26. Fortsetzung.
Nachdruck verboten!
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Gießen, den 17. Oktober 1933.
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Sie erhob sich.
„Ich hätte dir nicht um den frais fallen dürfen. Meine törichte Liebe vergaß alle Vernunft. Aber vergiß nicht, du haft mich auch gekühf und dadurch in mir Hoffnung erweckt." Sie preßte die gegen die Brust. „Ich bin ja so unglücklich.
mir her wird man spötteln, und mit dem Respekt ist es aus. Ich werde forlgehen, so weit wie möglich. Entlaß mich sofort aus meinen Verpflichtungen."
Er sah sie an. Sie war wirklich sehr hübsch, und
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schlecht von Mr sprechen. Ich muß sehen, ob er mit Geld zum Schweigen gebracht werden rann."
„Was soll er denn verschweigen?" fragte sie und sah ihn groß an.
„Nun, vor allem doch, daß er dich in der etwas auffallenden Bekleidung zu so später Stunde aus meinem Zimmer kommen sah. Es könnte Geklatsch geben, dein Name könnte darunter leiden."
„Und mit Geld willst du sein Schweigen erkaufen? Ja, was glaubst du denn, wie sehr du mich damit bloßstellft? Ja, in wahrem Sinne des Wortes bloß- stellst."
Er strich sich über die Stirn. Die nächtliche Szene, Roberta in seinen Armen, Roberta von ihm geküßt, stand wieder scharf Umrissen vor ihm. Er stürzte eine zweite Tasse Kaffee hinunter, fragte dann verstimmt. ..Was soll ich aber weiter tun? Weißt du einen an-
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sie tat ihm leid. Rein, fortgehen durste sie nicht, sie war hier die wichtigste Person, und vielleicht war sie stark genug, ihm aus seiner Verbitterung heraus- zuhelfen. Marlene hatte ihn herausgeholfen, um ihn aber desto tiefer wieder hineinzustoßen. Er dachte, es fei eigentlich feine Pflicht, der Frau, die ihn liebte, beizustehen, den Fluch des Klatsches von ihr abzuwenden.
Er entschloß sich zu der Antwort: „Wenn dir meine Freundschaft genügt, Roberta, denn Liebe kann ich dir nicht geben, dann ist eigentlich alle- ganz einfach, dann werde doch meine Frau."
Sie hätte am liebsten laut aufgejubelt: Endlich am Ziel! Aber sie machte nur ein Gesicht wie ein Mensch, der an sein großes Glück nach nicht recht zu glauben vermag. Dann jedoch stürzte sie auf ihn zu.
„Bester Mann! Allerbester Monn! Das vergesse ich dir nicht! Mein Leben lang nicht! Ich soll wirk- lich deine Frau werden, ich? Ich liebe dich so sehr, daß auch du mich eines Tages lieben wirst."
Und zum dritten Male küßte sie ihm die Hand.
Achim zog diese zurück. „Richt so, Roberta, bitte." Er klingelte dem Diener von vorhin.
„Ich habe mir von meiner Braut, — das ist Fräulein Olbers, — den Sachverhalt erzählen lassen und kündige Ihnen. Sie werden noch heute Malt- stein verlassen, Ihr Gehalt für drei Monate zähle ich Ihnen aus."
Der Diener wollte etwas erwidern, doch er dachte daran, daß er sich nicht um die drei Monate Gehalt bringen durfte, und schwieg, verließ mit blassem Gesicht das Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Sollte sie tun, was sie sich vorgenommen? Oder sollte sie sich hinlegen und zu schlafen versuchen? Nein, sie durste ihrer Beauemlichkeit nicht nachgehen. Die Gelegenheit, ihrem Lieblingsplan einen ordent- lichen Stoß nach vorn zu geben, war zu günstig. Sie lauschte wieder auf die Atemzüge und stellte fest: die alte Dame schlief tief und schwer.
Sie verließ lautlos die Chaiselongue, schlich sich in das Nebenzimmer und von dort auf den Flur hinaus. Hier brannte nachts immer eine matte Ampel, und Roberta ging schnell aus Achims Arbeitszimmer zu, drückte auf die Klinke und atmete guf — die Klinke gab nach.
Achim faß in einem der bequemen Lederftühle und rauchte. Er war lief in allerlei düstere Gedanken versunken und begriff erst gar nicht, daß Roberta mitten in der Nacht zu ihm kam. Ihm fiel aber gleich ein, was er ihr gesagt hatte — und er sprang auf.
,Lst meiner Mutter wieder schlechter aaworden?"
Sie verneinte. „Deine Mutter schläft, und ich habe lange mit mir gekämpft, ob ich zu dir gehen sollte: aber ich fand feine Ruhe. Ich wußte, du wachst, und du tatest mir leib. Ich wollte dich nur bitten, schlafen zu gehen, Achim. Du mußt ruhen. Du brauchst viel Ruhe und suchst sie so wenig. Deine Mutter schläft. Ich wache zuverlässig bei ihr, aber bitte, halte dich ihr zuliebe gesund und gehe schlafen!"
Ihr Mantel fiel jetzt wie zufällig auseinander.
Achim von Malten blickte ein bißchen verwundert.
„Ich habe dich noch nie in einem so eleganten Kleide gesehen, Roberta. Du trägst ja eine richtige Abendtoilette."
Sie lächelte. „Ader, Achim, eine Abendtoilette! Das ist doch nur ein Schlafanzug, und ich zog ihn an, um es während der Nacht bequem zu haben." Sie schlüpfte geschickt aus dem Mantel warf ihn über einen Stuhl. „Sieh dir einmal die Abendtoilette genau an!"
Er lächelte schwach.
„Von Damensachen verstehe ich nicht viel. Aber hübsch siehst du in dem Ding aus."
Er war ein wenig verblüfft. Daß Roberta klug war, wußte er, daß sie hübsch war, auch: aber es umwitterte sie immer ein -auch von Männlichkeit, •heute zum ersten Male schien sie ganz und gar fraulich.
Sie hob ihm die gefalteten Hände entgegen.
„Oh, sage es bitte noch einmal, daß du mich hübsch findest in dem Anzug! Bitte, Achim, es macht mir jo viel Freude, wie du dir gar nicht vorstellen tannft."
Er dachte, die Freude könnte er ihr gönnen, sie verlangte wirklich nicht zu viel. Ehrlich wiederholte er feine Worte von vorhin.
Ze'ck. Er schämte sich jetzt der Szene mtt Roberta und begriff sich nicht. Er erinnerte sich nur noch ganz flüchtig an den Schuß, der ihn doch eigentlich erst aus dem Rausch erweckt, dachte um so mehr daran, wie er Roberta am nächsten Morgen entgegentreten sollte. Er schämte sich auch vor ihr, trotzdem sie ihm um den Hals gefallen war.
Er machte es sich, so gut es ging, im Lehnstuhl bequem. Er war zu erregt; er fürchtete sich form- lich vor dem Bett.
Die Nacht dünkte Achim von Malten endlos. In aller Frühe nahm er ein Bad, klingelte dann und bestellte sich Frühstück. Recht starken Kaffee bat er sich aus. Auguste Helm war Früaufsteherin. Sie bereitete den Kaffee für den Gutsherrn selbst. Der Diener, der diese Nacht im Flurstübchen geschlafen, brachte das Tablett. Er stellte alles zurecht, sagte dann sehr höflich:
,^}d) möchte mich nachher bei Ihnen beschweren, Herr von Malten!"
„Das dürfen Sie gleich tun!" war die Antwort.
Der Diener hüstelte: „Ich sah in dieser Nacht Fräulein Olbers aus Ihrem Zimmer kommen und habe mir weiter nichts dabei gedacht. Ich hatte diese Nacht die Wache, und als ich irgendwo draußen einen Schuß fallen hörte, wollte ich mal aus dem Flurfenster horchen. Ich unterließ es aber, weil Fräulein Olbers auf mich zusprang und mir ohne jeden Grund eine Ohrfeiae gab. Ich verlange Genugtuung von Fräulein Olbers. Ich kann mir das nicht bieten lassen."
Aus eine solche Beschwerde war Achim von Malten nicht vorbereitet aewesen. Was war denn Roberta auch nur eingefallen, so etwas Törichtes zu tun?! Er verstand sie nicht.
Er gab zurück: „Ich möchte zuerst einmal mit Fräulein Olbers selbst die Sache erörtern; danach reden wir weiter darüber."
Der Diener verneigte sich und ging.
Achim von Malten trank hastig eine Tasse des starken Getränkes; er mußte seinen Kopf klarmachen. Es klopfte schon wieder, und er erhob sich, denn Roberta war eingetreten. Sie trug ihren gewöhnlichen Rettanzug und die weiße Baskenmütze auf dem glanzenden Schwarzhaar. Sie ließ Achim gar keine Zeit, ein Wort zu sprechen, sondern begann erregt: ,^ch sah den Lümmel, den Diener, eben aus deinem Zimmer treten. Was hat er dir erzählt? Er sah mich so frech an."
Achim wiederholte, was der Diener vorgebracht.
Sie ließ sich wie erschöpft auf einen Stuhl nieder.
„Achim, der Mensch lügt. So harmlos, wie er sich jetzt stellt, benahm er sich vergangene Nacht nicht. Ich kam aus deinem Zimmer: da stand er an der. Treppe. Nichts hat er gesagt, keine Silbe; aber an- gesehen hat er mich — angesehen! Mit einem so grenzenlos gemeinen Lächeln, daß mir das Blut zu Kopf gestiegen ist und ich nicht anders konnte, als auf ihn zuspringen und ihm in das grinsende Gesicht zu schlagen."
Er erwiderte sehr ernst: „Und doch hättest du dich zusammennehmen sollen. Der Mensch wird jetzt
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Sie sah ihn mH strahlenden Augen an.
„Achim, das ist die schönste «tunde meines Lebens!"
Sie haschte nach seiner Rechten und küßte sie, wie sie die Hand schon einmal geküßt. Dann hob sie die Arme und warf sie mit jäher Bewegung um seinen Hais, küßte ihn mit Lippen, die vor Liebe unb Verlangen verdurstet schienen, und er, der, von ihren Küssen überrumpelt, erst dagestanden wie eine Statue, wollte sie jetzt sanft von sich schieben. Doch Roberta klammerte sich nur noch fester an ihn an, flüsterte:
„Verzeihe mir, Achim! Jage mich meinetwegen morgen von hier fort für immer; aber gönne mir noch ein paar Minuten, gönne mir für ein paar Minuten die Einbildung, daß ich ein Recht dazu besitze, dich zu küssen! Ich habe dich ja so unsagbar lieb und weiß nicht mehr, was ich tue!"
Wieder legten sich ihre Sippen fejt auf seinen Mund. Es wäre »hm gar nicht möglich gewesen, zu antworten, wenn er es auch gewollt, und er hätte kräftig zupacken müssen, wenn er diesen sich fest an ihn klammernden Körper hätte von sich lösen wollen.
Achim vergaß flüchtig alle düsteren Gedanken, vergaß Marlene, die ihn so bitter enttäuscht, und nahm den Augenblick wahr, ließ sich von ihm unterjochen. Er erwiderte Robertas Küsse und zog sie fester an sich. Er war ja noch jung und als Kind Robertas treuester Ritter gewesen. In diesen Minuten gab er sich fast der Illusion hin: er liebe sie und hatte es nicht gewußt, er liebe Roberta, und die Liebe zu Marlene sei ein Irrtum gewesen.
Plötzlich belferte matt ein Schuß durch die Stille. Im selben Augenblick hatte sich Achim von Malten von Roberta freigemacht. Sie hatte auch gar nicht versucht, ihn festzuhalten.
Er raunte: „Geh schnell zu meiner Mutter hinüber! Sie konnte aufwachen, dich vermissen."
Sie lief schon aus dem Zimmer, lief, wie sie war, ohne den verhüllenden Mantel, und erschrak heftig, denn an der Treppe, wo sich ein Stübchen befand, stand der Mann, der diese Woche nachts das Stübchen bewohnte, um bereit zu fein, wenn etwas im Schloß geschähe. Er machte ein ganz unverschämtes Geücht, und Roberta, von jäher Wut gepackt, sprang auf ihn zu und ohrfeigte ihn. Kraft besaß sie ja wie ein Mann, dazu die Gewadtheit einer Katze.
Der Diener war zurückgeprallt und stand nun, vor Zorn bebend da, wußte nicht, was tun. Da hatte Roberta Olbers ihm schon den Rücken gewandt und eilte auf die Gemächer Frau von Mattens zu.
Leise öffnete sie die Tür und trat ein, schlich durch eins der Zimmer und betrat den Nebenraum, in dem das gedämpfte Licht brannte. Tiefe AtemBge meldeten, daß die alte Dame noch schlief. Behutsam und lautlos legte sich Roberta nieder. Der Nachhall des Schusses quälte sie.
Nachdem Roberta das Zimmer Achim von Mal- lens verlassen hatte, kam eine große Ernüchterung über ihn. Ihm war zumute wie einem, der schwer berauscht gewesen, wenn auch nur für ganz kurze
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