Ausgabe 
12.6.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhaupistadt.

Pensionierung als nationale Tat.

Skaaksfekretär Dung ersucht Dustizbeamte um frei- willigen Rücktritt in den Ruhestand.

TB SIX. Die Staatspressestelle teilt mit:

Herr Staatssekretär Dung hat unter dem 6. Duni eine Reihe von höheren, mittleren und unteren Duslijbeamlen. sowie Gerichtsvollziehern ersucht, freiwillig um ihre Versetzung in den endgültigen Ruhe st and einzukommen. Es handelt sich dabei um insgesamt 25 höhere und 24 mittlere und untere Dustizbeamte und Gerichts­vollzieher: sämtliche Herren sind der Altersgrenze sehr nahe gekommen. Das Ersuchen des Herrn Staatssekretärs geht von der Ueberlegung aus, dah die mit der nationalen Erhebung bereits einge­tretene und noch weiter wirkende Umgestaltung de» gesamten privaten und össentlichen Leben» gerade auch aus dem Gebiet der Dusti; sich ouswirken mutz. Dazu zeigt sich das dringende vedürsnis, dah durch eine Verjüngung und Auffrischung des Leamtenkörpers der Boden geschaffen wird, auf dem eine neue Generation in vollständiger Aus- nähme und Einfühlung in die geistig revolutionäre Kraft der neuen nationalen Bewegung die in dieser lebende und wachsende Rechlsidee verwirklichen soll. Den scheidenden Beamten ist auch der neue Staat für die dem deutschen und dem hessischen Volke in treuer Pflichterfüllung geleisteten Dienste höchst dankbar und zögert nicht an der vollsten Anerken­nung und Würdigung dieser Dienste in jeder weise. Gerade in Anerkennung dieser Dienste und aus der Ueberzeugung heraus, dah die in Frage kommenden Herren den dringenden nationalen Ruf der Stunde verstehen, erwartet der Herr Staatssekretär, dah die einzelnen Ersuchen bereilwilligst Aufnahme finden. Beseitigung des NebenbeschZstigungS- wesens für Beamte.

Der Herr Staatssekretär sieht sich veranlatzl, mit Rücksicht auf die in der öffentlichen Meinung laut werdenden Stimmen folgendes zur allgemeinen Kenntnis zu bringen: Wit Recht wird es von der öffentlichen Meinung in der heutigen Zeil für üutzersl untragbar und dringend abhiifebedürstig empfunden, dah öffentliche Beamte, sowohl solche im Dienst, als auch solche im ösfen'.lichen Ruhestand lebende, neben ihrem Gehalt bzw. Ruhegehaltsbe­zügen noch sonstigen Nebenbeschäftigungen nach- gehen, die ihnen nicht unerhebliche Rebeneinnah- men einbringen und zugleich dadurch dem freien Markt Leschästigungsslellen wegnehmen. Dn eini­gen ganz krassen Einzelfällen ist seilens der Regie­rung bereits eingegrifsen und Abhilfe geschaffen worden. Zurzeif schweben aus Veranlassung des Herrn Staatssekretärs Vorarbeiten, die der end­gültigen Erfassung und allgemeinen Regelung des Rebenbeschäsliguiigswesens dienen und dieses, so- weit mit den öfsenllichen Belangen vereinbar, mit der Wurzel auslilgen soll.

Sommersorgen der Hausfrau.

Jede Hausfrau, die es ernst nimmt mit ihren Pflichten als Hüterin der Gesundheit ihrer Familie, muh imstande sein, sich auf hie Freuden und Lei­

den der jeweiligen Jahreszeit umzustellen. Das gilt besonders für die Sommerszeit, hierfür nur ein paar Beispiele:

Da ist zunächst der Säugling, dessen Gesund­heit durch die Sommerhitze vielfach bedroht ist. Jede Mutter sollte wissen, daß man in der heißen Jah­reszeit einen Säugllno nicht abstillen darf. Be» kommt das Kind schon Kuhmilch, so muß deren Ver­derbnis durch sofortiges Abkochen der Milch und dauerndes Kühlhalten sei es im Eisschrank oder in Schalen, die mit öfters gewechseltem kalten Was­ser gefüllt find verhindert werden.

Da sind weiter die Fließen, die im Sommer groß und klein nicht nur belästigen, sondern in die Milch des Kindes wie in die speisen der Erwachse- nen Krankheitsstoffe hineintragen, wenn man nicht durch Bedecken der Speisen und durch einen regel- rechten Kamps gegen die Fliegen für ihre Vernich­tung Sorge trägt. Mit Fliegenklatschen, mit Flie- genpapieren und wenn möglich mit Fliegenfenstern aus Drahtgaze gehe man ihnen zu Leibe und wehre ihnen den Zutritt. Man schließe sonnenbeschienene Fenster und sorge besonders nach sonnenuntergang für Herstellung von Zugluft.

Ueberhaupt die Luft in Wohn - undSchlaf- räumen ist im Sommer wie im Winter ein be­sonderes Kapitel hausfraulicher Gesundheitspflege. Wenn der sonne sengender Strahl niederbrennt, dann halte man zur Erzielung eines kühlen Zirn- rners die Fenster sestgeschlossen und verdunkle sie durch Vorhänge, Jalousien und dergl. Falsch ist es, wie es so häufig geschieht, etwa unter Mittag Türen oder Fenster zu öffnen,damit etwas frische Lust hineinkommt". Nein, da kommt nur um so größere Hitze herein, aber morgens, abends und möglichst auch in der Nacht, so soll man die Fenster ossen- halten!

Gemüse und Obst, Milch und Kartosseln, Eier und Käse sollen im Sommer im Küchenzettel der Hausfrau eine ausschlaggebende Nolle spielen. Trotzdem wird man Fleisch und Wurst nicht ganz entbehren können und wollen, hier heißt es aber wieder auspassen, damit nichts Verdorbenes auf den Tisch kommt. Neben dem erwähnten Kühl- halten der Nahrungsmittel und deren Schutz vor Verunreinigung durch Flieaen muß die Hausfrau wissen, daß vom Fleisch besonders die inneren Or­gane Lunge, Herz, Leder und Niere der Fäul­nis und Zersetzung durch die Sommerwärme be- sonders leicht zum Opfer fallen, hier, wie auch beim Hackfleisch, empfiehlt es sich zur Vermeidung von Gesundheitsstörungen, das Fleisch bald nach dem Einkauf zu verzehren oder mindestens durch Kochen oder Braten vor Verderbnis zu schützen. Nie Hede man verderbliche Speisen über Nacht auf, sondern kaufe nur so viel Eßwaren ein, als vor- aussichtlich am gleichen Tage verbraucht? werden.

Drrnotizen.

Tageskalender für Montag: Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Eine Frau wie du".

*

** Neue Leiter der Oberpoftdirek- Hon Darmstadt. Nach einer Verfügung des Reichspoftministeriums übernimmt mit Wirkung vom 12. Juni ab Oberpostdirektor Karl Wieaand in Frankfurt a. M. die Leitung der Oberpostdirektion Darmstadt. Wiegand ist als ein Sohn des oerftorbe- nen Oberpostmeisters und späteren Bürgermeisters von Heppenheim a. d. B. A. Wiegand.

Jahrestagung desHeimatbundes für Hessen und angrenzende Gebiete". Eine Ehrung für den Ministerpräsidenten Prof. Dr. Werner.

* Mainz, 10. Juni. Die Jahrestagung des h e i m a t b u n d e s für Hessen und die angrenzenden Gebiete" fand hier im Böl- kerpädagogischen Institut statt. Die Tagung war erfüllt von dem einmütigen Glauben an Heimat, Volk und Vaterland.

In seiner Begrüßungsansprache überbrachte der 1. Bundesvorsitzende, Lehrer E i d m a n n - Darm­stadt, die Grüße und Glückwünsche der hessischen Staatsregierung, des hessischen Kultusministeriums, der Forstoerwaltung, der Nationalsoziallstischen Ar­beitsgemeinschaft zur Pflege der Volksgemeinschaft, sowie aller mit dem Bunde zusammenarbeitenben Körperschaften, wie der amtlichen heimatkunbllchen Atbeitsgemeinschast, des Lehreroereins für Natur­kunde, der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde, der hessischen Landesstelle für Pilz- und Hausschwamm- Beratung usw.

Die Gedanken der Eröffnungsansprache wurden kurz zusammengefaßt in folgender E n t s ch l > e -

6 u n g : .

Mit dem Erwachen der Nation haben wir be­wundernd den deutschen Geist au'brechen sehen. Der deutsche Geist findet seine beste Nahrung in der Heimat-, er kommt von ihr und führt zu Volk und Vaterland. Wir müssen nun für alle Zukunft wurzeln in Heimat und Volkstum. Der Heimatbund" will unserem wiedererstandenen Volke gerne Weg- und Bundesgenosse sein. Mit stolzer Siegeszuversicht sinnen, ringen, forschen, schassen wir weiter und einen unser Hochziel mit dem deutschen Gedanken: durch Heimatkenntnis zur Heimaterkenntnis, zur heimatliebe, zu Volk und Vaterland. Stolz find wir, daß unsere Minister­präsident immer in gleicher Richtung gegangen ist, für die gleiche Idee gestritten und unzähligen Volksgenossen die Heimat heb und wert gemacht hat. Wir ernennen darauf unseren Herrn Minister­präsidenten, den Minister für Kultus und Bil­dungswesen, Professor Dr. Ferdinand Werner zum Ehrenvorsitzenden des heim at = bunbes." Die Eröffnung wurde beschlossen mit einem dreifachenSieg-Heil!" auf die Reichs- und die Hessische Staatsregierung.

Im ersten Vortrag behandelte Direktor Kallen­bach aus Darmstadt ein wirtschaftlich außerordent­lich wichtiges Heimatkapitel, denhausschwamm, feine Verhütung und Bekämpfung" mit trefflichen bunten Lichtbildern. Gleichzeitig war eme äußerst lehrreiche und gemeinverständliche Wander- Ausstellung über die Schäden der holzzersw- renben Pilze zur Schau gebracht, die in ganz Deutschland mitsamt dem Vortrag alle Anerkennung gefunden hat.

Der Morgen des zweiten Tages wurde ganz ausgefüllt durch den Vortrag von Bankbirektor Dr. ©roeninger aus Mannheim, bem Verfasser des BuchesÄer Zusammenbruch bes Geistes .

Leicht verstänblich zeigte ber Vortragende die Zusammenhänge von Volkstum, Heimat, Staat und Wirtschaft. Er wies bedeutsame Wege, die aus Wirtschasts- und Geistesnot wieder auswärts zur höhe führen.

Der Heimatforscher höreth, Lehrer in Müm- ling-Crumbach, führte in Bild und Wort bas Odenwalbborf im Wandel der Zeiten" vor und zeigte damit, wie alte Bauernhäuser heimatecht und wurzelsest, dagegen viele Neubauten seelenlos ge­baut sind.

Der letzte Vortrag des Amtsgerichtsrats Schwabe von Hochheim war ein harmonischer Ausklang dieser deutschen Dolkstagung. Der Dor- tragenbe, ein Vorkämpfer für Heimatschutz und Heimatforschung, berichtete über die 20jährige Ar­beit an seinem Wirkungsorte und führte eine Reihe von naturkundlich, geschichtlich und künstlerisch be- bcutungsDoIlen Bildern vor. Er hat gezeigt, wie ein jeder, getrieben von Herz und Gemüt, zum rechten Heimatforscher und Heimatschützer werden kann.

Ein Bericht des Schriftführers, Lehrer Schwarz- Rudingshain, schilderte, wie schon immer rührig im ganzen Lande jegliche Heimatarbeit von dem Heimatbund gefördert, was dort alles vom Heimat­bund im Laufe des verilossenen Jahres allerorten ünb ununterbrochen geleistet wurde und was für viele und gute Pläne für die Zukunft vorgebaut sind. Eine Reihe von erfahrenen Mitarbeitern und Fachberatern steht dem Heimatbund zur Seite.

Allen selbstlosen Mitarbeitern und schließlich auch dem Gastgeber, Schulrat Niemann vom Völker- pädagogischen Institut zu Mainz, wurde herzlichster Dank ausgesprochen.

Zl.pnvaihandelsschultag in Mainz.

In Mainz sand im Rahmen des Instituts für Dolkspädagogik und der Deutschen Schau für das Berufs- und Fachschulwesen der 31. Deutsche Privathandelsschultag statt, zu dem zahl­reiche Vertreter des Privathandelsschulwesens aus allen Teilen des Deutschen Reiches erschienen waren. ' v .. .

3n ber Mitgliederversammlung wurde die Gleich­schaltung des Verbandes vollzogen. In öffentlicher Versammlung wurde der Ausstellungssaal des deutschen Privathandelsschulwesens innerhalb der Mainzer Schau eröffnet. Erschienen waren als Gäste die Vertreter des Herrn Ministers für Wirt­schaft und Arbeit, ferner Vertreter der Mainzer und Frankfurter Schulbehörden, Industrie- und Handelskammern, Arbeit-- und Berufsderatungs- ämter, kaufmännischer Verbände und der Presse.

Allseitig wurde zum Ausdruck gebracht, daß das deutsche 'Privathandelsschulwesen berufen ist, aus seinem Arbeitsgebiete mitzuarbeiten an den Zielen

und Ausgaben des neuen deutschen Staate» im 1 Geiste des Dolkskanzlers Adolf Hitler. Für die I deutsche Privatfchule bedeute ein solches Bekennt­nis keine Umkehr, sondern ein Weiterjchreiten in der bisherigen Linie

Die mehrtägigen Beratungen und pädagogischen Veranstaltungen nahmen einen erfolgreichen Ver­lauf und DermitteUcn ein eindrucksvolles Bild von der Bedeutung des deutschen Prioathandelsschul- wesens.

Buntes Allerlei.

Friedrich der Große und das Goldmachen.

Als die Briefe Friedrichs deS Großen an seinen geheimen Kammerdiener Fredersdorfs Der off ent- licht wurden, sah man mit Erstaunen, bah der alte Fritz, dieser größte Vertreter der Aufklärung auf dem Thron, sich doch, wie die meisten anderen Für­sten seiner Zeit, mit der Alchemie und dem Golbma- chen eingelassen hatte. Sr folgte darin freilich dem Vorbild seiner Vorfahren, denn schon der Kurfürst Johann Georg von Brandenburg hatte im 16. Jahr« hundert den berühmten Pflanzenkenner Leonhard Thurnehsser als Alchemisten beschäftigt und unter dem Drohen Kurfürsten batte Johann Kunckel auf der Pfaueninsel sein Wesen getrieben, wobei eS ihm zwar nicht gelang, Gold zu machen, aber doch im­merhin das kostbare Rubinalas herzustellen. Fried­rich II. hat so häufig den Goldmacher-Schwindel in seiner sarkastischen Weise verspottet, dah seine Be- ziehungen zu Goldmachern besonders merkwürdig erscheinen. In der .Deutschen Medizinischen Wo­chenschrift" weist nun Prof. Lockemann auf eine Äußerung des großen Königs zu dem bekannten Leibarzt von Zimmermann hin, die Friedrichs Stellung in dieser Frage aufhellt. In Gegenwart deS Ministers von horst äußerte sich der König, wie Zimmermann berichtet, folgendermaßen: .Gold­macherei ist eine Art Krankheit: sie scheint ost durch

die Vernunft eine Zeitlang geheilt, aber dann kommt sie unvermutet wieder und wirb wirklich epidemisch. Bei Fredersdorst hatten sich hier in Potsdam Al­chemisten gemeldet: dieser glaubte fest daran und lieh sich mit ihnen ein. Bald verbreitete sich das Gerücht dieser Unternehmung über die ganze Gar- niion, und es war kein Fähnrich in Potsdam, der nicht Hostie, durch Alchemie seine Schulden zu be­zahlen. Windige und betrügerische Adepten schli­chen sonach von allen Ecken und unter allerlei Ge­stalten nach Potsdam. Aus Sachsen tarn eine Frau von Psuel mit zwei sehr schönen Töchtern: diese trie­ben das Handwerk kunstmähig, und junge Leute zu­mal hielten sie für große Prophetinnen. Ich wollte dem Ding mit Gewalt steuern, aber eS gelang mir nicht. Man erbot sich, in meiner Gegenwan alle nur erdenklichen Proben zu machen, und mich durch den Augenschein zu überzeugen. Dies hielt ich für das beste Mittel, die Torheit auhubeden; und allo lieh ich diese Alchemistinnen unter genauer Aufsicht ar­beiten. Gold in die Tiegel zu werfen, und anderer grober Betrug konnte nicht gelingen : aber dennoch machte die Frau von Psuel die Sache so wahrschein­lich, daß ich alle Versuche erlauben mußte: und daß es mir am Ende weit über die zehntausend Taler kostete, die ich dazu bestimmt hatte. - Eine Qlarr- heit bleibt es immer, an die Verwandlung der Me­talle zu glauben; aber dies ist sicher: daß sich die Metalle in ganz andere Gestalten bringen lasten, unter denen man sie nicht suchen sollte. Man machte aus Golb kleine rote Körner, die beinahe auSsehen wie Rubine, und gar nichts Metallähnliches zu ha­ben scheinen. Wer mir mein Geld wiedergibt, den lehre ich diese Kunst. - Vur muh ich dabei geste­hen, dah man dadurch nicht reicher wird, denn um fünfzig Dukaten in solche rote Körner zu verwan­deln, verliert man ungefähr sechs Dukaten." Zim­mermann erhielt auS diesen Äußerungen deS Kö­nigs die Überzeugung, dah Friedrich zwar bedeu- tenbe Summen für alchemistische Versuche ausgege­ben habe, aber dah er selbst nicht an das Goldma- chen glaubte.

Oie Bluinachi von Belgrad.

Zur 30. Wiederkehr des Jahrestages der Ermordung des Königs Alexander!, und der Königin Oraga von Serbien am 11. Juni.

Seit je war ber Balkan das Dorado der Ver­schwörungen, ein Feuerherd revolutionärer Um­triebe. Attentate, Anschläge, Ueberfälle gehörten dort nicht zu den Seltenheiten. Immer wieder mußte die Welt erschauern ob den planmäßigen Verschwörungen, die dort mehr ober weniger zur Tagesordnung gehörten. Organisationen, wie btc Schwarze Hand" und nachher dieWeiße Hand" sorgten reichlich für blutige ueberraschungen. heute ist vieles anders geworben, aber bas klastische Bei­spiel dieser bunklen Blut-Piraten in der Politik des Balkans, die Schüsse von Serajewo sind noch zu deutlich und zu tragisch in Erinnerung, als daß man jene politischen Hasardeure, die dort hau sten und die Welt in Flammen setzten, vergessen könnte. Dreißig Jahre sind verflossen feit ber Blut- nacht von Beigrab, bie in der westlichen Welt Europas wie eine Bombe einschlug. Viel war be­reits vom Geheimnis berSchwarzen Hand" gesprochen und geschrieben worben, man ahnte, daß über kurz oder lang eine Entscheidung fallen mußte, inbeß die Nachricht, die am 12. Juni 1903 über die Welt ging, übertraf selbst die kühnste Ahnung. So furchtbar hatten die Verschwörer ihr Werk getan.

Die Nachkommen desSchwarzen Georgs" hat­ten ihre Verdrängung durch die zweite Dynastie ber Obrenooich niemals verschmerzt. Sie führten ihren Kamps weniger mit offenen Aufstänben als mit der Waffe des Meuchelmordes. Im Jahre 1868 wurde der junge Fürst Michael ein Opfer bal­kanischer Assassinen, zum Danke dafür, daß es ihm ein Jahr zuvor gelungen war, die Türken mit Geld und guten Worten zum Abzüge aus ber Burg von Belgrab zu bewegen! Seinem Nachfol­ger Milan soll Alexander Karageorgevich höchst selber im Parke mit einer Axt aufgelauert haben! Als ein andermal auf einem Donau-Dampfer Mi­lan die Schiffstreppe hinausgestiegen war, brach der burchsägte Boden unter seinen Füßen zusammen; durch Abfeuern von Revolverschüssen vermochte ber in Lebensgefahr Schwebende Hilfe herbeizurufen. Die zwei Jahrzehnte, bie Milan Fürst und dann König hieß, sind voll von innerem Unfrieden und äußeren Heimsuchungen gewesen. Sein Name wurde bald sprichwörtlich in der Welt durch sein Summier- leben. Bereits 1889 zog er sich mit einer reichlich bemessenen Pension in den Ruhestand zurück, sei­nem breizehnjährigen Sohne die Krone überlassend.

Kurz nachdem Milan einer Erkältungskrankheit erlegen war, überraschte König Alexander sein Serbenvolk durch die Mitteilung, daß er sich zu einer Vermählung entschlossen habe, um das jetzt auf seinen beiden Augen ruhende Herrscherhaus in seinem Bestände zu sichern. Die Freude der Unter­tanen war gemischt, da sie gleichzeitig erfuhren, die Erwählte fei eine Witwe mit Namen Draga M a s chi n von durchaus nicht einwandfreiem Rufe. Wenn österreichische Offiziere aus ihrer Gar- nisonstabt Semlin am anderen Donauufer nach Bel- grab herüberkamen, waren sie erstaunt, in der Hof­loge des Theaters an der Seite bes Monarchen als feine Lebensgefährtin eine ihnen fehr intim be» kannte Dame zu erblicken. Aber allem Befremden fetzte es' die Krone auf, als nach Jahresfrist be­kanntgegeben werden mußte, daß Seine Majestät durch einenIrrtum" seiner Gemahlin zu beschleu­nigter Vollziehung des Ehebundes gedrängt roor- den fei und mit Nachkommenschaft nicht mehr ge­rechnet werden könne.

Während das gesamte Ausland mit Lachsalven auf diese westlich vom Balkan unvorstellbare Hi­storie reagierte, fühlte besonders das serbische Offiziers-Korps die nationale Ehre durch sie beeinträchtigt. Es bildete sich die Verschwörung, der in jener Morbnacht das Königspaar zum Opfer gefallen ist. Es war ein schwüler Tag, bie Bevölke- rung Belgrads feierte das alljährliche Sängerfeft in Gegenwart des Königspaares. Die Königin be­nahm sich auf dem öffentlichen Nachmittagstanz wie ein ausgelassenes Dorstabtmädchen. Ihre Brü­der wankten betrunken durch die Dolksscharen und machten sich mit Reitpeitschenhieben Platz. Die Em­pörung wuchs von Minute zu Minute. Der Siede­punkt ber Polkswut war nicht mehr fern. Gegen 10 Uhr abends zoa sich die Königsfamilie im Konak zur Ruhe zurück. Um die gleiche Stunde trafen sich in einem kleinen Zigeunercafs die Verschwörer. Der Führer der Verschwörung, Dragun Dimitri» jowic, der sich unter bem Namen Apis verbarg, erschien in ber vollen Uniform eines königlich ser- bischen Generalstabshauptmanns und erteilte feine letzten Befehle:Die erste Gruppe dringt in das Schlafzimmer ein und tötet das Königspaar ohne jede Umstände! Die zweite Gruppe nimmt alle Ad­

jutanten gefangen und macht sie beim geringsten Widerstand unschädlich. Die dritte Gruppe beseitigt die Umgebung des Königs. Die vierte sticht die zum Schutz aufgestellte Gendarmerie nieder. Kein Schuß darf uns verraten. Die fünfte Gruppe versammelt sich auf ber Straße gegenüber ben königlichen Wohngemächern und schießt auf jeden, der sich an ben Fenstern zeigt. Die sechste und siebente Kruppe hat ihre Spezialaufträge. An das Werk, meine Herren, in dreißig Minuten ist Serbien frei ober unser Kops gefallen!"

Wie glühend ber Idealismus, wie fanatisch die Zielbewußtheit der Verschwörer war, geht aus einem kleinen Auftritt hervor, ber sich beim Auf­bruch zum Schloß zutrug. Leutnant A n r i c riß seinen Degen hoch und schwur:Noch einmal, ehe wir die heilige Psücht für die Mutter Serbien er­füllen, wollen wir bei allem, was uns heilig ist, geloben: kein Lohn erwarte uns beim Gelingen, kein Mund öffne sich zum Verrat beim Fehlschlag. Verflucht auf ewig sei, wer Lohn für diese Tat er- roartet/

DieSchwarze Hand" holt zum Schlag aus. Apis war feiner Sache sicher, hinter jedem Kom­panie», Bataillons- ober Regimentsführer ber hauptftabt Belgrad, die an unsichtbaren Fäden ge­leitet werden, stand zu dieser Stunde ein Leutnant berSchwarzen Hand", ber beim geringsten Ver such, den ein Führer unternehmen sollte, um das Werk zu vereiteln, diesen niederzuschießen hatte. Peinlich war eine Verzögerung, die dadurch ent­stand, daß eine kleine Gruppe vor bem Eindringen in das Königsschlvß zurückstehen wollte. Apis setzte dem ersten die Pistole an die Schiäsen. Dann ging alles mit unheimlicher Planmäßigkeit vor sich. Der Kommandant der Schloßwache schloß die Tore aus. Die Wache wurde überwunden, der Hauptmann war zuvor mit Opium berauscht worden.

Drinnen im Konak geht das grauenvolle Schick­sal dieser Nacht seinen Weg. Der Generaladjutant bes Königs erscheint im Nachthemd und wird nie­dergestochen. Eine Dynamitpatrone erschüttert das Schloß in seinen Grundfesten. Tür um Tür wird gesprengt. Apis glaubt ben König fliehen zu sehen und stürzt ihm mit langen Sätzen nach. Aus dem Dunkel dröhnen Schüsse und mit drei kugeln in der Brust bricht Apis auf ber Treppe zu - fammen. Die Tür zum königlichen Schlafgemach wird erbrochen. Bis auf den letzten Schuß werden die Magazine geleert ... Wie entfesselte Teufel schossen die Verschwörer in das königliche Himmel­bett. Aber der König war entkommen.

Im schmalen Ankleidezirnnker neben dem föntg» liehen Schlafzimmer drängen sich zitternd und auf den Tob gefaßt ber König und die Königin. Sie warten auf königstreue Truppen ... Apis wird gefunden, schwerverletzt übernimmt er wieder die Führung. General Petrowic wirb oorgesührt:Sie wissen, wo ber König steckt! In fünf Minuten find der König und seine Kebse krepiert ober Sie liegen hier bei den Toten!" Petrowic wird blaß und bläs­ser, führt die Verschwörer durch eine Geheimtür und ruft:Deffnen Sie, Majestät, ich bringe Ihre Rettung!"Sann ich mich auf ben Eid meiner Offi­ziere verlassen?" klingt es kläglich von innen.Nie­mals, niemals!" brüllt Leutnant Penic und schießt den General Petrowic nieder. Dann beginnen Pi­stole und Dolch, Messer und Hirschfänger ihre Ar­beit.

Der Sönigsmorb hat im serbischenVolk keinen Wi­derwillen ausgelöst. Auch ber nach wenigen Tagen durch bie Skupjchtina zur Nachfolge berufenen Fa­milie Karageorgevich hat es nichts geschadet, daß sie des Mitwissens um die Verschwörung ge­ziehen wurde. In ihrem Domizil zu Paritt waren alle Vorbereitungen zu einem nächtlichen Freuden­feste bereits getroffen, als die Depesche von dem Gelingen des Anschlages einlief!

Für die unserem Deutschen Reiche eng verbündete Donau-Monarchie hat der Dynastie-Wechsel in Belgrad eine empfindliche Schlappe bedeutet. Schon seit Jahrzehnten waren die Obrenovich durch die Wechselfälle der Politik von der russischen auf die österreichische Seite gedrängt worden. Man darf sich bie Frage vorlegen, ob es nicht klüger gewesen wäre, wenn Oesterreich im Juni 1903 statt erst 1914 nach der Ermordung des Thronfolgers Fran; Ferdinand die lebhafte Entrüstung, die damals in St. Petersburg wie in London, einen langjährigen Abbruch ber diplomatischen Beziehungen zu Ser­bien auslöste, für die über kurz ober lang doch unvermeidliche Auseinandersetzung mit Serbien ge­nügt hätte.