Oie weißen Zelter.
Von Wilhelm Schäfer.
Kuno von Faihberg war so arm wie tapfer. Drum als er Gerda von Reichenstein als Braut heimsühren wollte, erbat er seines Oheims, des mächtigen Grafen Sponheim Hilfe. Der kam auch schließlich mit reichem Troß, dem Neffen seine Braut zu freien: doch als er ihre Schönheit sah, verließ er alle Treue und dachte sich selber noch trotz seinem Alter ein Weib ins Haus zu holen. Das war den Reichensteinern von Herzen recht, und obwohl sich Gerda nicht in den Wechsel schickte, wurde bald die Hochzeit angeseht.
Kuno von Faihberg, der nichts von ihrem Sinn erfahren konnte, als daß sie eines anderen Hausfrau werden sollte, gab sich durch Wochen einer zornigen Schwermut hin. Dann sandte er ihr den Zelter, darauf sie oft mit ihm geritten war, durch einen Knecht als seine Hochzeitsgabe. Er hatte dieser Schimmel aber zwei; und als der Tag in einem Morgenrot anbrach, da Gerda mit ihren Eltern nach der Nahe ausreiten mußte, wo nach dem Willen des Grafen Sponheim die Hochzeit gefeiert werden sollte: stand auch das andere Tier gesattelt im Hof der kleinen Burg: denn Kuno gedachte selber einen scharfen Nitt zu tun, um nichts zu sehen von dem Zug. Doch konnte er nicht fort und saß noch trüben Sinnes an seinem Fenster, als drunten schon das fröhliche Getrappel rheinaufwärts kam. So sah er, daß Gerda wie so manchmal den weißen Zelter ritt, und wußte nicht, ob sie ihn kalten Sinnes verspotten wollte.
Als sie nun aber unter seinen Mauern waren, so dicht, daß er sein Schwert hätte hinunter- werfen können, da mochte das Geklapper der vielen Hufe seinen Schimmel im Hof unruhig machen, so daß er bei einem lustigen Trompetenton von unten auf einmal hell zu wiehern begann. Kaum aber war das Echo davon ing Tal gefallen, als unten der Zelter aus der Reihe brach und mit behenden Sähen den gewohnten Weg hinauf zur Burg geflogen kam. Kuno von Faihberg sah das, was ihm gehörte, zu sich kommen und säumte nicht mehr, ans Tor zu springen, wo kaum die Ketten niederrasselten, als schon, zwar abgehetzt von solchem Ritt, doch stolz auf seine Last, der Zelter in den Burghof sprengte. Da brauchte es kaum eines Blickes, um zu wissen, daß sie noch beide eines Herzens waren und gleich den Zeltern einander zu- gehörten. Während er der blassen Braut aus dem Sattel half, hatten die Knechte schon die
Brücke aufgezogen, so daß die ersten Reiter der Grafen das Tor verschlossen fanden.
Den hatte die bittre Rot der Gerda schon vorher so gerührt, daß er nach diesem Borfall selber den Reichensteiner bat, es bei dem zweiten Tausch zu lassen. Er war zwar nicht beim Hochzeitsfest der beiden, doch wußte er so reich zu schenken, daß auch die Eltern Gerdas den Handel zufrieden waren.
Das Gedicht für FranzJoseph.
Ein Kindheitserlebnis von Joe Lederer.
Im Frühjahr 1915 war ich einen Tag lang eine interessante Persönlichkeit, auf den Titelblättern der illustrierten Zeitungen war mein Bild, und die oier- oder fünfhundert Kinder, die zur Volksschule Wien, Dadlergasse, gehörten, hatten alle mir zu Ehren schulfrei, so großartig war die Angelegenheit.
Ich kann mich noch genau an alles erinnern. Eigentlich fing es im Winter an, an einem Winternachmittag, ich sollte meine Rechenaufgaben machen, da kam meine Mutter ins Zimmer und sagte: „Bist du noch immer nicht fertig, — was kritzelst du denn da?"
Aber irgend jemand rief nach ihr, sie ging wieder hinaus, und ich war gerettet. Aus dem Schulheft zog ich den Brief heraus,' den ich vor ihr versteckt hatte. „Lieber Kaiser! Bitte sei nicht böse, daß ich Dir schreibe. Weil Du wegen dem Krieg so viele Sorgen hast, wollte ich Dir eine Freude bereiten und habe ein Gedicht gemacht..."
Es war nicht nur irgendein Gedicht, es war mein allererstes Gedicht.
„Sie haben gehungert und gelitten — und haben für Gott und die Freiheit gestritten", so sing es an. Und dann ging es weiter mit Mut und Blut und Feindeshand und Vaterland. Ich erzähle das nicht, damit man mich auslacht, sondern weil mir damals so wunderbar war. Ich hatte doch Worte niedergeschrieben, die sich reimten, etwas Feierliches war in mir, ich war mir ganz fremd geworden vor Seligkeit.
Dann schickte ich Gedicht und Brief ab, hübsch adressiert: Kaiser Franz Joseph, Wien. Schönbrunn. Ich wollte ihm wirklich eine Freude machen: und ganz im geheimen dachte ich: er wird mir antworten, und bann werde ich ihm wieder zurückschreiben, und dann kommt ein neuer Brief von ihm, und bann ...
Aber es kam keine Antwort. Er schien keine Lust zu haben, mit mir zu forrefponbieren. Ich war froh, bah ich niemand bavon erzählt hatte, nicht einmal Papa.
Der Gläubiger hat unter bestimmten Bor- aussehungen das Recht, den Antrag auf Fortführung bzw. Einleitung des Zwangsverfahrens zu stellen. Allgemein ist dieses Recht für Altenteile, Tlnierhaltungs- verpflichtungen, Löhne, Steuern u. dgl. gegeben. Weiter wird dem Gläubiger der ersten Hypothek das Recht auf Zwangsversteigerung gegeben, wenn er den Nachweis führen kann, daß der Schuldner in der Bcrgangenheit längere Zeit seine Zinsverpflichtungen nicht erfüllt und auch nach Erlaß der jetzigen Verordnung seine fällige Zinszahlung nicht geleistet hat. Durch diese Bestimmung wird ein Anreiz zur Weiterzahlung der Zinsen geschaffen und das Funktionieren der Realkreditinstitute gesichert. Die Zwangsvollstreckung bleibt weiter gestattet für Gläubiger von Krediten, die nach dem 30. Juli 1931 für die laufende Betriebsführung gegeben worden sind, sofern nicht der Schuldner aus außerordentlichen Gründen zahlungsunfähig geworden ist, z. B. durch Seuchen. Mißernten, aber auch durch Rückwirkung des allgemeinen Preisstandes.
Durch die Verordnung wird insgesamt der ordentlich wirtschaftende Bauer vor der Zwangsvollstreckung geschützt, während böswillige Schuldner nach wie vor zur Abdeckung ihrer Verpflichtungen angehalten werden sollen. Unter Umständen wird sich an diese Verordnung noch eine Sicherung für die kleinen Gläubiger des Handwerks und Mittelstandes anschließen. Der Zweck der Verordnung über den Vollstreckungsschutz besteht vor allen Dingen darin, eine Voraussetzung für d i e Entschuld u n g zu schaffen, für die nunmehr in sachlich erforderlichem Umfang die nötige Zeit zur sorgfältigen Vorbereitung gewonnen worden ist.
Oer Reichslandbund gegrüßt das Kabinett Hitler.
Berlin. 14. Febr. (CND.-Funkspruch.) Der Bundesvorstand des Reichslandbun- d e s faßte eine Entschließung, in der er dem , Reichspräsidenten/s einenDank fürdie Berufung der /Führer der nationalen Bewegung zur Staatsführung ausspricht. Der Reichslandbund sehe darin den ersten Schritt, die rettenden Kräfte im ganzen Lande zur Einigung zu führen. Er werde das Einigungswerk innerhalb des deutschen Landvolkes mit "allen Kräften fördern und unterbauen. Die Landwirtschaft könne das große Sanierungswerk nicht von irgendwelchen Wahlergebnissen abhängig machen. Sie vertraue auf das Wort der Führer, die Macht nicht aus der Hand zu geben, auf alle Gefahr hin den Weg zu gehen, der nötig sei, daß Deutschland nicht verkomme. Die Z e i t d e r T a t e n sei gekommen!
Oer Wahlaufruf
der Deutschen Volkspartei.
Berlin, 14. Febr. (SIL) Der Parteivorstand der Deutschen Dolkspartei erläßt einen Wahlaufruf, in dem es u. a. heißt: Unbeirrt durch engen Parteigeist gehen wir in den Wahlkampf in einem christlich-nationalen Block, um durch die Listen der Deutschen DolLspartei für eine nationale Mehrheit zu kämpfen. Der DBP. fällt im Kampfe um die nationale Rettung aber noch eine besondere po- • lit.sche Aufgabe zu. Die Parteien der Regiernmgs- koalition und ihre Führer, mit denen wir uns in den nationalen Zielen der deutschen Politik einig wissen, hüllen sich trotz laut in die Lande schallender Agitation in tiefes Schweigen über die staatspolitischen. Wirtschafts- und sozialpoliti- schen Ziele uitb Wege ihrer zukünftigen Arbeit. Beide Regierungsparteien lehnen es bewußt ab, das Dunkel ihrer Zukunftspläne im Wahlkampf zu lichten. Wer deshalb die Aufgabe der kommenden Wahlen die feste nationale Mehrheit erreichen, aber gleichzeitig nicht Vollmachten für ungewisse Ziele erteilen will, der wählt die Deutsche Volkspartei. Je stärker dieser Flügel der nationalen Front aus dem Wahlkampf hervorgeht, desto sicherer wird der deutsche Arbeiter, Bürger und Bauer vor den
Gefahren politischer und wirtschaftlicher Experimente be wa h r t bleiben. Wir lehnen den P a r t e i st a a t mit feinen Diktaturgefahren ebenso ab, wie wir den Klassenstaat stets bekämpft haben und bekämpfen werden.
Kommunistische Fühlungnahme mit den freien Gewerkschaften.
Berlin, 14. Febr. (TU.) Der Berliner Bezirksausschuß der kommunistischen Gewerkschaftsopposition hat dem Ortsausschuß des ADGB. eine Aussprache über gemeinsam zu ergreifende Schritte vorgeschlagen, wobei betont wirb, baß man diese Verständigung trotz des Bestehens grundsätzlicher Differenzen suche. In der gleichen Weise hat sich der Vorstand des roten Einheitsverbandes der Metallarbeiter mit der Berliner Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiteroerbandes in Verbindung gesetzt. Der Ortsausschuß des ADGB. hat in feinem Antwortschreiben unter ausdrücklicher Betonung des
Oer Zwischenfall Morath.
Berlin, 15. Febr. (VDZ.) Ueber den Angriff auf den volksparteilichen Abgeordneten M o r a t h im Ueberwachungsausschuß hört das VDZ.-Büro folgendes: Als der Protcstfturm der Nationalsozialisten gegen Löbe als Vorsitzenden einsetzte, hatte der Abgeordnete M o r a t h die Absicht, den Saal zu verlassen. Er hatte sich aber kaum von seinem Platz erhoben, als er merkte, daß es sich um eine Ürauerfunbgebung für bie O p - er von Neunkirchen handelte. Er ist bann tehen geblieben und hßlt sich erst, als der tellvertretende Vorsitzende Frank die Sitzung chloß, zum Ausgang begeben. An der Tür erhielt er bann plötzlich einen Schlag in ben Rücken. Er drehte sich um und bekam einen zweiten Schlag ins Gesicht. Der Angreifer war der nationalsozialistische Abgeordnete Streicher. Morath verwahrte sich gegen diesen Angriff und rief: „Für wen halten Sie mich, was fällt Ihnen ein?", worauf andere nationalsozialistische Abgeordnete auf ihn eindrängten. Streicher rief aus: „Er hat während der Trauerkundgebung geraucht, die haben ja keine Würde, diese Marxisten." Der Abgeordnete Morath erklärte ausdrücklich, daß er wahrend der Trauerkundgebung n i ch t g e r a u ch t hat.
Oas Zentrum wendet sich an Göring.
Berlin, 15. Febr. (VDZ.) Im Namen der Zentrumsmitglieder des Ueberwachungsausschusses hat 'Abgeordneter Weg mann an den Reichstagspräsidenten Göring ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: Da Sie vom Vorsitzenden des Ausschusses über die Vorkommnisse vom 7. d. M. unterrichtet und gebeten worden sind, ben ordnungs- mäßigen Verlauf der heutigen Sitzung zu ermöglichen, muß ich meinem schmerzlichen Be- dauern Ausdruck geben, daß Sie dem Ausschuß die Ausübung seiner verfassungsmäßigen Rechte nicht ermöglicht haben. Ihr Nichteingreifen berührt mich um deswillen besonders eigenartig, well wir noch vor wenigen Monaten in dem gleichen Ausschuß gemeinsam gegen oer- fassungswidrige Maßnahmen der Regierung von Papen und für die Rechte der Volksvertretung gekämpft haben. Meine Fraktion hat Ihnen bei den letzten Präsidentenwahlen einmütig die Stimme gegeben im Vertrauen auf Ihre feierliche Erklärung, daß Sie die Geschäfte unparteiisch gemäß der Geschäftsordnung und der Verfassung führen würden. Nach Verfassung und Geschäftsordnung gehört es zu den vornehmsten Pflichten des Präsidenten, die Arbeiten des Plenums und seiner Ausschüsse zu gewährleisten. Sie werden mit mir davon durchdrungen sein, daß Sie sich von der unparteiischen Erfüllung
Einheitsfrontgedankens örtliche Verhandlungen als wertlos abgelehnt, da nur zentrale Verhandlungen zu einem Ziele führen könnten, darum bitte er, daß sich die zentrale Körperschaft der NGO. mit der Zentrale des ADGB. in Verbindung setze.
Oie Reichsliste des Zentrums.
Berlin, 14. Febr. (CNB.) Der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Zentrumspartei stellte folgende R e i ch s l i st e für Die Reichstagswahl zusammen: 1. Dr. Brüning, Reichskanzler a. D.: 2. Prälat Professor Dr. Ludwig K a a s ; 3. Dr. Stege r w a l d, Reichsminister a. D.: 4. Thomas Esser, Gewerbebankdirektor: 5. Dr. Hermes, Reichsminister a. D.; 6. Dr. H a d e l s b e r g e r , Fabrikbesitzer: 7. Dr. Wirth, Reichskanzler a. D.; 8. Dr. Florian Klöckner, Fabrikbesitzer: 9. Oberlehrer Hofmann, Ludwigshafen: 10. Frl. Peeren- boom, Düsseldorf.
Ihrer präsidialen Pflichten auch nicht durch Ihre Parteifreunde im Ausschuß abhalten lassen dürfen.
Auch Dr.I.auk II.
schreibt an den Aeichstagspräfidenten
Berlin, 14. Febr. (TA.) In einem Schreiben, das der Reichstagsabgeordnete Dr. Frank I I an den Reichstagspräsidenten Goring gerichtet hat, wird darauf hingewiesen, daß der Abg. Löbe am Dienstag wiederum versucht habe, den Vorsitz im Lleberwachungsausschuh auszuüben, obwohl er die von ihm begangene ungeheuere Herabwürdigung Adolf Hitlers durch die Bezeichnung „Adolf der Slowake" nicht mit dem Ausdruck lebhaftesten Bedauerns zurück- genommen habe. Der nationalsozialistischen Aus- schußmitglieder habe sich infolgedessen stärkste Erregung mit dem Augenblick bemächtigt, als Löbe die Eröffnung der Sitzung verkündet habe. Dr. Frank 11. habe erklärt, daß wegen der Stellungnahme der größten Fraktion zu Löbe dieser tatsächlich verhindert fei. den Vorsitz zu führen, und daß somit, um überhaupt eine sachliche Sitzung zu ermöglichen, der Stellvertreter den, Vorsitz zu übernehmen habe. Er, Dr. Frank II.. habe daraufhin die Sitzung eröffnet, eine Gedenkrede auf die Neunkirchener Opfer gehalten. während sich die Mehrzahl der Abgeordneten von den Plätzen erhoben habe und dann zum Zeichen der Trauer die Sitzung geschlossen. Die Sozialdemokraten und die Kommunisten hätten während der Trauerrede den Saal verlassen.
Dr. Frank Ii. erklärt weiter, es solle in der Erregung über das Verhalten der Marxisten einem Mitglied« des Ausschusses, das während der Trauerrede die Zigarre im Munde behalten hatte, die Zigarre aus dem Mund genommen worden fein. Er selbst fei nicht Zeuge dieses Vorfalles und müsse deshalb näheren Bericht darüber abwarten.
Dr. Frank II. ersucht am Schluß seines Schreibens den Präsidenten, verleumderischen Darstellungen der Sitzungsvorgänge, wie sie von Marxisten gegeben würden, entgegenzutreten und bittet um Schutz der nationalsozialistischen Ausschußmitglieder in der Wahrung ihrer Rechte.
Preußens Vertretung im Reichsrat.
Berlin, 14. Febr. (TU.) Die Kommissare des Reiches für Preußen haben folgende Zusammensetzung der Vertretung des preußischen Staates im Reichsrat beschlossen: Als Bevollmächtigte des preußischen Staates die Kommissare des Reiches: v. Papen, Göring, Popitz, Hugenberg und Rust. Als stellvertretende Bevollmächtigte im Hauptamt: Staatssekretär Dr. Nobis, die Ministerialdirektoren Dr. Landfried, Schütze, Neumann, Dr. Hog (Finanzministerium) und Hauptmann a. D. Körner (Ministerium des Innern). — Die Kommissare des Reiches haben weiter beschlossen, die
Die Vorgänge im Werwachungsausschliß
Pava war schon den ganzen Winter über krank gewesen, ich wußte nicht, was ihm fehlte. Sein Gesicht war goldbraun geworden wie Metall. Manchmal fragte mich die Lehrerin: „Wie geht es deinem Vater?" Ich wollte nicht mit fremden Menschen über meinen Papa sprechen. „Danke, es geht ihm gut", sagte ich. Die Lehrerin sah mich mit hochgezogenen Brauen an. Aber ich wollte weder mit ihr, noch mit sonst jemand über Papa sprechen.
Der Schnee war plötzlich fort, die Kastanien im Schulgarten hatten dicke Knospen. Eines Tages als ich heimkam, empfing man mich in heilloser Aufregung. „Was hast du angestellt, mein Gott, was ...!" Ein Detektiv war dagewesen, ein strenger Herr, der unbedingt herausbekommen wollte, wer mir den Brief an den Kaiser diktiert hätte. Hochverrat, Majestätsbeleidigung? Meine arme Mutter zitterte vor Entsetzen. Der strenge Herr gab keine Auskünfte, machte Notizen und verschwano. Auch in der Schule hatte er sich nach mir erkundigt. Aber abgesehen von der Schande, daß ich in die Direktionskanzlei gerufen wurde und dem Direktor alles haargenau erzählen mußte, geschah mir absolut nichts.
Papas bester Freuest) ging an die Front, er kam, um von uns Abschied zu nehmen und brachte mir eine große Puppe mit. Sie hatte echte Wimpern und ein weißes Spitzenkleid. Ich freute mich nicht. Papa lag zu Bett, er sprach wirre Dinge, man muß die Telegramme abschicken, sagte er, die Krawatten sind im Kursbuch, — ach, die ewige Nacht...
Dann wurde meine Mutter zum Schuldirektor gerufen. Ein Schreiben mit fünf großen Siegeln war angekommen.
Und am übernächsten Tag war eine Menge fremder Leute in der Schule, der Turnsaal war mit Fahnen und Blumen und Gipsfiguren geschmückt. Ein paar honigsüße Herren sausten um mich herum und sagten: „Erzähl uns doch alles, geh, sei lieb, da hast du also den Brief geschrieben, und..."
Nach jedem Wort bekam ich Schokolade. Dann rissen sie mir die Bonbontüten wieder aus der Hand, weil sie mich photographieren wollten. Ein junger Mann mit einem Zeichenblock zupfte immer an mir herum. Mir war ganz schwindlig.
Endlich kam der Schuldirektor und mit ihm lauter andere Schulräte und Gott weiß was noch. Meine Mutter sah sehr weit fort von mir, auf der Estrade und nickte mir zu.
„Seine k. und k. Apostolische Majestät geruhten Allergnädigst vom Inhalt des beiliegenden Briefes und Gedichtes Kenntnis zu nehmen, waren über diese spontane und finnige Anhänglichkeitskundgebung eines jugendlichen Gemüts sehr erfreut und spenden huldvollst der Joe Lederer das anverwahrte, mit einem Allerhöchstderen Initialen tragenden An-
Ministerialdirektoren Dr. Badt, Brecht und C o s z m a n n in den einstweiligen Ruhe st and zu versetzen.
Kunst unv Wissenschaft.
Junge italienische Kunst in Berlin.
Die Erwerbung jungitalienifcher Meister durch die Berliner National g a l e r i e wurde tm Kronprinzenpalais mit einem Festakt gefeiert, zu dem zahlreiche Persönlichkeiten aus Diplomatie, Kunst und Wissenschaft erschienen waren, u. a. der italienische Botschafter C e r r u t t i, Reichsminister Göring und Reichsminister Dr. Popitz. Nach einleitenden Worten des Direktors der National- galcrie Geheimrat I u st i, würdigte Reichsminister Göring die kulturpolitische Bedeutung der neu erworbenen Werke. Er erklärte u. a. Faschismus und Nationalsozialismus find darin einig, ihre Völker vor der Anarchie, vor der Zerstörung durch den Bolschewismus zu schützen. Beide wenden sich dagegen, daß Zersetzung und Anarchie in der grauenhaften bolfchewistischen Idee auch auf dem Gebiete der Kunst voran- schreiten und das Heimische zerstören sollen. Ich begrüße daher namens der Reichsregierung, daß als erstes Land Italien es ist, das hier in dem deutschen Museum eine Heimstätte gefunden hat und begrüße es doppelt und dreifach, daß es das neue Italien ist, das uns hier zeigt, was heimisches Empfinden, heimische Kraft, heimische Kunst zu gestalten wußte. Ich begrüße es besonders, daß es Künstler waren, die ebenfalls aus der Idee des Faschismus die Kraft geschöpft haben und die nun auf dem Gebiete der Malerei den Faschismus so zur Geltung bringen, wie er als stärkste Ausdrucks- form des italienischen Volkes heute seine Geltung hat. Das neue Deutschland, das mit dem 30. Januar angebrochen ist, das bereit ist, alle jungen Kräfte zu wecken, die nur in einer Generation ruhen können, die sich auf sich selbst besinnt, eine Regierung, die gewillt ist, deutsches Blut auf allen Gebieten wieder zur Geltung zu bringen, sie müssen sich verwandt fühlen mit dem faschistischen Italien.
Großer Erfolg der Berliner Philharmoniker unter Jutfroänglec in London.
Das Berliner Philharmonische Orchester begann seine diesjährige Konzertreise in England mit einem Beethoven -Abend in der Queenshall in London, die bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der deutsche Botschafter, der den Dirigenten Furtwängler in der Botschaft ausgenommen hatte, der österreichische Gesandte von Franken steim, Mitglieder des englischen Kabinetts, darunter Schatzkanzler Chamberlain und viele Mitglieder der englischen Gesellschaft, waren zu diesem Kunstereignis erschienen, das Furtwängler zuletzt noch zu einer Wagner-Gedächtnisfeier ausgestaltete, indem er über das Programm hinaus das Vorspiel zu den „Meistersingern" zugab. Furtwängler und sein Orchester wurden mit rauschendem, nicht endenwollendem Beifall überschüttet. Es war, wie „Daily Expreß" sagt, eine Art Heldenverehrung. Junge Damen küßten, hingerissen von der Eroika, das Bild Furtwänglers im Programm. Die Londoner Presse erkennt durchweg an, daß das Berliner Philharmonische Orchester der Lehrmeister für die englische Musikkunst war, die sich an ihm aufgerichtet und weiter ausgebildet habe.
Trauerfeier für Minister a. D. Dr. Becker.
In Dahlem bei Berlin sand die Trauer- feier für den verstorbenen ehemaligen Kultusminister Professor D. Dr. h. c. Dr. Carl Heinrich Becker statt. Generalsuperintendent D. Dibe -> lius entwarf ein Bild von der Tätigkeit des Verstorbenen. Für die Berliner Universität sprach Professor Dr. S ch a e d e r, der über das Lebenswerk von Professor Becker sprach und besonders seine starke Verbundenheit zur Jugend unterstrich. Zuletzt sprach der ungarische Gesandte, der dem Verstorbenen im Namen der ungarischen Regierung besonderen Dank für seine Tätigkeit im ungarischen Kulturkampf aussprach. Die Leiche wurde auf dem Dahlemcr Waldfriedhof beigesetzt.
heiliger gezierte goldene Halskettchen als Allergnädigste Anerkennung ..."
Der Schuldirektor las zuerst diesen Bries vor, und dann hielt er eine Rede.
Es war eine lange Rede, und der Saal war voll mit Menschen, und ich stand ganz allein, und alle starrten mich an. Es würgte mich im Hals, ich dachte an Papa, aber ich rührte mich nicht und sah geradeaus in die Luft.
Dann überreichte mir der Schuldirektor die Miller- gnädigste Anerkennung", sie lag auf himmelblauem Samt und glitzerte in der Sonne.
Und dabei sagte er etwas von „ ... würdig erweisen" und „Es wird dir einstmals eine tröstende Erinnerung sein, daß dein Vater durch dich noch diese Freude erleben konnte ..."
So sagte er mir ins Gesicht, daß Papa sterben mußte.
Später registrierten die Reporter: „Schluchzend nahm das Kind das kaiserliche Geschenk in Empfang."
Und sie schrieben, daß mir dieser Tag unvergeßlich sein würde ...
Zeitschriften.
— „Philosophie und Leben", hg. v. Prof. Ang. Messer. Verlag Felix Weiner, Leipzig. Viertels. 3 Hefte 1,80 Mk.. Einzelheit 0,75 Mk. — Das Februar-Heft handelt von den Problemen, Nöten und Idealen der jungen Generation. Es beginnt mit einer ausführlichen Analyse des Buches „Die Sendung der jungen Generation" von Günther Gründel. Aus dem Brief eines Lehrers spricht ergreifend der soziale Sinn und der Opferwille eines jungen Deutschen. Ein jugendlicher Arbeiter erzählt seinen inneren Entwicklungsgang. Diese Erzählung sowie weitere Briefe, die in der „Aussprache" mitgeteilt werden, ermöglichen tiefe Einblicke in das seelischgeistige Leben unserer vielfach so verschlossenen Jugendlichen und verraten mehrfach erstaunlich hohe Begabungen.
Hochschulnachnchten.
Auf den Freiburger Lehrstuhl der Kunstgeschichte wurde an Stelle von Professor Dr. Hans I a n tz e n der Privatdozent Dr. Kurt Bauch von der Tlniversität F r a n k f u r t a. M. berufen.
Dem o. Professor Erich Freiherrn von Red- wih an der Universität Bonn ist der Heidelberger Lehrstuhl der Chirurgie an Stelle des emeritierten Professors E n d e r l e n angeboten worden.


