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Roman von Helma von Hellermann.
13. Fortsetzung. Nachdruck t>erbotenI
Der Mann erhob sich, um ihr in den Mantel zu helfen, da das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde. „Vielleicht darf ich mich um den Posten bemühen?" Ihre Augen trafen sich, lächelten einander zu.
„Wenn Ihre Geschäfte es gestatten — gern! Aber die gehen vor."
Es mar das erste Mal, daß sie den Grund seiner Reise überhaupt erwähnte. Sie tat es auch jetzt, ohne eine weitere Frage zu stellen, was Steinherr der Notwendigleit einer ausweichenden Antwort enthob. Schon als iiiidbe hatte er Verschwiegenheit geübt, wenn es sich um Dinge gehandelt, die ihm wichtig erschienen. Und gerade diese Verschlossenheit war es, die Jenny Maloreen reizte, die zu brechen sie sich — und anderen geschworen.
Kurz vor der Landung in London begann es zu regnen, feine Wasserfäden flössen an den Fenstern herab. Die etwas schläfrig gewordene Unterhaltung zwischen den anderen Passagieren lebte auf, als die in zehn Minuten erfolgende Ankunft auf dem Flugplatz Croyden gemeldet wurde. Der junge Franzose, der mit niemandein gesprochen, nur ab und zu die Maloreen und ihren Begleiter mit einem höflich interessierten Blick gestreift, kritzelte noch schnell ein paar Worte, ehe er das schwarzgebundene Heftchen schloß und in seiner Brusttasche verwahrte.
Steinherr, dem die Zeit überraschend schnell vergangen war, half der Maloreen allerlei Kleinigkeiten in ihre Tasche verstauen und ging dann in den Waschraum. Als er zurückkam, sah er, wie seine Begleiterin und der Fremde sich zu gleicher Zeit bückten, um den großen Blaufuchs aufzuheben, der ihr von den Schultern geglitten. „Der kleine Franzose kann schon wieder Kavalier spielen", dachte er und lächelte, als beide mit den Köpfen leicht zusammen- stießen und zwei Hände zugleich den Pelz ergriffen. Wieder blitzten die spitzen Zähne unter dem kleinen Schnurrbart. Ein paar gemurmelt- Worte der Entschuldigung; die Frau neigte jedoch diesmal nur stumm das Haupt.
Langsam senkte sich das Flugzeug, stieß mit einem wohpovierten kleinen Aufprall auf die Erde, glitt ein Stück weiter und hielt. Die Leiter wurde angelegt. die Tür geöffnet, Licht flammte durch die Regendunkelheit; Menschen eilten schattengleich hin und her. Von vorn drang das Lachen des Piloten, den Freunde begrüßten.
Als letzter stieg der Franzose aus, vor ihm Jenny Maloreen. Im Seitenfach ihrer Handtasche lag wohlverwahrt ein kleines schwarzgebundenes Heft.
16. Kapitel.
„Eigentlich schade, daß wir nicht in einem Hotel wohnen", dachte Magnus Steinherr, der vor dem
Spiegel im Ankleidezimmer seiner weihen Krawrute den letzten kritischen Kniff gab, ehe er in den yrack schlüpfte. „Vielleicht hätte ich sie doch überreden können, irgendwo mit mir zu speisen."
Seine Begleiterin fehlte ihm. Aber Frau Jenny halte Müdigkeit vorgeschützt und wollte früh zu Bett gehen. „Die Reaktion nach den letzten Tagen ..." Ihr „Auf Wiedersehen!", so oit gedankenlos gehört und gesagt, klang aus ihrem Munde wie eine Verheißung.
Steinherr schob die flache goldene Uhr in die Westentasche, warf das auf dem Toilettentisch liegende, leicht nach Juchten duftende Taschentuch m den Wäschekorb und nahm ein anderes aus der Schublade. Parfümierte Wasser und Seifen waren ihm ebenso verhaßt wie Juwelen bei Männern. Nichts an dieser blassen, zart aussehenden Frau war eigentlich schön, und doch war alles in den Scharm einer magnetischen Persönlichkeit getaucht. Das war es: Eigenart. Der Durchschnitt sättigte gor so schnell. Aber er war bequem.
Seine Gedanken flogen zu Li, die heute abend bei Brinkmanns eingeladen war. Welchem Tischherrn sie wohl den Kopf verdrehte? Der Mann lächelte vor sich hin. Daß sie es tun würde, bezweifelte er nicht. Sie war sehr reizend, die kleine Li, die so lustig zu lachen, so hübsch zu danken verstand — die vorgab, ihn zu lieben, und es dennoch fertigbrachte, Abend für Abend ihre Schönheit den Blicken von tausend müßigen Gaffern preiszugeben, trotzdem er sie gebeten, nicht in der Revue aufzutreten. — Das Lächeln erlosch. Er gehörte nicht zu den Männern, deren Neigung durch Eifersucht wuchs. Alles oder nichts.
Steinherr nahm den Mantel über den Arm, setzte den Zylinder auf, ergriff die weißen Handschuhe und verließ das Zimmer. Dicke, weinrote Teppiche schluckten die Schritte im Flur. Ein eifriger Page fuhr ihn im Lift hinunter in die große Halle, deren Luxus von keinem Hotel des Festlandes übertroffen wurde. Viele Augen folgten dem Manne, dessen prachtvoll gewachsene Erscheinung auffiel. Er ging durch das Vestibül, ohne sich umzusehen. Im lichterfunkelnden Foyer nahmen ihm Lakaien im roten Frack und seidenen Kniehosen die Garderobe ab. Sehr feierlich wirkten ihre ernsten, glattrasierten Gesichter unter den weißen Perücken.
An der Schwelle des Speisesaals, der von einem Kranz kleiner Nischen umgeben war, verhielt Magnus einen Augenblick den Schritt. 2Iber schon stand ein schlanker Schwarzfrack neben ihm, der ebensogut ein Fürst wie ein Manager sein konnte, und wies dem Gast mit diskret-verbindlicher Verbeugung den bestellten Tisch. Gleich darauf traten zwei Herren ein, die den Deutschen lebhaft begrüßten. Es waren der Vertreter der Steinherrschen Werke in Liverpool und der deutsche Konsul, die er zum Abendessen gebeten hatte.
„Sie verlieren keine Zeit", meinte der letztere lachend, „ganz nach bewährtem amerikanischen Mu
ster: Lunch in Berlin, Tee m Amsterdam, Dinner in London — ich verstehe Ihren Welterfolg! Auf glückliches Gelingen der neuen Erwerbung!" Bedeutsam sah er seinen Gastgeber an, während die Gläser leise aneinander klangen.
Aber dessen dunkles Gesicht blieb unbewegt. „Erst mal sehen", sagte er nur.
Der Direktor ließ die Blicke über das köstliche Bild des runden Saales schweifen, der mit den goldgelben Seidentapeten, der verschwenderischen Fülle frischer Blumen, dem echten alten Silber und Kristall eine berückende Folie bot für die Pracht und Schönheit, die sich in diesem elegantesten Restaurant der Weltstadt allabendlich versammelte. Im zart abgetönten Lichtschimmer funkelten und gleißten erlesene Juwelen um die Wette mit den strahlenden Augen ihrer Trägerinnen. Und Magnus Steinherr, der gleichfalls in die Runde schaute, bedauerte nachmals, daß Jenny Maloreen nicht mit dabei war.
Trotz feiner äußeren Gelassenheit war eine angenehme Spannung und Erwartungsfreude in ihm; er fühlte sich froh unb belebt wie lange nicht, schob es auf den bevorstehenden Abschluß einer für das Werk äußerst wichtigen Patenterwerbung — und sah dabei das Gesicht der Frau vor sich, wie es rosig überhaucht und leuchtend zu ihm emporgelächelt, als sie neben ihm im Flugzeug saß.
Nach dem Cocktail wurden gebackene Austern serviert. Ein raffiniert zufammengestelltes Diner folgte, in flachen Kelchen perlte der Sekt. Und als der Direktor nun seinerseits das Glas seinem Chef entgegenhob auf weiteres Gedeihen ihrer gemeirtfomen Arbeit, flog ein Lachen über des Mannes sinnende Züge.
„Es wi r d gedeihen, Schmitt, denn wir find mit unseren Herzen dabei!"
Dem anderen sprang die Helle Freude aus den Augen. Er neigte sich ein wenig über den Tisch: „Morgen früh um zehn Uhr, wie Sie es gewünscht, komme ich mit Everlein zu Ihnen."
Steinherr nickte. Preßte die Lippen fest zusammen und hob den Kopf mit einer unbewußten, sieghaften Geste. Wenn dieses neue Verfahren das hielt, was es versprach, gab es keinen Stahl auf der Erde, der es mit dem feinen an Dauerhaftigkeit und Elastizität aufnehmen konnte. Wahrlich, es war schön zu leben und zu schaffen, sich Schritt für Schritt den Weg zur Höhe zu bahnen ...
Als der Mokka serviert war, zog der Gastgeber seine Uhr. „Wenn Sie Lust haben, können wir uns gerade noch den letzten Akt von .Carmen' ansehen; ich habe auf jeden Fall eine Loge bestellt. Eigentlich macht man es hier meist umgekehrt, aber meine Gefräßigkeit war größer als mein Musikhunger."
Lachend fuhren sie nach der Covent Garden Oper, wo eine berühmte Sängerin in ihrer Glanzrolle gastierte. Auch hier herrschte eine große Toiletten- und Schmuckpracht. Man kam um zu sehen — und sich so nebenbei die Musik anzuhören.
„Und nun?" fragte Steinherr feine Gäste, als fie aus dem Portal in das Nebelmeer traten, das die großen Bogenlampen nur schwach zu erhellen vermochten. „Wo verbringen wir den angerissenen Abend?"
„Im Embassy Nachtklub", antwortete prompt der Konsul, sich behaglich in die Kissen des Rolls Royce fallen lassend, „den haben Sie noch nicht erlebt Steinherr; erst vor kurzem eröffnet worden. Das ist eine Sache. Und die Karten habe diesmal ich, als Mitglied darf ich Gäste mitbringen."
Der Tanz war schon in vollem Gange, nur mit -Nuhe fanden die drei einen freien Tisch. Ein paar reizende Girls entdeckten den Konsul, fielen jubelnd über ihn und seine Begleiter her, die bald umringt waren von lachendem Uebermut. Der große schlanke Steinherr gefiel ihnen besonders; sein brünettes Ge- ndjt mit den kühlen, spöttischen Augen und seine Eleganz hatten es den Mädchen schnell angetan. Man S13 . Überfülltem Parkett, irgendein süßes,
^w^chtaugiges Weibchen im Arm, sang den neusten Schlager, der noch blödsinniger als sein Vorgänger roar trank Cocktails an öcr Bar im Nebensaal, fpieltc ein wenig, verlor, gewann.
s ro.a.r drei Uhr früh, als der Rolls Royce wieder durch o»e fast undurchdringliche Nebelnacht glitt, 01 r 3U J>ruJL ^r, &en deinen Direktor, der eine derartige Nacht selten erlebt, und für den stattlichen Konsul, dem es tue eine Blondine mit den tiefblauen Augen heftig angetan.
"Daß Sie es fertigbrachten, wegzugehen", staunte er halb klagend und gab sich Mühe, gerade zu fitzen was schwer fiel.
„UeberfütLe macht enthaltsam", sagte Steinherr aus seiner Ecke heraus, ein spöttisches Lächeln um die Lippen. Seine Gedanken waren schon beim nahenden Tag. Die Tollheit, die er mitgemacht, hatte ihn innerlich nicht berührt. Und neben der gespannten Erwartung des geschäftlichen Ergebnisses spürte er eine leise Freude in sich. Zum Lunch besuchte er 2enny Maloreen. Ob sie gut schlief nach dem Flug? Ob Schmerzen sie von neuem quälten? Wenn Wunsche halfen, ging es ihr gut.
Der Wagen, der schon eine Weile sehr langsam gefahren, hielt plötzlich. Der Chauffeur sprang herab und öffnete den Schlag. „Verzeihen Sie, Sir, aber oer verfluchte Nebel hat einen ganz irregemucht: ich habe die Kreuzung bei Grosvenvr Square anscheinend überfahren und bin zu weit nach Osten geraten. Darf ich nur schnell mal den Namen der Straße feststellen?" Vom Sitz nahm er eine große Taschenlampe und verschwand. Nur ein dünner Lichtstrahl verriet, wohin sich der Mann gewandt.
„Verdammtes Klima, dieses London", schimpfte Schmitt und schlug den Kragen feines Mantels hoch. Kalt und feucht strömte es zur offenen Wagentür herein. „Somas gibt’s bei uns in Deutschland denn doch nicht, Gott fei Dank." Er hotte auf einmal Heimweh.
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