Ausgabe 
15.2.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Oie Ausführungsbestimmungen zur Neuregelung derVerfammlungSsrecheii

Zur Handhabung der Notverordnung , des Reichspräsidenten aum Schuhe des Deutschen Do.ies vom 4. Februar 1933, die eine grund­legende Neuordnung der Presse- und Versamm- lungsfreiheit gebracht hat, srnd vom hessischen Innenminister nunmehr die erforderlichen Aus- führningsbestimmungen erlassen worden. Danach hat die Anmeldung der öffentlichen politischen Versammlungen sowie aller Versammlungen und Aufzüge unter freiem Himmel innerhalb der üb.ichen Dienststunden bei den Kreisämtern zu erfolgen. In den Gemeinden mit staatlicher Ver­waltung der Ortspolizei sind die Anmeldungen bei den Polizeiämtern und in den Gemeinden Dingen, Alzey und Gonsenheim bei den Bürger­meistereien anzubringen. Dabei ist nicht nur all­gemein die Gemeinde und der Tag der Veranstal­tung, sondern es sind auch die Stunde der Veran­staltung, d.r Versammlungsraum oder -platz, bei Auszügen und galten auch die einzelnen Strö­hen, die berührt werden, genau anzugeben. Oert- lich zuständig sind die Kreisämter, Polizeiämter oder Polizeiverwaltungen, in deren Bezirk die anmeldepflichtige Veranstaltung staitsindet.

Erstreckt s.ch eine anmeldepflichtige Veranstal­tung über mehrere Amtsbezirke, so ist sie unter Angabe dieser Tatsache bei jedem einzelnen ört­lich zuständigen Amte anzumelden. Sollen sich Veranstaltungen über einen größeren Bezirk Hes­sens erstrecken, dann können sie auch bei dem Landeskriminalpolizeiamt in Darmstadt angemel- det werden. Leitende Beamte des Staates, die in der Verordnung vor Beschimpfung oder bös­williger Verächtlichmachung unter besonderen Schutz gestellt werden, sind in Hessen: der Staats­präsident, .die Minister und deren Stellvertreter, die Vorstände der Provinzialdireitionen, der Kreisämter, der Polizeiämter und des LandeS- kriminalpolizeiamtes. Die übrigen Paragraphen der Ausführungsverordnung bestimmen, welche Behörden in Hessen für die in der Notverord­nung vorgesehenen Matznahmen im einzelnen zu­ständig sind.

Konzert für die Winternothilfe.

Zum Besten der Gießener Winternothilfe veran­staltet Frau Dr. Meyer mit ihrer Gesangschule in Verbindung mit der Kapelle unseres Bataillons am 2 0. Februar in der Neuen Aula ein Konzert. Den Besuchern wird eine erlesene Vortragsfolge einige genußreiche Stunden bereiten. Näheres wird noch im Anzeigenteil bekanntgegeben.

Daten für Mittwoch, lo.Februar.

1564: der Physiker und Astronom Galileo Galilei in Pisa geboren; 1763: der Friede von Hubertus­burg beendet den Siebenjährigen Krieg; 1/781: der Dichter Gotth. Ephraim Lessing in Braunschweig gcstorben; 1855: der Maler Hugo Vogel in Magdeburg geboren; 1915: deutscher Sieg über die Russen in der Winterschlacht in Masuren; 1928: der englische Staatsmann Lord Henry As­quith in London gestorben.

^urnotifrcn.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, 19. Vor- stellung im Mittwoch-Abonnement, das Lustspiel Bargeld lacht" von Cammerlohr und Cbermayer. Spielleitung: Peter F a s s o t t. Gewöhnliche Preise. Ende 22 Uhr. Die OperetteDas Dreimäderlhaus" von Willner und Reichert mit der Musik nach Franz Schubert kommt am Frei­tag. 17. Februar, als 19. Vorstellung im Freitag- Abonnement zur Ausführung. Opcretten-Preise. Schülerkarten haben Gültigkeit- Anfang 20 Uhr. Ende 23 Uhr. Als Schülervorstellung am Samstag. 18. Februar, letzte Aufführung des TrauerspielsHamlet" von Shakespeare. Schü­lerpreise. 15.45 bis 19 Uhr. Am Sonntag, 19. Februar, als Fremdenvorstellung zu ermäßig­ten Operettenpreisen die OperetteDas Drei­mäderlhaus" mit der Musik nach Franz Schu­bert. Schülerkarten haben Gültigkeit. Beginn 18.30 Uhr, Ende 21-30 Uhr.

Der Gießener Cisverein beginnt heute abend wieder mit seinen regelmäßigen Rollschuhübungsabenden. Da es mit dem Schlitt­schuhlaufen vorbei sein dürfte, werden sich bie Uebungsstunden in der Volkshalle wieder allge­meiner Beliebtheit erfreuen. (Wan beachte die heutige Anzeige.)

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* Geschäftsjubiläum. Heute vor 25 Iahren eröffnete Herr Iakob Schupp, Stein- straheBahnhofstraße, in der Walltorstraße eine kleine Reparaturwerkstätte für Fahrräder und Nähmaschinen. Zugleich begann er mit dem Han­del von Fahrrädern und Nähmaschinen. Bis zum Iahre 1915 verblieb er in der Walltorstraße. Von 1915 bis 1930 verlegte er sein Geschäft in den Seltersweg. Hier gliederte er seinem Betrieb noch eine Motorradhandlung mit Reparaturwcrkstätte ein. Da sich das Geschäft immer weiter entwickelte und ju einem der besten Spezialgeschäfte am Platze wurde, reichten die Räumlichkeiten nicht aus. Durch den Erwerb eines eigenen Grundstückes in der Steinstrahe war es chm möglich, der Entwick­lung seines Geschäfts durch den Bau einer mo­dernen Werkstatt mit Garage und Verkaufsraum Rechnung zu tragen. Seit Iuni vorigen Iahres betreibt er neben dem Hauptgeschäft in der Stein­straße ein Reparatur- und Verkaufsgeschäft in der Bahnhofstraße.

* * VHC. Gießen. Die zweite Vereins­wanderung des VHC. Gießen führte am Sonn­tag wieder in die nähere Umgebung unserer ctabt. Durch einen Teil der Lindener Mark ging wie man uns berichtet, auf hart gefrorenen Wegen mit Umgehung von Großen-Linden durch Hörnsheim, das noch viele alte Torbogen auf» öutoeifcn hat, zur Mittagsrast nach Groß-Rech- tenbach. Die Sonne, die den Wanderern ein ^?0es Stück das Geleite gab, war indessen auch fleißig bei der Arbeit, so daß der Weitermarsch auf manchmal recht weichen Pfaden vor sich ging. □Kit gutem Humor wurden jedoch diese Hinder­nisse überwunden und der Aufstkeg auf den Etoppelberg unternommen. Wenn auch der Fern­blick vom Aussichtsturm durch Nebelbildung start beeinträchtigt war, so entzückte doch der Blick auf die nähere Umgebung des Berges, nament­lich auf die alte Reichsstadt und das Lahntal. Der Abstieg erfolgte durch den Wald mit zahl­reichen Haselstauden, deren Blüten bereits den kommenden Frühling ahnen ließen, über Münch­holzhausen zum Endziel Dutenhofen, wo die Schluhrast abgehalten wurde.

** Warnung vor einem Betrüger. In mehreren deutschen Städten sind Krankenkassen durch einen angeblichen Obermonteur Gellert auf folgende Weise geschädigt worden: Unter der Firma Domag, Plauen im Vogtland, meldet er verschiedene Arbeiter an, die angeblich im Dienste dieser Gesellschaft stehen sollen. Beiträge für die angeblichen Mitglieder zahlt er nicht; auch sind diese Beträge bei der Firma Vomag nicht bei­zutreiben, da die Domag den Gellert nicht kennt. Gellert ist u. a. auch in Frankfurt a. M. und Hanau ausgetreten. Die Kasse schädigt er durch falsche Krankmeldungen.

** W i n t e r f e st der 4. Kompanie. Am Samstagabend hielt die 4. Kompanie, die Maschi­nengewehr-Kompanie unseres Bataillons (Ira« ditions-Kompanie des Infanterie-Regiments Prinz Carl), in den Räumen derLiebigshöhe" ihr dies­jähriges Winterfest ab. Der Chef der Kompagnie, Hauptmann Hofmann, hielt eine kurze Be­grüßungsansprache, in der er besonders die Kame­raden der verschiedenen Militärvereinigungen herz­lich willkommen hieß und der Veranstaltung einen fröhlichen Verlauf wünschte. Der Abend brachte ein unterhaltsames Programm. Die Kapelle des Batail­lons bestritt unter Leitung von Obermusikmeister Krautze den musikalischen Teil der Veranstal­tung und wartete mit Darbietungen von Lortzing, Puccini und Strauß aus. Mit besonderem Beifall wurden Hymne und Triumphmarsch ausAida" (mit großen Posaunen) ausgenommen. Nicht weni­ger lebhaften Beifall fanden die Märsche mit Fan­farentrompeten und Kesselpauken, die wieder mit viel Schmiß zu Gehör gebracht wurden. Die Ge­sangsabteilung wartete mit einem ernsten und einem heiteren Liede auf und gefiel durch die frische Art des Vortrags. Unteroffizier Lande- s e l d unterhielt ausgezeichnet mit verschiedenen lustigen Vorträgen in Frankfurter Mundart. Mit großem Beifall wurden die Hebungen im Boden- ttunen ausgenommen. Die Soldaten zeiaten hier erstaunliche Leistungen und wußten ihr Auftreten durch einige humorvolle Einlagen besonders wir­kungsvoll zu gestalten. Ein Clown tat seinerfei^ alles, um die Lachmuskeln der Zuschauer in Be­wegung zu setzen. Den Abschluß des offiziellen Tei­les des Programms bildete die Wiedergabe des Armeemarsches II., Nr. 118,Radetzkymarsch", durch die Gesangsabteilung in Verbindung mit dem Orchester. Bei Tanz und geselligem Beisam­mensein vergingen die restlichen Stunden des Abends.

Amtsgericht Gießen.

Es mag ab und zu vorkommen, daß langsam fahrende Radler auf der Landstraße Hunde an der Leine mit sich führen. Ratsam ist es nicht, auch bedenklich, denn immerhin können lang­angeseilte Hunde als Verkehrshindernisse angc- . sehen werden. Einen ungewöhnlichen Anblick, was den Straßenverkehr anlangte, hatten - aber am 27. November v. 3. auf der Straße von Treis nach Mainzlar einige Wegebenuher. Sie be­merkten, daß ein offensichtlich abgehetzter deut­scher Schäferhund, der infolge allzu engen Maul­korbes nur schwer zu atmen vermochte, neben einem in beschleunigtem Tempo (etwa 20 Kilo­meter) fahrenden Auto herlief. Er war an einer Leine angebunden, die aus dem Innern des Wagens führte. Die Augenzeugen empörten sich hierüber, und wie berechtigt ihre Empörung war, sollten sie bald erfahren, denn es handelte sich schließlich nicht mehr um ein Mitführen, sondern um ein Mitziehen des Hundes, der sich der Ge­schwindigkeit des Autos nicht anpassen konnte. Er wurde eine Strecke förmlich geschleift und fiel dann, als endlich der Wagen hielt, in gänzlich erschöpftem Zustande nieder. Er blutete stark und hat auch auf der Landstraße Dlutspuren hinter­lassen. In dem zweisitzigen Kleinauto befanden sich zwei Insassen aus Nachbarorten; der eine lenkte, der andere befaßte sich mit dem Hund, den sie in das Innere des Wagens mitgenommen hatten. Die Insassen wollten ihn seinem Eigen­tümer, einem Mühlenbesitzer, der ihn in einem Rcchbawrte gclauit hatte, zuführen. Der Hund wurde in dem engen Raum unruhig und wandte fidf angeblich gegen seinen Begleiter, so daß sich die Insassen schließlich entschlossen, den Hund auszusetzen und an der Leine mitzuführen, ohne zu bedenken, daß ein derartiges Mitführen eines Hundes in jedem Fall, auch wenn derartige sicht­bare Folgen, wie im Fragefall, nicht eintreten, eine grausame Tiermißhandlung bedeutet und als Tierquälerei zu bewerten ist, ganz abgesehen davon, daß es auch eine Gefahr für den Verkehr auf der Straße bilden kann. Sonderbar mutete die Entschuldigung der beiden Angeklagten an, sie hätten den Hund ermüden und dadurch will­fähriger machen wollen. Eines ausdrücklichen Verbots einer solchen Mitnahme von Hunden bedurfte es in den Verkehrsordnungen nicht. Ein­mal hat wohl der Gesetzgeber mit derartigen Ausslüssene von Unvernunft und Gefühllosigkeit nicht gerechnet, dann aber bietet der einschlägige § 360 pos. 13 StGB- zur Zeit in strafrechtlicher Hinsicht noch einen hinreichenden Tierschutz. Die beiden Angeklagten erhielten Geldstrafen von je 30 Mark.

Beginn der Beweisaufnahme im Volksbankprozeß.

Darmstadt, 14. Febr. (WSN.) Im Volksbank­prozeß wurde heute mit der Zeugenvernehmung begonnen. Bankbeamter Müller (Volksbank) ist der Meinung, daß die Kreditpolitik an die Genehmi­gung des Aufsichtsrates gebunden war unb glaubt sich erinnern zu können, daß Äreditüber- schreitungen oft nachträglich geneh­mig t wurden. Dem Zeugen sind bei der Reorgani­sation der Depotabteilung einige Effektenkonten von Herren der Verwaltung in ihrer Höhe aufgefallen und er äußerte gegenüber dem Direktor Weiler seine Bedenken. Der Zeuge hat im Jahre 1926 zum ersten Male selbst Auftrag auf einen Effektenkauf gegeben, Sicherheiten wurden von ihm nicht ver­langt und eine Krediturkunde nicht ausgestellt. Den angeklagten Direktor Becker bezeichnet der ''Zeuge, der B. schon aus seiner früheren Stellung in der Vereinsbank kannte, als einenDankmann", der etwas kann.

Der Bankbeamte Wiedemann ist seit 31 Jah­ren auf der Darmstädter Volksbank tätig und meint, daß der Eintritt von Direktor Becker in die Volks­bank die Spekulationslust der Bankangestellten be­lebte. Er bestätigt, daß bei Spekulationsgeschäften die Effekten als lOOprozentige Sicherheit bewertet wurden, Effekten für Anlagekredite jedoch nur mit 60 bis 65 v. H. Die Sicherheit habe eben in der Person des Kreditnehmers liegen müssen. Auch der

Zeuge hat spekuliert, als die Verluste feine Der« rnögensverhältnisse überstiegen, habe er jedoch Schluß gemacht. Da ihm die Effektengeschäfte des Direktors Becker wegen $rcr Höhe und der Art ihrer Verbuchung bedenklich erschienen, wurde er unter Umgehung des Angeklagten Direktor Becker bei dem ersten Direktor Weiler vorstellig. Dieser Schritt hat nach seiner Auffassung dazu geführt, daß bann die Spckulationskonten der Dorstandsmitglie- der unter Chiffre geführt wurden. Dankdirektor a. D. Brink äußert sich über den Eindruck, den die Kreditpolitik der Volksbank im Jahre 1929 bei der Darmstädter Vereinigung genoß. Die Vernehmung des ehemaligen Bankbeamten Mager wird nach einem Zusammenstoß zwischen dem Vorsitzenden und dem Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Oppen­heimer abgebrochen.

Buntes Allerlei.

Acht Monate in chinesischer Gefangenschaft.

Drei ältliche Damen, die im vergangenen Iahr acht Monate als Gefangene bei chinesischen Räu­bern schmachteten, sind jetzt in aller Stille nach ihrer englischen Heimat zurückgelehrt. Es sind die Missionarinnen Mildred Cable und die Schwestern Eva und Fracesca French,, die seit 30 Iahren der englischen Mission in China an­gehören und das Evangelium zu den Dörfern von Tibet, der Mongolei und Turlestan getragen haben. Die älteste, Miß Cable, ist eine zarte, kleine, grauhaarige Frau, der man es nicht zu- trauen möchte, daß sie mit ihren Begleiterinnen viermal auf Kamelrücken und auf holpernden Eingeborenenkarren die Wüste Gobi durchquert hat. Indem sie wie die Eingeborenenfrauen sich kleideten, dieselbe Nahrung zu sich nahmen und die Sprache des Landes fließend beherrschten, gelangten diese drei Frauen an Orte, an denen noch niemals vorher Weiße gewesen. So waren sie z. B. die ersten weihen Frauen, die die kürzlich entdecktenGräber der 1000 Buddhas" bei Tun-wang bewundern konnten. In dieser Stadt, die im äußersten Nordwesten von China liegt, wurden sie gefangen genommen, als der Räuberhauptmann Ma Chong-Iing sie zu An­fang des vergangenen Iahres einnahm. Sie

wurden bann in eine Oase In der Wüste gd> schleppt und dort festgeyalten, lieber ihre Er» lebnissc äußerten sie sich nur spärlich.Der Banditenhäuptling war gar nicht so schlimm"» meinte Miß Cable.Cs waren seine Soldaten, von denen wir viel auszustehen hatten. Doch was soll man viel klagen. Es war nicht gerade schön, aber wir haben die Zeit überstairden. Eines Tages wurde uns klar, daß die Zeit für uns gekommen war, und da rissen wir aus." Die drei unbewaffneten und schwachen Frauen machten nun ihren Weg durch Turkestan bis zu der Südgrenze von ©ibir c.i und erreichten glück­lich die Eisenbahnlinie bei Nowosibirsk. Wäh­rend all dieser Abenteuer hatten sic nerr eine Begleitung bei sich, nämlich Topsy, ein taub­stummes Mongolenmädchen, das sie fünf Iahre vorher gerettet hatten.Topsy war eins der Millionen unerwünschter Kinder in China", er­zählten sie.Wir fanden sie in Suchau, unserem Standort in der Provinz Kansu, aus der Straße liegend. Sie ist seitdem immer bei uns gewesen und mit uns nach England gekommen. Viel­leicht hat unsere Gefangenschaft auch etwas Gutes gehabt. Wir predigten den Räubern das Evan­gelium, und sie waren durchaus nicht abgeneigt, uns zuzuhören. Wie uns seitdem berichtet wurde, sollen einige von ihnen sich bekehrt habend Die tapferen Missionarinnen wollen jetzt ein Iahr zu Hause bleiben und dann ihre Arbeit in ihrem alten Wirkungskreis wieder aufnehmen.

Briefkasten Oer Redaktion

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schnftleitung >

G. IN. Soweit aus dem Schreiben zu ersehen ist, ist das Wochcnendhäuschen. da es anscheinend mit bem Grund und Boden fest verbunden ist, einGe­bäude" im Sinne der Steuergesetze. Es wäre somit an und für sich der Grundsteuer unterworfen. Für den Fall jedoch, daß es nach dem 1. April 1931 be­zugsfertig geworden ist, ist es gemäß § 20 Abs. 1 des Dritten Teiles Kapitel II der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen vom 1. Dezember 1930 bis zum Jahre 1938 einschließlich von der Grundsteuer befreit. Die weitere Voraussetzung hierfür, daß das Häuschen mehr als 75 o. H. Wohnzwecken dient, wird hierbei | als gegeben erachtet.

Das vermfcneIchol.

Oieverhexte" Kaiferstadt ein Brennpunkt im Fernen Osten. isteife-Erinnerungen von FU'x Baumann.

Schon im September 1931 erregte der Name I e h o l die allgemeine Aufmerksamkeit, als der erste Kommissar dieser Provinz, Tanghulin, der Zentralregierung in Nanking die Unabhängigkeit Iehols bekannt gab. Allerdings zwang der in T.'chintschau residierende Marschall Tschang« h s ü l i a n g den Kommi,sar, die Unabhängigkeits- proklamation zu verleugnen, aber im März 1932 erklärte der Außenminister des Mandschustaates in einem Telegramm an verschiedene Regierun­gen, darunter die Vereinigten Staaten, daß Iehol zu Mandschukuo gehören müsse. Die jüngste ja­panische Aktion konnte daher nicht mehr über­raschen. Und die Schangheikwan-Ai- s ä r e ist, wie Lord Cecil kürzlich betonte, ins­besondere lehrreich. Denn die Iapaner behaup­teten, ohne jede Spur von Beweis, daß Chinesen dort eine Bombe gegen japanische Truppen ge­worfen hätten. Deshalb beschossen und zerstörten die Iapaner die alte historische, durch ihrTien Hsier Ti QJi Kwan"Das erste Tor unter dem Himmel" bzw.in der großen Mauer" berühmte Stadt, wobei Tausende von Einwohnern den Tod sanden, von denen die Mehrzahl keine Ahnung vom Ursprung des ganzen Zwischenfalls gehabt haben können. Aber:Japans Inter­essen werden verletzt". Und um dieWieder­gutmachung des Unrechts" mit seinen echten oder erfundenen Zwischenfällen dreht sich der Konflikt in der Mandschurei und hat jetzt auch Iehol in den japanischen Interessenkreis einbezogen. Ein Blick auf die Karte genügt, um die Bedeutung von Schanheikwan zu erkennen die Stadt bil­det den Schlüssel zur Provinz Iehol.

Da jedoch die Provinz Iehol am äußersten westlichen Ende Mandschukuos und weit von seinem Zentrum gelegen ist, keine Eisenbahnver­bindungen besitzt und sich wegen ihrer Unwegsam­keit ausgezeichnet für den Guerillakrieg eignet, der von Peting aus leicht dirigiert und ermutigt werden kann, so dürften die Iapaner in Iehol kein leichtes Spiel haben. Wohl wurde vor eini­gen Iahren eine gegen zehn Meter breite Heer­straße von der Stadt Iehol nach dem an der Peking-Mukdenbahn liegenden Orte Lwan Hsien erbaut, aber ihre Benutzung würde die Iapaner in die britische Sphäre führen, in das Gebiet der Kailan Mining Company. Kommt Iapan in den Besitz der 60 000 englischen Quadratmeilen um­fassenden und über 4 Millionen Einwohner zäh­lenden Provinz Iehol, so ist es als Herr von Nordchina zu betrachten, wie denn auch der Weg nach Peking durch diese Provinz von jeher die Route gewesen ist, die Angriffsbewegungen der nördlichen Rassen gegen China in den frühe­ren Iahrhunderien stets gewählt haben.

Die Hauptstadt Iehol oder Tschöngtu (chine­sisch Cheng-te°fu = Heißer Fluh) gilt seit ihrer Gründung durch den Kaiser Kang-Hsi alsKai­serstadt", sie geriet jedoch schon im Iahre 1820 in Verruf, in dem der Kaiser Chia°Ching da­mals am 2. September im dortigen Sommer­palast durch einen Blitzstrahl getötet wurde, was man als ein böses Omen deutete. Das Herr­scherhaus mied daher Iehol, und erst vierzig Iahre später, 1860, flüchtete der Kaiser Hsiek Feng nach der Besetzung Pekings durch die eng­lischen und französischen Truppen dorthin. Als er aber kurz darauf in Iehol starb, glaubte man erst recht an die Umtriebe böser Geister und tat die Kaiserstadt in Acht und Dann. Sie geriet so in Verruf, daß dieder alte Buddha" genannte Kaiserinwitwe Tse Hsi nach der Einnahme Pe­kings durch die alliierten Truppen im Iahre 1900 nicht zu bewegen war, nach Iehol zu flüchten, sondern sich in Sianfu in Sicherheit brachte. Als dann die Revolution in China ausbrach und die Mandschu-Dhnastie gestürzt wurde, weigerten sich die Mitglieder des Kaiserhauses ganz entschie­den, in Iehol Zuflucht zu suchen die Stadt gilt noch heute als verhext, woran die Ia­paner allerdings keinen Anstoß nehmen werden.

Die Entfernung von Peking, dem heutigen Peiping, nach der außerhalb der großen Mauer, die die ChinesenWan li chang chang" die Myriaden Meilen lange Mauer nennen, ge­legenen Stadt Iehol beträgt 458 chinesische Li oder gegen 150 englische Meilen (engt Weile

= 1,6 Kilometer). Man benutzt die Poststrahe, die über Shunyihsien und Miyunshien nach der bei der großen Mauer befindlichen Bergfestung Ku- peikow und von dort über Vaoping hsien nach Iehol führt. Die Straße, deren Beschaffenheit, wie fast überall in China, sehr zu wünschen übrig läßt, ist nur bei gutem Wetter passierbar Regengüsse und Sandstürme, ganz abgesehen von winterlichen Hindernissen gestalten diePost- straße" zu einem wahren Marterwege, wo die besten Kraftwagen versagen, und das Reitpferd oder der Reitesel bilden die einzigen Reisemög­lichkeiten. Die berühmten chinesischen Reisekarren bleiben oft tagelang im Dreck stecken und ver­sagen beim Durchqueren der hochgeschwollenen Flusse. Unterkunft bieten unterwegs chinesische Herbergen und die alten kaiserlichen Rasthäuser.

Als Rückweg kann man von Iehol die Dschunkenfahrt auf dem Lwanfluh nach der schon erwähnten Stadt Lwan Hsien wählen und von dort mittels der Eisenbahn nach Peiping zurückkehren, während stromaufwärts die Fahrt nicht anzuraten ist, weil die Schiffe von Kulis geschleppt werden müssen, was die Reise ge­waltig in die Länge zieht. Immerhin verkehren jährlich gegen 3400 Handelsdschunken auf dem Flusse.

Ohne Dolmetscher und die von der Regierung einzuholende Erlaubnis können die Sehens­würdigkeiten Iehols nicht in Augen­schein genommen werden. Die an einer Biegung des Heißen Flusses gelegene Kaiserstadt ist von hohen Bergen umgeben, die im Winter die un­angenehmen Nordwinde abhalten und die Stadt im Sommer zu einem kühlen Aufenthalt ge­stalten. Ungleich anderen chinesischen Städten ge­mahnt ihre Bauart an Tibet. Und in der Tat wurde Iehol im Iahre 1780 im Stile der Re­sidenz des Panschen Erdeni Lama in Taschilumbo (demBerge des Segens") in Tibet erbaut. Die von einer Mauer umgebenen Palastgebäude befinden sich nördlich von der Stadt. Blickt man von einer Anhöhe auf den Komplex, so bietet sich dem Auge ein Wirrwarr von Kiosken mit ver­goldeten Kuppeln, von Pagoden, farbigen Ge­bäuden, die sich terrassenförmig auf den Hügeln erheben, von Seen, -Kanälen und Brücken in grellen Farben. Und immer wieder bemerkt man als architektonischen Schmuck den Phönix und den Drachen, auf den Terrassen die obligaten Steinlöwen als Wächter.

Nimmt man das Ganze näher in Augenschein, so offenbaren sich wie überall in China die Spuren des Verfalls. Besonderes In­teresse erregen die Paläste: der Pi-Shu-Shan- Chwang, herKühle spendende Bergpalast", und der Pu°To-La, eine getreue Nachbildung der Residenz des Dalai Lama am Berge Potola in der Nähe Lassas, der bedeutendsten Stadt Vor- der-Tibets. Oestlich vom Pu-To-La erhebt sich der Hsü Mi Fu Shao Mao, derTempel des bergehohen Glücks und hohen Alters", der den heiligen Hallen des Taschilumbo bei Shigatse in Tibet nachgebildet ist. Der in einem Kiefern­hain gelegene Shu-Hsiang Tse-Tempel mit seinen Grotten und Steintreppen ist eine Nachahmung eines der Tempel auf dem heiligen Taishan in Schansi. Eine im Iahre 1764 erbaute gut er­haltene neunstöckige Pagode mit chinesischen, mandschurischen, mongolischen und tibetanischen Inschriften soll eine Nachbildung der berühmten Nankinger Porzellanpagode sein. Eie ist zur Erinnerung an den Sieg über die Sungaren errichtet worden. Eine Unzahl von Lamaprie­stern bevölkert die verschiedenen Tempel, eine unangenehme T r i n k g e l d p l a g e , denn wie schon an denheiligen Stätten" in Peking, stößt man überall auf verlangende Hände. In Iehol befanden sich bis zum Ausbruch der chinesischen Revolution die meisten und wertvollsten kaiser­lichen Kunstschätze, aber nach dem Sturz der Mandschudynastie wurden sie nach Peking gebracht, wo viele der unersetzlichen und nicht abzuschätzenden Gegenstände verschwanden.

Wandert man außerhalb Iehols an den Ufern des Je-Ho, desHeißen Flusses", entlang, so stößt man auf eine Anzahl von Tempeln, die die schönsten in China sein sollen.

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