Ausgabe 
11.3.1933 Frühausgabe
 
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Ein Naggenerlaß des Reichskanzlers.

Nur Gchwarz-Weiß-Roi am Volkstrauertag.

Berlin, 10. März. (WTB.) DerVölkische Beobächter" veröfsentlicht folgende Anordnung des Führers der NSDAP. Reichskanzlers Adolf Hiller:

Da die Soldaten der allen Armee einst unter der schwarzweihroten Fahne, der alten deutschen Rcichsfahne, gefallen sind, wollen wir, um sie zu ehren, an diesem Tage von den öffent­lichen Gebäuden des Reiches auch nur diese, ihre damalige Fahne, wehen lassen. Sie ist die Fahne dec alten Armee und die Fahne des Weltkrieges. Unser Hakenkreuzbanner ist die Fahne der nationalen Re­volution und der nationalen Erhebung.

Berlin. 10. März 1933. ge;.: Adolf Hiller.

Flaggeneriaß für Preußen.

Berlin, 10. März. (WTB.) Der Kommissar des Deiches für das preußische Ministerium des Innern Reichsminister Göring hat für seinen Geschäftsbereich folgendes angeordnet: Arn 12. März, dem Bolkstrauertage, gedenkt das

Ein Aufruf des Reichskanzlers an die RGDAP.

Berlin. 10. März. (WTB.) DerVölkische Beobachter" veröffentlicht folgenden Aufruf des Führers der RSDAP. Reichskanzler Adolf Hitler:

Parteigenossen! SA.° und SS.-Manner! Eine ungeheure Umwälzung hat sich in Deutschland vollzogen. Sic ist das Ergebnis schwerster Kämpfe, zähester Ausdauer, ober auch höchster Disziplin! Gewissenlose Subjekte, hauptsächlich

kommuni st ische Spitzel versuchen, die Partei durch Linzelaktionen zu k o m p r o m i t t i e r e n, die in keiner Beziehung zum großen werk der nationalen Erhebung stehen, sondern höchstens die Lei st ungen unserer Bewegung belasten und V« herabsehen können. Insbesondere wird ver­sucht. durch Belästigung von Ausländern und Autos mit ausländischen Fahnen die Partei bzw. Deutschland in Konflikt mit dem Auslande zu bringen.

SA.- und SS.-Männcr! Ihr müht solche Krea­turen sofort selbst stellen und zur Verant­wortung ziehen. Ihr müht sie weiter un­verzüglich der Polizei übergeben, ganz gleich, wer sie auch^sein mögen. Mit dem heu­tigen Tage hat in ganz Deutschland die natio­nale Regierung die vollziehende Gewalt in den fänden. Damit wird der weitere Vollzug der nationalen Erhebung ein von oben geleiteter planmäßiger sein.

Rur dort, wo diesen Anordnungen wider- st a nd entgegengesetzt wird oder wo aus dem «hmlerhall, wie früher, A n g r i f f e auf einzelne . Männer oder marschierende Kolonnen erfolgen, ist dieser Widerstand sofort und gründlich zu brechen. Belästigungen einzelner Personen, Behinderung von Autos oder SlörungendesGefchäftslebens haben grundsätzlich zu unterbleiben.

Ihr müht, meine Kameraden, dafür sorgen, dah die nationale Revolution 1933 nicht in der Ge­schichte verglichen werden kann mit der Revolu-

deutsche Volk der 2 Millionen Toten des Welt­krieges, die durch ihr geheiligtes Opfer das Fundament für den Reuausbau der deutschen Ration vom 30. Ianuar bilden. Sie siegten und starben an allen Fronten unter der siegreichen deutschen Fahne Schwarz-Weih-Dot und unter der ruhmgekrönten preußischen Fahne Schwarz- We'.h. Aus diesem Grunde werden am 12. März zu Ehren der Toten auf allen Gebäuden des Staates nur die FahnenSchwarz-Weih und Schwarz-W-^ ih-Rot gesetzt

Run weht auf zahlreichen staatlichen Gebäuden das Hakenkreuzbanner als das Symbol des Sieges des erwachenden Deutschland. Dieses ebenfalls durch das Blut zahlreicher Freiheits­kämpfer geweihte Banner wird wegen des Volks­trauertages am SaGstag, 11. März, bei Sonnen­untergang in feierlicher Flaggen­parade im Beisein mindestens eines Sturmes der SS. oder SA. und unter Mitwirkung eines Musikkorps oder Spielmannszuges unter den Klängen des Horst-Wessel-Liedes feierlich ein- geholt werden. Denn der 12. März ist der Tag des Gedenkens an die Toten des Welt­krieges.

tion der Rucksackspartakisten im Iahre 1918. Im übrigen laht Euch in keiner Sekunde von unserer Parole wegbringen. Sie heißt: Vernichtung des Marxismus!

Berlin, den 10. März 1933.

gez.: Adolf Hitler.

Oeuischnaiionale Wünsche an den Reichskanzler.

Ein Schreiben des Parteivorsitzenden Dr. v. Winterfcldt.

Berlin, 10. März. (TU.) Dr. v. Winterfeldt, der stellvertretende Vorsitzende der DRVP. hat an den Reichskanzler Adolf Hitler folgendes Schreiben gerichtet: Es laufen von verschiedenen Stellen Rachrichten ein, aus denen hervorgeht, dah über die amtlichen Befugnisse ein- gesehterRcichskommissare Unklarheiten vorhanden sind. Andere Meldungen besagen, daß trotz der von Minister Göring ergangenen War­nung mancherorts nichtbeamtete Organe politischer Organisationen Maßnah­men treffen, da die Verhaftungen. Hausdurch­suchungen, Suspensionen von Deamtenfusionen nur von Trägern der Reichs- und Staatsgewalt aus­geübt werden dürfen. In der Ueberzeutzung. dah Sie selbst und die gesamte Deichsregierung und die kommissarische Preuhenregierung sowie alle hinter der Regierung stehenden nationalen Par­teien und Verbände in dem Wunsche übereinstim­men, dah die gegenwärtige, am 30. Ianuar ein­geleitete nationale Staatsumwälzung in den Bahnen dcrDisziplinund derGesetz- mähigkeit verlaufen soll, bitte ich Sie. Maßnahmen der zuständigen Reichs» und Staats­stellen zu veranlassen, die eine solche Entwicklung sicherstellen.

Auch von der Deutschnationalen Volkspartei wird der Tiebergang aller maßgebenden Amts­funktionen im Reiche, in den Ländern und in der gesamten Selbstverwaltung in die Hand von Vertretern nationaler Staatsauffassung als un­bedingt erforderlich angesehen. Das An­sehen des nationalen Staates in der Gegenwart und in der Zukunst verlangt jedoch, daß dieser Tiebergang sich in Formen vollzieht, de­ren Gesetzmäßigkeit keiner Anzweif­

lung unterliegen darf. Reichspräsident, Rcichsregierung und kommissarische Staatsregie­rung sowie vom Reich eingesetzte staatliche Organe sind diejenigen Stellen, die allein ö a 8 Recht beanspruchen dürfen, in die Tätigkeit staat­licher und kommunaler Stellen einzugreifen. Der- tretet der nationalen Parteien und Wehrverbände können keinesfalls an ihrer Stelle mit rechtswirksamer Folge handeln. In der Auffas­sung, daß Sie, sehr verehrter Herr Reichskanzler, den unverletzlichen Charakter des R e ch t s st a a t e s , wie Friedrich der Grohe be- reits gezeigt und wie ihn Reich und Staat vor der Aovembcr-Revolution darstellten, zu verbür­gen entschlossen sind, bitte ich Sie, die unerläß­lichen Maßnahmen anordnen zu wollen.

Gegen die Eingabenflui beim Reichskommiffar in Hessen.

Darmstadt, 10. März. (WER.) DerBüro - ch e s des Inhabers der Polizeige­walt erläßt folgende Bekanntmachung: Die Ge­suche und Eingaben bei dem Inhaber der Polizeigewalt in Hessen und seinen Mitarbeitern haben einen derartigen Umfang an­genommen, dah die dringend notwendige sach­liche Arbeit kaum noch möglich ist. Es ist daher unbedingt erforderlich, daß alle Volks­genossen die nicht sofort dringenden Gesuche, Be­schwerden usw. noch mindestens acht Tage zurück st eile n. Andere Gesuchsteller können zur Zeit nicht mehr vorgelassen wer­den. Im übrigen bitte ich, nach diesem Zeitpunkt alle Gesuche und Wünsche möglichst schrift­lich vorzulegen.

Tleber die Einrichtung der Hilfspoli­zei in Hessen sind vielfach falsche Gerüchte in Umlauf, insbesondere was die dadurch dem Staat entstehenden Kosten anlangt. Don zuständiger Stelle wird betont, dah durch die Einrichtung der Hilfspolizei keine weiteven Kosten entstehen außer den Auslagen für Verpfle­gung. Die Hilfspolizisten üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus.

Verfügung an den Vorstand des Hessischen polizeibeamien- Verbandes.

Darmstadt, 10. März. (WSR.) An den Vorstand des Polizeibeamtenverbandes, die Her­ren Winck, Flechsenhaar und Dietrich, wurde nachstehende Verfügung erlassen:Mit Rücksicht darauf, dah durch Ihre Beurlaubung bei Fortsetzung der Geschäfte des Polizeibeamten­verbandes unter der Beamtenschaft eine Beun­ruhigung zu erwarten ist, haben Sie sich jeder weiteren Handlung in der Leitung des Verbandes, und jeder Verfügung bis auf weiteres zu enthalten. Der Inhaber der Polizei­gewalt in Hessen. gez.: Dr. Müller."

ltm den Vertrauensmann der mittel- ständischen Wirtschaft.

Berlin, 10. Oltär». (VDZ.) Unter Bezug­nahme auf die mündlichen Verhandlungen hat der Reichsverband des deutschen Hand­werks in einer Eingabe an den Herrn Reichs­kanzler den Antrag wegen Bestellung eines Vertrauensmannes für die mittel ständische Wirtschaft an entschei­dender Stelle und mit entsprechenden Vollmach­ten wiederholt. Unter Hinweis auf die durch die letzte Reichstagswahl gegebene Bestä­tigung der Reichsregierung erwartet das Hand­werk die versprochene Bestellung dieses Ver­trauensmannes. damit dieser bei den bevorstehen­den wirtschaftspolitischen Mahnahmen seinen Einfluß ausüben könne.

Oer Afa-Bund zur politischen Lage.

Berlin, 10. März. (WTB.) Der, Afa-Bun­desvorstand veröffentlicht eine Erklärung, in der u. a. gesagt wird, es könne nicht Aufgabe der Gewerkschaften sein, zu den politischen Folgerungen aus der Reichstagswahl Stellung zu nehmen. Wohl aber find sich die großen Berufsoerbände der beub fchen Arbeitnehmer ihrer Pflicht bewußt, in die­sem geschichtlich bedeutsamen Augenblick an der Erfüllung ihrer sozialen und wirt­

Kür ordnungsmäßigen Ablauf des nationalen Kurswechsels.

schaftlichen Aufgaben weite rzuar» beiten. Der Afa-Bund werde in einer Zeit, in der die Angestelltenberufe von den Wirkungen der Wirtschaftskrise besonders hart betroffen seien, die ihm anvertrauten sozialen Interessen gegenüber der Regierung und gegenüber allen po­litischen Parteien mit sachlicher Begrün­dung und Entschiedenheit vertreten.

prof.Bahlen-Greifswaldzurückberufen

Berlin, 10. März. (ERB.) Das preußische Staatsministerium hat beschlossen, den früheren Rektor der Universität Greifswald. Prof. Dr. Theodor V a h l e n, der augenblicklich im österreichischen Dienst tätig ist, nach Preu­ßen zurückzuberuken und in feinen alten Dienstgrad wieder einzusetzen. Der preuhische Pressedienst der RSDAP. meldet hierzu: Wie er­innerlich, hatte Prof. Bahlen, der erste na­tionalsozialistische Reichstagsab­geordnete des Gaues Pommern der RSDAP., im Iahte 1924 dicksch w a t z r o t g o l- dene Fahne vom Greifswalder Universitätsge­bäude heruntergeholt. Unter Richtachtung der verfassungsmäßigen Immunität als Reichs- tagsabgeordneter wurde er daraufhin von dem marxistischen preußischen Staatsministerium aus Amt undStellung gejagt. Schließlich wurde er an die Technische Hochschule in Wien beru­fen, wo er feine Lehrtätigkeit wiedetaufnehmen konnte. Die neue preußische Regierung hat durch ihren heutigen Beschluß das Unrecht an Prof. Dahlen wiedergutgemacht.

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Kleine politische Nachrichten.

Der Herr Reichspräsident empfing den Präsidenten des Deutschen Reichsktiegetbundes Kyffhäuser" General v. Horn.

Reichskanzler Hitler wird, wie schon ge­meldet, am Samstag, dem 11. März, ge­legentlich der von der NSDAP, in den Ausstel­lungshallen am Kaiserdamm veranstalleten Kund­gebung bas Wort ergreifen. Seine Rebe wird in der Zeit von 20.30 Uhr bis 22 Uhr von allen deutschen Rundfunksendern übermittelt werden. Die für Samstag, den 11. März, um 19 Uhr vorgesehene Rundfunk­ansprache des Reichskanzlers fällt aus.

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Wie derVölkische Beobachter" meldet, ist der Münchener Oberbürgermeister Dr. Scharnagl beurlaub t worden. Bis auf weiteres führt der 2. Bürgermeister die Geschäfte Dr. Scharnagls fort

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Rach Mitteilung der Reichspresfestelle der RSDAP. hat der bayrische Staatskommissar Dr. Frank II. die sofortige Freilassung des Standartenführers Berni und des Standarten­adjutanten Hahn, die wegen Sprengstoffver­gehens im Zuchthaus Ebrach schmachteten, verfügt.

Der Kurator der Universität Frankfurt a. M. hatte gestern die Schließung der Uni­versität angeordnet, weil die nationalsozialisti­sche Studentenschaft das Hakenkreuzbanner gehißt hat bzw. hissen wollte. Minister R u st hat telegraphisch die sofortige Wiedereröff­nung der Hochschule verfügt.

Am Freitag beging der Oberbefehlshaber der Gruppe 11 in Kassel, General der Infanterie Freiherr Seutter von Lötzen, fein 40jähriges Militärdienstjubiläum. Der General ist der dienstälteste Offizier des Reichsheeres.

Die bremische Bürgerschaft nahm den deutschnationallnationalsozialistischen Antrag auf Auflös ung der Bürgerschaft an. Ferner wurde ein sozialdemokratischer Antrag angenommen, wo­nach die Presse- und Versammlungs­freiheit während des Wahlkampfes gewähr­leistet werden soll. Die Reuwahl der Bürger­schaft findet am 2. April statt.

Gießener Gtavttheaier.

Gerhart Hauptmann: Bor Sonnenuntergang".

Der Symbolkraft in der Rarnengebung dieses Schauspiels, das, aus der Hand des fast siebzig­jährigen Dichters hervorgegangen, vor einem Iahr in Berlin seine Uraufführung erlebte, wird sich niemand verschließen können: mit diesem Werk hat sich ein Ring von erstaunlichem Ausmaß ge­schlossen. Dor Sonnenausgang vor Sonnenun­tergang: zwischen diesem (vorerst) letzten und je­nem frühesten Werk liegt in einer imponierenden Bogenspannung innerer Entwicklung ein bedeuten­des Lebenswerk beschlossen.

Es ist gewiß kein Zufall, wenn Hauptmann in seinem Spätwerk mit so sinnfälliger Beziehung zu den stürmischen Anfängen des berühmten Iah- res 1889 zurückkehrt-, die Gemeinsamkeiten wie die Abstände liegen offen zutage, und was jener erste, heiß umstrittene Sieg auf der Bühne ihm er­schlossen hatte, wurde durch den überzeugenden Erfolg des Allerswerkes bestätigt und bekräftigt.

Das SchauspielDor Sonnenuntergang" schildert Glück und Ende der großen Liebe eines alten Mannes zu einem sehr jungen Mädchen. Dieser Mann, Geheimrat Clausen, Großindustrieller von Ansehen und weitreichendem Einfluß, Oberhaupt einer zahlreichen Familie, aber innerlich allein- geblieben nach dem Tode feiner Frau, hängt, in heimlicher Sehnsucht nach Iugend und bedrängt von der Angst vor der Vereinsamung des Alters, sein ganzes Herz an ein junges, blühendes Ge­schöpf, das seine Liebe wie ein unverdientes Ge­schenk empfängt und leidenschaftlich erwidert. Aber die Kinder des Geheimrats lehnen das Mädchen, das freilich aus sehr anderen Lebensbezirken stammt als sie selber, empört ab und widersetzen sich dem Plan einer zweiten Eheschließung des Dakers aus unschönen und innerlich ungerecht­fertigten Beweggründen. Der alte Herr läßt es zum offenen Bruch kommen und weist ihnen die Tür. Die Familie antwortet mit einem Entmün­digungsantrag; das ist ein Schlag, dem der Ge­heimrat nicht gewachsen ist: die Dersöhnungsver- suche derGegenseite" kommen zu spät, l^r stirbt, vom Herzschlag getroffen, unter den Händen der Geliebten.

Wenn man die Ramen Zola und Ibsen, die vor mehr als vierzig Iahren dem SchauspielDor Sonnenaufgang" Geleit und Absolution gegeben

haben um die Entwicklung anzudeuten zwischen damals und heute durch zwei andere ersehen will, so können sie nur Goethe und Shakespeare heißen. Die Ramen Wolfgang, Egmont, Bettina, und Ottilie, die Zitate ausFaust" und aus den Spruchgedichten, die Anklänge an denWerther" (Lotte, Brot schneidend") und die Episode mit Tllrike von Levehow sind deutlich genug. Tlnd noch deutlicher als an den alten Goethe mahnt der aus­klingende vierte Akt des Schauspiels (ein fünfter wurde schon in Berlin nicht gegeben) an den alten König Lear.

Aber das späte Liebesspiel vor Sonnenunter­gang ist auch ein Familiendrama, wie jenes erste vor Sonnenaufgang in einer Liebesszene gipfelte, die selbst dem von Zweifel, Widerspruch und Ein­wänden geplagten Gegner die Dichterkraft des da­mals jungen und unbekannten Hauptmann bestä­tigen mußte. Wieder finden wir die im Grundriß gleicheKonstcllalion: eine Gruppe von Menschen, die gewissermaßen reif geworden sind für die Stunde ihres Schicksals. Cs erfüllt sich mit dem Eindrin­gen jenes Fremdlings, jenesDmen aus der Außenwelt", wie man ihn genannt hat, der in ihren Kreis tritt, mit seinem Erscheinen die schon brüchige Gemeinschaft sprengt und die Katastrophe herbeiführt. Hier liegt heute wie damals das erregende Moment, um einen etwas aus der Mode gekommenen Begriff zu gebrauchen.

Riemand wird übersehen, was stilistisch das Alterswerk vom Erstling trennt; auch die Derschie- bung in der Problemstellung braucht nicht aus­führlich beschrieben zu werden. Geblieben ist (oder neu gefunden) die dichterische Kraft und die Kunst der Menschcnbildung, die damals noch der alte Fontane als etwas ganz Reues, Revolutionie­rendes und Wegweisendes in der schlesischen Bau­erntragödie beglückt empfunden und begrüßt hat.

Dieser Eindruck ist entscheidenb und nachhallend, baß es nichts verschlägt, wenn man mit ein paar Worten auf bie Einwände eingeht, die sich manchem au drängen mögen und zum Teil auch bei der Ur- au führung schon vorgebracht worben sind. Die Ex- po üion wofür Hauptmann in seinen Dramen manches Meisterstück geliefert hat scheint uns hier nicht mit ber oft bcwunberten Selbstverständlichkeit gelungen, was allerdings durch bie Szenen bes zweiten und dritten Aktes glänzend ausgewogen wird. Getadelt wurde ferner die schwere Belastung der Geliebten mit einer angeblichen Schuld ihres auf unglückliche Weise ums Leben gekommenen Va­ters. Wobei wiederum zu bedenken ist, daß gerade

hierdurch die Haltung der Clausenschen Kinder ent­scheidend motiviert wird. Ferner die Verschiebung des Familienkonflikts in einen Geldkonflikt-, aber beides scheint uns nicht nur ursächlich zusammen­zuhängen, sondern auch psychologisch mindestens erklärlich. Schließlich ist das burch -die Angehörigen bes Geheimrats gegen ihn eingeleitete Entmünbi- gungsoerfahren von fachmännischer Seite für juri­stisch unhaltbar bezeichnet worben. Wir vermögen das nicht zu beurteilen; es dürfte aber für den inne­ren Zusammenhang und Ablauf des Dramas nicht ausschlaggebend sein.

Die Inszenierung war vom Intendanten Dr. P c a s ch geleitet und in ihrem Gesamtbilde dazu angetan, die positive Wertung, die das Schauspiel schon beim ersten Erscheinen erfahren hat, von Grund auf zu bekräftigen. Die Aufführung, offen­bar bis in kleine Einzelheiten sorgsam geprobt und durchgearbeitet, mit einem sauber zusammenspielen­den Ensemble gerecht besetzt, brachte die Kunst der Hauptmannschen Szenenführung überzeugend zur Geltung. Die Liebesszene im zweiten und Die große Familienszene im drittenAkt dürfen als Höhepunkte der Regieleistung gelten; in ber oorbereitenben Ein­gangsszene des Dritten Aktes wäre u. E. allerdings die nervöse und gespannte Grundstimmung aller Be­teiligten vor der naheliegenden Gefahr eines situa­tionskomischen Einschlages zu bewahren. Die Bühnenbilder von Löffler waren räumlich und stilistisch aus der Umwelt des Dramas empfunden und zur Anschauung gebracht.

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Intendant Dr. Prasch stand auch seit langem wieder einmal persönlich auf der Bühne ganz im Mittelpunkt ber Szene und aller Gestalten. Er spielte bie Rolle des Geheimrats Clausen, bie in ber Uraufführung Werner Krauß gegeben hatte: eine ebenso schwierige wie bantbare Rolle, von Prasch sehr überlegt unb überlegen beherrscht, aus­gearbeitet in jeber Szene, auch dialektisch abgewo­gen und akzentuiert. Eine interessante, überall fesselnde Darstellung, der es gelang, die seelischen Voraussetzungen und Grundlinien dieses Menschen­schicksals auf den Zuschauer zu übertragen unb deutlich zu machen. Rein theatralisch war der große Ausbruch und Zusammenbruch im vierten Akt die sinnfälligste und wirkungsvollste Steigerung und Zusammenfassung seiner schauspielerischen Gaben.

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Ebensalls seit langem nicht gesehen und durch das vorgeschriebene helle Blond in der äußeren Erschei­nung überraschend verändert: Beatrice Doering als Inken Peters, Clausens mädchenhafte Geliebte

unb Freundin. Erfreuliche Wiederbegegnung in einer Aufgabe, der Anlage und Eigenart der Schauspiele­rin aufs glücklichste entgegenkommen, zumal sie sich in der Zwischenzeit entschieden zur Reife entwickelt hat. Von ihrer Leistung hängt hier so vieles ab; von ihrem Außenbilde, ihrer Haltung und ihrer Ge­fühlslage: sie muß in jeder ihrer Szenen die Leiden­schaft rechtfertigen, die ihr entgegengetragen wird. Das gelang ihr zart, heiter, liebenswürdig und legitimierte ihre Leistung.

H e t) f e r als Schwiegersohn Klamroth stand mit betonter Schärfe und brutaler Offenheit der oorneh-- men Ruhe bes alten Clausen gegenüber. Frau Koch (Paula) unb Herr Hauer (Wolfgang) leg­ten den Ton mehr auf bie komischen Möglichkeiten ihrer Rollen. Vortrefflich Frl. Berger als Bet­tina: blaß, leidend und überempfindlich. Volck gab mit freundlicher Bonhommie den Professor Geiger, F a s s o 11 taktvoll und verhalten den allen Sani­tätsrat und Freund des Hauses. Vom Ensemble seien noch Kühne (Hanefeldt), Luise Schubert- Jüngling (Frau Peters), Bruck und Hamel genannt.

Das stark besetzte Haus dankte mit herzlichem und anhaltendem Beifall. hth.

©er Schah in ber Seine.

Rach dem Erfolg des italienischen Bergungs­schiffesArtiglio" bei der Rettung des Goldes von dem DampferEgypt" beabsichtigt man nun, die Schätze Ju heben, die mit dem SchiffTele- mach" am 3. Ianuar 1790 in der Seine gesunken sind. Auf Deranlassung der Ratgeber ßub< toig XVI., die die bedrohlichen Sturrnwolken der Revolution bereits am Horizont sahen, tourten Kostbarkeiten des königlichen Schatzes auf das Schiff gebracht, und es sollen sich darunter grohe Mengen von Goldbarren, kostbarstem Ge­schirr und Iutoelen befunden haben. Das über­lastete Schiff kam aber nur bis Quilleboeuf, wo eS im Schlamm des Flusses versank. Dersuche der Bergung, die im Iahre 1840 unternommen wur­den, verschlangen die für damalige Zeit sehr be­trächtliche Summe von einer halben Million Fran­ken, führten aber zu keinem Erfolg. Die bekannten ältesten Leute" von Quilleboeuf behaupten, ge­nau die Stelle zu kennen, wo das Schiff nach den Angaben ihrer Dorfahren versunken ist, und man meint, daß neue Dersuche der Bergung bei dem heutigen Stande der Technik nicht allzu große Schwierigkeiten machen würden.