'n um drei Uhr."
Ohne sich weiter um sie zu bekümmern, ging er aus der Garage. Sie hörte, wie er über das Pflaster des Hofes schritt und sah ihm mit bösen Augen nach. — Mochte er! — Einmal hatte es zum Plagen kommen müssen! Er würde sich nicht gleich aufhangen deswegen.
Am Abend meldete die Lena mit geröteten Augen: „Herr Hauptmann Montrey lassen sich noch empfehlen."
„Der Feigling!" rief sie. „Das sieht ihm ähnlich, sich ohne ,Adieu' davonzumachen. — Sic haben ihm doch sein Gehalt ausbezahlt, wie?"
Lenas Augen irrten durch bas Zimmer „Es war nicht soviel in ber Kasse."
„Dierhunbert Schilling", erregte sich Madien und polierte ihre Fingernägel weiter
„Herr Montrey hat auch die letzten sechs Monate nicht ausbezahlt bekommen. Es hätte über dreitausend Schilling gemacht."
Nun verspürte die junge Frau doch einen gelinden Schreck. Aber er war rasch wieder abgeschüttelt. „Gott, es war ja nur Dick! Der konnte warten! Wenn Felix wieder auf dem Damme war, bezahlte man ihn nachträglich, und die Sache war erledigt."
Sie nahm einen Roman zur Hand, ging nach dem Schlafzimmer und warf sich in die Kissen. ✓
Aus dem Sprechzimmer, dessen Wand daneben grenzte, kam Dr. Bocklins dunkles Organ. Er schien mit Lena zu sprechen. Sie hatte bas stille feine Mädchen nie gemocht, und nun verspürte sie einen förmlichen Haß gegen Lena. Daß Dick so bereitwillig das Feld räumte, hätte sie gar nicht geglaubt. Nur Lena reagierte auf gar nichts: auf keine Laune, auf keine Beleidigung, auf keine noch fo offene Anspielung. Sie blieb immer die Ruhe selbst und war nicht zu vertreiben.
„Warum wohl?--" Das hätte sie bitter gern
gewußt.
(Fortsetzung folgt.) _______
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