Ausgabe 
9.3.1933 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Es dürfte sich ganz zweifellos um die Tat eines kommunistischen Provokateurs han­deln. Diese Annahme ist um so mehr berechtigt, als aus kommunistischen Anweisungen bekannt ist. datz bei Ausschreitungen und Anschlägen Ab­zeichen der NSDAP, angelegt werden sollen, um die nationalsozialistische Bewegung zu belasten. Der kommissarische Polizeipräsi­dent begab sich sofort ins Krankenhaus und drückte dem Konsul das Bedauern der Po­lizeidirektion aus. Auch der Konsul äußerte die Ansicht, datz hier eine Provoka­tion von gegnerischer Seite vorliege."

Das Karl-Liebknecht-Haus für die preußische Polizei beschlagnahmt.

Berlin, 8. März. (WTB) Der preußische In­nenminister teilt mit: Aufgrund der Verordnung zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 werden die Räume des St a r l» ß i e b « knecht-Hauses, dep bisherigen Hochburg der StPD., mit dem Darm befindlichen Inventar der Verfügungsgewalt des preußischen Staates unterstellt. Die Räume werden mit dem heutigen Tag der politischen Polizei, und zwar ihrer neugegründeten Abteilung zur Bekämp­fung des Bolschewismus, zur Verfügung gestellt. Die Flaggen der siegreichen nationa­len Bewegung wurden als Symbol des wie­dererstarkten nationalen Geistes des deutschen Volks auf dem Karl-Liebknecht-Haus gehißt. Der Führer der Berliner SA., Graf Helldorf, hielt an die

versammelten Mannschaften der SA., SS. und des Stahlhelm eine Ansprache, in der er die Beschlag­nahme des Karl-Liebknecht-Hauses durch den preu­ßischen Staat bekannt gab. Während der Ansprache wurden aus zwei Fenstern des Karl-Liebknecht- Hauses von Nationalsozialisten und Stahlhelmleu­ten das Hakenkreuzbanner und die alte Reichskriegsflagge gehißt. Den Schluß der Kundgebung bildete ein Vorbeimarsch der SA., SS. und des Stahlhelms. Die ShinDgebung, zu der sich eine große Menschenmenge eingefunden hatte, ver­lief ohne jeden Zwischenfall.

Eine deutsche Beschwerde in Madrid.

Berlin, 8. März. (CAB.) In Sevilla und in Barcelona hatten Kommunisten Kundgebungen vor den deutschen Konsulaten veranstaltet. Dabei sind in Se­villa auch Fensterscheiben des Konsulates ein­geworfen worden. Gegen diese Ausschreitungen ist bei der spanischen Negierung sofort P r o t e st erhoben worden. Die spanische Negierung hat ihr Bedauern über die Borfälle zum Ausdruck gebracht und allen deutschen Konsulaten einen besonderen Polizeischuh gegeben. Aach deutscher Auffassung, die der spanischen Negierung in­zwischen bekanntgegeben worden ist, genügen diese Maßnahmen aber nicht, sondern es ist un­bedingt nötig, daß auch die Hetze unterbunden wird, die von einem Teil der spani» s ch e n Presse gegen Deutschland getrieben wird, und die die Schuld an solchen Exzessen! trägt.

Das Ccho vom Mont-parnaffe.

Was sagt Pans zum 5. März?

Don unserem T.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Paris, den 8. März 1933.

Eine Gruppe von Kommunisten, es wird nicht einmal ein ganzes Hundert gewesen sein hat vor dem Gebäude desMatin" eine Protestdemonstration gegen das Er­gebnis der Wahlen in Deutschland veranstaltet. Etwas Johlen, einige schrille Pfiffe, ein paar aufgeregte, mit hoher Fistelstimme her­vorgestoßene Sätze, ruhiges Zureden der Polizei und dann war der ganze Spuk vorüber. Die Blusenmänner zogen in der Richtung zur Oper zu ab. Man kann ruhig behaupten, daß die ganze Anstrengung ziemlich vergeblich gewesen ist. Auf dem ohnedies überfüllten Boulevard wurde die Geschichte kaum bemerkt, und irgendwelche politi- schen Folgen wird sie bestimmt nicht haben. Man weiß nicht rvHt, wer der Beranstalter gewesen ist. Ein Pariser war es keinesfalls, denn ein Pariser hätte sich einen ganz anderenOrt für diese Demonstration ausgesucht, und dort hätte sie gewiß eine weit größere Ausdehnung ange­nommen, dort wäre sie viel bemerkt worden, und dort hätten sich vielleicht auch politische Folgen eingestellt. Nur ein Fremder kann annehmen, daß die großen Boulevards irgendwie wesentlich für das Gesicht dieser Stadt sind. Das ist nicht der Fall. Dort flutet zwar der größte Derkehr, sam­melt sich alles, was Geschäfte und ihre Auslagen sehen will, und dort sind auch die meisten Kaffee­häuser, aber die eigentlich geistige Lebensader ist doch der Boulevard Michel, derBoul 'Miche" der ins Quartier Latin hineinführt und von dem dann wiederum der Boulevard Mont-Parnasse, die Heimat der Dohöme, abzweigt..

Hier am Boul'Miche hätten die Kommunisten ihre Demonstration abhalten sollen, Dann wäre bestimmt die ganze Studentenschaft zu- fammengeströmt, und dann hätten sich aus den Ateliers, den Akademien, den Dichtermansarden und natürlich aus den Cafes das ganze Künstler­völkchen zusammengefunden. Diese, die Stu­denten und die Künstler, sind es nämlich eigentlich, die sich in Paris mit Politik beschäfti­

gen. Jedenfalls sind sie es, die sich mit Leiden­schaft auf politische Fragen stürzen, und die selbstverständlich den Wahlen in Deutschland aller- stärkstes Interesse entgegenbrachten.

Man gewinnt bestimmt kein richtiges Bild, wenn man nur nach den Zeitungsstimmen die französische Stellungnahme zu den Borgängen in Deutschland beurteilen will. Die meisten Ar­tikel sind ohnedies von den Berliner Bericht­erstattern geschrieben und geben damit Ber­liner Eindrücke wieder. Für sehr sehr viele Franzosen sind diese Berichte geradezu Bücher mit sieben Siegeln, denn sie haben keine Ahnung, wie Deutschland wirklich aussieht. Sie kennen nur eine gänzlich verzerrte Darstel­lung, wie sie ihnen in den Schulen gegeben wird, und sie begreifen einfach nicht, warum und aus welchen Gründen in Deutschland solche Hm» Wälzungen vor sich gehen. Der Eindruck, den der Sieg der nationalen Regierung hier in Paris gemacht hat, ist ein Gefühlseindruck. Die ganze Sache ist den Franzosen unheimlich.

Bornehmlich der Pariser ist, entgegen der allgemeinen Meinung und obwohl seine Däter die größte Revolution der Weltgeschichte gemacht haben, seinem ganzen Wesen nach konser­vativ. Er hat kein Berständnis, zumindesten kein Berständnis mehr, für solche plötzlich auf­tretenden Bewegungen, wie der überraschende Aufstieg der Nationalsozialistischen Partei. Er hält diese Partei überhaupt für einen Import aus Italien, und da Italien schon seit eini­ger Zeit der erklärte Erbfeind ist, so steht er ihr mit verdoppelter Abneigung gegenüber. Diese Abneigung mischt sich mit der uneingestandenen Furcht, daß dieBoches" dieses Schmähwort taucht wieder auf einen neuen Krieg entfesseln würden. Etwas Hnkriegerischeres als es der Pariser im Grunde feines Herzens ist, kann man sich kaum vorstellen. Diese unein- gestandene Befürchtung ist so stark, daß sie nun wiederum der wahren Meinung in den Zei­tungen Zügel auferlegt und dort für eine Mäßi­gung sorgt, die zu Zeiten, da Deutschland wirk­lich schwach war, niemals innegehalten worden ist.

Bauer im Moor.

Von Karl LerbS.

Zwei Stunden nach Mitternacht, als der oft mit Eisnadelfchauern klirrende Nordwest nach Südwesten umgefprungen war und die kümmerlich hingeduckte Kate unter den pressenden Stößen Des warmen Windes erbebte, fuhr der Dauer aus der winterlichen Dumpfheit seines Schlafes empor. Langsam erwachte sein schwerfälliges Ge­hirn zu dem Bewußtsein, datz etwas Fremdes drohend in die stickige Enge seiner Hminelt ein- gedrungen war. Zuerst meinte er wohl, es sei das Tauwetter und die veränderte Stimme des Windes: aber nein, das war es nicht: plötzlich erkannte ec, datz sein Weib neben ihm nicht wie sonst in trägem Gleichmah gelassen schnarchte, sondern hastig und mit einem seltsam pfeifenden und wimmernden Keuchen atmete. Der Dauer schickte eine kurze Frage in bie Finsternis und wartete eine Weile auf Antwort: als sie nicht kam, knurrte er etwas vonTraum" undSchla- fenlassen" und drusselte wieder ein. Aber schon ein pckar Stunden später schrak er wieder auf: nun war neben ihm in der feuchten Wärme des Kissengebirges ein deutliches Stöhnen, unter­brochen von leisen Klageworten. Mühsam klet­terte der Bauer aus dem Alkoven, suchte brum­mend seine Pantoffeln und tastete sich zum Herde, um das Feuer aufzustökem: dann zündete er die kleine Petroleumlampe an und schlurrte zum Bett. So stand er, den riesenhaften Körper etwas verkrümmt, mit der Linken nachdenklich die grauen Kinnborsten kratzend, mit der Rechten die blakende Lampe emporhaltend: und wenn sich auch in seinem braunen, von Wetter und Alter zu Pergament verhärteten Gesicht kein Muskel regte, so dämmerte doch in seinen Hellen Augen Hnbehagen und Derwunderung auf: das da in den rotgewürfelten Kissen war nicht das ge­wohnte Gesicht seines Weibes, verrunzelt, rot­backig, gleichmütig: das war ein verfallenes, kleines, gelbliches Gesicht, mit ängstlich flackern­den Augen und einem schiefgezogenen Wund, der abgerissene Klagen über Schmerzen im Leib murmelte.

Der Bauer, ein bis zu tagelanger Stumm­heit wortkarger Mann, wußte nichts von Angst und weichherziger Besorgnis: er wußte auch nichts von Krankheit. Hart und einsam, kinder­los und ohne Wunsch an die Zukunft stand er im Gleichtlang seiner Tage, die ihn unabänder­lich an starre Gewöhnung ketteten an das tödliche Schweigen der Meereinode, an das Ge»

racker auf kärglichem Ackerland und am Torfstich, an das Kommen und Gehen der Taglöhner, an die langen stillen Fahrten auf schwarzen Moor­gräben, wenn er seine Ladungen zum Torswerk vor der Stadt stakte und ohne Neugier zu den fern ragenden Türmen hinübersah, die er niemals in der Nähe erblickt hatte: und an das stumpfe Verdämmern der Wintermonate. 3n dieser Mor­genstunde aber witterte er mißtrauisch eine Ge­fahr für dieses mit scheinbar unerschütterlicher Zuverlässigkeit ablaufende Leben. Wenn die Frau krank wurde, so gab es einen Ritz, den er nicht zu flicken wußte.

Indessen der Kessel mit dem Wasser für den Kamillentee am Haken über dem Feuer summt und der Bauer ächzend in die Kleider kletterte: dann, als er im Stall die Ziege, das Schwein und die Hühner versorgte, kaute er an einem schweren Entschluß. Auf dem Rückwege zur Kate aber zwang die Besorgnis den harten Brocken hinunter. Während er aus einem Kasten, der unterm Brennholz verborgen stand, eine Hand­voll Silberstücke hervorholte, durchzählte, zö­gernd und seufzend ein paar davon im Taschen­tuchzipfel verknotete und den Rest sorgsam wie­der verbarg, überlegte er. Drei Wegstunden ent­fernt war eine Haltestelle der Kleinbahn, die das Moor durchquerte: von dort war es eine halbe Stunde Fahrt bis zu dem großen Dorf, wo der Doktor wohnte. So weit recht: aber auf den Gräben war noch dickes Cis, das fein Boot durchließ: ein Gespann hatte er nicht, und bis zum Nachbarn war es weit: auch mit der Schiebkarre war im Morast der Wege kein Durchkommen. Bedachtsam packte der Bauer Holz­pantoffeln und Reiserbesen, das Ergebnis der Winterarbeit, in seinen Tragkorb: das lieh sich wohl im Dorf verkaufen. Dann fuhr er in seine langschastigen Stiefel, holte die Frau aus dem Bett hervor, kleidete sie an, so gut es gehen wollte, und packte sie in Decken und Tücher. Als er auf ihre ängstlichen Fragen etwas wieDok­tor" knurrte, erschrak sie und versicherte hastig plappernd, es ging ihr schon besser. Er aber hörte kaum hin, langte nach Wolltuch, Kappe und Fausthandschuhen und trug erst den Korb, dann die Frau hinaus. Dann versperrte er die Tür, nahm die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So schleppte er, zuweilen ein wenig schwankend unter den Stößen des Windes, immer abwechselnd die Frau und den Korb durch den Schlamm und Schlackenschnee, nasses Heide­kraut und zähe Ginsterstrünke. Den Gehöften ging er aus dem Wege: mit überflüssigen Fra-

polensRechisbruchkommivordenVölkerbundsral

Gens, 8. März. (121.) Der Danziger Völker- bundskommisfar R o st i n g hat in einem Schreiben an das Generalsekretariat des Völkerbundes die Be­setzung der Danziger Westerplatle vor den Völ­kerbundsrat gebracht. Der Völkerbunds­kommissar beantragt eine Feststellung, ob das vor­gehen der polnischen Regierung als einea c- t i o n d i r e c t e anzusehen sei, die nach den gelten­den Bestimmungen verboten ist. Die Feststellung des Völkerbundsrals soll sich jedoch nicht lediglich auf die Besetzung der Westerplatte, sondern auch auf die Frage der Hafenpolizei ausdehnen. Da der Völkerbundsrat gegenwärtig wegen der südamerika­nischen wirren tagt, ist onzunehmen, daß die Ange­legenheit der Westerplatle sehr bald den Rat beschäftigen wird.

Eine polnische Begründung.

Danzig, 8. März. (TU.) Die halbamtliche Iskra"-Agentur ist bemüht, in einer längeren Er­klärung die Gründe darzulegen, die die polnische Regierung veranlaßt haben, die Militärwache auf der Westerplatte durch eine wie es ausdrücklich heißt Abteilung von Marinesolda- t e n (also nicht Polizei) zu verstärken. Demnach habe die polnische Regierung in den letzten Tagen zuverlässige Informationen über Verstärkun­gen nationalsozialistischer Kampf­

trupps im Danziger Freistaat, sowie über den Aufenthalt einer Reihe von Personen in Danzig erhalten, deren Verbleiben völlig unzweideutig die Sicherheit der durch internationale Verträge ver­brieften polnischen Interessen bedrohe. In erster Linie hätten die Informationen auf die Gefahr eines organisierten Anschlages auf die Sicherheit des polnischen Lagers auf der Westerplatte, der wichtigsten Vor­ratsbasis der oolnischen Kriegsmarine, hingewie- scn. Angesichts dieser Gefahr habe die polnische Re­gierung die Zustimmung des Dölkerbundskommis- sars nicht abwarten können. Alsdann wird erklärt, daß Rosting gegen sein besseres Wissen statt auf das Wesen der Sache einzugehen, sich der polnischen Regierung gegenüber auf einen rein for­malen Standpunkt ge ft eilt habe. Rosting habe bislang dem Danziger Senat gegenüber nichts unternommen.Dor allen Dingen aber hat Rosting persönlich sowohl den Interessen des Völkerbundes, die er vertritt, als auch Polen gegenüber die An­gelegenheit der Action directe von feiten der in Danzig bestehenden und bewaffneten Kampftrupps vernachlässigt." Im Anschluß daran wird mit deut­licher Anspielung an das Verbot nationaler Karnpf- formationen im Saargebiet erinnert. Die War­schauer Presse nimmt auf Grund einer halbamt­lichen polnischen Erklärung einmütig gegen Danzig Stellung.

Dabei interessiert die Figur Hitlers bren­nend. Jeder Deutsche wird über ihn geradezu ausgequetscht. Versucht man ein Verständnis zu erwecken, so kann man manchmal recht witzige psychologische Studien machen.Er war Gefreiter sagen Sie?"Gefreiter? Was ist das?" Man sucht das zu erklären und charakterisiert diesen militärischen Rang dahin, datz er weniger als in Frankreich einKorporal" bedeute.Also Gefreiter! Helas! Er ist also kein Korporal!" Offenbar dient das zur Beruhigung, daß Adolf Hitler nun wenigstens doch nicht derkleine Kor­poral" Deutschlands genannt werden kann ...

Die junge Welt im Quartier Latin und vor allem auch die Künstlerkreise haben naturgemäß ein ganz anderes Temperament. Hier nimmt man kein Blatt vor den Mund und hier schimpft man nach Noten auf das neue Deutsch­land, in dem man nur die Wiederkehr des alten Deutschlands und die Verkörperung eines wirk­lichen Barbarismus sieht. Hinzu kommt, datz ge­rade hier in dieser Ecke alle die Deutschen sitzen, denen schon seit einiger Zeit der Boden in Deutschland selbst zu heiß geworden ist, oder die sich kulturell Paris und seinem internatio­nalen Geistesstrom enger verbunden fühlen, als der eigenen Heimat. Sie sitzen den halben Tag und die ganze Nacht mit Franzosen, mit Tsche­chen, mit Russen, mit Zigeunern aus aller Welt, zusammen in der Closerie de Lilas, dem Cafe de la Rotonde, dem Cafe du Dome und neuerdings auch beiDikings" und retten dort mit ihren besonderen Geistesanlagen die Welt.

Alle diese Gaststätten dürfen in der Geschichte der Literatur und der bildenden Künste durchaus Anspruch auf eine Art Klassizität erheben. Von hier aus sind starke Impulse ausgegangen, und vielleicht ist es sogar eine kleine Arabeske der Ge­schichte, datz M a r i n e 11 i, der Schöpfer des Futurismus und der eigentliche geistige Vater des Faschismus, im Cafe du Dome seinen Anfang ge­nommen hat. Hier sind schwerste und manchmal recht fruchtbare Meinungskämpfe über alle künst­lerischen Fragen geführt worden. Jetzt gewinnen diese alle eine scharf zugespitzte politische N o te. Es ist schon eine ganze Reihe von Flücht­lingen aus Deutschland in Paris eingetroffen. Heine, dessen schönes Grabdenßnal auf dem Fried­hof, unweit des Boulevard Mont-Parnasse, steht, vergrub sich in die Matrahengruft auf dem Mont­martre. Hnsere Zeitgenossen ziehen den Mont- Parnasse vor. Alfred Kerr wird erwartet, aber

gen wollte er nichts zu schaffen haben. Er wußte, was er wollte, und er setzte es durch.

Gegen Mittag erreichte er die Haltestelle und betrat den Raum, in dem ein mürrischer Be­amter gelangweilt hinterm Kaffeetopf hockte und überrascht aufblickte, als bei solchem Wetter Fahrgäste erschienen. Der Bauer fetzte die Frau neben den Ofen, holte den Tragwrb nach und fragte, ob der Mittagszug schondurch wäre". Nein, er war noch nicht durch. Nun wollte der Dauer den Fahrpreis wissen, für eine Person und zwei Traglasten. Der Beamte wunderte sich: Zwei Traglasten ...?" Jawohl, bekräftigte der Bauer gelassen, die Frau hatte er tragen müssen, weil sie nicht gehen konnte, und so etwas wäre für ihn Traglast. Aber das wollte der Beamte nicht gelten lassen. Für ihn war in solchem Falle Mensch Mensch, ob gehfähig oder nicht: und er nannte den Fahrpreis. Hier lietz der Bauer den Taschentuchzipfel mit den Silberstücken, den er schon zwischen den Fingern hielt, in die Tasche zurückgleiten. Er hatte eine glatte Rechnung gemacht: der Doktor sollte sozusagen mit Holz­schuhen und Reiserbesen ausgewogen werden: und nun sollte schon die Bahnfahrt mehr kosten, als er überhaupt mitgenommen hatte. Die schöne glatte Rechnung war hin. Er sackte ein wenig zusammen, nahm mit einer hilflosen Bewegung Die Kappe ab und wischte sich mit dem Hand­rücken die feuchten grauen Haarsträhnen aus der Stirn und das tropfende Wasser aus den Augenbrauen: denn er wußte, was jetzt kam. Hnd richtig, die Frau, die seit Stunden vor Schmerz und Angst stumm gewesen war, wickelte ihr Gesicht aus den Tüchern, holte Atem unb sprudelte mit verwunderlicher Geläufigkeit einen Strom von höhnischen Vorwürfen, wimmernden Klagen und triumphierendem Gekeif hervor.

Als sie erschöpft schwieg, richtete sich der Bauer aus geduckter Haltung zu voller Größe auf und reckte seine mächtigen Glieder, daß die Gelenke knackten. Wortlos, mit drohenden Schrit­ten, ging er zur Tür, stieß sie auf, trug erst den Korb, dann die Frau hinaus und warf die Tür mit grebzm Knall hinter sich zu. Draußen nahm er die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So trat er ohne einen Augenblick des Verweilens den Heimweg an, immer abwechselnd die Frau und den Tragkorb schleppend, mit starrer Hnbeirrbarteit, wie ein plumper Gaul dahinstapfend durch Schlamm und Schlackerschnee, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke. Der Beamte stand am Fenster und sah in starrem Staunen dem seltsamen Er»

er hat sich weder im Cafe du Dome, rwch in der Rotonde bisher blicken lassen. Wahrscheinlich hat er es vorgezogen, erst noch an der Riviera seinen Schmerz zu besingen. Aber für ihn und für alle seinesgleichen sind die Arme des Mont-Parnasse weit geöffnet.

Kleine politische Nachrichten.

Reichstanzler Hitler empfing heute mittag, wie derAngriff" berichtet, den italienischen Bot­schafter C e r u 11 i, der die persönlichen Glück­wünsche Mussolinis zu dem großen Er­folg der NSDAP, übermittelte. Außerdem stattete auch Reichsbankpräsident Dr. Luther Dem Reichskanzler einen Besuch ab.

Der Reichskanzler empfing heute den sächsischen Ministerpräsident en S ch i e d , Der in Begleitung Des Gesandten Gra­fen Holhendorff und des sächsischen Mini­sterialdirektors Schettler erschienen war. Sei­tens der Reichskanzlei nahmen an der Be­sprechung der Staatssekretär in der Reichskanz­lei, Dr. Lammers, und Dr. Meerwald teil. Die Unterhaltung, in Der Die politische Lage besprochen wurde, verlief in jeder Hinsicht freund­schaftlich.

*

Die Kommissare des Reichs in Preußen haben beschlossen, Die Landräte Kaiser in Hanau und Dr. Menzel in Weilburg in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen.

*

In Oldenburg hat das Staatsministerium angeordnet, datz wegen des erhebenden Sieges des nationalen Deutschland sämtliche Be­hörden des Freistaates am Samstag, Dem 11. März, dienstfrei haben.

In Dresden besetzten SA.-Leute das Volkshaus und das Gebäude der fozialdemo- kratischen Volkszeitung und verbrannten Das Vor­gefundene Propagandamaterial. Dabei wurden sie aus den gegenüberliegenden Häusern beschos - s e n. Ein Nationalsozialist wurde getötet.

Der Wiener Erzbischof Dr. I n n i tz e r traf in München ein, um Dem Kardinal Erzbischof D. von Faulhaber die Einladung zur Teilnahme am Ka­tholikentag persönlich zu überbringen. Dr. Jnnitzer wird nach Rom Weiterreisen, wo er am 16.März vom Papst den Kardinalshut empfangen wird.

lehnte nach, bis der stärker fallende Schnee den Mann und seine doppelte Last wie mit einem streifigen Schleier überspann und die fahlgraue Mooreinsamkeit die Gestalt des riesigen Wan­derers verschlang.

Nach 48 Jahren ...

Nach 18 Jahren hat jetzt ein deutscher Kriegs­teilnehmer, Der an der Front in Rußland kämpfte, vom russischen Roten Kreuz feinen To­tenschein erhalten, zugleich mit Der Mitteilung, daß er in Dem Dorf Mladeschin beerdigt liegt. Die russischen Behörden arbeiten langsam, aber gründlich: so erhielt vor einiger Zeit das Zen­tralnachweisamt für Kriegerverluste und Krieger­gräber in Spandau Die Todesurkunde des Kriegs­freiwilligen Christian Seeger, der angeblich am 27. Oktober 1915 in einem russischen Lazarett in­folge einer Verwundung starb und in Mladeschin beerdigt wurde. Das Zentralnachweisamt, das Die Angelegenheit nachzuprüfen hatte, rief nun in Der Wohnung Der Angehörigen jenes Christian Seegers in Berlin an und war bah erstaunt, als sich Christian Seeger persönlich am Telephon mel­dete. Er ist 1914 als Kriegsfreiwilliger mit Dem ©renaDierregiment Nr. 119 ins Feld gerüdt, kam zuerst nach Flandern und Dann an Die Ostfront. Bei Lodz wurde er schwer verwundet und lag zwei Nächte zwischen den Gräben in deutschem Artilleriefeuer. Russische Sanitäter brachten ihn Dann ins Lazarett, wo er neben einem Kameraden zu liegen kam, Der noch am nächsten Morgen ver­starb. Seeger wurde später als Schwerverwun» Deter und dauernd kriegsuntauglich ausgetauscht. Jetzt erst, nach 18 Jahren und nachdem er seinen Totenschein in Den HänDen hält, fällt ihm ein, daß Damals im Lazarett, wo alle VerwunDeten ausgezogen und verbunden wurden, wahrschein­lich Die Mäntel und Hniforrnftüde mit Dem In­halt Der Taschen vertauscht worden waren. Jener Krieger, Der neben ihm itp Lazarett lag, unD dann verstarb, muß demnach in Rußland als Christian Seeger beerdigt worden fein. Die russischen Be­hörden aber haben 18 Jahre gebraucht, um Deutschland eine Mitteilung darüber zugehen zu lassen.

Sochschuinackrichten.

Auf Den Lehrstuhl für Handelsrecht, Wirt­schaftsrecht, Arbeitsrecht und bürgerliches Recht an der Hniberfität Freiburg i.Br. ist <m Stelle von Professor H. H o e n l g e r der Extra­ordinarius Dr. Hans Grohmann-Doerth von der Hniberfität Prag berufen worden.