Der „Lokalanzeiger" untersucht das Wahlergebnis und kämmt zu dem Schluß, daß sich gegen die Deutschnationalen ausgewirkt hat, daß ihre Liste örtlich ungünstig aufgestellt war. Zu begrüßen ist, daß in der neuen Rechtsregierung die Nationalsozialisten zwar die weitaus stärkste Stellung haben, aber keineswegs absolut souverän sein werden. Sie können gegen den marxistischen Block nicht durchkommen ohne die Unterstützung durch die Träger der bürgerlichen Mandate.
Die „V o s s i s ch e Zeitung" gibt folgendes Bild von der Wahl: Der von Hitler persönlich zerstampfte Marxismus hat in Lippe seit dem Juli seine Prozentziffer von 38 auf 41 v. H. gesteigert, während die beiden rechtsradikalen Parteien in gleicher Zeit von 50 auf 45 v. H. zurückgingen. Die nationalsozialistischen»Stimmen sind Früchte einer Arbeit, die jede Einordnung in politische und gesellschaftliche Notwendigkeiten negiert. Die Deutschnationalen haben dieser Zerstörüngsarbrit, die als Sabotage jeder aufbauenden Tätigkeit wirkt, keine wirksame Abwehr entgegenzusetzen vermocht. Umso hoher ist es zu bewerten, daß die Mitte und vor allem die Sozialdemokratie sich gut behauptet haben.
Der „Vorwärts" meint u. a.: Kommt es im •Kctd) aum Kampf, so wird die Sozialdemokratie alle Kraft aufbieten, um den erfreulichen Fortschritt in Lippe weiter fortzusetzen. Daß sie der Regierung Schleicher nicht anders gegenüberstehen kann als in schärfster Opposition, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Sozialdemokratie ist und bleibt die natiirlichste Gegenkraft gegen alle Formen der Reaktion.
Eine Stimme aus Lippe.
Detmold, 16. Jan. (CNB.) Die „L i p p i s ch e Landeszeitung" schreibt zu dem Wahlausfall in Lippe u. o.: Nein stimmungsmäßig haben die Nationalsozialisten einen starken Erfolg herausge- holt. Bedenkt man jedoch, daß Hitler in nicht weniger als 16 Orten und nach nationalsozialistischen Angaben vor etwa 90 000 Menschen gesprochen hat, bedenkt man ferner, daß die ganze Rednerelite der NSDAP, aufgeboten wurde, so müßte eigentlich das Ergebnis weit gewaltiger fein; zum mindesten hätte es den Nationalsozialisten gelingen müssen, ihren Höchststand vom 31. Juli 1932 mit 42 280 Stimmen wieder zu erreichen. Bezeichnend ist, daß die Nationalsozialisten in erster Linie auf Kosten der Deutschnationalen die Gewinner sind. Die Niederlage H u - genbergs kommt in diesem Ausmaße völlig un ^erwartet; sie ist geradezu vernichtend. Wenn die
Sozialdemokraten gegenüber dem 6. November einen Stimmengewinn von rund 4000 erzielten, so ist das in erster Linie wohl ein Verdienst Drakes. Auch der erfreuliche Verlust der .Kommunisten ist wahrscheinlich auf diesen Aktivposten zu buchen. Immerhin verfügen die sog. marxistischen Parteien, also Sozialdemokraten und Kommunisten, auch heute noch über 41,4 Prozent.
Sein Amt medergelegt.
Berlin, 16. Jan. (CNB.) Der Vorsitzende des Landesverbandes Lippe der Deutschnationalen Volkspartei in Lippe, Rechtsanwalt Petri, hat fein A m t niedergelegt.
Der Herr mit dem silbernen Haupt.
Zum 70. Geburtstag von Oamd Lloyd George am II. Januar. Don Viktor Schweizer
Es ist sehr still um Lloyd George geworden, seitdem er sich von der großen Politik abgewandt hat. Wenn die Zeitungen heute über ihn berichten, dann meistens nur, weil er eine Reise getan, oder eine Krankheit überstanden hat. Er ist ein wenig aus dem Bewußtsein seiner Landsleute verschwunden; — wer hätte dies gedacht! Denn vor zwanzig Jahren, als sein Silberhaar noch kein Silberhaar
i
war, sondern trotzig und wild seinen walisischen Schädel überwucherte, gehörte er zu den populären, vergötterten Helden der Rednertribüne und des öffentlichen Lebens. So populär, so vergöttert war er, daß manche Leute sogar geneigt waren, ihn als einen Politiker allerersten Ranges darzustellen ...
Lloyd George ist kein Engländer. Das ist vielleicht der Schlüssel nicht nur zum Zwiespalt seines Charakters, sondern zum tragischen Bruch in seiner gesamten Karriere. Unter allen englischen Politikern seit Gladstones Zeiten war er vielleicht der größte Künstler und der kleinste Politiker. Kein Zufall, daß er seine größten Erfolge als Redner, als Reformer, als Pazifist, in der Geste eines Gladiators erringen konnte. Vor allen politischen Knoten versagte er — er vermochte sie weder zu
durchschlagen, wie Alexander der Große, noch sie langsam, zäh und beharrlich zu lösen. Er war ein Waliser, kein Schotte, kein Südengländer. Die Engländer haben ihm dieses Manko nie ganz verziehen.
Als geborener Anhänger einer nationalen Minderheit — die Waliser sind bekanntlich ein Volk für sich, mit eigener, wenn auch aussterbender Sprache, eigener Geschichte, eigenen Sitten — ent- Sprache, eigener Geschichte, eigenen Sitten — entwickelte er sich rasch, instinktiv und glänzend zu ihrem größten Verteidiger. Er hat viel durchgefetzt. Sein doppelter Instinkt des Unterdrückten und des Menschenfreundes hat viel für die Sache der Einwohner des Berglandes von Wales erreicht. Instinkt ist aber in der Politik nur die Hälfte. Der Rest heißt: Fleiß, Zähigkeit, Mißtrauen, breiter Rücken und selbst im Frontenwechsel eine gewisse Konsequenz. Lloyd George scheiterte nicht an den Eigenschaften, die er besaß. Er scheiterte an den Eigenschaften, die ihm fehlten.
Am 17. Januar 1863 als Sohn eines frühver ftorbenen Lehrers geboren, führte der Tod seines Vaters ihn in feiner ersten Kindheit in ein kleines Dorf mitten in Wales, in der Grafschaft Carnavon, wo sein Onkel, ein armer Schuster, mit größter Sorgfalt dafür Sorge trug, daß aus dem kleinen David und seinem Bruder „etwas Rechtes werde". Aus dankbarer Erinnerung an diesen Mann, der Lloyd hieß, fügte der kleine David George dessen Namen mitten in den seinen. Er war ehrgeizig genug, diesen Doppelnamen berühmt machen zu wollen. Mit vierzehn Jahren trat David als Bureaubursche in das Unternehmen eines Londoner Advokaten ein, mit achtzehn Jahren promovierte er zum Clerk, zum Schreiber. Einundzwanzig Jahre alt, verließ er die Firma als neugebackener Rechtsanwalt. Die Chance, durch die er sich einen Namen machen sollte, ließ nicht lange auf sich warten: in feiner walisischen Heimat ließ ihn ein staatskirchlicher Pfarrer einen verstorbenen Dissidenten (Non-con- formisten) auf dem Friedhof in der Selbstmörder- erfe beerdigen. Lloyd George stürzte sich mit Feuereifer auf diesen Fall. Leidenschaftlich ergriff er Partei für die Familie dieses Toten. Dieser kleine Anlaß, den der junge Anwalt in die breite Öffentlichkeit gezerrt hatte, löste eine Massenbewegung । im ganzen Lande Wales aus. Sofort war daraus |
ein prinzipieller Kampf der Waliser Nonkonformisten gegen die Herrschaft der englischen Staatskirche geworden. Der Führer dieser Bewegung hieß Lloyd George. Die Politik hatte ihn mit Beschlag belegt, sie ließ ihn nie mehr los. Mit 26 Jahren führte ihr Weg ihn anläßlich einer Parlamentswahl ins Unterhaus.
Der alte Gladstone, damals Oppositionsführer, hatte an diesem feurigen Parlamentsmitglied trotz aller Besorgnis wegen dessen „sozialistischen Tendenzen" seinen rechten Spaß. Er, der alte Volksredner, freute sich, daß in der damals stark zu- sammengeschrumpften liberalen Partei ein Nachfolger aufgetaucht war, der ihn an Volkstümlichkeit eines Tages zu ersetzen versprach. Mochte er ihn auch noch nicht reif für fein Kabinett halten, so unterstützte er ihn doch mit allen Mitteln. Lloyd George blühte in dieser Zeit auf, er polemisierte mit Glanz und Geschick gegen die brutale englische Kolonialpolitik, besonders während des Buren- krieges, verfocht großangelegte soziale Resorm- ideen, gab sich liberaler als liberal, gab sich als streitbarer Pazifist ersten Ranges. 1905 übertrug man ihm den Posten eines Handelsministers im liberalen Kabinett Campbell, wo er einen Erfolg nach dem andern baoontrug. Sein Ziel. Versöhnung der Klassengegensätze gefiel den englischen Oberschichten, die immer wieder durch Streiks in den Jndustriebezirken beunruhigt wurden, ausnehmend. Die englischen Gewerkschaftsführer, außerordentlich versöhnliche Herrschaften, harmonierten mit Lloyd George fast wie mit einem Mitglied der eigenen Partei. So trugen ihn alle parlamentarisch, n Schichten zu einer weiteren, höheren Karriere. Als Schatzkanzler des Kabinetts Asquith trug er seinen größten Sieg davon: kurz vor Kriegsausbruch revolutionierte er das Budgetrecht selbst gegen den Willen des Oberhauses. Aehnliche Erfolge blühten ihm in seiner Kampagne um die Gleichberechtigung feiner Heimat Wales. Er war ein großer Redner, ein populärer Staatsmann, Englands beliebteste Figur. Dann aber kam der Krieg..
MU dem Ausbruch des Krieges wandelte dieser Mann nicht nur die Art seines äußerlichen Auftretens, sondern auch seine gesamte Politik. Ab-
gestreift waren alle seine Allüren des liberalen Pazifismus, des Weltbürgertums, des Kämpfers um die Klassenversöhnung. Der geschichtliche Augenblick wuchs ihm wie so vielen anderen Politikern über den Kopf. Ruckartig war aus ihm ein engstirniger Rationalist geworden. 'Alle walisischen Charaktereigenschaften tauchten potenziert in ihm auf. Er wurde der große chauvinistische Vernichtungstheoretiker seines Landes. Durch diese entschiedene Mauserung kam er auch in die Lage, nach der Macht zu greifen. Im Dezember 1916' vermochte er Asquith zu stürzen und Ministerpräsident zu werden. Als englischer Ministerpräsident dieser Zeit gehört er zu den drei vollverantwortlichen Staatsleuten, die den Versailler Friedensvertrag inspirierten.
Nach dem Krieg ist ihm dann — man weiß nicht recht, weshalb — nichts mehr recht geglückt. Vielleicht unterlag er der Atmosphäre einer neuen Zeit. Vielleicht war er alt geworden, hatte sich sein Ehrgeiz abgestumpft. Nach der Konferenz in Genua wurde er von England fallengelassen. Dieses Land hatte inzwischen erkannt, daß die Versailler Politik sich nicht zuletzt auch gegen es selbst richtete. Der Verantwortliche mußte verschwinden. Für sie war Lloyd George der Verantwortliche. So erfüllte sich sein seltsam zwiespältiges Schicksal, zwiespältig wie die Beurteilung Lloyd Georges durch seine Zeitgenossen — es gab Leute, die'ihn als den „klügsten Kopf seiner Zeit" priesen, während andere bloß das Wort „Demagoge" für ihn übrig hatten ...
Lloyd George schrieb im Jahre 1932 ein vielbeachtetes Werk über „Die Wahrheit über Reparationen und Kriegsschulden", in dem er mit der Tributpolitik Frankreichs eine vernichtende Abrechnung hielt und für die Streichung dir Tribute und die Gleichberechtigung Deutschlands eintrat. Seine späte Einsicht ändert natürlich nicht das geringste an der Tatsache, daß er einer der Hauptoerantwortlichen für das Zustandekommen des Versailler Vertrages ist. Solange dieser Vertrag nicht von Grund auf revidiert worden ist, wird die Welt politisch und wirtschaftlich in ihrer heutigen Ruhelosigkeit verharren. Auch der 70. Geburtstag Lloyd Georges soll uns ein Anlaß sein, hieran zu denken.
Aus aller Welt.
Explosion im Mülleimer.
Als dieser Tage in Kassel eine Ehefrau Asche in einen Mülleimer schüttete, entstand eine Explosion, durch die die Frau Verbrennungen im Gesicht und am rechten Unterarm erlitt. Sanitäter und ein zugerufener Arzt leisteten die erste Hilfe. Die Explosion ist daraus zurück- ^uführen, daß Hausbewohner Karbidreste in den Mülleimer geschüttet hatten. Dadurch entwickelten sich Gase, die sich durch die noch glühende Asche entzündeten.
Fuhrwerk vorn Zuge überfahren. — Drei lote, drei verletzte.
Wie die Aeichsbahndirettion Hannover mitteilt, durchbrach am Sonntag ein mit fünf Personen besetztes Pferdefuhrwerk an der Strecke Stendal— Berlin zwischen den Bahnhöfen Stendal und Hämerten b_e für den Pe soien-ug 223 geschlossene, beleuchtete Schranke. Das Fuhrwerk wurde vom Zuge erfaßt und üver,ah.e.r. Drei Personen sind t o t, eine ist schwer und eine leicht verletzt. Ergänzend wird dazu berichtet, daß sich auf dem Fuhrwerk Einwohner aus Storkau befanden, die an einem Vereinsvergnügen teilae- nommen hatten und sich auf dem Heimwege befanden. Getötet wurden der Landwirt Schwabe sowie die Ehefrauen Albrecht und Bieck. Schwer verletzt wurden die Ehefrauen Huth und Schwabe. Eine weitere Person wurde leichter verletzt. Das Fuhrwerk wurde vollkommen zertrümmert. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt. Absturz eines schweizerischen Sportflugzeugs. —
Zwei Tote.
Aus dein Flugplatz Altenrhein der Ostschweize- rischen Aerogesellschaft ereignete sich ein Flugzeugunglück. Hauptmann Hans Wirth, der Direktor des Flugplatzes, war mit einem etwa 23- jährigen Flugschüler namens Bax Bachmann
aus Zürich auf einem ehemaligen schweizerischen Militärflugzeug zu einem Versuchsftug aufgestiegen. Etwas außerhalb des Flugplatzes dem Rhein zu stürzte das Flugzeug plötzlich ab. Der Flugschüler wurde t o t aus den Trümmern hervorgezogen. Hauptmann Wirth wurde bewußtlos mit mehreren Beinbrüchen und schweren inneren Verletzungen ins Krankenhaus^Rorschach verbracht, wo er nach kurzer Zeit verschied.
Forschungsreise in die Sahara.
Kapitän Wauthier von der französischen Fliegertruppe ist mit seinem breimotorigen Metallflugzeug in Paris zu seiner Forschungsreise an die Grenzen der Sahara gestartet. Die erste Etappe führt bis Südfrankreich, wo noch einige Vorarbeiten für das Unternehmen erledigt werden müssen. An Bord des Flugzeuges befinden sich außerdem eine Frau, die den ethno- graphischen Levi der Forschungen bestreiten wird, ein Filmoperateur und ein Funker. Das Flugzeug hat einen Aktionsradius von 1200 Kilometer und verfügt über eine Funkanlage. Zur Expedi- tion stoßen in Afrika zwei Lastkraftwagen, auf denen Zelte, Lebensmittel usw. verladen sind. Der Zweck der Expedition ist die Erforschung der unbekannten Gegend von Tenere im Süden der tripolitanischen Grenze. Cs gilt, ein z. T. noch nie von Weihen betretenes Gebiet zu erforschen. Wauthier beabsichtigt, eine Straße nach dem Gebiet des Tschadsees zu schaffen.
Fabrikbrand in Brünn.
Das vierstöckige Gebäude der Eisenkonstruktisns- fabrik Bilek in Brünn ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Erst nach vier Stunden wurde die Feuerwehr des Brandes Herr. Während des Brandes ereigneten sich zahlreiche Explosionen. Die Rettungsmannschaften muh- ten in 25 Fällen Hilfe leisten.
„Oer träumende Mund."
Lichtspielhaus.
Viele Frauen haben beim Anschauen dieses Films bittere Tränen vergossen; und nicht nur Frauen: auch Männer. Und obwohl die Tränenflut im Parkett in den allermeisten Fällen bedenkliche Schlüsse auf die Qualität des Werkes zuläßt, das der Anlaß war — dieser Film ist gut, sehr gut, in gewissen Dingen sogar unübertrefflich und fast ohne Beispiel. Das Einzige, was man (nicht ganz mit Unrecht) gegen ihn oorgebracht hat, war dies, daß fein Name — „Der träumende Mund" — zwar sehr stimmungsvoll und romantisch klinge, aber eigentlich nicht ganz verständlich sei. Man mag auch über Einzelheiten des Drehbuches diskutieren... für und wider; alle Einwände erscheinen geringfügig und wenig belangvoll vor dem außerordentlichen Rang dieser Schauspielkunst und dieser Inszenierung. Der breite Erfolg des Films ist dennoch nicht ohne weiteres selbstverständlich, denn er ist eigentlich nicht für das sogenannte große Publikum gemacht: ohne Sensationen greller und geräuschvoller Art, ohne aufdringliche, gefällige und schmeichelnde Effekte Vielmehr hat man es hier mit einem Kammerspiel ZU tun, wenn der Begriff auch einmal auf den Film angewendet werden darf, dem er sonst ziemlich fremd war. Eine Liebesgeschichte, ganz einfach; keineswegs neue Motive und Konflikte (nach einem französischen Stück von Bernstein). Viel Dialog, viel Psychologie, Stimmung, Musik, Nuance, Doppeldeutigkeit und untergründige Wirkung der Szene: das sind die Elemente des Drehbuches, die vom Regisseur Paul Cz inner mit einer ungemein ?n Feinfühligkeit, behutsam, kultiviert und mit virtuoser Beherrschung aller Register erfaßt werden. Das Geigenmotiv, um auf eine Einzelheit hinzuweisen, zrinnert geradezu an die analytische Technik eines berühmt gewordenen expressionistischen Gemäldes. Die Traumszene, um etwas anderes herauszugreifen, ist einfach meisterhaft empfunden und photographiert, dergleichen sieht man im Film leider immer noch sehr selten, obwohl gerade hier die phantastischen und sonst nirgends erreichbaren Möglichkeiten der Kamera erstaunlich zutage treten. Und bann sieht man in diesem Film die zarte und zierliche Mäd- thengeftalt wieder, unverwechselbar unter allen deutschen Schauspielerinnen: sie hat vor ein paar Tagen in London ihren Regisseur geheiratet und sie heißt jetzt mit ihrem bürgerlichen Nomen Frau Czinner; aber sie ist doch immer noch Elisabeth Bergner, und man muß an ihren letzten Film „Ariane" denken, der diesem in manchen Zügen ähnelt. Wenn
man, sich erinnernd, vergleicht, gewinnt man den Eindruck, als habe man sie noch nie so vollkommen gesehen wie in dieser Rolle — kleine Frau zwischen zwei geliebten Männern — von so unerhörter Ausdruckskraft in jeder Bewegung, jeder Miene, in der unmittelbar sich mitteilenden, ganz unmißverständlichen Aeußerung leisester Seelenregung ... in der wunderbar mühelosen Beherrschung der ganzen, großen, unendlich differenzierten Tonskala zwischen Lachen und Weinen, zwischen vollkommener Glückseligkeit und schmerzlichster Verzweiflung. Abermals sieht man, wie in „Ariane", ihr gegenüber: Rudolf gor ft er, den Grandseigneur unter den deutschen Schauspielern, den „Großfürsten", elegant und vornehm, kühl und leidenschaftlich in einem, innerlich und äußerlich den vollkommenen Gegentyp des anderen oder vielmehr des „richtigen" Mannes, der von Anton Edthofer fast ebenbürtig gespielt wird: leicht, beweglich, von süddeutsch-österreichischem Temperament, liebenswürdig und ahnungslos — Jaro Fürth und Margarete Hruby fügen sich unaufdringlich und taktvoll ein. —r—
Mozart, Beethoven, Gchubert Zum bevorstehenden H.Symphonic-Konzert des Gießener Honzertvercins.
Unter den neun Symphonien Franz Schuberts haben vornehmlich die in Weltentrücktheit und Resignation gehüllte „Unvollendete" (tt-Moll) und die große C-Dur-Symphonie ihren Geltungswert behauptet. Daß beide erst nach dem Tode des Meisters zur Aufführung kamen, mochte teils in der Zufälligkeit ihres Schicksals, teils aber auch in dem mangelnden Verständnis, das man Schuberts Symphonik zu seinen Lebzeiten entgegenbrachte, begründet fein Als Schubert die L-Dur-Symphonie der Gesellschaft der Musikfreunde zur Ausführung in Wien einreichte, wurde sie als zu schwer und schwülstig abgelehnt. Schuberts symphonischer Stil war eben zu neuartig und durch die an den Werken der Klassiker, insbesondere Beethoovens, gewonnenen Maßstäbe nicht erfaßbar. Es hätte der ausgeprägten Persönlichkeit Schuberts widersprochen, wenn er den von Beethoven oorgezeichneten Wegen gefolgt wäre Sein wesentlich anders geartetes Menschentum mußte ihn in der Kunstform, die das Wesen des Schaffenden bis zur letzten Konsequenz enthüllt, zu einer neuen Organik des Formalen hin- führen.
Die Zielstrebigkeit der Beethovenschen Symphonie wurde mehr oder weniger durch eine leitende Idee bestimmt und in heißem, unermüdlichem Ringen
die innere Kongruenz von Form und Inhalt als letzter eindeutiger Ausdruckswert erreicht durch ein titanenhaftes Auswirken schöpferischen Willens.
Bei Schubert dagegen treten außermusikalische ^Intriebsträfte stark in den Hintergrund; sein von Stimmungen und Gefühlsaufwallungen erfülltes Inneres bricht sich unmittelbar Bahn und läßt im klanglichen Ausströmen das Erleben seine eigene Form gewinnen. So wird auch die letzte Auswirkung einer Schubertschen Symphonie im Durchleben des klanglichen Vorganges selbst beruhen und nur schwer durch Hineinbeziehen des Intellekts erfaßt werden können. Diese Unmittelbarkeit des Sich- Gebens wird genährt und gestützt durch eine nie versiegende, immer neu und frisch quellende Kraft der Erfindung, die durch ihre Fundierung im Innersten der Persönlichkeit sich nie erschöpft, sondern durch den Reichtum und die naturhafte Frische immer aufs neue den Hörer gewinnt.
Die Tonsprache Schuberts kennzeichnet ihn in seiner Musizierfreudigkeit und in seiner musikalischen Naturhaftigkeit als ein Kind Wiens, erfüllt von Klangseligkeit und Ungezwungenheit im Erschließen seines Jchs, frei von ungesunder Sentimentalität und gekünstelter Empfindsamkeit. Sein Or- chesterklang mag manchem stellenweise zu kräftig und zu realistisch erscheinen, aber die elementar- sinnliche Unmittelbarkeit des Klang-Erlebens ist ja gerade ein typischer Wesenszug seines Schaffens; ein erotisch-sinnlicher Klang, wie wir ihn etwa bei Wagner antreffen, ist ihm völlig fremd.
Die vornehmlich von einem Zuge selig-froher Lebensbejahung erfüllte C-Dur-Symphonie gewann so unter der Hand des Schaffenden einen fast ungewöhnlichen Umfang. Trotzdem wird der Hörer nie das Gefühl von Längen haben, die durch das innerlich bedingte Wiederholen von Klangepifoden etwa entstehen könnten; im Gegenteil, man wird Robert Schumann, der zehn Jahre nach dem Tode Schuberts die Symphonie bei dem Bruder Schuberts entdeckte und ihre Aufführung durch Felix Mendelssohn im März 1839 bewirkte, beipftich- ten müssen: „Und diese himmlische Länge der Symphonie; wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals enden kann und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen. Wie erlabt dieses Gefühl von Reichtum überall!"
Eine romantische Welt erschließt sich mit der von den Hörern geführten Einleitung, die mit klanglicher Erhebung zum Allegro hinübermündet, das in seinem Hauptthema Tatenfreude, im Seitenthema Beschaulichkeit widerspiegelt; das Eingangsthema gewinnt besondere gestaltende Kraft und schwingt sich zu klanglicher Glorie in der Coda auf. Eine Traum
welt voll Hoffnung und Resignation eröffnet sich im Andante. Sprühend in einer Mischung von Urwüchsigkeit und Anmut ist das Scherzo, dessen Trio von Wiens bodenständigem Geiste kündet. Im Finale tritt dem drängenden Kopfthema ein im Hochgefühl der Freude unerschöpfliches Gesangsthema gegenüber.
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Mozarts ^.-Dur-Konzert für Violine und Orchester fällt in die Salzburger Zeit; es ist ein Spiegelbild damaliger Gefellschaftsmusik, erfüllt mit Grazie und Esprit. Das Rein-Musikalische läßt Mozart nicht durch das Technische überwuchern; ja, es finden sich Züge persönlicher Durchbildung der Konzertform, wie etwa in dem Adagioeinsatz nach dem ersten Tutti des Kopfsatzes. Empsindungs- vott mit innerer Wärme gibt sich das Adagio, das Finale bezeichnet Mozart als „tempo di menuetto", damit gleichzeitig seinen geistigen Gehalt charakterisierend.
Die „F i d e l i o O u v e r t ü r e ist die vierte Einleitung zu Beethovens Leonoren-Drama; sie wurde zur zweiten Wiederaufnahme der Oper im Jahre 1814 nachkomponiert. Mögen die drei „Leonoren"-Ouoertüren auch in direkterem Zusammenhang mit der dramatischen Handlung fiepen, so würde man dennoch der „Fidekio"-Ouvertüre durchaus Unrecht tun, wenn man sie als eine traditionelle Dperneinleitunq hinstellen wollte (wie es allerdings oft geschieht). Da sie zeitlich viel später fällt als die Leonoren-Ouvertüren, muß man bei ihr die Wandlung der inneren Einstellung zur- Ouvertürenform bei Beethoven in der Zwischenzeit in Betracht ziehen. Er hat sich in den dazwischenliegenden Jahren immer mehr von der sogenannten dramatischen Ouvertüre entfernt unter möglichster Ausschal- tung von Handlungsreminiszenzen und sich immer deutlicher der tondichterischen Darstellung eines einheitlichen Grundgedankens zugewandt. Als solchen werden wir Leonorens große Hoffnungsarie, wohl den Kernpunkt der Oper, zweifellos ansehen müssen. Das Hornmotiv zu Beginn des Allegras der Arie schlägt die Brücke zu dem Kopfmotiv der Ouvertüre. Bon innerem Schauer erfüllt sind die Hörnerklänge der Adagio-Episode, die noch einmal, wenn auch thematisch erweitert, in der Coda wiederkehrt. Es ist sicher nicht ohne Absicht, daß Beethoven dem Horn als dem charakterisierenden Begleitinstrument in der großen Arie das Entschlußthema zu Beginn des Allegro anvertraut. Dieser mit Gegenstimmen gekoppelte Grundgedanke beherrscht die Entwicklung der ganzen Ouvertüre bis zum siegesgewissen Jubel der Coda. Dr. H.
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