Kr. 295 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Donnerstag, (4-Dezember (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Kindes-Opfer zu Weihnachten.
Es sind schon viele Bücher über Erziehung geschrieben worden, aber die besten Erzieher sind oft diejenigen, die nicht eine Zeile davon gelesen baden. Anfeuerndes Beispiel und erschütternde Erlebnisse wirken mehr als lange Reden. Das gebrannte Kind scheut das Feuer mehr, als das belehrte. Das Kind lernt spielend, und es kommt nur darauf an, daß es das Richtige lernt. Ich kannte einmal einen armen Maler, der es niemals unterließ, eine Scheibe Brot als wichtigsten Schmuck an den Werh- nachtsbaum zu hängen. Das haben sich seine Kinder gemerkt, und sie haben daraus gelernt, das kleinste Stückchen Brot hoch zu halten.
Nationalsozialismus bedeutet: Opfern können! Auch dazu kann das Kind am leichtesten durch das Beispiel erzogen werden. Niemals ist die Kinderseele so weich und aufgeschlossen, wie zur Weihnachtszeit. Die Weihnachtserlebnisse der Kindheit haften unauslöschlich in der Erinnerung. Man opfert am leichtesten für das, was man liebt. Aber man liebt auch das, wofür man Opfer gebracht hat.
Eine kluge Mutter pflegt an jedem Heiligenabend ihren Kindern etwa folgende Rede zu halten: „Das Christkind ist in diesem Jahre sehr arm. Aber es hat es mit euch besonders gut gemeint und euch viele schöne Sachen mitgebracht. Es gibt aber andere Kinder, die genau so brav sind wie ihr, und zu denen es nicht kommen konnte. Wollt ihr ihnen nicht etwas von euren Sachen abgeben?
Bei dieser Gelegenheit konnte man die merkwürdigsten Beobachtungen machen. Die kleine Else, die jetzt schon eine große, schöne Frau ist und selber Kinder hat, ging stets mit gesundem Menschenverstand an diese Aufgabe heran. Sie erkundigte sich danach, was die armen Kinder wohl am besten gebrauchen könnten, und entschloß sich dann meistens dazu, den Inhalt ihres „Bunten Tellers" zu stiften, denn die Hauptsache ist, daß man erst einmal etwas zu essen hat. Einmal verschenkte sie auch eine Puppe, weil sie schon mehrere hatte, die „noch ganz gut waren". Ihr Bruder Kurt dagegen erklärte sich bereit, die Hälfte seiner neuen Bleisoldaten zur Verfügung zu stellen. Der gutherzige kleine Erwin war über die Not der armen Kinder so gerührt, daß er einmal sein schönstes Geschenk, einen Steinbaukasten, den er sich schon lange gewünscht hatte, opfern wollte. Weniger gebefreudig zeigte sich dagegen Heini. Er überlegte immer sehr lange und kam zu keinem rechten Entschluß. Dieser Junge hat seinen Eltern viel Sorgen gemacht; erst nachdem er als junger Mann einmal eine Zeit lang schwer krank war, änderte er sich etwas.
Das diesjährige Weihnachtsfest bietet eine willkommene Gelegenheit, ähnliche Versuche auch in anderen Familie zu machen. Manche Eltern werden ihre Kinder dabei von einer ganz neuen Seite kennenlernen, die Kinder aber werden die Erfahrung machen, welche tiefe Befriedigung darin liegt, ein freiwilliges Opfer zu bringen.
Kaust Wohlfahrtsbriefmarken!
Die Wohlfahrtsbriefmarken, die in diesem Winter als Teilaktion des großen Winterhilfswerks vertrieben werden, find durch die NS.-Volks- Wohlfahrt und die übrigen amtlich anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege zu haben. In Anknüpfung an das Richard-Wagner- Gedächtnisjahr find als Markenbilder Motive aus den Mujikdramen dieses deutschen Meisters verwandt. Neun verschiedene Werte von 3 Pf. bis 40 Pf. gelangen zur Ausgabe. Szenen aus „Tannhäuser", „Fliegender Holländer", „Rheingold", „Meistersinger", „Walküre", „Siegfried", „Tristan und Isolde", „Lohengrin" und „Parsifal" nach Entwürfen von Professor Alois Kolb schmücken die Marken. Die Wahlfahrtsaufschläge betragen — besonders bei den kleineren gangbaren Werten — nur wenige Pfennige, die jeder aufbringen kann.
Neben den Marken erscheint auch eine Wagner- Postkarte mit eingedruckter 6-Pf.-Marke (Verkaufspreis 10 Pf.), die das Porträt Wagners im Markenbild trägt und eine Ansicht des Bayreuther Festspielhauses zeigt. Die Benutzung dieser besonders gut gelungenen Karte bedeutet kaum ein Opfer, denn es gibt schwerlich für 10 Pf. eine schönere Ansichtspostkarte. Die postalische Gültigkeit der Marken läuft bis 30. Juni 1934.
Durch die glückliche Wahl der Motive aus dem wertvollsten deutschen Sagengut, ebenso wie durch die hochwertige Ausführung in Stahlstich, werden die Marken viel Beifall finden und eine wirksame Waffe gegen Hunger und Kälte bilden.
NS-Vo1kswoh1fahrt§esKreisesGießeu
Betr.: Einziehen der Hlifglicösbcifräge jur J15.« volkswohlfahrl der Beamten. Angestellten ufw.
Bei dem Erheben der Mitgliedsbeiträge zur 516.= Volkswohlfahrt begegnen die Erheber noch vielfach der Ansicht, daß die Beiträge, besonders der Beamten, Angestellten ufw., durch die Dienststellen vom Gehalt abgezogen würden. Der Abzug geschah nur erstmals bei der Aufnahmeerklärung und wird für die Folge grundsätzlich von den Kassenwaltern der NSV. der Ortsgruppe erhoben, in welcher das betreffende Mitglied wohnt.
Heil Hitler!
gez. K l ö s, Kreiswalter der NSV.
WHW. Stadt Gießen.
Betr. Lebensmittelgutscheine.
Die verausgabten Lebensmittelgutscheine müssen bis spätesten 15. Dezember 1933 mit ausgestellter Rechnung an die Kreisführung, Landgraf- Philipp-Platz 3, Zimmer 19 eingereicht werden. Bei späterer Einreichung kann Berücksichtigung nicht mehr erfolgen.
gez. Klöß. F. d. R. M o h a u p t.
An die Hitlerjugend im Bann 116.
Es ist unbedingt erforderlich, daß die Oeffent- lichkeit über Zweck und Ziel der Hitler-Jugend aufgeklärt wird.
Zu diesem Zwecke gibt das Obergebiet West der Hitler-Jugend die „Fanfare" heraus, die 14tägig erscheint und sich in ihrer lebendigen und vielseitigen Ausstattung überall Freunde erworben hat.
Jeder Hitlerjunge hat die Pflicht, sich für den Vertrieb dieser als einzigen im Obergebiet West der Hitler-Jugend herausgegeben amtlichen Jugendzeitung restlos einzusetzen.
Wir verweisen auf die diesbezügliche Anordnung des Obergebietes West in der letzten Ausgabe der „Fanfare", in der es unter anderem heißt: „Von verschiedenen Seiten wird seit einiger Zeit der Versuch gemacht, andere Blätter, die mit uns gar nichts zu tun haben, als amtlich hinzustellen und vor allen Dingen auch in der Schule den Pflichtbezug irgendeines mehr oder weniger reaktionären Presseerzeugnisses zu verlangen. Jeder deutsche Junge und jedes deutsche Mädel liest nur das amtliche Zeitschriftenmaterial, das allein Gewähr echter nationalsozialistisckier Haltung und amtlicher Berichterstattung bietet/
Diese Anordnung tritt auch für den Bann 116 der Hitler-Jugend mit sofortiger Wirkung in Kraft.
Es ist somit allen Mitgliedern der HI. des DJ. und des BDM. im Bereich des Bannes 116 untersagt, andere als die amtlich von der Führung der Hitler-Jugend herausgegebenen Jugendzeitungen zu kaufen, oder sich mit deren Vertrieb zu befassen.
Der Führer des Bannes 116 gez.: Rudolf Buß, Geff.
Der Leiter der Abteilung K.
Walter Krömmelbein Schf. i. St.
Der Dichter.
Dem Andenken Stefan Georges.
Von Dans Carossa.
Wir entnehmen diese Erinnerung dem im Insel-Verlag erschienenen, kürzlich von uns besprochenen Lebensgedenkbuch „Führung u n d -G e l e i t" von Hans C a r o s s a.
An einem wolkigen Tage, während ich lesend in Bertrams* Stube auf den Tee wartete, vernahm ich aus dem Nebenzimmer die klare volltönende Stimme eines Mannes, eine Stimme von eigentümlicher Tragweite, die zum Mithören gleichsam verpflichtete. Nicht jedes einzelne Wort unterschied ich, er- kannte aber, daß hier ein Unbeirrbarer die Stellung des geistigen Menschen in der gärenden Gegenwart zu bestimmen suchte. Ich sah Bertram fragend an; er sagte nichts, bestätigte mir aber durch sein Lächeln, daß es George war, der da unserem Freund Glöckner ein Privatissimum gewährte. Ohne zu horchen hörte ich weiter, und wenn mich auch das meiste nicht erreichte, so fühlte ich doch die Sinnesart des Ganzen, die mir vorn „Stern des Bundes" her vertraut war Der sichere Ton des berühmten Lehrers, die bescheidenen Zwischenfragen des Jüngeren, während auf der Straße, unter leisem Flammenfall des Herbstlaubes, immer neue Soldatenkolonnen mit Marschmusik 3um Bahnhof zogen, geschmückt mit Blumen für die Flandernschlacht, — all dies traf doppelt bedeutungsvoll in mir zusammen, da ich ja im Vorhof des Kreises blieb und stärker als sonst meiner Einsamkeit, aber auch meiner Freiheit inne wurde. Sooft ich später von Dichterakademien spreche- hörte, fiel mir jene Stunde wieder ein. und immer war mir dann, als müßte eine solche Anstalt von derartigen Zwiegesprächen ihren Ausgang nehmen. Und in der Tat, wie viel hochbegabte junge Männer hat George durch beratende Unterhaltungen auf ihrem Wege bekräftigt, wie viele zu ihren Aufgaben gelenkt! Wären die darstellenden Bücher der Gundols, Bertram, Kantorowicz, Wolfskehl und Max Kommerell, der Heinrich Friedemann und von den Steinen auf anderem Wege geworden, was sie sind? Und wenn unserem Ernst Glöckner heute die schönsten, klarsten Handschriften glücken, wenn er sie mit so reinen kostbaren Miniaturen ziert, wie sie sonst nur im frommen Mittelalter möglich waren, so führt gewiß ein Se- gen solcher Stunden auch ihm die Hand. — „Und wer je von ihm gegessen, den wird immer nach ihm hungern", dieser Vers eines verloren gegangc«
* Ernst Bertram, Dichter und Literarhistori- ker an der Universität Köln
nen Gedichts möchte sich wieder melden, wenn ich die prägenden Kräfte des Meisters bedenke; denn auch jene Jünger, die ihn später verließen.und ihn scharf bekämpften, wurden durch feinen großen Bann genötigt, ihr Leben lang für ihn zu zeugen oder heimlich dem Orakel nachzusinnen, das er in den Jahren früherer Verehrung für sie gewesen. Was mich betraf, so hatte ich mir schon als eingeschlossener Zögling bald den jungen, bald den alten Goethe zum Freund und Führer gewählt. Ihm kann man folgen, ohne ihm zu verfallen, und wer ihm verfällt, bleibt immer noch frei genug. Er beleuchtet jedem seine Bahn und weiß um den Weg der Irrwege. Durch seine Heiterkeit und Unbefangenheit scheint er es jedem leicht zu machen und doch ist sein Anspruch an den gestaltenden Künstler nicht weniger hoch als der aller andern und sein Geheimnis das tiefste. Nicht immer merkt man dies im Augenblick; denn meistens, wenn er das größte ausspricht, klingt es so, als hätte man es in einer guten Stunde selbst sagen können. Als ich Georges Dichtung zu erfassen begann, war ich nicht mehr jung genug, um noch als echter Lehrling beginnen zu können und niemand erwartete das von mir. Aus Bereichen kam ich, von denen man in jenen Kreisen nichts wußte, ich wünschte, ihnen zu entrinnen, und war bereit, jede mir gemäße Hilfe anzunehmen. George spendete mir die seine, seit dem Tage da ich, durch einen Hinweis Hofmannsthals bewogen, den „Teppich des Lebens" zu lesen begonnen; sein Ton klang längst in meinen Vers hinein und wenn ich in den „Blättern für die Kunst" solche knappe Leitsätze das, wie sie auf der ersten Seite der Neunten Folge stehen, so fand ich mich besser unterwiesen, als durch die längsten Abhandlungen anderer.
„Die schönen Tage in Aranjuez/-
Dieser Ufa-Film, dem der berühmte Eingangs- vers aus dem „Don Carlos" den Namen gab, ist in einem großen Rahmen gemacht. In bestechender Photographie wird ein so malerisches Bilderbuch spanischer Landschaft vor den Augen des Beschauers aufgeblättert, daß man sich stellenweise in einen Kulturfilm oder einen Reisebericht versetzt glauben könnte Aber diese südliche Szenerie bildet nur den Schauplatz und Hintergrund für eine abenteuerliche und aufregende Kriminalgeschichte: Peter F r a n ck e und Walter Wassermann haben ein ebenso filmgerechtes wie phantasievolles Drehbuch geschrieben, und die Jagd nach der kostbaren Perlenkette, die mit einem verblüffend komischen Trick von einem mit allen Wassern gewaschenen Hochstaplerpaar aus Paris über die spanische Grenze entführt wird, ist
Weihnachtsfeier der Gießener SA.
Die SA. des Standortes Gießen wird am kommenden Samstagabend eine gemeinsame Weihnachtsfeier aller Stürme in schlichter Weise unter Mitwirkung des SA.-Musikzugs 116 in der Gießener Volkshalle begehen.
Strompreisvergünstigung für Ladengeschäfte mit Schaufenstern.
Um den Inhabern von Ladengeschäften mit Schaufenstern in der jetzigen Zeit besonders entgegenzukommen, hat das städtische Elektrizitätswerk beschlossen, die Sperrzeit für den Strombezug statt, wie bisher, um 22 Uhr, zunächst versuchsweise schon um 20 Uhr endigen zu lassen. Durch diesen Beschluß wird den Geschäftsleuten für die abendliche Beleuchtung ihrer Schaufenster eine ansehnliche Preisermäßigung gewährt. Hoffentlich machen möglichst viele Geschäftsleute von dieser Strompreisvergünstigung Gebrauch und beleuchten nun ihre Schaufenster auch nach Geschäftsschluß zur Besichtigung und zur Werbung.
Berichtigung des Gaupreffeamtes.
Das Gaupresseamt bittet alle Zeitungen um die Aufnahme folgender Berichtigung: Die in der Presse für den 16. dieses Monats angekündigte Führertagung d^r Bann- und Oberbannführer der Hitler-Jugend im Gebiet Hessen-Nassau findet nicht statt. Es handelt sich um eine Verwechslung mit der Führertagung des Gebietes Hessen-Nassau, die bereits am 6. Dezember stattgefunden hat.
Gießener Wochenmnrktvreise.
* Gießen, 14. Dez. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Landbutter, das Pfund 1,40 Mark, Kochbutter 1,20 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 15, Wirsing, das Pfund 20, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 12, Gelbe Rüben 10 bis 12, Rote Rüben 10, Spinat 25, Unterkohlrabi 6, Grünkohl 12 bis 20, Rosenkohl 30 Pf., Feldsalat 1,20 Mark, Meerrettich 50 bis 60 Pf., Schwarzwurzeln 25 bis 30, Aepfel 12 bis 16,
Birnen 10, Nüsse 50 bis 55, Gänse 65 bis 70, Tauben, das Stück 45, Endivien 10 bis 15, Lauch 10, Sellerie 15 bis 30 Pf.
«ornolizen.
— Tageskalender für Donnerstag: Stadttheater, 20 bis 22 Uhr, „0-Boot 116". — Goethe-Bund, 20 Uhr, Neue Aula, Agnes Miegel lieft aus eigenen Werken. — Turmhaus am Brand, 16 bis 18.30 Uhr, Kunstausstellung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die schönen Tage in Aranjuez". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Lumpenkavaliere". — Ortsgruppe Gießen-Ost, 20.30 Uhr, „Stadt Lich", Zelle 1, Zellenabend. ■
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, Deutsche Bühne, Reihe 1: Ungerade Mitgliedsnummern und freier Verkauf (Tagespreise) das Schauspiel: „U-Boot 116" von Karl ßerbs unter der Spielleitung von Kurt Lüpke. Ende: 22 Uhr. — Freitag, 15. Dezember, als 11. Vorstellung im Freitag-Abonnement das Drama: „Der Strom" von Max Halbe. Spielleitung: Anton Neuhaus. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 20 bis 22.30 Uhr.
** KIeinfeuer. Gestern gegen 10.45 Uhr entstand in einem Haufe am Kreuzplatz ein kleiner Kellerbrand, der von der alarmierten und rasch herbeigeeilten Feuerwache in kurzer Zeit gelöscht wurde. Auf dem Grundstück Rodheimer Str. 38 geriet gestern gegen 22.30 Uhr ein kleiner Holzschuppen, in dem ein Kaninchenstall untergebracht war, in Brand. Die Feuerwache war auch hier sehr rasch zur Stelle und konnte den Brand löschen, so daß größerer Schaden vermieden wurde.
** Studentenschaft und Vortrag im Goethe-Bund. Das Amt für Aufklärung und Werbung der Gießener Studentenschaft empfiehlt den Studierenden den Besuch des heutigen Vortrags im Goethe-Bund, bei dem. die ostpreußifche Dichterin Agnes Miegel aus eigenen Werken lesen wird. Verbilligte Eintrittskarten für Studenten find bei cand. rer. nat. Schuster, Kame- radfchaftshaus, ßeigefterner Weg 16, zu haben.
Iacharbeit im AaüonalsoziaWschen Lehrerbund
Von dem Kreisarbeitsleiter für die höheren Schulen Or. Adolph.
ii*.
Oie geistigen Grundlagen.
Die höhere Schule der liberalistifchen Zeit litt daran, daß sie weder ein Erziehungsideal, noch ein organisches Geftaltgesetz oder auch nur eine echte Tradition pädagogischer Formung besaß. Zwar hatte der deutsche Idealismus die Humanitätsidee gezeugt, die beherrschend über dem ßeben der Gebildeten und auch über der Welt der Schule stehen sollte. Aber dieses aus dem Geist der Antike geborene Bild menschlichen Seins erfuhr im 19. Jahrhundert nur allzu rasch eine bourgeoise Verflachung und übte tatsächlich eine sehr geringe bildnerische Wirkung aus. Für die Schule bestand der Ertrag der humanistischen Epoche in nichts weiterem als dem sehr blassen und lebensfernen Ideal einer allgemeinen Bildung. Man brachte an den jungen Menschen, um ihn „allgemein" zu bilden, eine möglichst große Schwemm-Maxe von Bildungsstoffen Hera n, die in keiner Weise organisch einverleibt und zum Aufbau einer geistigen Wesensgestalt verwandt werden konnten. Und man suchte, da man inhaltlich nichts zu sagen hatte, wenigstens die formalen Fähigkeiten des Verstandes zu entwickeln, damit sich der Zögling im ßeben an irgend einer Stelle einmal weiter helfen könne. Die Schule glich einem Warenhaus, das jedem etwas bot. Sie stellte zu beliebiger Auswahl anheim, aber sie gestaltete nicht. Sie war kein in sich geschlossener Organismus mit durchgreifendem Formgesetz. In zahllose Typen zer-
* Teil I in Nr. 289 vom 9. Dezember.
mit ungewöhnlicher ßebenbigfeit und Konsequenz von Station zu Station verfolgt und eingefangen wovden. Gegen Ende hin steigert und kompliziert sich die in der Fabel gegebene Spannung durch die Einflechtung einer ßiebesgeschichte; dies führt zugleich zur ßöfung, die das berühmte Zitat des Titels beziehungsvoll und ein wenig romantisch abwandelt. Spielleitung: Johannes Meyer. Er gibt klare und zugleich malerische Photographie; geschickte Ausnutzung der ihm zur Verfügung stehenden großen Mittel; Spannung, Tempo und Stimmung — also alles, was ein so abenteuerlich entworfener Film braucht. Wiedersehen mit Brigitte Helm: sie spielt ihre große Rolle elegant, knapp, kühl und konzentriert, sieht sehr gut aus und findet in ein paar kurzeü ßiebesszenen eine schöne und überzeugende ßoeterung der gesammelten, beherrschten und gleichsam immer sprungbereiten Haltung, die ihre Rolle verlangt. Neben ihr Gründgens, der, wie geschaffen für derartige Aufgaben, eine ausgezeichnete ßeiftung bietet: kühle Berechnung, halblaut sich äußernde Energie, nahezu allen Ueberraschungen gewachsene Wendigkeit, ßiebeneiner als sympathischer junger ßiebhaber, Tiedtke und Gül - ftorff in zwei komischen Episoden, Vespermann,Hardt und D u m rf e vervollständigen das gepflegte Ensemble. — Der Film läuft mit einem hübschen Beiprogramm seit gestern im ßicht- spielhaus.
Zeitschriften
— Das Nooemberheft der „Süddeutschen Monatshefte" ist einer umfassenden Ueberschau über die Probleme der heutigen Schweiz gewidmet. Der „Blick in die Schweiz" soll uns einen Eindruck von der Schweiz vermitteln, wie sie wirklich ist So kommt als Erster der bekannte Historiker Dr. Hektor Ammann zu Wort, der uns „die Schweiz als politische Sonbergeftalt" vor Augen führt. Ammann betont vor allem, daß die politischen ßeitgedanken der Schweizer Geschichte, der föderalistische Staatsaufbau und die außenpolitische Neutralität, sehr weit zurückreichen und sich mit dem Schweizer Volk so verschmolzen haben, daß sie ein Stück von jedem Schweizer geworden sind. Er übersieht freilich nicht, daß gerade in den letzten Jahren sowohl von der wirtschaftlichen wie von der politischen Seite her auch für die Schweiz neue drängende Probleme aufgetaucht sind, deren ßöfung durch den politischen Traditionalismus des Schweizer Volkes nicht unwesentlich erschwert ist. Er spricht offen von den Nachteilen der bis zum äußersten durchgeführten Demokratie und von der Gefahr für bas Schweizer Volk, sich in Atome aufzulösen und darüber die cill-
fplittert war sie zu einer bloßen Uebermittelungs» stelle von Wissen geworden. Die lebendige Prägung ging über ihre Kraft. Ihre Arbeit erschopfts sich im methodischen Betrieb. Wie in manchen Kliniken die Patienten als bloße Versuchskaninchen für medizinische Verfahren gedient haben fallen, so stand das Kind in Gefahr, zum bloßen Objekt methodischer Experimente zu werden. Der ßehrer hatte seine Rotte als Führer und Erzieher ausgespielt. Er war zum Methodenkünstler geworden. Einst war die Methode bloßes Mittel zu einem höheren Zweck gewesen, jetzt hatte sie sich längst zum Selbstzweck aufgeschwungen. Wer das Instrument der Methode am gewandtesten handhabte, immer neue Theorien und Finessen erfand, der war der v,gute" ßehrer, der große Mann ..
Der Nationalsozialismus hat hier Wandel geschaffen. Er hat die Schule aus der Ungeftalt ihres Wesens, aus Chaos und Zersplitterung, Versandung, Intellektualismus und formalem Methodenbetrieb erlöst. Er hat ihr wieder ein bezwingendes Hochziel menschlichen Seins geschenkt, das als geheimer ßeitftern über allem Unterricht steht. Er bindet die Unterrichtsfächer wieder zu einer organischen Gesamtform zusammen und durchdringt sie mit dem Gesetz sinnvoller Ordnung. Er überwindet den ßeer- lauf methodischer Künsteleien durch den Führergedanken, der sich im Unterricht genau so fruchtbar erweisen wird wie im Volksleben. War die Gestalt des ßehrers im liberalistifchen Staat zuletzt fragwürdig geworden, so hat es jetzt wieder Sinn, ßey- rer zu sein. Der ßehrer darf das Bewußtsein haben, an einem lebendigen Werk-Ganzen meisterlich mit» gemeinen Interessen zu kurz kommen zu lassen. Georg Jürgens führt in das besondere Verhältnis von Staat, Volk und Wehrmacht der Schweiz ein, das eine eigenartige Mischung von demokratischem Traditionalismus („Der General wird erst im Kriegsfälle gewählt!") und modernen Heeresgedanken ergibt. Josef Nadler gibt einen Uederblick über die Literatur der deutschen Schweiz, über ihre historische Entwicklung und moderne Ausformung. Eine Novelle des Schweizer Dichters Alfred Huggenberger vermittelt gleichzeitig einen schonen Eindruck lebendiger deutscher Dichtung. Schließlich sei noch ein Aufsatz des Baslers Franz Pcchota über die Wirtschaftslage der Schweiz erwähnt, deren Betrachtung bei einem „Blick in die Schweiz" nicht fehlen darf.
— Der Reichsausschuß für Volksgesundheitsdienst wurde am 20. November 1933 gegründet. Anläßlich dieses Tages berichtete Reichsminister Frick über die Aufgaben und Ziele der nationalsozialistischen Regierung auf dem Gebiete der Rassenhygiene. Diese bedeutsame Aussprache wurde im Dezemberheft der Monatsschrift „Volk und Rasse (I. F. ßehmanns Verlag, München 2 SW, Preis 0,70 Mk.) veröffentlicht. Der Reichsausfchuß wird vor allem dazu beitragen, die Aufklärung über Erbgesundheitspflege und Rassenkunde zu fordern. Die Kenntnis der eigenen Persönlichkeit und ihrer erblichen Beschaffenheit erlaubt es, das ßeben bei Ausnützung der erkannten Anlagen bewußt und erfolgreich zu gestalten. Hierfür ist eine Sippschaftstafel notwendig. Zu ihrer Anfertigung gibt Dr. K. Astei eine Anleitung mit praktischen Beispielen. — In einem Aufsatz von Dr. A Bluhm ist die Sippschaftstafel der Dichterin Ina Seidel wiedergegeben. Das Geschlecht Seidel hat eine Reihe bedeutender Dichter hervorgebracht. Es zeigt wieder aufs Neue die Bedeutung der Pfarrerfamilien, die — hervorgegangen aus dem Bauerntum — häufig Quelle deutschen Dichtertums sind. Die Arbeit beweist zugleich die Erblichkeit geistig-seelischer Merkmale. Das reichhaltige Dezemberheft bildet einen würdigen Abschluß des 8. Jahrganges der Monatsschrift.
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Die philosophische Fakultät der Universität F r a n k f u r t a. M. hat den Direktor Dr. 51 r ä n z- lein von dem Werk Höchst der IG.-Farbenindustrie zum Ehrendoktor ernannt „in Anerkennung seiner vorzüglichen ßeiftungen auf dem Gebiete der organischen Farbstoffe und seiner Der- bienfte um die Ausbildung der jungen Chemiker« generation in der Technik".


