Nr.M KrübauSgabe
185. Jahrgang
Donnerstag, 11. Mai 1935
Erfcheinl täglich, autzn Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätler Heimat im Bild • Die Scholle
Monatr-Vezugrpreir:
Mit 4 Beilagen B TI. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. , -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanschlüsse unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Eiehetu poftschecltonlo:
granlfurt am Main 11686.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Vrvü und Verlag: vrühl'sche Universttätz-Vuch' und Steinbruderei L Lange in Sietzen. Schristleitung und Seschäftrftelle: Zchnlftratze 7.
Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Ne- hlameanieigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20“, mehr.
* Chefredakteur.
Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein undsür denAn- zeigenteil i.V.TH.Kümmel sämtlich in Gießen.
5
Oer Kongreß der deutschen Arbeitsfront.
Reichskanzler Adolf Hitler als Schirmherr der deutschen Arbeitsfront spricht vor dem Kongreß über die Eingliederung des Arbeiters in Staat und Gesellschaft.
Berlin, 10.Mai. (CNB.) Im Plenarsitzung»- I saal des Preußischen Staatsrats wurde am Mittwoch der erste große Kongreß der deut- schen Arbeitsfront veranstaltet, lieber dem Präsidium war eine riesige Hakenkreuzslagge ange- bracht, während der Sitzungssaal und die Emporen mit Hortensien und Pflanzenschmuck versehen waren. Im überfüllten Sitzungssaal hatten mehr als 500 Vertreter der Arbeiter- und Angestelltenverbände und der NSBO. sowie der Arbeitnehmer aus den abgetrennten Gebieten Platz genommen.
Auf den Emporen war für die Gauführer -er NSDAP, ein besonderer Platz reserviert. Stark besetzt war auch die Diplom atenloge mit führenden Vertretern der ausländischen Missionen. Aus den für die Reichs- und Länderregierungen reservierten Plätzen waren s a st alle Mitglieder des Reichskabinetts erschienen, ferner der Staatssekretär des Reichspräsidenten Dr. M e i ß- n e r, sowie die Statthalter des Reichs in den Ländern. Als Vertreter der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände nahmen der Vorsitzende Dr. Röttgen und Präsident Brauweiler, als Vertreter des Reichsverbands der Deutschen Industrie die Herren W e 11 g e . Dresden und Her le an dem Kongreß teil. Als wenige Mi nuten nach 17 Uhr Reichskanzler Adolf Hitler den feierlich gestimmten Sitzungssaal betrat, erhoben sich die Kongreßteilnehmer und grüßten stürmisch den Führer. Der Kanzler begab sich zum Präsidium des Kongresses, das er durch Handschlag begrüßte.
Der Reichstagsabgeovdnete Dr. Schmeer, der im Präsidium durch die Nationalsozialisten F o r • ft e r , Ätöhr , Schuhmann und M u ch o w unterstützt wurde, eröffnete den ersten Kongreß der deutschen Arbeitsfront.
Oer Führer der deutschen Arbeitsfront Or. Ley, der als erster das Wort nahm, betonte, daß unsere Generation berufen fei, das Gewaltigste zu erleben, was feit 2000 Jahren sich in der Geschichte unseres Volkes ereignet hat.
Man müsse schon einen sehr guten Atem haben, wenn man das Tempo dieses gewaltigen Umbruchs mitmachen und verfolgen wolle. Es fei selbstverständlich gewesen, daß die großen Organisationen der Arbeitnehmer nicht als unberührte Inseln in dem revolutionären Meer in ihrer bisherigen Gestalt bestehen bleiben konnten.
Die Gewerkschaften wie sie waren, kehren nicht wieder. Sie werden anders fein müssen. Sie werden begreifen, daß die Arbeit nicht allein das Mittel zum Zweck des Lohnverdienens und der Tarife an sich sein soll, sondern daß die Vertretung des deutschen Arbeiters weit darüber hinaus jene große gewaltige Vertretung eines neuen Stands unter dem Begriff „der deutsche Arbeiter" zu sein hat. Das, was in der Vergangenheit versäumt wurde, nämlich Erziehung und Schule des Vierten Stands, das wollen und müssen wir nachholen.
Man hat in der Vergangenheit versucht, den Arbeiter gegen den Soldaten aufzuhehcn und den Soldaten als etwas Abschreckendes hinzu- fteficn. Wir sagen: Arbeiter und Soldaten gehören zusammen, weil sie geboren sind aus der Disziplin und aus der Rasse. (Beifall.) Deshalb kann der Klassenkampf niemals das Ziel und Mittel sein, um das Glück eines Volks aufzubauen, sondern wir erklären: Der Klassenkampf ist der Todfeind der Arbeit und des Arbeiters selber. (Erneute Zustimmung.) Wir brauchen eine Schicksalsgemeinschaft, in der jeder, der Arbeit leistet, unentbehrlich ist und deshalb geachtet werden muß. Das letzte große Ziel muß sein, aus dem heutigen Begriff des Proletariers, des Knechts, der Minderwertigkeit, einen Stand zu schaffen, der stolz ist, der den Racken erhaben trägt, ob sein Gesicht ruhig, ob die Hande schwielig sind, ob er aus der Grube oder vom Pflug kommt.
Der deutsche Mensch muß begreifen lernen, daß, wenn er arbeitet für das Volk er dann auch das Recht hat, stolz zu sein auf feine Leistung. (Stürmischer Beifall.)
Deshalb, mein Führer — so erklärte Dr. Ley, zum Reichskanzler gewandt —. bitte ich Sic dringend und herzlichst: Rehmen Sic als der Stärkste dieses Volks den schwächsten Sohn in Ihre Schirmherrschast. Der deutsche Arbeiter ist gut, brav und edel wie das herrliche Volk. Er will geführt werden, und er sehnt sich nach dieser Führung. Mein Führer, ich weiß, welch heißes, warmes Herz gerade Sie für diese Schicht des Volkes haben. Ich habe so oft aus Ihren Worten entnommen, wie Sie in Begeisterung von der Leistung dieser deutschen Menschen erzählten. Ich bitte Sie, nehmen Sie die Schirmherrschaft-
Und damit richte ich an Sie alle den dringenden Appell: Gehen Sie hinaus ins Land und rufen c-ie den Arbeiter zur Mitarbeit auf. Ich richte den Appell an das geeinte deutsche Arbeitertum, an den schassenden deutschen Menschen: Stelle dich nicht verbittert beiseite, sondern arbeite mit, damit du
das Fundament des deutschen Volks heißt. Ohne den deutschen Arbeiter gibt es kein beut- jch"s Volk. (Stürmischer langanhaltender Beifall.)
Reichskanzler Adolf Hitler, der mit minutenlangen Heilrufen und Händeklatschen gefeiert wurde, führte dann u. a. aus: Meine deut- ichen Volksgenossen! Große Umwälzungen können im Völkerleben nicht stattfinden, wenn nicht, fast möchte ich sagen, ein dringendes Bedürfnis nach ihnen oorliegt. Man kann keine Revolution wirklich tiefen Vorgehens machen, wenn nicht ein Volk nach einer solchen Revolution innerlich schreit, wenn nicht bestimmte Zustände nach einer solchen Revolution jeden förmlich drängen. Die Staatsform äußerlich zu ändern, das ist leicht. Ein Volk innerlich umzugestalten, kann immer nur gelingen, wenn ein bestimmter Entwick- lungsprozeß sich selbst mehr oder weniger erledigt bat, wenn ein Volk den Weg, den es einschlug, selbst schon, wenn vielleicht auch nicht ganz klar, aber im Untcrberoufjtfein, als falsch empfindet und nun gern den Weg verlassen möchte und nur mit der Schwerfälligkeit und der Trägheit der Masse den neuen Weg nicht finden kann, bis nicht von irgendwoher ein Anstoß kommt oder bis nicht eine Bewegung, die schon den neuen Weg gesehen hat, nun eines Tages das Volks hinein zwingt in diesen neuen Weg. Es mag ihn im er^'en Augenblick scheinbar wollen oder nicht, es wird ihn dann gehen, wenn es im Innern bewußt oder unbewußt schon die Empfindung hat, daß der bisherige Pfad am Ende doch nicht der richtige war.
Linier all den Krisen, unter denen wir leiden, und die ja nur ein zusammenhängendes Bild ergeben, ist ja am fühlbarsten für das Volk selbst
die W i r t s ch a f t s k r i s e. Es genügt nicht, zu I sagen, daß die deutsche Wirtschaftsnot etwa die I Folgeerscheinung sei einer Weltkrise, der Rot | der Wirtschaft überall, denn genau so kann jedes andere Dolk selbstverständlich die gleiche Entschuldigung finden und dieselbe Begründung für seine Rot. Leider Gottes ist ja gerade der Deutsche zu sehr veranlagt, in solchen Zeiten den Blick statt in das eigene Innere in d i e Ferne schweifen zu lassen. Die lange Erziehung unseres Volks zu internationalen Auffassungen hin verleitet auch in einer solchen Rot zu dem Glauben, daß man anders als durch internationale Methoden einem solchen Unglüd nicht entgegenfteuetn könnte.
Und trotzdem Ist das falsch. Jedes Volk für sich muß diesen Kampf ausnehmen, und vor allem wird nicht ein Volk für sich von dieser Rot befreit durch internationale Maßnahmen, wenn es nicht selbst diese Maßnahmen trifft.
(Lebhafte Zustimmung.) Die Krise der deutschen Wirtschaft ist nicht nur eine Krise, die sich in unseren Wirtschaftsziffern ausdrückt, sondern in erster Linie eine Krise, die sich ausdrückt i n dem inneren Verfall unseres wirtschaftlichen Lebens. Cs ist die Krise, die wir sehen in dem Verhältnis zwischen dem Begriff — und auch der Wirklichkeit — Kapital, Wirtschaft und Volk. Lind besonders sehen wir diese Krise kraß im Verhältnis unseres Arbeiters zu unserem Arbeitgeber. Wenn diese Krise nicht gelöst wird, werden alle anderen Versuche, der Wirtschaftsnot Herr zu werden, auf die Dauer vergeblich fein.
Oer Reichskanzler zeigt die Gründe für den inneren Verfall, unserer Wirtschaft.
Wenn wir die deutsche Arbeiterbewegung, so wie sie ssth im Lause des letzten halben Iahrhun- derts allmählich entwickelte, nach ihrem innersten Wesen untersuchen, dann werden wir auf drei Gründe stoßen, die diese eigenartige Entwicklung bedingen. Der erste Grund liegt in der Veränderung der Betriebsformen unserer Wirtschaft an sich. Am Beginn des vergangenen Jahrhunderts beginnt die Industrialisierung, und damit geht das patriarchalische Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber endgültig verloren. Beschleunigt wird dieser Prozeß in dem Moment, in welchem d i e Aktie an die Stelle des persönlichen Besitzes tritt. Wir sehen nun den Beginn einer Entfremdung zwischen den Schaffenden des Kopfes und den Schaffenden der Hand. Denn das ist unverändert wirklich der einzige entscheidende Unterschied. Richt das Wort Besitz an sich kann hier als charakteristisch angesehen werden.
wir wissen, daß eine Unzahl der Männer, die unsere Produktion begründeten, nicht etwa ursprünglich aus dem Besitz gekommen sind, sondern aus der Arbeit (lebhafte Zustimmung), daß sich nur in ihnen die Kraft der Faust zugleich erweiterte zu der Genialität des Geistes, daß sie gottbegnadete Erfinder, gottbegnadete Organisatoren gewesen sind, denen wir und unsere Volksgenossen unser Leben mit verdanken. Denn ohne diese Männer wäre uns die Ernährung, die Erhaltung von 65 Millionen Menschen auf unserer begrenzten Bodensläche niemals möglich gewesen. (Sehr richtig!) wir wären sonst Exportland geblieben roher Arbeitskraft, damit aber selbstverständlich auch Exportland des darunter stets verborgenen Geistes, ftulturbünger der übrigen Welt. Daß sich das änderte, verdanken wir der Unzahl der Männer, die sich aus der Tiefe unsere» Volkes heraus emporgearbeitet haben, und die nur durch ihre Fähigkeit, durch ihre Genialität Millionen Menschen BrA und Sicherung schassen konnten.
Man kann also nicht von vornherein gegenüber* stellen: Unternehmer und Arbeitnehmer, sondern der Ausgang ist nur der, daß sich der Geist, wie immer im menschlichen Leben, befehkaebend über die gewöhnliche Kraft erhebt. Dieser Geist selbst aber ist nicht etwa ein Vorrecht der Geburt bei uns gewesen, sondern wir finden ihn inallenunseren Lebens schichten, in allen Lebensstellungen. Man kann wirklich sagen, daß hier das deutsche Volk in allen seinen Schichten beigetragen und zugesteuert hat.
Das Auseinanderfallen nun, das wir allmählich erleben konnten, führte dazu, daß auf der einen Seite besondere Interessen des Unternehmers in Erscheinung traten und auf der anderen Seite besondere Interessen der Arbeitnehmer. Es entsteht allmählich eine Ideologie, die glaubt, den Begriff d c s Eigentums auf die Dauer aufrechterhalten zu können, wenn auch die Teilnehmer an der Wirklichkeit des Besitzes bloß mehr einen minimalen Prozentsatz der Nation aus
machen. Umgekehrt entstand die Meinung, daß deshalb, weil nur mehr ein'Prozentsatz Teilnehmer an dieser Wirklichkeit ist, die Wirklichkeit dieses Besitzes selbst abzulehnen wäre.
Es entstand damit die endlose Diskussion um den Begriff Privateigentum. 3n der Folge führt dieser Kampf zu einer immer weiteren Entfernung der beiden Exponenten im wirtschaftlichen Leben. Wenn erst einmal geistig die beiden Interessenten ihre Aufgabe nicht mehr als eine gemeinsame ansehen, dann ist es klar, daß der Kraft, die sich immerhin im Llnternehmer repräsentiert, nur die zusammengesaßte Kraft des Arbeitnehmers überhaupt gegenübergesetzt werden kann. Lind dann werden die beiden Organisationen selbstverständlich mit den Kampsmitteln ihre scheinbar getrennten Interessen vertreten, die ihnen gegeben sind, d. h. Aussperrung und Streik. Lind dann werden in dem Kampf manchesmal die einen siegen, manchesmal die anderen. Das führt dann endlich aber so weit, daß die Organisationen immer umständlicher werden, bei der Reigung des Deutschen zur Bürokratisierung immer größere Apparate aufziehen. Lind dann muß der Kampf weiter- geführt werden, damit die Existenz der Apparate damit begründet werden kann, wenn die Vernunft endlich einmal kommt. (Heiterkeit und Zustimmung.) Das Ganze wird manchesmal ein übles Theater, das bellt sich gegenseitig an, bringt sich am Ende natürlich nicht um, denn sonst würden weder die Gewerkschaften bestehen können, noch die Llnternehmerverbände. (Erneute Heiterkeit.)
Aber alles das lebt jetzt letzten Endes doch auf kosten der Gesamtheit. (Sehr richtig!) Dieser Kampf, der zu einer unendlichen Vergeudung an Mitteln und Arbeitskräften usw. führt, ist der eine Grund für die Katastrophe, die langsam aber sicher herausgezogen ist.
Der zweite Grund ist das Emporkommen desMarxismus. Der Marxismus, als Weltanschauung der Dekomposition, hat mit scharfem Blick in der Gewerkschaftsbewegung die Möglichkeit erkannt, den Angriff gegen den Staat und d i e GN e n s ch l i ch e Gesellschaft nun mit einer absolut vernichtenden Waffe zu führen, nicht etwa, um dem Arbeiter zu helfen — was ist diesen internationalen Aposteln der Arbeiter irgendeines Landes! Gar nichts! Denn diese Apostel sind keine Arbeiter, es sind Volks- frernde Literaten, volksfremdes Pack! (Stürmischer Beifall.) 'In diesen ganzen Jahrzehnten hat die politische Sozialdelnokratie sich von diesem Kamps und von dieser Kampfeinrichtung genährt. Man muhte der Gewerkschaft den Gedanken einimpsen: Du bist ein Instrument des Klassenkampfes.
Im Jahre 1914 ist der deutsche Arbeiter in einer plötzlichen inneren Erkenntnis vom Marxismus weg und zu seinem Volk hinge- gangen und die Führer, die dieses Verhängnis hereinbrechen sahen, konnten es nicht hemmen. Einige unter ihnen sind in dieser Stunde mit dem Herzen zu ihrem Volk zurückgekehrt. Wir
wissen ja, daß ein großer Mann, der beule bestimmend in die Weltgeschichte eingegriffen bat. Benito Mussolini, in dieser Stunde der Cr- Erkenntnis sich zu seinem Volk zurücksand. 3it Deutschland sind es einige -gewesen, die große Masse der politischen Führer ging nicht etwa freiwillig auch sofort an die Front. Arbeiter find gefallen. die Führer haben sich zu 99 Prozent sorgfältig konserviert! (Sehr richtig und Beifall.)
Sie sahen in der Revolution die Erfüllung. Da können wir nur eines lagen: Wäre damals die deutsche Gewerkschaftsbewegung i n unseren Händen gewesen, hätte sie sich, meinetwegen, in meiner Hand befunden, wir Rationalsozialisten hätten damals diese Riesenorganisation in den Dienst des Vaterlandes gestellt. Wir hätten erklärt: du mußt eines erkennen: Jetzt wird nicht entschieden über Monarchie, nicht über Kapitalismus, nicht über Militarismus — entschieden wird über Sein ober Richtsein unseres Volkes, und wir deutschen Arbeiter machen 70 Prozent dieses Volkes aus! (Beifall.)
Gewiß, wir hätten manchesmal gegen den Staat Front gemacht, hätten protestiert gegen das Unwesen des schamlosen Treibens dieser Kriegs* g e s e 11 s ch a f t c n. (Sehr richtig.) Wir hätten gegen das Schiebergefindel protestiert, wir wären dafür eingetreten, daß man dieses Pack, wenn not wendig, mit dem Strick zur Räson bringt. (Beifall.) Wir hätten aber genau so erklärt: Indem wir dieses beseitigen, wollen wir nichts anderes als den Sieg unseres Volks. Denn wenn wir den Sieg verloren haben, so haben wir damit nicht eine Staatsform verloren, sonderen wir haben Millionen brotlos gemacht, und zwar zuallererst nicht die Millionäre und die Banken, sondern den Handarbeiter.
Ein Verbrechen, daß man das nicht tat. Man wartete solange, bis Volk und Reich, non lieber» macht zermürbt, dem Angriff nicht mehr standhalten konnten. Dann schlug man los. Man hat Deutschland geschlagen und damit in erster Linie und am schwersten den deutschen Arbeiter. Für die Summe von Leiden, Not und Elend, die seitdem durch Millionen Arbeiterfamilien und Kleinhaushalte geht, haben sich die Verbrecher des November 1918 zu verantworten.
Sic können niemals wieder gulmachen. daß sie durch Iahrzehnte den deutschen Arbeiter i n eine immer furchtbarere geistige Isolierung hineinsührlen, und daß sie mit dem Roocmber 1918 den deutschen Arbeiter durch dieses gemeine Stück unverantwortlicher kleinster Gruppen mit einer Tat belasteten, für die er nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Denn seit dem Tage Ist bei Millionen anderer Deutschen nun plötzlich die Meinung entstanden, der deutsche Arbeiter fei s ch u l d a m Zusammenbruch. Der Arbeiter, der so unsagbare Opfer gebracht hat, er wurde plötzlich als Sammelbegriff verantwortlich gemacht für die Tat dieser meineidigen, lügnerischen und verkommenen Vernichter des Vaterlandes. Das Schlimmste, was es geben konnte, denn in dem Augenblick zerbrach für viele Millionen Menschen in Deutschland die volksgernein- schäft, und bei alledem zerbrach selbstverständlich die deutsche wirtschaft. Denn die wirtschaft ist nicht ein Ding an sich, sondern sic Ist ein lebendiger Fortgang einer Funktion des Volkskörpers, und ihr ganzer Verlauf wird bestimmt durch Menschen. Wahnsinn des Denkens im einzelnen summiert sich zum Wahnsinn des Denkens der Gesamtheit und zerstört endlich etwas, was die Gesamtheit selbst wieder auf das schwerste schädigt.
Der dritte Grund, den wir Deranttoortlidx machen müssen für die Entwicklung, liegt i m Staat selbst. Etwas hätte es gegeben, was dieser Entwicklung vielleicht hätte entgegengestellt werden können. Es wäre der Staat gewesen, wenn dieser Staat nicht selbst zum Spiel- b a l [ der Interessengruppen heran t e r g e s u n k e n wäre. Cs ist kein Zufall, daß diese Gesamtentwicklung parallel geht mit der Demokratisierung unseres öffentlichen Lebens- Diese Demokratisierung führte dazu, daß der Staat zunächst in die Hände bestimmter Gc- sellschaftsschichten kam, die sich identifizierten mit dem Besitz an sich, mit dem Unternehmertum' an sich. Das breite Volk erhielt immer mehr die Empfindung, daß der Staat selbst keine objektiv übet den Er cheinungen stehende Einrichtung wäre, sondern der Ausfluß des wirtschaftlichen Wollens und der wirtschaftlichen Interessen bestimmter Gruppen innerhalb der Ration. Der Sieg des politischen Bürgertums war nichts anderes als der Sieg einer aus ökonomischeu Gesetzen entstandenen Gesellschastsschicht, die ihrerseits nicht die geringste Voraussetzung für eine wirkliche politische Führung besaß. Sie bat in jeder kritischen Stunde versagt und in der schwersten Stunde« der Ration ist sie jammervoll zusammengebrochen. (Lebhafter Beifall.) Ich glaube, wir befinbe-i uns in der Zeit, in der diese Fehlkonstruktion


