Samstag, l>. November M3
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 265 Dritter Blatt
Der Reichskanzler spricht in den Siemenswerken.
Die deutschen Nobelpreisträger.
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Links: Professor Werner Heisenberg, trotz seiner erst 31 Jahre einer der hervorragendsten theo- retischen Physiker der Gegenwart, erhielt den physikalischen Nobelpreis jur 1932. -- Professo
®rroüi Schrödinger, der hervorragende deutsche Atomforscher und Begründer der Wellenmechani, erhielt den diesjährigen Nobelpreis für Physik.
Aus der Provinzialhauptstadt
Sochschulnackrichten.
Der ao. Professor für Chemie an der Universität Göttingen, Dr. Gerhard I a n d e r, ist als Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Geheimrats D. Fritz Haber zum kommissarischen> Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem er, nannt worden. _. ,, ,__
Professor Wilhelm D o e g e n, Direktor ^es Staatlichen Instituts für Lautforschung in B e r l i n, ist auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand verjezt worden.
eine, so ist es die andere. Wo aber kein Wille ist, kein Zweck, kein Lebensinhalt, da bleibt die formlose Masse.
Formen wir unser eigenes Leben! Lernen wir es beherrschen nach allen seinen Möglichkeiten hin. Fügen wir es harmonisch ein in den Zusammenhang der überindividuellen Zwecke. So machen wir unser Loben erst wirklich reich. So erst erschöpfen wir alle seine Möglichkeiten und Gelegenheiten.
Sich austoben? In den Tag hineinleben? Sich um Gott und Welt nicht kümmern? Das wäre Chaos, Unform, Zwecklosigkeit oder gar Zweckwidrigkeit. Das gibt keine Freude, keine Herrschaft, kein Wirken. Mit der Form fehlt der Inhalt zugleich. Er zerrinnt ohne sie.
In jedem einzelnen Menschen ist «eine Fülle der Gaben und der Zwecke. Diesen Inhalten die rechte Form zu finden, worin sie lebendig bleiben und sich entfalten können, das ist die Aufgabe.
Orisgerichtsvorsteher Leo 80 Jahre alt
Am morgigen Sonntag, 12. Nov., feiert Herr Orts- gerichtsvorsteher Friedrich Leo dahier in bester körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag. Der Jubilar ist der Sohn des noch bei allen alten Gießenern in guter Erinnerung stehenden Gold- arbeiters und Uhrmachermeisters Christian Leo, gebürtig aus Lollar, und seiner Ehefrau, geb. Petri.
Ortsgerichtsvorsteher Leo besuchte das Gymnasium zu Gießen, erlernte sodann die Kaufmannschaft in der einstigen Lackfabrik von Wilhelm Zur- buch in Gießen, genügte seiner Militärpflicht bet dem Infanterieregiment 116 und war dann einige Jahre in München bei der Großhandelsfirma Angelo Sabdatini in Bertrauensstellung tätig. Im Jahre 1883 kehrte er nach Gießen zurück, um hier auf dem Seltersweg ein größeres Kolonialwaren- gefchäft zu eröffnen.
Der Jubilar zeichnete sich stets durch große Gewissenhaftigkeit und besonderen Fleiß aus. Ein Freund der Natur und der Heimat erweiterte er seinen Gesichtskreis auf Reifen und bei Wanderungen. Dem Angelsport war er ein eifriger Freund.
Um die Oeffentlichkeit machte er sich in seinem Amte als Ortsgerichtsoorsteher wohlverdient, zu dem er nach vorangegangener Tätigkeit als Ortsgerichtsmann im Jahre 1920 berufen wurde. Dieses im Kommunal- und Rechtsleben sehr wichtige Amt hat er mit großer Gewissenhaftigkeit verwallet.
in dieser Epoche der sogenannten Reaktion und sogar unter der Regierung des angeblich engherzigen Kurfürsten von Hessen die Kunst der Politik den Rang abzulaufen vermocht und ein politischer Revolutionär in einem Hoftheater einen Riesenerfolg zu verzeichnen gehabt hat.
Auf dem Wege nach der Teufelsmfel.
Wieder einmal ist ein Transport von Strafgefangenen auf dem berüchtigten Gefangenenschiff „La Martiniöre" nach der französischen Strafkolonie in Guiana abgegangen. In dem Hafenort San Martin mußte auf Befehl der Behörde jed'-s nach dem Hafen führende Fenster fest geschlossen bleiben. Lange Reihen von Truppen bildeten Spalier an dem engen gewundenen Pfad, der von der Zitadelle von La Rochelle nach dem Kai herunterführt, um alle etwaigen Zwischenfälle zu vermeiden und Neugierige fernzuhalten. Im Burghof waren unterdessen die Verbrecher aufgeftellt worden, die die menschliche Fracht des Schiffes bilden sollten: jeder trug einen grauen Anzug aus Baumwolle, jeder ein Tuch und in einem Bündel feine persönliche Habe. Jeder sah wahrscheinlich zum letztenmal auf sein Heimatland. Die Namen wurden verlesen. B-l jedem, der sich meldete, rasselten die Ketten an feinen Handgelenken. Das schwere Tor öffnete sich langsam. Die lange Reihe der grauen Gestalten schob sich vorwärts, von Truppen mit geladenen Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten begleitet. Sie zogen den Hügel hinunter, über die Zugbrücke, und bann den Hafenweg hinab, der den Namen „Der Weg nach der Teufelsinsel" führt. Am Kai wurde Halt gemacht, und dann wurden die Sträflinge in zwei Motorbooten an Bord gebracht. Die „Martiniöre" lichtete die Anker und fuhr hinaus in die sich langsam über das Meer senkende Dunkelheit ...
Inhalt und Form.
Bor je-dem steht ein Bild des, was er werden soll. Rückert.
Oft wird im Gegensatz zum Inhalt die Form gering geschätzt, in der Kunst wie im Leben. Ihr geschieht unrecht damit. Und der Gegensatz ist auch gar nicht so einfach und glatt festzulegen.
Form ist Ordnung, Zweckmäßigkeit, Lebensfähigkeit. Wo das Leben schasst, bewundern wir seinen Formentrieb. Wo wir schöne, reiche, feine Formen finden, da ahnen wir Leben, Vernunft, Wollen, Zwecke. _ Ä
Das Leben sucht überall die Form. Denn es braucht Zweckmäßigkeit. Die plumpen, gewaltigen Massen der Gletscherberge, die weite, abwechslungslose Eintönigkeit des Meeres — auch das sind Formen, die an ihrer Stelle ihren Zweck haben, die so und nicht anders zum Antlitz unserer Erde gehören. Was ihnen in ihrer Einfachheit fehlt, das gibt ihnen auf der anderen Seite wieder ihre Größe.
Wo das Leben verwickeltere, höhere Zwecke verfolgt, da bedarf es auch der feineren Formen. Da baut es von Stufe zu Stufe emporsteigend die ganze unübersehbare Reihe der Organismen. Und zuletzt den Menschen.
Und im Menschen arbeitet der Formtrieb weiter. Er formt die Materie zu seinem Dienste. Er formt seine Wohnung und seine Arbeitsmaschinen. Er formt seine Gedanken, und er-formt seine Staaten. Nur wo er formen kann, herrscht er. Alles Unförmliche ist zugleich das Unbeherrschte, das Unberechenbare, das Zwecklose.
Wir lassen Zahlenreihen aufmarschieren und flechten nach den Gesetzen der Logik Schlußfolge- rung an Schlußfolgerung. Dann werfen wir diese Zahlenreihen und diese Schlußfolgerungen in die Natur hinein. Und siehe da: wie von Zauberformeln bezwungen verrät sie uns Geheimnis auf Geheimnis und fügt sich in die Gewalt unserer Wünsche und Hände. Und wir werfen diese Zahlenreihen und Schlußfolgerungen in die Massen der Menschen selber hinein, und siehe, auch diese Massen formen sich, fügen sich. Völker und Stände, Konfessionen und Parteien, große und kleine Zweckverbände sammeln sich, organisieren sich.
Wo ein Wille ist da ist auch ein Weg; da findet er auch eine Form des Wirkens. Ist's nicht die
Du bist der befU Bruder auch nicht.
Wer dich sieht und kennt, der kauft dich nicht.
Es blieb dem Kaiser nichts übrig, als in das Gelächter des Marschalls Rapp einzustimmen und an diese ungewöhnliche Ovation als ein menschlich heiteres Erlebnis nicht unfreundlich nachzudenken.
Terxes wird in Gießen aufgeschrieben.
Daß der persische Großkönig und Zeitgenosse des Sophokles beim Torschreiber in Gießen sich eingeschrieben hat, ist in den humanistischen Gymnasien trotz aller Kenntnis der Antike sicherlich noch nicht bekannt geworden. Es hat sich aber dergestalt zu- getragen.
Der Buchhändler Friedrich Perches aus Hamburg stand als Major bei einem hanseatischen Regiment und begab sich eines Tages nach Frankfurt am Main, um sich an den Befreiungskriegen zu beteiligen. Als er die Universitätsstadt Gießen passierte, mußte er, wie das damals üblich war, beim Torschreiber Namen, Stand und Heimatort an- geben. Da es ziemlich lange dauerte, bis der gute Mann mit seinen Aufzeichnungen fertig wurde, sah er ihm ein bißchen über die Schulter: und las:
„Major Terxes, vom asiatischen Regiment, aus Hamburg."
Kunst und Politik.
Richard Wagner hat bekanntlich getan, was nicht Sache des Künstlers ist, und sich in Zeiten öffentlicher Wirren in politische Händel eingelassen, und da er als Tondichter die Sympathie der von ihm befehdeten Fürsten gerade damals nötig hatte, konnten die Folgen nicht ausbleiben. Als nun in Kassel, wo ja in politischer Hinsicht ein besonders scharfer Wind wehte, erstmalig der ,,Tannhäuser' aufgeführt werden sollte, hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen im Hinblick auf die Beteiligung Wagners an den Dresdner Unruhen diesen Vorschlag abgelehnt.
Der General-Intendant des Hoftheaters, der zugleich Hofmarschall war, brachte jedoch die Oper abermals zum Vorschlag. Der Kurfürst wunderte sich über dieses ungewöhnliche Verfahren und fragte bei Tafel nach den Gründen solcher Hartnäckigkeit. Der Intendant antwortete, er habe den Vorschlag wiederholt, weil Spohr es für eine Ehrensache jeder besseren Bühne halte, sich für das Werk Wagners einzusetzen. Der Kurfürst, der trotz des ihm eignen politischen Mißtrauens große Stücke auf feinen General-Musikdirektor hielt, erwiderte:
„Nun, wenn der alte Spohr es will, soll der „Tannhäuser" gegeben werden."
Und so geschah's, — ein Beweis dafür, daß selbst
in
cknnovera-
Kaum ist das geschehen, hat der schlafende Schotte einen Riß durch den Sporen im Fuß. Gleich ist er auch wach und haut dem Bettnachbar eine Kräftige herunter.
„Wieso", schreit Patrick den Schotten an, „wieso haust du mich?"
.Wieso legst du dich mit den Sporen ins Bett?", entgegnet der Schotte.
„Donnerkeil", sagt Patrick, wie er den Schaden besieht, indes der Brite seine Schadenfreude in geheucheltem Schlaf verbirgt, hat mir der dämliche Hausbursch wahrhaftig die Stiefel abgezogen und die Sporen drangelassen!"
Der verlorene Schuh.
Der Weiheakt des Ehrenmals für die dreizehn Gefallenen des 9. November 1923, das in der Feldherrn- halle errichtet wurde.
Tuitifruiti.
Von Witt Scheller.
Auf den Hund gekommen.
Als Wallenstein noch als Studiosus in Altdorf an den Vergnüglichkeiten feiner Jugendgenossen teilnahm, wurde gerade ein neuer Karzer gebaut. Der Rektor der Hochschule dachte auf die Studenten bei dieser Gelegenheit erzieherisch einzuwirken und ließ bekanntmachen, daß das neue Universitäts-Gefängnis auch nach feinem ersten Bewohner genannt werden würde; er nahm an, daß unter den Musensöhnen geradezu ein Wettstreit darüber entbrennen würde, den Karzer überhaupt namenlos zu lassen. ,
Es dauerte auch wirklich eine gewisse Weile, — dann aber war es ausgerechnet Wallenstein, dem als erstem die Karzer-Strafe wieder einmal auf’ gebrummt werden sollte. Gleichwohl gelang es ihm, den Zusammenhang seines Namens mit dem odiosen Lokal zu vermeiden; er ließ nämlich seinen Hund zuerst in die Zelle einmarschieren, so daß er selber nicht der erste war, und dieser Einfall wurde so belacht, daß es der Rektor dabei bewenden lieft, und seitdem ist die Redeweise im Schwange: er ist auf den Hund gekommen.
Der vergeßliche Tod.
In einer niederländischen Grammatik findet sich als erstes Lesestück folgende hübsche Anekdote.
Eine neunzigjährige Dame meinte einmal zu dem damals fünfundneunzigjährigen, am Ende übrigens hundert Jahre alt gewordenen philosophischen Schriftsteller Fo itenelle, es käme ihr vor, als hätte der Tod sie alle beide vergessen.
„Pst!", erwiderte Fontenelle leise und legte den Finger an den Mund, „man soll schlafende Hunde nicht aufwecken!"
Die Sache mit den Sporen.
Es gibt Schotten-Witze und Iren-Witze, die beide gemeiniglich auf britischem Boden zu wachsen pflegen — Witze über den schottischen Geiz und Witze über die irische Lügenhaftigkeit — aber daß es zugleich einen Schotten-, Iren- und Briten-Witz gibt, das gibt es vielleicht nur in einem einzigen Fall
In einem Gasthaus schlafen em Schotte und ein Ire in einem gemeinsamen Bett, im zweiten Bett üeqt ein Brite Der ist zuletzt gekommen und hat beobachtet, daß der Ire einen Fuß herausstreckt. SnÄh der Brite über den nackten Fuft einen sSSen unb freut fid) im Stiften wie der stnde Patrick - denn die Iren heißen meistenteils Patrick — den Fuß in die Bettdecke zuruckzieht.
So moralisch der Freiherr von Knigge sonst tn seinen Vorschriften war — als luftiger Hcknnovera- ner und in seiner Eigenschaft als hessischer Hofjunker ließ er in seiner Jugendzeit niemanden ohne seine Neckereien und Plagen verschont, — so lange es ihm wenigstens der ihm wohlgewogene Landgraf Friedrich II. erlaubte, seine Streiche straflos im Schoß loszulassen.
Unter seinen Geschichten begab sich s, daß er einer jungen Hofdame, die heimlicherweise einen druckenden Schuh unter dem Tisch abzustreifen pflegte oie- sen Schuh durch einen Pagen still wegzunehmen befahl. Vergebens war bei aufgehobener Tafel das Taften des Fußes nach dem entschwundenen Schuh: er war und blieb fort, und die Aermste hatte Muhe, mit einem Schuh gute Miene zum bösen Spiel zu machen und ihre Verlegenheit im Salon beim Kaffee zu verbergen. Aber auch das half ihr nichts — denn der Page zag feierlich auf und überreichte ihr auf silbernem Tablett vor aller Augen, denen nun wahrlich nichts mehr zu verbergen war, den
verlorenen Schuh ...
Napoleon lacht in Hünfeld.
Während der kriegerischen Handlungen N a p o- leone in deutschen Ländern hatte der Kaiser einmal einen knappen Aufenthalt in der kleinen kur- hessischen Landstadt Hünfeld. Der braven Stadtkapelle war aufgetragen worden, dem Eroberer ein Ständchen zu bringen, und das wurde denn auch befehlsgemäß durchgeführt. ,<<<«>
Plötzlich fing der französische Marschall Rapp am zu lachen, und Napoleon blieb die Vergnüglichkeit seines Vertrauten nicht verborgen.
„Warum lachen Sie?", fragte er den General, der aber nicht recht auf die Sache zu sprechen kommen wollte. Da aber Napoleon mit seinen Fragen nicht locker zu lassen pflegte, mußte schließlich Rapp erklären, die Musikanten hätten ein Lied gespielt, das auf deutsch heiße:
Das Ehrenmal in der Feldherrnhalle


