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8.7.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 157 Drittes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverheffen)Samstag, 8. Juli 1955

Wandern und Reisen Buder und Sommerfrischen.

Kleine Moselreise.

Bon Heinz Hart.

Blankgescheuert und frischgestrichen liegt der Dampfer am Koblenzer Moseluser zwischen den beiden Moselbrücken. Das Ilfergelände hier ist nicht so einladend, wie die Koblenzer Rheinfront. Man soll ehrlich sein: Der Bassenheimer Hof ist grau und dunkel'. Auch die Güterwagen, die mit schrillem Ge­bimmel an den Ladeplätzen des Moselhafens vor- überkeuchen, können störend wirken. Aber darüber trösten hinweg die Flaggen am Landungssteg und an Bord und die berechtigten Vorfreuden auf die kommende schöne Fahrt. Man sucht sich zunächst, wenn man weniger nurfahren", aber umso besser schauen" will, ein Plätzchen am Oberdeck, wo neben dem mächtigen Steuerrad, wie wir es sonst nur von Schleppkähnen kennen, der bärtige, kundige Steuer­mann seine ersten Kommandos erteilt. Die Schiffs- glocke läutet in jenem besonderen Takt, den ein Un­geübter niemals nachmachen kann. Der gelbe Schornstein wird umgelegt. Ein letztes Signal, die Taue werden eingezogen, wir fahren.

Am Ufer laufen dem Schiff die kleinen Wellen nach in schaumigen Kämmen. Gegen Wiesen und Felsengestein, das sich schon steiler erhebt und zu ersten Bergen türmt. Vor Sinnigen bereits leuchten von diesen rebenbestandenen Terrassen herab die Namen bekannter Weinsorten. Und so geht cs den ganzen Strom entlang vom Winninger-Uhlen bis zum Hatzenporter-Stolzenberg. Die Weinstöcke stehen im grünen Schmuck ihres Laubes. Zu jeder Zeit sieht man die Winzerinnen und Winzer in den steilen Hängen am Werk. Ihre Arbeit ist schwer. Sie stehen auf mit der Sonne, arbeiten, essen, arbei­ten, schlafen. Einmal im Jahre, im Herbst, wenn die Lese kommt und der Winzer nach einem guten Som­mer seine Arbeit und Mühe wirklich belohnt sieht, wenn der goldige Most in die Bottiche rinnt, wird er lächeln. Das ist dann sein schönster Tag.

Nach Güls und Lay, zwei recht lebendigen Moseldörfchen, grüßt gegenüber von Winnigen die Carolahöhe. Dort mag man einen prächtigen Fern­blick haben, lieber (Tobern thront droben auf zackigem Fels die schöne und alte St. Matthias- kapelle. Bei C a t t e n e s hat man für eine kurze Weile einen prächtigen Einblick ins sogenannte Mühlental. lieber Alken hebt sich eine der schön­sten Burgen des Tales, Thurandt, vom Horizont ab. Auf der alten Zugbrücke, die man filhouettenhaft schaut, vermeint man den gepanzerten Ritter ver­gangener Zeiten zu sehen mit Lanze und flattern­dem Helmbusch: man denkt an die sagenhafte Ge­schichte, da die kühnen Ritter der Feste Thurandt die große Zahl ihrer Belagerer und Bedränger in Ketten legten, weil diese mehr die gefüllten Fässer der Keller des Dorfes, denn die wehrhaften Mauern der Burg bestürmt hatten.

So ziehen die Bildchen der Landschaft an dir vor­über, während geruhsam das schmucke Schiff seinen weiteren Weg nimmt. An Löf mit der Sternburg, an Brodenbach mit feinen vornehmen und gepfleg­ten Hotels, an Hatzenport, wo man eine echte und rechte Moselkirmes feiern kann und an Burgen mit den Ruinen von Bischofstein und Burg Waldeck vorbei. In Moselkern werden die ersten Gäste ausgebotet. Sie wollen gewiß zur B u r g E l tz. Der Dampferstoppt" und ein großer Kahn schiebt sich bedächtig ans Fallreep heran. Interessant, mit wel­cher Geschicklichkeit diese Moselschiffer manövrieren. Dann schaufeln wieder die Räder. Ueberall am Ufer der kleinen Dörfer und Flecken liegen saubere nette Wirtschaften und Hotels, in denen man nicht nur einen heute doppelt preiswerten Tropfen, sondern auch treffliche Speisen erhält. (Gebackener Mosel­

fisch gilt hier als ein besonderer Schmaus!) Vieler­orts lassen kurze Ausblicke schon vom Dampfer er­kennen, daß sich in diesen Ortschaften anmutige Reste künstlerischer Kultur vergangener Zeiten finden.

Nach Müden, zwischen Garben mit seiner alten Stiftskirche und dem Zehnthaus und Treis mit der naheliegenden Ruine der Wildburg windet der Dampfer sich unter der schmucken und neuen Brücke durch. Der langgestreckte Ort wird überragt von dem schönen schlanken Kirchturm. Der Damm der vor­gesehenen rechtsseitigen Moselbahnstrecke, die vor dem großen Kriege begonnen, aber dann in Aus­wirkung des Versailler Vertrages nicht weiter ge­baut werden durfte, ist schon wieder ganz grün be­wachsen. Kinder sind unbesorgt und ungestört hoch auf dem Damm in ihr fröhliches Spiel vertieft. So hat uns der Dampfer in schneller Fahrt etwa 50 Kilometer stromauf getragen. Nun will er wenden. Das Auge grüßt zum Abschluß noch Cochem, das

München, im Sommer.

Die bayerischen Alpen sind uns Deutschen in der heutigen Zeit noch mehr als seither ans Herz ge­wachsen als das Gebiet unseres Vaterlandes, das die Schönheiten der Natur vielleicht am eindrucks­vollsten offenbart. Hier in diesem Wundergarten Gottes bleibt keines Menschen Seele ungerührt. Dicht nebeneinander wohnen Lieblichkeit und Wild­heit, und jeder einzelne vermag sich auszusuchen, was ihm am besten entspricht.

Wer in München ankvmmt, dem Ausgangspunkt der meisten Fahrten ins bayerische Hochland, sollte zuerst einmal an einem klaren Tage die Türme der alten Frauenkirche besteigen, die der Volksmund wegen ihrer Form ironisch als Wahrzeichen der Stadt Maßkrüge mit grünen Zwiebeldeckeln getauft hat. Bei guter Fernsicht erhält man hier einen ersten Begriff von dem gewaltigen Erlebnis der bayeri­schen Alpen. Wie ein ungeheures, von einer sich sebst übersteigenden Natur geschaffenes Amphitheater tür­men sich van Ost nach'West in einer Breite von saft 300 Kilometern die ewig schneebedeckten Bergriesen bis zum Himmel. In halber Höhe leuchten uns die saftigen, grünen Matten und Almen entgegen, von denen der weltberühmte bayerische Käse in die Täler der Menschen herniederrollt, und vor uns liegt in epischer Breite und Weite die südbayerische Hoch­ebene, in die zahllose große und kleine Seen ein­gebettet liegen.

Noch schöner vielleicht ist ein Alpenflug mit der Südfluo-A.-G. in München oder auch eine zwei­tägige Fahrt mit der Reichspost auf der neu eröff­neten Strecke von Lindau nach Berchtesgaden, vom Bodensee bis zum Königsee. Wie ein märchenhafter Filmstreifen rollt die köstliche Landschaft unter uns und an uns vorbei, und auch der nüchternste Mensch muß hierbei von einem Freudenrausch, von einem Rausch der Farben und Wunder der Natur erfaßt werden.

Der beschauliche Mensch, der die Ruhe und die Einsamkeit liebt, mag zu den Ufern der großen Seen der Hochebene, die dem Hochgebirge vorgelagert sind, streben und dort in Sonne und Seligkeit die Fels­berge aus gemessener Entfernung mit geziemendem Abstand genießen. Chiemsee, Starnberger See, Staf- selsee, Ämmersee, Pilsensee und Bodensee bieten tausendfältige Möglichkeiten der Erholung und des

reizende Kreisstädtchen mit seiner hochgelegenen Burg und dem alten Rathaus.

Einzelne graue Vögel überfliegen den sanften Spiegel des Flusses und landen am anderen Ufer. Im Tal ist cs merklich stiller geworden, während es jetzt an Bord etwas lebhafter zugeht. Musikanten spielen den Gruß an Sorrent, schwäbische Tänze und vergessen dabei nicht das schönste Moscllied. Ihres verantwortungsvollen Amtes bewußt stehen Steuer­mann und Gehilfe am großen Rad. Einen Mosel­dampfer an all den Kribben und dem fesigen Ur­grund sicher vorbeizuführen, will in jahrelanger Ar­beit erprobt fein.

Niemand wird an die Mosel, geschweige denn auf der Mosel fahren, ohne vom Wein zu kosten, der dort in den Bergen wächst. DenG r a a ch e r" mit seinem doppelt schmückenden Beiwort, den uns die Bordrestauration verabfolgt, darf man selbst Ken­nern getrost empfehlen.

reinsten Genusses. An ihren Ufern tummeln sich braungebrannte Menschen, weiße Segel slitzen über die Oberfläche und wetteifern mit buntbeflaggten Motorbooten. Von den fünften Hügeln zeigt das nahe Hochgebirge sich zu jeder Stunde in anderer Beleuchtung und Stimmung, und auf großartigen Autostraßen ist es jederzeit leicht erreichbar. Die köstliche Verbindung von Schwimmen, Rudern, Pad­deln, kurz allen erdenklichen Arten von Wassersport mit leichten Bergtouren und Wanderungen durch dunkle Tannenwälder und blumige Bergwiesen ist ein Vorzug dieses großen Seengebietes.

Zwischen Sport und Erholung besucht man ein altes Kloster ober ein prunkvolles Schloß oder sonst ein hervorragendes Baudenkmal, an denen ja Süd­bayern ungeheuer reich ist. Auf den Dörfern er­freut man sich wie nirgends sonst an den schönen, uralten, von Generation zu Generation vererbten Bräuchen, angefangen von der bunten, kleidsamen oberbayerischen Tracht bis zu den Umzügen durch die Gemarkung der Gemeinde und den mannigfachen Volkstänzen, die in der ganzen Welt wegen ihrer urwüchsigen Eigenart berühmt sind. Im Zeitalter der Typisierung und Mechanisierung ist für den ge­hetzten, modernen Menschen der Großstadt das Le­ben unter einem Volksstamm voll Eigenart und alter Tradition eine geistige und seelische Ausspannung und Erholung ganz besonderer Art.

Wessen Gemüt und Anlage, wessen Seelenversas- sung und körperliche Konstitution mehr ins Heroische strebt, wem die Voralpen zu harmlos und zu be­schaulich sind, der bringe vor und hinein in tue tie­fen Hochgebirgstäler des Allgäus, bes Werbenfelser Lanbes, bes Tegernsees unb bes Schliersees und vor allem bes Berchtesgabener Lanbes. Er bewaffne sich mit Alpenftange unb Eispickel, insbesondere aber mit schwer genagelten Bergschuhen, um den Kampf mit dem Fels unb bem ewigen Schnee zu bestehen. Eine Hochtour in bas Gebiet ber Zwei- unb Dreitausenber vermittelt unvergeßliche Einbrücke. Sie braucht kei­neswegs irgenbmie mit Lebensgefahr oerbunben zu fein ober sonstige Nachteile unb Beschwerben zu bringen. Ieber erEunbige sich zuvor, ehe er einen Berg bestürmt, ob er ihm gewachsen ist. Bis auf bie höchsten Gipfel führen vielfach bequeme Pfade ober gut gesicherte Felsensteige.

Große Bergtouren bleiben wohl für jeden ver­

einzelte Höhepunkte feiner Urlaubsreife. Aber auch hier in den Töltern ber bayerischen Alpen finden wir die romantischsten, tiejgrünen kleinen Bergseen, in denen zu baden einen köstlichen Genuß bereitet «üdbaycrn ist so reich gesegnet mit kleinen Seen, baß biefe kaum zu zählen sind, unb jeher bat seinen eigenen Charakter, seine ganz besondere Stimmung, sei es nun ber Rießersce, ber Pslegersce ober ber Babersee unb Eibsee bei Garmisch ober der Schwan­see unb Alpsee bei Füssen ober auch ber Freiberg­see unb Rappensee bei Oberstbors.

Es gibt eine Schönheit, bie sich nicht beschreiben läßt. Man muß dieses Land selbst gesehen unb erlebt haben, um seine Wunber zu ersaßen. Hier lernt ber Mensch Schweigen in Ehrfurcht, wenn er vom höchsten Berg bes Reiches, ber Zugspitze, über tau- senb Gipfel unb Gletscher hinweg seinen Blick schweifen läßt bis zur Bernina in ber Schweiz und bis zur Marmolata in Südtirol, oder wenn er tief unten in einer wildzerklüsteten Klamm, in die seit Jahrtausenden kein Sonnenstrahl gedrungen ist, vor tosenden Wassersällen unb eisigen Sturzbächen steht unb staunt. Wenn ein strahlendblauer Himmel, mit winzigen weißen Wölkchen durchsetzt, in den baye- rischen Landesfarben sich über uns wölbt, wenn bie Lust so klar unb burchsichtig ist, baß die entfern- testen Dinge nahe zueinander zu rücken scheinen, wenn Kirchenglocken unb bas Läuten bes Viehes auf ber Alm zu hören sinb unb bie Luft nach feile- nen Blumen riecht, bann wissen mir mit Sicherheit baß wir in Sübbayern sind mit seinen unbeschreib­lichen und unzähligen geheimen unb offenen Freu­den, mit feinen verschwiegenen Schönheiten unb Rei­zen unb seinem lockenben Zauber, ber jeben immer roieber zu sich hinzieht, bem nur einmal biese wun­derbare Welt aufgegangen ist.

Wanderfahrten.

Herborn Forsthaus Neuhaus Dillenburg.

Wir fahren mit Sonntagskarte Dillenburg bis Herborn. Hier besichtigen wir die Stadt, die mit ihren Mauern, den Eck- und Tortürmen und vielen Fachwerkhäusern fast einen mittelalterlichen Eindruck macht. Wir durchschreiten die Stadt in der Richtung nach Burg zu. Hinter der Rudelfabrik verlassen wir die Landstraße und überschreiten einen mit blauem H bezeichneten Höhenrücken mit hübschen Blicken auf das Dilsal und nach dem Scheider Wald. Rach einer Stunde erreichen wir, nachdem wir Burg passiert haben, das hochgelegene gastliche Forsthaus Reuhaus, das wir schon von weitem sichten. Dieses ehe­malige Jagdschloß Katharinenbrunn ist rings von einer Galerie mit Holzsäulen umgeben, von der sich prächtige Blicke auf die reizvolle .Umgebung bieten. Interessant ist der Bodenbelag des Haus­flurs. Die Fortsetzung unseres Weges führt roten Strichen nach durch schönen Waldbestand über eine Höhe und später die sogenannte Himmelsleiter hinab. Kurz nach Verlassen des Waldes kommen wir an einer Kirchenruine und hieraus am bewirtschafteten Feldbacher Hof vor­bei, um nach anderthalbstündigem Marsche unser Endziel Dillenburg zu erreichen. Auch diese Stadt bietet viel Sehenswertes, so u. a. den t)ia Stadt überragenden Wilhelmsturm mit pracht­voller Rundsicht und das Kurhaus mit Restau­rationsgarten, von dem man hübsche Blicke über die Stadt genießt.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 llhr. 16 bis 17 Uhr. Samslafl nachmittag geschlossen.

Wasser... Almen... Felsen...

Das Erlebnis der bayrischen Alpen.

Von Or. Alfred Oetig.

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