Ausgabe 
15.3.1933 Frühausgabe
 
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Die Hilfspolizei alsbelvaffnele Sireiikrast".

Frankreich beschwert sich über Verletzung der entmilitarisierten Zone.

Diplomatischer Schritt Frankreichs in Berlin.

Der Reichsautzenmmister verweist die die Beschwerde zurück.

Berlin. 14. März. (TU.) Amtlich wird initgc- teili:Der französische Botschafter Fran­cois Poncet hat am Dienstag den Reichsnnnislcr des Auswärtigen, Frei Herrn von Neurath aufgesucht, um im Auftrage der französischen Re­gierung wegen der Vorgänge in Kehl und dec Verwendung von Hilfspolizei in der entmilitarisierten Zone unter Hinweis auf Artikel 43 des Versailler Vertrags B e - f ch w e r d e zu führen. Der Reichsaußenminifler hat diese Beschwerde als unbegründet zurück­gewiesen. Weder die Vorgänge in Kehl noch die Verwendung von Hilfspolizei falle unter die Bestim­mungen des Versailler Vertrages über die entmili­tarisierte Zone. Die im übrigen nur während 36 Stunden in der Poliz e i kaserne in Kehl untergebracht gewesene S A.- TN a n n s ch a f t. von der höchstens jeder zehnte Wann mit einem Jagdgewehr oder Revolver aus­gerüstet gewesen sei. noch die Hilfspolizei könnten als bewaffnete Streitkräfte angesehen werden. 3m übrigen handele es sich hierbei u m i n n e r p o l i t i s ch e Maßnahmen, die der Aufrechterhaltung der gefährdeten Ruhe und Sicher­heit dienten."

Ruhige Auffassung in England

London. 14. März. (TU.) Heber die Ereignisse in der entmilitarisierten Zone, wo S A.- T r u p p s d i e 23 ü r g e r m e i ft c r eingesetzt hatten, sind beim englischen Außenministerium nunmehr infor­matorische Aufklärungen eingegangen, auf Grund

deren die englischen Stellen die Vorgänge jetzt i n einem etwas anderen Licht beurteilen. Es wird anerkannt, daß die Besitzergreifung dxr Macht in den verschiedenen Städten wie Köln, Speyer, Kehl usw. durch die SA. eine innere Ange­legenheit Deutschlands ist, und daß eine vorsätzliche Verletzung von Verträgen durch die deutsche Negierung nicht beabsichtigt roar Immer­hin bestehe noch die Möglichkeit einer technischen Verletzung der Vertragsabmachungen.

Die Auffassung, daß die englische Regierung einUltimatum" Frankreichs an Deutschland nicht ungünstig aufnehmen werde, in dem eine Wiederbesehung von de ur­schen Gebieten durch französische Truppen im Falle der Richtzurückziehung der nationalsoziali­stischen Sturmtruppen angedroht werden sollte sl!), entspricht keinesfalls den englischen An­sichten. Die englische Politik geht vielmehr auf eine baldige völlige Bereinigung der Angelegenheit und weist im übrigen darauf hin, daß auf Grund der Vertragsabmachungen ein­seitige Schritte unzulässig sind und etwaige Kla­gen zunächst beim Bölkerbundsrat vorgebracht werden müssen. Gs wird aber nochmals betont, daß eine Verlautbarung über die außenpolitischen Ziele der neuen deutschen Regierung wohltuend auf die europäische Atmosphäre wirken könnte.Daily Telegraph" führt aus, daß man den Vorgängen im Rheinland und Danzig viel zu wenig Bedeutung beigelegt habe. Es habe dies aber gezeigt, wie stark die Besorgnisse in Europa seien. Es bestehe die moralische Rotwendigkeit einer Zusammenkunft zwi­schen Macdonald und Mussolini, die in ihrer Eigenschaft a l s Garanten des Lvcarnovertrages einen entscheidenden Einfluß auf die internationale Atmosphäre aus- üben sollten.Daily Expreß" hält diese Zu­sammenkunft ebenfalls für wichtig, um Frankreich über die Möglichkeit einer italienisch-deutschen Vereinbarung zu beruhigen.

Oer Landrat des Kreises Wetzlar beurlaubt.

WER. Wetzlar, 14. März. Der seit 1929 amtierende Landrat des Kreises Wetzlar, Konrad Miß, ist vom preußischen Innenminister be­urlaubt worden. Mit seiner Vertretung wurde Regierungsassessor Dr. E n g f e r beauftragt. Lanorat Miß war seinerzeit an die Stelle des Landrats Geheimrat Dr. Sartorius getreten. Seine Wahl stieß auf heftigen Widerstand der bürgerlichen Fraktionen des Kreistags^ die ihn in einer Kreistagssitzung demonstrativ ablehnten. Trotzdem wurde Miß vom damaligen Innenmini­ster Severing bestätigt. Miß war gelernter Mül­ler .ging bann zur Handelsmarine und schloß sich der gewerkschaftlichen Bewegung an. Er war Se­kretär in Flensburg, dann in Köln Dezirkssekretär der SPD. des Aheinlandes.

Erne halbe Million Stadtbürgschast für das Kieler Gewerkschastshaus.

Kiel, 14. März. (TU.) Wie das Presseamt der Stadt Kiel mitteilt, wurde bei der Sichtung des i n den Amtszimmern der entlassenen sozialdemokratischen Stadträte vorge­fundenen Materials festgestellt, daß die Stadt Kiel für das Gewerkschaftshaus eine Bürg­schaft in Höhe von 500000 Mark über­nommen hat.

Eine kommunistische Zahnengruppe verbrennt ihre Zahne.

Berlin, 14. März. (ERB.) 3n Berlin- chen (Renmark) hatte sich auf dem Marktplatz die frühere kommunistische Fahnen- gruppe mit ihrer zusammengerollten, gesenkten Fahne vor der Front der SA., SS. und

Gießener Stavttheater.

Bruno Frank:Nina".

Bruno Frank, aus Stuttgart gebürtig, bitte nicht zu verwechseln mit Leonhard Frank aus Würzburg und dem Mecklenburger Hans Franck, ist hier schon früher mit feinen Stücken Zwölf tausend",Perlenkomödie",Sturm im Wasserglas" zu Wort gekommen und auch mit Gedichten, Novellenbänden und dem aben­teuerlichen Lebensroman von Trenck, dem Günst­ling und nachmaligen Gefangenen Friedrichs des Großen, in der Literatur bekannt geworden.

Rina", uraufgeführt 1931 am Dresdener Staatstheater, ist eine Geschichte vom Film und übrigens einer sehr bekannten Berliner Schau­spielerin auf den Leib geschrieben. Rina: das ift der. vor den Jupiterlampen im Atelier ge­borene, lebendig gewordene Erfolg, die Inkar­nation des Ruhmes, strahlender Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit und internationale Popularität.

Rina ist schon geradezu ein Begriff und also wiederum so unpersönlich geworden, daß er mühe­los gespalten und in seine Bestandteile zer­legt werden kann. Es stellt sich heraus, daß Rina etwas Doppeltes ist: die große Schau- spielerin nämlich und ein kleines anonymes Girl aus der Statisterie. Der Star und sein Double. Das Double ist in der Praxis geschlechtslos, obwohl es natürlich männliche und weibliche gibt. Das männliche springt meinetwegen für Harry Piel mit einem Fallschirm ins Wasser oder vom Fabrikschlot auf ein Flugzeug: das weibliche dient beispielsweise zur Entlastung für Marlene Dietrich, in diesem Falle für Rina Gallas. Es darf sich für ein paar unwichtige Rückenanfichtendie Deine in den Bauch stehn" und heißt eigentlich Trude Mielitz.

Das Stück hat also eine Doppelhandlung: es zeigt nebeneinander: den Abstieg des Stars vom Grpfel des Ruhms ... ins Privatleben: und den Aufstieg des Doubles aus den finstersten Atelierwinkeln, aus den Machtbezirken des klei­nen Hilfsregisseurs auf den Gipfel des Ruhms. Am Schnittpunkt dieser auf- und absteigenden Daseinskurven ergeben sich interessante Einblicke sowohl in die Psychologie als auch in die Welt des Films. (Daß dabei sachlich etliche Einwände und dramaturgisch einige Hilfskonstruktionen schwer zu umgehen sind, fallt angesichts der amüsanten, lustspielhaften und manchmal ganz

des Stahlhelms aufgestellt, woraus der Stahlhelmführer eine Ansprache hielt, in der er seine Freude darüber aussprach, daß die ver­führten Landsleute den kommunistischen Irrsinn eingesehen hätten und wieder in die Ge­meinschaft deutscher Menschen aus­genommen werden wollten. Die Kommunisten entrollten hierauf ihre rote Fahne, tränkten sie mit Spiritus und zündeten sie an, worauf das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied gemeinsam gesungen wurden. Diesem symbolischen Vorgang wohnten fast die gesamten Bewohner der Stadt bei.

Oer Reichsiagsbraridstister nicht ohne Mittäter.

Berlin, 14.März. (WTD.-Funkspruch.) Die Iustizpresfestelle teilt mit: In verschiedenen Zei­tungen wird die Rachricht verbreitet, daß van der Lübbe das Feuer im Reichstag allein angezündet habe. Das trifft nicht zu. Die Er­mittelungen des Pintersuchungsrichters beim Reichsgericht haben zuverlässige Anhaltspunkte dafür ergeben, daß van der Lübbe die Tat nicht aus eigenem Antriebe begangen hat. Zur Zeit können Einzelheiten im Interesse der Unter- suchung nicht mitgc^eilt werden.

90000 Mann werden bei Reichsbahn- arbeiten neu eingestellt.

Berlin, 14.März. (WTD.-Funkspruch.) Pin- mittelbar mit Beginn des Frühjahrs hat die Reichsbahn ihre Oberbau-Erneuerung s- und Plnterhaltungsarbeiten im vollen Umfange aufgenommen. Die Reichsbahn hat hier­für die Einstellung von etwa 7 00 00 Z e i t a r b e i t e r n angeordnet. Diese Arbeiter werden bis in die Herbstmonate hinein bei den

nachdenklichen Handlung nicht übermäßig ins Gewicht.)

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Die Anregung ist verblüffend: die für die Öf­fentlichkeit zum Schein geschaffene Identität von Star und Double wirkt mit ihrer Imaginations­kraft bis ins Privatleben hinein. Rinas Gatte hält das zufällig in der Wohnung anwesende Double (von hinten gesehen) wahrhaftig für seine Frau. Und da er seine Frau liebt und längst aus ihre Popularität eifersüchtig ist, und weil er außerdem nicht nur der Mann seiner Frau, der Prinzgemahl einer verwöhnten Diva ist, und da endlich diese große Schauspielerin ihren Mann ebenso liebt (mehr als ihren Beruf und ihren Ruhm) liegt es für beide nahe, sich in eine stille Häuslichkeit an die Isar zurückzu­ziehen. Um Skandal, Kontraktbruch und Kon­ventionalstrafe zu vermeiden, setzt Rina das Double an ihre Stelle: diese armselige kleine Trude, die vom Hilfsregisseur in der Hitze des Ateliers eineGewitterziege" genannt worden ist. die dem Kerl dafür eine runtergehauen hat und hinausgeschmissen worden ist: diese Trude wird Rina, wird ein Star, ein Begriff, nimmt den von Rina abgelehnten Heiratsantrag des Regisseurs an, spielt ihre ganz große Rolle, kommt nach rauschendem Erfolg aus Hollywood zurück, wo sie nun selber ein Double hat, be­sucht die richtige Rina im Münchener Privat­leben und schreibt dem Hausmädchen den schönen Spruch vom höchsten Glück der Erdenkinder ins Stammbuch.

Eine Paraderolle für Edith Berger. Komö­diantischer Wettlauf mit dem Schatten: amüsante theatralische Doppelgängerei: sie ist abwechselnd Rina und Trude . .. oder Rina in dreifacher Maske und Gestalt. Die echte Rina: mehr Frau als Schauspielerin, ohne Launen, ganz beherrscht von Liebe und Zärtlichkeit für den Gemahl und von Sehnsucht nach Ruhe, Privatleben, Glück. Das Double: Häufchen Unglück, soziale Anklage, ordinäre Schnoddrigkeit, losheulende Angst um Stellung undFamilie": bis die Verkündung eines märchenhaften Wunders im Handumdrehen aus dem Häufchen Unglück und armen Luder eine gefährlich auftrumpfendeArrivierte" macht. Zu­letzt hat sie's geschafft: Rina aus Hollywood, große Rümmer, aufgedonnert, kauderwelschend, Talmi von oben bis unten.

Den Ehemann spielte Hauer: tüchtiger Kerl mit gesundem Gefühl; immer etwas bubenhaft

»Bahnunterhaltungstrupps der Reichs­bahn beschäftigt werden. Darüber hinaus werden die Privatunternehmer, die von der Reichsbahn zu Oberbauarbeiten herangezogen werden, in die Lage versetzt, über 20000 Arbeiter hierfür einju ft eilen. I>rs- gefamt finden also durch diese Oberbauarbeiten der Reichsbahn etwa 90 000 Köpfe vom Früh­jahr bis Herbst Arbeit und Brot. Mit den Reueinstellungen ist bereits begonnen worden.

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3m Zusammenhang mit der Reueinstellung bei der Reichsbahn stellt derVölkische Beobachter" fest, daß die Verhandlungen über ein groß­zügiges Arbeitsbesch affungspro- g r a m m bei den maßgebenden Stellen in letzter Zeit lebhaft weitergeführt worden sind. Wie verlautet, soll voraussichtlich die von der Reichsbank als Kredit in Aussicht genommene Summe für das Arbeitsbeschaffungsprogramm, wie es in dem Programm ursprünglich vorgesehen war, auf etwa zwei Milliarden er­höht werden.

Oie Biervorlage vomRepräseniarrten- hause angenommen.

Washington, 14. März. (TU.) Das Repräsen­tantenhaus hat die Bieroorlagc angenommen. Die Vorlage sieht den Au s s ch a n k v o n B i e r und ähnlichen alkoholischen Getränken mit einem Alkohol­gehalt bis zu 3,2 Gewichtsprozent vor, ferner eine Bundessteuer in Höhe von 5 Dollar je Faß. Weiter wird bestimmt, daß die einzelnen Bundesstaaten die Vertriebart regeln. Biersendungen nach trockenen Staaten sind verboten. Zu­widerhandlungen werden Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr und 1000 Dollar Geldstrafe geahndet. Die Vorlage erhält 15 Tage nach ihrer Unterzeich­nung durch den Präsidenten Gesetzeskraft.

Reue amerikanische Botschafter.

Washington, 13. März. (ERB.) (Eigene Meldung.) Die heute ernannten drei amerikani­schen Botschafter für London., Paris und Mexiko, die Herren Bingham, Straus und Daniels, haben alle drei, besonders jedoch Straus, der Ehef des großen Reuyorker Waren­hauses Mach and Co., beträchtlich zumWahl- kampagne-Fonds der Demokraten b e i ge ft cuert, und es ist hier üblich, großzü­gige Wahlhilfe durch Betrauung mit einem diplo­matischen Posten zu belohnen. Auch 3ames Ger­ard, der bis zum Beginn des Weltkrieges Bot­schafter in Berlin war, hat eine größere Summe gestiftet und bewirbt sich um einen Posten, aller­dings nicht um denjenigen in Berlin.

Kleine politische Nachrichten.

Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Rassau hat denNassauer Bote n in Limburg und pte in Marburg erscheinende ZeitungHessi­sches Tageblatt" bis einschließlich 17. März 1933 verboten, weil derRassauer Bote" in einem Artikel den Reichsminister Göring be­schimpft und böswillig verächtlich gemacht hat und dasHessische Tageblatt" in einem Artikel bie Reichsregierung beschimpft und verächtlich gemacht hat.

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Das Erscheinen der DruckschriftDie Welt­buhne", ist mit sofortiger Wirkung bis 13. Sep­tember 1933 einschließlich verboten worden.

Der Republikanische Richterbund hat seine Auslosung beschlossen und durchgeführt.

Der Dresdner Oberbürgermeister Dr. Külz ist seines Amtes enthoben worden.

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Professor Dr. A. V. K n a ck, der ärztliche Direktor des Hamburger Krankenhauses Barm- b e ck. ist mit Wirkung ab Montag, 13. März, b e > urlaubt worden.

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Der deutsche Botschafter in Washington von P r i t t w i tz hat um Enthebung von seinem Posten gebeten.

trotzig: ironisch und ernsthaft: sympathisch noch in seiner Inkonsequenz.

Hcyser gab den Regisseur Hyrkan als den eigentlichen Gegenspieler der Rina: ein explo­sives Temperament, zapplig vor Rervosität, deut­lich bis zur Grobheit: es ist nicht ganz leicht, an eine älmkrempelung dieses robusten Typus zu glauben, wie sie der Schlußakt verlangt.

Ein paar ergötzlich ausgetüftelte Chargen: Fräulein W i e I a n ö e r als Sekretärin, an eine frühere Rolle bei Shaw erinnernd; Herr Volck als gemütlicher Münchener Grundstücksmakler: Frau Walt her-Leder er als Zofe Charlotte.

Das Ganze von Hey ser geschickt und witzig infzeniert. Die reichen theatralischen Möglichkeiten wurden genießerisch (gegen Ende des Mittel­aktes etwas zu ausführlich) ausgeschöpft. Auch der anderwärts merklich abgefallene Schlußakt verfügte noch über Spannung und heitere Poin­ten. Von den Dekorationen (Löffler) verdient der elegante 3nnenrauin der beiden ersten Akte besondere Hervorhebung.

Das Publikum ging angeregt und unbeschwert mit; starker Applaus. hth.

Oer Neffe als Onkel.

Der Reffe erhielt die traurige Nachricht, daß fein guter alter Onkel gestorben fei. Traurig war der Neffe hauptsächlich deshalb, weil der Ver­blichene kein Erbonkel war, sondern ein armer alter Mann, der von 46 Mark monatlicher 3n- validenrente sein Dasein fristete und ansonsten nichts hinterließ als kümmerlichen Hausrat, Hose, Mantel und Hut. So ging der Neffe in das Heim des Verstorbenen, um den Nachlaß zu ordnen und das Erbe anzutreten. Neben den Ausweispapieren des Verstorbenen fand er einen Stapel von Ren­tenzetteln, die der Onkel sorgfältig aufbewahrt hatte. Nun, dachte der Neffe, diese Erbschaft ist immerhin etwas wert. Er führte denselben Vor- und Vatersnamen wie fein Onkel, und die Glatze des Onkels ist ohnehin Erbgut für die männlichen Angehörigen der Familie. So verwandelte sich der Nesse in seinen verstorbenen Onkel, zog des­sen alte Hose an, ließ sich beim Friseur die Haare scheren, kaufte sich einen langen weißen Bart, wie ihn der Selige trug, und ging mit zitternden Schritten und alterskrummem Rücken zum Post­amt, um dort die Rente abzuholen. Der Beamte am Schalter erkannte die Maske nicht, er sah nur die Glatze des Alten aufleuchten, prüfte die Ausweispapiere und zahlte das Geld aus. Das

ging lange Zeit so, sieben Monate hindurch bekam der Neffe regelmäßig die Rente des verstorbenen Onkels im Betrage von 46 Mark ausbezahlt. 3m- mer schlürfte er am Ultimo als müder Greis und bettelarm zum Postamt, um es quicklebendig mit 46 Mark in der Tasche zu verlassen. Mit 46 Mark spielte er den Kavalier und hatte eine Freundin, die, als die Liebe zu Bruch ging, die Geschichte an die Polizei verriet. Da der Nesse schon vor­bestraft war, muß er jetzt wegen Betruges und Urkundenfälschung auf fünfzehn Monate ins Ge­fängnis.

Aus aller Well.

Das Präsidium des ADAC, beim Reichskanzler.

Wie der ADAC, mitteilt, hat Reichskanzler Adolf Hitler den ADAC.-Präsidenten Fülle, den Sportpräsidenten Kroth und den Vize­präsidenten F i I f e r zu einer längeren Unter-- rebung empfangen. Reichskanzler Hitler, der s e i t 3ahrenMitglied des ADAC, ist, gab zu erkennen, daß er die Entwicklung des deutschen Kraftfahrwesens und des deutschen Kraftfahrspor- tes mit größter Aufmerksamkeit ver­so l g t hat und in Anbetracht der Wichtigkeit und Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges alles tun toill, um ihn zu neuer Blüte zu bringen. Hier­zu müsse es aber auch eine selbstverständ­lich e P f l i ch t eines jeden Deutschen sein, deut­sche Fabrikate zu,fahren.

Bankier Hintzes Verteidiger legt sein Mandat nieder.

Am zweiten Tag des P/ozesses gegen den Bankier Wilhelm Hintze in Berlin wurde die Beweisauf­nahme mit der Zeugenvernehmung unter unvermindert starkem Andrang des Publikums fort­gesetzt. Die Schwester der Kammersängerin, Therese Bindernagel, schilderte Frau Bindernagels erste Ehe als sehr glücklich, bis Hintze in das Leben .ihrer Schwester getreten sei. Auf sie, die Zeugin, habe Hintze gleich bei der ersten Begegnung einen ganz abstoßenden Eindruck gemacht.

Als Hintzes Verteidiger, Rechtsanwalt Bahn, während der Verhandlung mit zwei Journalisten sprach, wurden diese von dem Vorsitzenden, Land­gerichtsdirektor Dr. Truppner, befragt, was sie mit dem Anwalt besprochen hätten. Rach Protest­rufen des Verteidigers erklärte der Vorsitzende, daß er den Argwohn einer unzulässigen Fühlungnahme zwischen Verteidiger und Journalisten gehabt habe. ^Hierauf verlangte der Verteidiger eine formelle Ent­schuldigung des Vorsitzenden, da das Verhalten des Vorsitzenden eine Beleidigung des Anwaltsstnndes darstelle. Der Vorsitzende entzog dem Verteidiger das Wort und erklärte, daß er keine Veranlassung ZU einer Entschuldigung habe. Richt er habe den An­waltsstand beleidigt, sondern der Verteidiger habe sich durch fein Verhalten einer Beleidigung schuldig gemacht. Rechtsanwalt Bahn legte darauf die Verteidigung nieder. Dem Bankier Hintze soll nun zur nächsten Sitzung ein Offizialverteidiger gestellt werden.

Großer Bücherdiebstahl im Göttinger Mathematischen Institut.

Das Mathematische Institut der llniversität Göt­tingen hat festgestellt, daß aus der Bibliothek, die eine der wertvollsten mathematischen Bibliotheken der Welt ist, seit Weihnachten v. I. etwa 2 0 0 sehr wertvolle Werke gestohlen worden sind. Das Institut übt, wie hierzu bemerkt wird, über seine Bibliothek eine sehr scharfe Kontrolle aus. Wenn es trotzdem gelungen ist, den Diebstahl auszuführen, so kann das nur möglich gewesen sein, wenn die Bände, einzeln durch die Kontrolle geschmuggelt wurden.' Ein Einbruchsdiebstahl liegt nicht vor. Die Auswahl der gestohlenen Bände ist sehr sachkundig getroffen.

Theaterbrand in einer mexikanischen Stadt.

41 Tote. 60 verletzte.

3ni Theater der Stadt Ahualnlco in Mexiko brach ein Brand aus, der sich so rasch ver­breitete, daß eine große Anzahl von Personen nicht mehr in Sicherheit gebracht werden konnte. Die Zahl der Todesopfer beträgt 41. Die meisten Toten wurden in den Korridoren ge­funden. Biele Besucher waren im Gedränge zu Boden gestürzt, und der Strom der Flüchtenden ging über sie hinweg. Ungefähr 60 Personen wurden verletzt.

Eisenbahnunglück in Algerien.

Bei offener Eisenbahnschranke stieß ein Lastkraft­wagen unweit einer kleinen Station im östlichen Algerien mit einem Güterzug zusammen. Fünf Eisenbahnwagen, die eine Ladung Benzin mit sich führten, entgleisten und fingen Feuer. Der Brand griff auf die übrigen Wagen über, in denen Vieh transportiert wurde. Von dem Zugbegleitungs­personal und den Insassen des Kraftwagens wurden insgesamt sieben Personen verletzt. Zwei Per­sonen werden vermißt. Man befürchtet, daß sie ver­brannt sind.

DieHimmelsschnst" der Chinesen.

Wie die übrigen ältesten Kulturvölker haben auch die Chinesen schon sehr früh eine reiche Kennt­nis des gestirnten Himmels besessen, und dieser andächtige Blick in die Höhe hat ihr ganzes Den­ken aufs Tiefste beeinflußt. Da ist es nicht verwun­derlich, daß ihr Himmelsbild sich auch in ihrer Schrift ausprägt, wie P. 3. Becker in der bei Hugo Bermühler in Berlin erscheinenden Monats­schriftDer Naturforscher" näher ausführt. Die chinesische Schrift stellt in ihrer ursprünglichsten Form, ähnlich wie die Keilschrift der Aegypter, Gegenstände und Dinge der alltäglichen .Umgebung dar, um sie auf diese Weise zu bezeichnen, aber bei der Wiedergabe der Begriffe werden die Formen und Vorgänge des Himmels verwendet. Sonne und Mond spielen eine große Rolle in den Schei­ben- und Sichelformen, die so vielfach in den Schriftzeichen auftreten. Für die meisten begriff­lichen Bezeichnungen sind solchehimmlischen" Zeichen benutzt. Das entspricht dem Weltbild der Söhne der Mitte, die im Polarstern den herr­schenden Gott sahen, dem auf Erden der Kaiser, derSohn des Himmels", gleichgestellt wurde. 3ndem der Herrscher zum Vertreter des Polar­sternes, der Himmelsmitte, wurde, erhielt China seine Bedeutung als Mittelpunkt der Erde und des Weltalls, alsReich der Mitte". Wie das höchste Wesen am Himmel, so hat der Kaiser auf Erden Ordnung zu schaffen, und wie der Polar­stern vom Norden aus den Himmel regiert, so muh der herrschende Himmelssohn nach Süden schauen. Infolgedessen müssen die Amtsgebäude und die Hauptseiten der kaiserlichen Schlösser nach Süden gerichtet fein. Auch im Privatleben muß her Hausherr als der Befehlende immer nach Süden sehen, während der Untergebene nach Nor­den schaut. Diese Bedeutung der Himmelsgegen­den und der am Himmel sich darbietenden Bilder spiegelt sich in unendlich vielen Einzelheiten in der chinesischen Schrift.

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Der Jahresbericht ner Tierschutzoerein-

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