m. 245 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag, 17. Oktober (933
Aus der Provinzialhaupistadt.
Bücherspende für die Arbeitsdienstlager
Die Fachgruppe des Schrifttums des „Kampfbundes für deutsche Kultur" hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes mit Lesestoff zu versorgen. Dank der Bemühungen der Mitglieder des Kampfbundes für deutsche Kultur und des NS.-Lehrerbundes ist es bisher gelungen, rund 1500 Bücher zusammenzubringen und sie auf zehn Arbeitslager zu verteilen. Es konnten folgende Lager berücksichtigt werden: Bad Ems, Höchst a. M., Idstein, Kirchners, Königstein, Laubach i. T., Oberursel, Offenbach, Schierstein bei Wiesbaden und Sickendorf bei Lauterbach (Oberhessen). Diese erste Sammlung bedeutet jedoch nur einen Anfang; noch eine große Zahl von Arbeitsdienstlagern konnte nicht mit Lese- stoff bedacht werden. Für die bereits belieferten Lager stellt die Gabe der Fachgruppe Schrifttum des Kampfbundes auch nur einen Grundstock zu einer Bücherei dar.
Es wird daher nochmals auf die Büchersammlung des Kampfbundes für Deutsche Kultur und der Gauleituna aufmerksam gemacht. Das große Winterhilfswerk Adolf Hitlers darf auch nicht an der geistigen Not unserer Jugend vorübergehen! Bolks- genossen sorgt dafür, daß unsere jungen Arbeits- freiwilligen an den langen Winterabenden ein gutes Buch in die Hand bekommen! Neben Unterhaltungsliteratur, neueren wissenschaftlichen Büchern werden vor allem auch technische Werke gebraucht. Es liegt großer Bedarf an Werken aus dem Gebiete des Hoch- und Tiefbaues, des Maschinenbaues und der Elektrotechnik vor. Es ist wohl selbstverständlich, daß nur solche Bücher geschenkt werden können, die ihrem Inhalt nach der Idee des Nationalsozialismus nicht zuwiderlaufen. Volksgenossen, diese Sammlung bedeutet für jeden nur ein kleines Opfer! Jeder hat in seinem Bücherschrank einige Bände, die sich für die Arbeitslager eignen und die er entbehren kann. Bücherspenden werden entgegengenommen bei den Ortsgruppen der NSDAP., bei den Ortsgruppen des NS.-Lehrerbundes, bei der Berteilungsftelle in Frankfurt a. M., den Städtischen Volksbüchereien Stoltzestraße 18 bis 24.
SA-Reserve Gießen.
Die S A. - R e s e r o e Gießen tritt morgen, Mittwoch, pünktlich 19.30 Uhr im Sturmlokal Soldan an. Jeder muß zu diesem Dienst erscheinen. Urlaub wird nicht erteilt.
An die Bewohner Mesecks.
Am letzten Samstag marschierte der Jungvolk- Standort Gießen in geschlossenem Zuge mit Banner, Fahnen und Wimpeln durch das benachbarte Wieseck. Dabei zeigte sich, daß ein großer Teil der dortigen Bevölkerung noch nicht üoer das Wesen des „Deutschen Jungvolks" genügend Bescheid weiß. Daher ist folgender Hinweis am Platze:
Die Hitler-Jugend (HI.) und das Deutsche Jungvolk (DJ.) sind der Nachwuchs der SA. und gehören der NSDAP, an. Daher besteht auch die Vorschrift, daß die Ehrenzeichen von HI. und DJ., nämlich deren Banner, Fahnen und auch Wim- p e l von jedem Deutschen durch den deutschen Gruß (Erheben des rechten Armes) zu grüßen sind, während jeder Führer in gleicher Weise zu danken hat. Leider mußten wir wahrnehmen, daß viele Bewohner des Ortes zwar mit Interesse unseren Durchmarsch verfolgten, jedoch den vorgeschriebenen Gruß unterließen. Einige empfanden es sogar nicht einmal als richtig, angesichts der Ehrenzeichen des Jungvolks die Hände aus den Taschen zu nehmen. Wissen diese Volksgenossen denn nicht, daß wir deutsche Jungen die Zukunft Deutschlands sind und in dem DJ. für solche großen Aufgaben erzogen werden?
Dieser Hinweis bewirkt hoffentlich, daß beim
nächsten Wiedersehen in Wieseck wird die von der Regierung gewünschte Achtung genießen werden.
Der JV.-Standort Gießen.
NSDAP. Gießen.
In der Ortsgruppe Gießen-Mitte finden Zellenabende für die Zellen 1 und 11 heute, Dienstag, 20 Uhr, im Parteilokal Soldan, um 21.30 Uhr im „Württemberger Hof" statt. Diejenigen männlichen Parteimitglieder, die schon in den letzten Versammlungen fehlten und heute wieder nicht erscheinen, haben die Folgen zu tragen.
In der Ortsgruppe G i e ß e n - O st sind folgende Zellenabende vorgesehen: morgen, Mittwoch, 20.30 Uhr, Zelle 5 bei Weber, Kaiserallee 52, Donnerstag, 20.30 Uhr, Zelle 1 in der „Stadt Lich", Freitag, 20.30 Uhr, Zelle 4 bei Weber, Kaiserallee, und um 21 Uhr, Zelle 8 bei Wächter. Unentschuldigtes Oehlen kann den Ausschluß aus der Partei zur olge haben.
Die NS. - Frauenschaft Ortsgruppe Süd hat für die Zellen 6 und 8 heute Singabend bei Loichinger.
Die Ortsgruppenführer- und Fachschaftsleiter-, sowie Vertrauensmänner-Versammlung der N S. - Beamtenabteilung Kreis Gießen ist vom 18. Oktober auf den 24. Oktober verlegt worden.
DieLustschuhorganisaiion inOberheffen
Für die Provinz Oberhessen ist eine B e • zir ksgruppe des R e i ch s l u f t f ch u tz b u n- des mit dem Sitz in Gießen errichtet worden. Zum kommissarischen Leiter wurde von der Landesgruppe Hessen-Rheinland-Süd, Frankfurt/Main Herr Bürgermeister Dr. ing. E. Hamm- Gießen bestellt. Das Geschäftszimmer der Bezirksgruppe befindet sich mit dem der Ortsgruppe Gießen zusammen vorläufig im Stadthaus, Gießen, Bergftr. 20, wohin alle Postsendungen und Anftagen erbeten werden.
polizeiberichi der Staatspolizeistelle Gießen.
Im Verlaufe der Ermittelungen nach der Auf- findung des kommunistischen Vervielfältigungsapparates wurden sieben Personen aus Gießen fest- genommen und am 13. Oktober in das Konzentrationslager überführt. Die Festgenommenen waren zum größten Teil früher Funktionäre der KPD. Zu gleicher Zeit wurden noch zehn Personen aus dem Kreise Alsfeld in das Konzentrationslager Osthofen verbracht.
Bei einem früheren Angehörigen der KPD. wurde der Radioapparat beschlagnahmt, weil der Mann in den Abendstunden auf den Moskausender einstellte und sogar andere Personen zum Hören eingeladen hat. — Es wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß es sich bei derartigen Fällen um verbotene kommuni ft ische Versammlungen handelt und die Staatspolizei neben der Beschlagnahme der Radiogeräte die Beteiligten zur Strafverfolgung festnimmt.
Ein Former aus Gießen hatte ein Bild aus einer Zeitung gerissen, dies noch mit kommunisti- schen Zeichen versehen und einem SA.-Mann auf die Veranda gehängt. Der Täter, der die Tat energisch bestritt, konnte an Hand von Schriftproben und vorgefundenen sonstigen Beweisstücken überführt werden. Er wurde sofort dem Schnellrichter vorgeführt und zu einer Woche Haft verurteilt.
Am gestrigen Tage mußten drei Personen aus Gießen festgenommen werden, weil sie infolge der Reichstagsauflösung unwahre Gerüchte verbreiteten. Es wird darauf hingewiefen, daß sämtliche Polizeibeamten angewiesen sind, gegen die Verbreiter unwahrer Gerüchte schärfstens vorzugehen.
Gericht erkannte auf 4 Jahre Gefängnis. Die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten
als Kämpfer auftraten, als es noch verpönt war, zur Last. Nationalfozialift zu fein. *
bereiten Jugend unserer Zeit. Der Filmstreifen Ger wurde von Nationalsozialisten geschaffen, die schon Die
Daten für Dienstag, 17. Oktober.
1815: der Dichter Emanuel Geibel in Lübeck geboren; — 1849: der Komponist Friedrich Franz Chopin in Paris gestorben; — 1893: der Komponist Charles Gounod in Saint Cloud gestorben.
rvvrnotizen.
— Tageskalender für Dienstag: Stadttheater, 20 bis 22 Uhr: „Die Freundin eines großen Mannes". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebe muß verstanden sein".
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, dritte Vorstellung im Dienstag-Abonnement unter Wolfgang Kühnes Spielleitung; das heitere Spiel um eine Bühne: „Die Freundin eines großen Mannes" von Möller und Lorenz. Gewöhnliche Preise. Ende: 22 Uhr. — Mittwoch, 18. Oktober, als dritte Vorstellung im Mittwoch-Abonnement Erstaufführung oes Schauspiels: „Am Himmel Europas" von Schwenzen-Malina unter der Spielleitung von Anton Neuhaus. Das, was sich bisher auf dem Gebiet des ernsten Schauspiels unter Beweis gestellt sah, findet plötzlich aus dem nicht immer heiteren Himmel unserer Gegenwart heraus eine kräftige, wahrhaft heitere und darum doppelt beglückende Bestätigung: ein Schauspiel jener Gattung, mit der der Deutsche seit Lessings Tagen am allerwenigsten verwöhnt worden' ist. Eine feste, frohe Tatsache steht vor uns. Dies Schauspiel, ganz abseits vom bewährten Requisitenmaterial des üblichen Genres wandelnd, ist frisch und echt vom ersten Atemzug bis zum letzten Finale, ist neu und ganz gegenwärtig in seinem Milieu, endlich auch in seiner geistigen Zielsetzung von gesunder Klarheit und beglückendem Weitblick. Der gewaltige Erfolg der Uraufführung dieses Schauspiels am 1. Juni 1933 in Berlin dürfte auch in Gießen nicht ausbleiben. Die Aufführung ist zu gewöhnlichen Preisen. Spieldauer von 19.30 bis 22 Uhr.
— Der Film „Hitler-Junge Q u e x", der dieser Tage im Lichtspielhaus (Bahnhofstraße) gezeigt wird, soll das gewaltige Erleben der Kämpfe der SA., SS. und der Hitler-Jugend, insbesondere aber den Dienst der Hitler-Jugend an Volk und Vaterland veranschaulichen. Der Film soll nicht Spielfilm im herkömmlichen Sinne sein, sondern ein Dokument für alle Zukunft, ein Denkmal der opfer-
** „Der Esel ist Io s", Ein Stück mit Musik in neun Bildern nach dem Altgriechischen des Plagiates, kommt am Sonntag, 22. Oktober, im Stadttheater Gießen als einmaliges Wiederholungsgastspiel der „Vier Nachrichter" mit ihrem Ensemble zur Aufführung. Bei diesem Gastspiel übernimmt den musikalischen Teil das Orchester des Stadttheaters. Das Gastspiel ist außer Abonnement und zu den Preisen von 0,50 bis 2,50 Mark. Spieldauer von 19.30 bis 22 Uhr.
** Preußisch-Süddeutsche Klassenlotterie. Die Ziehung der 1. Klasse der neuen Lotterie findet am 20. und 21. Oktober statt. Die Nachfrage nach Losen ist wegen des herabgesetzten Preises sehr rege.
** Wohnhaus-Neubau. Mit der Ausführung eines zweigeschossigen Neubaues südlich der Johanniskirche hat man dieser Tage begonnen. Das Wohnhaus soll Wohn- und Praxisräume für Me- dizinalrat Dr. Schliemann enthalten. Der Roh« bau soll noch in diesem Herbst fertiggestellt werden, während der innere Ausbau im Laufe des kommenden Winters erfolgen soll. Die Maurer- und Betonarbeiten kommen durch die Baufirma H. W. R i n n zur Ausführung.
** Der berufskundliche Rundfunkvortrag des Leiters der Berufsberatungsabtei- lung des Arbeitsamtes Frankfurt a. M. über das Thema: „Was wird aus dem Schulentlassungsjahrgang 1934?" wird nach neuerer Disposition am heutigen Dienstag nicht um 16 Uhr (wie gestern berichtet), sondern um 18.20 Uhr gehalten.
Große Strafkammer Gießen.
Arn 12. und 13. Oktober verhandelte die Große Strafkammer in Lauterbach gegen den Volksschullehrer Georg Walldorf in Frischborn bei Lauterbach, dem die Anklage Verbrechen im Sinne der §§ 174, 176 RStGB., begangen an minderjährigen Kindern, zur Last legte. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Nachdem das Gericht einen Augenscheintermin in Frischborn vornahm und eine große Anzahl Zeugen vernommen wurde, erfolgten gestern die Plädoyers des Staatsanwalts und der Verteidigung, sowie die Urteilsverkündung im Landgerichtsgebäude zu Gießen. Der Vertreter der Anklage beantragte eine Gesamtstrafe von 4 Jahren Zuchthaus. Das
Der Festabend des Gießener Handwerks.
Am Sonntag fand als Ausklang der Werbever- anftaltung dieses Tages für das Gießener Handwerk in der bis auf den letzten Platz besetzten Volkshalle ein Festabend statt, der zu einem schönen Erlebnis wurde.
Die SA.-Kapelle der Standarte 116 unter Leitung von Kapellmeister N i e b e r g a l l musizierte schon vor Eröffnung des Abends flott und eifrig und leitete dann die Vortragsfolge in schneidiger Weise mit dem Badenweiler Marsch, bekanntlich dem Liedlingsmarfch des Führers, ein. Als erster Redner sprach hieraus
Bäckerobermeister Loeber
als Vorsitzender des Ortsgewerbevereins. Er entbot der großen Besuchermenge den Gruß des Handwerks und bezeichnete mit Genugtuung den starken Besuch als eine Sympathiekundgebung für das Handwerk. Dankbar wies er dann darauf hin, daß in der Person des Führers und Volkskanzlers Adolf Hitler jetzt ein Mann an der Spitze des Reiches stehe, der auch dem Handwerk helfen wolle. Weiter gab er dem Stolze des Handwerks darüber Ausdruck, daß der Reichspräsident, Generalfeldmarschall von Hindenburg, als Ehrenmeister des deut
schen Handwerks mit diesem eng verbunden sei. Der Redner erinnerte hierauf an die gewaltige steuerliche Belastung des Handwerks durch die früheren Regierungen, ebenso lenkte er die Aufmerksamkeit auf die steuerliche Begünstigung der Konsumvereine zum Nachteil des Handwerks und erwähnte weiter die vielfache Korruption, die unter den früheren Regierungen sich entwickelte. Das Handwerk könne dem Führer Adolf Hitler nicht dankbar genug sein dafür, daß er mit all diesen Schäden gründlich aufräume. Dar Handwerk wolle nichts weiter als Gerechtigkeit und gleiche Behandlung wie jeder andere deutsche Berufsstand. Es erhoffe von der nationalsozialistischen Regierung Schutz vor den Warenhäusern, Regiebetrieben und den großen In- dustriekonzernen, die vielfach durch Konkurrenzeinrichtungen im Rahmen ihrer Werke dem Handwerksmeister die Existenz untergraben hätten. Der nationalen Regierung müsse jeder Handwerksmeister seine volle Unterstützung gewähren; jeder müsse bereit sein, mit voller Hingabe alle Kräfte, ja auch das Leben einzusetzen für das deutsche Vaterland und sich mit dieser Opferfreudigkeit hinter den Volkskanzler stellen, der für alle deutschen Volksgenossen das Beste im Auge habe. Am Schlüsse
Regimenter und Stämme.
Das Neichserlebniö im Schützengraben.
Von Franz Schauwecker, GOS.
Es war der Augenblick unmittelbar nach dem Angriff.
Der französische Graben war gestürmt worden. Die^ Gefangenen standen und irrten sinnlos herum, noch lag der rollende Widerhall des Artilleriefeuers in der rauchverdunkelten Luft. Von fern wehte Geschrei zerrissen 'herüber zwischen Gewehrfeuer, das irgendwo flackerte.
Alle Verbände waren durcheinander geraten. Eine kurze, ungeheure Verwirrung herrschte in den eroberten Gräben. Offiziere schrien nach ihren Zügen. Die Nummern von Kompanien wurden um Grabenecken gebrüllt.
Jemand schrie zwischen wüstem Drahtgewirr: „Hierher! Vierte Kompanie!"
Aus Trichterschlamm kreiselte ein erhobener Arm und warf einen Ruf hinaus: „Munition!"
Lauter unbekannte Gesichter starrten sich an. Hände griffen nach Konservenbüchsen. Blicke untersuchten blitzschnell den Wirrwarr zerschlagener Unterstände nach Lebensrnitteln, Tornistern, Wäsche.
„Hauptmann Lenz!" brüllte eine Stimme, die überall zu sein schien.
Es war der Augenblick der Entscheidung. Entweder blieb der Angriff stecken ober er ging vorwärts zum Sieg.
Rechts torkelte ein Donnerschlag hoch und brach in einer riesenmäßigen Qualmwolke herunter.
„Los! Los! Vorwärts! Mitkommen!" schrie jemand mit äußerster Kraft, ein gellendes Signal höchster Gefahr.
Die Sekunden glühten und zerbrannten. Es spritzte schon von Erde nd Eisen.
Die Soldaten stürzten vor. Ueberall schien die Erde lebendig geworden zu sein. Ganze Klumpen von Lehm und Mann bewegten sich vor. Erdhaufen sprangen hoch und liefen. Es barst und knallte.
Je weiter sie vorliefen, desto mehr gerieten die Truppenteile ineinander. Jäger rannten zwischen Grenadieren, Musketiere unter Füsilieren, Garde- litzen befanden sich neben einfachen ßimenfragen.
Plötzlich kamen Granaten herüber. Vier Soldaten warfen sich nebeneinander m einen großen i Trichter. Vier Achselklappen mit vier verschiedenen ! Nummern kündeten vier Regimenter an.
„Wo seid ihr her?" fragte der eine Soldat, wahrend links ein Gejaul mit einem brüllenden Krach tnbete.
„Aus Hof, Bayern", antwortete der Mann neben ihm. „Und du?"
„Aus Hannover."
„Ick bün aus Neubrandenburg', sagte Der dritte,
und duckte sich vor der Granate, die hundert Meter hinter ihnen zerbarst.
„Hier Dräsden , sagte der vierte.
„Los! Mitkommen!" sagte eine scharfe Stimme hinter ihnen, und ein Offizier sprang unter sie, und indem er voranging, nahm er sie mit sich.
Keiner von ihnen kannte den Leutnant. Nach dem Tonfall zu urteilen, war er aus einer schlesischen Stadt. Sie liefen zu fünfen weiter, eingerahmt von zwei düsteren Granateinschlägen, ein donnerndes Tor, durch das sie eintraten wie Abgesandte eines großen reichen Volkes.
Plötzlich befanden sie sich vor einem Waldoor- fprung, und wie aus dem Boden gewachsen standen sechs, acht Franzosen vor ihnen, vollkommen überrascht und versteinert. Einer von ihnen riß das Gewehr mechanisch an die Hüfte und schoß. Der Hannoveraner schrie auf und krümmte sich über dem linken Oberschenkel zusammen. Der Bayer schoß, der Offizier war mit einem rasenden Satz unter den Franzosen, von denen einer stürzte. Die anderen hoben die Arme: „Camarade! Pardon! Lamarade!"
Der Mecklenburger lag mit Verbandspäckchen und Messer neben dem Hannoveraner, schnitt ihm die Hose auf und begann ihn zu verbinden. Von rechts tauchten andere Soldaten auf. Die Franzosen liefen nach hinten. Einer lag mit durchschossener Brust stöhnend da, wachsgelb.
Sie rannten weiter vor. Der Hannoveraner war nicht mehr da. Neben dem schlesischen Offizier lief ein Unteroffizier aus Köln. Ein Einschlag setzte sich mitten unter sie und schleuderte sie auseinander. Der Kölner lag zerfetzt am Fuß einer Buche, der Sachse schrie unter einem Gestrüpp, der Offizier fdjnapnte keuchend nach Luft und wischte sich Blut vorn Handgelenk neben dem Mecklenburger, der verdutzt fluchte und den Unteroffizier anftierte, der dalag in Eimern von Blut mit einem Bein, das sich langsam drehte, als kugelte es ihm jemand aus, bis er still lag, den Mund voll Erde und Waldgras, halb auf dem Bauch.
Es knallte. Der Wald schallte, ein dröhnendes Klavier mit Drähten aus Stämmen, auf die ungeheure Hämmer schlugen. Sie kletterten durch Unterholz, kamen zum Vorschein und sahen sich nicht mehr.
Der Bayer war verschwunden. Der Mecklenburger stand neben einem Brandenburger, der ihn verwundert ansah: „Deibel noch mal, die ganze Kompanie is weg. Wo sind die anderen?"
Der Offizier aus Schlesien fammelte an Soldaten, was er greifen konnte, und ging weiter vor. Er wußte nicht, ob der befohlene Punkt erreicht war, er wußte nur, daß es noch weiter vor ging. Und so ging er vor. Soldaten kamen hinter ihm her. Sie sahen blaugraue Gestalten zwischen den
Stämmen auftauchen und schossen. Schüsse kamen zurück. Zweige schnellten. Eine Handgranate ballerte dumpf auf. Ein Geheul von Splittern verstreute sich wütend in die Blätter, Moos und Erde und Körper.
Der Bayer war mit einem Male wieder da. Er krümmte sich zusammen wie verwundet, schnellte auseinander und fuhr hoch mit gestrecktem Arm, aus dem die Handgranate wirbelte. Sie fuhr zwischen drei Stämme über zertretenem Gebüsch, ein Gewirbel von Stiel und Sprengstoff, platzend zwischen den blaugrauen Soldaten, die verschwunden waren wie weggewischt.
Ueberall waren deutsche Soldaten: preußische, sächsische, bayrische, ostpreußische, württembergische. Für Sekunden schwirrten da und dort alle Dialekte ineinander. Manche verstanden die Worte nicht, aber sie begriffen den Sinn. Das französische Artilleriefeuer hämmerte es ihnen ein. Sie brannten zusammen in diesem Hochofen aus Sprengstoff, Tod und Angriff.
Sie kletterten gemeinsam durch eine Schlucht, wateten durch einen flachen Bach und tarnen hoch an einem Hang, von dem ein Maschinengewehr schnatterte, das viele von ihnen hinwarf, den Rheinländer neben den Pommern, den Berliner neben den Stuttgarter, tot ober verwundet, kriechend und deckungsuchend.
Sie gruben sich ein, bis die Nacht kam, die Ordnung in die verquirlten Verbände brachte.
Am Morgen lagen die Grenadiere aus Norddeutschland beisammen, rechts neben ihnen lag das Regiment aus Bayern, links daran schloß sich das Bataillon aus Sachsen, und dann kamen die Jäger aus Schlesien.
Nach dem Kampf lagen die Regimenter geordnet da, eine unendliche, gegliederte Front deutscher Stämme, ein atmender Körper aus Hand, Herz, Fuß, Brust und Kopf, durch den das deutsche Blut strömte und der große Atem (fettes wehte.
Oer Wolss-Vater.
Ein Mann in Lederkleidung kam kürzlich in eine Zeitungsredaktion zu Montreal in Kanada. An einer Kette führte er ein Tier, das zunächst wie ein junger Hund aussah, aber an dem unruhigen Leuchten seiner Augen merkte man, daß es sich um ein Raubtier handelte. Der Mann stellte sich als Louis Grignon vor und sein Schoßtier als einen jungen Wolf. In den letzten 18 Jahren war er als Trapper in den Wäldern von Quebec. Eines Tages begegnete er einem Wolf, der ihn angriff. Er riß feine Flinte an die Schulter, aber bevor er noch feuern konnte, war ihm der Wolf an den Hals gesprungen und riß ihn zu Boden. Nun schoß er dem Tier die Kugeln seines Revolvers in den Leib und
befreite sich fo von der Umarmung, die ihm blutende Wunden gebracht hatte. Das getroffene Tier schleppte sich noch vor die Höhle, in der seine Jungen lagen, und starb. Es war ein Wölfin gewesen. Am nächsten Tage, nachdem Grigon sich von dem Schrecken erholt und seine Wunden verbunden hatte, folgte er der Spur der Wölfin und drang in die Höhle ein. Zunächst fand er die Knochen und Ueberrefte von Tieren, dann im Hintergrund sieben junge Wölfe, die vor Hunger nur noch winselten. Er zog sie alle mit konservierter Milch auf, die er ihnen aus der Flasche gab. Sechs seiner Schützlinge hat der Wolfsvater der Provin- zial-Regierung überlassen, den siebenten brachte er mit nach Montreal, um ihn dem Zoologischen Garten zu schenken.
Hochschulnachrichten.
Der o. Professor für Strafrecht an der Frankfur- ter Universität Dr. Arthur Baumgarten hat einen Ruf auf den neuerrichteten Lehrstuhl für Rechtsphilosophie an der Universität Basel er« halten.
Der bekannte Freiburger Philosoph Professor Dr. Martin Heidegger hat Den vor kurzem an ihn ergangenen Ruf an die Universität Berlin abgelehnt.
Der Reichsstatthalter für Sachsen hat auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums dem Professor Dr. Philipp Johannes Richter die Lehrbefugnis als Honorarprofessor an der Universität Leipzig entzogen. Auf Grund des gleichen Gesetzes sind an der Universität Leip- 3 i g der Ordinarius für öffentliches Recht, Professor Dr. Willibald A v e 11, und der Ordinarius für öffentliches und Arbeitsrecht Professor Dr. Erwin I a c o b i in den Ruhestand versetzt worden. Außerdem wurde dem ao. Professor und Lektor für spät- hebräische, aramäische und talmudische Wissenschaften, Dr. Lazar G u l k o w i t s ch, die Lehrberechtigung an der Universität Leipzig entzogen.
Dem ao. Professor Dr. Arthur Salz an der Universität Heidelberg (Staatswissenschaften) wurde auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Lehrbefugnis entzogen.
Der Privatdozent für allgemeine Staatslehre, deutsches und ausländisches Staatsrecht sowie für Völkerrecht an der Universität München Dr. Karl Löwenstein wurde mit sofortiger Wirkung avz dem bayerischen Staatsdienst entlassen.
Die Zulassung des Konservators im Ruhestand Dr. Traugott ® aumgärtel als Privatdozent der Technischen Hochschule München wurde mit sofortiger Wirkung widerrufen.


