Das Wunder
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann. Stuttgart. 30. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
19. Kapitel.
Das Wiedersehen mit Kurt von Langen hatte Magussi doch erregt. Alles, was sie in ihrem Gedächtnis zu^rückgedrängt, war wieder lebendig geworden. Tausend Fragen regten sich, die sie noch gern gefragt — wie wenig hatte man von der Mutter gesprochen; alles war ja nur flüchtig gestreift! — Und mit Ungeduld und Freude erwartete sie Kurts nochmaligen Besuch.
Golden lachte die Maiensonne. Und wie blau der Fimmel war, wie ein großes, seidenes Zelt spannte er sich über der prangenden Erde. Mit einem unbewußt fröhlichen Blick in den Augen und einem fröhlichen Lächeln schritten die Menschen dahin. Satt trank sich Auge und Herz an der blühenden Maienpracht.
Magussi hatte sich umgekleidet; in einem weißen, handgestickten Kleid aus Seidenbatist sah sie ganz jung und mädchenhaft aus.
Ein Kraftwagen hielt vor dem Hause. „Gewiß Baron Langen!" dachte sie.
Sie war enttäuscht, als das Mädchen wenige Augenblicke später Besuch meldete — „eine Dame".
Und ohne Karte! Gewiß eine Verehrerin, die um ihre Unterschrift für ein Bild von ihr bat; es kam ja so oft vor!
Sie sah nach der Uhr; zehn Minuten fehlten noch an der verabredeten Zeit mit dem Baron, und er würde sicher pünktlich sein!
Magussi ging hinüber in den Empfangsraum, und dann blieb sie wie erstarrt an der Tür stehen, die Dame kannte sie doch! — Oder war es ein Trugbild ihrer Sinne? Sie schloß die Augen, öffnet-' sie wieder — die Dame war noch da.
„Mama, du?" hauchte sie, und dann nochmals mit schluchzendem Laut: „Mama, liebe Mama!"
„Mein Kind!"
Und dann stürzte Magussi in die ausgebreiteten Arme der Mutter. In seliger Wiedersehensfreude hielten sich die beiden umschlungen. — Mama, wo kommst du her?"
„Errätst du es nicht?"
Ein kurzes Nachdenken; dann rief Magussi: „Oh, jetzt ahne ich — mit Kurt von Langen!"
Frau Bunte nickte. „Gestern abend trafen wir ein'"
„Und bist nicht gleich gekommen, Mama?" klagte Magussi.
„Leicht ist mir's nicht geworden, Kind, doch ich mußte mich fügen, wie er es sich ausgedacht!"
„Wie bin ich ihm dankbar! Wo ist er?*
„In einer kleinen Stunde wird er nachkommen! Papa ist für vierzehn Taae nach England, und da nahm mich der Baron einfach mit, da er mir längst angemerkt, daß ich vor Sehnsucht nach dir verging. Mit ihm habe ich immer von dir gesprochen! Er hat von jeher eine stille Liebe für dich gehabt."
Mutter und Tochter faßen nebeneinander, blickten sich glücklich in die Augen, hielten sich an den Händen, streichelten sich.
„Du bleibst doch hier, Mama?"
„Vorläufig bin ich für Papa am Bodensee! Nun aber der Baron mich zur Reise bestimmt hat, bleibe ich hier!"
„Ach, du liebe, gute Mama!"
Magussi umarmte und küßte die Mutter.
„Morgen abend hörst du meine Elisabeth und wirst dann einsehen, wozu ich bestimmt war!"
„Ich weiß es schon lange, mein Kind, und bin stolz auf dich! Doch Papa ist unversöhnlich — du kennst ihn ja."
Tief und schwer atmete Magussi auf. Und dann fiel leise die Frage nach Eduard. „Ach, Mama, wenn er doch nur zu einem größeren freieren Verständnis für mich hätte gelangen können."
„Unerträglich war ihw der Gedanke, daß du zur Bühne wolltest. Er wollte dich ganz für sich haben, weil er dich über alles geliebt hat, Magussi! Er hat sehr unter der Trennung von dir gelitten! Förmlich menschenscheu ist er geworden; seinen Verkehr beschränkt er auf das äußerste."
„Glaubst du, Mama, ich habe nicht gelitten?" sagte Magussi leise, „du weißt, wie ich anfangs zu ihm stand! Aber als ich ihm bann meine Liebe schenkte, von feiner Güte und Vornehmheit und Liebe bezwungen, war es für immer!"
„Kind, das ist mir neu! Ich dachte, du feiest leicht von ihm gegangen, da ich doch wußte, wie sehr du dich gegen diese von Papa befohlene Heirat gesträubt! Und darum war ich darauf gefaßt, eines Tages von deiner Vermählung mit dem Kapellmeister Halling zu lesen — verzeih mir — aber es lag doch so nahe."
„Nein, Mama, das ist ausgeschlossen! Nur künstlerische Interessen verbinden mich mit Halling! Nie werde ich wieder heiraten! Dazu habe ich Eduard zu lieb gehabt! Die Erinnerung an ihn ist wie eine schmerzende Wunde, die nicht die geringste Berührung verträgt!"
Frau Bunte streichelte zärtlich die Hände der Tochter.
Und hast dennoch von ihm gehen können?"
„Ich bin ja nicht von ihm gegangen, Mama! Er war es, der die Trennung gewünscht! Doch wir wollen nicht mehr davon sprechen — es ist vorbei! Ich habe mich damit abgefunden! Und meine Kunst gibt mir Glück und Befriedigung genug! Zurückblicken bringt nur Hemmungen! Es geht Eduard doch gut? Ich wünsche ihm das Allerbeste! Wenn ein Mensch es verdient, ist er es!"
„Kind, dann wird es dir sicher weh tun, wenn ich dir etwas sage." Frau Buntes Stimme klang sehr bekümmert.
Erschreckt sah Magussi die Mutter an. „Ist Eduard krank?"
„Nein, Kind, aber —"
„Was, Mutter? So sprich doch! Du willst mir etwas verschweigen — quäle mich nicht, Mama."
Frau Bunte seufzte. „Du würdest es ja doch durch irgendeinen Zufall erfahren! Ach, daß ich dir gleich in der ersten Stunde unseres Wiedersehens Schmerz zufügen muß! Eduard ist verlobt!"
„Verlobt?" stammelte Magussi mit blassen Lippen; daran hatte sie wahrhaftig nicht gedacht!
„Es ist eine reine Verstandesoerbindung, Kind, und nur auf Papas Betreiben zurückzuführen! Wie ich dir schon sagte: Dein Verlust hat Eduard zu einem beinahe menschenscheuen, tiefsinnigen Mann gemacht. Um ihn aus diesem gefährlichen Gemütszustand zu reißen, der Papa zu ängstigen anfing, weil es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiter ging, faßte Papa den Plan, Eduard zu verheiraten. Er ist ihm Sohn, die Fabrik bekommt er auch, weil Papa der Ueberzeugung ist, daß er sie in seinem Sinne weiterführen wird; du weißt ja, wie Papa an feinem Lebenswerk hängt."
„Und wer ist die Erwählte, Mama?" fragte sie leise.
„Thea von Schiele!"
„Ach, Thea — ich erinnere mich ihrer sehr gut! Die ist es! Sie war doch verheiratet mit einem Hauptmann in Hannover! In Silos Alter muß sie sein, Anfang dreißig! Sehr hübsch und lebhaft, aber kühl und berechnend — ist sie Witwe? Oder geschieden?"
„Seit drei Jahren ist sie Witwe; ihr Mann starb plötzlich an Grippe! Seit dieser Zeit lebt sie wieder bei ihren Eltern! Ein Kind hatte sie auch. Der Knabe wurde ihr durch eine heftige Scharlacherkrankung genommen! Papa meint nun, sie ist eine leidgeprüfte Frau, ernst und vernünftig, die gut zu Eduard passen würde."
„Dann muß sie sich gegen früher geändert haben, — überaus sympathisch war sie mir nicht, — mehr Gefühlsfache, Mama, bei aller Liebenswürdigkeit doch sehr selbstsüchtig! Daß Papa sie nicht erkannt hat! Für Eduard paßt sie nicht, das ist meine Ansicht"
„Ich kann dir nicht ganz Unrecht geben! Man hat es ziemlich klug angefangen! Du weißt, welch leidenschaftlicher Jäger Papa ist. Auch Eduard ist der Jagd sehr ergeben! Im vorigen Jayre haben Theas Eltern die Herren viel eingeladen! So hat es sich wohl gefügt! Auf Vermögen braucht Eduard ja nicht zu sehen; denn Schieles Verhältnisse sind nicht glänzend; der Haushalt kostet sehr viel! Papa mag Thea, die verstanden hat, sich bei ihm einzuschmeicheln, sehr gern leiden! Immer hat er auf Eduard eingeredet, hat ihm gesagt, er solle wieder hei
raten, damit Kinder um ihn spielen und ihn au» fruchtlosen Grübeleien reißen, für wen man denn arbeite! Und schließlich hat Eduard das Vernünsi tige von Papas Vorschlag eingesehen und sich Ostern mit Thea verlobt. Ende November sott die Hochzeit sein."
Magussi saß da, die Hände um die Knie geschlungen, und schmerzlich vor sich hinsehend. Ja, der Vater hatte recht, es war das Vernünftigste, aber weh tat es doch! Aller Glanz war erloschen — wie mit einem dichten, grauen Schleier oer» hängt die Maienpracht draußen! Bisher hatte sie immer noch an Eduard denken können, ohne daß es ein Unrecht war!
Und dieses Gedenken an ihn war ihr wie ein heimlicher, köstlicher Besitz, den niemand ihr neh- men konnte! Die Sehnsucht nach ihm hatte sie oft übermächtig gepackt. Und wenn auch das Ge- richt sie getrennt — im Herzen gehörte er ihr doch — und sie wußte, daß er ebenso dachte. Ihre Seelen suchten sich sehnsüchtig — und nun, und dennoch? Wie sie niemals daran gedacht, je wieder einem Mann anzugehören, und sie hatte glänzende Anträge gehabt, so hatte sie gemeint, er würde nach ihr keine andere um sich haben mögen!
Vielleicht war es doch gut so! Einmal mußte endgültig ein Strich unter die Vergangenheit gemacht werden! Sie hatte ihre Kunst, die sie ganz erfüllte, die ihr Freude und Befriedigung gab, hatte ein buntes Leben voller Abwechslung, — und Eduard? Das seine war voller Pflicht und Verantwortung, dabei einsam und ohne Freude! Da war es wohl zu begreifen, wenn er den Versuch machte, sich ein neues Glück aufzubauen. Sollte er bis zu feinem Lebensende ein unfroher, einsamer Mann ohne Familienglück bleiben? Ihre Vernunft sagte ihr das alles — doch ihr Herz schrie dagegen — nein, nein!
„Möge ihm die neue Ehe das bringen, was er sucht! Von ganzem Herzen wünsche ich es ihm!" sagte sie leise. —
„Ach, Kind!" Frau Bunte seufzte, „ich sehe kaum etwas Gutes! Für ihn ist es ja doch nur wie der Entschluß zu einer schweren Operation, von der man kaum noch Heilung erhofft! Er sagte ja selbst zu mir, ob es Thea von Schiele ist oder eine andere, ihm ist es gleich! Vielleicht hat er nur Papas Drängen nachgegeben, der durchaus nicht sein Lebenswerk in fremden Händen wissen will."
„Papa hat recht! Und Eduard verdient ein Glück! Ob aber gerade Thea es ihm geben fann"’ Hoffentlich hat sie in ihrer ersten Ehe doch allerlei gelernt!"
Es war der Kommerzienrätin angenehm, daß das Mädchen jetzt den Baron Langen meldete; so mußte der Gesprächsgegenstand verlassen werden, der Magussi nur Schmerz bereitete!
(Fortsetzung folgt.)
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