Ausgabe 
17.1.1933 Zweites Blatt
 
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Vornan von Gert Gothberg.

(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)

4 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Tückischer Zufall? Frau Dorrheim erschrak. »Das wolle der Himmel verhüten", dachte sie dann inbrünstig. Als die Wagen dann die lange Kastanienallee entlang fuhren, sah Achrrn ihnen ein Wellchen nach, dann ging er rasch die Treppe hinauf und betrat nach kurzer Zeit das Eßzimmer, wo die Dienerschaft soeben noch ein wenig Ord­nung schaffte und Pia mit Frau Horlinger noch das Silber wegschloß. Sie hatte ihn nicht be­merkt: er stand unweit der Tür und beobachtete sie schweigend. Das Lächeln auf Pias Gesicht zog ihn an. Dieses Lächeln war wie eine Erfrischung nach all dem einstuüierten Kram, den er den ganzen Abend über hatte genießen müssen.

Da bemerkte ihn Pia. Sofort war das Lächeln von ihrem Gesicht verschwunden: sie fragte:

Möchtest du noch etwas?"

Eine Heine Zornesfalte erschien auf seiner Stirn. Er hatte schon viele Male beobachtet, daß Pia jedes Zusammensein mit ihm mied, to:nn sie es nur irgend konnte. Dann aber kam doch gleich wieder das Bewußtsein: sie ist ja im Recht, tausendmal im Recht ist sie.

So sagte er jetzt nur noch:

»Hast du eine Einladung nach Dorrheim für Donnerstag erhalten?"

Pia nickte.

3 a, au Fräulein Ilses Geburtstag. Es sind nette Menschen, sie verkehrten ja schon früher in Achern."

Ter Schloßherr preßte die Lippen zu einem festen schmalen Streifen zusammen. Natürlich, man würde sich ja ihr gegenüber einer ganz be­sonderen Herzlichkeit befleißigen. Cs war ja immer gut, wenn man die Verwandten des begehrten Objekts auf seiner Seite hatte. %

Harry lachte plötzlich. Pia sah ihn verwundert an. Da sagte er:

Entschuldige, Pia, doch mir kam eben ein sehr lustiger Gedanke, der mit der Einladung nach Dorrheim zusam : enhängt. Jetzt aber will ich dich nicht länger aufhaltcm. Gute Rächt, Pia!"

Gute Rächt, Harry!"

Achern rief auch Frau Horlinger einen Gruß zu und ging davon.

Als Pia später in ihrem schön eingerichteten Zimmer stand, dachte sie an den heutigen Abend. Wie vorzüglich Harry ausgesehen hatte! Er war entschieden die vornehmste Erscheinung im hie­sigen älmkreis. Ob er Ilse Borrheim heiraten würde? Denn daß dieser Wunsch auf feiten der Dorrheims bestand, hatte sie natürlich ebensogut bemerkt, wie Harry und alle anderen. Ob er dieses gesund aussehende. selbstbewußte Mädchen mit den so kalt blickenden Augen wirklich zur

Frau nahm? Llnd jvenn, was ging es sie dann an? Wenn er Ilse Dorrheim nicht nahm, dann nahm er eben eines Tages irgendeine andere, denn heiraten mußte er schließlich doch einmal.

Seltsam! Wie weh ihr der Gedanke tat, daß er eines Tages heiraten würde. ilnb so seltsam war es auch, daß sie in letzter Zeit nie mehr so bren­nend gewünscht hatte, die zwei Jahre bis zu ihrer Mündigkeit möchten recht schnell vergehen, damit sie dann Achern verlassen konnte.

Weil er anders zu mir ist als früher, weil er mich nicht mehr haßt, deswegen ist mir dieses Zusammensein erträglich geworden", dachte sie dann.

HnZ) als sie in den weißen Kissen lag, da dachte sie noch einmal:

Weil er mich nicht mehr haßt."

Plötzlich hatte Pia das Gesicht in die seidene Decke vergraben und weinte bitterlich.

Am Donnerstag fuhren sie dann nach Dorr­heim hinüber. Es waren noch einige Freunde und Verwandte geladen. Harry von Achern hatte das unangenehme Gefühl, daß ervocgeführt" werde. Desonders den Verwandten der Borrheims gegen­über hatte er dieses Gefühl. Zumal ihn ein alter, dicker Herr stark musterte, so, wie man vielleicht ein Pferd von allen Seiten mustert, ehe man es kauft. Rachdem er sich eine Weile darüber ge­ärgert hatte, erwachte der Llebermut in ihm. Auch die Erlenbacher, denen wahrscheinlich gezeigt wer­den sollte, daß ihre Hoffnungen vergeblich seien, waren geladen. Harry von Achern pirschte sich also an die Erlenbacher Madels heran und plau­derte so angeregt mit ihnen, besonders mit Eva Erlenbach, daß Frau Dorrheim sprachlos vor Wut das junge Mädel musterte und Vergleiche zog zwischen der Heinen, häßlichen Eva und ihrem eignen Kinde.

Hätte ich die Dande bloß nicht eingeladen", dachte sie reuevoll:was kann uns denn von denen Gutes kommen? Aber das kommt davon, wenn man seine Töchter gut erzieht. Ilse ist zu schüchtern. Der Achern ist verwöhnt und will umworben sein. Ilse soll sich gefälligst nicht so dumm benehmen und ihm etwas mehr entgegen­kommen."

Tahinzielende Defehle erhielt Ilse dann in einem Rebenzimmer von ihrer Mutter. Sie gab sich denn auch redlich Mühe, Achern an ihre Seite äu fesseln Er aber sah immer wieder nach dem Erlenbacher Evchen hinüber, was in dem Herzen Frau Erlenbachs freudige Hoffnung weckte. Rur Eva selbst wußte, daß sie lediglich den Blitz- ableiter abgab, und in ihrer lieben, offenen Art sagte sie ihm das auch. Er war ein wenig ver­legen, meinte dann aber doch:

Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Fräulein Eva, ich wollte tatsächlich"

Er stockte.

nicht den Anschein erwecken, als ob Sie sich um Ilse bewerben", ergänzte sie lachend.

Er küßte ihr dankbar die Hand. Eva zuckte zusammen, denn sie liebte ihn. Loch ohne leden Wnnsch war diese Liebe. Drüben aber im Kreise

der älteren Damen hatte dieser Handkuß einen Sturm entfacht. Man begnügte sich zwar mit vielsagenden Blicken, aber die Freundschaft zwi­schen Erlenbachs und der Familie Dorrheim be­kam an diesem Tage einen Riß, der. wenn über­haupt jemals wieder, doch nur schwer gekittet werden konnte. Pia dachte:Ilse Dorrhrim wird es also nicht sein."

Ihre Augen folgten Harrys hoher Figur, und in ihr war eine große Freude, daß er Ilse Dorr­heim nicht mochte.

Achern war zu sehr Kavalier, als daß er sich nicht auch wieder zu Ilse gesellt hätte. Er be­mühte sich, recht liebenswürdig zu fein. Es gelang ihm auch. Ilse wieder froh zu stimmen. Das änderte aber nichts daran, daß später, als die Gäste fortgefahren waren, der dicke Onkel Adolf aus Dunzlau. den man eigens herzitiert hatte, damit er sein Urteil über den in Aussicht ge­nommenen Schwiegersohn abgeben sollte, ganz gemütlich sagte:

Hm. feiner Kerl! Aber euren Wünschen ge­fügig machen könnt ihr den nicht, da müßt ihr euch schon einen andern suchen."

Ilse Dorrheim sah ihn sprachlos an. Dann brach sie in lautes Weinen aus.

Frau Dorrheim aber sah ihren Druder em­pört an. Rein, dieser Adolf, er war aber auch zu ungehobelt. Sie erhob sich würdevoll und sagte:

Wir wollten von dir ja auch nur wissen, ob er dir gefällt. Das Weitere wird sich schon finden."

Er gefällt mir sehr, sehr. Da steckt noch was drin. Eine Figur hat er, Donnerwetter! Ra. ich wünsche euch also, daß er euem Wunsch er­füllt. Daran glauben kann ich nicht, das müht ihr schon entschuldigen."

An dieser Dickköpfigkeit ließ sich nichts ändern. Zanken durfte man sich auf keinen Fall mit Adolf, denn er sollte für die Ausstattung Ilses herhalten, da das Bargeld knapp war auf Dorr­heim und der reiche, alte Junggeselle es ent­behren konnte. So schluckte man das hinunter. Aber eigentliche fidele Stimmung war in den nächsten Tagen nicht auf Borrheim, das hätte kein Mensch behaupten können.

Viertes Kapitel.

Harry von Achern war sehr erstaunt, als er eines Tages einen 03rief vom Rechtsbeistand seines verstorbenen Vaters erhielt. Und dann las der Schloßherr von Achern, was der Vater ihm noch mitzuteilen hatte, nachdem er nun schon so lange drüben auf dem stillen Dorffriedhof in der Familiengruft neben der Mutter ruhte.

Lieber Harry!

Da ich stets das Gefühl habe, daß es nicht mehr lange mit mir dauern wird, so habe ich mich entschlossen, ein Schriftstück auszuferttgen, das Dir ausgrhändigt werden soll, falls Pia noch friedlich in Achern leben kann, wenn Du Herr über Aichern bist. Denn dann hast Du bewiesen, daß Du endlich ein Mann bist und Deinen kin­dischen Haß gegen die Heine Pia begraben hast.

Ich habe damals bei der Toten Papiere gefun­den, die mir bewiesen, daß die unglückliche Frau die verstoßene Tochter des alten Guido Hohen- brück war. Sie hatte nichts begangen, nur dem Mann ihrer Liebe, dem bekannten Maler Ernst Eichendorff, war sie gefolgt, hatte ihn gegen den CEillen ihres Vaters geheiratet. Eichendorfs ist jung gestorben und ließ seine Witwe unversorgt mit dem Kinde zurück. Helene Eichendorff hat versucht, sich allein mit ihrem Kinde durchzu­bringen, doch es gelang ihr nicht, sie war viel zu zart und unwissend, um den Kampf mit dem Leben aufnehmen zu können. Als ich sie fand, trug sie ein Schreiben bei sich. Sie bat darin, daß man noch einmal versuchen solle, ihren Vater um ihres Kindes willen zu versöhnen, sie fühle sich sehr schwach und glaube, daß sie nicht mehr nach Hohenbrück komme. Sie wandte sich an den Finder der Zeilen und bat um sein Wort, nicht zu verraten, daß Helene von Hohmbrück am Wege verhungert sei. Ich gab der Toten mein Wort. Harry. Helene war immer so stolz und still gewesen, ich kannte sie, und es war gut, daß gerade ich sie fand, denn es war nicht nötig, daß die Menschen über diese Tragik eines Lebens zwischen Kaffee und Kuchen behaglich schwatzten.

Ich ging zu dem alten Hohenbrück und bat ihn dringend, sich des Kindes seiner verstorbenen Tochter anzunehmen. Er stierte mich nur an und lachte dann. Außer diesem harten Lachen habe ich kein Wort von ihm gehört, und ich wartete geduldig zwei Stunden darauf. Dann bin ich ge­gangen, da mir klar geworden war, daß ich mit meiner Erzählung eher einen Stein hätte er­weichen können nur nicht diesen alten, in Weltverachtung erstarrten Mann. So habe ich Pia Eichendorff in mein Haus genommen! Jetzt weiht Du, warum.

Sollte Guido von Hohenbrück ft erben, er ist ja heute weit über siebzig, und sollte er fein Testareent hinterlassen, dann ist Pia die Erbin, seine alleinige Erbin. Die, die auf dieses Erbe seit Jahren warten, haben keinen Anspruch daraus, wenn Pia ihre Rechte geltend macht. Und Tu wirst es für sie tun, wenn einmal diese Zeit da ist!

Tu weißt, daß Pia wohl kaum jemals heiraten wird, und so bitte ich Dich heute: sei Pia stets ein Schutz, wenn sie dessen bedarf. Sollte sie durch ein Testament ihres Erbes verlustig gehen, dann soll Pia von Dir hunderttausend Mark er­halten. Du bist verpflichtet dazu, Harry, es ist durchaus kein Geschenk!

Ich an Deiner Stelle wüßte, was mir zukäme. Pia muß es ja auch tragen, warum Du nicht?? Doch das ist weder ein WunsH. noch ein Befehl, das ist Deine Sache, und ich will Pia glücklich wissen, nicht in einer"unglücklichen Ehe.

So, mein Junge, nun weißt Du alles. Weißt auch, daß Dein Vater volles Okrtrauen in Dich setzt. Zwischen uns beiden steht nichts mehr, Junge. Ich habe auch mit Mama sehr glücklich gelebt in den letzten Jahren.

Leb' wohl und einen herzlichen Gruß.

Dein Daten.* (Fortsetzung folgt.)

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