Die stummen Gäste von Zweilinden
Roman von Anny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
34 Fortsetzung Nachdruck oerbotenl
Ob es gut wäre, wenn er jetzt lieber in die däm- merkühle Kirche Seien flüchtete, oder ob er nun tun sollte, weshalb er hierhergekommen?
Frieden wollte er nun, ewigen Frieden; und Angela sollte frei werden! Er war ja nicht ihr Vater, wie durfte er ihre Jugend erdrücken und müde machen durch den großen Schatten seiner Schuld.
Wie sanft und kosend die blauen Wogen das Riesenkreuz umspülten! Wulf machte ein paar Schritte; mit tiefem Aufatmen schriti er über den festen Boden hinaus und sank jäh und weich in die blaue Meeresflut. Er blickte mit starren Augen aufwärts. Die grauen Steine des Kreuzes wandelten sich in durchsichtiges Kristall, von dem es wie nahende Erlösung aus allem Leid schimmerte.
Mit einem Lächeln auf dem eingefallenen Gesicht sank der Körper Wulf Speeraus in die Tiefe, und die Wellen wogten über ihn fort, löschten die böse, böse Schuld aus, die das Erdenkleid eines irrenden Menschen befleckt.
So starb Graf Speerau, der einstige Schloßherr von Wiesental.
23.
Justizrat Doktor Alexander empfing die Besucher mit größter Zuvorkommenheit in seinem Bureau in Frankfurt. Er war ein Herr von tadellosen Manieren und jener Liebenswürdigkeit, die so sehr bezaubert, weil sie echt ist. Er drückte drei Hände, versicherte auf Deutsch und Französisch, wie sxhr er sich freue, die spanischen Erben des seligen Herrn Baseller kennenzulernen, dessen Berater, nein, er dürfe wohl sagen, dessen Freund er seit langen Jahren gewesen.
Aus dem Namen Basella, den der Spanier Ba- felja ausspricht, war in Deutschland im Laufe von mehreren Generationen Baseller geworden.
Pfarrer Basella antwortete in französischer Sprache und stellte seine Nichte Catalina vor, die Miterbin des Vermögens, das Herr Julius Baseller hinterlassen.
Catalina war eine echte Sevillaer Schöne, mit großen, schwarzen Augen und tiefen, kohlschwarzen, fast straffen, glänzenden Scheiteln über dem schmalen, ein wenig scharf gezeichneten Gesicht, dessen leicht bräunliche Haut 'wie dunkler Pfirsichflaum leuchtete. Sie war mittelgroß und schmal.
Justizrat Alexander schaute nicht vorbei, wenn er ein schönes, weibliches Wesen sah, und das Rassegeschöpf da vor ihm war schon einen langen Blick wert. Er versicherte Catalina Basella eifrig, sie
möge völlig uüer lyn t£ l-eye ganz zu
ihren Diensten. Da Catalina Französisch sprach wie ihr Onkel, herrschte Verständnis auf beiden Seiten.
Nun stellte der Pfarrer die andere junge Begleiterin vor: Senorita Angela Figueras y Landa. Angela hatte dem Pfarrer mitgeteilt, daß sie nicht Esperao hieße, da der Tote nur ihr Pflegevater gewesen und ihr Vater, der gestorben sei, als sie noch nicht geboren war, den Namen Figueras geführt hatte. Sie nannte sich fortan nach spanischer Sitte nach Vater und Mutter.
Jetzt riß der gute Justizrat erst die Augen auf. Im ersten Augenblick hatte er nicht so richtig unterscheiden können zwischen schön und noch schöner. Aber die Begleiterin der Erben war noch schöner als die andere Spanierin mit den glatten, blanken Scheiteln.
„Himmel!" dachte er, „wie war es nur möglich, daß ein feines, schmales Mädelchen soviel Schönheit ganz allein tragen konnte."
„Wir können die 'Unterhaltung auch in deutscher Sprache führen, wenn Sie wollen, Herr Justizrat", sagte der schönste Mund, den er je gesehen, „ich bin auf den Wunsch des Herrn Pfarrers mit nach Deutschland gekommen, weil ich Deutsch spreche und als Dolmetscherin dienen kann."
Der Justizrat bot Platz an. Man hatte wohl schon zu lange gestanden; dann sagte er: „Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, aber Sie sprechen ein so tadelloses und reines Deutsch, daß ich fast glauben möchte, Sie hätten deutsches Blut in den Adern, wenn Ihr Aeußeres nicht so typisch spanisch wäre."
Angela erklärte: „Meine Mutter heiratete in zweiter Ehe einen Deutschen; von ihm lernte ich seine Heimatsprache."
Der Justizrat nickte: „Jetzt begreife ich, mein gnädiges Fräulein."
Angela belustigte es, als sie daran dachte, daß der Justizrat, der aussah, als wenn er mit sehr vornehmen Leuten umzugehen gewöhnt war, sie „mein gnädiges Fräulein" nannte. Wie würde er gestaunt haben, wenn er wüßte, sie machte in Barcelona künstliche Blumen, verkaufte sie in einem kleinen KioSk an einer belebten Markthallenstraße, wohnte in einem barackenähnlichen Häuschen und war Straßenhändlerin gewesen. Wenn er es wüßte, ob ihm dann die Anrede „mein gnädiges Fräulein" immer noch so glatt von den Lippen gehen würde? Sie bezweifelte es beinahe.
Die Unterhaltung ward in französischer Sprache weitergeführt, damit es alle richtig verstehen konnten. Justizrat Doktor Alexander legte den Erben noch einmal genau klar, nachdem er es bereits schriftlich getan, was ihnen der deutsche Verwandte alles hinterlassen habe, und man besprach die Verwertungsmöglichkeiten. Julius Baseller hatte den letzten spanischen Verwandten, den beiden Basellas, ein Vermögen von zwei Millionen Mark hinterlassen, außerdem drei große Frankfurter Miethäuser und ein kleines Gut im Taunus.
Angela, die ja dank dem Unterricht ihres Stiefvaters die französische Sprache fast so gut beherrschte wie die deutsche, stutzte, als sie hörte, in welcher Gegend Deutschlands sich das Gut befand. Sie mischte sich ein.
,Zch weiß, der Taunus ist nicht allzu weit von Frankfurt, Herr Justizrat, mein Stiefvater stammt nämlich aus der Gegend, aber es interessiert mich, wie weit es von hier bis in die Berge ist."
Justizrat Alexander lächelte bei den Worten Angelas.
„Von verschiedenen Punkten Frankfurts aus können Sie schon ein wenig von den Taunusbergen sehen, mein gnädiges Fräulein, und die kräftige Luft atmen, die von den Höhen kommt. Mit der Bahn erreichen Sie den Taunus in einer reichlichen halben Stunde, er zieht sich aber weit hinein ins Land, und es kommt ganz darauf an, woher Ihr Stiefvater stammt."
Das letzte klang wie eine Frage.
Angela schüttelte den Kopf.
„Das weiß ich nicht, das hat er mir nie gesagt. Und mir genügten auch immer die zwei Silben „Taunus". Im Auslande schmolz der Begriff für mich enger zusammen."
„Schreiben Sie doch Ihrem Herrn Vater, damit er Ihnen mitteilt, wo er geboren ist, dann können Sie den Ort besuchen."
Angela schüttelte wieder den Kopf; ihr Blick traf sich mit dem des Pfarrers, als sie erklärte: „Mein lieber Vater ist nicht mehr erreichbar, er ist vor drei Wochen gestorben."
In ihren Augen schimmerte es verdächtig, und um ihren schönen Mund lag ein so leidvoller, wehmütiger Zug, daß der Justizrat dachte, die berückende Spanierin mußte ihren Stiefvater sehr geliebt haben.
Er sah sie teilnehmend an und fuhr in seinem Bericht für die Erben fort: „Das Gut im Taunus ist idyllisch gelegen und sehr gut eingerichtet. Ich möchte mir den guten Rat erlauben, wenn die Herrschaften, was ich doch vermute, einige Zeit in Deutschland verweilen wollen, dann in Schloß Wiesental Ihren Aufenthalt zu nehmen. Der selige Herr Julius Baseller hat zumeist draußen gewohnt und seine Stadtwohnung, die nur aus ein paar Junggesellenzimmern besteht, wenig benutzt. Die Dienerschaft ist noch vollzählig in Wiesental, auch zwei Autos sind vorhanden und der Chauffeur. Frankfurt ist von dort, sowohl mit der Bahn wie mit dem Auto, leicht zu erreichen. Ich selbst wohne während des Sommers im Taunus mit meiner Familie und komme morgens in die Stadt, fahre, je nachdem ich frei bin, wieder heim. Doch wohne ich an einer anderen Taunusecke, in der Nähe von Homburg."
Pfarrer Basellas gute, kluge Augen hatten aufgeleuchtet bei diesem Vorschläge.
„Muchachas (Mädchen), mich reizt es, dem Rat des Herrn Justizrates zu folgen. Lange genug haben
wir alle drei in großen Städten gelebt; so ein bißchen Berge, Wälder und Wiesen werden uns guttun. Außerdem lockte es mich, wenn sich die Gelegenheit so überaus günstig bietet, echte deutsche Natur zu genießen. Was meinst du dazu, Catalina, und Sie, Angela?"
Angela verspürte plötzlich eine gewisse Sehnsucht nach dem Taunus. Ihr lieber, lieber Vater war von dort gebürtig gewesen, und irgendwo mußte dort auch das' Gut Zweilinden liegen, wo Konrad lebte. Aber da sich der Taunus sehr ausbreitete, wie der Iustizrat schon erklärt hatte, konnte Zweilinden noch weit von Wiesental entfernt sein. Schade, daß ihr der Vater niemals gesagt hatte, wie das Schloß hieß, das er einmal besessen.
Catalina war entzückt von dem Plane, in Schloß Wiesental Wohnung zu nehmen; auch Angela war darüber erfreut, längere Zeit dort bleiben zu können.
,Zch denke es mir herrlich, ein Weilchen auf Wiesental leben zu dürfen", erklärte Pfarrer Basella: „Also, Ihr Vorschlag wird dankend angenommen, Herr Justizrat. Wir geben unsere Hotelzimmer auf, sobald Sie meinen, daß wir auf Wiesental einziehen können.
Es wurde nun verabredet, am übernächsten Morgen hinauszufahren. Justizrat Alexander wollte telephonisch alles im Schlosse vorbereiten lassen und ein Auto von dort erbitten.
24.
Es war ein köstlicher Sommermorgen, als die neuen Besitzer und Angela, von dem Justizrat begleitet, im offenen Auto über die Taunus-Chausseen fuhren. Oh, wie war die Luft so köstlich frisch! Wie einen kühlen, belebenden Trank genossen 'Angela und der Pfarrer diese herrliche Lust. Wie prächtig war doch hier die Gegend!
In sanften Wellen zog die Bergkette dahin, und überall grüßten trauliche, kleine Orte, dichter, grüner Wald, üppige Wiesen und Felder. Angela war ganz eigen zumute. Sie hätte nicht in Worte formen können, was sie während dieser Fahrt empfand. Ihr Denken glitt immer hin und her zwischen dem Vater und Konrad Zweilinden. Ihr armer Vater hatte Frieden im Meere gesucht. Er war wohl müde gewesen von einem traurigen, armen Leben, gar zu müde, um den Weg noch weiterzuwandern. Und Konrad war ihr jetzt so nahe. Wenn er ahnte, daß ihre Augen in dieser Stunde die Taunusberge sähen und sie Die erfrischende Luft einatmete, die auch ihn umwehte.
Es schwebte ihr auf der Zunge, den Justizrat za fragen, ob er vielleicht wisse, wv das Gut Zwei- linden liege. Aber sie unterließ es bad), denn die Frage müßte dem Pfarrer und auch dem Justizrat auffallen. Das wollte sie vermeiden.
(Fortsetzung folgt.)
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Der Kamplbund der deutschen Architekten und Ingenieure im Kamplbund für deutsche Kultur e. V. gründet am Mittwoch, dem 10. Mai, seine LrtSgruppe Gießen i.Cafö Ebel, Gießen, Burggraben, 87? Uhr (20 h 30) pünktlich. Männer der Technik, Ingenieure, Architekten, Techniker u. technisch Interessierte, arischen Stammes, die Geheimbünden (Freimaurerlogen) nicht angehönen, können Mitglieder des KDAI werden. Wir laden zur Gründungsversammlung ein. (Unkostenbeitrag 50 Pfennig.)
Der ILDAI-Stützvunkt Gießen 3io<d m. d. Ltg. beauftr.: Adolf Kurz.
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