Ausgabe 
18.9.1933 Erstes Blatt
 
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Die Mitarbeiter im ©au Ausland des NS.» Lehrerbundes treffen sich am heutigen Montag, den 18. September, 17 Uhr, in der neuen Pestalozzi- schule in den Eichgarten. Die Teilnahme weiterer Mitarbeiter ist sehr erwünscht, besonders solcher Herren, die neben dem Interesse an der Sache auch stenographieren und schreibmaschinenschreiben kön­nen. Die Mitarbeiter bilden zugleich eine Arbeits­gemeinschaft für Grenz« und Äuslandsdeutschtum.

Sonderzug von Oberheffen zum Aieherwalhhenlmal.

Einem vielfachen Wunsche Rechnung tragend, wird anläßlich der Fünfzig«Jahrfeier des Nie« derwalddenkmals voraussichtlich am 24.Sep­tember ein Verwaltungs-Sonderzug von Bad Salzschlirf über G i e ß e n»Frankfurt a. M. und zurück nach Rüdes heim gefahren. Abfahrt in Bad Salzschlirf gegen 5.15 Uhr, Ankunft in- desheim gegen 9.30 bis 10 Uhr. Rückfahrt ab Rüdes- heim gegen 18.30 bis 19 Uhr, Ankunft in Bad Salz­schlirf gegen 23 bis 23.30 Uhr. Der Zug hält zur Aufnahme und zum Absetzen von Fahrtteilnehmern auf der Hin- und Rückfahrt auf allen Bahnhöfen von Bad Salzschlirf bis Gießen, mit Ausnahme von Göbelnrod, Saasen und Rödgen. Nähere Mitteilung folgt.

Daten für Montag, 18. September.

1426: der Maler Hubert van Eyck in Gent ge- starken (geboren um 1306); 1786: der Dichter Justinus Kerner in Ludwigsburg geboren (gestorben 1862).

Bornotizen.

Tageskalender für Montag: Palast- Lichtspiele, 9 bis 21 Uhr, Zinnsoldaten-Truppen- schau. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Ende von Marabu".

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** Die Ferienvertretung bei der Gießener Studentenschaft. Der Führer der Studentenschaft der Universität Gießen, stud. jur. H. I. Adam teilt uns mit: Herr Diplomvolkswirt Ludwig Fritz wird von seinem Amt als Ferien­vertreter entlastet. Die weitere Arbeit übernehme ich selber. Meine Sprechstunden sind täglich von 11 bis 12 Uhr im Zimmer der Studentenschaft, Universi­tätszimmer 6.

** E i n Achtzigjähriger. Herr Jakob Hardt feierte am vergangenen Samstag seinen

80. Geburtstag. Der Jubilar erfreut sich guter Ge- fundheit. Herr Hardt wohnt ein Zeichen guten Einvernehmens mit dem Hausbesitzer im 36. Mietsjahr im Hause Hammstraße4.

** Straßensperrungsnachricht, mit­geteilt vom Oberhessischen Automobil-Klub E. V. (A. v. D.), Gießen: Die Ortsdurchfahrt Nidda (Bahnhofstraße) der Straße NiddaGeiß-Nidda Dauernheim ist vom 18. bis 23. September für jeglichen Verkehr gesperrt. Die für die Sperrung der Straße Bad SalzhausenNidda veröffentlichte Umleitung über Geiß-Nidda erfolgt während dieser Zeit über Geiß-NiddaDauernheimRanstadt. Die Ortsdurchfahrt Garbenteich im Zuge der Straße HausenGarbenteichDorf-Gill ist vom 20. September ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Um­leitung erfolgt über Steinbach und Watzenborn- Steinberg.

** Zwiegespräch im Rundfunk über die Schlachtbei Bertrix Neufchateau. Bei dem am 22. August übertragenen Zwiegespräch zwischen Studienrat Dr. Kaiser und Major a. D. o. R e ck o w über die Schlacht bet Bertrir-Neuf- chateau konnte leider nicht der Kämpfe aller der in diese Schlacht verwickelten Truppen gedacht wer­den. Auf vielseitigen Wunsch der Hörerschaft wird nun das interessante Thema am morgigen Diens­tag, 19. September, von 18 bis 18.45 Uhr weiter­behandelt werden. Genau wie am 22. August wer­den auch diesmal viele Tausende von Mitkämpfern den Ausführungen mit Spannung lauschen. Aber auch allen Volksgenossen muß es eine Ehrenpflicht sein, sich mit den heldenhaften Kämpfen der Truppe im Weltkriege vertraut zu machen, um in tiefer Ehr­furcht derer immer wieder zu gedenken, die für Heimat und Volk ihr Leben einsetzten. Nur durch Kenntnis der geschichtlichen Wahrheit kann die Wahrhaftigkeit in schwer um seine Gleichberechti­gung ringenden Volke erhalten werden.

** Sterbefälle In Gießen. In der Zeit vom 1. bis 15. September verstorben in Gießen: 5.: Luise Wagner, geb. Ferber, 66 Jahre alt, Hin- denburgwall 13; 6.: Marie Sophie Bürger, geb. Roth, 31 I., Seltersweg 79; 10.: Karl Ruhl, Werk­meister, 46 I., Stephanstraße 24, Philippine Gan­tenberg, geb. Später, 66 I., Wetzlarer Weg 15, Jo­hannes Rühl, Bäckermeister, 79 I., Ebelstraße 20; 12. Heinrich Schmidt, ohne Beruf, 76 I., Sonnen­straße 1: 14. Rosa Goldschmidt, geb. Stern, 42 I., Bahnhofstraße 58; 15.: Ludwig Heinrich Pieper, Kanzlist, 56 I., Dammstraße 30.

Bataillon im Gefecht...

Gefechtsübung bei Atzbach.- Begeisterter Empfang in Wehlar.Oer Reichs- statthalter inmitten der Soldaten.

Am Samstagmorgen zog unser Bataillon zu einer Gefechtsübung aus. Um 9 Uhr verließen die Kompanien die Kasernen, marschierten durch die Kaiserallee, Gartenstraße, Neuen Bäue, Neuen Weg, Kaplansgasse, Bahnhofstraße, Neustadt, die Rod- Heimer Straße hinaus. Wenn sich auch das Schau­spiel der aus- und einzieh^nden Truppen der Ein­wohnerschaft unserer Stadt öfter bietet, so sind doch immer wieder die Straßen von Menschen gesäumt, und auch diesmal freute man fick wieder über das Auftreten des Bataillons, das jedem begeisterungs­fähigen vaterlandsliebenden Menschen das Herz höher schlagen lassen muß.

Dicht hinter der Stadt wurdeHaiti" komman­diert. Die Offiziere empfingen Befehle, kehrten zu den Mannschaften zurück und bald darauf lösten sich die ersten Gruppen vom Gros, marschierten voraus, Radfahrer folgten, auch Gruppen mit Maschinen- gewehren, und dann machte sichauch die Hauptmasse nach Heuchelheim zu auf den Weg.

Die Gefechtsübung hotte begonnen.

Schon auf den leichtgewellten Höhen hinter Heu­chelheim verteilten sich die Mannschaften. Mit leich­ten Maschinengewehren wurden die Friedhöfe hin­ter dem Dorfe besetzt, um, falls es notwendig werden sollte, die nächsten Höhen unter Feuer zu halten, da man sie vornFeind" besetzt wußte. In einzelnen Gruppen, untereinander lose Verbindung haltend, rückten die Soldaten vor. Das Ziel waren

die Höhen nördlich von Atzbach, während angenommen die Hauptmasse des Regiments im Tale über Dutenhofen sich im Vormarsch befand.

Dem Bataillon war die Aufgabe zuteil gewor­den. die höhen nördlich von Atzbach und Dorlar zu gewinnen, die dort vermuteten, vorgeworfe­nen Streitkräfte des Feindes zu verdrängen, um sich in den Besitz der wichtigen, das Lahntal beherrschenden höhen zu sehen und dadurch eine Machtposition gegen den nach Osten in Richtung nach Gießen vordringenden Feind zu gewinnen.

Die ersten vorgeschobenen Gruppen des Bataillons, das den rechten Flügel des nach der Annahme vor- marschierenden Regiments darstellte, gerieten unter­halb der Höhe von Atzbach in das Feuer feindlicher Maschinengewehre. Außerdem war dort Motoren­geräusch hörbar. Die Hauptmasse des Bataillons rückte nun gegen den vom Feind besetzten Hügel vor. lieber Stock und Stein, über abgeerntete Felder und Kartoffeläcker, über gemähte Wiesen ging es nach vorne, immer wieder Deckung suchend, wenn von drüben hin und wieder Maschinengewehrfeuer vernehmbar wurde.

Von den Streitkräften des Bataillons hart be­drängt, räumte der Feind den Hügel nördlich von Atzbach und zog sich in planmäßiger Ordnung auf die nächste Höhe nördlich von Dorlar zurück, da­bei unterstützt von der eigenen Artillerie, die den

Vormarsch des Bataillons zu hemmen versuchte und Dorlar mit Feuer belegte. Das Bataillon drängte nach, von Maschinengewehren undTak's" unter­stützt. Der Feind zog sich abermals zurück, sicherte sich aber gegen die Verfolger durch eine Nebelwand, die mit Hilfe von Nebelkerzen rasch erzeugt wurde.

Der Hügel wurde genommen und dadurch das gesteckte Ziel erreicht; die Ausgabe des Bataillons war erfüllt.

Von der errungenen Höhe aus wurde bas Gefecht abgeblafen, die Truppen sammelten sich und wäy- renb auf der Höhe die Gefechtsleitung mit den Offizieren in kritischer Würdigung die Durchführung des Gefechts besprach, marschierten die Truppen bereits in geschlossenen Kolonnen dem Sammelplatz, am Südausgang von Waldgirmes, zu.

Die Gefechtsübung hatte viele Zuschauer ange- lockt, die da und dort auf den Höhen und bevor­zugten Punkten in Gruppen standen und den Ver­lauf der Hebung beobachteten. Ueberatt waren auch die Schulkinder auf dem Weg, die sich mit ihren Lehrern aufgemacht hatten, um die Reichswehr bei der Hebung zu sehen. Mit begeisterten Augen sah die Jugend auf die Soldaten, während naturgemäß besonderes Interesse auch den Maschinengewehren zugewandt war. Erst als die Truppen bei Wald­girmes Rast machten, wurde es wieder stiller über den Feldern, die im Glanze spätsommerlicher Sonne lagen.

Aus den Wiesen vor Waldgirmes hatte sich inzwi­schen ein lebhaftes Treiben entwickelt. Die Gulasch­kanonen waren eingetroffen, und der würzige Ge- rucch von Erbsen mit Schweinfleisch zog durch die Luft. Die Dorfjugend war natürlich vollzählig ver­sammelt, und auch mancher der Erwachsenen hatte die Arbeit beiseite gelegt, um das seltene Schau­

spiel mit anzusehen. Nach dem Marsch und nach dem Auf und Ab über die Felder schmeckte das Essen doppelt gut. Es war inzwischen 14 Uhr geworden. Die Truppen machten sich wieder auf den Weg.

Der Marsch ging zunächst durch das zu Ehren der Soldaten mit vielen Fahnen geschmückte Waldgirmes, dann weiter nach Wetzlar. Auf dem Weg durch die Dörfer hatten sich einige be- geifterte Knirpse zwischen die Soldaten gestohlen und trugen mit Stolz den ihnen von den Soldaten überlassenen Stahlhelm auf dem Kopfe. Kaum daß sie darunter heroorgucken, kaum aber auch, daß sie mit den Soldaten Schritt halten konnten. Sie ließen sich dies aber nicht verdrießen, sondern marschierten ein ansehnliches Stück mit. Die Sonne schien heiß auf das Pflaster, als

hie Truppen in Wehlar

einmarschierten. Auch Wetzlar hatte zur Feier des Tages reichen Flaggenschmuck angelegt. An allen Straßen stand die Bevölkerung, die Fenster der Häuser waren überall dicht besetzt. Jedermann wollte die Soldaten sehen. Esregnete" viele Blumen. Eine verständnisvolle Frau brachte gar ein Blech mit Zwetschenkuchen an, der schnell vergrif­fen war. Kameradschaftlich teilten die Soldaten, so­weit das überhaupt möglich war. In gleichem Schritt und Tritt führte der Marsch durch die engen Straßen der Altstadt hinauf zur Spilburg. Mancher Tropfen Schweiß rann unter dem Stahl­helm hervor. Hart ratterten die Wagen über das holperige Pflaster.

Oben nahm darte-kurz vor dem Einrücken auf den ideal gelegenen Biwakplatz, der Bataillons­kommandeur den Vorbeimarsch der Truppe ab, bei dem die unverwüstliche Kraft d?r Mannschasten so recht zum Ausdruck kam.

Das Biwak

Auf hem Biwalplatz

begann sofort der Aufbau der Zelte. Jede Kompanie schuf sich ein eigenes Lager und war da­bei bemüht, es der anderen zuvor zu tun. Heber» all waren bald darauf auch die Feuerbäume errichtet, die mit Stroh umwickelt wurden und oben jeweils die Nummer der Kompanie trugen. Das Musikkorps unterhielt indessen mit guter Mu­sik. Im Bierzelt wurde der erste Durst gelöscht. Die Bevölkerung der Stadt Wetzlar fand sich zahlreich ein. Der Nachrichtenzug des Gießener Stahl­helm war indessen auch eingetroffen und baute ebenfalls ein großes Zelt. Eine besonders inter­essierte Zuschauerschaft, hauptsächlich Jungens, hatte sich bei den schweren Maschinengewehren einge- funden, und lauschte gespannt den Erläuterungen, die die Soldaten der M.-G.-Kompanie bereiten« ligst gaben. Auch die Feldküchen waren auf« gefahren, und rasch war der letzte Vorrat an Erb­sen mit Schweinefleisch aufgebraucht. Die Jugend hatte sich auch hier eingefunden und sprach eifrig dem Essen zu, das hier besser schmeckte, als bei Muttern.

In den Abendstunden ging eine große Völker­wanderung aus Wetzlar und den Nachbarorten nach dem Biwakplatz auf dem hochgelegenen Gelände bei der Spilburg vor sich. Mit der Bahn, mit Autos, Motorrädern, Fahrrädern und zu Fuß tarnen Tausende heran zu den vielen, die schon vom Ein­marsch der Truppen auf dem Biwakfeld dabei waren. Hoch loderten die Flammen der Biwak- . feuer der vier Kompanien zum sternenklaren Nachthimmel empor, die Mannschaften hatten sich in weitem Kreis um ihr Kompaniefeuer gelagert, große Menschenmassen standen dahinter in mehr­facher Tiefengliederung aufgebaut und nahmen stark interessiert an dem Biwakleben der Truppen An- teil. UeberaU herrschte frohbewegte und von erfreu­lich großer nationaler Begeisterung getragene Stim­mung. Militär und Zivil verband im Handumdrehen gute Kameradschaft. An allen Feuern wurden alt­bekannte Soldaten- und Volkslieder, hier und da auch ein neueres Kampf- und Volkslied gesungen, prächtige Gedichtvorträge nationaler und von hin­gebungsvollem Wollen und Streben für das deutsche Vaterland erfüllter Art wurden von Mannschaften der Kompanien gut zu Gehör gebracht, aber auch

der Soldatenhumor kam gebührend zu seinem Recht und ließ mancherlei Blüten und Geschehnisse vom Kasernenhof, ober aus dem Dienstbetrieb beim Kommiß" in harmlos-fröhlicher Satire in Erschei­nung treten. Ueberatt hörte man frohes Lachen und lebhaften Beifall für die Vortragskünstler und die Sänger. Wem der Wochenendbetrieb am Lagerfeuer allein nicht genügte, konnte sich in einem Gastwirt- schafts^elt die Zeit vertreiben, bis der von allen Soldaten und Zivil mit wachsender Spannung erwartete erste Höhepunkt des Abends kam:

hie Ankunst

hes Reichsstatthalters Sprenger.

Gegen 19.30 Hhr ging diese Erwartung in Er­füllung. Der Reichsstatthalter traf mit einigen Her­ren seines Stabes ein, von dem Bataillvnskvmman- beur Major von Wachter, ben Offizieren und ber Menschenmenge in herzlicher Weise begrüßt. Er besuchte zunächst in Begleitung bes Bataillonskvm- manbeurs unb mehrerer Offiziere die Lagerfeuer, wo er einige Zeit inmitten ber Truppen unb ber Menschenmenge verblieb, die beide ihm anbauernb. herzliche Ehrungen unb Aufmerksamkeiten bekunde- ten. Dann nahm ber Palabin bes Führers unb Volkskanzlers mit feiner engeren Begleitung, dabei u. a. Staatssekretär Jung von Darmstadt, ber stellv. Gauleiter ber NSDAP. Heyse, Ministe- rialbirettor Dr. ßoeroer, ber Leiter bes Gau­presseamts Wvweries unb Standartenführer Cutter aus Gießen, inmitten ber Offiziere Platz, um sich bei einem kurzen, kalten Im­biß von ben Strapazen des angestrengten Ar­beitstages zu erholen. Das Musikkorps unseres Bataillons unter Obermusikmeister Krauße brachte bei biefer Gelegenheit bem Reichsstatthalter ein kurzes Stänbchen militärischer Marschmusik bar. Bald banach begann bie mustergültig bienfttuenbe Wetzlarer SA. mit ber Räumung unb Absperrung bes Gelänbes in ber Nähe bes Offizierzeltes mitten zwischen ben Biwakfeuern. Die Zeit für ben zweiten Höhepunkt, ben

Großen Zapfenstreich

war in naher Sicht. Kurz barauf marschierte bie Truppe mit ber Militärkapelle an ber Spitze auf bem von einer riesigen Menge umsäumten Platze

In ber Dissertation wirb haarscharf nachgewiesen weben, baß von ben 36 8,9 Meter hohen, unten 2,07 Meter, oben 1,46 Meter dicken, kannelierten borischen Säulen die ber Längsseiten oben um so­undsoviele Grabe unb Bruchteile sich nach innen neigen ohne daß mans merkt. Andernfalls wür­den sie nämlich nach außen geneigt scheinen. Auf so feinen Berechnungen ruht die verklärende Har­monie bes Wunders. Wer gab den Baumeistern ben sechsten Sinn?

Selbstverständlich werbe er auch nicht vergessen, versicherte der junge Gelehrte, den Finger darauf zu legen, daß bie Säulen, wie überhaupt ber ganze Tempel, ursprünglich mit Stuck überzogen waren.

Den Finger, sagte ich, ziehen Sie besser zurück. An ben Stuck glaube, wer mag.

Er iah mich an, als hätte ich die menschlich nicht begreifliche Kühnheit begangen, an der mathemati­schen Behauptung zu zweifeln, bas Quabrat über Der Hypothenuse eines rechtwinkligen Dreiecks sei gerabe so groß wie bie Quabrate über den beiden Katheten zusammen. Die Stuckreste mit erhobe­ner Stimme seien noch jetzt zu erkennen unb überhaupt von ben berühmtesten Gelehrten akzep­tiert.

Schiller, beharrte ich unzerschmettert, habe ben Becher an ben spitzen Korallen nicht gesehen, unb sei doch besser unterrichtet gewesen. Nun, da roars natürlich aus. Aber ich lasse mir meinen Herzens­tempel nicht verstärken.

Zugeklebt, zugeschmiert mit Gipsbrei dieses blut- warme Gestein! So wie sie in der kitschigen Haupt­straße Bukarests Stucksäulen ben Mietshäusern an= kleben! Auf solche Ideen ist man vielleicht in einer späteren Zeit verfallen, die allesneu renovieren" zu müssen glaubte. Auch heute noch kann man bei der künstlichen Wiederaufrichtung von Ruinen in Rom mancherlei erleben, aber den Travertin aus- zuschmieren, das ist doch noch niemandem einge­fallen. Unb ber poröse Kalksinter bes Neptuntempels in Paestum, ber ist nicht etwa sein Material, ber ist seine Seele. Die hellenischen Künstler haben sie an­gebetet, ja, das glaube ich, nicht schämig verstrichen. Halte einer karrarischen Marmor Dagegen und er wird sofort verstehen, warum er kalt und leblos ist.

Der Sinter straylt eine gelb-braun-goldene Wärme aus wie bie Sonne. Man fühlt sie schon auf zehn Schritte Entfernung und legt scheu die Hand auf wie auf ein Heiligtum. Noch kein Sterblicher hat es fertiggebracht, diese Farbwärme, dieses steingewor­dene Sonnenlicht, dieses überirdische Leben auf andere Weise mitzunehmen als durch seine eigene Seele. Natürlich jagt man in ber ersten Begeiste­rung seine zwei, drei Spulen durch die Kamera,

Zeitschriften.

Dr. L. G. Tirala untersucht im Septemberheft der MonatsschriftVolk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 2 SW., vierteljährlich 2 Mark) die wirtschaftlichen Folgen des Stevilisie- rungsgesetzes. Das Deutsche Reich roirb nach seinen Berechnungen schon nach Ablauf von 30 bis 40 Iah- reu jährlich 420 Millionen Mark ersparen, bie für andere Zwecke frei werden. Wir ersehen daraus, von welch ungeheurer Bedeutung dieses Gesetz für die Zukunft unseres Volkes ist. Medizinalrat Dr. L. Vellguth stellt auf Grund statttischer Erhebungen in Teilen Schleswig-Holsteins fest, daß in den über­durchschnittlich geburtenreichen Gemeinden besonders viel Minderbegabte und schwachsinnige Kinder vor­handen sind Es zeigt fichalfo eine bedeutend stär­kere Fortpflanzung der Minderwertigen gegenüber den Hochwertigen. Kurze Ausführungen über Rück­gang der ehelichen Fruchtbarkeit; Zahl ber Ehe­schließungen, Geburten unb Sterbefälle in den Jah­ren 1871 bis 1930; Vergreisung des deutschen Vol­kes und Geburten- bzw. Sterbeüberschuß weisen auf die Folgen des Geburtenrückgangs hin. Dr. Fr. Stumpfl befaßt, sich mit bem Derbrecherproblern, insbesondere mit ber kriminellen Familie. Die Zeitschrift ist geeignet, weiteste Kreise über die wich­tigsten Fragen ber Rassenkunde und Rassenpflege aufzuklären.

Fahri in den tiefen Süden.

Von Dr. Gustav W. Eberlein, iRom.

Das ist eine Tempelfahrt.

Sie beginnt mit den Agaven, die in ihrem langen Leben nur einmal blühen, um nach dieser großen Liebe zu sterben. Sie endet in dem Todessumpf von Paestum, aus bem bie Griechentempel wachsen, un­begreiflich schön in ihrer Unsterblichkeit.

Dort, wo ber boppelhenkelige Kupferkessel auf dem Haupt ber Römerin übergeht in ben doppel- mündigen Tonkrug der Neapolitanerin, die Grie­chin scheint, dort beginnt Ver tiefe Süden. Auf den Kilometersteinen lieft man Pompeji und Salerno, der Fuhrwerksverkehr wird immer dichter, er hat den Asphalt zu beiden Seiten schon wieher weg­gefressen, in der Mitte aber flitzen die Automobile dahin, die von einer Land- und Menschenverände­rung nichts zu spüren brauchen. Heber dem Kontra­punkt bes Motors freilich schwebt als Leitmotiv unsere, ins Weite roitternbe Jphigeniesehnsucht.

Don Paestum aus sind wir darum noch tiefer hinuntergestoßen, zweihundert, dreihundert Kilome­ter, bis an einem kleinen BahnhofScilla" zu lesen war unb an bem gegenüberliegenden kleinen Al­bergoBaviera". Bayern zwischen Scylla und Charybdis, ja, und das Meer wellte so blauweiß, so ein bißchen rautenförmig, unb wir sahen bie Korallenflottille, obwohl ein deutscher Professor kürzlich dem Schiller und seinem Taucher öffentlich auf bie Finger klopfte, weil es im Mittelmeer gar keine Korallen gebe, nicht geben könne. Anachronis­mus! Der Dichter hätte ben Becher an etwas ande­rem hängenbleiben lassen sollen. Sagt der Pro­fessor. Wir hätten noch weiter fahren können, bis zur Meerenge von Messina, in ber bie Korallen- felber inSchläge" eingeteilt finb unb von Zeit zu Zeit abgeholzt werben wie bei uns ber Wald. Die Korallenfischer ließ jedoch bie professorale Behaup­tung ohnehin kalt, unb so kehrten wir um unb er­kannten:

Es kommt nichts mehr nach Paestum. Es gibt nichts mehr nach biefen Tempeln. Es ist keine Schön­heit größer als biefe unb Italien nirgenbs heiliger als in Hellas. In biesem Hellas im Fiebersumpf.

Die Tempel könnten nicht In Köln stehen unb dessen Dom nicht in Paestum. Ist dort die Gotik der Norden, so hier eine Säulenreihe dorischer Ord­nung ber klassische Silben. In ben Lehrbüchern wirb wohl stehen, die Archäologen werben festge­stellt haben, baß bie Tempel bas großartigste Denk­mal griechischer Baukunst auf italienischem Boden

bilden, und bas ist verstänblich unb sachlich ausge­drückt, aber wer kann sich darunter was vorstellen? Bei aller Großartigkeit des Pergamonwunders in Berlin, so etwas sind sie nicht, nein, ein Museums­stück sind sie nicht. Sie lassen sich nicht auf das Forum Romanum versetzen es gehört etwas Unroägbares hinzu, die Einsamkeit ringsherum, die götternahe Stille, in der man das Klopfen des Her­zens hört und bis in die letzte Faser erschüttert ben Winb ber Ewigkeit vernimmt, ber vom Meere her­überweht. Sie finb bann so gegenwartsnahe, bie Jahrtausenbe, bie schweigenb burch bie schweigenben Hallen zogen.

Dreimal in ber Woche, aber nur im Frühjahr, brachte ein Zug bie Touristen von Neapel nach Pasteum, sonst wäre es ein Abenteuer gewesen. Wie lange ist es benn her, baß bie Fenster in ben Sizi­lienzügen geschlossen würben, roenn. man sich bem Schreckensreich bes gelben Tobes näherte? Holte sich nicht jeder Fußgänger bie Malaria? Zahlte er nicht ben kurzen Besuch im Olymp mit lebenslänglichem Siechtum? So verrufen, schon seit ben Zeiten bes Augustus, war keine Gegenb. Es beißt, baß bie Tempel sich heben unb senken, balb üoer, halb unter bem Meeresspiegel liegen, unb biefe Bewegung ber Stabt benn Paestum ist nichts anberes als Pofei- bonta, bie Stabt bes Poseidon ober Neptuns immer roleber bas Leben kostete. Dabei hat sie ihren Rosenruhm wie Schiras, die Rosen sollen hier einen ganz eigenartigen, anderswo völlig unbekannten Duft gehabt haben, unb Mussolini läßt sie nun roleber pflanzen. Wir werden ja dann sehen.

Heute sind die Tempelerschlossen", heute rutscht man nun von Salerno aus in einer halben Stunde im Auto hin. Die Stadtmauer wird soeben bloß­gelegt, 5000 Meter lang ist sie, vier Tore hat sie: das Goldene Tor, bas Tor des Meeres, das Tor ber Gerechtigkeit. Dem Sumpf treibt man feine fauligen Untugenben aus, es roirb bonifiziert, und am Strand soll ein modernes Seebad entstehen. Wir bauen die Geschichte wieder stückchenweise auf, ohne von ihr etwas zu wissen. Sie hat sicherlich eine gar große und erhabene Geschichte gehabt, die Griechenstabt, wie wären sonst die Feinde vor ber Tempelzerstörung zurückgeschreckt? In Salerno habe ich in einem Tröbellaoen einen alten Kupfer­stich gesehen, der den Wochenmarkt in ben Tempeln geigt. Die Ziegen sind an ben borischen Säulen an- gebunden und bie Kühe rupfen das Gras aus den Altären. Jetzt besorgen das bie Archäologen, es wuseln ein paar mit Leitern unb Meßinstrumenten auf ben Göttersimsen herum; er wolle seine Doktor­arbeit darüber machen, sagt einer. Den Tempeln ist alles eins, sie sind unflreifbar wie die Zeit.

greift zu Farbstift und Pinsel, ohnmächtiges Be­mühen. Die farbige Wärme ist noch weniger erfaß­bar als die Neigung der Säulen. Kommt die Abend­sonne, so bleibt nichts anderes übrig, als Demütig zu staunen. Wenn irgendwo, so hat hier Menschen­werk Die Herrlichkeit Der Natur übertro fen.

UnD noch in Der Erinnerung fällt es chwer, Den ketzerischen GeDanken zu unterdrücken, daß der Tem­pel gar nicht Poseidon, sondern Der Göttin Der Schönheit geweiht sein müsse. Den Schwestertempel dicht daneben hat man Basilika getauft. Was ebenso treffend und tiefschürfend ist wie die Bezeichnung Halle für ein hallenartiges Gebäude.

Wir sind freilich alle entschuldigt, roenn wir mit klugen Eidechsen und tolpatschigen Skarabäen durch die Tempel wuseln, wir fühlen uns ja alle soooo klein. Sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung entstanden sie wohl; Hände, in denen die Seele Des tiefen Südens pulste, roenn sie auch noch keinen Rechenschieber kannten, haben sie gebaut, als der Tiber noch im Feuerschein der Vulkane leuchtete und auf dem steilsten Hügel eine Wölfin Romulus und Remus säugte.