andere amtliche Organe wahrgenommen werde. Auf der anderen Seite ist die Behauptung des Berliner Dormittagsblattes völlig abwegig, daß die den Nationalsozialisten nahestehenden Landbundpräsidenten Willikens und v. Sybcl zurückzulreten beabsichtigten. Die gestern bereits angekündigten Sofortmaßnahmen der Reichs-- regierung zum Schutze der Landwirtschaft werden in einer Kabinettssitzung am Montag beschlossen und umgehend in Kraft gesetzt werden.
Offener Brief der RGOAP. an Schleicher.
München. 13. Januar. (ERB.) Der Leiter des Amtc^ für Agrarpolitik der NSDAP. Walter Darre veröffentlicht einen Offenen Brief an den Reichskanzler, in dem er den Reichskanzler für den Konflikt zwischen der
Reichsregiernng und dem Reichsl and » bund verantwortlich macht. Die in der Vorkriegszeit aufgeblühtc deutsche Industrie habe ihren Absatzmarkt verloren, und hier wurzele die Ursache der Arbeitslosigkeit und der fortschreitenden Bolschewisierung des deutschen Volkes. Entschlossene Hinwendung zum Binnenmärkte sei der einzige Ausweg, die arbeitslos gewordene Industrie neu zu beschäftigen. In dem Brief wird der Regierung dann Willensstärke und Zielstrebigkeit abgesprochen und der Vorwurf erhoben, daß sie ihre strategische Linie den jeweiligen Zweckmäßigkeiten anpasse, statt taktische Erwägungen einem großen strategischen Grundgedanken unterzuordnen. Die immer drängender werdende Not der deutschen Bauern Hobe endlich zu einem Zusammenprall uv' ' Regierung fuhcen m. f,en. die in Wirtschaft? ra en offensichtlich mit Blindheit geschlao
Mbesetzmia hoher preußischer Regierungsstellen
Links: Herbert von Bismarck, deutschnationaler Reichstagsabgeordneter und früherer Landral wird den seit dem Abgang des Staatssekretärs A b e g g verwaisten Staatssekretär-Posten des preußisch.'N Innenministeriums übernehmen. — Mitte. Ministerialdirektor Klausener, der langjährige Leiter des Polizeireferats im preußischen Innenministerium, wurde in das Reichsverkehrsministerium versetzt. — Rechts: Ministerialdirektor Dr Edgar L o e h r s übernimmt die Nachfola- non Tir <Tfonfenrr nk IMter der Dolizriabteiluno
Hernot spekuliert auf Amerika.
Er schlägt gemeinsame $ronf zwischen Frankreich, England und Amerika vor.
Paris, 13. Ian. (£11.) Der ehemalige Mi- nisterprä.dent Herriot veröffentl.cht in der „Ere Nouvelle" un;er der Heberschrift „S ch w i e - rige Lage" einen Artikel, in dem er sich mit allen augenblicklich im Vordergründe des Interesses stehenden Fragen beschäftigt. Herriot protestiert einleitend gegen die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen, daß er
auf der Lausanner Konferenz weil über das ursprüngliche Ziel hinausgeschossen sei. indem er auf die Reparationszahlungen Deutschlands verzichtete. und daß die Amerikaner ihm schon damals zu verstehen gegeben hätten, sie würden
sich jeder Revision der Schulden widersehen.
Herriot erllärt dazu, er werde bei gegebener Gelegenheit beweisen, daß alle diese Unterstellungen jeder Begründung entbehrten. Vorläufig wolle er dam! aber bis xur Regierungsübernahme des neu... amerikanischen Staatspräsidenten warten, der Frankreich gegenüber lehr viel Wohlwollen zeige. Die augenblickliche französische Regierung habe gerade in der durch die Schuldenkrage schwierig gewordene Lage sehr viel Taktgefühl gezeigt, und er betrachte es als ein Glück für Frankreich, daß an der Spitze der Regierung ein Mann stehe, der sich unbestrittener internationaler Achtung erfreue. Herriot geht dann auf jene Verpflichtungen ein, die die Aufgaben der Genfer Unterhandlungen erschwerten. Gleichzeitig mit der Behandlung dieser Fra
gen werde man über die A b r ü st u n g beraten müssen, bei der die Ab,' chten der deutschen Nationalisten keineswegs beruhigend seien. Man sei heute bei der seltsamen Lage angelangt, daß General von Schleicher — trotz seiner bekannten und für Frankreich wen g wohlwoilenden Absichten — gegenüber den offensichtlichen Gewalttätigkeiten des Nationalsozialismus die Mäßigung darstelle.
Angesichts aller dieser Schwierigkeiten steht Herriot nur eine mögliche französische Außenpolitik: die aus einer gesunden und vernünftigen Grundlage
Frankreich, England und Amerika in gemeinsamer Front vereint.
Herriot erllärt, daß auch die augenblickliche französische Regierung dieser Auffa sung sei, und daß man ihr deshalb insbesondere in Anbetracht der beabsichtigten inneren Reformen aus finanziellem Gebiete ich' Unterstützung '»naedeihen lassen müsse
Eine Hnterreounti mit Hoover. I
London, 13 Ian (TU.) Der Washingtoner ! Berichterstatter der „Times" befaßt sich in einer langen Meldung mit einem Bericht über eine Unterredung, die eine nicht genannte Persönlichkeit mit Präsident Hoover gehabt hat und die eine Antwort aus die Behauptung Lavals darstelle, daß Präsident Hoover eine Erweiterung des Schulden
moratorturns beabsichtigt habe. Er habe seinerzeit Laval ausdrücklich davon verständigt, daß der Kongreß es abgelehnt habe, den Schuldnern Amerikas eine Ausdehnung des Moratoriums auf mehrere Jahre zuzugeftehen. Hoover habe von der wahrscheinlichen weiteren Stundung der Kriegsschulden gesprochen, die aber nicht auf dem Wege einer allgemeinen Verlängerung des Moratoriums, sondern durch Verhandlungen mit jedem einzelnen Schuldnerstaat individuell geregelt werden sollte. Das habe Laval in starke Besorgnis versetzt, weil damals Frankreich 700 Millionen Dollar in den Gewölben der Neuyorker Federal-Referve-Bank liegen hatte.
Hoover erinnerte weiter daran, daß sein Vorschlag 3ur Einsetzung eines neuen Schuldenausschusses in Uebereinftimmung mit dem stehe, was er Laval gesagt habe. Er widersetze sich unbedingt der Streichung der Schulden, da Frankreich und Italien in der Sage seien, ihre Iahreszahlungen zu leisten. Die Auslegung, die Laval der früheren gemeinsamen Verlautbarung über die Laval-Hoover- Unterredung gegeben habe und worin er eine Ver- vflichtung Amerikas zur allgemeinen Verlängerung der Schuldenstunduna erblickte, erschwere nur das Problem
Die europäischen Gläubiger Deutschlands hätten nach Auffassung Hoovers kein Recht dazu gehabt, in den Doungplan die Klausel einzusehen, Deutschland 60 v. h. der Summe erlassen zu wollen, die Amerika seinen Schuldnern erlasse. Dadurch sei man auf amerikanischer Seile zu der Auffassung gekommen, daß man aus Amerika einen Druck ausüben wolle, wobei Frankreich die Führung übernommen habe. Ein weiterer Beweis dafür sei das Lausanner Gentleman- Abkommen, das den Zweck gehabt, habe.
die Vereinigten Staaten zu Verhandlungen mit einer gemeinsamen europäischen Front zu zwingen und dann für Frankreich dieselben Erleichterungen wie für England zu sichern. Frankreich wolle gewisiermaßen „unter den Rockzipfeln Englands Amerika ein Ultimatum in der Schuldenfrage" stellen. Diese Absicht sei am 15. Dezember zerstört worden und
deshalb sei Frankreich heule verstimmt.
Hoover ging bann auf feine Pläne für bie Weltwirtschaftskonserenz ein unb teilte mit, baß er eine amerikanische Ab o r d- n u n g der besten Sachkenner entsenden wollte. Er hätte bann eine Reihe von Vorschlägen gemacht, um zusammen mit England ein weitreibendes Wiederaufbauprogramm auszuführen. Diesen Plan habe er Roosevelt vorgelegt, der sich aber nicht zur Zusammenarbeit bereit gefunden habe. Er. Hoover, sei überzeugt, baß sein Rach- folger sich in einer schwierigen Lage befinden werbe. Hoover habe in bet Hnterrebiing von seinem Mißtrauen gegenüber ben Absichten Frankreichs fein Hehl gemacht.
Sehr scharf habe er sich über die Zurückziehung des französischen Geldes aus Amerika au^ce- sprochen, weil Frankreich seine finanziellen Hilfsmittel benutzt habe, um einen politischen Druck auszuüben.
Abschließenb teilt der Korrespondent mit. daß Hoover seine Erinnerungen über seine Amtstä-- tiafeit niederschreiben werde. Darin werde zum mindesten ein Kapitel dem Besuch Lavals in Amerika gewidmet sein. Andeutungen des In* Halts habe er in bet Unterredung gemacht.
aller Well.
Eoolidges lejiaiin..
Der verstorbene ehemalige Ptäsibent der USA., Coolibge, hat seinen gesamten Nachlaß seiner Frau vermacht. Es soll sich um etwa eine halbe Million Dollar handeln. Die Testamentsurkunbe besteht aus nur 75 Worten.
schweres Autounglück. — Sechs Schwer-, 19 Leichtverletzte.
ein schweres VerkehrsUnglück ereignete sich auf der Heerstraße Münsten—Hamm zwischen Rinkerode und Drensteinfurt. Ein holländischer Personenwagen aus Hengeloe, der sich mit fünf Insassen aus der Rückfahrt vom Dortmunder Sechstagerennen befand, stieß mit einem aus der Richtung Münster kommenden Autobus zusammen, in dem sich 20 Landwirtschaftsschüler befanden. Der Autobus stürzte um. Der holländische Wagen flog 50 Meter weiter und überschlug sich. Die fünf Insassen des holländischen Wagens und ein Landwirtschaftsschüler trugen schwere Verletzungen davon Die übrigen Schüler wurden leicht verletzt
>ühne für einen Mord
Das Schwurgericht Saarbrücken hat nach Ijstün- diger Beratung der Geschworenen den des Morde s an dem Taxichauffeur Servet angeklagten Josef Groß zum Tode verurteilt, nachdem die Geschworenen die Frage nach der Vorsätzlichkeit bejahten Groß nahm die Strafe an und bat um sofortige Volkstrecku o
Der „Regenbogen“ in Senegal gelandet.
Tas französ sche Großflugzeug »Regenbogen“, das in Port ©Kenne notlanden muhte, weil die Oelzufuhrleitung gebrochen war, ist am Freitag kurz nach 11 Uhr wieder gestartet unb hat den Flug nach Dakar fortgesetzt. Die Maschine landete um 14.40 Uhr französischer Zeit in St. Louis (Senegal).
Holzfeuer entzündet Blindgänger. — Fünf Schwerverletzte.
Em schwerer U n g l ü ck s f a l l ereignete sich in Dillers-Bretonneux in der Nähe von Amiens. Gartenarbeiter waren im Park eines alten Schlosses beschäftigt und hatten Baumäste zu einem Haufen
zujammengettagen, den sie ansteckten. Fünf Mam der Arbeiterkolonne hatten um das Feuer Platz genommen, als plötzlich eine furchtbare Explosion erfolgte; alle fünf Arbeiter blieben schwer verletzt liegen. Die Untersuchung ergab, daß gerade an der Stelle, an der das Holzfeuer angesteckt worden war, ein aus dem Weltkrieg stammender Blindgänger vergraben worden, der sich durch die Hitze entzündet hatte. Die fünf Opfer des Unfalls wurden sofort in ein Krankenhaus überführt, wo man bei drei von ihnen jede Hoffnu^ auf Erhaltung des Lebens aufgegeben hat
Zwei schwere verbrechen aufgedeckt.
In Frankreich sind dieser Tage zwei Ver- brechen von außergewöhnlicher Roheit begangen worben. In Paris hat em 15jLhriger Landwirtschaftsschüler seine 82jährige Tante, eine Marquise de Redde, die er regelmäßig zu besuchen pflegte, bei einem dieser Besuche v o n h i n - ten niedergeschlagen. Die alte Frau liegt im Krankenhaus; ihr Zustand ist ernst. Der Ress« versuchte zu leugnen, gestand aber bann die Tat ein und begründete sie damit, er habe die Rolle eines Detektivromanhelden spielen wollen. Anscheinend hatte er es aber auf das Geld der Tante abgesehen.
Im anderen Falle handelt es sich um einey Mord in der Ortschaft Crotet bei Angoulöme. Dort brannte in der vergangenen Nacht eiy Gutshof nieder. Bei den Löscharbeiten fand man die Leichen des Pächters und seiner Frau. Beide Leichen wiesen aber nicht nur Brandwunden auf, sondern die Leiche der Frau lag in einer großen Blutlache, und die des Mannes war zerstückelt Don den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur.
Zugzusammenstoß in Amerika. — vier Tote, 23 vorletzte.
In der Nähe von Knoxville im Staate Iowa er eignete sich ein schweres Eisenbahnunglück Zwei Personenzüge stießen in voller Fahrt zusammen. Aus den Trümmern wurden vier Tote und 23 Verletzte geborgen.
Verantwortlich für Politik: I. V.. Ernst B I u m s ch e i n.
Einmal Hai und zweimal Tiger.
Bon Hans Hiebau.
„Hallo!", rief der Stammtisch in Forenskens Toddyhall, denn in diesem Augenblick schob sich Kap'tän Klaus in die rauchige Gaststube. „Ahoi", sagte Steuermann Harms, stand auf und drückte Klaus die Hand. „Wir wart'n all' auf dich", fuhr er fort. „Wir schippern hier nur fo’n büschen aufer Ostsee lang. Da givt bat nix to verteilen Aber du, Klaus, du kommst von' große Fahrt."
.Jawoll", sagte Klaus, ließ sich auf einen Stuhl fallen und hatte schon den ersten Grog vor der Nase. „Ich komm' juftamment von Ostindien. Aber was bat damit zu tun hab'n soll, daß ihr nun all' auf mich wartet, das verstehe ich nich. Prosit!"
„Prost!" rief der Stammtisch. Steuermann Harms aber fuhr fort. „Pidder Lüß, der Wirt, hat schon immer nach dir gefragt, Klaus. Das letztemal, wie du von Kap Horn kamst, mit der „Eva-Maria", weißt du, da sind die Balken, da oben" — und Harms zeigte mit dem Daumen nach ber Decke — „n* büschen nach unten burdjgebog'n. Unb was Zimmermann Rabbel is, ber hat zu Pibber Lüß gesagt: ,Da is nichts zu machen', hat er gesagt, „bie Balken müssen wieber gerabe gelogen werden. Unb sähst bu, Klaus", — Harms schlug ihm auf die Schulter — „un davon kommt bat. bat wir nun all’ auf bich roarfn."
Pibber Lüß brachte ben zweiten Grog. Kap'tän Klaus aber saß steif auf seinem Stuhl. „Kinners", sagte er, „macht mich nich ärgerlich. Was ich euch von ber „Eva-Maria" erzählt hab' un von Kap Horn unb von bem Polypen, ber bie belben Anker gefreßen hat, bat is so wahr, wie —"
„Eben, eben", nickte Steuermann Harms, „tann’s ja woll Spoaß oerbrag’n, wat? Un wie war bas nu diesmal mit Ostindien und der „Bavaria?"
„Hm", brummte Kap'tän Klaus unb winkte nach bem britten Grog. „Da is nich viel zu oermelben, meine Herren. So'ne Fahrt auf’n achttausenb Ton- nen-Dampfer, wie bie „Bavaria" is, bas ist wie'n Sonntagsausflug auf’n Alstermotorboot. Nur einmal, tjä, tjä —Kap'tän Klaus starrte gebanfen« voll vor sich hin.
„Man to", ermunterte ber Stammtisch.
„Tjä", fuhr Kap'tän fort, „bat war im Roten Meer. Morgens um sechs hatten wir Atzen passiert. Um zehn war es so heiß, Kinners, so wat von Hitze is mir mein Lebelang nicht auf’n Pelz gebrannt! Die Backborbwache zurrte Labung auf bem Vorschiff. Um zwölf Uhr kommt ber Quartiermei-
fier Iink, bies Chinesengesicht, auf bie Brücke. .Köpfn', sagt er, .die Leute woll'n nich mehr, bie Leute könn'n nicht mehr Wir hab'n neununboier- zig Grab im Schatten.'
.Takeltüg!' schrei ich, unb es kann fein, daß mir bie Hitze auch im Kopp saß, .bann geiht boch mal tut ut'n Schatten!'"
„Haha", lachte bie Tafelrunde
„Da is nix zu lachen", fuhr Kap'tän Klaus fort, „die Leute steckten die Hände bis an die Ellbogen inne Hosentaschen Der Mann am Ruder steuerte Nordnordwest un bann Ostnordost un bann Süd- ostzusüb, un wie ich ben Maschinentelegraphen auf stop stelle, merk' ich, baß kein Mensch mehr unten im Raum is. Also Meuterei, benr ich, geh' ins Kartenhaus, nehme meinen Revolver un brülle nach unten: Maschinenpersonal unter Deck!
Aber kein Mensch rührt sich. Ich hebe ben Revolver. Eins, zwei, brei, zähl' ich unb brücke ab. Pffi, geht es, un bas Blei läuft — so heiß war es, meine Herren — langsam aus bem Lauf."
„Ja, ja", nickte Steuermann Harms, „sowas kommt vor." Pibber Lüß aber, ber Wirt, ber an ber Theke neben bem Petroleumkocher ftanb, warf ben Kopf in ben Nacken unb guckte nach ber Decke.
„Na", fing Kap'tän Klaus wieber an unb rührte feinen sechsten Grog um „bie Leute lachten. Die Leute kamen auf bie Brücke zu, un wer weiß, was da noch all's passiert wär', wenn nich mit einem- mal, wie eine Fontäne, sag ich euch, ein Hai aus bem Wasser springt unb — klatsch — auf bas Vorbeck fällt."
„Donnerwetter", murmelte bie Tafelrunbe, „ein Hai? Auf Deck?"
.Jawoll", nickte Kap'tän Klaus, „ein Hai auf Deck. Später haben wir bie Wassertemperatur gemessen. Fünfunbvierzig Grab, meine Herren, bat is auch für'n Hai zu viel."
„Ja, unb —?" fragte Steuermann Harms, „was habt ihr mit bem Biest gemacht?"
„Dat woltt' ich ja grabe erzählen", fuhr Kap'tän Klaus fort. „Die Mannschaft, wie sie bas Tier sieht, war wie ber Blitz unter Deck. Der Hai aber fuhr wie ein Torpeboboot auf bem Vorbeck herum, schlug mit seinem Schwanz bie Stapellabung kaputt, tappte bie Labebaumtrosse unb war gerabe babei, den Webergantj zur Kombüse in Trümmer zu hausen, als ich — ich ^anz allein, meine Herren — mit ber Harpune auf ihn zugehe."
„Donnerwetter", murmelte ber Stammtisch.
„Das weitere is schnell erzählt", nickte Kap'tän Klaus. „Ich nehm' die Harpune und will zustoßen. Aber der Hai is schneller. Ich bekomme einen Schlag
ins Gesicht, fühle, wie die Knochen knacken, fühle, wie mein linker Arm gebrochen wird, fühle, wie mein rechter Arm gebrochen wird, dann kommt das linke Bein dran, und dann bas rechte, unb bann ein neuer Schlag — un ich flieg in hohem Bogen über Borb "
Der Stammtisch saß wie erstarrt.
„Zwei Stunden", seufzte Kap'tän Klaus unb wischte sich ben Schweiß von der Stirn, „bin ich im Roten Meer rumgetrieben. Die „Bavaria" war längst verschwunden. Um zwei Uhr endlich kam ein englischer Zerstörer auf, sichtete mich und nahm mich an Bord. Der Arzt legte mich in Gips; abends um sechs hatten wir die „Bavaria" eingeholt, bas Thermometer zeigte achtzehn Grad, die Mannschaft war wieder vernünftig un entschuldigte sich. Ich ließ mein Bett auf die Brücke bringen und übernahm bas Kommanbo."
„Ja, aber —", sagte Steuermann Harms, „beibe Beine gebrochen, beibe Arme gebrochen, un bann, verdammich, Klaus, hast bu zwei Stunben im Roten Meer geschwommen?"
Kap'tän Klaus warf, Stück für Stück, ben Zucker in bas zehnte Glas. „Was für ’ne dumme Frage", schüttelte er den Kopf, „fünfundoierzig Grad habe ich gesagt, war das Wasser warm. Bei fünsund- vierzig Grad, meine Herren, krepieren die Fische. Alle Fische — wie soll bat woll anners sein — schwammen an ber Oberfläche. Jeber Fisch, hat, bas wißt ihr ja woll noch außer Schule, ne Fischblase. Funfhunbert Fischblasen sin besser als’n Rettungsring."
„Hm, hm", nickte bie Tafelrunbe, unb Pibber Lüß, ber Wirt, sah zum zweitenmal nach seiner Balkenbecke.
Kap'tän Klaus aber räusperte sich. „Drei Wochen später mar’n wir in Hmterinbien", fuhr er fort, „liefen jeben kleinen Dreckhafen an, löschten Kohlen, luben Baumwolle, Holz, Kopra, wie's grabe kam. Un ba" — Kap'tän Klaus seufzte — „ba passiert mir beim bie Sache mit ben beiben Tigern."
„Oha!" rief ber Stammtisch, „benn man to!" Unb Steuermann Harms bestellte eine neue Runbe.
„Da is nich viel zu erzähl'n, fuhr Kap'tän Klaus fort, „un wenn ihr benkt, baß ich nich so ganz bei der Wahrheit bleib’, bann will ich man lieber gar- nid) erst anfang’n."
„Aber Klaus", rief Harms, „bu wirst dock) nich — ?"
„Na, ja", überlegte Kap'tän Klaus, „bat war also kurz un gut so: Ich gehe an Lanb spazieren, mitten Krückstock natürlich, benn meine Beine, müßt ihr wissen, waren noch nid) so recht wieder in Schuß.
Ich geh' ba denn so hin un mit einemmal, gutts» bunner, steht da, zwei Schritte vor mir, ein Tiger. Na, denk' ich. bat is ja ne schöne Reise. Erst'n Hai und dann’n Tiger Unb wie ich noch so benf, steht ba doch mit einemmal noch'n Tiger unb reißt ben Rachen auf."
„Na, un bu?" fragte Steuermann Harms, „wat hast bu ba gemacht?"
„Was soll ich da woll gemacht hab'n", zuckte Klaus die Achsel, „ich hatte nich mal’n Revolver bei mir, unb ber Krückstock war aus Bambusrohr. Ich drehte mich um un ging weg."
„Unb bie Tiger?" fragte Harms weiter.
„Keine Ahnung", murmelte Klaus, „keine Ahnung, was da wohl von geworden ist."
Der Stimmtisch schwieg. Harms starrte auf die Tischplatte.
„Klaus", sagte da Pibber Lüß, ber Wirt, „nimm mir bas nicht übel. Die Sache mit bem Hai, bas war ja wohl in Orbnung, aber bie Sache mit bem Tiger —"
„Meine Herren!" rief da Kap'tän Klaus unb klopfte auf ben Tisch. „Die Sache mit ben Tigern war. Ehrenwort, justament so wie ich euch bas erzählt hab'. Unb wenn Kap'tän Klaus sein Ehrenwort gibt —"
Klaus ftanb auf unb guckte bie Tafelrunbe an.
„Is all goob", nickte Steuermann Harms, „aber wo is benn bas bloß gewesen, bie Sache mit ben beiben Tigern?"
„f)ab’ ich bat noch nicht gesagt?" murmelte Kap- tän Klaus unb nahm seine Mütze vom Haken, „dar war im Zoologischen Garten von Singapore."
Vier Generationen mit 388 Lebensjahren.
Ein Fall seltener Langlebigkeit in einer Familie wurde jetzt durch Nachforschung in der Familienchronik enthüllt, als sich ein Bürger in Plymouth namens I. Chalice von seinem Beruf zurückzog. Durch 40 Jahre war er als Gärtner in einem öffentlichen Park der Stadt tätig und setzt sich jetzt mit 80 Jahren zur Ruhe. Sein Vater, der bis zum Alter von 90 Jahren arbeitete, erreichte eine Lebenszeit von 97 Jahren. Sein Großvater war bei seinem Tode 104 Jahre alt, sein Urgroßvater 107. Der Urenkel scheint die Absicht zu haben, diesen Vorbildern nachzueifern; denn er erfreut sich noch heute vollkommener Gesundheit und ein „Spaziergang" von über 30 Kilometer ist für ihn keine Seltenheit.


