Es dürfte sich ganz zweifellos um die Tat eines kommunistischen Provokateurs handeln. Diese Annahme ist um so mehr berechtigt, als aus kommunistischen Anweisungen bekannt ist. datz bei Ausschreitungen und Anschlägen Abzeichen der NSDAP, angelegt werden sollen, um die nationalsozialistische Bewegung zu belasten. Der kommissarische Polizeipräsident begab sich sofort ins Krankenhaus und drückte dem Konsul das Bedauern der Polizeidirektion aus. Auch der Konsul äußerte die Ansicht, datz hier eine Provokation von gegnerischer Seite vorliege."
Das Karl-Liebknecht-Haus für die preußische Polizei beschlagnahmt.
Berlin, 8. März. (WTB) Der preußische Innenminister teilt mit: Aufgrund der Verordnung zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 werden die Räume des St a r l» ß i e b « knecht-Hauses, dep bisherigen Hochburg der StPD., mit dem Darm befindlichen Inventar der Verfügungsgewalt des preußischen Staates unterstellt. Die Räume werden mit dem heutigen Tag der politischen Polizei, und zwar ihrer neugegründeten Abteilung zur Bekämpfung des Bolschewismus, zur Verfügung gestellt. Die Flaggen der siegreichen nationalen Bewegung wurden als Symbol des wiedererstarkten nationalen Geistes des deutschen Volks auf dem Karl-Liebknecht-Haus gehißt. Der Führer der Berliner SA., Graf Helldorf, hielt an die
versammelten Mannschaften der SA., SS. und des Stahlhelm eine Ansprache, in der er die Beschlagnahme des Karl-Liebknecht-Hauses durch den preußischen Staat bekannt gab. Während der Ansprache wurden aus zwei Fenstern des Karl-Liebknecht- Hauses von Nationalsozialisten und Stahlhelmleuten das Hakenkreuzbanner und die alte Reichskriegsflagge gehißt. Den Schluß der Kundgebung bildete ein Vorbeimarsch der SA., SS. und des Stahlhelms. Die ShinDgebung, zu der sich eine große Menschenmenge eingefunden hatte, verlief ohne jeden Zwischenfall.
Eine deutsche Beschwerde in Madrid.
Berlin, 8. März. (CAB.) In Sevilla und in Barcelona hatten Kommunisten Kundgebungen vor den deutschen Konsulaten veranstaltet. Dabei sind in Sevilla auch Fensterscheiben des Konsulates eingeworfen worden. Gegen diese Ausschreitungen ist bei der spanischen Negierung sofort P r o t e st erhoben worden. Die spanische Negierung hat ihr Bedauern über die Borfälle zum Ausdruck gebracht und allen deutschen Konsulaten einen besonderen Polizeischuh gegeben. Aach deutscher Auffassung, die der spanischen Negierung inzwischen bekanntgegeben worden ist, genügen diese Maßnahmen aber nicht, sondern es ist unbedingt nötig, daß auch die Hetze unterbunden wird, die von einem Teil der spani» s ch e n Presse gegen Deutschland getrieben wird, und die die Schuld an solchen Exzessen! trägt.
Das Ccho vom Mont-parnaffe.
Was sagt Pans zum 5. März?
Don unserem T.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Paris, den 8. März 1933.
Eine Gruppe von Kommunisten, — es wird nicht einmal ein ganzes Hundert gewesen sein — hat vor dem Gebäude des „Matin" eine Protestdemonstration gegen das Ergebnis der Wahlen in Deutschland veranstaltet. Etwas Johlen, einige schrille Pfiffe, ein paar aufgeregte, mit hoher Fistelstimme hervorgestoßene Sätze, ruhiges Zureden der Polizei und dann war der ganze Spuk vorüber. Die Blusenmänner zogen in der Richtung zur Oper zu ab. Man kann ruhig behaupten, daß die ganze Anstrengung ziemlich vergeblich gewesen ist. Auf dem ohnedies überfüllten Boulevard wurde die Geschichte kaum bemerkt, und irgendwelche politi- schen Folgen wird sie bestimmt nicht haben. Man weiß nicht rvHt, wer der Beranstalter gewesen ist. Ein Pariser war es keinesfalls, denn ein Pariser hätte sich einen ganz anderenOrt für diese Demonstration ausgesucht, und dort hätte sie gewiß eine weit größere Ausdehnung angenommen, dort wäre sie viel bemerkt worden, und dort hätten sich vielleicht auch politische Folgen eingestellt. Nur ein Fremder kann annehmen, daß die großen Boulevards irgendwie wesentlich für das Gesicht dieser Stadt sind. Das ist nicht der Fall. Dort flutet zwar der größte Derkehr, sammelt sich alles, was Geschäfte und ihre Auslagen sehen will, und dort sind auch die meisten Kaffeehäuser, — aber die eigentlich geistige Lebensader ist doch der Boulevard Michel, der „Boul 'Miche" der ins Quartier Latin hineinführt und von dem dann wiederum der Boulevard Mont-Parnasse, die Heimat der Dohöme, abzweigt..
Hier am Boul'Miche hätten die Kommunisten ihre Demonstration abhalten sollen, Dann wäre bestimmt die ganze Studentenschaft zu- fammengeströmt, und dann hätten sich aus den Ateliers, den Akademien, den Dichtermansarden und natürlich aus den Cafes das ganze Künstlervölkchen zusammengefunden. Diese, die Studenten und die Künstler, sind es nämlich eigentlich, die sich in Paris mit Politik beschäfti
gen. Jedenfalls sind sie es, die sich mit Leidenschaft auf politische Fragen stürzen, und die selbstverständlich den Wahlen in Deutschland aller- stärkstes Interesse entgegenbrachten.
Man gewinnt bestimmt kein richtiges Bild, wenn man nur nach den Zeitungsstimmen die französische Stellungnahme zu den Borgängen in Deutschland beurteilen will. Die meisten Artikel sind ohnedies von den Berliner Berichterstattern geschrieben und geben damit Berliner Eindrücke wieder. Für sehr sehr viele Franzosen sind diese Berichte geradezu Bücher mit sieben Siegeln, denn sie haben keine Ahnung, wie Deutschland wirklich aussieht. Sie kennen nur eine gänzlich verzerrte Darstellung, wie sie ihnen in den Schulen gegeben wird, und sie begreifen einfach nicht, warum und aus welchen Gründen in Deutschland solche Hm» Wälzungen vor sich gehen. Der Eindruck, den der Sieg der nationalen Regierung hier in Paris gemacht hat, ist ein Gefühlseindruck. Die ganze Sache ist den Franzosen unheimlich.
Bornehmlich der Pariser ist, entgegen der allgemeinen Meinung und obwohl seine Däter die größte Revolution der Weltgeschichte gemacht haben, seinem ganzen Wesen nach konservativ. Er hat kein Berständnis, zumindesten kein Berständnis mehr, für solche plötzlich auftretenden Bewegungen, wie der überraschende Aufstieg der Nationalsozialistischen Partei. Er hält diese Partei überhaupt für einen Import aus Italien, und da Italien schon seit einiger Zeit der erklärte Erbfeind ist, so steht er ihr mit verdoppelter Abneigung gegenüber. Diese Abneigung mischt sich mit der uneingestandenen Furcht, daß die „Boches" — dieses Schmähwort taucht wieder auf — einen neuen Krieg entfesseln würden. Etwas Hnkriegerischeres als es der Pariser im Grunde feines Herzens ist, kann man sich kaum vorstellen. Diese unein- gestandene Befürchtung ist so stark, daß sie nun wiederum der wahren Meinung in den Zeitungen Zügel auferlegt und dort für eine Mäßigung sorgt, die zu Zeiten, da Deutschland wirklich schwach war, niemals innegehalten worden ist.
Bauer im Moor.
Von Karl LerbS.
Zwei Stunden nach Mitternacht, als der oft mit Eisnadelfchauern klirrende Nordwest nach Südwesten umgefprungen war und die kümmerlich hingeduckte Kate unter den pressenden Stößen Des warmen Windes erbebte, fuhr der Dauer aus der winterlichen Dumpfheit seines Schlafes empor. Langsam erwachte sein schwerfälliges Gehirn zu dem Bewußtsein, datz etwas Fremdes drohend in die stickige Enge seiner Hminelt ein- gedrungen war. Zuerst meinte er wohl, es sei das Tauwetter und die veränderte Stimme des Windes: aber nein, das war es nicht: plötzlich erkannte ec, datz sein Weib neben ihm nicht wie sonst in trägem Gleichmah gelassen schnarchte, sondern hastig und mit einem seltsam pfeifenden und wimmernden Keuchen atmete. Der Dauer schickte eine kurze Frage in bie Finsternis und wartete eine Weile auf Antwort: als sie nicht kam, knurrte er etwas von „Traum" und „Schla- fenlassen" und drusselte wieder ein. Aber schon ein pckar Stunden später schrak er wieder auf: nun war neben ihm in der feuchten Wärme des Kissengebirges ein deutliches Stöhnen, unterbrochen von leisen Klageworten. Mühsam kletterte der Bauer aus dem Alkoven, suchte brummend seine Pantoffeln und tastete sich zum Herde, um das Feuer aufzustökem: dann zündete er die kleine Petroleumlampe an und schlurrte zum Bett. So stand er, den riesenhaften Körper etwas verkrümmt, mit der Linken nachdenklich die grauen Kinnborsten kratzend, mit der Rechten die blakende Lampe emporhaltend: und wenn sich auch in seinem braunen, von Wetter und Alter zu Pergament verhärteten Gesicht kein Muskel regte, so dämmerte doch in seinen Hellen Augen Hnbehagen und Derwunderung auf: das da in den rotgewürfelten Kissen war nicht das gewohnte Gesicht seines Weibes, verrunzelt, rotbackig, gleichmütig: das war ein verfallenes, kleines, gelbliches Gesicht, mit ängstlich flackernden Augen und einem schiefgezogenen Wund, der abgerissene Klagen über Schmerzen im Leib murmelte.
Der Bauer, ein bis zu tagelanger Stummheit wortkarger Mann, wußte nichts von Angst und weichherziger Besorgnis: er wußte auch nichts von Krankheit. Hart und einsam, kinderlos und ohne Wunsch an die Zukunft stand er im Gleichtlang seiner Tage, die ihn unabänderlich an starre Gewöhnung ketteten — an das tödliche Schweigen der Meereinode, an das Ge»
racker auf kärglichem Ackerland und am Torfstich, an das Kommen und Gehen der Taglöhner, an die langen stillen Fahrten auf schwarzen Moorgräben, wenn er seine Ladungen zum Torswerk vor der Stadt stakte und ohne Neugier zu den fern ragenden Türmen hinübersah, die er niemals in der Nähe erblickt hatte: und an das stumpfe Verdämmern der Wintermonate. 3n dieser Morgenstunde aber witterte er mißtrauisch eine Gefahr für dieses mit scheinbar unerschütterlicher Zuverlässigkeit ablaufende Leben. Wenn die Frau krank wurde, so gab es einen Ritz, den er nicht zu flicken wußte.
Indessen der Kessel mit dem Wasser für den Kamillentee am Haken über dem Feuer summt und der Bauer ächzend in die Kleider kletterte: dann, als er im Stall die Ziege, das Schwein und die Hühner versorgte, kaute er an einem schweren Entschluß. Auf dem Rückwege zur Kate aber zwang die Besorgnis den harten Brocken hinunter. Während er aus einem Kasten, der unterm Brennholz verborgen stand, eine Handvoll Silberstücke hervorholte, durchzählte, zögernd und seufzend ein paar davon im Taschentuchzipfel verknotete und den Rest sorgsam wieder verbarg, überlegte er. Drei Wegstunden entfernt war eine Haltestelle der Kleinbahn, die das Moor durchquerte: von dort war es eine halbe Stunde Fahrt bis zu dem großen Dorf, wo der Doktor wohnte. So weit recht: aber auf den Gräben war noch dickes Cis, das fein Boot durchließ: ein Gespann hatte er nicht, und bis zum Nachbarn war es weit: auch mit der Schiebkarre war im Morast der Wege kein Durchkommen. Bedachtsam packte der Bauer Holzpantoffeln und Reiserbesen, das Ergebnis der Winterarbeit, in seinen Tragkorb: das lieh sich wohl im Dorf verkaufen. Dann fuhr er in seine langschastigen Stiefel, holte die Frau aus dem Bett hervor, kleidete sie an, so gut es gehen wollte, und packte sie in Decken und Tücher. Als er auf ihre ängstlichen Fragen etwas wie „Doktor" knurrte, erschrak sie und versicherte hastig plappernd, es ging ihr schon besser. Er aber hörte kaum hin, langte nach Wolltuch, Kappe und Fausthandschuhen und trug erst den Korb, dann die Frau hinaus. Dann versperrte er die Tür, nahm die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So schleppte er, zuweilen ein wenig schwankend unter den Stößen des Windes, immer abwechselnd die Frau und den Korb durch den Schlamm und Schlackenschnee, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke. Den Gehöften ging er aus dem Wege: mit überflüssigen Fra-
polensRechisbruchkommivordenVölkerbundsral
Gens, 8. März. (121.) Der Danziger Völker- bundskommisfar R o st i n g hat in einem Schreiben an das Generalsekretariat des Völkerbundes die Besetzung der Danziger Westerplatle vor den Völkerbundsrat gebracht. Der Völkerbundskommissar beantragt eine Feststellung, ob das vorgehen der polnischen Regierung als eine „a c- t i o n d i r e c t e“ anzusehen sei, die nach den geltenden Bestimmungen verboten ist. Die Feststellung des Völkerbundsrals soll sich jedoch nicht lediglich auf die Besetzung der Westerplatte, sondern auch auf die Frage der Hafenpolizei ausdehnen. Da der Völkerbundsrat gegenwärtig wegen der südamerikanischen wirren tagt, ist onzunehmen, daß die Angelegenheit der Westerplatle sehr bald den Rat beschäftigen wird.
Eine polnische Begründung.
Danzig, 8. März. (TU.) Die halbamtliche „Iskra"-Agentur ist bemüht, in einer längeren Erklärung die Gründe darzulegen, die die polnische Regierung veranlaßt haben, die Militärwache auf der Westerplatte durch eine — wie es ausdrücklich heißt — Abteilung von Marinesolda- t e n (also nicht Polizei) zu verstärken. Demnach habe die polnische Regierung in den letzten Tagen zuverlässige Informationen über Verstärkungen nationalsozialistischer Kampf
trupps im Danziger Freistaat, sowie über den Aufenthalt einer Reihe von Personen in Danzig erhalten, deren Verbleiben völlig unzweideutig die Sicherheit der durch internationale Verträge verbrieften polnischen Interessen bedrohe. In erster Linie hätten die Informationen auf die Gefahr eines organisierten Anschlages auf die Sicherheit des polnischen Lagers auf der Westerplatte, der wichtigsten Vorratsbasis der oolnischen Kriegsmarine, hingewie- scn. Angesichts dieser Gefahr habe die polnische Regierung die Zustimmung des Dölkerbundskommis- sars nicht abwarten können. Alsdann wird erklärt, daß Rosting gegen sein besseres Wissen statt auf das Wesen der Sache einzugehen, sich der polnischen Regierung gegenüber auf einen rein formalen Standpunkt ge ft eilt habe. Rosting habe bislang dem Danziger Senat gegenüber nichts unternommen. „Dor allen Dingen aber hat Rosting persönlich sowohl den Interessen des Völkerbundes, die er vertritt, als auch Polen gegenüber die Angelegenheit der Action directe von feiten der in Danzig bestehenden und bewaffneten Kampftrupps vernachlässigt." Im Anschluß daran wird mit deutlicher Anspielung an das Verbot nationaler Karnpf- formationen im Saargebiet erinnert. — Die Warschauer Presse nimmt auf Grund einer halbamtlichen polnischen Erklärung einmütig gegen Danzig Stellung.
Dabei interessiert die Figur Hitlers brennend. Jeder Deutsche wird über ihn geradezu ausgequetscht. Versucht man ein Verständnis zu erwecken, so kann man manchmal recht witzige psychologische Studien machen. „Er war Gefreiter sagen Sie?" — „Gefreiter? Was ist das?" Man sucht das zu erklären und charakterisiert diesen militärischen Rang dahin, datz er weniger als in Frankreich ein „Korporal" bedeute. „Also Gefreiter! Helas! Er ist also kein Korporal!" Offenbar dient das zur Beruhigung, daß Adolf Hitler nun wenigstens doch nicht der „kleine Korporal" Deutschlands genannt werden kann ...
Die junge Welt im Quartier Latin und vor allem auch die Künstlerkreise haben naturgemäß ein ganz anderes Temperament. Hier nimmt man kein Blatt vor den Mund und hier schimpft man nach Noten auf das neue Deutschland, in dem man nur die Wiederkehr des alten Deutschlands und die Verkörperung eines wirklichen Barbarismus sieht. Hinzu kommt, datz gerade hier in dieser Ecke alle die Deutschen sitzen, denen schon seit einiger Zeit der Boden in Deutschland selbst zu heiß geworden ist, oder die sich kulturell Paris und seinem internationalen Geistesstrom enger verbunden fühlen, als der eigenen Heimat. Sie sitzen den halben Tag und die ganze Nacht mit Franzosen, mit Tschechen, mit Russen, mit Zigeunern aus aller Welt, zusammen in der Closerie de Lilas, dem Cafe de la Rotonde, dem Cafe du Dome und neuerdings auch bei „Dikings" und retten dort mit ihren besonderen Geistesanlagen die Welt.
Alle diese Gaststätten dürfen in der Geschichte der Literatur und der bildenden Künste durchaus Anspruch auf eine Art Klassizität erheben. Von hier aus sind starke Impulse ausgegangen, und vielleicht ist es sogar eine kleine Arabeske der Geschichte, datz M a r i n e 11 i, der Schöpfer des Futurismus und der eigentliche geistige Vater des Faschismus, im Cafe du Dome seinen Anfang genommen hat. Hier sind schwerste und manchmal recht fruchtbare Meinungskämpfe über alle künstlerischen Fragen geführt worden. Jetzt gewinnen diese alle eine scharf zugespitzte politische N o te. Es ist schon eine ganze Reihe von Flüchtlingen aus Deutschland in Paris eingetroffen. Heine, dessen schönes Grabdenßnal auf dem Friedhof, unweit des Boulevard Mont-Parnasse, steht, vergrub sich in die Matrahengruft auf dem Montmartre. Hnsere Zeitgenossen ziehen den Mont- Parnasse vor. Alfred Kerr wird erwartet, aber
gen wollte er nichts zu schaffen haben. Er wußte, was er wollte, und er setzte es durch.
Gegen Mittag erreichte er die Haltestelle und betrat den Raum, in dem ein mürrischer Beamter gelangweilt hinterm Kaffeetopf hockte und überrascht aufblickte, als bei solchem Wetter Fahrgäste erschienen. Der Bauer fetzte die Frau neben den Ofen, holte den Tragwrb nach und fragte, ob der Mittagszug schon „durch wäre". Nein, er war noch nicht durch. Nun wollte der Dauer den Fahrpreis wissen, für eine Person und zwei Traglasten. Der Beamte wunderte sich: „Zwei Traglasten ...?" Jawohl, bekräftigte der Bauer gelassen, die Frau hatte er tragen müssen, weil sie nicht gehen konnte, und so etwas wäre für ihn Traglast. Aber das wollte der Beamte nicht gelten lassen. Für ihn war in solchem Falle Mensch — Mensch, ob gehfähig oder nicht: und er nannte den Fahrpreis. Hier lietz der Bauer den Taschentuchzipfel mit den Silberstücken, den er schon zwischen den Fingern hielt, in die Tasche zurückgleiten. Er hatte eine glatte Rechnung gemacht: der Doktor sollte sozusagen mit Holzschuhen und Reiserbesen ausgewogen werden: und nun sollte schon die Bahnfahrt mehr kosten, als er überhaupt mitgenommen hatte. Die schöne glatte Rechnung war hin. Er sackte ein wenig zusammen, nahm mit einer hilflosen Bewegung Die Kappe ab und wischte sich mit dem Handrücken die feuchten grauen Haarsträhnen aus der Stirn und das tropfende Wasser aus den Augenbrauen: denn er wußte, was jetzt kam. Hnd richtig, die Frau, die seit Stunden vor Schmerz und Angst stumm gewesen war, wickelte ihr Gesicht aus den Tüchern, holte Atem unb sprudelte mit verwunderlicher Geläufigkeit einen Strom von höhnischen Vorwürfen, wimmernden Klagen und triumphierendem Gekeif hervor.
Als sie erschöpft schwieg, richtete sich der Bauer aus geduckter Haltung zu voller Größe auf und reckte seine mächtigen Glieder, daß die Gelenke knackten. Wortlos, mit drohenden Schritten, ging er zur Tür, stieß sie auf, trug erst den Korb, dann die Frau hinaus und warf die Tür mit grebzm Knall hinter sich zu. Draußen nahm er die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So trat er ohne einen Augenblick des Verweilens den Heimweg an, immer abwechselnd die Frau und den Tragkorb schleppend, mit starrer Hnbeirrbarteit, wie ein plumper Gaul dahinstapfend durch Schlamm und Schlackerschnee, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke. Der Beamte stand am Fenster und sah in starrem Staunen dem seltsamen Er»
er hat sich weder im Cafe du Dome, rwch in der Rotonde bisher blicken lassen. Wahrscheinlich hat er es vorgezogen, erst noch an der Riviera seinen Schmerz zu besingen. Aber für ihn und für alle seinesgleichen sind die Arme des Mont-Parnasse weit geöffnet.
Kleine politische Nachrichten.
Reichstanzler Hitler empfing heute mittag, wie der „Angriff" berichtet, den italienischen Botschafter C e r u 11 i, der die persönlichen Glückwünsche Mussolinis zu dem großen Erfolg der NSDAP, übermittelte. Außerdem stattete auch Reichsbankpräsident Dr. Luther Dem Reichskanzler einen Besuch ab.
Der Reichskanzler empfing heute den sächsischen Ministerpräsident en S ch i e d , Der in Begleitung Des Gesandten Grafen Holhendorff und des sächsischen Ministerialdirektors Schettler erschienen war. Seitens der Reichskanzlei nahmen an der Besprechung der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Dr. Lammers, und Dr. Meerwald teil. Die Unterhaltung, in Der Die politische Lage besprochen wurde, verlief in jeder Hinsicht freundschaftlich.
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Die Kommissare des Reichs in Preußen haben beschlossen, Die Landräte Kaiser in Hanau und Dr. Menzel in Weilburg in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen.
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In Oldenburg hat das Staatsministerium angeordnet, datz wegen des erhebenden Sieges des nationalen Deutschland sämtliche Behörden des Freistaates am Samstag, Dem 11. März, dienstfrei haben.
In Dresden besetzten SA.-Leute das Volkshaus und das Gebäude der fozialdemo- kratischen Volkszeitung und verbrannten Das Vorgefundene Propagandamaterial. Dabei wurden sie aus den gegenüberliegenden Häusern beschos - s e n. Ein Nationalsozialist wurde getötet.
Der Wiener Erzbischof Dr. I n n i tz e r traf in München ein, um Dem Kardinal Erzbischof D. von Faulhaber die Einladung zur Teilnahme am Katholikentag persönlich zu überbringen. Dr. Jnnitzer wird nach Rom Weiterreisen, wo er am 16.März vom Papst den Kardinalshut empfangen wird.
lehnte nach, bis der stärker fallende Schnee den Mann und seine doppelte Last wie mit einem streifigen Schleier überspann und die fahlgraue Mooreinsamkeit die Gestalt des riesigen Wanderers verschlang.
Nach 48 Jahren ...
Nach 18 Jahren hat jetzt ein deutscher Kriegsteilnehmer, Der an der Front in Rußland kämpfte, vom russischen Roten Kreuz feinen Totenschein erhalten, zugleich mit Der Mitteilung, daß er in Dem Dorf Mladeschin beerdigt liegt. Die russischen Behörden arbeiten langsam, aber gründlich: so erhielt vor einiger Zeit das Zentralnachweisamt für Kriegerverluste und Kriegergräber in Spandau Die Todesurkunde des Kriegsfreiwilligen Christian Seeger, der angeblich am 27. Oktober 1915 in einem russischen Lazarett infolge einer Verwundung starb und in Mladeschin beerdigt wurde. Das Zentralnachweisamt, das Die Angelegenheit nachzuprüfen hatte, rief nun in Der Wohnung Der Angehörigen jenes Christian Seegers in Berlin an und war bah erstaunt, als sich Christian Seeger persönlich am Telephon meldete. Er ist 1914 als Kriegsfreiwilliger mit Dem ©renaDierregiment Nr. 119 ins Feld gerüdt, kam zuerst nach Flandern und Dann an Die Ostfront. Bei Lodz wurde er schwer verwundet und lag zwei Nächte zwischen den Gräben in deutschem Artilleriefeuer. Russische Sanitäter brachten ihn Dann ins Lazarett, wo er neben einem Kameraden zu liegen kam, Der noch am nächsten Morgen verstarb. Seeger wurde später als Schwerverwun» Deter und dauernd kriegsuntauglich ausgetauscht. Jetzt erst, nach 18 Jahren und nachdem er seinen Totenschein in Den HänDen hält, fällt ihm ein, daß Damals im Lazarett, wo alle VerwunDeten ausgezogen und verbunden wurden, wahrscheinlich Die Mäntel und Hniforrnftüde mit Dem Inhalt Der Taschen vertauscht worden waren. Jener Krieger, Der neben ihm itp Lazarett lag, unD dann verstarb, muß demnach in Rußland als Christian Seeger beerdigt worden fein. Die russischen Behörden aber haben 18 Jahre gebraucht, um Deutschland eine Mitteilung darüber zugehen zu lassen.
Sochschuinackrichten.
— Auf Den Lehrstuhl für Handelsrecht, Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht und bürgerliches Recht an der Hniberfität Freiburg i.Br. ist <m Stelle von Professor H. H o e n l g e r der Extraordinarius Dr. Hans Grohmann-Doerth von der Hniberfität Prag berufen worden.


