Nr. 245 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 1?.Oktober (955
MerIeier der deutschenlugend auf derWariburg
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Aus Anlaß des bevorstehenden 450. Geburtstages Martin Luthers versammelten sich Tausende aus den Reihen der deutschen evangelischen Jugend auf der Wartburg, um dort an der historischen Stätte des großen Reformators zu gedenken. — Links: Festlich wehen die Fahnen vom Turm der Wartburg. Rechts: Reichsbischof Müller bei seiner Ansprache.
Deutsches Heldentum in der Wissenschaft.
Gefährliche Experimente am eigenen Körper.
Von Dr. H. Woltereck.
Der deutsche Mensch ist zu allen Zeiten im besonderen Maße zu heroischen heldenhaften Leistungen besonders befähigt gerne» fen: er war von jeher bereit, das eigene Leben gering zu achten, wenn der Dienst an einer großen Idee es erforderte. Dieser deutsche Heroismus zeigt sich in vielerlei Formen — und nicht der geringsten von ihnen begegnen wir auf dem Gebiete der Wissenschaft, die mitunter von ihren Dienern ebenso den Einsatz von Gesundheit und Leben erfordert, wie das von Soldaten im Felde verlangt wird.
Gerade deutsche Wissenschaftler haben oft genug entscheidend wichtige Entdeckungen auf ihrem Gebiet nur dadurch erreichen können, daß sie bedenkenlos am eigenen Körper Experimente ausführten, die Urnen zwar unter Umständen das Leben kosten konnten, die aber trotzdem notwendig waren, weil keine andere Lösungsmöglichkeit des untersuchten Problems zur Verfügung stand. Gewiß spielt in der modernen Medizin der Tierversuch eine wesentliche Rolle, und in vielen Fällen genügt er auch durchaus, um für die spätere Anwendung am Menschen alle Gefahren auszuschalten. Aber das ist nicht immer so. Häufig eignen sich die Tiere schlecht oder gar nicht zu der betreffenden Untersuchung (denken wir z. B. an die mit den menschlichen Sinnesempfindungen zusammenhängenden Fragen), oft bleibt auch die Uebertra- gung der im Tierversuch gewonnenen Erfahrungen auf den Menschen noch immer unsicher und gefahrvoll. So bleibt oft genug nur der Selbstver - such am eigenen Körper übrig, da der Forscher andere Menschen natürlich nicht gefährden will und darf.
Oer Kampf gegen den Schmerz.
Wir finden es heute ganz selbstverständlich, daß jede größere Operation unter Narkose, d. h.
ch m e r z f r e i, vorgenommen wird. Aber noch vor einigen Jahrzehnten mußten die Patienten die größten Operationen bei vollem Bewußtsein ertragen, weil man geeignete Mittel zur Schrner^linde- rung noch nicht kannte. Die gewaltigen Fortschritte auf diesem Gebiet, die inzwischen der Menschheit die Wohltat der schmerzfreien Operation brachten, wurde wiederum nur daourch ermöglicht, daß mutige Forscher am eigenen Leibe die keineswegs un»
Ins Theater
durch die Deutsche Bühne
gefährlichen Experimente mit den verschiedenen Betäubungsmitteln durchführten. Einen wichtigen Abschnitt in dem Kampfe der Wissenschaft bildet der denkwürdige Massen-Selbstversuch der deutschen Aerzte in Paris vom Jahre 1847. Damals war gerade bekannt geworden, daß sich durch Einatmung von Aether Betäubung erreichen läßt, man wußte aber fast nichts darüber, ob dieses neue Narkoseverfahren für die Patienten schädlich oder gar lebensgefährlich werden könnte — über Dosierung, Dauer der Aether-Einatmung usw. lagen natürlich keinerlei Erfahrungen vor. In dieser Situation beschloß am 15. Januar 1847 der Verein der deutschen Aerzte in Paris, die außerordentlich wichtige Frage der Schädlichkeit oder Unschädlichkeit des Aethers durch ein heroisches Massen-Experiment festzustellen: 19 jüngere Mitglieder des Vereins atmeten Aether ein und ließen sich während der Betäubung von ihren älteren Kollegen auf alle in Betracht kommenden Einzelheiten (Pulszahl, Empfind-
Volkskunst und Handwerk.
Von Dr. August Hoff.
Bis zum Ausgang des Mittelalters ist eine Trennung in Volkskunst und „hohe" Kunst, die immer durch sehr bewegliche Grenzen geschieden sind, mehr als zweifelhaft. Architekten, Maler, Bildhauer, Goldschmied, Glasmaler, kurz Werkleute aller Art einten sich am gleichen Werk des Gotteshauses aus gleicher innerer Anschauung sind daher auch in gemeinsamem Formgeist. Wie ein jeder fein Tun ein= formt in die Ganzheit des großen Werkes, so selbstverständlich ordnet er fein religiöses Eigenleben ein in den geistigen Lebensraum der Kirche und sein persönliches Sein in die volkhafte Ganzheit der Gesellschaft. Künstler und Handwerker sind nicht verschiedene und verschieden bewertete Berufe. Sie alle gestalten, schaffen aus dem Volke und für das Volk. Im geformten Werk des einzelnen lebt Tiefe und Fülle, Innigkeit und Innerlichkeit, Phantasie und Humor der Volksseele mit.
Erst weltanschauliche Unterschiede und soziale Wandlungen trennen in der Renaissance Künstler und Handwerker, Entwurf und Ausführung, geistige Gestaltungskraft und Fertigkeit der Hände. Gegenüber der dünnen Bildungsoberschicht erhält sich in der bäuerlichen ober kleinbürgerlichen Kultur des Volkes viel altes Geisteserbe und daher ein Formwille, der dem mittelalterlichen in gerader Linie entspringt. Wo das Handwerk sich eigenständigen Formwillen bewahrt, wo es die Anregungen der Zeitkunst selbständig verarbeitet, wo die urwüchsige Phantt ie und Derbheit, die Tiefe und der Humor des Volkes in Form und Gehalt des Werkes Ausdruck findet, nur da reden wir von Volkskunst.
Weit war der Bereich der Volkskunst gezogen und umfaßte fast alle Handwerkszweige, Dorfkirchen und Bauernhäuser, Trachten und Stoffe, Möbel und Schnitzgeräte, Schmiedeeisen und Schmuck, Steinzeug und Töperware, Kabinettscheibe und Hinterglasbild, Wachsgüsse und Bockwerk, Stickerei und Spitzen, Glasbläserei und Spielzeug, kurz alle Arten gestaltender Arbeit standen der Volkskunst frei. Handwerkliche Einfachheit ist immer ihr Kenn- zeichen und ihr Vorzug.
Die neuere Forschung über Volkskunst sucht nicht nur die landwirtschaftlichen und stammesmaßigen Eigentümlichkeiten etwa der rheinischen, westfalischen oder bayerischen Volkskunst zu umreißen, sie geht auch den Mundarten etwa der Schnitzmöbel oder der Keramik am Niederrhein nach und jetzt sie in
Beziehung zu anderen Lebensäußerungen des Volkes, etwa der Sprache. Die Forschung setzte natürlich auch auf diesem Gebiete erst ein, als an der Jahrhundertwende ein neuer Aufbruch in der ge» stattenden Arbeit, in der Architektur, dem Kunsthandwerk und der bildenden Kunst, einen Geist lebendig werden ließ, der sich der Gestaltungskraft alter Volkskunst verwandt fühlte.
Nicht Industrialisierung und Maschine, Massenerzeugung und Serienerzeugnis brachten diese handwerklich begründete Volkskunst zum Erliegen. So meint es eine materialistische Geschichtsauffassung. Die volkskünstlerische Gestaltungskraft war schon dahin, als dieser Erzeugungswandel stark einsetzte. Das Volk fühlte sich dem neuen bürgerlichen Bildungsideal verpflichtet. Der soziale Strukturwandel um 1800 wertete die bäuerlichen und handwerklichen Schichten um, die tue Volkskunst bis dahin getragen hatten. Kümmerlich und bedeutungslos lebt die Volkskunst im spateren 19. Jahrhundert dahin.
Als sich um die Jahrhundertwende neue Strukturen und Kräfte regten, die der Architektur und dem Handwerk neuen Antrieb gaben, lag zunächst Planung, Entwurf, Formgebung nur beim ä ü n ft ( e r. Erst langsam konnte die Formkrast des Handwerks erstarken. Was.geschichtlich war, kehrt in der gleichen Form nie wieder. Alte Trachten und andere Volkskunstformen wieder zu verwenden, wäre Maskerade und falsche Romantik. Solche Versuche scheitern sehr bald. Bestrebungen dieser Art führen zu seichter Auswahl und lenken von der schöpferischen Aufgabe ab: 3m ®elfte des Alten das Neue gestalten. Für diese heutige Neuformung aber kann nur d er lebenötge Kräfte aus der Versenkung in das alte Volksgut gewinnen, der begreift, aus welch geistig-seelischen Grundlagen die alte Volkskunst erwuchs, der das geheime Leben hinter und in den Formen erahnt.
Freilich sind Rohstoffe, Arbeitsgebrauche und Werkvorgänge wie früher wesentlich gleich geblieben beim Töpfer, Weber, Schmied, Tischler oder wer sonst volkskünstlerische Dinge schuf. Aber die .g e 1 - stigen Voraussetzungen des Schaffens sind ganz andere geworden. Es fehlt jede Tradition ornamentaler Zeichen, deren tiefere Bedeutung noch geahnt wäre. Es fehlt der Gehalt an kindlicher Gläubigkeit. Bis in die letzten Winkel der Bauern- ftube ist die geistige Säkularisation aller Lebensbezirke vorgedrungen. m ,
Einst hatte jedes gestattete Werk von Menschen- Hand ein kultisches Gepräge. Das Handwerk entwuchs einer gläubigen Seele. Das kleine Dorf- kirchlein verband Himmel und Erde. In Haus-
lichkeit usw.) kontrollieren. Das groß angelegte Experiment gelang vollkommen, Denn es wurden keine schädlichen Wirkungen des Aethers festge- ftellt. Damit war der Siegeszug des Aether-Nar- koseverfahrens gesichert, im Kampf gegen den Schmerz war ein entscheidender Sieg erfochten.
In diesem Zusammenhang verdienen auch die Selbstversuche erwähnt zu werden, die der berühmte deutsche Chirurg Professor Bier und sein Assistent Dr. Hildebrandt angeftellt haben, um bas Problem der Rückenmarksbetäubung — der in der modernen Medizin eine wichtige Rolle spielt — zu klären. Bei diesem Verfahren wird ein Betäubungsmittel in die Rückenmarksflüssigkeit eingespritzt und dadurch das Schmerzgefühl in den betroffenen Körperregionen für eine gewisse Zeit ausgeschattet. Um die Wirkung der neuen Methode zu erproben, ließ sich Professor Bier zunächst von seinem Assistenten Kokain in die Rückenmarksfttissigkeit einspritzen und nahm später den gleichen Gingriff bei seinem Helfer vor. Bei Professor Bier mißglückte die Betäubung ziemlich, bei seinem Assistenten gelang sie dagegen sehr gut, und es trat eine fast oollrom- mene Sch m e r z l 0 s i g k e i t ein. Der Selbstversuch hatte für die beiden mutigen Forscher zunächst
einige recht unangenehme Folgen, namentlich Dr. Hildebrandt hatte wochenlang unter körperlichen Schwächezuständen, Kopfschmerzen usw. zu leiden, die sich aber schließlich vollkommen verloren. Dieses keineswegs ungesährliche Experiment war eine wichtige Grundlage zum weiteren Ausbau der Rückenmarksbetäubung, die heute bei zahllosen Operationen erfolgreich angewendet wird.
Der Mann, der die Cholera-Bazillen verschluckte.
Wohl der heroischste Selbstversuch, der in der Geschichte der Wissenschaft überhaupt verzeichnet steht, wurde am 12. November 1892 von dem berühmten Begründer der experimentellen Hygiene, Professor Max Pettenkofer, vorgenommen. Ihn festzustellen, ob Cholera-Bazillen unter allen Umständen ober nur unter bestimmten Voraussetzungen giftig sind, ließ sich Pettenkofer eine frische Kultur von diesen höchst gefährlichen Bakterien schicken — und schluckte eine Menge von Bazillen auf einmal hinunter, die genügt hätte, um 500 Menschen gleichzeitig zu vergiften! Sein heroisches Experiment gelang, Pettenkofer blieb gesund und bewies damit,
Münchens großer Tag der denischen Kunst.
Bilder aus dem großen Festzug. Oben: Das Modell des neuen Hauses der deutschen Kunst. Unten: Das Standbilld der Pallas Athene.
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sprächen, in Schnitzwerk, in Malerei der Giebelwände in Bayern, in Zeichen und Bräuchen wird auch das Wohnhaus geweiht. In den Schnitzmöbeln des Nordens und Westens, in den gemalten Schränken und Schachteln des Südens, im Dekor von ke- römischen Arbeiten, in den geschnitzten Dachformen und in vielen anderen Erzeugnissen leben magische Zeichen einer grauen Vorzeit fort. Die geahnte tiefere Bedeutung bewahrt die volkstümliche Ornamentik vor der Verflachung ins Modische, ins Nur- Dekorative. Symbole und Zeichen sind noch nicht entleert. Sie geben auch den Dingen des Alltags Weihe und Bedeutung, setzen das Vergängliche in Sinnzusammenhang mit dem Ewigen. Auch Wappen und vaterländische Symbole sind noch lebendig.
Typisch wird das Wohnhaus gestaltet für den lange gleichbleibenden Wohnanspruch, für das bodenständige Material, aus dem Landschaftscharakter und der Art der Bewohner. Ebenso typisch aus den verschiedenen Komponenten ist die Form der Möbel, Geräte, Geschirre, Gewänder der bäuerlichen Kultur gewachsen.
Der Wert dieser handwerklich volkstümlichen Erzeugnisse wird nicht davon bestimmt, ob ihr Erzeuger in Zünften und Innungen oder in Bruderschaften zusammengeschlossen waren oder ob sie sie in Mußestunden neben der landwirtschaftlichen Berufsausübung verfertigten. Sonderlinge bastelten wohl manches Werk in der Freizeit. Solche gibt es auch heute noch hier und da. Aber sie werden keine Volkskunst auf breiter Grundlage mehr erzeugen können.
Wie die alte Volkskunk der Anfchauungswett der damaligen Bevölkerung entsprach, ihren inneren Vorstellungen und ihrem Nutzungsanspruch, so muß auch die heutige Handwerksgestattung gehorsam den inneren und äußeren Notwendigkeiten der Zeit sein. Den neuen Lebensgewohnheiten müssen ihre Erzeugnisse wahrhaft dienen. In ihrer reinen Form und nicht in der Verzierung muß ihre Wertigkeit beruhen. Ihr Abnehmerkreis sind die breiten Schichten des Bürgertums. Form und Behandlung der Werke muß gegenüber der alten bäuerlichen Volkskunst gepflegter und verfeinerter fein.
Auf manchen Gebieten solcher Handwerksgestal- tung sehen wir in den letzten Jahrzehnten einen ibellen und materiellen Aufstieg: man denke nur an Keramik, Weberei, Glasveredlung, Goldschmiedearbeiten, Möbel und anderes. Wo die gestaltende Hand der Maschine sich förmlich überlegen zeigt, kommt sie auch wirtschaftlich zu ihrem Recht.
In der Erneuerung kirchlicher Kunst wird das kultische Gefühl auch der handwerklichen Gestaltung
aufgerufen. Symbolisches Denken, das einst die Volkskunst beseelte, keimt hier wieder aus und muß allmählich die verderbliche Massenware der Devotionalienfabriken verdrängen. Die politische Symbolbildung der nationalen Eerneuerung muß ebenso die Gestaltung durch das Handwerk von innen her erfassen.
’ßolfstunft’tann nicht befohlen wer- den, sie muß aus der Tiefe wachsen. Die handwerklichen Grundlagen können gelehrt und gepflegt werden in Meisterlehre und Schule. Die Gestaltungskraft des Handwerks kann angeregt und entwickelt werden, nur fo weit ihre innere Grundlage vorhanden ist. Daran aber schafft das ganze Volk mit feinem Hoffen und Sehnen, feinem Glauben und Wollen, feinem inneren Schauen und Erkennen!
„Liebe muß verstanden sein!"
Die in diesem Film-Titel niedergelegte, schwer bestreitbare Maxime wird in einem Ufa-Lustspiel, das seit gestern im Lichtspielhaus zu sehen ist, auf eine ebenso ungewöhnliche wie verwirrende Weise bekräftigt. Es beginnt mit einem vor Bankschluß auf der Straße verlorenen Geldschein und endet mit der traditionellen Großaufnahme eines glücklichen Paares. Dazwischen ereignen sich die sonderbarsten Zwischenfälle im Hotelzimmer, im Tanzsaal und auf der Polizeiwache. Das schon in der ausgehenden Romantik auftauchende Automatenmotiv wird mit Hilfe der modernen Technik zu neuem Leben erweckt, und das gestohlene Herz, das gegen Ende der mit überraschenden Zwischenfällen gesegneten Handlung die entscheidende Rolle spielt, gehört verblüffenderweise einer überlebensgroßen Puppe, einer tanzenden und singenden Marionette. Das Ganze hat sich Herbert I u 11 k e ausgedacht, Willi Kollo musikalisch untermalt, Hans Steinh 0 ff in munterem Tempo und mit viel Sinn für heitere Situationen in Szene gefetzt. Rose B a r s 0 n y spielt mit grotesker Beweglichkeit, etwa im Stil der Anny Ondra, die Hauptrolle: ihr Partner ist Georg Alexander, der diesmal wieder ganz im gewohnten Fahrwasser schwimmt und alle falsche Schüchternheit von sich getan hat. Hilde Hildebrandt und Wolf A l b a ch-R e 11 y als intrigante Gegenspieler: G ü l ft 0 r f f, S a b 0 , Sima, Theo Lingen und Käte Haack runden das vergnügte Ensemble ab. — Im Beiprogramm! die neue Wochenschau, interessante Ausnahmen aus der Geschichte der deutschen Fliegerei und ein Vor- spann zum „Hitlerjungen Ouex", der am Donnerstag hier in Gießen erscheinen wird.


