Ausgabe 
11.11.1933 Drittes Blatt
 
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Doktor Grildes Ehe.

Originalromon von Z. Schneider»Zoerfil.

II. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Bor der Flurtür holte sie noch einmal tief Atem, ehe sie den Finger auf die Klingel drückte. Von innen wurde geöffnet. Der Gang war dunkel. Plötz­lich löst« sich ein Heller Schrei von ihren Lippen. Rolf!"

Im gleichen Augenblick tat sich der Raum hinter ihr auf. Sie fühlte sich mehr hineingestoßen als ge­schoben.Du fürchtest dich wohl vor mir!" herrschte Wellenberg sie an.Sehr bezeichnend, daß du zu schreien anfängst, wenn du mich siehst."

,£\d) bin so sehr erschrocken, Rolf! Wo ist die Mama?"

Bei Christa!" Sie vergaß, daß sie Erstaunen markieren und Verblüffung hatte heucheln wollen, und begann am ganzen Körper zu zittern.Bei Christa!--"

Ja!"

Sie trat einen Schritt zurück, als er jetzt auf sie zuging und sich vor ihr aufpflanzte. Kein Ton ent­schlüpfte ihr. Die Augen suchten vergeblich dem Blick der seinen zu entrinnen. Aber es gelang ihr nicht. Immer wieder hielten sie die ihren fest.

Mit einer raschen Bewegung faßte er sie unter das Kinn und hob ihr entstelltes Gesicht zu sich auf. Der Schrei, den sie ausstoßen wollte, erstickte unter dem Druck der Finger seiner linken Hand.So eine ge­meine Kreatur haben wir zur Schwester!"

Als sie in die Knie zu brechen drohte, gab er sie frei.

Warum verdächtigst du mich?" weinte sie.Bin ich schuld daran, daß--"

Schweig!" gebot er.Ich bin auf der Hauptpost gewesen und habe mir den Beweis geholt, wann du den Brief an die Mama in Empfang genommen hast zwei Tage vor deiner Hochzeit mit Grude. Ich war auch in seiner Wohnung und habe mir den Brief Christas dort geholt, den du am Hochzeits- morgen unter die eingelaufene Korrespondenz ge­schwindelt hast auch dafür habe ich einen Zeugen."

Unmöglich!" rief sie.Wer? Du wirst mir sagen, wer das gesehen hat."

Das ist nicht nötig."

Die Lena!"

Du irrst! Es war Dick!"

Dick!" Ihr Denken fehle aus. Die Lippen zu einem schmalen Spalt geöffnet, starrte sie ihn an, sah, daß es zwecklos war, zu leugnen und wappnete sich mit Trotz.Und wenn auch! Du kannst nichts mehr daran ändern. Ich bin nun einmal Grubes Frau."

Das bist du, ja. Ist dir nicht selbst Angst vor deinem erschlichenen Frauentum?"

Sag es ihm doch!"

Nein! Er darf nie um deinen Betrug wissen! Hörst du! Er, dem ich alles Glück der Erde gegönnt hätte, darf nie erfahren, wen er sich da zum Weibe genommen hat. Es wäre das Ende eurer Ehe."

Sie zuckte die Achseln.Wenn schon! Das geht doch nur ihn und mich an. Im übrigen", sie reckte sich bereits wieder hoch,müßtest du erst sehen, ob es zu einer Scheidung führen würde. Er hak mich sehr lieb! Jawohl! Und ich gebe ihn so leichten Kaufes nicht frei."

Du!--" Wellenbergs Beherrschung war zu

Ende. Sie fühlte sich an beiden Schultern gepackt und gegen die Wand gestoßen, dann noch einmal und wieder.

Wenn du ihn nicht glücklich machst", drohte er, wenn du ihn quälst--", er wollte aufs neue

nach ihr greifen, aber sie entschlüpfte ihm und ver­schanzte sich hinter einen Stuhl,dann stelle ich dich vor ganz Wien an den Pranger", vollendete er. Jedes Blatt wird die Nachricht bringen, daß du deiner eigenen Schwester den Verlobten gestohlen host, daß du ihre Briese unterschlugst, um dich an die Stelle setzen zu können, die ihr zukam, du du"

Schrei doch nicht so!" erregte sie sich und hielt sich verängstigt die Ohren zu.Ich habe ihn doch geheiratet aus Liebe und nicht aus weiß Gott welch anderen Gründen. Und er ist glücklich! Schau doch selbst, ob er nicht glücklich ist."

Das kann ich mir denken", höhnte er.

Dann nicht" Sie war jetzt dem Weinen nahe.Man könnte meinen, was das Wunder ist, seine Frau sein zu dürfen. Wenn er es nicht ge­wesen wäre, hätte ich todsicher noch einen anderen gefunden."

Du bist ein ganz erbärmlicher Charakter!" unter­brach sie Wellenberg.Du kannst übrigens jetzt gehn! Was ich dir sagen wollte, hab ich dir gesagt. Ich werde mir erlauben, ab und zu nachzusehen, wie sich, euer Zusammenleben gestaltet."

O, bitte!" Sie schlüpfte gewandt an ihm vor­bei. Ehe er ihr noch die Flurtür öffnen konnte, war sie schon an der Treppe.

Mit einem Ruck schleuderte er sie ins Schloß.

Solange Lena Moore um Grude weilte, brauchte er nicht in Sorge zu sein. Sie würde ihn sicher ver­ständigen, wenn dessen Ehe mit Madien zur Un­möglichkeit wurde.

*

Madlen hatte kaum eine Stunde gebraucht, den Schrecken über die Eröffnung ihres Bruders von sich abzuschütteln. Wenn auch Rolf und Dick um ihren Betrug wußten, die beiden würden schweigen. Das war sicher. Daß das nicht ihretwegen, sondern nur um ihres Mannes Friedens willen geschah, be­irrte sie nicht im mindesten. Die Hauptsache blieb, daß das Gleichgewicht wieder hergestellt war.

Im Grunde genommen war es doch sehr hübsch, Grudes Frau zu sein, besonders des Morgens, wenn sie so gegen einhalbzehn Uhr erwachte, wahrend aus dem Sprechzimmer bereits die gedämpfte Stimme ihres Mannes erklang.

Der gute Felitsche! Er war ein Muster von Pflicht- erfüllung. Sah nun schon wieder über zwei Stunden bei seinen Patienten, hörte ihre Klagen an und lauschte an ihren Herzen, die nicht mehr richtig funk­tionieren wollten. Oder an ihren Lungen, die einen Knacks bekommen hatten.

Beinahe lauter Frauen! Brrr! Daß ihm das nicht manchmal über wurde! Männer zu behandeln, wäre entschieden leichter.

Ach und es war so fein, um diese Zeit noch im Bett zu liegen und sich mit wachen Augen seinen Träumen hinzugeben. Unten auf der belebten Straße ratterten die Autos, hupten die Krafträder, klingelten die Trambahnen.

Das Mädchen brachte den Kaffee ins Schlafzim­mer, dazu eine Schale mit Gebäck und einen Stapel Zeitungen. Felix selbst nur trockenes Brot. Süßig­keiten am Morgen wären nicht bekömmlich, sagte er. Dann mußte er 5 eben bleiben lasten, wenn es ihm nicht bekam. Ihr schmeckte es.

Zuweilen kam er auf einen Sprung herüber und zog die Brauen hoch.Aber, Kind, solange zu schlafen, ist ungesund."

Findest du? Mir bekommt es aber prächtig! Nicht, Felitsche?" Sie schmeichelte dabei die Arme um seinen Hals und küßte ihn.

Ihre Haut war wie Sammet, und der Duft ihres gepflegten Haares legte sich wie eine verführerische Welle um seine sonst so beherrschten Sinne. Sie wußte ganz genau, daß er in ihrem Banne lag und gab sich ein wenig eifersüchtig.Wen hast du denn wieder drüben? Was wimmern sie dir denn alles vor? Ich kann mir das gar nicht denken: Krank fein! Huh! Bleib noch ein bißchen bei mir, Fe- litfche!"

Ich kann nicht, Kind! Vielleicht später noch ein­mal. Ich muß jetzt wieder zu meinen Patienten."

Sie warf ihm noch eine Kußhand nach und rekelte sich zufrieden in die Kissen. Er war doch ein guter Kerl. Und sie hatte ihn lieb. Nicht einmal vor Christa hatte sie mehr Furcht. Nur vor Rolf. Er konnte so hanebüchen grob (ein. Und Dick hatte so einen feinen Spott um die Mundwinkel, wenn er sie an-, sah. Der stach wie Nadeln.

Aber die beiden würden ja schweigen.

Ihre Toilette nahm eine volle Stunde in Anspruch. Wenn Grude gegen elf Uhr zu seinen Patienten fub-, kam sie ein Stückchen mit, machte einen Bum­mel durch die Stadt, gab die Zeit an, wann er sie wieder holen sollte und küßte ihn zum Abschied.

Es gab fast nie eine Reibung zwischen ihnen. Ab I und zu mal ein Wortgefecht Lenas wegen, das war | alles. Jedenfalls war ihr jetziges Dasein paradiesstch I

gegen das bei den Ettern zu Hause. Man hatte nach außen immer zu repräsentieren gehabt und darum anderweitig immer und ewig sparen muffen.

Und jetzt hatte sie Geld. Grude fragte nie:Wozu brauchst du es?" Er gab nur, ließ sich umarmen und lächelte nachsichtig, wenn sie mit Päckchen und Pa­keten beladen zum Auto kam. Geduldig hals er ihr beim Verstauen. Niemals hörte sie einen Vorwurf ober eine Mahnung von ihm.

Sie fand ihn geradezu entzückend.

Deshalb dünkte es sie auch unerhört, als er ihr eines Tages beim Ueberreichen des Schecks zwischen Scherz und Mahnung die Bitte unterbreitete: ,Lst es dir möglich, dich etwas einzuschränken, Madien? Wir haben in den legten drei Wochen sechshundert Schilling gebraucht." Er sagteWir", um sie zu schonen.

Aber Taktgefühl war ihr fremd. Mit einem Hoch­ziehen der Schulter spottete sie:3ft das zuviel?"

-Zo!"

Gott!" Sie setzte sich im Bette hoch und überflog seine tadellose Erscheinung. ,Zch habe neulich in deinen Büchern nachgesehen! Du verdienst genug.

Es gab ihm einen Stich.Dann kennst du auch meine Auslagen", sagte er beherrscht.

Oh! Dafür hatte ich weniger Intereste!" Sie schob die Decke zurück und setzte die Füße auf die Fellunterlagen. In die kleinen Seidenpantoffeln schlüpfend, ging sie noch dem Toilettentisch und bog bas Gesicht weit gegen den Spiegel. Als sie ihn noch immer auf demselben Fleck stehen sah, spottete sie: Worüber denkst du nach, Felitsche?--Wohin

die sechshundert Schillinge gekommen sind?"

Ja! klang es hart. ,Lch habe mir zwei Appa­rate bestellt, die ich notwendig brauche. Und ich bin gewöhnt, bar zu bezahlen.

Ich auch!" Ihre Augen schillerten ihn durch den Spiegel böse an.Du hast eine Garderobe wie ein Fürst!"

Die hatte ich schon vor unserer Hochzeit. Es ist nichts dazu gekommen seither", verteidigte er sich apathisch. Es war ihm peinlich, daß der Morgen mit Streit begann.3m übrigen kann ich als Arzt nicht in abgetragenen Kleidern gehen. Zu Hause wurde sie allenfalls mein weißer Mantel decken. Aber ich liebe es, auch unter dem Mantel einen sauberen Hock zu tragen."

3a, ja!" rief sie, hielt sich die Ohren zu und warf sich in den Frisierstuhl, der so zierlich gebaut war. daß er sogar unter ihrer Schlankheit ächzte.Alsor ,üßir werden uns einschränken!--Sei jetzt zu­frieden und geh zu deinen Damen.--Nein, warte

einen Augenblick! Sie sprang auf und stand ihm mit glühenden Wangen gegenüber.Ist es notwen­dig, daß du immer die Lena mitnimmst, wenn du nachts wegfährst?"

Wenn's nicht notwendig wäre, würde ich es nicht tun--" (Fortsetzung folgt )

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