Ausgabe 
12.6.1933 Frühausgabe
 
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Werk bis in die Front geleistet haben, sowie der 92 000 Frauen und Mädchen, die im Kleide des Roten Kreuzes als Schwestern und Helferinnen ihre ganze Kraft einsehten. Wir freuen uns aber auch der stattlichen Scharen, die heute wieder das deutsche Rote Kreuz zur Arbeit bereit hat, der 100 000 ausgebildeten Schwestern vom Roten Kreuz, die ihren Beruf als Krankenpflegerinnen und Fürsorgeschwestern versehen, der 130 000 Sa- nitätskolonnen-Männer, die freiwillig ihre Kraft in den Dienst der Hilfeleistung stellen.

Ein Strom der Hilfe von Werken der Nächsten, liebe geht täglich von diesem Zeichen aus, denn das Role kreuz, für den krieg geschaffen, seht heute alle seine Kräfte ein für die Werke des Friedens.

Alte und Junge, Mütter und Kinder sind der Ge­genstand seiner täglichen Sorge. Das Rote Kreuz sucht Notstände zu beseitigen, sucht Schwache stark zu machen und Kranke gesunden zu lassen. Es ar­beitet deshalb schon mit den Schulkindern im Jugend-Rot-Kreuz, um sie den Weg zu Gesundheit, Frohsinn und Kameradschaft zu führen. Verbunden mit dem Volke ist das Rote Kreuz bereit, alle seine Kräfte einzusetzen für die hohen Ziele unseres Führers Adolf Hitler. So ist Dienst fürs Rote Kreuz Dienst für Volk und Vaterlan d."

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes,

v. Winterfeidt-Menttn,

dankte dem Reichsminister für die Worte der An­erkennung, die er dem Werk und Wollen des Roten Kreuzes gewidmet habe. Sein Ruf werde dem Ro­ten Kreuz Tausende helfender Hände z u- führen und damit den Leitspruch dieses Rotkreuz­tages erfüllen:helft uns helfen!" Er dankte dann allen, die heute mit dem Roten Kreuz gehen, vor allein der Führung im Reich und Staat, der SA. und SS., dem Stahlhelm, den vaterländischen Verbän­den und allen Männern und Frauen, die sich um die Fahne des Roten Kreuzes scharen. Der Präsi­dent schloß mit einem heil auf den Reichsprä­sidenten und den Dolkskanzler.

Dann marschierten die Teilnehmer unter Voran­tritt der Fahnenabordnungen mit Musik zum Ehrenmal, wo Reichsinnenminister Dr. Frick und der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes Kränze niederlegten, während die Musik das Lied vom guten Kameraden spielte und die Tausende der Teilnehmer und Zuschauer entblößten Hauptes der Gefallenen gedachten.

Llm die 40-Giunden-Woche.

Genf, 10. Juni. (WTB.) Die Internationale Arbeitskonferenz beschäftigte sich heute mit der Einführung der 4 0--S t u nd e n- W o ch e in der Industrie. Der Führer der Arbeit­gebergruppe, der dänische Delegierte O e r st e d, erklärte im Ramen der ganzen Gruppe mit Ausnahme des italienischen Vertreters, daß die Frage einer internationalen Regelung der 40stün- digen Arbeitswoche nach Ansicht der Arbeitgeber nicht s p r u ch reif sei. Auch sei die Ver­kürzung der Arbeitszeit kein geeignetes Mittel, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Der fran­zösische Arbeiterdelegierte I o u h a u x trat den Ausführungen des Dänen entgegen.

Ministerialdirektor Dr. Mansfeld erklärte, daß die deutsche Delegation unter bestimmten Ein­schränkungen bereit sei, positiv an Verhandlungen über eine Verkürzung der Arbeitszeit mitzuar- beiten. Es sei der deutschen Delegation aber nicht möglich, ihre Zustimmung zu einer 40stündi- gen Arbeitswoche zu geben, ehe die Ergebnisse der Weltwirtschaftskonferenz in ihren Erundzügen erkennbar seien. Eine wirksame Be­kämpfung der wirtschaftlichen und sozialen Schäden der Arbeitslosigkeit sei nur durch Schaffung neuer Arbeiten möglich. Von Maßnahmen jedoch, die nur das vorhandene Arbeitsvolumen gleichmäßig zu verteilen suchten, sei eine durchgrei­fende Erleichterung nicht zu erhoffen. Eine Ver­größerung des Arbeitsoolumens setze eine wirtschaftliche Belebung und Ge­sundung voraus. Soziale Maßnahmen, vor allen

Dingen solche internationaler Natur, könnten e r |t nach Schaffung dieser neuen st a b i l e n Grundlage ihre sachgemäße Entscheidung fin­den.Wir haben uns in Deutschland," erklärte der Redner,während der letzten Krisenjahre bemüht, möglichst viel Arbeitnehmer durch Verkürzung der Arbeitszeit an ihren Arbeitsplätzen zu belassen. Ein ungeheures Opfer wird durch die Kurzarbeit den noch im Produktionsprozeß Stehen­den zugemutet. Sie bringen es, um weiterer Not zu begegnen und Tausende ihrer Arebitskameraden vor dem grausigen Schicksal der Arbeitslosigkeit zu bewahren. Aber die Möglichkeit, durch weitere Verkürzung der Arbeitszeit noch so­zial zu helfen, ist im Verhältnis zur Arbeits­losigkeit sehr gering. Wiederholt hat der Führer des neuen Deutschlands feierlich die selbstverständ­liche enge Verbundenheit der Regie­rung mit dem deutschen Arbeiter betont. Sie ist eine der tragenden Säulen des neu gezim­merten Reiches und zugleich sein wertvollstes Akti- oum. Die tiefe Sorge meiner Regierung um das Schicksal der Millionen von Volksgenossen, deren Hände jetzt zu feiern gezwungen sind, macht es mir zur besonderen Pflicht, nur solche Maßn ah­men gut zu heißen, deren Durchführung auch einen wirklichen Erfolg verbürgen kann."

Die Ausführungen des deutschen Vertreters wurden von der Versammlung mit großem Inter­esse ausgenommen. Mehrere Delegierte sprachen der deutschen Delegation ihre Zustimmung zu den Ausführungen aus. Rachdem ein Vertreter der schwedischen Regierung sich für die beschleu­nigte Behandlung der Arbeitszeitverkürzung aus­gesprochen hatte, wurden die weiteren Verhand­lungen auf Montag vertagt.

Oie evangelischen Arbeiter­vereine im neuen Reich.

Danzig, 11.3uni. (ERB.) Der Gesamt- verband der Evangelischen Arbei­tervereine Deutschlands hielt am Sams­tag und Sonntag hier seine diesjährige Reichs­tagung ab.

Auf einer Führertagung am Samstag gab der Vorsitzende des Gesamtverbandes Pfar­rer Werbeck eine grundlegende Erklärung ab, in der er betonte, die evangelischen Arbeiter­vereine hätten seit 3. hrzehnten ihre gesinnungs­bildende Arbeit getrieben im Hinblick auf das Ziel der Erfassung und Gewinnung des evange­lischen Arbeiters für Kirche, Volk und Ration. Sie hätten deshalb den Tag von Potsdam, die Weihestunde des neuen Deutschlands, m i t besonderer innerer Freude miter­lebt. Sie hätten den tiefen Wunsch und die Hoffnung, daß der Bun d, der zwischen dem Ekkehard des Deutschen Reiches, dem Ehrenmit­glied des Gesamtverbandes v. Hindenburg, und dem jungen Volkskanzler Adolf Hitler geschlossen worden ist, bleibende und se­gensreiche Bedeutung habe. Die Führer­tagung befaßte sich dann ausführlich mit der organisatorischen Reuordnung der gesamten Be­wegung. Dabei wurde der Grundsatz der auto­ritären Führung für alle Gliederungen an­erkannt und festgelegt.

Der Sonntag wurde durch Festgottesdienst in den ehrwürdigen Danziger Kirchen eingeleitet. Die Teilnehmer zogen dann in geschlossenem Zuge zur Kundgebung in der Messehalle. Die eindrucksvolle Veranstaltung klang aus in dem Gesang des Deutschlandliedes und des Horst- Wessel-Liedes.

Oie Lage

bei den Krankenkassen.

Berlin, 10. Juni. (WTB.) Es ist ein unbe­streitbares Verdienst der nationalsozialistischen Revolution und der jetzigen Reichsregierung, die Korruptions- und Z e r f a l l s e r s ch e i - nungen bei den Ortskrankenkassen rücksichtslos ausgemerzt zu haben.

Insbesondere sind die Ortskrankenkassenverbände in Berlin gründlich gesäubert worden. Die Rei­nigung der Ortskrankenkassen von marxistischen Einflüssen ist im wesentlichen beendet. Die Ortskrankenkassen und ihre Verbände, die in den vergangenen 14 Jahren zu Stützpunkten des Marxismus geworden waren, sind ein für allemal entpolitisiert. Die Ortskrankenkassen sind nunmehr zusammengefaßt in dem Reichsverband der Ortskrankenkassen.

Bei den berufs ständischen Kranken­kassen, die Land-, Innungs- und Betriebs­krankenkassen. waren erfreulicherweise Mißstände nur in seltenen Fällen festzustellen: die genannten Kassenarten sind im allgemeinen korrup­tions s r e i gewesen. Äm die berufsständische Reuordnung der Krankenversicherung in jeder Be­ziehung zu fördern, ist eine Arbeitsgemein­schaft der Krankenkassen - Spihen- verbände gegründet worden. In der Arbeits­gemeinschaft wirken der Reichsverband der Orts­krankenkassen, der Reichsverband der Betriebs­krankenkassen, der Reichsverband der Landkranken­kassen und der Reichsverband der Innungskran­kenkassen einträchtig zusammen, um die Ziele der nationalsozialistischen Revolution auf dem Ge­biete der Krankenversicherung tatkräftig durchzu­führen. Die versicherte Bevölkerung kann nun­mehr wieder Vertrauen zu der reichs- gesetzlichen Krankenversicherung haben.

Kleine politische Nachrichten.

Reichsarbeitsminister S e l d t e und General­direktor Dorpmüller von der Reichsbahn sind Samstagabend in Mailand zu einem kurzen inoffiziellen Besuch eingetroffen, der dem Stu­dium der italienischen Automobilstrahenorgani­sation und -technik gewidmet fein soll.

Reichsminister Dr. Goebbels startet heute vor­mittag in Tempelhof zu einem Flug nach Königs­berg. Er wird dort von den Behörden und der Nationalsozialistischen Partei empfangen werden. Um 13.30 Uhr soll die Einführung des neuen In­tendanten des Ostmarken-Rundfunk Major Hoe­nicke stattfinden. Anschließend wird Minister Dr. G o e b o e l s vor den Rundsunkangestellten eine Ansprache halten und schließlich im großen histori­schen Moskowiter-Saal die Presse empfangen.

2lm Samstagvormittag übernahm der neue Oberpräsident von Hessen-Rassau Prinz Phi­lipp von Hessen seine Dienstgeschäfte. Aus diesem Anlaß begrüßte er die Beamten, Ange­stellten und Arbeiter des Oberpräsidiums mit herzlichen Worten, bei denen er auch in anerken­nender Weise seines Amtsvorgängers Dr. Dr. von Hülsen gedachte. Rach einer Begrü­ßungsansprache des Vizepräsidenten des Oberprä­sidiums Dr. 3 erschke und einem Sieg-Heil auf den Herrn Reichspräsidenten und den Herrn ' Reichskanzler wurden sämtliche Angehörigendes Oberpräsidiums dem neuen Oberpräsidenten vor- gestellt.

Der schwedische Reichstag hat einer Regierungs­vorlage zugestimmt, die die Regierung ermächtigt, das Tragen politischer Uniformen zu verbieten.

Aus aller Wett.

Schlagekerkommers derDeutschen Wehrschaft".

Zu Ehren der Kommilitonen A. L. Schlage- t e r veranstaltete der Gau IV der Deutschen Wehrschaft einen feierlichen Kommers in Düs­seldorf. Der Gauführer IV Dbr. Henjes konnte außer einer großen Zahl Wehrschafter aus allen Teilen Deustchlands besonders begrüßen den Pa­ter und Bruder Schlage ters, den Regie­rungspräsidenten der Rheinprovsnz Schmid und eine Reihe hoher SA.- und SS.-Führer. Nach der Egmont-Ouvertüre hielt der Derbandsführer Dr. S ch m i d t k a m p eine programmatische Ansprache, in der er Schlageter als den Typ des revolutionä­

ren Studenten feierte, der einer großen Idee ge­bient habe bis zur Selbstaufopferung. Sein Tod sei ein erschütternder Befehl an uns. An Stelle des Ministerpräsidenten und Vbr. Göring, sprach der fränkisch-rheinische Gauredner Pg. und Dbr. K i n k e l i n. Nachdem noch Schlageters Bruder ge­sprochen hatte, überbrachte Gauleiter und Dbr. Florian die Grüße des Vbr. und Ministerpräsi­denten Göring. Mit dem Wehrschafterschwur und dem Horst-Wessel-Lied sand die erhebende Feier ihren Abschluß.

Flugzeugunglück

auf der Chikagoer Weltausstellung.

Chi kago, 11. 3uni. (WTB. Funkspruch.) Ein schweres Flugzeugunglück hat hier zehn Menschen­leben gefordert. Ein Amphibien-Flugzeug hatte acht Besucher der Weltausstellung zu einem Fluge mitgenommen. Während des Fluges löste sich plötzlich eine der Tragflächen, das Flug­zeug stürzte ab und verbrannte. Die beiden Piloten und die acht Passa­giere fanden den Tod.

Der amerikanische Flieger Mattern in Chabarowsk gelandet.

Der amerikanische Flieger Mattern ist nach einem amtlichen Funkspruch aus Ehabarowsk dort am Sonntag, um 3 Uhr gelandet.

Graf Zeppelin" aUf der Heimfahrt.

Nach einem bei der Hapag eingegangenen Tele­gramm aus Pernambuco istGras Zeppelin" am Samstag 2.45 Uhr MEZ. zu seiner Rückfahrt nach Europa gestartet. An Bord befinden sich achtzehn Fahrgäste.

Amerikanische Zelluloidfabrik in die Lust geflogen.

9 Tote, 180 verletzte.

In North-Arlington (New Jersey) wurden bei der Explosion einer Zelluloidfabrik neun Personen ge­tötet und 180 durch das in weitem Umkreis herum­fliegende brennende Zelluloid zum Teil schwer ver­letzt. Mehrere Personen werden vermißt. Die Fa- 1 brif und acht Nachbarhäuser wurden durch Feuer ' zerstört.

Schweres Unglück des Taurus-Lxpreh. )

. 12 Personen tot, 50 vermißt.

Der Taurus-Expreß Adana-Angora ist bei Eski- - schehir entgleist. Die Katastrophe ist hervorgerufen durch Beschädigung des Eisenbahndammes infolge starker Ueberschwemmungen. Zwölf Reisende sollen getötet sein, 50 werden vermißt, man befürchtet, daß sie ertrunken sind.

Zahlreiche Gulsangeslellte nach dem Genuß von Lebensmitteln erkrankt.

In dem Dorfe Nantikow bei Arnswalde ist eine Anzahl Gutsangestellter unter paratyphusähnlichen Erscheinungen erkrankt, die aus den Genuß von nicht einwandfreien ßebesnmitteln zurückzuführen sind. Elf Personen wurden in das Arnswalder' Krankenhaus übergeführt. Einige Erkrankte liegen schwer darnieder.

Bauernschlacht in Rumänien.

In der Nähe von Curtea Argesch kam es zu blu­tigen Zusammenstößen zwischen 200 Bauern zweier Nachbargemeinden, die sich seit langer Zeit in Strei­tigkeiten wegen Bodenbesitzes befinden. Es blieben 40 Schwerverletzte am Platze. Die Gendarmerie hatte Mühe, die Ordnung wiederherzustellen.

Chinesisches Pulvermagazin in die Luft geflogen. 22 Tote.

In der Provinz Tschachar bei der Stadt Dolonor flog ein chinesisches Pulvermagazin in die Luft. Die Wachttruppe von 22 Mann kam dabei ums Leben.

Gesunkenes U-Boot gefunden.

Lettische Fischer entdeckten mit Hilfe von Tau­chern zwischen Windau und Michelsturm ein in Lettlands Hoheitsgebiet im Weltkriege unterge­gangenes, noch guterhaltenes Tl-Boot in 20 Meter Tiefe. 3n lettischen Militärkreisen wird angenom­men, daß es sich entweder um das deutsche Ll-Boot6 26 oder6 56 handelt. Das Tl-Boot wird demnächst gehoben werden.

Rausch der Schnelligkeit.

Von Dr. Anton Mayer.

Die erste Geschwindigkeitssensation meines Le­bens bereitete mir ein Pferd, auf das ich als sie­benjähriger Knirps gestülpt wurde: es ging sehr unerwarteter Weise mit mir durch. Der Eindruck, den die plötzlich scheinbar vorübcrrasende Rähe auf mich machte, ist mir unvergeßlich. Daß es mir gelang, den schnellen Galopp, der sich übri­gens nach wenigen hundert Metern wieder fing, auszusihen, trug mir ein Lob meines Vaters ein.

Sinter den modernen Menschen, für die Raum und Zeit überwundene Begriffe zu sein scheinen, herrscht nur allzuoft eine gewisse Blasiertheit; Ge­schwindigkeiten, die noch vor kurzem unvorstell­bar waren, imponieren ihnen nicht mehr we­nigstens äußern sie das mit Vorliebe; allerdings in den meisten Fällen nur so lange, wie sie nicht selber im Bann einer ungewöhnlichen schnellen Fortbewegung stehen, die ihnen zum Bewußtsein kommt. Daß dies geschieht, ist natürlich notwen­dig; sehr oft ist dies nicht der Fall, wenn nämlich kein feststehendes Objekt in der Rähe ist, an dem die eigene Geschwindigkeit abgeschäht werden kann; zum Beispiel also beim Fliegen. Zweihundert und mehr Stundenkilometer sind im Flugzeug nicht zu merken um so weniger, je höher man sich be­findet, da jede Vergleichsmöglichkeit fehlt. Die Täuschung über die eigene Bewegung geht so weit, daß nur der über Wolken oder die Erde glei­tende Schatten des Flugzeugs uns verrät, daß wir nicht stillstehen. 3eder, der einmal in star­kem Rebel eine Abfahrt auf Skiern gemacht hat, weiß, wie vollkommen das Abschätzungsvermögen verloren geht nach kurzer Zeit wissen wir nicht mehr, ob wir schnell oder langsam, abwärts oder in der Ebene laufen. Der Rebel ist gerade beim Skilaufen deswegen so peinlich, weil er außer den Gefahren, die er birgt, uns der Freude an der schnellen Fahrt boraubt.

Gewiß ist das Auto ein sehr geeignetes Werk­zeug für alle Arten der Schnelligkeitsensation; aber es gibt immerhin nicht allzuviele Men­schen, die in der Lage sind, sich diese zu lei­sten außerdem gehören Geschwindigkeiten von über 120 Kilometer auf längeren Strecken der Landstraße wohl zu den größten Ausnahmen. Llebrigens wird die Aufmerksamkeit des Steuern­den vollständig in Anspruch genommen, so daß er nicht in der Lage ist, sich um seelische Ein­drücke und Probleme zu kümmern und die Mit­fahrenden sind, nach meinen Erfahrungen, in der Deael so auf den Wagen selber konzentriert, daß auch sie nur in Ausnahmefällen dazu kommen,

den Schnelligkeitszauber zu empfinden, einen der größten Genüsse, den uns das Reisen und die modernen Beförderungsmittel schenken fön nen. Seit einigen Tagen haben wir indessen die Gelegenheit, uns der Magie des Fort- und Mit­gerissenwerdens ganz und gar hinzugeben: der Fl iegende Hamburger, der neue Triebwagen-Schnellzug, den die Reichsbahn zwi­schen Berlin und Altona verkehren läßt, gibt sie uns.

Bis jetzt waren es einige englische Züge, deren Schnelligkeit mir stets großen Eindruck gemacht hatte; der Dover-Eontinental-Expreß, ein von Paddington nach Bristol laufender Zug, der es wohl auch auf etwa 110 bis 120 Kilometer Höchst­geschwindigkeit bringt, der Liverpool-Flyer es war immer unser Sport, zu versuchen, die Ramen auf der Strecke liegender Stationen während des Vorbeisausens zu entziffern. Es aelang fast nie das einzig Erkennbare blieben die bunten Re­klamen, mit denen die britischen Bahnhöfe bedeckt sind, so daßBovril undOxo, deren Plakate überall zu finden sind, bleibende Erinnerungen bilden.

Diese Geschwindigkeiten der englischen Züge sind weit überholt. DerFliegende Hamburger" wird von feinen 410-ll8--Dieselmotoren mit einer Höchst- gefchwindigkeit von 160 Stunden-Kilometer und einem Durchschnitt von 124,02 Kilometer vor­wärtsgetrieben: Da uns alle nahe den Gleisen befindlichen Objekte und Raturgestalten Ver­gleichsmöglichkeiten geben, da wir uns in keiner Weise um unser Fahrzeug, um den Weg, Hindernisse und sonstige Ehausseestücken zu küm­mern brauchen und schließlich der Zug dem hoffentlich bald weitere folgen werden, allen zur Verfügung steht, die ihn zu benutzen wün­schen, sind viele Menschen nun in der Lage, öen Rausch der Schnelligkeit besser als je kennen zu lernen und zu genießen. Es ist ein Rausch, ein -Zauber ganz eigener Art, der aus uralten Sehn­süchten der Menschheit steigt. Die Märchen und Sagen des Orients und des Abendlandes haben sie bereits gestaltet, als ein für unsere Begriffe noch nicht einmal schnell galoppierendes Pferd das Höchstmaß an Geschwindigkeit darstellte. Der Zauberteppich, der Zaubermantel, das Zauber- roh, das Wunder plötzlicher Ortsveränderung solche oft wiederholte Themen berühren das Ver­langen des Menschen nach Freiheit von Erden- schwere, von der Gebundenheit an irdische Ge­setze; es ist wohl die plötzliche Erfüllung eines solchen in endlose Fernen zurückgreifenden Wun­sches, der uns tiefe seelische Befriedigung und wunderbare körperliche Leichtigkeit verleiht, wäh­rend unS die wachsende und endlich auf ihrer

Höhe entfesselt dahinstürzende Schnelligkeit mit sich fortreißt. Es müssen in solchen Augenblicken die verschiedensten Komplexe in Mitleidenschaft gezogen und aus dem Llnterbewuhtsein hervor­geholt werden so z. B. das sublime Freiheits- gesühl, das uns überkommt, wenn wir das Be­wußtsein des Sieges in einer Liebesleidenschaft haben, das dem Gefühl der Erlösung vom 3rdi- schen bei der Hingabe an die Schnelligkeit sehr verwandt erscheint. Eine ungeheure Steigerung des Lebensgefühles, eineEuphorie stärksten Grades seht ein, wenn wir so gleichsam über die Erde weggefegt werden. Hatte ich diese in den englischen Zügen schon genossen, so war die Beglückung imFliegenden Hamburger infolge der viel höheren Schnelligkeit eine noch inten­sivere, vollkommen begeisternde, und zwar ganz und gar, was wichtig und interessant fein dürfte, eine völlig unintellektuelle, da materielle Er­wägungen, wie etwa: wir fahren iy der Minute etwa 2,5 Kilometer, und Vorstellungen von der Länge dieser Strecke gar nicht auftauchten. Gegen diese Art des Schnelligkeitsrausches stumpft man auch nicht ab, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, da immer wieder das optische Er­lebnis des Vergleichs am feststehenden Objekt jenem uns durchflutenden Strom seelischer Erhebung neue Kraft gibt. Es war von Wert, die Worte eines in meiner Nähe sitzenden Mitreisenden zu hören, der vor Antritt der Fahrt meinte, daß er gegen Ge­schwindigkeiten,infolge mancher Flüge" abgehär­tet sei (er hatte also den Unterschied noch nicht be­griffen), und später ganz erschüttert und verwun­dert meinte,das sei allerdings etwas ganz ande­res". Der aus weit von einander entfernten Pfo­sten und einer Querlatte gebildete Zaun, der zur Plankenwand wird, während wir oorübersaufen, die vor und hinter den Stationen wie ein sich ver­wirrender und wieder lösender Knäuel von Schlan- gen ineinanderstürzenden und auseinanderfliehen­den Weichen, die mit dumpfem, gegen die Fenster schlagenden Luftdruck-Knall nach rückwärts ge- schmetterten Stationshäuser, die zu dichtem Ge­strüpp verwobenen einzeln am Bahndamm stehen­den Sträucher; alles vereinigt sich, um in uns das fast betäubende Hingegebensein an die Unwider­stehlichkeit zu vertiefen. Wir wissen kaum noch, ob es das Schicksal selber ist, dem wir freudig in die Arme sinken, ober ob wir von längst ersehnten Kräften über uns selbst hinausgetragen werden es ist gleich; wir sind vom Zauber der Erfüllung umsponnen, die uns wieder zu Wesen aus der Menschheit Kindertagen werden läßt ...

älnmerklich fast verlangsamt der Zug da« Tempo die Konstruktion der Bremsvorrichtungen muß von derselben Güte sein, wie die Kunst des Fah­

rers der gelb-violetteFliegende rollt nach 2 Stunden 18 Minuten und 287 zurückgelegten Ki­lometern in den Hamburger Hauptbahnhof. Gin bewegendes psychisches Erlebnis liegt hinter uns, das manchen Menschen ein wenig zum Rachdenken über sich und sein Verhältnis zur Hmtoelt brin­gen könnte: denn alles Seelische ist nur ein Gleich­nis, ein Symbol: auch der Rausch der Schnellig­keit, der die Menschen über sich selbst zu erheben im Stande ist.

Zeitschriften.

Im Juniheft der Z e i t w e n d e " (Verlag C. H. Beck, München) lenkt Erich Walch den Blick auf die Mongolei, wo der panmongolrsche Gedanke sich aus­zubreiten beginnt. In großer welthistorischer Per­spektive sieht der Verfasser hinter dem Bolschewis­mus einen gewaltigen Mongolensturm, ähnlich dem des 12. Jahrhunderts über Rußland hereinbrechen. Wird er das ist für uns die schicksalschwere Frage vor den Grenzen Europas halt machen? lieber Afrika bringt das gleiche Heft einen Beitrag aus dem innersten Lebenskreise von Albert Schweitzers Urwaldsanatorium. Schlicht, wie man eben ein eige­nes Erlebnis erzählt, berichtet ©leimen vom Holz­fällen und Holzflößen, schildert er die atemraubende Fahrt auf Leben und Tod durch die Stromschnellen des durch Regengüsse angeschwollenen Flusses, den schauerlichen Fetisch, den seine Schwarzen gegen die bösen Geister des Flusses gebrauchen, und den er­greifenden Glauben an den Opfertod zweier ertrun­kener Brüder, den Steimen bei diesen Schwarzen fand. In die Weltgeschichte der Gegenwart und das Wirken großer Persönlichkeiten führen auch die anderen Beiträge desZeitwende"-Heftes:Das Wesen des englischen Parlamentarismus" von Dr. Hans-Siegfried Weber,Briand und der Weltkrieg" von Ernst Buchfink,Ein Deutscher am Hof Katha­rinas der Großen" von Dr. Kurt von Raumer.

In die Welt von Stahl und Eisen führt die neueste Nummer der I 11 u ft r i r t e n Leitung (3. I. Weber, Leipzig.) Aus einem Beitrag von Dr. Otto Petersen gewinnen wir ein Bild von der Ent­wicklung dieses hochbedeutsamen Werkstoffes, der in gewaltigem Siegeszug die Well eroberte. Die Be­deutung von Stahl und Eisen in der nationalen und Weltwirtschaft ist bas Thema eines Aufsatzes von Dr. I. W. Reichert. In einem weiteren Beitrag, aus der Feber von Dr. Krupp von Bohlen und Halbach, trllt uns der Stahl als Werkstoff der Zukunft ent­gegen. Eine Anzahl Lithographien unb Rodie- rungen führen ben Beschauer an die Stätten der Eisenverarbeitung; zahlreiche photographische Abbil­dungen aber zeigen den Stahl in feiner mannig­fachen Verwendung.