Ausgabe 
14.1.1933 Frühausgabe
 
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Die Lahn als Wasserstraße.

Arbeit auf weite Sicht. - Der Freiwillige Arbeitsdienst in großer Aktion.

Seit einiger Zeit hört man öfters in den Straßen unserer Stadt den gleichen Schritt und Tritt mar­schierender junger Leute, die in Arbeitskleidern ge­schlossen ihrer Arbeitsstätte zustreben. Wenige nur wissen, wo die jungen Leute Arbeitsdienst- freiwillige beschäftigt sind. Sie marschieren morgens dem Schlachthof. der Lahn zu und kehren in den Nachmittagsstunden zurück.

An der Lahn ist gegenwärtig ein großes Ar­ds it s p r o j e k t im Gange. 120 Arbeitsdienstfrei­willige dienen hier einem bedeutsamen Werke.

Die Lahn wird zu einem Teil, genau gesagt aus einer Strecke von 470 Meter, in der Nahe des Elektrizitätswerks, völlig umgelegt.

Das alle Flußbett, in großem Bogen gewunden und seicht, ist für die Schiffahrt nicht brauchbar und soll für die Zukunft ausgeschaltet werden. Dem Flust ein neues Bett zu graben, ist die Auf­gabe, die gegenwärtig vom freiwilligen Arbeits­dienst erfüllt wird. Die Arbeiten sind schon weit vor­geschritten. Es wird eifrig Rasen ausgestochen, ge- graoen, abgehoben, aufgeschüttet, größere Flächen werden planiert, so daß sich eines Tages das neue Flußbett' inmitten glatter Ufer­flächen in schnurgerader Führung dar­bieten wird.

Einige Zahlen lassen das Ausmaß des Projektes erkennen. Das neue Flußbett soll, wie schon er­wähnt, 470 Meter lang werden und den Flußlauf in gerader Linie führen. Die Kronenbreite des Fluß­bettes wird 50 Meter fein, die Sohlenbreite 15 Me­ter. In der Tiefe sind 6 Meter auszufchachten, auf- xuroerfen find außerdem noch 1,60 Meter, so daß die gesamte Erdbewegung über eine Höhe von 7,60 Metern zu bewerkstelligen ist.

Vom 1. bis 31 Dezember 1932 waren die Ar° beitsdienstwiUigen mit dem Abstechen des Rasens beschäftigt, seit dem 1. Januar sind die Ausschach­tungsarbeiten im Gange, die gleich in der Weise er­folgen, daß sofort das Uferflächenprofil ersichtlich wird. Etwa 70 junge Leute sind allein mit den Aus­schachtungsarbeiten in Anspruch genommen. In flot­ter Arbeit wird das weiche, schwere Erdreich aus» gehoben und abgefahren, dabei gleich so unterge» rächt, daß es der Planierung bzw. der in der Höhe von 1,60 Meter notwendigen Aufschüttung dient.

In rationeller weise gehl die Arbeit Hand in Hand, und in kurzen Abständen rollen die wagen, einer nach dem andern, auf der beson­ders errichteten Brücke zur Seite.

Das Flußbett in seiner zukünftigen Gestalt wird bereits klar sichtbar.

Die gesamte Arbeit an diesem Teil der Lahn

wird 67 0 0 0 Tagewerke erforderlich machen. Sn etwa 400 Arbeitstagen soll das Werk im bis­her geplanten Ausmaß durchgeführt werden. Da man mit jährlich etwa 250 möglichen Arbeits­tagen rechnet, hofft man, daß b is zumHerbst 1 9 34 das Projekt bei dem Einsatz von etwa 150 Arbeitsdienstwitligen oder Arbeitern erledigt sein farm. Allerdings spielen da bei die Wilte.wags- verhältnisse eine entscheidende Rolle mit, da ja <5roft die Arbeit sehr wesentlich verzögern kann. Eine weitere Schwierigkeit erwartet man im Auf­treten von Fels in größerer Tiefe.

Die jetzige Lahnkanalisierung d ent in ihrer gro­ßen gedanklichen Linie der Zutuns t.

Ls ist vorgesehen und in den Plänen und Zeich­nungen bereits klar sestgelegt, dah das Fluß­bett so vertieft wird, dah 190-Tonnen-Schisfe die Lahn bis Gießen passieren können.

Wann die Durchführung dieses erweiterten Pro­jekts Wirklie keit werden soll, läßt sich bisher noch nicht übersehen. Die jetzige Arbeit dient zunächst den Interessen der Stadt Gießen (Beseitigung der Hochwassergefahr durch glatten Ablauf der Was­sermassen) unter besonderer Derücksichtigung der 2'nteressen des städtiiüea Elelt.ckzilälsw.r.es. Mit den Kanalisationsaröeiten soll näm.ich gleichzeitig die Beseitigung des Mühlgrabens und eine Verlegung der Wieseck in ihrem Mündungslauf verbunden werden.

Das Landschaftsbild wird durch diese Ver­legung des Lahnbettes eine wesentliche Ver­änderung erfahren. Der Hohe Eichweg, der bisher schon ein großes Stück bis über den Schlachtyof hinaus geführt ist, soll dem kanalisierten Teil cntlanggcfüfcrt werden. In Verbindung mit der bereits geschaffenen Uferbefestigung und Dett- rcgulierung der Lahn gegenüber den Dadeanstal- ten wird sich .

ein klares, übersichtliches Fluhbild

ergeben. Dem H o ch w a s s e r s ch u h, aber auch dem weitergehenden Zweck, der Schiffahrt die Dertehrsinögiichleit zu geben, dient die jetzige große Arbeit in glücklicher Weise. Die Bauleitung liegt in den Händen des Hoch- und Tiefbauamtes der Stadt Gießen.

Es ist erfreulich, daß gerade in dieser Zeit, da vielen jungen Menschen keine Arbeitsgelegen­heit gegeben ist, die Initiative ergriffen und durch di Fe Arbeitsbeschaffung der Rot gesteuert wird, dabei gleichzeitig Wege bereitet werden, die der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt Gießen in kommenden Jahrzehnten nur dienlich sein können.

Aus der provinzialhauhistadt.

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Dir evangelische Gemeinde Gießen im Jahre 1932.

Aus den statistischen Zusammenstellungen der evangelischen Gesamtgemeinde Gie­ßen für das Jahr 1932 seien folgende Zahlen b richtet (die in Klammern gesetzten Zahlen be­ziehen sich auf das Jahr 1912). Aus der Der­gin a-ung ergibt sich, wenn auch nicht mit abso­luter Zuvsrlässigteit, ein Bild von der Be­völkerungsbewegung in den letzten 20 Jahren.

T.'usen sanden statt 347 (469), Trauungen 175 (179), Konfirmationen 247 (418). Die kirchliche Mitwirkung bei Beerdigungen wurde in 231 Fällen begehrt, darunter waren 71 Feiern bei Feuerbestattungen. Bei diesen Angaben sind die hiesigen Krankenhäusern, sowie die sonstigen An­stalten mit ihren Geburts- und Sieroesällen, insoweit nicht gewahrt, als es sich hierbei um Ortsfremde h.naelt. Die Angaben über die Zahl der Taufen und Konfirmationen ergeben das Bild eines fortschreitenden Geburten­rückganges, wobei besonders ins Gewicht fällt, daß von den Zahlen der Taufen in 1932 sich viele auf Kinder beziehen, die in den beiden hiesigen Schwesternhäusern grboren sind und orts­fremden Familien angehören. Der Rückgang der Konfirmationen beweist den großen Rückgang der Geburten in der Kriegszeit.

Die Gottesdienste waren im Jahre 1932 durch­schnittlich wöchentlich von 682 Dltännem, 1010 Frauen und 270 Kindern besucht. Die Kinder­kirchen weisen eine durchschnittliche Besucherzahl von 211 Knaben und 239 Mädchen auf. Zwei Jugendgottesdienste mit durchschnittlich 1225 Be­suchern wurden veranstaltet. Am he l'.gen Abend­mahl nahmen teil 3929 (4396) Personen; dieser Rückgang geht wesentlich auf die immer kleiner werdende Zahl der Konfirmanden zurück. Aus der evangelischen Landeskirche traten aus 80 Per­sonen, zur evangelischen Kirche traten über elf Personen.

Das Iugend-Nolwerk in Oberheffen beginnt.

Am kommenden Mittwoch wird die Arbeit des Jugend-Notwerkes in Oberheffen im Bezirk Bad-Nauheim beginnen; dort kommen rund 100 junge Leute in Betracht. Am Donnerstag wird das gleiche Hilfswerk in den Bezirken Fried­berg und Okarben feinen Anfang nehmen; hier kommen zusammen rund 150 junge Leute in Frage. Die jungen Menschen werden beruflich, geistig und sportlich betreut und erhalten täglich kostenlos ein kräftiges Mittagessen.

Freiwilliger Arbeitsdienst in Oberheffen

Dom Arbeitsamt Gießen wird uns mit- geteill:

Die Vorbereitungen von Maßnahmen des Frei­willigen Arbeitsdienstes zum Frühsahr sind in Oberhessen in vollem Gange. Mit einem Arbeits­beginn zu Mitte Mürz sind im Bezirk des Arbeits­amts Gießen bis heute genehmigt: 3 2 Maß­nahmen des Freiwilligen Arbeits­dienstes mit 1000 Arbeitsdienstwi11i - gen und 1 14040 Tagewerken.

Von diesen 32 Maßnahmen werden 9 als ge­schlossene Arbeitsdien st lager durchgc- führt. In Vorbereitung sind weitere 10 geschlossene Arbeitsdienstlager.

Auch die Planungen von Notstandsardei- ten machen erfreuliche Fortschritte. Diese Not- standsarbeiten werden nach erfolgter Genehmigung iofort begonnen, da die Witterungsverhältnisse hier­für zur Zeit noch sehr günstig sind.

Expreßgut und Gepäck bei der Reichsbahn ti liger.

Laut Mitteilung der Deutschen Reichsbahngesell­schaft nimmt die Reichsbahn ab 15.1.1933 Ermä­ßigungen und Erleichterungen im Expreßguttarif vor.

Die Auswirkung des neuen larifes ist am besten an den nachstehenden Beispielen zu erkennen: Es kosten u. a. 10 kg E'preßgut auf 100 km jetzt 70 Pf., künftig 50 Pf-, 16 kg Expreß­gut auf 100 km jetzt 1,40 Mk., künftig 80 Pf., 50 kg Expreßgut auf 700 km jetzt 12,89 Mk., künftig 9,50 Mk. Darüber hinaus tritt eine Reihe von wei­teren Vergünstigungen in Kraft. Die Zahl der Ent­fernungszonen ist von 23 auf 13 vermindert worden.

Ferner werden zrm selben Zeitpunkt Verbil­ligungen im Gepäcktarif durchgeführt, und zwar kosten 15 kg Gepäck auf 100 km jetzt 1,20 Mk., künftig 75 Pf., 50 kg Gepäck auf 100 km 3 Mk., künftig 2,50 Mk. und 50 kg Gepäck auf 600 km jetzt 11 Mk., künftig 9,50 Mk. Diese Beträge ermäßigen sich für Warenproben und Musterkoffer wie bisher noch um 33z o. H.

Neben den Ermäßigungen verschiedener Fracht­sätze werden hier die Entfernungsstufen von 20 auf 11 vermindert. Es wird eine Zwischenstufe für 15 kg eingeführt und die Mindest­fracht von 40 auf 30 Pf. herabgesetzt.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute im Stadttheater zu Gunsten der Gießener WinternothilfeBunter Abend". Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß während der Pause im Foyer bei den Darbietungen der Jazz- Kapelle M o e h l Erfrischungen gereicht werden, deren Erlös ebenfalls der Winterhilfe zugute kommt. Dann beehren sich Leopold Brand­meyer und Frau Maria Gabriela Josepha V o - g e l h u b e r, gebürtige Steinlechner zu ihrer Hoch­zeit insWeiße Rößl" ercebenft einzuladen. Be­ginn: 20 Uhr; Ende gegen 22.30 Uhr. Sonntag, 15. Januar, auf vielseitigen Wunsch nachmittags zu verbilligten Märchenspielpreisen das Weihnachts­märchen:Aschenbrödel". Spieldauer von 15.15 Uhr bis 17.45 Uhr. 19 Uhr als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen zum 7. Mal:Die endlose Straße" (Spiellei ung: der Intendant). Ende nach 22 Uhr. Dorzugsscheine haben Gültigkeit. Diens­tag, 17. Januar, 20 Uhr, in neuer Inszenierung un­ter der Spielleitung von Oberspielleiter Peter g af­fet t in dieser Spielzeit zum erstenmal das Trauer­spiel:Hamlet" von Shakespeare. Ende gegen 23 Uhr. Gewöhnliche Preise. 16. Vorstellung im Dienstag-Abonnement. Mittwoch, 18. Januar, 15. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement zu ge­wöhnlichen Preisen:Stöpsel", Schwank von Ar­nold und Bach; Spielleitung: Fas sott. Spiel­dauer von 20 bis 22 Uhr. Die nächste Wieder­holung der Spielplanneuheit:Politik der Weiber­röcke" (Spielleitung: Wolfgang K ü h n e) von Neil Grant am Freitag, 20. Januar, 20 Uhr, als 15. Vor­stellung im Freitag-Abonnement. Gewöhnliche Preise. Ende 22.15 Uhr. Samstag. 21. Januar, 20 Uhr, Wiederholung der Operetten-Revue:Im weißen Röhl". Ermäßigte Operettenpreise. Vorzugsgutscheine haben Gültigkeit. Ende nach 23 Uhr. Sonntag, 22. Januar, 19 Uhr, als Fremdenvorstellung zu er­mäßigten Operettenpreisen Wiederholung:Im weißen Rößl". Auch zu dieser Borstellung haben Vorzugsgutscheine Gültigkeit. Ende nach 22 Uhr.

Vom Konzertverein wird uns geschrie­ben: Am Donnerstag, 19. Januar, findet um 20 Uhr im Stadtheater das zweite Orckesterkonzert statt. Mitwirkende sind der Gießener Orchefterver- ein und als Solistin Andrea Wendling aus Stuttgart, die Tochter des bei uns bekannten und geschätzten Pros. Wendling, der mit seinem Quar-

fett uns schon oft erfreut hat. Die junge Geigerin, Schülerin ihres Vaters, hat sich bereits viele An- erfennungen geholt und ist mit großem Erfolg auf­getreten. Die Leitung des Konzerts hat Universitäts- musikdirektor Professor Dr. Stefan Temesvary. Es sind folgende Werke zur Ausführung vorgesehen: Beethoven: Fidelio-Ouvertüre, Mozart: Diolinkon- zert A=2>ur, Schubert: G-Dur-Symphonie. Das Konzert beginnt pünktlich, die Saaltüren müssen bet Beginn geschloffen werden. Näheres über Eintritts­preise, Abonnements usw. bei Ernst Challier, Neuen­weg 10, und in den Anzeigen.

Städtisch« Drennholzver steige- ru n g. Bei der Drennholzversteigcrung aus den

Waldungen der Stadt Gießen (Försterei Rödgen) wurden im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchescheiter (1. Kl.) per Raummeter 9 Mark, Buchescheiter (2. Kl.) 7, Eichescheiter (1. Kl.) 6,40, Bucheknüppel 6,k0. Hainbuche.nüppel 5, Eichc- knüppcl 4.C0. Fichteknüppel 4, Buchestöcke 5. Eiche- stöcke 3,60, Buchereisig (3. Kl.) per 100 Wellen 13, Eichereisig (3. Kl.) 8,50, Fichtereisig (3. Kl.) 6,50 Mark.

** D i e Besuchszeiten in den Museen. Das Oberhesüsche Museum und die Gailschcn Samm­lungen im Alten Schloß, das Dölkermuseum, das Kriegsmuseum und die Städttsche Gemäldesamm­lung im Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr geöffnet.

Geschichten aus aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Tas Land des Lächclnc wählt eine Königin.

(d) Neuyork.

Meister Lehar hat sich eben geirrt. Lernte auch die ganze Welt das melodische Lied des chinesischen Operettenprinzsn aus seine.n SingspielDein ist mein ganzes Herz", so ist das eigentliche Land des Lächelns keineswegs das Reich der Mitte eigent­lichlächeln" ja nur die Japaner sondern Ame­rika, die beglaubigte Heimat desKeep smiling".

In USA. ist das Lächeln Sport. Und während Präsident Roosevelt sich erst in den nächsten Mo­naten so richtigeinführen" wird, hat die neue Landesmutter der Bereinigten Staaten bereits durch eine Großtat die Herzen der Bevölkerung im Fluge erobert. Sie veranstaltet eine schlechthin im­posante Königinwahl. Zur Debatte stand die ge­wichtige Frage, wer die Großmeisterin des Lächelns der Staaten sei. Rund 65 000 Damen kämpften um die Palme, und nach langem Hin und Her ging Fräulein Mary D. als Siegerin aus dem Wettbe­werb hervor.

Ihr süßes Lächeln soll nach einstimmigem Urteil der Preisrichter amgewinnendsten" sein. Diese Einschätzung brachte der gewiß beglückt lächelnden Miß zunächst einen Reingewinn von 500 Dollar ein, den ersten Preis nämlich. Zweitausend Mark bar auf den Tisch des Hauses: Da kann man schon lächeln.

Einträgliche Liebcsb.iefe.

tz. Stockholm.

Ein junger Mann liebte ein Mädchen und schrieb ihm Briefe. Also Liebesbriefe. Sie enthielten kaum neuere Nuancen als die paar Myriaden, die vorher schon von anderen Leuten geschrieben wurden. Sie waren überhauot nicht der Rede wert.

Der junge Mann war bei aller Romantik doch auch ein bißchen einOrganisator". Er kaufte sich, wie das so üblich ist, wenn man eine ausgebaute Korrespondenz" führt, die Briefmarken gleich in größeren Mengen und frankierte gleich viele Ku­verts im voraus. Es geht nichts über eine rationa­lisierte Wirtschaft. Auch bei Liebesbriefen.

Nun begab es sich, daß der junge Mann also einen ganzen Bogen Briefmarken der königlich schwedischen Post kaufte, und vorher Halle es sich wiederum begeben, daß in der Staatsdruckerei ge­rade auf diesen Bogen die Wertziffern verkehrt ge­druckt wurden. Der junge Mann bemerkte das nicht, wohl aber das von ihm geliebte Mädchen. Manche Frauen haben auch einen gewissen Hang zum Ma­terialismus. Das Mädchen liebte den jungen Mann zwar sehr, sie hätte seine Liebesbriefe nicht um die Welt hergegeben, aber die Marken nun, die M.-rken hat sie verkauft.

Sie bekam dafür immerhin 6000 Kronen, denn es waren wertvolle Raritäten, und das junge Paar konnte schneller heiraten, als es jemals geträumt hatte.

Und die Moral von der Geschicht'? Liebe ist gut, immer noch gut, auch in dieser sachlichen Zeit, aber ein bißchen Organisationstalent auf der einen, ein bißchen Materialismus auf der anderen Seite kön­nen doch nicht schaden.

Bei aller Romantik ...

Das Rezept.

f. Amsterdam.

Dr. van St. ist sehr tüchtig, er ist aber auch grob. Besonders gegen die Damen, wenn sie leichtsertig und leichtangezogen Mondscheinpromenaden macken, nur mit ein bißchen Schminke gegen die frische Nachtluft als Schutz.

Da kam so ein kleines, süßes Fräulein und klagte über Rheuma. Rheuma ist bekanntlich eine unan­genehme Sache, besonders wenn man gern und viel tanzt und Mondscheinspaziergänge macht. Sie weinte ein bißchen beim Onkel Doktor, aber der hatte wenig Mitleid und hielt eine lange Predigt. Die Predigt bezog sich auf alles Mögliche. Auf sämtliche Faktoren, die Rheuma direkt und indirekt verursachen kann: dünne Kleider, kurze Röcke und alles, was unsere gewissenlose Zeit gegen Hygiene und Disziplin erfunden hat. Das Mädchen errötete, sagteJa" und seufztees wird nicht mehr vor­kommen", und dann bat sie den bösen Doktor um ein Rezept. Und der Doktor, bös und mit eingeknif­fenen Mundwinkeln, schrieb: das Fräulein träumte schuldvoll und ängstlich von Kamillentee und ähn­lichen Arzneien.

Sie machte einen Knix und suchte bußfertig eine Apotheke auf. Sie kramte umständlich im Täschchen und holte dann mit Leichenbittermiene das Rezept vom dösen Doktor hervor. Sie schielte nach den far­bigen Essenzen, nach Badepuloern und Franz­branntwein. Auch vor bitteren Pillen hatte sie Angst. Der Apotheker aber lachte fürchterlich. Er schrie vor Lachen.. Dann bedauerte er lebhaft, nicht dienen zu können. So etwas führe er nicht in seinem Laden. U~ib er feixte das süße kleine Fräulein an, das in einem hauchdünnen Spitzenkleid vor ihm stand. Der Doktor hatte ihr wollene Strümpfe und einen drei Meter langen Wollschal verschrieben ...

Die Liebe und die Volkswirtschaft.

(k) Brüssel.

Der belgische Volkswirtschaftler Professor De Bruyn hat jetzt eine ganz gewiß einzigartige Sta­tistik zusammengestellt. Sie behandelt die Liebe als volkswirtschaftliches Problem, man könnte sogar sagen als volkswirtschaftliches Objekt. Unsere bis­herige Annahme, die Liebe sei eine himmlische Macht und darüber hinaus Privatfreud und Privat- leid der Einzelnen, war irrig. Nein, meine Damen und Herren, lassen Sie sich belehren: Selbst die Liebe, meine, deine, unsere Liebe ist das Sorgen­kind des auch sonst geplagten Staates, sie ist eine kostspielige Angelegenheit und verschlingt, wie wir hören, im Durchschnitt mehr Gelder als selbst die Brandschäden.

Allein in der belgischen Hauptstadt Brüssel müs­sen im Jahre durchschnittlich 900 Bänke teils ausge­

bessert, teils durch neue ersetzt werden wegen der Liebe. Die verliebten Leute schnitzen es ja sooo gern in alle Rinden ein und vergessen dabei, daß Bänke aus Holz sind, aus gefühllosem Holz. Holz bleibt eben Holz und geht zugrunde, wenn allzu viele Her­zen mit einschlägigen Scherzen eingeschnitzt werden. Iahresausgabe im Budget des Magistrats: Liebe und Trompetenblasen, wollte sagen Bänkeoerunstal tung 20 000 Franken!

Ferner werden im Königreich Belgien jährlich mindestens 1700 solche Fälle vor Gerichten verhau- beit, in denen in Form von Eisersucht u. a. m. die Liebe die Hauptrolle spielt. Kostenpunkt dieser Liebesaffären etwa 60 000 000, ja in der Tat: 60 Millionen Franken!

Auch 40 Prozent aller Autounglücke sind auf die Liebe zurückzuführen, da verliebte Herrenfahrer an­geblich höchstens mit dem halben Verstand und nur mit einem Arm ihren Wagen lenken.

Kurz und gut: Die Liebe, so wurde in Brüssel einstimmig für Recht erkannt, ist an'der Finanzkrise Belgiens zu nicht geringem Teil schuldig. Dabei kann man sie doch nicht zum Tode verurteilen, ja nicht einmal des Landes verweisen ...

Der Gerichtsvollzieher in der D nan.

(Avk) Dudapest.

Es handelt sich nicht etwa um einen Schreib­fehler: Der Gerichtsvollzieher waltete in der Tat nicht etwa a n der schönen blauen Donau seines traurigen Amtes, sondern wortwörtlich i n der häßlichen und grauen Donau, inmitten der Donau, noch richtiger in der Mitte der Donau. Zwischen Mohacs und Szob, auf ungarischem Gebiet.

Das serbische SchleppschiffDetegrab" beschäftigte bisher nicht nur Gerichte in Budapest, nicht nur die Zollbehörden in Budapest, Mohacs und Szob, son­dern auch die südslawische Gesandtschaft, das unga­rische Auswärtige Amt und sogar die Donaukom­mission. Die Vorgeschichte der sonderbaren Affäre ist natürlich ganz alltäglich: es geht um Geld und um einen endlosen Prozeß zwischen dem Vermieter und dem derzeitigen Mieter des kleinen Schlepp­schiffes. Am 1. November v. I. gondelte das Schiff behaglich stromabwärts gen Serbien. Da fiel dem Kapitän auf, daß sich ein Boot mit der Flagge der ungarischen Wasserpolizei redlich anftrengt, das Schiss einzuholen. Selbstverständlich ließ der Do nau-Seebär seinen Kahn stoppen und die vermeint­lichen Zollbeamten an Bord springen. Zu seiner maßlosen Ucberraschuna stellte es sich dann heraus, daß die unternehmenslustigen Nachzügler, der Ei­gentümer vonDetegrab , dessen Rechtsbeistand und ein schlichter Gerichtsvollzieher nicht mehr und nicht weniger wollten, als die Pfändung des Ge­samtkomplexes. Und also geschah auch die Pfändung inmitten der Donau. In der Folge beantragten die Leute sogar die Zwangsvollstreckung. Erst auf In­tervention der Gesandtschaft wurde die seltsame Sperre aufgehoben, zumal die serbischen Pächter nachweisen konnten, baß sie ihren Verpflichtungen in Der Zwischenzeit einroanbfrei nachgekommen wa­ren. So konnte das Schleppschiff seinen Weg nach etwa zwei Wochen unbehelligt fortsetzen. Das Nach­spiel aber wirb die hohe Donaukommisfion beschäf­tigen wegen der angeblichen Verletzung desinter­nationalen Donaurecktes". Denn die dereinst schone blaue k. u. k. Donau ist seit 1918 ebenfalls zu einer internationalen" Angelegenheit geworden.

Fortuna.

l. P a r i s.

Dieses Märchen hat den nicht zu unterschätzenden Vorzug, ein wahres Märchen zu fein. Daß es sich vollends in der letzten Silvesternacht ereignete, hebt feinen poetischen Wert noch um, schlecht gerechnet, hundert Prozent... Bei einer öffentlichen Wohl- tätigkeitsoeranstaltung saß also in der Silvester­nacht der bekannte Automobilindustrielle R. mit sei­nen Damen beim Souper. Mit einem Mal trat an ihren Tisch ein Mädchen, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen sogar, einen Korb mit Losen in Der Hand. Mechanisch pries sie die Gewinne an. Die Gattin des Industriellen nahm ihr eins ab. Im Vorüber gehen fragte Herr R. das kleine Wesen halb scherz­haft, warum sie denn ein so betrübtes Gesicht mache. Prompt hatte die Kleine Tränen in den Augen. Zögernd erzählte sie, bis vor einer Woche habe sie eine gute Stellung gehabt, gerade zu Weihnachten sei sie aber arbeitslos geworden und müsse ihr Geld nun auf diese und ähnliche Weise verdienen. Um ihr kein Almosen zu geben, ihr aber auf taktvolle Art eine kleine Zuwendung zu machen, nahm man ihr am Tisch noch drei weitere Lose ab.

Kaum war das neue Jahr mit Tusch und allseiti­ger Umarmung angebrochen, erfolgte die Verkün­dung der Hauptgewinne. Und Wunder über Wunder an den Tisch des Industriellen waren gleich zwei der größten Gewinne gefallen. Diese seltsame Fügung des Zufalls hatte zwei Ergebnisse: erstens stürzte R., der furchtbar abergläubisch war, mit fliegenden Frackschößen auf und davon, um das Mädchen zu suchen, das ihm Glück gebracht hatte. In irgendeinem Winkel des Festsaales stö­berte er es auf und schleppte es im Triumph an sämtliche Tische. Zehn Minuten später hatte das kleine Geschöpf kein einziZes Los mehr in feinem Korb. Und dann ...

Na, die Geschichte geht nicht so weiter, wie Sie jetzt vielleicht glauben. Wir sind nicht etwa Zeugen einer großartigen Derlobungsseier, die eine kleine Stenotypistin auf einmal zur Gattin eines der reichsten Männer Frankreichs machte. Aber immer­hin: kaum waren weitere zehn Minuten verflossen, da hatte das Mädchen schon einen festen Kontrakt in Händen, einen Kontrakt für put bezahlte Sekre- tärinnenfteüe in der bekannten Autofabrik R.

... und dabei stellte sich eine halbe Stunde später ein Irrtum der Verlosungszentrale heraus. Näm­lich: der ehrwürdigen Dame, die die Nummer des Hauptgewinnes ausgerufen hatte, war in der Hitze des Gefechtes ein falsches Blatt Papier in die Finger gekommen, auf dem mit Bleistift nichts an beres vermerkt war als die Telephonnummer ihrer Schwägerin in Neuillv ...