nr. 115 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheile»,_____________Donnerstag, 1b’. Mai 1955
Das Land kommt in die Stadt.
DieLeistungsfchau derLandwirtschastvom 20. bis 28. Mai in derReichshauptsiadt
Don Diplomlandwirt Hermann«Heinrich Freudenberger, Äerlin, Deferent im Amt für Agrarpolitik bei der Deichsle,tung der DS0AP.
Für den Städter, vor allem den Großstädter, hatte das Wort „Dauer" in der Vergangenheit keinen guten Klang. 2m Zeitalter des Liberalismus und des Weimarer demokratischen Systems hat sich das deutsche Dolk von der Grundlage der Ration, dem Grund und Doden, immer mehr losgelöst und jeden Zusammenhalt mit dem Dauernvolk nahezu vollkommen verloren. Eine verderbliche städtische Zipllisation begann daS gesamte össentliche Leben zu überwuchern. Wer sich zum Dauerntum bekannte, wurde belächelt und geradezu als Mensch zweiter Klasse betrachtet. Mit dem Sieg der nationalen Revolution ist das nun anders geworden! Ommer wieder hat der Führer Adolf Hitler in seinen Reden betont, das) eine Wiedergesundung der Ration nur vom Dauer ausgehen könne und sich das ganze Dolk aus den Urquell allen Lebens, den Grund und Doden, zurückbesinnen müsse. Der von dem Dauernsührer R. Walther D a r t£ geprägte Degrisf „D lut und Doden" ist schon heute Gemeingut des gesamten Volkes geworden und gibt auch der Agrarpolitik einen neuen Leitgedanken
Wenn vom 20. bis 28. Mai deutsche Dauern aus allen Provinzen und Gauen zur 3 9. Wanderausstellung der Deutschen Land- wirtschasts-Gesellschast in der Reichs- Hauptstadt zusammenströmen, so bringen sie unter dem Zeichen der nationalen Erhebung neue Zuversicht und Hoffnung im Kampf um die Erhaltung ihrer Scholle mit, denn sie wissen, daß nun auch der Begriff „Dauer" in der Großstadt wieder einen g u ten Klang bekommen h a t und das Gefühl tiefer Verbundenheit den Städter mit dem Dauer verbindet- Wie man unter dem Weimarer System unser Volk in zahllose Parteien und Organisationen zerspaltete, so wurde auch zwischen Stadt und Land der Gegensatz künstlich aufgerissen. Alle vergaßen, daß nicht nur Bauer und Städter b l u t m ä h i g zueinander gehöre... sondern daß beide auch wirtschaftlich untrennbar miteinander verbunden und der eine Stand aus den andern angewiesen ist.
Für diese untrennbare wirtschaftliche Verbundenheit von Stadt und Land ist die große Wanderausstellung der Deutschen Landwirt- schafts-Gcsellschaft in der Reichshauptstadt der sinnfälligste Beweis- Sie ist zugleich die große Leistungsschau des deutschen Bauerntums, durch die wieder einmal mit imposanter Deutlichkeit die Legende von der „Rückständigkeit unserer Bauern" restlos zerstört wird. Damit wirkt diese Ausstellung, die mit einer Flächenausdehnung von 450 000 qm räumlich bie größte Schau darstellt, die bisher in Deutschland stattgefunden hat, in höchstem Maße aufklärend auf alle Kreise der Stadtbevölkerung.
Schon jetzt hat sich auf dem Ausstellungsplah iy Witzleben und in den riesigen Ausstellungshallen am Kaiserdamm in Berlin ein emsiges Leben entwickelt. Es ist, als ob da eine neue Stadt zwischen den Häuserblöcken der Großstadt emporwachsen würde. Bauern- und Siedlungshäuser entstehen als Musterbeispiele auf dem Gelände, und große Ställe sind in Form von langen Hallen aufgebaut, um die Zahl von 2000 Großtieren aufzunehmen, die in zahlreichen Sonderzügen kurz vor Beginn der Ausstellung nach Berlin kommen- Auch für die Kleintiere hat man eine große Zahl von Hatten schaffen müssen. Welchen Umfang die 39. DLG.- Wanderausstellung einnehmen wird, geht schon daraus hervor, daß die Gruppe der landwirt-
schaftlichen Erzeugnisse und einiger Eonder- ausstellungen alle sechs großen Messehallen unter dem Funkturm und dazu weitere besonders errichtete Hatten im Freigelände beansprucht Eine seltene organisatorische Leistung wird diese große Jabrcsschau der Landwirtschast sein, stellen doch allein 360 Firmen etwa 6000 verschiedene Maschinen und.Geräte aus- Dazu kommen die Ausstellungen der Milchwirtschaft, des Obst- und Gemüsebaus, der Düngerindustrie, der Saatzuchtbetriebe, des Tabakbaus. der Bodenkultur, kurz gesagt aller landwirtschaftlicher Betriebszweige, die einmal im Zähre auf der DLG -Wanderausstellung ihre hohe Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.
Die DLG -Wanderausstellung ist aber nicht allein eine fachliche Schaustellung, sondern zugleich Wettbewerb! Hier haben vor allem die Tier- und Saatzüchterverbände, die Düngerund Maschinenindustrie vor dem kritischen Auge der Preisrichter Rechenschaft über ihre Jahresarbeit abzulegen. Wer mit Schritt halten will in der Fortentwicklung der deutschen Landwirtschaft. muß sich diesem Wettbewerb stellen, um anerkannt zu werden. Wer einen Preis von der DLG- davonträgt, kann den Jahreskampf mit größerer Zuversicht aufnehmen
Besonderes Interesse hat stets nicht nur bei ben Männern der grünen Scholle, sondern auch bei den Städtern die Ausstellung der Tiere gefunden. 250 Pferde werden auf dem Ausstellungsgelände „Quartier beziehen", von denen der größere Teil Warmblutpferde sind und daher bei den Städtern wegen ihrer geschmeidigen Formen sicherlich mehr Verständnis finden, als jene schweren, ruhigen Typen, denen der Züchter aber nicht minder Sorgfalt und Pflege widmen muß. Einem besonderen Leistungswettbewerb müssen sich vor allem die Rinder unterziehen. Eine gute Kuh muh heute nicht nur viel
Während unter dem alten Regime der Sport beim Freiwilligen Arbeitsdienst so gut wie gar keine Rolle spielte und höchstens als notwendiges Hebel angesehen wurde, kommt er jetzt unter der neuen Führung zu einer Entfaltung, die sehr erfreulich ist.
In den Bezirken Hessen, Hessen-Rossau und Walbeck gibt es zur Zeit etwa 80 Arbeitsdienstlager bei einer Führerschule, in denen durchweg auf den Sport ein Hauptaugenmerk gerichtet wird.
Die Tageseinteilung der verschiedenen Lager ist unterschiedlich und nach dem Ermessen des jeweiligen Leiters bestimmt, trotzdem sind natürlich einheitliche Richtlinien gegeben, nach denen sich der Tageslauf in den Lagern abwickelt. Interessante Aufschlüsse gibt ein Be-
Mi 1 ch geben, sondern Milch mit einem möglichst hohen Prozentgehalt Zett! Die Reichs- Hauptstadt wird in der Woche vom 20. bis 28. Mai auch ihre Schafherde bekommen. 500 Schafe aus allen Teilen des Reiches werden ihre lieblichen Stimmen ertönen lassen und dem Städter ein ländliches Idyll vortäuschen. Dazu kommen 550 Schweine, denn auch der Schinken und die Wurst wollen gezüchtet sein.
Die Verbundenheit von Stadt und Land und die Bedeutung des Dauern als Arbeitgeber der Industrie wird aber besonders deutlich durch die Ausstellung der Maschinenindustrie. Die deutsche Landmaschinenindustrie kann den heimischen Dedarf reichlich deckens Ihre Erzeugnisse übertreffen heute in der Güte und Haltbarkeit die ausländischen bedeutend- An diesem Erfolg haben nicht zuletzt die DLG.- Wanderausstellungen mit ihren ..Vorprüfungen neuer Geräte" und Hauptprüfungen von Maschinen und Gerätegruppen einen hervorragenden Anteil. Wenn wir bedenken, daß die Landwirtschaft in den Jahren nach der Inflation allein für Maschinen jährlich 300 bis 400 Millionen Mark ausgegeben hat, so erkennen wir ihre ungeheure Bedeutung als Käuferin der Industrie. Wenn das heute nach der verfahrenen Wirtschaftspolitik des parlamentarischen Systems nur noch 125 Millionen sind, wozu allerdings noch 203 bis 300 Millionen Mark allein für Reparaturen usw kommen, so geht hieraus eindeutig hervor, wie die Absatzmöglichkeiten der deutschen Industrie vom Binnenmarkt aus leichtsinnig unterhöhlt worden sind.
Stadt und Land — Hand in Hand, das ist der Leitgedanke, den man unter den Fahnen der neuen Zeit über die Tore der 39. Wanderausstellung der DLG- schreiben müßte. Hat sich das deutsche Bauerntum unter der Führung des agrarpolitischen Beauftragten des Kanzlers, R. Walther D a r r 6, jetzt zu einem großen einheitlichen Block zusammengefunden, so darf man hoffen, daß dieses geschloffene Bauerntum bei der Stadtbevölkerung wieder die Würdigung und Anerkennung erhält, die heute mehr denn je notwendig ist. Diese enge Verbundenheit zu vergrößern, ist eine der wertvollsten Ausgaben der großen Leistungsschau der deutschen Landwirtschaft in der Reichshauptstadt.
such in der Führerschule zu Griesheim bei Darmstadt, in der die künftigen Führer für die Arbeitsdienstpflicht in Hessen, Hessen-Rassau und Waldeck ausgebildet worden.
Vormittags um fünf Uhr wurden die Leute geweckt, um zu einem halbstündigen Waldlauf anzutreten. Die Bestrebungen alter Militärs, diesen Lauf „geordnet" zu gestalten, sind glücklicherweise an dem Verständnis des Stabsleiters des NS.- Arbeitsdienstes, Hauptmann Hinkel, gescheitert, der sich modernen, sporttechnischen Erkenntnissen nicht verschließt. Nach seinem Befehl laufen die künftigen Führer also gänzlich frei und ungezwungen, wie es das gute Waldlaustraining erfordert. An reg. nerischen Tagen treiben die Leute auf den Gängen der zwölf kleinen Häuser G y m n a st i k, für die die bewährten Grundregeln von Surin notwendige Nichtlinien geben. Ein Lehrer des Reichskuratoriums für Leibesübungen steht den drei Zügen zu vier
Trupps vor und lehrt in sehr verständnisvoller Weise vertraute Hebungen, unter denen die Atem- und Entspannung sgymna st ik als besonders wichtig angesehen werden. Erfreulich ist, feststellen zu tonnen, daß selbst ältere Leute, bis zu achtundmerzig Zähren, schon jetzt nach wenigen Wochen die Hebungen mit Leichtigkeit absolvieren, ohne verkrampfte Muskeln zu bekommen, wie das früher bei dem einseitigen Exerzieren der Fall war. Sportspiele aller Art runden die sportliche Betätigung ab. Zwei- mal wöchentlich wird Wehrsport getrieben, theoretisch unb praktisch, wobei die Geländeübungen die Hauptrolle spielen Der ehemalige Griesheimer „Exerl" kann als ideales Gelände gelten, der wie kaum ein anderes Gebiet für den Wehrsport geeignet ist. Das Lager, das aus 216 Mann befiehl, teilt sich in zwei Abteilungen, die in zwei und drei Kilometer Abstand gegenüber Aufstellung nehmen Es wird nun die Aufgabe gestellt, die andere Abteilung in möglichst unauffälliger Weise zu beschleichen, dabei erlcnnen beide, welche Fehler der andere macht und wie diese Fehler zu vermeiden sind.
Im theoretischen Hnterricht müssen die Schuler Geländezeichnung'en machen und selbst die schwierigsten Maßstäbe finden, um bei späteren Land- absleckungen, wie sie der praktische Arbeitsdienst häufig erfordert, selbständig als Lehrer fungieren zu können.
In erster Linie hat die Führersä)ule den Zweck, Führer und nicht lediglich vorgesetzte für die Ardeitsdienstpslicht heranzubilden.
zu denen die Fugend Vertrauen haben kann, und deren Kameradschaftlichkeit sie sicher ist. Es ist ein Unbing, wenn bie auslänbische Presse bie Vorgänge in ben Arbeitslagern unb besonbers ben Wehrsport als „bezeichnenb für ben Aufrüstungswillen Deutsch- lanb" kennzeichnet, benn es ist klar, baß Leute, benen später einmal ein ganzer Jahrgang ber beuIschen Iugenb anvertraut werben soll, geistig und körperlich vollständig durchtrainiert sein müssen, um so mehr, als nach der sachverständigen Aussage eines Hauptmanns, der vier Jahre in der vordersten Front war, der sogenannte Wehrsport für den Kriegsfall voll- kommen bedeutungslos ist.
Das harte Training ber zukünftigen Führer hat lediglich ben Zweck, diese Leute zu disziplinierten Menschen zu formen,
die einmal gelernt haben zu gehorchen, und die wissen wie notwendig es ist, ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu schaffen.
Oer Arier-Grundsah in der DT.
Dr. Edmund Olcucnborf f, der Führer der Deutschen Tumerschaft, gibt amtlich bekannt.
Meine Bestimmung, daß bei Durchführung der Arisierung der DT. jüdische Frontkämpfer, jüdische Söhne oder Töchter von im Weltkrieg gefallenen Vätern und jüdische Väter und Blutter von im Weltkrieg gefallenen Söhnen, in der DT. bleiben können, hat zu einer großen Reihe von Zweifeln, Schwierigkeiten und Mißhelligketten geführt Ich hebe daher — übrigens in vollkommenem Einverständnis mit den am stärksten von der Arisierung betroffenen Kreisen — die Ausnahmen auf und bestimme, daß alle männlichen und weiblichen Mitglieder der DT., die jüdischer Abstammung sind, diese bis zu den Großeltern gerechnet, a u s d e r D T. a.us s che. i - den müssen. Die Vollaristerung ist spätestens bis zum Deutschen Tumerfest vollkommen durchzuführen.
Kurze Sportnotizen.
Im Ausland geschlagen wurden wieder zwei deutsche Berufsboxer. Trottmann verlor in Antwerpen gegen den belgischen Ex-Europameister Gustave Roth, und Hower mußte in Leicester durch McCorkindale eine äußerst knappe Punktniederlage hinnehmen.
Einen weiteren zweistelligen Sieg errang die ungarische Wasserbatt-Äachwuchs- mannschaft in Halle, wo sie den Halleschen SV. 92 mit 13:6 Toren besiegte.
©J.-fpcri
Der Sport beim Arbeitsdienst.
Ein Erziehungsmittel zur Disziplin.
Don 3an Herchenröder.
Spiele des Zufalls.
13on Wilhelm von Scholz.
Copyright 1933 by I. L. A., Wien.
Ein Neuyorker Arzt hat einen feiner Patienten verloren. Nicht durch den Tod, was leider eme ziemlich häufige Art ist, mit der Patienten ihren Aerzten durchgehen — oder wenigstens bie Bezahlung ihrer Doktorschulben auf andere Leute ab« schieben. ....
Der Patient, Mr. Smith, von dem ich erzähle, war einfach umgezogen. Das ist in Neuyork, wenn man Mr. Smith ober Brown heißt, dabei noch den Stadtteil wechselt und diesen Vorgang außerdem nur ein wenig künstlich „tarnt", so gut — oder wenn Sie wollen: so schlecht — wie gestorben!
Der Arzt bemühte sich vergeblich um die neue Adresse seines Pfleglings: nicht nur, um sich teilnehmend nach dessen Befinden zu erkundigen, sondern auch, um ihn an die Bezahlung der Rechnung freundlich zu erinnern. Trotz Meldeämter, Einwoh« nerliften mußte er das Suchen schließlich ausgeben.
Unb nun kommt ein merkwürbiger Zufall ihm plötzlich zu Hilfe, so unerwartet unb erstaunlich wie nur möglich: an einem Brief, ben ber Arzt erhält, hat ich burch em wenig über den Kleberand des Umschlags geschmierten Leim ein zweiter Bries an- gehängt, der die neue Anschrift gerade seines Mr. «mith trägt und ihm muhelos 'n die Hande spielte, was seinen Anstrengungen nicht hatte ge- lm5angen°Siennid)t: wenn schon der Arzt so die Wob- nung des Mr. Smith herausbekommen hat was ist das für eine Weltordnung, die zulaßt daß Backer, Fleischer, Schneider, Schuhmacher und Radiolieie- rant nicht alle auch aus eine geheimnisvolle Weise von dem neuen Quartier des Schuldners in Kenntnis cftsetzt werden! Einem muß er zahlen, bie an- beren gehen leer aus; welche Ungerechtigkeit
Aber ich erzähle es ja nicht wegen ber Weltorb- nung und der Gerechtigkeit. Zunächst erzähle ich es wegen einer praktischen Nutzanwendung, die gerade heute mancher wird brauchen können, und die ich in meinem Leben häufig bestätigt gesunden habe, daß unser Wille auf uns unbekannten Wegen zu gehen vermag, um sich durchzusetzen unb uns zu helfen! — •
Der Arzt hatte eben bie Sache aufgegebem ©ein wie von einem Senber ausgestrahlter Wunsch aber bewirkte ben Fang bes Durchbrenners, wie es eme Kriminalmitteilung im Runbsunk nicht besser hatte tun können. Der Brief an ben Doktor brachte wie ein Polizist ben andern am Kragen mit auf die ®acfje!
Der Fall ist nicht so fetten unb außergewöhnlich,
wie man vielleicht auf ben ersten Blick benft. Seit ich mein kleines Buch „Der Zufall, eine Vorform bes Schicksals" veröffentlicht habe, erhalte ich fast in jeder Woche aus dem Leserkreise die Mitteilung solcher Vorkommnisse, bei denen man stutzig geworden ist, bei denen man mit dem Begriff des „bloßen Zufalls" nicht recht ausreicht.
Ich war in einer Gesellschaft. Ein sehr alter Herr — er mochte die Achtzig schon überschritten haben — schwärmte von der Charlotte Wolter, der einst gefeierten Heldin des Wiener Burgtheaters, und deklamierte den berühmten Vers aus der „Antigone" des Sophokles- „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da!" — den er noch so im Ohre habe, wie ihn die Wolter gesprochen. Einen Augenblick darauf stehen wir, der Wolter-Enthusiast und ich, plaudernd vor dem Bücherschrank. Ein Buchrücken fesselt mit irgend etwas Aeußerlichem unsere Aufmerksamkeit, so daß wir den Hausherrn um den Schlüssel bitten unb bas Buch herausnehmen Wir schlagen es auf: bie erste Seite trägt groß unb aus- bringlid) in farbigen Lettern bas Motto: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich ba!" Es war eine Luxusausgabe von Raabes „Hungerpastor".
Diese Art von Zufällen, von ber ich hier spreche, kann auch Humor haben unb sogar schadenfroh fein. Das hat eine Familie bei ihrer Sommerreife sehr nachdrücklich erfahren.
Man war mit ben fiinbern in ein Ostseebab gegangen unb freute sich, allen Verpflichtungen — benen bes Amtes unb bes Verkehrs — für ein paar kurze Wochen entronnen zu fein. Man faß im Strandkorb unb las bie Romane aller preisgekrönten Dichter des Jahres ober lag im warmen Sanbe unb sonnte sich. Die fiinber bauten bie stolzesten Burgen ober suchten Muscheln unb Bernstein. Bon biefem letzteren fanden sie allerdings nur ein Stückchen, bas offenbar nicht unmittelbar ein Geschenk bes Meeres fonbern schon in menschlichem Besitz gewesen war. Es zeigte eine feine Durchlochung, bie dem ältesten Jungen barauf zu beuten schien, daß es einst der Halskette einer früheren Germanin zugehört haben könnte — dem skeptischen Baler indessen, daß es bas zerbrochene Munbstllck einer späten Zigarrenspitze vorstellte.
Des Abenbs las man zweimal in ber Woche aufmerksam die Kurlisten unb freute sich, wieviel Namen es gab, die alle keine Störung bes Ferienfrie- bens anbrohten; so schön unbekannt klangen sie. Bis enblich boch ein leiber nur allzu bekannter^Name in dem Verräterblatt austauchte und die Familie in Schrecken versetzte — der von „zärtlichen Verwandten"!
Kriegsrat: nicht auf bie Promenabe gehen, |on- I dem gleich nach dem sehr zeittg eingenommenen I Frühstück unb nachmittags unmittelbar nach dem
Essen, ehe bie anderen Kurgäste noch ihre.Bewe- I gungsfreifjeit roiebergeroonnen haben, hinaus zum Stranb, wo man Stranbforb unb Burg glücklicherweise ganz weit nach Osten ausgestellt hatte! Das kann eine Woche Schonzeit bringen, wenn bas Glück nur einigermaßen günstig ist.
Man hanbelt entsprechenb am nächsten Morgen unb kommt noch mit ben Frühstückssemmeln in ber Hanb am Stranbe an. Siehe ba: Wo ist benn die Burg der Kinder geblieben? Als man zornbebend darauf zustapst, erkennt man: sie ist offenbar als bloßer Rohstoff in eine noch viel größere neue Nachbarburg verarbeitet — wie einst im Mittel- alter von rohen Händen antike Tempel, Grabdenkmäler, Tore abgebrochen wurden und ihre Steine für neue Häuser hergeben mußten. Der zur Empörungsrede schon tief eingelogene Atem wird tonlos wieder ausgehaucht: auf der Zinne der neuen Burg stehen winkend und mit frohem Begrüßungsgeschrei Onkel Eduard. Tante Kunigunde und ihre artigen hoffnungsvollen Sprößlinge Max und Mo- ritz.
Ist das nicht wie verhext? Unsere Freunde fassen es nicht, daß ihnen bei ihrer Vorsicht ber neckische Zufall Siefen Streich spielen muß. Es ist, als hätte Das noch so lose Verwanbtschaftsbanb trotz alles innerlichen Wiberstrebens ber einen Partei bie neuen Ankömmlinge gerade an diese entfernte Stelle des Strandes geführt, wo sie so wenig willkommen waren!
Eine Erklärung? Ich will eine möglichst einfache geben, die jeder für sich weiter ausbauen kann. Was dem Sinne, dem gleichen Inhalt nach, durch Verwandtschaft, einen sehr lebhaften Wunsch ober sonstwie von Rechts wegen zusammenhängt, bas strebt offenbar auch auseinander zu. In ber erwähnten kleinen Schrift habe ich es so gefaßt: was sich irgendwie aufeinander bezieht, bas zeigt eine uns nicht weiter erklärbare Anziehungskraft, bie ich deshalb „Die Anziehungskraft bes Bezüglichen" genannt habe.
Ieber, ber einmal genau beobachtet, was um ihn täglich geschieht: wie ihm Namen, bie er seit Jahren nicht gehört hat, bann gleich zwei- ober dreimal begegnen; wie in Kliniken, was viele Aerzte bestätigen 'werben, von seltenen Krankheiten meist kur; hintereinanber zwei ähnliche Fälle eingelie« fert werben; wie „ein Unglück selten allein kommt" unb auch bas Gute meist weiteres Gute nach sich zieht — so daß man mit Recht von Pechsträhnen unS Glücksträhnen sprechen kann — der wird mir beistimmen und gewiß selbst solche merkwürdigen Fälle aus Interesse an der Sache fammeln unb ausschreiben.
Zeitschriften.
— Unter dem Titel .Die neue Ernährung" legen die „SüddeutschenMonats- hefte" ihr Maiheft vor. Wie sehr der Crso'g aller vernünftigen Selbstversvrgungsbestrebungen von einer Umstellung der Volksernährung abhängig ist, ist das eigentliche Thema dieses Heftes. Diese „Umstellung der Volksemährung" schildert Hans Wimmer in großen Zügen. Er gibt praktische Ratschläge für die Rormalkost des Gesunden, die aus abwechslungsreicher Gemischtkost bestehen müsse. Hofrat Prof. Dr. Durig spricht über ,Das Brot", Prof. Dr. Alfred Heiduschka steuert einen besonders aktuellen Beitrag über „Die Margarine" bei, Hofrat Prof. Dr. Müller-Lenharh einen Aufsatz über „Die Milch und ihre Bedeutung". Heber „Konservierte Rahrung" äußert sich Prof. Dr. Scheunert. Vorzügliche Aufttärung über „Vegetarismus und Rohkost" findet der Leser in dem Aufsatz von Geheimrat Prof. Dr. Strauß. Die neuesten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet „Reuzeitlicher Fütterung und Düngung" behandelt Prof. Percy Brigl (Hohenheim). Zum Abschluß überblickt Prof. Dr. Bleyer die „Auswirkungen der Ernährungsumstellung" und zieht in einem interessanten Heberblick bie deutsche Cmährungs- bilanz der Jahre 1932, 33.
£od)fd)ulnacbrid)ten.
Der Drbinarius für englische Svrachwissenschaft an ber Universität Breslau, Prosessor Dr. Wilhelm Horn, würbe an bie Universität Berlin berufen. — Horn, geboren 1876 zu Rehbach im Dbenroalb, hat lange Jahre an ber hessischen Lanbesuniversität Gießen gewirkt, wo er 19'11 Privatbozent, 1902 Ertraorbinanus unb 1908 Drbinarius würbe. Don seinen Arbeiten nennen wir: „Beiträge zur beutjchen Lautlehre"; „Unterjudjungen zur neuenglischen Laut- geschichte"; „Historische neuenglische Grammatik" unb „Sprachkörper unb Sprachfunktion"; Professor Horn ist auch Herausgeber ber „Gießener Beiträge zur Erforschung ber Sprache unb Kultur Englanbs unb Amerikas.
Mit ber Reorganisation ber Lanbwirtschaftlichen Hochschule M ü n ch e n - W e i h e n ft e p h a n ist vorn bayrischen Kultusminister S ch e m m ber Professor Lubwig Kießling von ber Münchener Technischen Hochschule betraut worben. Er mürbe zum Abteilungsvorstanb in Weihenstephan gewählt, nach- bem Professor Fehr, ber Führer bes Bayrischen Bauern- unb Mittelstanbsbunbes, zurückgetreten ist.
An ber Universität R o ft o ck würbe ber außerplanmäßige a. o. Proiei'for Kurt Wachholber in Breslau zum orbentlichen Professor ber Physiologie ernannt


