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18.10.1933 Zweites Blatt
 
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nr.244 Zweiter Blatt

Mittwoch, 18. Oktober 1955

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Llnser Nachbar im Weltenraum.

Oer Mond und seine Beziehungen zur Erde.

Bon Or. W. dichter.

Außer der Sonne Hot von jeher kein ande­rer Himmelskörper so stark auf die Gemüter der Menschen gewirkt, wie unser nächster Nachbar im Weltenraum, der Mond. Noch immer birgt dieser Trabant unserer Erde zahlreiche unentschleierte Geheimnisse, aber über seine wichtigsten Eigenschaften wissen wir dank den Arbeiten unserer Astronomen doch schon recht gut Bescheid.

Wenn wir in klaren Nächten zum Monde empor­blicken, dann streift uns manchmal wie eine leise Er­innerung der Gedanke an jene ferne Zeiten, da die Menschen dem Monde noch göttliche Ehren erwiesen oder wir denken an jene noch sehr kurz zurück­liegende Vergangenheit, als unser himmlischer Be­gleiter im Mittelpunkt zahlreicher mystischer Speku­lationen stand, die sich jo teilweise im Aberglau­ben auch heute noch in kaum veränderter Form gehalten haben. Noch vor kaum hundert Jahren glaubte man aus dem Monde Burgen und Be­se st i g u n g e n entdeckt zu haben, die aus eine hoch entwickelte Jngenieurkunst der Mondbewohner hin­wiesen! Dann aber kamen die stärkeren Fernrohre den Astronomen zu Hilfe und sie zerstörten eines der Märchen vom Monde nach dem anderen: die Burgen und die Mondbewohner selbst wurden ebenso ins Reich der Fabel verwiesen wie all jene sonderbaren Vorstellungen, die man sich früher vom Aussehen unseres Himmelsnachbars gewacht hatte.

Heute kennen wir dos Angesicht des Mondes we­nigstens teilweise recht genau nur teilweise, denn rund 41 Prozent der Ptondoberfläche sind für die Erde ewig unsichtbar. Der Mond dreht sich nämlich während eines Umlaufs um die Erde gerade einmal um sich selbst und zeigt ihr daher stets dieselbe Seite. Allerdings treten hierbei gewisse Schwankungen auf, so daß nur etwas weniger als die Mondhälfte uns ver­borgen bleibt. Von der uns zugewendeten Seite können wir so genaue Photographien aufnehmen, daß keine Einzelheit von Bedeutung verlorengeht über die uns abgekehrte Seite dagegen werden wir erst dann Bescheid wissen, wenn endlich jener uralte Sehnsuchtstroum der Menschheit, dieR e i s e nach dem M 0 n d", mit Hilfe einer Rakete oder auf welche Weise immer erfüllt word'en ist.

Vorläufig müssen wir uns mit den ja recht aus­giebigen Nachrichten begnügen, die uns die Fern­rohre und Apparate der Astronomen mitzuteilen haben. Zunächst seien ganz kurz ein paar Zahlen genannt: der Mond ist uns im Vergleich zu ollen anderen Himmelskörpern außerordentlich nahe: seine Entfernung von der Erde schwankt zwischen 354 OOO und 404 000 Kilometer. Sein Durchmesser beträgt rund 3500 Kilometer, dos sind olso rund drei Elstel des Erddurchmessers. Seine Masse endlich beträgt rund ein Achtzigstel von unserer Erde. Schon mit dem unbewaffneten Auge kann man auf dem Monde gewisse Gliederungen der Oberfläche deutlich er­kennen.

Daß man unseren Trabanten so besonders gut beobachten kann, liegt in seinem gänzlichen Mangel an einer Atmosphäre begründet. Die Anziehungskraft des Mondes ist nämlich so gering, daß er eine Luft­hülle die er sicherlich früher gehabt hat nicht festzuhalten vermag auf dem Monde gibt es da­her auch kein Wasser. Es fehlen also die wichtigsten Voraussetzungen für die Existenz irgendwelcher Lebe­wesen. Lediglich in den Tiefen der größten Mond- kroter könnten einige niedere Organismen (etwa Algen usw ) vorhanden fein. All die schönen Theo­rien vonMondmenfchen" usw. sind vor dem for­schenden Blick der modernen Astronomie zunichte geworden das Bild, das uns die heutige Wissen­schaft vom Monde entwirft, ist das einer schauerlich öden Wüste aus Sand, Lovamossen usw., durchfurcht von riesigen, Hunderte von Kilometer umfassenden Trichtern und überragt von gewaltigen Gebirgen, deren Höhe bis zu 7500 Meter beträgt. Wir kennen

rund 600 Berge von über 2000 Meter auf unserem Trabanten. Schon mit dem bloßen Auge kann man die Gebirge erkennen: es sind die hellen Flecke auf der Mondscheibe. Die dunklen Flecke zeigen die Tief­ebenen an.

Die Mondgebirge sind in ihrer Mehrzahl sonderbare, kreisförmige Gebilde, die man als Ringgebirge" bezeichnet. Die größten Ringgebirge (Wallebenen" genannt) erreichen einen Durch­messer bis zu 300 Kilometer, sie nehmen also etwa eine Fläche ein, die Böhmen oder Siebenbürgen entsprechen würde! Daneben finden sich zahllose klei­nere Ringgebirge und Krater, deren Durchmesser zwischen 1 und 40 Kilometer schwankt. Ueber ihre Entstehung ist sich die Wissenschaft noch nicht recht einig, die größere Wahrscheinlichkeit spricht aber da­für, daß die Gebirge nicht wie man früher an­nahm vulkanischen Ursprungs sind, sondern durch einstürzende Meteore verursacht werden. Wir haben ja sogar auf unserer durch ihre Lufthülle- sehr gut, geschützten Erde einen durch Meteor-Aus-, schlag entstandenen Krater von über einem Kilo­meter Durchmesser (der sog. Canon Diablo in Ari­zona). Man kann sich leicht oorstellen, welch unge­heure Wirkungen die himmlischenBomben" auf dem Monde anrichten müssen, wenn sie ungebremst durch eine Atmosphäre mit ihrer gewaltigen Ge­schwindigkeit auf seiner Oberfläche aufschlagen.

lieber die Beziehungen zwischen dem Mond und den Menschen weiß auch die moderne Wissenschaft noch nicht allzuviel Sicheres auszusagen. In einem Punkte allerdings spielt für uns der Mond auch in

der Arbeitstneb

Es ist etwas Heilsames um den Zwang einer angefangenen Arbeit!

Bitter lästig ist uns aller Zwang, der als ein Fremdes von außen kommt. Aber es gibt auch einen Zwang von innen her, der aus unserem Wesen stammt, der uns nichts Fremdes ist. Und jede angefangene Arbeit ist ein Stück von uns selbst geworden. Einmal ergriffen, drängt sie nach Gestal­tung und Vollendung durch uns. Sie ist jetzt mehr oder weniger ein Stück unseres Lebens und Unseres Wesens. Weniger: wenn wir sie ohne große Liebe tun, und nur der Wunsch, fertig zu werden, uns antreibt. Mehr: wenn wir uns selbst aus den in­nersten Neigungen heraus die Ausgabe gestellt haben und in ihr wichtige Züge unserer eigensten Persönlichkeit verkörpern.

Es ist oft schwer, an eine Arbeit heranzukommen. Wir fürchten uns oft vor ihr selbst dann, wenn wir sie nur aus eigenem Antrieb uns aufgeben. So geht der Künstler an sein Werk. Das Empfangen der Idee ist süß, sagt Schopenhauer, aber das Ge­bären oft ein schmerzliches Ringen. Wenn bann nur einmal der Anfang gemacht, die Kräfte richtig ein­gestellt sind. Dann fängt die Arbeit sogleich an, eine Art Tragkraft zu entfalten. Die Zeit wird verges­sen, die Mühe nicht beachtet erst nach der Vol­lendung kommt es uns zum Bewußtsein, was wir hergegeben haben: wieviel Zeit, wieviel Kraft,, wie­viel von unserem Leben.

Der Zwang einer angefangenen Arbeit kann so­gar gefährlich werden. Forscher oder Künstler finden Tage unb Wochen hindurch keine Ruhe, sind für nichts anderes zu haben, als für ihr im Entstehen beariffenes Werk. Geschäftsleute, Poeten, Handwer­ker brennen Licht bis tief in die Rächte hinein und vergessen Schlaf und Bewegung über einer Arbeit, auch wo es nicht etwa das liebe tägliche Brot gilt.

Der Anfang einer Arbeit ist die Vermählung

der Praxis eine sehr wesentliche Rolle. Die G e z e i» t e n (Ebbe und Flut) des Meeres werden hauptsäch­lich durch die Anziehungskraft des Mondes verur­sacht. Die Vorausberechnung dieser Gezeiten ist für die Schiffahrt naturgemäß außerordentlich wichtig und in der Deutschen Seewarte in Hamburg werden mit Hilse einer genial konstruiertenGezeiten- Rechenmaschine" für lange Zeit im voraus die not­wendigen Angaben festgestellt unb ben Interessenten rechtzeitig mitgeteilt.

lieber die so oft bisfutierten Beziehungen zwischen Monb unb Wetter ist vorläufig nur wenig Genaues bekannt: es ist wahrscheinlich, daß solche Beziehun­gen bestehen, aber dieüblichen" Meinungen über diese Zusammenhänge (Mondwechsel soll Wetterwech­sel bedingen usw.) sind meistens recht fragwürdig, da sie fast stets, aus zufälligen Einzelbeobachtungen - abgeleitet und dann gleich verallgemeinert wurden.

Van den dierekten Beziehungen zwischen Mond und Mensch ist wohl die sog.M 0 n d s u ch t" am bekanntesten, bei der hysterische oder nervöse Mem schen besonders unter dem Einfluß des Mondlichtes im Schlaf irgendwelche Handlungen ausführen, von denen sie nach dem Erwachen nichts mehr wissen. Zweifellos bestehen auch bei manchen anderen Krank­heiten Zusammenhänge mit dem Mondwechsel häufig werden aber irrtümlich Beziehungen in dieser Richtung vermutet, während es sich in Wirk­lichkeit um regelmäßig wiederkehrende Anfälle (z. B. bei epileptischen Erkrankungen) handelt, die an sich mit dem Mond gar nichts zu tun haben und nur zufällig jeweils mit einer bestimmten Mondphase Zu­sammentreffen.

Endlich fei noch erwähnt, daß unsere Zeitrechnung in engem Zusammenhänge mit dem Monde steht, der zur Grundlage unserer Jahres-Einteilung wurde und es mit einigen bekanntlich ja keineswegs vollkommenen Ergänzungen und Abänderungen des Kalenders bis heute geblieben ist.

einer Idee mit unseremWillen. Unser Ich soll einem Werke, sei es geistiger, sei es materieller Natur, aus­geprägt werden. Ist einmal die Verbindung herge- ftellt, bann trägt uns ber Strom. Wir arbeiten, wie von einer höheren Macht inspiriert. Es ent­steht etwas unter unseren Händen, wie hervor- wachsend aus unabänberlicher Naturnotwenbigkeit.

Gar manche Aufgabe bliebe ungelöst, gar manche Stunbe ginge ungenützt vorüber, wenn biefer innere Zwang nicht wäre. Unb währenb äußerer Zwang uns quält gleich Peitschenhieben, so treibt uns ber innere in ber Natur einer Sache, in bem Schaftens- brang unseres Wesens, in ben Bedürfnissen unserer Vernunft liegende, wie der Wind die Segel. Und selbst bei unlieben Arbeiten, sobald sie nur erst ein­mal angefangen sind, packt uns bald dieser starke Vorwärtstrieb. Etwas unfertig zu lassen, geht uns wieder die Natur. Der Anblick des Halbvollenbeten stört uns. Unsere Wünsche fangen an, in ber Phan­tasie zu ergänzen unb abzuschließen, unb unsere Wünsche ziehen, wo es nur irgenb unseren Fähig­keiten entspricht, unsere Hänbe nach sich.

Es ist etwas Heilsames um ben Zwang einer angefangenen Arbeit. Unb schließlich ist bas ganze Staats- unb Kulturleben ber Menschheit mit all seinen Mängeln unb Lücken erst nur angefangene Arbeit. Unb ber Trieb nach Vollenbung geht von da aus durch die Menschheit.

Schulen und Handwerks-Wervewoche.

Die Hessische Ministerialabteilung^für Bildunas- wesen, Kultus, Kunst und Volkstum hat an Die Direktionen unb Leiter ber höheren Schulen unb der gewerblichen Unterrichtsanstalten, sowie an die Kreis- unb Stabtschulämter folgende Verfügung gerichtet:

Es ist die Aufgabe des nationalsozialistischen -Staates, sich dafür einzusetzen, daß .die Arbeit deutscher Hände wieder'zu Ehren kommt unb ber Geistesarbeit gleichgeachtet wirb, damit die in ber

Vergangenheit unb leider auch heute noch zum größten Teil dazwischenliegende verderbliche Kluft überbrückt wird, Standesdünkel und Klassenkampf» gebauten enbgültig überrounben werben.

Ein wertvoller Teil ber Handarbeit liegt beim Handwerkerstand. Er ist am Aufbau deutschen Kul­tur- und Wirtschaftslebens ein unentbehrliches, ja sogar wesenhaftes unb seine Eigenart kennzeich- nenbes Glieb. Wir hanbeln barum in Erfüllung unserer Pflicht dem deutschen Volke gegenüber und in Erkenntnis ber Bedeutung und Ausgabe der Reichswerbewoche des deutschen Handwerks vom 15. bis 22. Oktober, wenn wir hiermit anordnen, daß in den ersten Tagen der Werbewoche in allen Schulklassen auf die vielseitige kulturelle wie wirt­schaftliche Bedeutung des deutschen Handwerks hin- gewiesen wird, hierbei auch im Anschluß an ver» gangene Zeiten, in denen die Handwerkerzünfte ein wichtiger Wirtschafts- und Kultursaktor deutscken Staatslebens waren und bas Wort noch seine Be- beutung hatte, daß bas Hanbwerk einen golbenen Boben habe.

Schühenverein Gießen.

Man berichtet uns: Dieser Tage hielt der Schützen­verein seine diesjährige, gut besuchte Herbst-General­versammlung ab. Schützenbruder Gustav Frey er­öffnete die Versammlung und führte u. a. aus: Die Generalversammlung sei für den Schützenverein von befonderer Bedeutung, da sie entscheiden solle, ob der Verein sich als solcher im nationalsozialistischen Staat einreihen will. Nachdem unser Führer Adolf H i t - l e r bas Staatssteuer mit kräftiger, zielsicherer Hand ergriffen unb ben Kurs nach Steuerbord verlegt hat, war der verderbliche Parlamentarismus der letzten 14 Jahre vernichtet. Der 21. März hat in Potsdam bas alte unb bas junge Deutschland vereinigt, es ist damit vom Parteienstaat zur Volksgemeinschaft ge­worden. Fundament des nationalsozialistischen Staa­tes ist das Führerprinzip. Der Schützenverein als ein Glied dieses Staates wolle ebenfalls seine Der- einstätigkeit auf das Führerprinzip einstellen. Der Führer will damit erreichen, daß auch in den Ver­einen der Parlamentarismus für immer verdammt wird. Aus diesem Grunde hat der Vorstand in sei­ner letzten Sitzung beschlossen, seine Aemter mit dem Tage der Generalversammlung zur Verfügung zu stellen, um den Weg zu diesem Uebergang freizu- machen. Viele Vereine haben diese Maßnahme von sich aus bereits vorgenommen, andere wurden gleichgeschaltet. Das letztere kann für den Schützen­verein nicht in Frage kommen, da er stets auf na­tionalem und sozialem Boden gestanden hat. Die Vereinsmitglieder wollen sich freudigen Herzens dem Führer Adolf Hitler unterstellen und aus der Versammlung den Vereinsführer wählen, der die Geschicke des Schützenvereins in die Hand nehmen soll.

Hierauf wurde dem Ehrenmitglied Hch. Noll das Präsidium zur Leitng des Wahlaktes übertragen. Als Dereinsführer wurde Schützenbruder Gustav Frey oorgeschlagen. Da weitere Vorschläge nicht gemacht wurden, erfolgte dessen Wahl einstimmig. Schützenbruder Frey nahm die Wahl an und dankte ber Versammlung für bas Vertrauen, das sie ihm hiermit geschenkt habe. Er werde bestrebt sein, stets im Interesse des Schützenvereins seines Amtes zu walten. Nach dieser Wahl sei der Nationalsozialis­mus auch Ideengut des Schützenvereins geworden, und er fei daraufhin berechtigt, feine Mitarbeiter in den Vorstand zu berufen. Es wurden ernannt die Schützenbrüder: Dr. H. van Bentheim zum Oberschützenmeister, Franz Zeller zum 1. Rechner, Willi Bette zum 1. Schriftführer, Karl Peter zum 1. Schützenmeister, Willi Georg zum 2. Rech­ner, Hch. Appel zum 2. Schriftführer, Conrad Dreyer zum 2. Schützenmeister, Richard Koch zum Obmann des Festausschusses, Hans Ham­me r m a n n zum Hauswart, Werner Segler zum Archivar.

Der Führer des Vereins stellte an die Versamm­lung folgenden Antrag:Die heutige Versammlung wolle beschließen, den Vorstand zu ermächtigen, Sat­zungsänderungen, welche durch diese Umstellung nötig Und, von sich aus vornehmen zu können." Die­sem Antrag wurde einstimmig stattgegeben. Hierauf

Aus der provinzialhaupistadt.

Gustav treusten.

ZUM IO Geburtstage des Dichters. Bon Or. Friedrich Spreen.

Meine Bücher waren schon lange vor mir da. Sie sind die Geschichte unb Grübeleien meiner Vor­fahren unb meines ganzen Sanbes. Es ist einerlei, ob ich selbst lebe ober tot bin; sie lebten unb leben weiter ihr Dasein. Sie sinb schon tausenb Jahre am Leben und vergehen einst, wie ich vergehe, nachdem sie Menschen unb Büchern weiter gegeben haben.

was sie an Kräften in sich hatten. Sv geht es mit allen Kräften ber Menschen unb ihrer Werke: sie lausen wie eine Kette burd) die Zeit." Dieses Wort aus Gustav FrenssensGrübeleien", einem jener gedankenreichen Bekenntnisbücher, in denen er uns einen tiefen Einblick in (ein Wesen gestattet, bezeichnet so recht die Stellung, die sich dieser Dich­ter von jeher in seiner Zeit unb in seinem Volke gewählt hat. Sein höchstes Ziel war von Anfang an, ein Volksbichter zu werden, unb nie hat er ber Kunst einen Selbstzweck gugeftanben. Vielmehr ist fein Glaube, baß sie wieBlüte unb Blatt" aus dem wachfenben Stamme treibt.Mich lockte nie bie Kunst um ber Kunst willen", hat er ein ander­mal gesagt.Sondern ich wollte zuerst immer etwas, meist mehreres, bas auf ben einzelnen ober ben sozialen Charakter meiner Mitmenschen ging: z. B. ben Wert ber Sachlichkeit, ber Arbeit, ber

Wahrhaftigkeit, ber Kühnheit, ber Güte zeigen, ber ruhigen tätigen Vaterlandsliebe usw. Wenn ich bann aber in bie Erzählung tiefer hereistkam, er­griffen mich bie Bewegungen der Form, die Figuren und Seelen nahmen mich hin, unb jenes Wollen ging in bem allgemeinen Treiben unb Wollen unter, bie Puntheit unb ben Sinn bes Lebens unb ber Welt zu finben unb zu zeigen."

Dieses Programm Frenssens gibt ihm in unseren Tagen, in benen sein 70. Geburtstag gefeiert wirb, seine befonbere Bebeutung, benn es ist vollkommen bas Ziel unb Amt, bas bas neue Deutschlanb bem Dichter zuschreibt, ber nicht als Einzelner seine zarten Gewebe spinnen bars, fonbern unauflöslich mit ber Nation oerbunben, ihr zum Führer, Er­zieher unb Deuter werben fall. Frenssen, der Sohn des Tischlers aus Barlt, ber burd) jahrhunderte- lange Überlieferung in seiner Heimat Dithmarschen verwurzelt ist, fühlt sich bescheiben als Diener an bem großen schaffenden Werk der Natur:Zuerst kommt bas Volk, seine innere unb äußere Gesund- heit, sein Bestaub in Kraft und Stärke und dann bas ernsthafte, schöne freie Spiel der Kunst." Wenn man sein Dichten Heimatkunst genannt hat so laßt er bas nur in bem Sinn gelten, daßalle Kunst Heimatkunst ist, bie Odyssee so gut wie der Don Quichote oder Werthers Leiden. Wenn man aber damit Arbeiten bezeichnen will, die über sie hinaus keinen Wenschenwert haben, so ist das keine Kunst. Frenssen weiß, baß aus seinem Werk nicht nur sein Stamm spricht, nicht nur Schleswig-Hosttem, fonbern ganz Deutschlanb in ber unbegrenzten Weite feines Wesens unb Fühlens. In solchem Sinne ist er alsKämpfer für bie beutsche Wiedergeburt gerabe in biefen Tagen von Numme Numfen in einem Buch gewürdigt worden, bas bei bem Verleger Frenssens, ber G. Groteschen Verlagsbuch- hanblung in Berlin, erschienen ist.

Frenssen ist ber Sohn Dithmarschens unb neben feinen anberen großen Dichtersöhnen, dem Drama­tiker Hebbel unb bem Lyriker Klaus Gr 0 th, ber Epiker, ber bie altüberkommene Gabe, ein wackeres Seemansgarn" zu spinnen unb kühne Abenteuer ober schaurige Gespenstergeschichten zu erzählen, meisterhaft hanbhabt. So verbinden sich in seiner Kunst bie Welten bes Land- und See- volkes. Neben dem stolzen Marschenhof, ber für ihn mit seinen Menschen unb ihrer ehrwurbigen Arbeit eine ganze Welt umschließt, steht ihm bas Meer, bas er immer roieber in seiner grandiosen Dämonie schilbert. Und von der Marsch an ber Elbmündung ist es nicht weit nach Hamburg, bas seinKlaus Hinrich Baas" sich erobert unb bas ihm bie Tore zur Welt aufstieß, zu jenen

weiten Fernen, in benen sein Peter Moor für Deutschland kämpfte unb litt unb in bie so manche seiner Gestalten hinausgeworfen würbe. Auch barin ist sein Werk ein Sinnbilb Deutschlands, bas bie Heimat liebt unb bie Ferne sucht. In seinem Her­zen ist Frenssen ein Bauernsproß, ein Feinb ber Stabt. Da er als Stubent nach Berlin kam, würbe ihm bie Weitstabt ein großes Erlebnis, bas ihn aber nur in seiner Liebe zur Scholle bestärkte unb ihn sich abroenben ließ von ber bamals herrschen- ben Großstabtkunst. Aus ber Heimat hat er seine besten Kräfte geschöpft, fast alle seine Stoffe geholt. Wenn man mit ihm burd) fein Reich roanbert, bann fühlt man, wie eng er mit dieser Landschaft, mit diesen Menschen verbunden ist. Unendlich fast ist die lange Reihe der Gestalten, bie er biesem Menschenschläge verbcmkt, alle bie Träumer unb Grübler, bie 'Gottsucher unb bibelfesten Seebären, bie glücklichen Tagebiebe unb lebenskräftigen Prah­ler, bie soliden Unternehmer, bie stillen unb inner­lich großen Tagelöhner, die tüchtigen Hausfrauen und lebenswarmen Mutternaturen und die Mäd­chen, bie ber Stimme des Blutes folgen unb sich in Leib unb Sünbe verstricken. Um biefe unvergeß­lichen Figuren mögt bie frische gesunbe Luft, breitet sich ber harte Alltag unb bas seltene Sonntagsglück, schlingen sich Märchen unb Sagen, freunblidje Genien unb bunkle Gespenster.

Als Großmacht in Frenssens Welt steht neben ber Heimat ber Glaube. Er ist zunächst Geistlicher gewesen und sein Dichteramt fand er als folge­richtige Fortsetzung des Predigerberufes. Als Pastor hat er hineingeschaut in bie Menschenschicksale, hat sich eingefühlt in seine Gemeinbe unb bie Macht bes Glaubens, bie Macht bes Wortes kennengelernt. Als er bann ben Bibelglauben von sich warf, sich eine beutsche Religion, ein beutsches Gottbewußt­sein suchte, ba erwachte in ihm der Drang, zu Millionen zu sprechen, Millionen zu predigen, unb bies hat er in seinen schonenD 0 r f p r e b i g t e n" versucht, bie schon bas Werk eines Dichters sinb. Das Hauptwerk feiner religiösen Entwicklung würbe bann bas viel umstrittene, unerschöpflich reiche H i l l i g e n l e i". Langsam unb mühselig war sein Weg zum künstlerischen Schaffen, wie es bei ben schweren Menschen seines Stammes ber Fall ist, unb. lange Zeit hat er um seine Form gerungen, nachdem er bereits in seinem zweiten Roman, ben Drei Getreue n", bas Grundthema feiner Dichtung gefunden. Dieses künstlerisch unvollkom- mene, inhaltlich unvergeßliche Buch erzählt von ber Treue zur heimatlichen Scholle, an der ber höchste Segen hastet, unb prebigt bie Einigkeit bes deut- schen Volkes. Immer hat Frenssen mit ber Glut

seiner Ahnung an bieStunbe bes Deutschen" ge­glaubt, bie Schiller in jenem berühmten nachge­lassenen Gebicht verkündet.Aber ein solches Volk, dessen Stunde da ist", schrieb er bereits um 1900, muß sich auch innerlich und äußerlich rüsten, ge­rade in dem Bewußtsein, daß ob ihm das nun recht ist ober nicht seine Weltstunde gekommen ist." Aus diesem Bewußtsein ber historischen Be­rufung schuf er inPeter Moors Fahrt n a ch S ü b w e st" bas Heldendenkmal ber deutschen Kolonialkrieger, gestaltete er sein EposB i s - mar cf", um zu zeigen, wie groß um uns die Feinschaft wäre und wie hart und verschlagen ein Führer unseres Volkes sein müßte. Dem Weltkrieg ist er ein ebenso gütiger wie wahrhaftiger Chronist geworden, in denBrüder n" und imP a st 0 r von Poggsee" und imBrennenden Baum" schuf er ein Gleichnis aus dem 30jährigen Krieg, stets bemüht, feinem Volk Glauben und Hoffnung zu erhalten und ihm bas hohe Ziel in bie Zukunft zu weisen.

Frenssen hat seinen ersten unb größten Erfolg mit bemJörn U h l" errungen, biesem Dithmar­scher Bauernroman, ber in gewisser Hinsicht schon seine ganze Eigenart und fein Weltbild enthält. Aber in seinem unermüdlichen Schaffen ist er menschlich und künstlerisch doch noch viel weiter ge- kommen. Rein als gestaltete Form dürften die ge­hämmerte Festigkeit seinesPeter Moor", dessen objektive Schilderungskunst bie höchste Anschaulich­keit erreicht unb bie dramatische NovelleD e r Untergang ber Anna H 0 llmann" seine besten Leistungen sein. ImOtto B a b e n b i e ck" hat er seinenWilhelm Meister" gegeben, eine autobiographische Erzählung, bie sich zugleich zu einem beutschen Sßeltbilb runbet. Daneben hat biefer fruchtbare Epiker, besten Schaffen organisch vor sich geht wie bas Ansetzen ber Jahresringe am Baurn, uns immer roieber prächtige Geschichten be­schert unb auch aus feiner reichen Gedankenwerk- ftatt mitgeteilt in ben Bänden derGrübele i e n" und derM ö ro e n und Mäus e". In diesen Auszeichnungen spiegelt sich die ganze Fülle unb Tiefe seines Suchens nach Wahrheit, bie echte menschliche Weisheit, bie er sich errungen. Unb biefer ewig an sich formende und sich erneuernde Künstler schenkt uns als beste Geburtstagsgabe so­eben einen neuen RomanMeins der Prah­ler", in bem bie Mischung vom Märchentum unb Erziehungsabsicht, gesundem Bauernwesen unb geheimnisvoll spukender Phantastik einen besonders harmonischen Zusammenklang gefunden hat.