Die Hilfspolizei als „belvaffnele Sireiikrast".
Frankreich beschwert sich über Verletzung der entmilitarisierten Zone.
Diplomatischer Schritt Frankreichs in Berlin.
Der Reichsautzenmmister verweist die die Beschwerde zurück.
Berlin. 14. März. (TU.) Amtlich wird initgc- teili: „Der französische Botschafter Francois Poncet hat am Dienstag den Reichsnnnislcr des Auswärtigen, Frei Herrn von Neurath aufgesucht, um im Auftrage der französischen Regierung wegen der Vorgänge in Kehl und dec Verwendung von Hilfspolizei in der entmilitarisierten Zone unter Hinweis auf Artikel 43 des Versailler Vertrags B e - f ch w e r d e zu führen. Der Reichsaußenminifler hat diese Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen. Weder die Vorgänge in Kehl noch die Verwendung von Hilfspolizei falle unter die Bestimmungen des Versailler Vertrages über die entmilitarisierte Zone. Die im übrigen nur während 36 Stunden in der Poliz e i kaserne in Kehl untergebracht gewesene S A.- TN a n n s ch a f t. von der höchstens jeder zehnte Wann mit einem Jagdgewehr oder Revolver ausgerüstet gewesen sei. noch die Hilfspolizei könnten als bewaffnete Streitkräfte angesehen werden. 3m übrigen handele es sich hierbei u m i n n e r p o l i t i s ch e Maßnahmen, die der Aufrechterhaltung der gefährdeten Ruhe und Sicherheit dienten."
Ruhige Auffassung in England
London. 14. März. (TU.) Heber die Ereignisse in der entmilitarisierten Zone, wo S A.- T r u p p s d i e 23 ü r g e r m e i ft c r eingesetzt hatten, sind beim englischen Außenministerium nunmehr informatorische Aufklärungen eingegangen, auf Grund
deren die englischen Stellen die Vorgänge jetzt i n einem etwas anderen Licht beurteilen. Es wird anerkannt, daß die Besitzergreifung dxr Macht in den verschiedenen Städten wie Köln, Speyer, Kehl usw. durch die SA. eine innere Angelegenheit Deutschlands ist, und daß eine vorsätzliche Verletzung von Verträgen durch die deutsche Negierung nicht beabsichtigt roar Immerhin bestehe noch die Möglichkeit einer technischen Verletzung der Vertragsabmachungen.
Die Auffassung, daß die englische Regierung ein „Ultimatum" Frankreichs an Deutschland nicht ungünstig aufnehmen werde, in dem eine Wiederbesehung von de urschen Gebieten durch französische Truppen im Falle der Richtzurückziehung der nationalsozialistischen Sturmtruppen angedroht werden sollte sl!), entspricht keinesfalls den englischen Ansichten. Die englische Politik geht vielmehr auf eine baldige völlige Bereinigung der Angelegenheit und weist im übrigen darauf hin, daß auf Grund der Vertragsabmachungen einseitige Schritte unzulässig sind und etwaige Klagen zunächst beim Bölkerbundsrat vorgebracht werden müssen. Gs wird aber nochmals betont, daß eine Verlautbarung über die außenpolitischen Ziele der neuen deutschen Regierung wohltuend auf die europäische Atmosphäre wirken könnte. „Daily Telegraph" führt aus, daß man den Vorgängen im Rheinland und Danzig viel zu wenig Bedeutung beigelegt habe. Es habe dies aber gezeigt, wie stark die Besorgnisse in Europa seien. Es bestehe die moralische Rotwendigkeit einer Zusammenkunft zwischen Macdonald und Mussolini, die in ihrer Eigenschaft a l s Garanten des Lvcarnovertrages einen entscheidenden Einfluß auf die internationale Atmosphäre aus- üben sollten. „Daily Expreß" hält diese Zusammenkunft ebenfalls für wichtig, um Frankreich über die Möglichkeit einer italienisch-deutschen Vereinbarung zu beruhigen.
Oer Landrat des Kreises Wetzlar beurlaubt.
WER. Wetzlar, 14. März. Der seit 1929 amtierende Landrat des Kreises Wetzlar, Konrad Miß, ist vom preußischen Innenminister beurlaubt worden. Mit seiner Vertretung wurde Regierungsassessor Dr. E n g f e r beauftragt. Lanorat Miß war seinerzeit an die Stelle des Landrats Geheimrat Dr. Sartorius getreten. Seine Wahl stieß auf heftigen Widerstand der bürgerlichen Fraktionen des Kreistags^ die ihn in einer Kreistagssitzung demonstrativ ablehnten. Trotzdem wurde Miß vom damaligen Innenminister Severing bestätigt. Miß war gelernter Müller .ging bann zur Handelsmarine und schloß sich der gewerkschaftlichen Bewegung an. Er war Sekretär in Flensburg, dann in Köln Dezirkssekretär der SPD. des Aheinlandes.
Erne halbe Million Stadtbürgschast für das Kieler Gewerkschastshaus.
Kiel, 14. März. (TU.) Wie das Presseamt der Stadt Kiel mitteilt, wurde bei der Sichtung des i n den Amtszimmern der entlassenen sozialdemokratischen Stadträte vorgefundenen Materials festgestellt, daß die Stadt Kiel für das Gewerkschaftshaus eine Bürgschaft in Höhe von 500000 Mark übernommen hat.
Eine kommunistische Zahnengruppe verbrennt ihre Zahne.
Berlin, 14. März. (ERB.) 3n Berlin- chen (Renmark) hatte sich auf dem Marktplatz die frühere kommunistische Fahnen- gruppe mit ihrer zusammengerollten, gesenkten Fahne vor der Front der SA., SS. und
Gießener Stavttheater.
Bruno Frank: „Nina".
Bruno Frank, aus Stuttgart gebürtig, bitte nicht zu verwechseln mit Leonhard Frank aus Würzburg und dem Mecklenburger Hans Franck, ist hier schon früher mit feinen Stücken — „Zwölf tausend", „Perlenkomödie", „Sturm im Wasserglas" — zu Wort gekommen und auch mit Gedichten, Novellenbänden und dem abenteuerlichen Lebensroman von Trenck, dem Günstling und nachmaligen Gefangenen Friedrichs des Großen, in der Literatur bekannt geworden.
„Rina", uraufgeführt 1931 am Dresdener Staatstheater, ist eine Geschichte vom Film und übrigens einer sehr bekannten Berliner Schauspielerin auf den Leib geschrieben. Rina —: das ift der. vor den Jupiterlampen im Atelier geborene, lebendig gewordene Erfolg, die Inkarnation des Ruhmes, strahlender Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit und internationale Popularität.
Rina ist schon geradezu ein Begriff und also wiederum so unpersönlich geworden, daß er mühelos gespalten und in seine Bestandteile zerlegt werden kann. Es stellt sich heraus, daß Rina etwas Doppeltes ist: die große Schau- spielerin nämlich und ein kleines anonymes Girl aus der Statisterie. Der Star und sein Double. Das Double ist in der Praxis geschlechtslos, obwohl es natürlich männliche und weibliche gibt. Das männliche springt meinetwegen für Harry Piel mit einem Fallschirm ins Wasser oder vom Fabrikschlot auf ein Flugzeug: das weibliche dient beispielsweise zur Entlastung für Marlene Dietrich, — in diesem Falle für Rina Gallas. Es darf sich für ein paar unwichtige Rückenanfichten „die Deine in den Bauch stehn" und heißt eigentlich Trude Mielitz.
Das Stück hat also eine Doppelhandlung: es zeigt nebeneinander: den Abstieg des Stars vom Grpfel des Ruhms ... ins Privatleben: und den Aufstieg des Doubles aus den finstersten Atelierwinkeln, aus den Machtbezirken des kleinen Hilfsregisseurs auf den Gipfel des Ruhms. Am Schnittpunkt dieser auf- und absteigenden Daseinskurven ergeben sich interessante Einblicke sowohl in die Psychologie als auch in die Welt des Films. (Daß dabei sachlich etliche Einwände und dramaturgisch einige Hilfskonstruktionen schwer zu umgehen sind, fallt angesichts der amüsanten, lustspielhaften und manchmal ganz
des Stahlhelms aufgestellt, woraus der Stahlhelmführer eine Ansprache hielt, in der er seine Freude darüber aussprach, daß die verführten Landsleute den kommunistischen Irrsinn eingesehen hätten und wieder in die Gemeinschaft deutscher Menschen ausgenommen werden wollten. Die Kommunisten entrollten hierauf ihre rote Fahne, tränkten sie mit Spiritus und zündeten sie an, worauf das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied gemeinsam gesungen wurden. Diesem symbolischen Vorgang wohnten fast die gesamten Bewohner der Stadt bei.
Oer Reichsiagsbraridstister nicht ohne Mittäter.
Berlin, 14.März. (WTD.-Funkspruch.) Die Iustizpresfestelle teilt mit: In verschiedenen Zeitungen wird die Rachricht verbreitet, daß van der Lübbe das Feuer im Reichstag allein angezündet habe. Das trifft nicht zu. Die Ermittelungen des Pintersuchungsrichters beim Reichsgericht haben zuverlässige Anhaltspunkte dafür ergeben, daß van der Lübbe die Tat nicht aus eigenem Antriebe begangen hat. Zur Zeit können Einzelheiten im Interesse der Unter- suchung nicht mitgc^eilt werden.
90000 Mann werden bei Reichsbahn- arbeiten neu eingestellt.
Berlin, 14.März. (WTD.-Funkspruch.) Pin- mittelbar mit Beginn des Frühjahrs hat die Reichsbahn ihre Oberbau-Erneuerung s- und Plnterhaltungsarbeiten im vollen Umfange aufgenommen. Die Reichsbahn hat hierfür die Einstellung von etwa 7 00 00 Z e i t a r b e i t e r n angeordnet. Diese Arbeiter werden bis in die Herbstmonate hinein bei den
nachdenklichen Handlung nicht übermäßig ins Gewicht.)
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Die Anregung ist verblüffend: die für die Öffentlichkeit zum Schein geschaffene Identität von Star und Double wirkt mit ihrer Imaginationskraft bis ins Privatleben hinein. Rinas Gatte hält das zufällig in der Wohnung anwesende Double (von hinten gesehen) wahrhaftig für seine Frau. Und da er seine Frau liebt und längst aus ihre Popularität eifersüchtig ist, und weil er außerdem nicht nur der Mann seiner Frau, der Prinzgemahl einer verwöhnten Diva ist, und da endlich diese große Schauspielerin ihren Mann ebenso liebt (mehr als ihren Beruf und ihren Ruhm) — liegt es für beide nahe, sich in eine stille Häuslichkeit an die Isar zurückzuziehen. Um Skandal, Kontraktbruch und Konventionalstrafe zu vermeiden, setzt Rina das Double an ihre Stelle: diese armselige kleine Trude, die vom Hilfsregisseur in der Hitze des Ateliers eine „Gewitterziege" genannt worden ist. die dem Kerl dafür eine runtergehauen hat und hinausgeschmissen worden ist: diese Trude wird Rina, wird ein Star, ein Begriff, nimmt den von Rina abgelehnten Heiratsantrag des Regisseurs an, spielt ihre ganz große Rolle, kommt nach rauschendem Erfolg aus Hollywood zurück, wo sie nun selber ein Double hat, besucht die richtige Rina im Münchener Privatleben und schreibt dem Hausmädchen den schönen Spruch vom höchsten Glück der Erdenkinder ins Stammbuch. —
Eine Paraderolle für Edith Berger. Komödiantischer Wettlauf mit dem Schatten: amüsante theatralische Doppelgängerei: sie ist abwechselnd Rina und Trude . .. oder Rina in dreifacher Maske und Gestalt. Die echte Rina: mehr Frau als Schauspielerin, ohne Launen, ganz beherrscht von Liebe und Zärtlichkeit für den Gemahl und von Sehnsucht nach Ruhe, Privatleben, Glück. Das Double: Häufchen Unglück, soziale Anklage, ordinäre Schnoddrigkeit, losheulende Angst um Stellung und „Familie": bis die Verkündung eines märchenhaften Wunders im Handumdrehen aus dem Häufchen Unglück und armen Luder eine gefährlich auftrumpfende „Arrivierte" macht. Zuletzt hat sie's geschafft: Rina aus Hollywood, große Rümmer, aufgedonnert, kauderwelschend, Talmi von oben bis unten.
Den Ehemann spielte Hauer: tüchtiger Kerl mit gesundem Gefühl; immer etwas bubenhaft
»Bahnunterhaltungstrupps der Reichsbahn beschäftigt werden. Darüber hinaus werden die Privatunternehmer, die von der Reichsbahn zu Oberbauarbeiten herangezogen werden, in die Lage versetzt, über 20000 Arbeiter hierfür einju ft eilen. I>rs- gefamt finden also durch diese Oberbauarbeiten der Reichsbahn etwa 90 000 Köpfe vom Frühjahr bis Herbst Arbeit und Brot. Mit den Reueinstellungen ist bereits begonnen worden.
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3m Zusammenhang mit der Reueinstellung bei der Reichsbahn stellt der „Völkische Beobachter" fest, daß die Verhandlungen über ein großzügiges Arbeitsbesch affungspro- g r a m m bei den maßgebenden Stellen in letzter Zeit lebhaft weitergeführt worden sind. Wie verlautet, soll voraussichtlich die von der Reichsbank als Kredit in Aussicht genommene Summe für das Arbeitsbeschaffungsprogramm, wie es in dem Programm ursprünglich vorgesehen war, auf etwa zwei Milliarden erhöht werden.
Oie Biervorlage vomRepräseniarrten- hause angenommen.
Washington, 14. März. (TU.) Das Repräsentantenhaus hat die Bieroorlagc angenommen. Die Vorlage sieht den Au s s ch a n k v o n B i e r und ähnlichen alkoholischen Getränken mit einem Alkoholgehalt bis zu 3,2 Gewichtsprozent vor, ferner eine Bundessteuer in Höhe von 5 Dollar je Faß. Weiter wird bestimmt, daß die einzelnen Bundesstaaten die Vertriebart regeln. Biersendungen nach trockenen Staaten sind verboten. Zuwiderhandlungen werden Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr und 1000 Dollar Geldstrafe geahndet. Die Vorlage erhält 15 Tage nach ihrer Unterzeichnung durch den Präsidenten Gesetzeskraft.
Reue amerikanische Botschafter.
Washington, 13. März. (ERB.) (Eigene Meldung.) Die heute ernannten drei amerikanischen Botschafter für London., Paris und Mexiko, die Herren Bingham, Straus und Daniels, haben alle drei, besonders jedoch Straus, der Ehef des großen Reuyorker Warenhauses Mach and Co., beträchtlich zumWahl- kampagne-Fonds der Demokraten b e i ge ft cuert, und es ist hier üblich, großzügige Wahlhilfe durch Betrauung mit einem diplomatischen Posten zu belohnen. Auch 3ames Gerard, der bis zum Beginn des Weltkrieges Botschafter in Berlin war, hat eine größere Summe gestiftet und bewirbt sich um einen Posten, allerdings nicht um denjenigen in Berlin.
Kleine politische Nachrichten.
Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Rassau hat den „Nassauer Bote n“ in Limburg und pte in Marburg erscheinende Zeitung „Hessisches Tageblatt" bis einschließlich 17. März 1933 verboten, weil der „Rassauer Bote" in einem Artikel den Reichsminister Göring beschimpft und böswillig verächtlich gemacht hat und das „Hessische Tageblatt" in einem Artikel bie Reichsregierung beschimpft und verächtlich gemacht hat.
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Das Erscheinen der Druckschrift „Die Weltbuhne", ist mit sofortiger Wirkung bis 13. September 1933 einschließlich verboten worden.
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Der Republikanische Richterbund hat seine Auslosung beschlossen und durchgeführt.
Der Dresdner Oberbürgermeister Dr. Külz ist seines Amtes enthoben worden.
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Professor Dr. A. V. K n a ck, der ärztliche Direktor des Hamburger Krankenhauses Barm- b e ck. ist mit Wirkung ab Montag, 13. März, b e > urlaubt worden.
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Der deutsche Botschafter in Washington von P r i t t w i tz hat um Enthebung von seinem Posten gebeten.
trotzig: ironisch und ernsthaft: sympathisch noch in seiner Inkonsequenz.
Hcyser gab den Regisseur Hyrkan als den eigentlichen Gegenspieler der Rina: ein explosives Temperament, zapplig vor Rervosität, deutlich bis zur Grobheit: es ist nicht ganz leicht, an eine älmkrempelung dieses robusten Typus zu glauben, wie sie der Schlußakt verlangt.
Ein paar ergötzlich ausgetüftelte Chargen: Fräulein W i e I a n ö e r als Sekretärin, an eine frühere Rolle bei Shaw erinnernd; Herr Volck als gemütlicher Münchener Grundstücksmakler: Frau Walt her-Leder er als Zofe Charlotte.
Das Ganze von Hey ser geschickt und witzig infzeniert. Die reichen theatralischen Möglichkeiten wurden genießerisch (gegen Ende des Mittelaktes etwas zu ausführlich) ausgeschöpft. Auch der anderwärts merklich abgefallene Schlußakt verfügte noch über Spannung und heitere Pointen. Von den Dekorationen (Löffler) verdient der elegante 3nnenrauin der beiden ersten Akte besondere Hervorhebung.
Das Publikum ging angeregt und unbeschwert mit; starker Applaus. hth.
Oer Neffe als Onkel.
Der Reffe erhielt die traurige Nachricht, daß fein guter alter Onkel gestorben fei. Traurig war der Neffe hauptsächlich deshalb, weil der Verblichene kein Erbonkel war, sondern ein armer alter Mann, der von 46 Mark monatlicher 3n- validenrente sein Dasein fristete und ansonsten nichts hinterließ als kümmerlichen Hausrat, Hose, Mantel und Hut. So ging der Neffe in das Heim des Verstorbenen, um den Nachlaß zu ordnen und das Erbe anzutreten. Neben den Ausweispapieren des Verstorbenen fand er einen Stapel von Rentenzetteln, die der Onkel sorgfältig aufbewahrt hatte. Nun, dachte der Neffe, diese Erbschaft ist immerhin etwas wert. Er führte denselben Vor- und Vatersnamen wie fein Onkel, und die Glatze des Onkels ist ohnehin Erbgut für die männlichen Angehörigen der Familie. So verwandelte sich der Nesse in seinen verstorbenen Onkel, zog dessen alte Hose an, ließ sich beim Friseur die Haare scheren, kaufte sich einen langen weißen Bart, wie ihn der Selige trug, und ging mit zitternden Schritten und alterskrummem Rücken zum Postamt, um dort die Rente abzuholen. Der Beamte am Schalter erkannte die Maske nicht, er sah nur die Glatze des Alten aufleuchten, prüfte die Ausweispapiere und zahlte das Geld aus. Das
ging lange Zeit so, sieben Monate hindurch bekam der Neffe regelmäßig die Rente des verstorbenen Onkels im Betrage von 46 Mark ausbezahlt. 3m- mer schlürfte er am Ultimo als müder Greis und bettelarm zum Postamt, um es quicklebendig mit 46 Mark in der Tasche zu verlassen. Mit 46 Mark spielte er den Kavalier und hatte eine Freundin, die, als die Liebe zu Bruch ging, die Geschichte an die Polizei verriet. Da der Nesse schon vorbestraft war, muß er jetzt wegen Betruges und Urkundenfälschung auf fünfzehn Monate ins Gefängnis.
Aus aller Well.
Das Präsidium des ADAC, beim Reichskanzler.
Wie der ADAC, mitteilt, hat Reichskanzler Adolf Hitler den ADAC.-Präsidenten Fülle, den Sportpräsidenten Kroth und den Vizepräsidenten F i I f e r zu einer längeren Unter-- rebung empfangen. Reichskanzler Hitler, der s e i t 3ahrenMitglied des ADAC, ist, gab zu erkennen, daß er die Entwicklung des deutschen Kraftfahrwesens und des deutschen Kraftfahrspor- tes mit größter Aufmerksamkeit verso l g t hat und in Anbetracht der Wichtigkeit und Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges alles tun toill, um ihn zu neuer Blüte zu bringen. Hierzu müsse es aber auch eine selbstverständlich e P f l i ch t eines jeden Deutschen sein, deutsche Fabrikate zu,fahren.
Bankier Hintzes Verteidiger legt sein Mandat nieder.
Am zweiten Tag des P/ozesses gegen den Bankier Wilhelm Hintze in Berlin wurde die Beweisaufnahme mit der Zeugenvernehmung unter unvermindert starkem Andrang des Publikums fortgesetzt. Die Schwester der Kammersängerin, Therese Bindernagel, schilderte Frau Bindernagels erste Ehe als sehr glücklich, bis Hintze in das Leben .ihrer Schwester getreten sei. Auf sie, die Zeugin, habe Hintze gleich bei der ersten Begegnung einen ganz abstoßenden Eindruck gemacht.
Als Hintzes Verteidiger, Rechtsanwalt Bahn, während der Verhandlung mit zwei Journalisten sprach, wurden diese von dem Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Dr. Truppner, befragt, was sie mit dem Anwalt besprochen hätten. Rach Protestrufen des Verteidigers erklärte der Vorsitzende, daß er den Argwohn einer unzulässigen Fühlungnahme zwischen Verteidiger und Journalisten gehabt habe. ^Hierauf verlangte der Verteidiger eine formelle Entschuldigung des Vorsitzenden, da das Verhalten des Vorsitzenden eine Beleidigung des Anwaltsstnndes darstelle. Der Vorsitzende entzog dem Verteidiger das Wort und erklärte, daß er keine Veranlassung ZU einer Entschuldigung habe. Richt er habe den Anwaltsstand beleidigt, sondern der Verteidiger habe sich durch fein Verhalten einer Beleidigung schuldig gemacht. Rechtsanwalt Bahn legte darauf die Verteidigung nieder. Dem Bankier Hintze soll nun zur nächsten Sitzung ein Offizialverteidiger gestellt werden.
Großer Bücherdiebstahl im Göttinger Mathematischen Institut.
Das Mathematische Institut der llniversität Göttingen hat festgestellt, daß aus der Bibliothek, die eine der wertvollsten mathematischen Bibliotheken der Welt ist, seit Weihnachten v. I. etwa 2 0 0 sehr wertvolle Werke gestohlen worden sind. Das Institut übt, wie hierzu bemerkt wird, über seine Bibliothek eine sehr scharfe Kontrolle aus. Wenn es trotzdem gelungen ist, den Diebstahl auszuführen, so kann das nur möglich gewesen sein, wenn die Bände, einzeln durch die Kontrolle geschmuggelt wurden.' Ein Einbruchsdiebstahl liegt nicht vor. Die Auswahl der gestohlenen Bände ist sehr sachkundig getroffen.
Theaterbrand in einer mexikanischen Stadt. —
41 Tote. 60 verletzte.
3ni Theater der Stadt Ahualnlco in Mexiko brach ein Brand aus, der sich so rasch verbreitete, daß eine große Anzahl von Personen nicht mehr in Sicherheit gebracht werden konnte. Die Zahl der Todesopfer beträgt 41. Die meisten Toten wurden in den Korridoren gefunden. Biele Besucher waren im Gedränge zu Boden gestürzt, und der Strom der Flüchtenden ging über sie hinweg. Ungefähr 60 Personen wurden verletzt.
Eisenbahnunglück in Algerien.
Bei offener Eisenbahnschranke stieß ein Lastkraftwagen unweit einer kleinen Station im östlichen Algerien mit einem Güterzug zusammen. Fünf Eisenbahnwagen, die eine Ladung Benzin mit sich führten, entgleisten und fingen Feuer. Der Brand griff auf die übrigen Wagen über, in denen Vieh transportiert wurde. Von dem Zugbegleitungspersonal und den Insassen des Kraftwagens wurden insgesamt sieben Personen verletzt. Zwei Personen werden vermißt. Man befürchtet, daß sie verbrannt sind.
Die „Himmelsschnst" der Chinesen.
Wie die übrigen ältesten Kulturvölker haben auch die Chinesen schon sehr früh eine reiche Kenntnis des gestirnten Himmels besessen, und dieser andächtige Blick in die Höhe hat ihr ganzes Denken aufs Tiefste beeinflußt. Da ist es nicht verwunderlich, daß ihr Himmelsbild sich auch in ihrer Schrift ausprägt, wie P. 3. Becker in der bei Hugo Bermühler in Berlin erscheinenden Monatsschrift „Der Naturforscher" näher ausführt. Die chinesische Schrift stellt in ihrer ursprünglichsten Form, ähnlich wie die Keilschrift der Aegypter, Gegenstände und Dinge der alltäglichen .Umgebung dar, um sie auf diese Weise zu bezeichnen, aber bei der Wiedergabe der Begriffe werden die Formen und Vorgänge des Himmels verwendet. Sonne und Mond spielen eine große Rolle in den Scheiben- und Sichelformen, die so vielfach in den Schriftzeichen auftreten. Für die meisten begrifflichen Bezeichnungen sind solche „himmlischen" Zeichen benutzt. Das entspricht dem Weltbild der Söhne der Mitte, die im Polarstern den herrschenden Gott sahen, dem auf Erden der Kaiser, der „Sohn des Himmels", gleichgestellt wurde. 3ndem der Herrscher zum Vertreter des Polarsternes, der Himmelsmitte, wurde, erhielt China seine Bedeutung als Mittelpunkt der Erde und des Weltalls, als „Reich der Mitte". Wie das höchste Wesen am Himmel, so hat der Kaiser auf Erden Ordnung zu schaffen, und wie der Polarstern vom Norden aus den Himmel regiert, so muh der herrschende Himmelssohn nach Süden schauen. Infolgedessen müssen die Amtsgebäude und die Hauptseiten der kaiserlichen Schlösser nach Süden gerichtet fein. Auch im Privatleben muß her Hausherr als der Befehlende immer nach Süden sehen, während der Untergebene nach Norden schaut. Diese Bedeutung der Himmelsgegenden und der am Himmel sich darbietenden Bilder spiegelt sich in unendlich vielen Einzelheiten in der chinesischen Schrift.
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