Ausgabe 
10.4.1933 Erstes Blatt
 
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Die stummen Gäste von Zweilmden

Roman vonAnny vonpanhuys.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

13. Fortsetzung Nachdruck verboten I

Am nächsten Morgen schickte Graf Speerau zwei Herren nach dem Vorwerk Jägerhaus. Es waren zwei noch sehr junge Herren aus der Kreisstadt, die sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewußt waren. Sie überbrachten eine Forderung des Grafen auf Pistolen.

Der eine Herr, ein junger Fabrikantensohn, der seine weihnachtlichen Universitätsferien zu Hause verbrachte, sagte im Brustton der Ueberzeugung: Die Schande, die Sie dem Grafen Speerau an getan, Herr von Zweilinden, ist mir mit Blut ab- zuwaschen!"

Dann soll sich der Graf Blut besorgen, es braucht ja nicht gerade Menschenblut zu sein, und sich damit die Schande abwaschen, wenn er glaubt, cs geht da­mit", war die kühle Erwiderung Zweilindens.Ich will Ihnen noch etwas sagen, meine Herren", fuhr er fort,aber damit ist die Geschichte dann für mich ein für allemal erledigt. Also hören Sie. Ich Hobe mich ein bißchen lange in der Welt Herumgetrieben, und es waren manchmal Winkel dabei, die nicht die saubersten genannt werden konnten, und Menschen gab cs da, die man ganz ruhig alsverboten" bezeichnen darf: aber es war keiner dabei, der so tief gestanden hätte, wie Graf Speerau jetzt in meiner Achtung steht. Ich werde mich Neujahr mit Fräulein Claudius verloben, ich liebe sie von ganzem Herzen, und ich müßte wahnsinnig sein, wenn ich wegen eines Menschen, den ich nicht achten kann, mein Lebensglück aufs Vpiel setzen würde. Ein Kerl, der sich von' mir mit der Peitsche in die Flucht schlagen läßt vor ollen Leuten, zählt für mich nicht mehr mit, und Sie sollten es sich auch sehr überlegen, ihm beizustehen. Ich glaube kaum, daß es Ihren Eltern angenehm ist, daß Sie für den Grafen eintreten."

Die beiden blickten sich an, und der eine der Kartellträger fragte:Ist es wahr, hat er sich von Ihnen mit der Peitsche sortjagen lassen?"

Zweilinden nickte.Und nicht zu knapp! Vorher hoben wir uns im Honoratiorenzimmer des Hotels Eichkatz" rumgebalgt, und ich habe ihn geohrfeigt. ich drängte ihn dann auf die Straße: und draußen schlug ich feste mit der Peitsche auf ihn los, er lief davon wie ein scheugewordenes Pferd."

Die jungen Leute blickten sich wieder an.

Er hat uns das ganz anders dargestellt, und wir hoben nicht daran gedacht, uns nach dem Tatbestand zu erkundigen", erklärte der eine, und der andere stimmte ihm bei:Nein, daran haben wir nicht ge­dacht. Aber wir glauben Ihnen und werden uns hüten, uns mit der Geschichte weiter zu beschmutzen. Sie haben recht, Herr von Zweilinden, mit so einem Menschen schießt man sich nicht."

Sie schrieben dem Grafen ein paar sehr eisige Zeilen, und fast zur gleichen Zeit erhielt er einen Brief aus Frankfurt von der Tochter des reich­gewordenen Maurermeisters, die sich den Titel Gräfin" hatte erkaufen wollen. Sie teilte ihm mit, daß Skandalgerüchte, die sie auf ihre Wahrheit nach­geprüft hätte, an ihr Ohr gedrungen wären, und sie bitte ihn, sich nicht mehr im Hause ihres Vaters blicken zu lassen. Ihr Name und ihr Geld wären ihr zu schade für einen Menschen seiner Art.

Graf Speerau war in heller Verzweiflung. Alles wandte sich gegen ihn, alles! Er wagte sich nicht mehr in die Kreisstadt, wagte sich kaum noch aus dem Hause, und niemand kam zu ihm, nur Mahn­briefe flogen auf seinen Schreibtisch. Keine ruhige Stunde hatte er mehr.

Neujahr las er dann im Kreisblatt, das eine Botenfrau täglich brachte, die Vcrlobungsanzeige Bettinas mit Ottfried von Zweilinden« und er schrie vor Wut laut auf. Alles hatte er verpaßt, sein gan­zes Leben. Er hob die Hände und besah sie schau­dernd, Blut klebte daran, und er war zum feigen Mörder geworden für nichts, für gar nichts.

Er wollte seinem Leben ein Ende machen, ober ihm fehlte der Mut dazu.

Nach Neujahr erschien sein schlimmster Gläubiger auf dem Schlosse. Er drängte und drohte: und schließlich bot er ihm noch eine Summe von zehn­tausend Mark, wenn er das Schloß auf ihn über­tragen lassen würde. Er übernähme dann sämtliche Verbindlichkeiten von ihm.

Was blieb Wulf Speerau weiter übrig, als dar­auf cinzugehen? Es bedeutete sogar noch ein gutes Geschäft für ihn. Kurz nach Bettinas Verlobung verkaufte er also Wiesental und verschwand, ohne daß jemand ahnte, wohin er sich gewandt.

Bettina atmete auf. Sie war sehr zufrieden mit dieser Lösung. Sie hatte eine ältere, befreundete Witwe aus der Kreisstadt gebeten, bei ihr zu woh­nen, bis die Hochzeit stattgefunden, und die Dame erfüllte gern ihren Wunsch. Ostern heirateten die zwei, und als sie in der Kirche des Dorfes Zwei­linden getraut wurden, war die ganze Umgebung auf den Beinen, um das Brautpaar zu sehen. Lieb und anmutig sah Bettina aus in ihrem weißseide­

nen Kleide mit dem duftenden Schleier über dem glänzenden Braunhaar. Ottfried von Zweilinden aber sah das Glück aus den Augen, das fiel allen auf.

Nun war wieder ein Zweilinden Herr auf dem großen Besitz seiner Väter. Ein Jahr später ward im Herrenhause ein Sohn geboren. Als Bettina das Kind zum erstenmal in den Armen hielt, sah sic ihren Mann lange stumm an und sagte dann leise und überzeugt:Ich liebe dich!"

Das Kind aber erhielt den Vornamen seines Großvaters:Konrad".

11.

Ucber Barcelona lag der Frühjahrshimmel grell­blau, und die Gesichter der Menschen blickten fröh­lich. In der Markthalle des Stadtteils Sans dräng­ten sich die Käuferinnen, und auch die Besitzer der Stände um die Markthalle herum konnten sich nicht über Kundenmangel beklagen. Hier draußen gab es Stoffe und Schuhe, Bänder und Wäsche, falschen Schmuck und Strümpfe. Zwischen Käufer und Ver­käufer schoben sich noch fliegende Händler ein, die sich wenig darum kümmerten, daß man, um Waren zu verkaufen, auch die Erlaubnis der Behörden braucht. Zigeunerinnen glitten trotz ihrer weiten Röcke wie schmiegsame Katzen durch das Gewühl, sie boten Früchte an, billige Garnspitze und Korb­waren.

Eine von ihnen schrie laut:Bei mir ijt es am billigsten, weil ich keine Auslagen habe, alles frisch geklaut!"

Sie trug Bananen in einem flachen Korb und lachte mit blitzenden Zähnen. Sie hatte Käufer ge­nug: doch plötzlich wich ihr Lachen, über ihr braunes Gesicht zuckte Erschrecken. Sie jagte plötzlich, den Korb krampfhaft festhaltend, davon. Ihr scharfes Auge hatte einen Ordnungspolizisten erspäht, in dem jeder Händler, der feine polizeiliche Genehmi­gung besitzt, seinen schlimmsten Feind sieht. Sie rannte, daß der weitfaltige Rock nur so flog, und ihr nach jagte ein Mädel von ungefähr vierzehn Jahren, das einen Strauß künstlicher Blumen um­klammert hielt. Der Ordnungspolizist, im leuchtend roten Rock, machte erst einen Versuch, den zweien nachzulaufen, doch gab er es schon nach wenigen Schritten auf. Eine junge Zigeunerin war schwer einzuholen, und die Kleine, die hinter ihr herschoß, konnte es darin mit ihr aufnehmen.

Auf die zwei hatte er einen ganz besonderen Zorn, weil sie so unverschämt waren, immer so lange dicht vor seinen Augen zu ve kaufen, bis er ganz nahe an sie herangekommen war, ehe sie sich auf die Flucht begaben, die ihnen stets gelang.

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nach Madrid brauste, hielt die Zigeunerin an. Sie lachte, als sie das Mädel säh.

Wir flüchten immer zusammen, Lockenköpfchen, und das ist eigentlich drollig", meinte sie,da solltest du mir nun auch einmal sagen, wie du heißt."

Die Kleine hatte wundervolle schwarze Augen, die sehr ernsthaft blickten. Sie sagte etwas schüch­tern zu der Aelleren:

Ich heiße Angela und wohne mit meinen Eltern da drüben im Stadtteil Coll Blanch. Mutter macht solche Blumen", sie hiell den Strauß hoch,und Vater arbeitet alles, was er gerade findet. Manch­mal trinkt er auch, und dann weint Mutter."

Dann tut mir deine Muller leid, und du tust mir auch leid", nickte die Zigeunerin.Ich kann die Männer nicht leiden, die llinken."

Die kleine Angela erklärte mit Wichtigkeit:Mut­ter sagt, man darf dem Vater darum nicht böse fein, er trinkt, well er etwas vergessen will. Er ist früher ein feiner Herr gewesen."

Die Zigeunerin blickte interessiert.

Wirklich? Da war er vielleicht gar ein Schreiber in einer Bürgermeisterei oder so was, nicht wahr?"

Die Kleine betrachtete die grellen Stoff- und Pa­pierblumen, die sie in den Händen hiell, und meinte nachdenklich:Ich weiß es nicht; aber wenn üas was sehr Feines ist, bann wird Vater wohl so etwas gewesen fein. Voriges Jahr ist er unter ein Auto gekommer, und seitdem hinkt er und ist immer gleich müde. Und der Chauffeur ist weggefahren und hat ihn liegenlassen. Keiner weiß, wer es war. Sonst hätte Vater Schmerzensgeld bekommen, sagt Mutter. Und Mutter sagt, bei armen Leuten hört das Un- glück nie auf."

Die Zigeunerin nickte:Deine Mutter hat recht. Da, 2lngela, nimm ihr zwei Bananen mit. Und da­mit bu es weißt, ich heiße Miguela."

Angela dankte strahlend für die Früchte. Die Zigeunerin gab ihr dann noch zwei Bananen für sich. Die Kleine jubelte laut auf:Die muß der Vater essen, er wird sich freuen!"

Eine Frau kam vorbei, kaufte ein paar der bunten Blumen, und Angela reichte der Zigeunerin die Hand,

Ich laufe nach Hause, ich habe heute genug ver­kauft, und jetzt bringe ich die Bananen heim."

Im Stadtteil Coll Blanch gibt es neben gutem Wohlstand auch viele arme Leute, und in einer der engsten Gassen dort, in einem winzigen Hause, das alt und windschief dastand, verschwand Angela. Sie betrat die Küche, die zugleich als Wohnstube diente. Es gab darin nichts weiter an Möbeln als einen Tisch, vier Stühle, und ein paar Brettergestelle für Kochtöpfe und Geschirr.

(Fortsetzung folgt.)

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im 64. Lebensjahr.

Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:

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Gießen (Aulweg 44), Hameln 1. W., den 9, April 1933,

Die Beerdigung findet am Mittwoch, dem 12. April, nachm. 3 Uhr, von der Kapelle des Neuen Friedhofes aus statt.

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