Ausgabe 
10.5.1933 Erstes Blatt
 
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für seine Arbeit seien weiterhin die ostpreußischen Kampfrichtlinien. In ihnen kommt zum Ausdruck, daß Deutschland eine starke evangelische Kirche brauche, die mehr als bisher imstande sei, eine Durchdringung des gesamten Dolkswesens mit dem sittlich erneu­ernden A u f baukrä f t en des Evange­lium s zu gewährleisten und undeutsche, vergiftende Einflüsse fern zu halten. Sie fordern ferner eine neue Kirchenverfassung, die den überall bereits erledigten Parlamentarismus und das demo­kratische Wahlsystem vermeide. Wahrung des Be­kenntnisstandes der Reformation sei notwendig. Es niüsse aber eine Weiterbildung des deutschen evan­gelischen Bekenntnisses im Sinne scharfer Ab- wehrmaßnahmengeaenallemodernen Irrlehren verlangt werden. Sitte und Zucht in Stadt und Dorf müßten wieder einkehren. Mit ihnen ein kräftiger Ausbau der christlichen Lie- bestätiakeit innerhalb der Kirche unter Mit­wirkung aller Gemeindeglieder. Wenn von berufenen Organen der Kirche das gemeinsame der verschiedenen Bekenntnisse in den evangelischen Kirchen gefunden sein werde, hätten die deutschen Christen als nächste Aufgabe durch missionarische Perkündigung dieses innerlich gemeinsamen^ die seelische Grundlage mit­zubauen, auf der allein der Neubau der Kirche mög­lich sei. Zum Schluß betonte noch Dr. Müller, daß sich die Zusammenarbeit mit den drei Bevollmächtig­ten des Kirchenbmides herzlich und außerordentlich gut gestalte.

Katholizismus und Nationalsozialismus.

D a r m ft a d t, 9. Mai. (WSN.) Das Gau- Presseamt der NSDAP, teilt mit: Aus füh­renden katholischen Kreisen wird eine Entschließung bekannt, die beweist, wie weit die geistige Umwäl­zung auch innerhalb ehemalig zentrumlicher Kreise im Verfolg der nationalsozialistischen Revolution schon vorgeschritten ist. Im Anschluß an eine Ar­beitsgemeinschaft über die soziale Enzyklika Pius XL wurde eine Entschließung gefaßt, in ihr heißt es: Von der Politik des Zentrums enttäuscht, die nicht die Einsicht für die notwendigen Reformen in Staat und Gesellschaft oufbrachte und nicht vom Taktischen zum Grundsätzlichen durchstieß, sind die hier versam­melten Katholiken aus verschiedenen Schichten und Ständen entschlossen, sich in den Dien st der nationalsozialistischen Bewegung zu stellen. Von der Regierung der nationalen Erhebung erwarten wir Schutz und Freiheit des kirchlichen und religiösen Lebens und Sicherung des konfessionellen Friedens. Ein parteipolitischer Zusam­menschluß der Katholiken erscheint uns deswegen nicht mehr wünschenswert. Die Anteilnahme an den Geschicken unseres Volkes und die Sorge um seine Zukunft gestattet uns nicht, untätig und abwartend beiseite zu stehen. Unser na­tionales Gewissen zwingt uns vielmehr, mit ganzer Kraft uns für die von Adolf Hitler, dem Führer der nationalsozialistischen Bewegung g e schaffens Volksgemeinschaft und den neuen Staat einzusetzen. Wir sind dabei über­zeugt, daß uns in dieser Neuordnung die Grund­lage zu einer ersprießlichen Arbeit im Dienste von Volk, Staat und Kirche gegeben ist.

Oie Hessische Evangelische Landeskirche an Reichsstatthalter Sprenger.

Namens der Hessischen Landeskirche hot Prälat D. Dr. Dr. Diehl an den Herrn Reichsstatthalter fol­gendes Schreiben gerichtet:

Hochzuverehrender Herr Reichsstatthalter! Zur Berufung in Ihr hohes Amt spreche ich im Namen der Hessischen Evangelischen Landeskirche, ihrer Kir­chenregierung und des Landeskirchenamtes die besten Glückwünsche aus.

Möge Gott Ihre Arbeit, die mit so großer Verant­wortung für unser Volk und Vaterland verknüpft ist,

Die stummen Gäste von Zweilin-en

Roman vonAnnyvonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold,

36 Forttehung. Nachdruck verboten!

Er wiederholte:Vor sechsundzwanzig Jahren, ja. Aber der Justizrat erzählte, der jetzige Besitzer des Gutes Zweilinden heiße genau wie sein Großvater; er soll vor kurzem mit seiner Mutter in Spanien gewesen sein. Wahrscheinlich ist es dieser Herr, den Sie kennen. Uebrigens ist Zweilinden das nächste Nachbargut von Wiesental."

Angela hatte Mühe, mit dem Neuen, was sie er­fuhr, fertig 511 werden. Vor allem mit der Glücksbot­schaft, der Geliebte sei noch am Leben. Die Gewiß­heit war zu wundervoll, zu überwältigend schön, und der Uebergang in ihr vom tiefsten Schmerz zur Freude war jäh und riß an ihren ohnedies schon stark in Mitleidenschaft gezogenen Nerven.

Der Pfarrer legte ihr die Hand auf den Arm.Er­zählen Sie mir jetzt, Kind, was Sie mir berichten wollten. Der Justizrat ist wieder fortgefahren, er hat einen Termin wahrzunehmen, läßt sich Ihnen vielmals empfehlen und gute Besserung wünschen."

Angela tupfte mit dem Taschentüchlein über ihre Augen, und dann brach es wie ein Strom über ihre Lippen, das Erlebnis mit Konrad von Zweilinden.

So erfuhr der alte Pfarrer erst, daß Sensor Esperao ein Graf Speerau gewesen und früher ein Gut nicht weit von Zweilinden besessen habe.

Der alte Herr hatte sehr aufmerksam zugehört und meinte: ,Ich sagte vorhin, Wiesental ist, wie mir der Justizrat erzählte, das nächste Nachbargut von Zwei- linden., Was läßt sich daraus schließen?"

Angela sah den alten Herrn fragend an, dann leuchtete es plötzlich in ihren Augen auf.

Es besteht die Wahrscheinlichkeit, daß Wiesental das Gut meines Vaters ist."

Ganz richtig", bestätigte der Pfarrer,und es dürfte leicht herauszubringen sein, ob es sich so ver­hält."

Angela bat:Nicht forschen und niemand fragen! Mein Vater litt darunter, es könne jemand in der alten Heimat erfahren, wie weit nach unten ihn sein Lebensweg geführt. Ich trage ja seinen Namen nicht, niemand hier ahnt, daß ich ihnVater" nannte. Ich würde ihm durch Nachforschungen be­stimmt keinen Gefallen tun."

Der Pfarrer meinte:Aber Frau von Zweilinden und ihr Sohn wissen doch, was aus dem Grafen Speerau geworden ist?"

Angela nickte.Ich glaube aber kaum, daß sie beide darüber zu jemand gesprochen haben."

Der Pfarrer seufzte heimlich. Angela, die um ihres Stiefvaters willen ihrer Liebe hatte entsagen müssen,

segnen zum Besten des Hessenlandes und des deut­schen Volkes."

Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung!

gez. D. Dr. Dr. Diehl, Prälat.

Oie bischöfliche Behörde Mainz beglückwünscht Statthalter Sprenger.

WSN. Mainz, 9. Mai. Die bischöfliche Behörde hat an den Reichsstatthalter Spren­ger folgendes Schreiben gerichtet:

Sehr verehrter Herr Neichsstatthalter! Als Stellvertreter des Hochwürdig st en Herrn Bischofs, der zur Zeit in Nom weilt, bringe ich Ihnen zur Ernennung zum Statthalter des Landes Hessen die b e st e n Glückwünsche dar. Wie die katholische Kirche zu allen Zeiten die gesetzmäßige weltliche Obrig­keit anerkannt und geachtet und mit ihr zum Wohle der Völker zusammengearbeitet hat, so begrüße ich Sie im Namen der Katholiken der Diözese Mainz als Statthaltber von Hessen und verspreche Ihnen Hochachtung, Ge­horsam und Mitarbeit in der Heber» zeugung, daß ein vertrauensvolles Zusammen­wirken der kirchlichen und staatlichen Behörden dem Lande Hessen zum Segen gereichen werde. Derantwortungsvoll ist das Amt, das Sie über­nehmen, und schwer sind die Aufgaben, die Sie erwarten. Möge Gott Ihre Tätigkeit mit Erfolg krönen das ist unser Wunsch und der Inhalt unseres Gebetes, das wir für Sie zu Gott emporsenden. In Ehrfurcht und vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebener Dr. Mayer, Generalvikar."

Reue Veränderungen an preußischen Hochschulen.

Der Ordinarius für Hygiene und Bakteriologie an der Universität Frankfurt a. M., Professor Max N e i s s e r, ist auf seinen Antrag von den amtlichen Pflichten entbunden worden.

Die Vertretung des staatsrechtlichen Lehrstuhls an der Universität Frankfurt, der durch die. Beurlaubung von Professor Hermann Heller freigeworden ist, wurde für das Sommersemester dem Privatdozenten Dr. Ernst F o r st h o f f in Freiburg i. Br. übertragen.

An der Universität Kiel sind folgende Do- zenten mit Vertretungen beauftragt worden: für Professor S ch ü ck i n g der Privatdozent Dr. Huber, Bonn; für den verstorbenen Professor Dr. Landmann der Privatdozent Dr. I e s - sen, Göttingen; für die Professoren Rauch und Husserl der Privatdozent Dr. Larenz, Göt­tingen; für Professor Kantorowicz der Privatdozent Dr. Dahm, Heidelberg.

Kleine politische Nachrichten.

Der Reichsminister für Ernährung und Land­wirtschaft, Dr. Hugenberg, empfing den Vor­sitzenden der Reichsführergemeinschaft des deut­schen Bauernstandes, R. Walter Darre. Die Unterredung galt der Durchführung der land­wirtschaftlichen Entschuldung.

Gregor Strasser, der sich nach Nieder­legung seiner Parteiämter aus der Politik zu­rückgezogen hatte, aber der NSDAP, nach wie vor angehört, ist nunmehr endgültig von Mün­chen nach Berlin übergesiedelt. Er hat in der Chemisch-Pharmazeutischen Indstrie ein Arbeitsgebiet übernommen, zu dem er nach seinem früheren Berufe als Apotheker besondere Eignung besitzt.

Rechtsanwalt Dr. Mansfeld, der Dezer­nent für Arbeitsrecht beim Zechenverband und Verein für die bergbaulichen Interessen in Essen, Privatdozent an der Universität Münster, ist zum kommissarischen Leiter der Abteilung Tarif­politik und Arbeitsrecht im Reichsarbeitsmini­sterium ernannt worden.

Syndikalistischer Generalstreik in Madrid.

Madrid, 9. Mai. (TU.) Der illegale Gene- r a l st r e i k für ganz Spanien als Protest gegen die angebliche Unterdrückung der Arbeiterschaft durch die Regierung ist von den Syndikalisten Dienstage morgen begonnen worden. Der Streik hat besonde­ren Umfang in Barcelona, Sevilla, Valencia, Sa­ragossa angenommen. Die Zeitungsorgane der Syndikalisten und Kommunisten wurden auf un­bestimmte Zeit verboten. In Madrid sind ebenso wie in anderen Städten Sabotageakte fest- .gestellt worden. Acht Bombenexplosionen beschädigten eine nach der Hauptstadt führende Hoch­spannungsleitung. In Bilbao wurden fünf Bom­benanschläge auf die elektrischen Hauptleitungen verübt. Ferner stellte die Polizei fest, daß die Syndikalisten, die nach Galizien, Asturien und Bar- zelona führenden Haupteisenbahnlinien durch Trennung der Schienen unbrauchbar gemacht haben. Ein durch Bombenexplosion in Bilbao getöteter Deutscher Kopp stand, wie

sich herausgestellt hat, mitden Syndikalisten in Verbindung. Ein weiterer Deutscher na­mens Bach, der ebenfalls den anarchistischen Strei­fen angehört, wurde verhaftet. In Madrid explodierte auf offener Straße eine Bombe, durch die ein Polizist und zwei Syndikalisten ge­tötet und sieben weitere Personen schwer verletzt wurden. Zu Zwischenfällen ist es auch im Weichbild von Madrid zwischen Polizei und Extremisten ge­kommen. Auf Grund der gestrigen blutigen Zusam­menstöße zwischen Studenten verschiedener politi­scher Ueberzeugung sind die Vorlesungen an den meisten Universitäten ausgesetzt worden.

Jurd)tbares Autounglück in Mexiko. 12 Tote, 30 verletzte.

Auf einer Gebirgsstraße im Staate San Louis Potosi stießen zwei mit heimkehrenden Aus» flüglern besetzte Lastkraftwagen zu­sammen. Die Wagen stürzten einen 300 Meter tiefen Abgrund hinab. Zwölf Personen wur­den dabei getötet, etwa 30 erlitten, zum Teil schwere. Verletzungen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Oie drei Gestrengen.

Mamertus, Pankratius und Servatius bringen Kälte oft und viel Verdruß", lautet eine der Bauern­regeln, die sich mit dem Horoskop der Tage vom 11. bis 13. Mai befassen. Auch dieser Kalenderweis­heit letzter Schluß klammert sich an den Strohhalm des Wörtchensoft". Oft, das heißt also nicht in jedem Jahr. Es braucht deshalb kein unentrinnbares Verhängnis zu fein, daß in diesem Mai mit Natur­notwendigkeit eine verspätete Diktatur des Nordpols in dem, weißen Blütenmeer des Frühlings aufgerich­tet wird. Das wäre in unserer Zeit der Umwertung mancher Begriffe, denen eine unumstößliche Bedeu­tung zuzukommen schien, noch nicht einmal besonders stilgerecht. Es wäre im Gegenteil offene Rebellion des Laubfrosches, wenn er die dreiEisheiligen" den Gang der Dinge in der Natur mit rauhem Griff ungünstig beeinflussen ließe. Stetigkeit der Entwick­lung sollte auch die Gesellschaft der vier Jahres­zeiten zu ihrer Losung machen.

Aber zum Glück geht es mit demHundertjährigen Kalender" und den alten Bauernregeln nicht allzu selten wie mit dem Hahn und seinen Verlautbarun­gen alsHof"marschall auf dem hierzu anscheinend besonders geeigneten landwirtschaftlichen Grundele­ment:. . . bann ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist." Daher sind ja im allgemeinen solche gereimten Wetter-Prophezeiungen tröstliche Rezepte für den Feld-, Wald- und Wiesenbedarf, auch damit Grund zur Freude ist, wenn die Schwarzseher höhren Orts" Lügen gestraft wurden. Denn dazu blüht es schließlich ja nicht, damit Aepfel, Birnen, Pflaumen, und was sonst noch, wegen der Nacht­fröste ungegessen bleiben müssen! Außerdem ist so etwas, strafrechtlich genommen,Mundraub".

Deshalb möchte man es schon lieber mit der ge= mäßiateren Bauernregel halten, die einen besseren Wechsel auf längere Sicht ausstellt:. . . ist es aber feucht und kühl, bann gibt es Früchte unb Futter viel." Da bie Landwirtschaft gegenwärtig ein be= beutfames Regierungsproblem ist, unb ba Futter bekanntlich durch vierbeinige Zauberkünstler in Fett umgewandelt wird, fo wäre dringend zu wünschen, daß die Herren Mamertus & Co. so viel wirtschaft­liche Einsicht haben möchten, nicht mit derkalten Schulter" an der Ernährungsfrage dieses Jahres vorbeizugehen. K. J. G.

Borrrotizen.

Tageskalender für Mittwoch: Stadttheater, 19.30 bis gegen 22.30 Hhr:Die vier Musketiere". Kampfbund der deutschen Architekten und Ingenieure im Kampfbund für

deutsche Kultur, Cafe Ebel, 20.30 Hhr, Grün­dungsversammlung der Ortsgruppe Gießen. VAB., 20.30 Hhr,Hindenburg", Versammlung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Teilnehmer antwortet nicht!"

ZumGastspielvonWeißFerdl. Zum ersten Mal seit 25 Jahren verläßt Bayerns unge­krönter König des Humors, der Weiß Ferdl, seine Residenz am Platzl in München und begibt sich auf eine kurze Gastspielreise. Es ist gelungen, den Künstler mit seinen urfidelen Landsleuten zu einem großenHeiteren Abend" für hier zu gewinnen. Dieser Abend findet am Samstag, 13. Mai, in der Volkshalle statt. Altbayerifche Ländlerkapelle, Chiem- gauer Schuhplattler, Alpen-Jodler-Duette, lustige Szenen auf der Alm, Hachtlfinger Männer- unb Frauenchor, Weiß Ferbl in feinen Original-Vorträ- gen ufw. werben bie Besucher gut unterhalten. Kar­ten im Bureau des Verkehrsvereins, bei Challier und an der Abendkasse.

Pensionierung Äls nationale Tai.

Der hessische Minister für Kultus und Bildungs­wesen hat an die Direktionen und Leiter der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und die Kreis- und Stadtschulämter Folgendes mitgeteilt:

Jahrelang kämpften die verschiedenen Lehrerver­einigungen um die Indienststellung der nichtverwen- beten Junglehrer unb Assessoren. Der Erfolg blieb nicht nur versagt, bas Gegenteil trat vielmehr ejp; bie Anwärterzahl wuchs von Jahr zu Jahr. Erhöh­ter finanzieller Notstanb oerminberte bie Hoffnung auf Besserung. Heute stehen wir in Hessen bei lieber nähme ber Macht vor ber Tatsache, baß mehr als ein halbes Tausenb junger Männer auf Anstellung wartet, währenb demgegen­über überfüllte Klassen an uns bie Forberung auf Klassenoermehrung stellen, ohne byß der Staat in ber Lage wäre, von sich aus allein Abhilfe zu schaf­fen, ba bie Knappheit ber Finanzen eine augenblick­lich noch kaum überminbbare harte Grenze zieht. Die Hilfe für bie Junglehrer muß darum von ber Lehrer­schaft her ihre Ergänzung erhalten. Jeber Leh­rer, der von etwa 60 Jahren an bereit ift, feinen D i e n st p l a tz z u räumen und für einen Junglehrer frei z u machen, bringt ein Opfer für das Heranwach­sende Lehrergesch.lecht. Da sich bie Jung­lehrer auch in anerkennenswerter Weise in Anpas­sung an bie heutige Notzeit vielfach mit Zweidrittel­ftellen gerne begnügen, kann die Zahl ber burch frei­willige Pensionierung freiwerbenden Stellen um bie Hälfte vermehrt unb somit gleichzeitig bie krassesten Fälle ber Klassenüberfüllung beseitigt werben. Wenn

tat ihm sehr leib, unb boch mußte er ihr noch mehr Schmerz bereiten. Sie mußte noch eine sehr ernste Nachricht hören, sonst vernahm sie biese Kunbe viel­leicht von anberer Seite. Da Zweilinben bas Nach­bargut von Wiesental war. unb Angela gut Deutsch sprach, konnte es ihr eine plauderlustige. Dienerin erzählen, ohne sich etwas dabei zu denken.

Er drückte Angela auf den Stuhl nieder.

Kind, ich bedauere Ihr Geschick sehr, unb wenn ich Ihnen jetzt noch einen Schmerz zufügen muß, ge­schieht es nur aus bem Grunde, Sie vorzubereiten, damit Sie nicht zufällig erfahren, daß der Mann, an dem Ihr Herz so über alle Maßen zu hängen scheint, verlobt ist mit einer Baronesse, in ber man schon seit Jahren seine zukünftige Gattin sieht. Der Justizrat flocht es mit ein, als er von Zweilinben unb ber Geschichte bes Kreuzes sprach."

Angela atmete bebrückt. Konrab hätte sich verlobt? Hatte er bas so schnell tun können nach bem Er­lebnis ihrer Liebe, bas sie beide in Barcelona gehabt? Hatte er cs fertiggebracht, einer anderen den Ring zu geben, den sie hätte tragen sollen? War sein Herz so schnell geheilt? Hatte sie ihm so wenig gegolten, daß er nicht einmal ein paar Jahre warten konnte im Andenken an bie Liebe, bie ihr so groß unb heilig erschien?

Unb ba hatte sie gemeint, weil sie glaubte, er wäre gestorben. War es nicht besser, sie vergaß, baß er lebte, unb betrauerte ihn weiter wie einen Toten? Sie sprach leise, aber fest:Ich banke Ihnen, Senor Cura, für biese Wahrheit! Obwohl sie mir weher als ber Irrtum mit bem Kreuz tut, ruft sie boch meinen Stolz wach. Ein Mann, ber sich so schnell zu trösten weiß, ben muß ich vergessen. Unb nun verzeihen Sie mir, weil ich mich vorhin so wenig habe zusammennehmen können. Ich werde mich von nun an bemühen, über das alles hinwegzukommen. Hoffentlich führt mir fein Zufall Konrad von Zwei- linden in den Weg. Wenn aber, bann mag er merken, daß ich ihn verachten muß."

So ist's recht", lächelte ber alte Herr,und jetzt kühlen Sie Ihre Augen und kommen hinunter, wir wollen das Schloß besichtigen."

Als ber Pfarrer bie Tür hinter sich geschlossen hatte, blickte sich Angela mit schmerzlichem Lächeln im Spiegel an unb murmelte:Länger als einige Wochen hat er nicht gebraucht, um mich zu ver­gessen." Sie schüttelte ben Kopf. ,I)as hättest bu nicht tun bürfen, Konrad, nein, das hättest bu nicht tun bür {er}, wenn,Hr. mich je geliebt!"

Ein trockeyes SchE^tzzen fauvüber ifjre, Sippen, aber bann riß sie sich zusammen. Richl mehr meinen um einen, dem sie so mept^-tun einen, bem sie wohl gar nichts gegolbn hatte!/

- 25.

Wenn AnoelaSchicht innerlich verstört gewesen wäre unb so' tiefes Leid getragen hätte, weil Kon­rad von Zweilinben sich überschnell einer anderen zugewanbt, hütte.ste wohl jetzt bie glücklichsten Tage

ihres Daseins verbracht. Nur mit einem leichten Schaubern erinnerte sie sich an das armselige Häus­chen in ber Vorstabt Coll Blanch, in bem sie ge­boren, unb wo sich ihr ganzes bisheriges Leben abgespielt.

Schloß Wiesental war sehr schön. Der letzte Be­sitzer, Julius Baseller, hatte alles nur Erbenkliche für bas nicht allzu große Gut getan, unb bas Schloß war mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, wie sie sich nur wohlhabenben Menschen bieten.

Der Pfarrer Basella unb Catalina waren immer gleichmäßig liebenswürbig zu Angela, unb sie hatte oft bas Empfinben, mit lieben Blutsverwanbten innig unb einträchtig zusammen zu sein. .

Der Pfarrer hatte seiner Großnichte von Angelas Liebe zu Konrad von Zweilinben erzählt, bamit sie es begreifen sollte, falls Angela einmal verstimmt und traurig wäre.

Die temperamentvolle Sevillanerin hatte darauf mit funkelnden Augen erwidert:Ich könnte das nicht so still hinunterschlucken, ich glaube, ich ginge hin unb stieße bem Menschen, der mich so schnell vergaß, einen Dolch in das falsche Herz."

Catalina!" hatte ber gute Pfarrer erschreckt ge­rufen:wie darfst du so etwas sagen! Weißt bu nicht, baß schon biefer Gebanke eine Sünbe ist?"

Und wenn ich bis in alle Ewigkeit in ber Hölle braten müßte bafür, könnte ich nicht anbers benfen", war bie rasche Erwiberung.Ich würde nicht still beiseite stehenbleiben. Ich würde nach Zweilinden gehen unb Rechenschaft forbern. Wenn biefer Mann ber armen Angela entsagte aus Rücksicht auf seine Mutter, so ist bas zu verstehen; aber er mußte nun ledig bleiben sein Leben lang. Ich würde ben Men­schen fanatisch hassen."

Aber, Catalina", rief ber Pfarrer,schäme bich! Ich will hoffen, bah diese bösen Gedanken bald ver­schwinden."

Catalina lachte:Ich bins ja nicht, tio (Onkel), die der Deutsche durch seinen Treubruch betrogen, und Angela zeigt ja keine Rachegefühle."

Oft fuhr man nach Frankfurt, weil es geschäftlich dort noch manches mit dem Justizrat zu besprechen gab, denn bie brei Miethäuser stauben zum Verkauf, unb oft machten die beiden jungen Mädchen allein Ausflüge in die Umgebung. Sie (ernten ben Taunus von allen Seiten kennen. Sein hügeliges Gelänbe mit den sanften Bergrücken, an die sich weiße Villen lehnten, seine schroffen Berghänge, darauf uralte Ritterburgen standen und weit über Main unb Rhein hinschauten; und sie sahen viele stille Schlösser auf waldbegrenzten Höhen.

Auch das Gut Zweilinden sahen sie manchmal vom Auto aus, aber niemals war Angela bisher, trotz ber nahen Nachbarschaft, mit bem Herrn bes Gutes zusammengetroffen.

Zuweilen ging Angela auch allein aus. Sie man- berte so gern burch ben bichten Buchen- und den würzigen Tannenwald. Unb einmal in ber Frühe

ging sie weiter als sonst unb stand plötzlich vor dem Steinkreuz, auf bem sich bie Worte anklagend zu- sammenschoben:Hier starb von verruchter Mörder- Hand!"

Jetzt wußte sie, daß es ein anderer Konrad von Zweilinden war, der hier an dieser Stelle hatte sterben müssen, daß es der Vater seines Vaters ge­wesen. Sie stand unb blickte auf das Kreuz, unb es ging ihr burch ben Sinn, sie wollte ihn, ber noch lebte, als Toten beweinen, bas tat lange nicht fo weh wie bie Wahrheit. Sie wollte in Schmerz und Leid an ihn denken, unb daß er unter ber Erbe ausruhte, ben sie so sehr geliebt unb lieben würde bis in alle Ewigkeit.

Sie stand mit gefalteten Händen, ein lautloses Schluchzen schüttelte sie. Ihre schultern bebten. Pferbehufe warfen ben Staub ber Chaussee auf, ein Reiter näherte sich.

Die ganz in ihre (Bebanfen Versunkene hörte keinen Laut aus ihrer Umwelt an bas Ohr bringen, unb Konrab von Zweilinben, ber eben zu Pferbe aus ber Kreisstabt kam, ließ seinen Braunen lang­samer gehen, benn es war ein eigenartiges Bild, bas sich ihm bot.

Da stand, ihm den Rücken zuwendenb, eine schmale, feine Mädchengestalt in schwarzem Trauer- fleibe und schien ganz versunken zu stehen vor bem Kreuz, bas seine Mutter hier zum Gedächtnis an seinen Großvater hatte errichten lassen.

Wie die blauschwarzen Locken glänzten unb wie ber bräunliche Hals aus bem Kleibausschnitt her­vorsah! So ähnlich müßte Angela aussehen, wenn sie in ber Haltung ber Fremben hier am Kreuze ftänbe, burchzuckte es ihn, unb fast gleichzeitig bachte er, es müsse eine von ben beiden jungen Damen sein, bie jetzt im Schloß Wiesental wohnten, benen er merkwürdigerweise noch niemals begegnet war. Aber überall hörte er von ihrer hervorragenden Schönheit sprechen.

Der verstorbene reiche Julius Baseller hatte mit niemand aus der Nachbarschaft Umgang gepflogen, unb man erfuhr nur, er hätte seinen Reichtum spa­nischen Verwandten hinterlassen, die jetzt die Erb­schaft angetreten. Ein alter Priester unb zwei junge Mäbchen sollten bie Erben sein. Daß alle Trauer trugen, war nur zu begreiflich, ba Julius Baseller ja erst knapp brei Monate tot war.

Blitzgeschwind war das durch den Kopf Konrad von Zweilindens gehuscht, und ba ihn bie Frembe nicht bemerkte, ritt er ein Stückchen zurück und sprang bann ob, führte fein Pferd am Zügel. Auf diese Weise kam er noch einmal unb ganz langsam am Kreuze vorüber, vielleicht konnte er babet ein wenig von bem Gesicht ber Fremben sehen. Neu- gterbe lag sonst nicht in seinem Charakter, aber jetzt war er gespannt, bas Gesicht zu sehen, bas zu btefem wundervollen Körper unb bem Haar Angelas ge­hörte.

(Fortsetzung folgt.)