Ausgabe 
14.8.1933 Frühausgabe
 
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KommuMche Zrnlrale in Wen antzederki.

Lieber 200 Personen festgenommen.

Essen, 12. 2lug. (WTB.) Der Kampf gegen den kommunistisch-marxistischen Staatsfeind hat im Po­lizeibezirk Groß-Essen in den letzten Tagen em beachtliches Ergebnis gebracht. Nach langwierigen Beobachtungen konnte von der Politischen Polizei eine illegale kommunistische Nachrich­ten- und Kurierzentrale aufgedeckt und unschädlich gemacht werden. Umfangreiches Druck- und Schriftenmaterial wurde beschlagnahmt. Das Material enthält u. a. Pläne und Anweisungen für Len Wiederaufbau der KPD. im Nh ein - und Ruhrgebiet, ferner Landkarten mit Ein­zeichnungen, Anweisungen für die Verschlüsselung geheimer Nachrichten und eine Liste mit Deck­adressen.

Aus Briefschaften gehl hervor, baß vom Aus­lande, insbesondere vom Saargebiel aus, enge Verbindungen zu dieser Zentrale bestanden. So enthalten einige Schreiben Aufträge, sich an Beamte und Angestellte von Behörden heranzu- machen und die erforderlichen Unterlagen, wie Lagepläne, Schlüssel, Dienstpläne, Verzeichnisse der Privakwohnungen leitender Beamten u. a. m. für ein späteres gewaltsames Vorgehen zu beschaffen und sicherzustellen. Ferner sollten Listen über die vorhandenen Schießmeister und Sprengstofflager in den einzelnen Bezirken ge- sammelt und registriert werden.

Daß diese Anweisungen auch bereits befolgt wur­den, ergab die Auffindung entsprechend hergestellter Listen mit zahlreichen Photographien von Pol-.zei- beamten und Führern der SA. und SS. Sogar ein Gruppenbild der Essener weiblichen Polizei konnte beschlagnahmt werden. Von besonderer Bedeutung war die Sicherstellung einer umfangreichen Kartei mit über 500 Aktenblättern, die Aufschluß überDe­nunzianten" undSpitzel", sowie den Vertrauens­männerapparat der illegalen Organisation gibt. Aus aufgefundenen, auf bestimmte Namen ausgestellten Parteibüchern der NSDAP., teilweise mit längerer Mitgliedschaft, geht eindeutig hervor, daß organi­sierte Spitzel- und Provokateur-Gruppen in der na­tionalen Bewegung unterhalten wurden. Der Leiter der Nachrichtenzentrale und weitere sechs Personen wurde festgenommen. In diesem Zusammenhang ist es bedeutungsvoll, daß vor einigen Tagen

ein etwa 1 Meter langes Kantholz beschlagnahmt worden ist, in das 165 Sprengkapseln eingebaut waren.

In Essen-Steele wurde vor einigen Tagen ein kommunistischer Spitzelfunktionär, der von Berlin

ins Ruhrgebiet entsandt worden war, erkannt und hinafeft acmndit. Insgesamt inb tn den letzten zehn Tagen irn^P^sidialbezirk Groß-Essen über 200 Personen wegen kommumstiicher Umtriebe f e st- genommen worden.

Geheimbüros in Berlin entdeckt.

Berlin. 12. Aug. (WTB) Wie da^ Ge­heime Staatspolizeiamt mrtterlt, konnte in P o t s- d a m ein Berliner Personenkraftwagen mit großen Wengen kommunistischer Flugblätter beschlagnahmt werden. Die Begleiter des Transportes, führende Ber­liner Kommunisten, wurden verhaftet. Damit ist die Geheime Staatspolizei einem neuen Geheimbureau der KPD. auf die Spur gekommen. Vier Personen, die in dem dringenden Verdacht stehen, an dem Ver­trieb dieser Flugblätter beteiligt zu sein, wurden festgenommen. Gleichzeitig konnten vier Kommu­nisten verhaftet werden, die ein Geheim- Bureau errichtet hatten, in dem ein Ersah der ..Boten Fahne" gedruckt werden sollte. Sämtliches vorgefundene Material wurde be­schlagnahmt. Den Kommunisten gelang es, noch vor ihrer Verhaftung einen großen Teil des illegalen Druckschriftenmaterials zu verbrennen.

Ins Konzentrat onsla "er verb acht.

Darmstadt, 12. Aua. (WSN.) Nachdem be­reits vor einigen Tagen der berüchtigte Exbürger­meister und Landfriedensbrecher Karlo Neff aus M i ch e l st a d t durch Beamte des Hessischen Staats­polizeiamts festgenommen und ins Konzentra­tionslager verbracht worden war, fand gestern in Michelstadt erneut eine Reihe von F e st - n ahm en statt. Auf Anordnung des Hessischen Staatspolizeiamts wurden insgesamt 11 ehema­lige Angehörige der SPD. durch die Gen­darmerie verhaftet und durch das Sonderkommando sofort nach O st Hofen verbracht. Auf dem Markt­platz, vor dem alten historischen Rathaus, in Michel­stadt hatte sich eine riesige Menschenmenge ange­sammelt, die durch lebhafte Beifallskundgebungen ihrer Genugtuung über den Abtransport der Marxi­sten Ausdruck gab. Bei den Schutzhaftgefangenen handelt es sich fast durchweg um Personen, die an den bekannten L a n d f r i e d e n s b r ü ch e n in Michelstadt beteiligt waren und bisher dafür keiner­lei Strafe verbüßt haben. Dies hatte ihnen den Mut gegeben, sich auch jetzt noch gegen die nationale Regierung zu betätigen und bei jeder Gelegenheit gegen den Führer Stellung zu nehmen.

Präsident Machado« Kuba geflohen.

neUyork, 13. Aug. (BJIB.) WieAssociated preß aus 71 asfau auf den Bahama-Jnseln meldet, ist 2N a ch a d o , der bisherige Präsident von k u b a, mit vier Begleitern auf der Flucht im Flug­zeug dort eingetroffen.

Der neue Präsident.

H a b a n n a, 12. 2lug. (WTB.) (Reuter.) Durch einen Salut von 21 Kanonenschüssen, die von der Festung Cabana abgescuert wurden, ist der Be­völkerung bekanntgegeben worden, dah die Ar­mee die Ernennung von Carlos Manuel Cespedes y Ortiz zum Präsidenten von Kuba anerkannt hat.

Cespedes y Ortiz leistete heute den E i d auf d i e Verfassung als vorläufiger Präsident von Kuba. Er erklärte, daß er eine nationale Re­gierung aus allen politischen Parteien bilden werde. Der Präsident hat den Kongreß und den Obersten Gerichtshof aufgelöst. Die Armee verhinderte wei­tere Kundgebung. Der Kriegszustand bleibt vorläufig bestehen, doch ist das Land ruhig, nachdem während der Freudenfeiern in Havanna

schätzungsweise 40 Personen, darunter 20 Mitglie­der der Geheimpolizei, getötet und 200 verwundet, in Santiago drei Personen getötet und 25 verletzt worden waren. Unter den 50 zerstörten Wohnungen befinden sich auch die des Staatssekretärs Fer­re r a und des Vorsitzenden des Obersten Gerichts Gutierrez. F e r r e r a , der Kuba mit seiner Frau im Flugzeug verlies, ist in Miami in Flo­rida eingetroffen.

Amerikas Rotte.

Washington, 12. Aug. (WTB. Reuter.) Präsident Roosevelt ist, von Hhdepark im Staat Reuyork kommend, wieder in der Bundes­hauptstadt eingetroffen.

Staatssekretär Hüll hat seinen Plan, nächste Woche in Tlrl aub zu gehen, vorläufig aufge» schoben, weil er mit den Ereignissen in Kuba in engster Fühlung bleiben will. Der Staatssekre­tär hat die Erklärung abgegeben, dah der ku­banische Handel durch die Zolltarif­politik der Vereinigten Staaten er - st i ck t worden sei. Amerika werde in Zukunft alle Anstrengungen machen, um diesem von ihm nicht gewollten Hebel abzuhelfen. ______________

Sei Timmermans im schönen Lier

Von Erich Grisar.

Im schönen Lier, am blanken Nethefluß, sitzt der Dichter Felix Timmermans, läßt die Beine in das Wasser baumeln und dichtet. Vom dicken Pallieter und dem Beginchen Symforosa dichtet er. Dom Blutsbruder Breughel und dem Licht in der Laterne. Manchmal malt er auch, und das ist die Ursache, warum ich, kaum daß der Omnibus, mit dem ich von Antwerpen gekommen war, mich auf dem Marktplatz abgesetzt hatte, schon einen alten Bekann­ten traf. Es war der hohe Belfried, der seit dem Jahre 1369 wie ein Lanzenreiter auf dem Dach des Rathauses sitzt. Gleich vorn im Buch vom schönen Lier, dem der Dichter ein Dutzend oder mehr eigene Zeichnungen beigegeben hat, ist er abgebildet, und wie ich dann durch die alten Straßen der stillen Stadt wanderte, erkannte ich bald hier ein Türm­chen, dort ein Eckchen, hier ein Gäßchen, dort ein Wetterfähnchen wieder, und ich sah, daß hier ein Dichter wohnt, der seine Stadt gut kennt. Ob wohl die Stadt auch ihren Dichter so gut kennt?

Ich ging in einen Buchladen und fragte nach dem Hause, in dem der Dichter wohnt. Man schickte mich zum Flusse hinunter. Gleich neben dem alten Kapell­chen ist sein Haus, hatte man mir gesagt, aber neben dem alten Kapellchen hatte sich eine ganze Reihe Häuser aufgestellt, und keinem war von außen an­zusehen, daß in ihm ein Dichter wohnt. Später, wenn er tot ist, wird das anders sein, da wird das Haus, das heute ohne jede Auszeichnung mit den andern Häusern in einer Reihe steht, einen Orden erhalten. Und jeder kann lesen, daß hier der Dich­ter Timmermans gelebt hat.

Zum Glück kam gerade der Briefträger des Weges. Der nahm mich mit, und weil er sowieso einen Brief abzugeben hatte, gab er mich gleich mit ab. Ein jun­ges Mädchen nahm mich ein wenig verwundert in Empfang und hieß mich warten, denn der Dichter lag gerade auf dem Ohr und schlief sich eins. Ich murmelte etwas von später wiederkommen, aber das sollte ich nicht, und so saß ich denn allein in dem großen Zimmer neben der Tür und sah mir die Bil­der an, die überall an den Wänden hingen. Sie waren in der Art, wie Schiestl seine Bilder malt, aber leuchtender in den Farben und naiver im Strich. Es war nicht schwer zu erraten, daß der Dichter sie gemalt hatte, der bald darauf, ein wenig verschlafen noch und mit nach allen Himmelsrich­tungen fortstrebenden Haaren in die Stube trat und mich begrüßte. Nun war es mit dem Bilderbetrach- teu aus. Als wir jedoch nach einer Weile auf die Bilder zu sprechen tarnen, die ja im Leben des Dich­

ters eine ebensogroße Rolle spielen wie seine Bü­cher, fragte ich ihn, ob auch Bilder von ihm im Handel seien. Leider nicht, bedauerte er. Er habe $u wenig Zeit zum Malen. Und er sagte das, wie ein Bauer es sagen würde, der mit Kummer im Herzen zugeben muß, daß sein Acker nicht groß genug ist, um mehr als den eigenen Bedarf zu decken.

Besser steht es ja mit den Büchern. Aus einem Buche macht der Drucker tausend und aus einem Tausend viele Tausende, die dann in der ganzen Welt dem, der sie geschrieben hat, Freunde werben. (Die dann eines Tages ankommen und ihm die Bude vollspucken.) Ich erinnerte den Dichter daran, daß gerade in Deutschland seine Bücher viel gelesen wer­den.Dats god von die Deutschen", sagte er und lachte mit beiden Backen. Und was für Backen! Das waren noch Backen, mit denen zu lachen sich lohnt. Und doch hindern sie nicht, daß der Kopf des Dich­ters, der schon sehr angegraut ist, den Eindruck starker Verinnerlichung macht.

Man spürt, daß hinter dieser Stirn eine Kraft lebt, die im Aufbegehren gegen den Lebensverdruß dem ringenden Geiste ein heiteres Bekenntnis zu den Kräften des Lebens abrang.Humor ist die Lebensfreude, die über dem Lebensverdruß auf­blüht", bekennt der Dichter, als ich ihn bitte, mir ein Wort mit auf den Weg zu geben. Wir sprechen noch ein wenig über das letzte Buch des Dichters, in dem er das Leben des heiligen Franziskus schil­dert. Ich wage den Einwand, daß das asketische Le­ben dieses Mönches nicht recht zu den säst- und kraftvollen Tollereien des freß- und sauflustigen Pallieter und des Blutsbruders Breughel zu passen scheine, aber da wehrt der Dichter ab. Er will nicht immer nur mit seinem Pallieter identifiziert werden, und er nennt mir eine Reihe Bücher, die er geschrie­ben hat, deren Haltung, so blutvoll und erlebnis­reich auch ihre Sprache ist, doch schon auf den Fran­ziskus hindeutet.

Ehe ich Timmermans verlasse, mahnt er mich noch, ja nicht zu versäumen, mir den Beginenhof anzusehen, der die Perle Flanderns sei. Dann bin ich wieder allein in den stillen Straßen Siers. Ein paar Nonnen wackeln vor mir her. Sie haben nichts von den jungen, leichtfüßigen Beginchen an sich, die in den Büchern des Mannes leben, den ich eben verließ. Hinter dem Beginenhof, durch dessen schönes Portal ich hindurchgegangen bin, fand ich eine Reihe gleichförmiger Häuser, die die Nähe der Beginchen so fromm gemacht hat, daß sie, eins wie das andere, auf die Knie gesunken sind. Eingeschüchtert von so­viel Demut suchte ich einen Weg aus dieser Gasse. Ich fand ein Tor und schritt hindurch. Da lag die blanke Nethe vor mir, und unter den Bäumen eines kleinen Wäldchens sah ich weiße Wäsche schimmern.

Das Valdo-Geschwader wieder in Men.

Trmmphzug nach Hom.

Die Autofahrt nach Rom gestaltete sich für die Transozeanflieger zu einem wahren Triumph- z u g. Die Begeisterung der unabsehbaren Massen erreichte ihren Höhepunkt, als die Flieger sich auf der Piazza Colonna, wo sie nach über einstündi- ger Fahrt eintrafen, auf einem großen Balkon der seit Stunden auf sie wartenden Menge zeig­ten. .Richt geringer war der Jubel zwischen der Pauls-Kirche und dem Pauls-Tor, durch das die Flieger bei Einbruch der Dunkelheit ihren Ein­zug in Rom hielten. Während der Fahrt entlang des Tiber flammte auf dem Gianicolo vor dem Garibaldi-Denkmal in 18 Meter hohen Riesen­lettern das WortDux auf. Dann folgte der Gruß des von starken Lichtgarben umfluteten capi- tolinischen Turms, von dessen ragender Höhe die italienische Trikolore die Heimkehrenden grüßte. Rur mit Mühe gelangten die Kraftwagen zum Altar des Vaterlandes mit dem Grab des Un­bekannten Soldaten. Heberalt wollten Tausende und Abertausende Balbo und seine Flieger be­grüßen unb Mussolini, den eigentlichen Schöpfer der italienischen Luftfahrt.

Der große Tag der Rückkehr der italienischen Transozeanflieger ist in Rom mit einem unbe­schreiblichen Empfang zu Ende gegangen, wie er wohl auch in der italienischen Hauptstadt in­mitten einer bis zur Weißglut gesteigerten Be­geisterung der Volksseele noch nie dagewesen fein Dürfte.

Als Balbo endlich gegen 21 Uhr mit den Trans­ozeanfliegern auf dem großen Balkon der Piazza Colonna erschien, kannte der Jubel der Massen keine Grenzen mehr. Erst, nachdem zum Zeichen, daß Balbo sprechen will, wiederholt Fanfaren ertönt waren, legte sich der Jubel Balbo beschränkte sich bei seiner Ansprache aus wenige Sätze, um mit klarer Stimme dem römischen und italienischen Volk im Namen der Transozeanflieger für den grandiosen Empfang zu danken. Er wie seine Ka­meraden wollten sich aber durch diesen Empfang nicht blenden lassen, sondern eingedenk bleiben der Tatsache, daß sie nichts anderes als bescheidene Sol­daten eines großen Führers seien, in dessen Namen es herrlich und leicht sei, jeden Sieg zu erringen. E s lebe Mussolini, die Menge stimmte in diesen Hochruf begeistert ein und ergänzte ihn mit brausenden, nicht endenwollenden Hochrufen auf Balbo und feine Kameraden.

Bejubelte He mkehr.

Rom. 12. Aug. (WTB.) Das transatlantische Geschwader B a l b o s ist um 18.05 Hhr über Ostia, dem Lido di Roma, in vollkommen ge­staffelter Ordnung eingetroffen, von hundert­tausend Stimmen begrüßt, die Musso­lini und Balbo zujubeln. Kurz nach 17 Hhr gab Balbo beim ersten Anblick der noch fernen Küste Italiens in einer Radio-Meldung an seine Kameraden seiner tiefen Ergriffenheit Ausdruck, sein Vaterland Italien nach 42 Tagen wieder begrüßen zu dürfen. Am Landungssteg, wo in einer Stunde etwa die Flugzeuge niedergehen werden, steht Mussolini im Schwarzhemd, steht der italienische Kronprinz, stehen tausend Fliegeroffiziere in weißer Hniform zur Be­grüßung des siegreichen Geschwaders bereit.

18.20 Uhr ertönt in Rom der laute Freuden- r u f der S i r e n e n; die gewaltigen Menschenmassen, die seit einer Stunde auf Straßen und Plätzen und auf den römischen Hügeln das zweite italienische atlantische Geschwader begrüßen wollen, ersaßt un­geheurer Jubel. Einige Flugzeuge kreisen in Er­wartung der Heimkehrer hoch über Rom. Seit 15 Minuten kreist das Geschwader über dem Lido di Roma, von frenetischem Beifall begrüßt, der sich nach wenigen Minuten in den Straßen Roms beim Er­scheinen des Geschwaders wiederholt.

Nachdem um 18.35 Uhr (MEZ.) als erstes Flug­zeug die Maschine Balbos gewassert war, gingen um 18.38 UhralleFlugzeugedesGeschwa- ders auf dem Wasser nieder.

Ein Mädchen saß dabei und las in einem dicken Buche, während ein anderes Mädchen über den Fluß sich beugte und Wasser schöpfte. Von drüben grüßte der dicke ©ommarus herüber. Hell klang die Melo­die seines Glockenspiels. Kaurn war der letzte Glocken­schlag verhallt, so begann von einem andern Turme eine neue Melodie zu klingen. Als auch die verklun­gen war, schlug eine Einzelglocke dreimal. Eine an­dere Glocke nahm den Ton auf und sagte ebenfalls die dritte Stunde an. Als auch diese verhallt war, begann auf dem Gammarus das Glockenspiel von neuem. Eigentlich müßten ja die Glocken alle zu­gleich ihre Zeit ansagen, aber dann ginge der Stadt viel verloren.

So sind die Kirchen denn dahin übereingekommen, dah die eine ein wenig vor, die andre ein wenig nach der Zeit schlägt. Die übrigen Uhren rangieren sich ein. Natürlich ist auch eine Uhr in der Stadt, die ihre Zeit genau ansagt, aber das ist in dem Ge­dränge und ohne genaue Ortskenntnis nicht festzu­stellen: denn ehe die letzte Glocke glücklich drei ge­schlagen hat, rüstet die erste sich schon, um die erste Viertelstunde nach drei anzusagen. Zwischendurch härt man einen Zeitungsboten auf sein Horn blasen, mit dem er die Leute an die Türen lockt, damit sie ihre Zeitungen, die er ihnen nicht in das Haus hin- aufträgt, in Empfang nehmen. Dom anderen Ende der Stadt antwortet mit leiserem Horn ein Kollege. Drüben über dem Fluß ertönt das Hämmern einer Axt. Ein Wasserwerk schnauft, und ein Karren hol­pert über das rumplige Pflaster. Eine Pumpe knarrt, und hinter den Mauern des Beginenhofes quietschen Schweine, die hier aus den Schlachttag warten, vor dem sie alle Heiligkeit jbes Ortes nicht bewahren wird.

Für eine Weile habe ich mich auf eine Bank ge­setzt, um den Frieden dieser Stadt, die in der frucht­baren Mulde des Landes sanft sich bettet, zu genie­ßen. Ein Angler sitzt nicht weit von mir und war­tet auf die Fische, die im Silbevfluß schwimmen. An der Schleuse unter der Brücke fischt ein anderer Mann nach einem Ball, der sich im Gebüsch des Ufers verfing. Zwei Kinder spielen dicht vor meinen Füßen. Nun kommt von drüben, da wo ein Dutzend Jungens laut und lärmend Fußball spielen, ein alter Pater herangeschnauft. Er grüßt mich und fragt dann die beiden Kinder, die sich beeilen, ihm die Hand zu küssen: Seid ihr auch artig gewesen? Die Kinder sind verlegen. Sie wissen nicht, ob sie ja sagen sollen oder nein, denn so artig waren sie natürlich nicht, daß, sie, ohne lügen zu müssen, ja sagen könn­ten. Und nein möchten sie erst recht nicht sagen. Aber der Pfarrer wartet nicht auf eine Antwort. Mit freundlichem Lächeln greift er in die Tasche und zieht ein paar bunte Heiligenbildchen heraus, die er Den Kindern gibt. Dann geht er weiter.

Als das Geschwader um 18.21 Uhr in Ostia zum Wassern ansetzten, ertönten alle Sirenen, und vom Janiculus bornierten die Geschütze den Empfangs­salut. Gleichzeitig brachen über 100 000 Menschen in ungeheuren Jubel aus, der kein Ende nehmen wallte. Als erster ging Mussolini, als Balbo an Land stieg, den Heimgekehrten entgegen und be­grüßte sie. Unterdessen wasserten die anderen Flug­zeuge. <)Um Empfang hatte sich auch der italienische Kronprinz, der mit dem Flugzeug aus Neapel ge­kommen war, sowie die Botschafter von Argentinien und Amerika und der deutsche Geschäftsträger ein­gefunden. Ein besonders ergreifender Augenblick war die Landung Balbos, auf den sofort Mus­solini zuging, um ihn zu umarmen. Um 19.15 Uhr waren bereits sämtliche Apparate zu Wasser ge­gangen. Damit ist der zweite italienische Transatlantikflug, bei dem in 13 Etappen und 42 Tagen rund 20 000 Kilometer zurückgelegt worden sind, beendet. Balbo und feine Flieger fuh­ren in Begleitung von Tausenden von Automobilen nach Rom. Mussolini unterhielt sich sehr lange mit Balbo. Der Duce begrüßte jeden der Flieger und ließ sich von ihm Bericht erstatten.

Empfang durch den König.

Rom, 13. Aug. (TH.) Am Sonntagvormittag begaben sich die italienischen Ozeanflieger im Kraftwagen zum Quirinal, wo sie vom König empfangen wurden. Als die Flieger den Pa­last verließen, begab sich der König mit dem Her­zog von Aosta auf den Balkon des Palastes, wo ihm die Menge eine große Ovation bereitete. Rach einer Huldigung am Denkmal des unbekannten Soldaten gingen die Flieger zu Fuß durch die Straße des Imperiums, von der Bevölkerung ju­belnd begrüßt. Den Höhepunkt bildete der Durchmarsch durch den Triumphbo­gen des Constantin, wo sich die faschistischen Ver­bände und die Abordnungen der einzelnen Trup­penteile des Heeres ausgestellt hatten. Salut­schüsse und die Klänge der Kapitolsglocke empfin­gen hier die Flieger. Anschließend begaben sich die Flieger auf den Palatin-Hügel, wo Musso­lini den großen Rapport abhielt.

1 Um 10.30 Uhr traf Mussolini auf dem Pala­tin ein. Balbo ging ihm entgegen unb sprach in militärischer Haltung bie Worte: .Ich habe die Ehre. Ihnen bas zweite Ozeangeschwaber vorzustellen. Ich hoffe, baß Sie als Belohnung für bas, was wir ge­tan haben, eines Tages unser Leben forbern wer­den." Mussolini hielt daraus folgende Ansprache: Vier Monate sind vergangen, seitdem ich bei einer Rede auf Euer Unternehmen anspielte und meiner Zuversicht Ausdruck gab, baß es gelingen würbe. Als Balbo sich von mir verabschiebete, sagte ich ihm, baß ich sicher sei, er werbe zurückkehren. Meine Freude ist jedoch getrübt durch die Zwischenfälle von Amsterdam unb den Azoren. Das Andenken an jene Gefallenen wird immer in unseren Herzen lebendig bleiben. Ich habe die Entwicklung Eures Unterneh­mens aufmerksam verfolgt. Heute, nach dem Gelin­gen, erkläre ich, daß Ihr Euch verdient gemacht habt um Italien, um bie Revolution und um die Luft­fahrt. Als Chef der Regierung umarme ich Euren Chef, umarme ich in Gedanken jeden von Euch."

Anschließend verlas Mussolini das Dekret der Ernennung Balbos zum Luftmar­schall. Zugleich überreichte er ihm die Mütze mit dem Abzeichen und heftete ihm einen goldenen Adler auf die Brust. Dann wohnte Mussolini noch der Verlesung der Beförderungsurkunden für bie übri­gen Teilnehmer am Geschwaderflug bei.

*

Am Sonntagnachmittag wurden die italienischen Ozeanflieger im Parteigebäude, dem Palazzo Lit- torio, vom Parteidirektorium und dem Parteisekretär S t a r a c e begrüßt. Um 18 Uhr fand im Konseroa- toren-Palast auf dem Capitol der Empfang durch den Gouverneur von Rom statt. Auf bie Be­grüßungsworte des Gouverneurs antwortete Balbo mit einem kurzen Dankwort. Am Montag werben bie Flieger ihre Apparate nach Orbetello zurück- bringen.

Auf dem Gesicht der Kinder leuchtet die Freude. Stolz zeigen sie der herankommenden Mutter das schöne Geschenk, und doch dauert es nicht lange mehr, da werden sie heimlich vor den zerrissenen Plakaten an den Zäunen der Stadt stehen, die ebenso bunt sind wie die Heiligenbildchen, bie sie in ihren kleinen Hänben halten. Von Wunbern berichten sie unb stolzen Taten, bie nicht erst der Mund des Pfar­rers zu erklären braucht, sondern die man an jebe^i Sonntagabend für wenige Franken im Kino der Stabt sehen unb miterleben kann. Unb was bie Kino- bilber nicht erzählen, bas werben bie erzählen, bie jeben Tag mit bem Autobus von Antwerpen kom­men unb von ber Welt berichten, bie von braufjen her in bie Stille biejer Stabt hineinbricht: beren Frieben wirb halb nur noch in den Büchern ihres Dichters fortleben, in benen es keine Kinos und keine Schießereien, keine Autos unb keinerlei Un­rast gibt, lauter Dinge, bie ber schönen Stabt am Nethefluß schon bebenklich nahe auf ben Leib gerückt sinb.

Oes Wikingers letzte Sofort

Kürzlich ist in Laangtora in Mittel-Schweden ein neuer bedeutsamer Grabfund aus der Wi­kingerzeit gemacht worden. Es handelt sich um die letzte Ruhestätte eines Kriegers, der vor etwa einem Iahrtausend augenscheinlich einen hohen Rang als Führer und Häuptling einnahm. Der Kämpe war in seiner Rüstung beigeseht, und ne­ben ihm lag sein Schwert, eine schöngearbeiteto Waffe, deren Klinge mit Silberschmuck verziert und mit einigen Zaüberrunen versehen war. Auch ein großes Messer in einer Lederscheide, die reich mit Bronzeschmuck beseht war, hatte man ihm mitgegeben und ein Bündel Speerspitzen. Außer­dem waren in dem Grabe zwei eisenbeschlagene, hölzerne Kisten untergebracht, die wahrscheinlich Rahrungsmittel enthielten, damit der Held auf seiner letzten Reise in jene unbekannten Gefilde, aus deren Bezirk kein Wanderer wiederkehrt, nicht Hunger litte. Ferner fand man eine Anzahl merk­würdiger Glasstücke, die wohl zu einem Spiel ge­dient hatten: es sollte also auch für die Hnter- haltung des Dahingeschiedenen auf der Reise nach Walhall gesorgt werden. Am Fuße des Grabes waren augenscheinlich seine Pferde und sein Hund beigesetzt, die ihm als Totenopfer dargebracht worden waren: in der Rähe dieser Tiere lag ein gröberes Schwert, eine große Speerspitze und da­bei waren einige Würfel aus Knochen eingegraben. Man vermutet, daß diese Würfel sowie die Waf­fen das Eigentum eines Dieners waren, der mit seinem Herrn zusammen bestattet wurde, um ihm auch im Tode hilfreich zur Seite zu fein.

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