Ein Lied vom Glück.
Vornan von Anny von panhuyel.
Nachdruck verboten!
Es dämmerte zeitig, obwohl es schon Frühling war; aber in der rauhen Oberlausitz kümmert sich der Lenz nicht um den Kalender, da zieht er immer erst spät ein. Die Wolken hingen dunkel und schwer am Himmel, verdüsterten das Landschaftsbild.
Die Abteile des Zuges, der von Dresden kam, waren schon erleuchtet. Zwei Damen saßen in einem der Wagen dritter Klasse. Sie hatten bisher wenig Notiz voneinander genommen; als es jetzt aber stark zu regnen anfing, seufzte die eine — sie war rotblond und zart —: „Welch abscheuliches Wetter!"
Die ihr Gegenübersitzende lächelte ein wenig.
„Regen ist aud)* schön. Besonders angenehm ist es, wenn man im molligen Zimmer sitzt und hört ihn draußen an die verschlossenen Läden klopfen ober aufs Dach. In der Stadt ist Regen oft unangenehm, aber auf dem Lande singt er eine andere Melodie, finde ich."
Die Rotblonde fragte: „Sie wohnen auf dem Lande?"
Die andere, unter deren Hütchen sich dunkelbraunes Gelock zeigte, hob den Blick. Ungewöhnlich große tiefblaue Augen hatte sie.
Sie beantwortete die Frage.
„Ich wurde auf dem Lande groß. Richtiger, in feiner kleinen Stadt. Aber das ist beinahe dasselbe."
Die Rotblonde sagte: „Ich war noch nie längere Zeit auf dem Lande." Sie zögerte ein wenig und setzte hinzu: „Ich fahre jetzt zu Bekannten auf ein Gut in der Oberlausitz."
Sie dachte, was ging es die Mitreisende an, daß sie auf dem Gut eine Stelle als Gesellschafterin antrat? Eigentlich hätte sie gar nichts zu sagen brauchen, aber die kleine Unwahrheit war ihr fast wider Willen entschlüpft.
Die Dunkelhaarige mit den feinen, doch unregelmäßigen Zügen nickt nur und blickte hinaus in die Landschaft, die so spukhaft verwischt vorbeizog. Dämmerung und Regen färbten alles grau in grau: die Häuser der kleinen Dörfer und den Wald, die Berge und Felder. Grau der Himmel, grau die Erde und grau, was da in unzählbaren Regen- schnllren die grauen Wolken mit der grauen Erde verband.
Beide gaben sich jetzt ihren Gedanken hin. Gedanken, die ganz verschieden voneinander waren. Die zwei vergaßen fast, daß sie sich schon ein wenig unterhalten hatten, sie schienen mit offenen Augen zu schlafen. Nur wenn der Bummelzug auf einer kleinen Station hielt, versuchten beide durch die vom Regen schon sehr angelaufenen Scheiben festzustellen, wie der Ort hieß. Einmal sahen beide
zufällig gleichzeitig auf ihre Uhr, tinb bann wurde die Rotblonde unruhig. Sie begann an ihrem Köfferchen herumzuhantieren. Ein wenig später beschäftigte sich die Dunkelhaarige mit ihrem ziemlich großen Koffer. Die Rotblonde dachte flüchtig: Wie dumm, daß sie vorhin gesagt hatte, sie führe zu den Bekannten auf ein Gut! Die Mitreisende schien auch auf der nächsten Station aussteigen zu wollen. Vielleicht verkehrte sie In Schloß Maltstein und würde dann natürlich bald erfahren, daß sie nur eine Gesellschafterin war.
Sie beruhigte sich jedoch gleich wieder. Wahrscheinlich hatte die andere keinerlei Beziehungen zu der Herrin von Maltstein, und man sah sich nie wieder.
Der Zug hielt. Die Rotblonde stieg zuerst aus. Sie grüßte beim Aussteigen flüchtig. Die Dunkelhaarige erwiderte den Gruß und folgte ihr sofort.
Sonst waren auf der Station nur ein paar Bauern ausgeftiegen. Sie beeilten sich, durch den Regen zu kommen und das Stationsgebäude zu erreichen. Auch die beiden jungen Damen liefen so schnell, wie sie konnten, um ein Dach über den Kopf zu bekommen. Sie standen dann plötzlich wieder nebeneinander und stutzten, als sie beide einen Brief aus der Tasche zogen, um ihn in betont auffallender Weise in die rechte Hand zu nehmen. Aber ehe sie noch dazu kamen, gegenseitig ihrem Erstaunen Ausdruck zu verleihen, stand ein Mann vor ihnen, dessen Figur ganz in einem Wettermantel untertauchte, dessen Umrisse darin verschwanden. Eine Schirmmütze bedeckte vollständig den Kopf.
Eine tiefe Stimme fragte kurz: „Da beide Damen sich mit einem Brief als Erkennungszeichen bewaffneten, bitte ich, mir zu sagen, welche von Ihnen die heute erwartete Gesellschafterin der Frau von Malten auf Schloß Maltstein ist, die ich abholen soll?"
Ein greller Blitz zuckte nieder, gab den Gesichtern etwas Lebloses, Starres. Ein Donnerschlag folgte, der sich in Knittern und Knattern löste. Es dauerte fast eine Minute, ehe die beiden Gefragten antworten konnten. Doch dann erfolgte die Antwort wie aus einem Munde: „Ich bin die erwartete Gesellschafterin!"
Beide sahen sich einander fragend an. Die vor ihnen stehende Männergeftalt schien sich zu verändern, das Gesicht auch. Es waren da mit einem Male weibliche Umrisse, und nun nahm eine schmale, feste Hand die Mütze ab, und die beiden Gesellschafterinnen erkannten, es war eine Frau, die vor ihnen stand, und nun kurz, fast befehlend sagte: „Begleiten Sie mich in den Warteraum, damit wir feststellen, welche von Ihnen ich nach Maltstein fahren muß."
Einander mit verwundert fragenden Blicken messend, folgten beide der im weiten Wettermantel von grobem Tuch Voranschreitenden.
Der Warteraum lag in matter Beleuchtung. Er enthielt nur ein paar Tische und Stühle. Der Wet
termantel flog Über eine Stuhllehne, und eine knabenschlanke große Dame, mit kräftiger Gesichtsfarbe und kühner Adlernase, wies auf ein paar Stühle. „Nehmen Sie Platz. Wir müssen sowieso mit der Fahrt warten; das Wetter ist zu höllisch geworden."
Im selben Augenblick zuckte ein Blitz nieder, der den kleinen Raum in unheimliche Helle riß. Jetzt saßen sie zu britt am Tisch. Erst als ber Donnerschlag verhallt war, begann bie Frau:
„Ich heiße Roberta DIbers unb bin bie Inspektorin von Gut Maltstein. Ich kam, um bie Gesellschafterin ber gnäbigen Frau abzuholen. Da Sie beide behaupten, es zu fein, bitte ich um Beweise."
Zwei Briefe wurden der hochgewachsenen Frau entgegengehalten. Sie nahm beide in Empfang, zog beide aus den Umschlägen und las den kurzen Inhalt beider. Sie murmelte etwas vor sich hin, was wie ein Fluch klang, und ihre schwarzen Augen musterten beide junge Damen. Sie mochte nur ein paar Jahre älter sein als die zwei, aber ihr scharf geschnittenes Gesicht ließ sie älter erscheinen, vielleicht lag es auch nur an ihren sicheren Bewegungen,^ihrer etwas befehlenden Sprechweise. Sie ent-
„Es bleibt nichts übrig, als Sie beide mit nach Maltstein zu nehmen. Dort mag Frau von Malten weiter bestimmen. Irgendein Irrtum muß schuld sein, daß statt einer Gesellschafterin gleich zwei Damen antreten." Sie brummte: „Nach meiner Ansicht ist eine schon überflüssig."
Sie hüstelte, wurde sich wohl erst jetzt ihrer Un- Höflichkeit bewußt.
Es blitzte unb bornierte weiter. Eine Reihe von Blitzen riß ben kleinen Wartesaal immer roieber in ein kaltes bläuliches Licht, unb bie Gesellschafterinnen fröstelten unb zitterten. Ihre hoffnungsvolle Fahrt in die Oberlausitz fing an, sich sehr unerfreulich zu gestalten.
Der Rotblonden fiel ein: sie hatte sich noch nicht Dorgeftellt. Sie lächelte ein wenig:
„Frau Inspektor, wie Sie aus dem an mich gerichteten Brief ersahen, heiße ich Olga Zabrow, Baronesse Zabrow, mit vollem Namen."
Die Dunkelhaarige sagte leise: „Sie lasen wohl, daß ich Marlene Werner heiße."
Dann herrschte wieder Schweigen. Nach einer Weile klopfte Roberta DIbers mit Öen Fingern der Rechten auf den Tisck.
„Eine blöde Geschichte ist das mit Ihnen beiden, aus der ich nicht klug werde." Auf ihrer sehr geraden Stirn, über der das glattanliegende, zurück- gebürftete Haar wie schwarze Seide glänzte, zeigte sich eine tiefe Falte. „Ich rate einer von Ihnen, freiwillig zurückzureifen. In einer halben Stunde ist ein Zug nach Dresden fällig. Ich glaube, die gnädige Frau rechnet nur mit dem Kommen Fräulein Werners."
Olga Zabrow zupfte spielerisch an ben rotgolbe- nen Löckchen über ihrem Ohr.
„Ich trete freiwillig nicht zurück. Ich bin schrkft» lich engagiert worben unb bestehe auf meinem Recht."
Zunächst antwortete ihr nur ein Achselzucken ber schlanken Inspektorin, aber nach einem Weilchen meinte sie lässig:
„Klammern Sie sich nicht zu fest an Ihr Recht. Es hanbelt sich ja sowieso nur um einen sehr vor- übergehenben Aufenthalt im Schloß. Bis jetzt sind alle Gesellschafterinnen balb roieber fortgegangen. Die gnäbige Frau ist tiefsinnig, der Sohn menschenscheu, und wenn Sie erst mal nachts die weiße Reiterin gesehen haben werden, vergeht Ihnen sicher der letzte Rest der Lebensfreude, die Sie mit nach Maltstein bringen."
„Ich fürchte mich weder vor der tiefsinnigen Dame, noch vor ihrem menschenscheuen Sohn", erwiderte in etwas trotzigem Ton Olga Zabrow unb setzte hinzu: „Wer aber ist bie weiße Reiterin?"
Marlene Werners Augen fragten auch.
Die Inspektorin verzog ein wenig ben Mund.
„Die weiße Reiterin ist ber Spuk von Schloß Maltstein."
Beide Mäbchen lachten unwillkürlich, aber ein Blitz ließ bas Lachen auf ihren Gesichtern ersterben, und ihre Hände zuckten nach den Ohren, als es jetzt mit solcher Gewalt donnerte, daß man meinte, im nächsten Augenblick müsse alles zusammenkrachen. Nachdem es wieder still geworden, sprach die Dritte am Tisch tief und betont:
--Ich suh die weiße Reiterin von Maltstein schon mehrmals, und andere sahen sie ebenfalls; auch Frau von Malten schreckte ber Spuk. Die weiße Reiterin ist eine Vorfahrin ber Familie von Malten. Ein schneeweißes Pferd war ihr Lieblingstier, als sie noch lebte, unb sie roar eine verwegene Reiterin. Sie starb auf einem ihrer wilden Ritte am Herzschlag, und seitdem/ es ist zweihundert Jahre her, sieht man sie zuweilen um das Schloß reiten. Sie trägt ein langes, weißes Reitkleid unb zeigt sich immer,* wenn der Familie Malten eine Gefahr- droht." Sie erhob sich brüsk. „Wir können hier nicht länger herumsitzen, unb bas Auto wirb ja auch burch dieses Wetter kommen."
Marlene Werner entfuhr es: „Ich bitte Sie, bei dem Gewitter können wir doch nicht fahren."
„Ich fahre jetzt fort", war die schroffe Erwiderung. „Ihnen steht es natürlich frei, hierzubleiben."
Marlene Werner dachte an ihre leere Börse unb baran, wie sehr sie sich gefreut, eine Stellung ge- funben zu haben. Sie rief überschnell: „Selbstverständlich werde ich mitfahren!"
Die schlanke Frau warf den Wettermantel wieder um, fetzte die Mütze auf und ging voran, dachte nicht daran, den beiden, die ihr folgten, etwas von ihrem Gepäck abzunehmen. Draußen, in dem kleinen Bahnhofsgebäude, befand sich niemand mehr. Schräggeaenüber roar eine Wirtschaft. Dorthin hatten sich die mit dem Zug angekommenen Fahrgäste geflüchtet. (Fortsetzung folgt.)
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