Gilt Lied vom Glück.
Roman von Anny von Panhuys.
21. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Er plauderte weiter: „Wir haben überall, wo wir auflraten, Riesenerfolge gehabt. Ich komponiere und dichte die meisten unserer Tangos selbst. Haben Sie noch nie etwas von Ramon Bega gehört /"
Sie halte noch nichts von Ramon Vega gehört, aber als er den Namen so betont und stolz aussprach, war ihr, als hätte sie ihn schon oft in Zeitungen gelesen.
Sie staunte deshalb: „Und Ramon Bega sind Sie?"
„3a, meine Gnädigste. Man kennt mich überall." Zwischen seinen breiten, kohlschwarzen Brauen saß eine scharfe, aber ganz kurze Langsfalte. Die vertiefte sich. „Wir haben Pech gehabt, zum erstenmal feil vier Jahren. Die Sängerin, die mit uns reiste, und die ausgezeichnet war, Hal uns in Prag einfach im Stich gelassen. Eine ganz alberne Liebesgeschichte passierte dort mit ihr, und nun beiratet sie Hals über Kopf. Linen Mann, der nicht viel hat. Man kann Narren nicht zwingen, und um eine Äonoentional- strafe zu zahlen, hat sie kein Geld. Also wozu erst die Gerichte in Anspruch nehmen? Wir haben nach dem Prager Engagement acht Tage Ferien einge- schoben, die verwenden wir nun dazu, Ersatz für die Verliebte zu suchen. Meine Kollegen suchen in Praa und Dresden, ich machte einen Abstecher nach Bautzen, weil ich hörte, dort wohne eine tüchtige Sängerin, die auch Spanisch könne. Sie sprach es leider miserabel, und ihre Stimme ist nicht weich genug für unsere langes; auch hat sie keinen Dor» trag?
Ramon Bega plauderte weiter, weil er dabei ungeniert das reizende Gesicht der Rotblonden betrachten durfte; aber die Baronesse war nicht mehr ganz bei der Sache. Sie überlegte erregt hin und her. War die Bekanntschaft des interessanten Sängers nicht wie ein Fingerzeig des Himmels? Marlene hatte doch eine geschulte, biegsame und klangschöne Stimme, sprach auch perfekt Spanisch, wie sie ihr erzählt, und trug ihre Lieder sehr warm und wirkungsvoll vor.
Sie äugte vorsichtig zu Marlene hinüber, die wie eine Schlafende in ihrer Ecke lehnte und sich bestimmt gar keine Mühe gegeben hatte, ein Wörtchen der halblaut geführten Unterhaltung zu verstehen.
Der goldrot umschimmerte Stopf Olga Zabrows neigte sich jetzt ein roentg dem Manne entgegen. Sie flüsterte: „Wenn meine Freundin momentan nicht so interesselos wäre, würde ich sie Ihnen empfehlen an Stelle der Dame, die sich verheiratet. Meitte Freundin singt sehr schön, ist im Gesang ausgebildet und trägt gut vor, auch spricht sie außer Deutsch, Englisch und Französisch noch fließend Italienisch und Spanisch."
Er vergaß alsbald die Reize seines hübschen Gegenübers, so sehr nahm die Mitteilung Olgas seine Aufmerksamkeit gefangen.
„Dio mio, das wäre ja prachtvoll!" Er hätte beinahe in die Hönde geklatscht, aber er erinnerte sich noch rechtzeitig daran, daß die blasse junge Dame schräg gegenüber nicht erschreckt werden durfte. Er fragte leise: „Singt sie wirklich gut, und spricht sie ein leidliches Spanisch?"
Olga nickte stolz, als wären es ihre eigenen Kennt- Nisse, die sie anpries.
„Ich habe meine Freundin öfter fingen hören; sie singt wundervoll, und da sie mir gesagt, sie spräche gut Spanisch, stimmt das auch!"
Seine schwarzen Augen betrachteten jetzt Marlene Werner sehr prüfend. Gan; kühl abwägend war der Blick. Er stellte nüchtern fest: schöner war die Rotblonde. Schade, daß die Ruhende die Augen so fest verschlossen hielt. Ihm war, als erinnere er sich an zwei übergroße, tiefblaue Augen, die ihm vorhin an ihr aufgefallen. Oder irrte er sich?
Als ob Marlene seine Gedanken gefühlt, schlug sie jetzt die Augen auf.
„Caramba!“ entfuhr es ihm. Diese Augen genügten ja, das nach seiner verwöhnten Ansicht nur leidlich hübsche Mädchen zu einer auffallenden und interessanten Erscheinung zu stempeln. Famos würde sie in den Auftrittskostümen aussehen.
Er sah sie noch immer an, ungefähr wie ein Käufer die Ware, die er kaufen möchte. Sein Blick irritierte die ohnedies schon genug verwirrte Marlene.
Olga setzte sich neben sie, fragte: „Geht es dir besser, Marlene? Ja? Aber natürlich, du hast ja schon wieder ein bißchen Farbe im Gesicht."
Das stimmte zwar nicht, denn Marlenes Gesicht war völlig farblos, aber Olga wollte sie ermutigen.
Marlene fuhr mit der Hand unwillkürlich über ihre Wangen und über ihr Haar; sie empfand den unablässig prüfenden Blick des Fremden als Störung.
Olga lachte leise und verhalten.
„Marlene, du kannst Glück haben, wenn du willst und schnell zugreifst. Du kannst Geld verdienen und noch dazu die weite Welt kennenlernen. Aber dein Spanisch darf nicht zu dürftig sein."
Marlene sah sie verständnislos an.
„Ich kann jetzt wirklich keine Rätsel raten, Olga."
Ramon Bega mischte sich ein, sagte sehr höflich: „Vielleicht gestatten Sie mir, mein Fräulein, Sie von dem zu unterrichten, worüber Ihre Freundin und ich uns eben unterhalten haben."
Marlene neigte leicht den Kopf; das war ihre Bejahung. Am liebsten hätte sie kur; erwidert: Ich mag nichts hören! Mir ist alles ganz gleichgültig!
Aber das wäre doch zu unhöflich gewesen der Höflichkeit des Fremden gegenüber.
*
Ramon Vega setzte sich Marlene gegenüber, doch nannte er ihr zuvor seinen Namen, erzählte bann,
was er Olga erzählt, und wiederholte, was diese chm mitgeteilt.
Da begriff Marlene, die allmählich doch etwas Aufmerkjamkett aufgebracht, warum der Tango- jänger sie so prüfend und unablässig betrachtet hatte.
Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen, sagte abweisend:
„Nein, mein Herr, so passend für Sie die Gelegenheit auch wäre, könnte ich mich nicht dazu entschließen, ein derartiges Engagement anzunehmen. Ich weiß noch nicht, was für eine Stellung ich finden werde, und ob ich überhaupt eine finden werde, aber für Variete und Kabarett habe ich keine Neigung. Ich habe mein Musikstudium unterbrechen müssen wegen Geldmangels und nahm eine Stellung als Gesellschafterin an. Eines Tages werde ich weiter- studieren können."
Er lächelte: „Das ist, entschuldigen Sie, mein Fräulein, keine Erklärung. Neigung hin, Neigung her! Die Hauptsache ist, daß man fein Brot auf anständige Weise verdient. Sie müßten wahrscheinlich nach lange studieren, ehe Sie reif wären für die Oper, und wenn Sie Ihr Studium wegen Geldmangels unterbrechen mußten, um als Gesellschafterin zu gehen, besitzen Sie wohl kaum die Stimme der Auserwählten, sonst hätten Ihre Lehrer die Unterbrechung Ihres Studiums überhaupt nicht zugegeben und hätten Ihnen geholfen. Es kann auf der Welt nicht nur Carusos und Ieritzas geben. Ich darf mir natürlich fein Urteil erlauben, weil ich Sie noch nicht fingen hörte."
Der Zug hielt. Der Schaffner brachte die Zuschlagkarten. Als der Zug weiterfuhr, drückte Olga Marlenens Hand.
„Du, Marlene, laß die Gelegenheit nicht Vorbeigehen. Ueberlege dir alles gründlich. Du kannst sorglos leben und viel für deinen Vater tun. Du darfst nicht so kurz nein sagen. Bor allem, wie ist's denn mit deinem Spanisch? Hoffentlich kannst du leidlich Diel?"
Ramon Vega fragte höflich auf spanisch: „Würden Sie mir nicht in Dresden ein paar Lieder vorsingen? Ich wäre ihnen äußerst dankbar dafür. Ihre Freun- bin hat mich sehr gespannt gemacht."
Marlene antwortete ebenfalls auf spanisch: ,Zch glaube, es hat wirklich keinen Zweck. Ich habe Eile, heimzukommen zu meinem Vater; er wohnt in der Nähe von Berlin, und mir bleibt in Dresden gar keine Zeit."
„Caramba!“ Die schwarzen Männeraugen blitzten vor Zufriedenheit. ,Hhr Spanisch ist ausgezeichnet, und Sie sprechen es sonderbarerweise wie eine Ar- gentinierin."
Er bediente sich jetzt wieder der deutschen Svrache.
Marlene gab zurück: „Es war auch eine Argentinierin, die mich unterrichtete. In meinem Heimatstädtchen lebt eine Witwe, die das Schicksal aus Argentinien dorthin verschlagen. Sie lebt von einer kleinen Rente und vom Sprachunterricht. Sie brachte mir Italienisch, Französisch und Spanisch bei. Eng
lisch lernte ich bei einem alten Schul Professor, der lange in London gewohnt."
Ramon Sega war jetzt der verkörperte Eifer.
„Ich lasse eie nicht zu Ihrem Dater, ehe Sie mir nicht etwas oorgefungen haben, und wenn ich damit so zufrieden bin wie mit Ihrem Spanisch, müsse» Sie bei mir eintreten. Ueberlegen Sie sich doch einmal, was ich Ihnen biete. Große Ressen, Bequem- lichkeit unterwegs und hohe Gage, freie Kostüme. Meine beiden Kollegen sind feine, nette Herren, und mir haben mit unserer Sängerin immer gute Kameradschaft gehalten."
Olga saß ganz starr da vor Ehrfurcht. Bega hatte beträchtliche Summen als Monatsgage genannt Und trotzdem Marlene noch eben fest entschlossen gewesen. Ramon Sega nichts vorzusingen und dabei zu bleiben, sie nähme den angebotenen Platz nicht ein, war doch plötzlich eine Lockung da. Wenn sie so viel Geld dafür erhalten sollte, daß sie abends ein paar Lieder fang, wäre sie wirklich eine Törin, die Gelegenheit nicht zu nützen. Wieviel vermochte sie mit Hilfe de» Geldes dann für ihren Bater zu tun! Und sie konnte sparen für das Studium.
Ihre Gedanken liefen durcheinander; ihr schien der Vorschlag des Argentiniers wohl noch beinahe pha» tastijch, aber nicht mehr unmöglich wie zuerst.
In Olga kam wieder 2eben.
„Marlene, unterwegs, auf Reisen, vergißt bi Maltstein und feine Bewohner. Stelle dir doch nur oor, wie schön es fein muß, heute in Frankfurt am Main zu fein und zwei Wochen trätet in Pari», bald danach durch den Londoner 'jfebel zu gehe» ,unb dann wieder die Peterskirche in Rom bestaunen zu dürfen. Vielleicht kurz darauf in einer Venezianer Gondel zu fahren, vorbei an stolzen Dogenpalästen, und etwas spater in Bukarest ober oben ii Oslo allerlei Fremdes und Neues zu bewundern. Ich gäbe zehn Lebensjahre her, wenn ich jetzt Stimme hätte und Spanisch könnte." Sie sah bei Argentinier an. ,Hch bäte Sie, mich mitzunehmen.'
Er antwortete nicht, aber ein heißer Blick traf ihk Gesicht, und sie senkte die Lider oor dem Geflimmer in den gefährlichen schwarzen Augen.
Seltsam war das Empfinden, das sie jetzt beherrschte. Wie heimliche, wundervolle Angst vor einem Etwas, das sie nicht kannte, das aber schöner fein mußte als alles, was sie bisher gekannt. Sekundenlang deckten die Lider die hellbraunen Augen, bann schwand bas seltsame Emofinden, und alles war roh vorher. Da saß ein interessanter Mann, der ihr besser gefiel als alle Männer, die bisher in ihr Leben getreten, und wollte Marlene mit sich nehmen für lange Zeit, vielleicht für Jahre. Wenn das geschah, mußte sie selbst sehen, wo sie zunächst unterkroch. Dann konnte Marlene sie nicht nach Hause mitnehmen, wie sie es ihr versprochen hatte, wofür sie gelobt, nur ganz wenig zu essen, bis sie wieder tine Stellung gefunden.
Marlene hatte sich entschieden.
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