Die ruUch-franzöffche Liebe
-bon Otto (Lorbach
Wenn Edouard Herriot auch unterwegs mehrfach betont hat, daß er nur als „schlichter Tourist ganz privatim" Rußland besuchen wolle, so kann es doch nach der Aufnahme, die man ihm in Odessa, Charkow und nunmehr in Moskau bereitete, keinem Zweifel mehr unterliegen, daß er im Geheimen Träger eines bestimmten Auftrages der Pariser Regierung ist. Karl 'Radek hat das in der „Jswestija", wo er Herriot den „warmen Gruß der Sowjeloffentlichkeit" entbot, unverblümt zum Ausdruck gebracht, indem er betonte, in den Verhandlungen, die der fremde „Tourist" mit den Staatsmännern der Sowjetunion zu führen Gelegenheit haben werde, sollten Wege gefunden werden, um „zu der Lösung von Fragen zu gelangen, vor denen beide Länder stehen". Daß es sich dabei nicht zuletzt um militärische Dinge handelt, deutet die gleichzeitige Anwesenheit des französischen Luft- fahrlmini'sters Pierre C o t an, und auch Radek läßt in seinem Artikel aus der obligaten pazifistischen Samtpfote der Sowjetdiplomatie, angespornt ourch den Ausblick auf eine Renaissance der historischen russisch-französischen Waffenbrüderschaft, allmähliche die kriegerische Kralle hervorblinken. Niemals, meint er, sei die Gefahr eines Krieges so groß gewesen, wie jetzt, jedoch sei „die große Schmieoe der sozialistischen Arbeit" gleichzeitig das Land, das zur Verteidigung des Friedens, „wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand" am besten gerüstet wäre. Man ist also offenbar auch in Moskau des trocknen Tons des Kellogg-Pakts, der den Krieg als Mittel verwirft, satt.
Die bolschewistischen Machthaber können sich rühmen, den Stimmungsumschwung, der sich in den maßgebenden französischen Kreisen gegenüber dem neuen Rußland offenbar vollzogen hat, schon immer vorausgesehen und bei all ihren außenpolitischen Schachzügen mit in Rechnung gestellt zu haben. Wenn die Annullierung der Warenschulden auch nirgends mehr Verstimmung erregen mußte, als in Frankreich, und wenn auch nirgends mehr Verstimmung für die Vorbereitung des Sturzes des Sowjetregimes gelten konnte, so beharrten die Sowjetdiplomaten doch standhaft bei ihrer Auffassung, daß Frankreich früher oder später seine alte Liebe auch auf das rote Rußland übertragen werde. Radek schrieb schon im Oktober 1921: „Sowjetrußland muß bei seiner Betrachtung der Weltlage mit der Tatsache rechnen, daß in Frankreich eine Richtung bemerkbar wird, die der Ansicht' ist, daß ein Krieg gegen Sowjetrußland Frankreichs Kräfte übersteigt und daß die Isolierung Frankreichs von Rußland ausschließlich im Interesse des englischen Strebens nach dem europäischen Monopol liegt." Dabei konnte sich Radek auf P o i n c a r e berufen, der in der „Revue des deux Mondes" die Frage aufgeworfen hatte: „Soll Frankreich beiseite stehen, wenn die teuren Bundesgenossen jenseits des Kanals Rußland Waren für das Gold der russischen Staatskasse verkaufen, für das Gold, das die Deckung der französischen Schuld bildete?"
Gewiß verharrte Frankreich länger im Schmollwinkel, als man in Moskau erwartete. Krassin wähnte seinerzeit, Frankreich werde die Sowjets noch eher offiziell anerkennen, als England: „Die englische Politik geht immer die Wege der Kompromisse ... Frankreich dagegen hält zwar vorläufig an der unversöhnlichen Politik fest: wird aber das Eis gebrochen sein, so ist von ihm die Anerkennung der Sowjetmacht eher zu erwarten." In Wirklichkeit kam man ja mit England eher ins Reine, wenn auch unversöhnliche Gegensätze immer wieder die formale Verständigung problematisch gestalteten und eine Zeit lang zum Abbruch der Beziehungen und noch neuerdings wieder zum Handelskrieg führten. Die Sowjetdiplomatie blieb jedenfalls stets wachsam, um keine Gelegenheit zur Anbahnung eines besseren Verhältnisses zu Frankreich zu versäumen. Man erinnere sich nur, daß Tschitscherin nach dem Abschluß detz Rapallo-Vertrages mit Deutschland zu erklären sich beeilte: „Sowjetrußland ist bereit, mit jeder andern Macht einen ebensolchen Vertrag zu schließen, zum Beispiel mit F r a n k re i ch." Dennoch blieben die immer wie
der aufgenommenen Bemühungen, normale Beziehungen zwischen Moskau und Paris herzustellen, noch jahrelang fruchtlos.
Wenn sich nun auch die Sehnsucht der Sowjet- Machthaber nach französischer Anerkennung und Förderung in noch größerem Umfange zu erfüllen scheint, als sie ursprünglich hofften, so hätten doch weder sie noch die Franzosen sich träumen lassen, daß sich die Wiederannäherung unter dem Zwange für beide Teile ungünstiger Veränderungen der allgemeinen weltpolitischen Verhältnisse vollziehen würde. Man braucht einander, aber man würde lachend aufeinander verzichten, wenn man nur unerquickliche Wandlungen ungeschehen machen könnte, die siä) teils in Europa, teils im Fernen Osten in den letzten Jahren vollzogen haben.
Noch im Frühjahr, beim Besuch Herriots im Weißen Hause, der unter dem unmittelbaren Eindrücke des Umschwunges in Deutschland erfolgte, schwelgte die französische Presse in den ausschweifendsten Phantasien über eine endgültige Wendung in dem Verhalten der angelsächsischen Mäd)te zu dem unersättlichen Sicherheitsbedürsnis Frankreichs. Roosevelt hatte sich gegen gewisse Zusicherungen über Frankreichs Verhalten im Falle eines amerikanisch-japanischen Krieges geneigt gefunden, durch Beteiligung an einem „Konsultativpakt" Verantwortlichkeiten für kontinentaleuropäische Entwicklungen zu übernehmen, die man in Washington bis dahin immer schroff abgelehnt hatte. Gleichzeitig glaubte man in Paris eine solche Besserung in den Beziehungen zu London wahrnehmen zu können, daß der „Petit Parisien" von einer „zunehmenden Gleichschaltung der Außenpolitik beider Länder" zu sprechen wagte. Der Zusammenbruch der Londoner Weltwirtschaftskonferenz, die sozialreoolutionären Vorgänge, die die Lösung des Dollars von der Goldparität im innerpolitischen Leben der Union zur Folge hatten, und vor allem die wachsende Bedrohlichkeit des japanischen Imperialismus für die fernöstlichen Machtstellungen beider angelsächsischen Mächte wirkten indes zusammen, um einerseits Roosevelt zu einer entschlossenen Abkehr von Europa zu zwingen und andererseits England wieder völlig von überseeischen Verantwortlichkeiten in Anspruch nehmen zu lassen. Zugleich sorgte Japan durch die Aufrollung der Frage, ob Frankreich berechtigt gewesen sei, auf einigen wertlosen Koralleninseln in südchinesischen Gewässern seine Flagge aufzuziehen, dafür, seine wankelmütigen Pariser Freunde daran zu erinnern, daß ihr inoo-
chinesischer Besitz sie nach wie vor zu gewissen Sekundantendiensten im Ringen Japans um seine „ostasiatische Monroedoktrin" verpflichtet.
Drohen nun die Vorgänge am und im Stillen Ozean so die Aufmerksamkeit der angelsächsischen Mächte immer stärker von kontinentaleuropäischen Dingen abzulenken, so zwingen sie auch <5 o ro j e t« rußland, der Sicherung seiner fernöstlichen Machtstellungen seine Hauptsorge zuzuwenden. Diese Inanspruchnahme Sowjetrußlands durch den japanischen Machtzuwachs könnte an und für fick) dem französischen Machtsystem in Europa zugutekommen, wenn dieses nicht zu einer fast völligen Austrocknung der Quellen des Volkswohlstandes in allen vom französischen Finanzkapital abhängigen Staatswesen geführt haben würde. Der französische Imperialismus kann nur zehren, nicht nähren; er verwandelt mit wachsender Gier wirtschaftliche Werte teils in militärische Sicherungen, teils in Gold, das nach Frankreich wandert und in den Gewölben seiner zentralen Notenbank verschwindet, um dort zu völliger Sterilität verurteilt zu sein.
Um so größer ist die Furcht der maßgebenden Kreise in Frankreich, daß sich das national- s o z i a l i st i s ch e ©oft em in Deutschland in ähnlicher Weise wirtschaftlich fruchtbar erweisen könnte, als das faschistische in Italien, was auch ohne politischen „Anschluß" nicht nur in Oesterreich französische imperialistische Einflüsse unterminieren müßte. Diese Furcht ist der eigentliche Beweggrund, der die französische Diplomatie a u f den Weg nach Moskau drängt. Der französische Imperialismus und der russische Bolschewismus fühlen sich zu einander hingezogen, weil sie in gleichem Maße eine fortschrittliche gedeihliche Entwicklung in „Zwischeneuropa", vor allem aber ein erstarkendes Deutschland, zu fürchten haben. Wohl ist dabei weder den Franzosen noch den Sowjetrussen zumute. „Russische Liebe", heißt es irgendwo bei Tschechow, „ist immw eine unglückliche Lieb e". Noch keine politische Ordnung hat bisher das Chaotische im russischen Wesen zu bändigen vermocht, und auch der Bolschewismus kann noch bei diesem Experiment scheitern. Französische Kredite könnten das auch nicht mehr verhüten, wenn der japanische Störungsfaktor übermäßige Anforderungen an das bolschewistische Machtfystem stellte, aber sie könnten, indem sie die Sowjetdiplomatie für die französische „Sicherheitspolitik" vorläufig einspannten, die Galgenfrist des Versailler Diktats verlängern.
Die kommMsche Gefahr in Shiua.
Don Harald Kemper.
China ist eine Halbkolonie der stärksten ausländischen Mächte, der Mittelpunkt des Pazifik- Problems und das Land, welches in der revolutionären Bewegung der gesamten Kolonialwelt dem ersten Platz einnimmt. Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt ist im höchsten Maße auf die Ereignisse in China gerichtet. Japan besetzt immer größere Teile chinesischen Gebietes, England verstärkt seine Stellung im Süden und in Shanghai und fordert die Respektierung seiner Interessen. Amerika versucht einen Keil zwischen Japan und England zu treiben und besteht auf den alten Verträgen, Oie es allerdings nur durch „passive Resistenz" verteidigt. Jedenfalls bleibt China in diesem Jnteressenstreit immer das leidende Objekt — so lange es nicht selbst eine Wendung herbeiführen kann.
Die Besinnung auf die eigeneKraft, welche sicherlich in diesem alten, riesenhaften Volke steckt, geht nur langsam vor sich. Die Verteidigung von Shanghai, an der außer der ruhmreichen 19. Armee auch weitgehend die Bevölkerung teilnahm, war ein warnendes Zeichen für Japan und die ganze Welt. Lind doch ist es scheinbar verwunderlich, warum China sich nicht in größerem Maßstabe wehrt, warum es nicht alle Kräfte mobilisiert. Den Grund finden wir in der zerrissenen innenpolitischen Lage, in der sich das ganze Land befindet. Die kommunistische Bewegung spielt hierbei
die wichtigste Rolle, denn ohne Zweifel stellt sie jede Regierung vor das dringlichste innere Problem. Der Kommunismus in China hat zwei Erscheinungsformen, eine ländliche und eine städtische, zwischen denen natürlich Verbindungen bestehen. Dennoch sind sie voneinander grundverschieden.
Wann die kommunistische Bewegung sich zu einer Partei organisierte, ist kaum festzustellen. Seit 1911 gab es viele radikale Vereinigungen und Geheimbünde in China, die hauptsächlich von Studenten» und Jntellektuellenkreisen gebildet wurden. Das erste Organ der kommunistischen Bewegung war wahrscheinlich die Zeitung „Weekly Review" des Professors Chentuhhsiu, die von 1919 an die radikale Studentenbewegung leitete. Im September 1920 wurde in der französischen Konzession in Shanghai eine Zusammenkunft revolutionärer Elemente ausgehoben, an der sich auch ein Abgeordneter der dritten Internationale beteiligt haben soll. Dies war wahrscheinlich der Zeitpunkt der Gründung der Kommunistischen Partei unter dem Vorsitz von Chentuhhsiu.
An dem „Kongreß aller unterdrückten Völker des Ostens" 1930 in Irkutsk nahmen dann schon 30 chinesische Delegierte als Vertreter der chinesischen kommunistischen Partei teil. Die Partei Sunhatsens. de Kuomintang, machte in der folgenden Periode bis zum Ja-
Bor zweihundert Jahren.
Dom „Robinson" zum „Werther".
Von Peter Warmund.
Vor zweihundert Jahren erschien in Deutschland der vielbändige Roman eines bis dahin unbekannten Schriftstellers: Johann Gottfried Schnabel hatte seine „Wunderliche Fata einiger Seefahrer, vornehmlich Alberti Julii, eines geborenen Sachfen, und seiner auf der Insel Felsenburg zustande gebrachten Kolonien" geschrieben. Dieser schwerfällige, dickleibige Roman, ein Walzer, der zu seinem Erscheinen mehrere Jahre brauchte, machte seinen Verfasser gleichwohl bekannt, obwohl er offensichtlick) einer literarischen Konjunktur nachging, was auch damals schon üblich war. Er war eine Nachahmung des „Robinson Crusoe", von Daniel Desoe, und solche Nachdichtungen gab es damals schon eine beträchtliche Zahl. Aber es tauchen plötzlich immer wieder jene Bücher auf, deren „Erfolg" verstandesmäßig kaum zu erklären ist; wie ein Blitz schlagen sie in die Zeit und öffnen den Zeitgenossen die Augen. Man wird plötzlich sehend. Das neue Buch hat die geheimen Wünsche und Nöte ausgesprochen.
Noch schlief das beginnende achtzehnte Jahrhundert einen festen Schlaf und ahnte nicht, was ihm bevorstand. Noch weitere hundert Jahre, und in Frankreich ist die Revolution ausgebrochen und niedergeschlagen, ist Napoleon der Kaiser Europas gewesen und verbannt worden, träumt Deutschland weiter seinen Traum vom Biedermeier, während schon die ersten Eisenbahnen durch die Idylle pfeifen: ein Jahrhundert ungeheuerlicher Umwälzungen, das die Keime zu neuen gefährlichen und segensreichen Spannungen und Entwicklungen in sich trägt. Von alledem ahnte die Welt noch nichts, aber eine Unruhe gärte in den Ländern und schickte ihre Sendboten voraus. Ueberall erscheinen unter seltsamen Vorspiegelungen die Apostel einer neuen Zeit: die Rosenkreuzer, die Jlluminaten, Gestalten, wie der Gras von Saint Germain und Cagliostro treten auf; während auf der einen Seite Wissenschaft und Weltanschau- ungslchre blühen und aufleuchten, wuchern in threm Schatten der Aberglaube, das Sekten- wcsen und die Alchimisten, die geradenwegs aus den mittelalterlichen Hexenküchen entsprungen scheinen: alles Zeichen einer gären
den Unrast, die sich auf ihre Weise die Ventile schafft.
In einer so stark gespannten geistigen Lage erschien im Jahre 1719 der berühmte „Robinson Crusoe", der sich in wenigen Jahren über die ganze Welt — das ist ganz wörtlich zu nehmen — verbreitete. Man verstehe aber, wie ein solcher Bucherfolg zustande kommen konnte. Es ging dem Publikum damals weniger um die abenteuerliche Handlung, den Schiffbruch, den Kampf gegen die Wilden; man fühlte vielmehr, daß in diesem Buche etwas ganz Neues geschah, und dieses Neue war das lang Ersehnte, das sich in allen Zeichen der Zeit verworren kundgab: ein Mensch namens Robinson unternahm es, auf einer einsamen Insel, ganz auf sich gestellt, in unmittelbarer Berührung mit der Natur, ein neues, naturge- wordenes Dasein auf dem Grunde eines einsamen Eilandes neu auszubauen. Als Schnabel seine „Insel Felsenburg" schrieb, ging er noch einen Schritt weiter: er versammelte eine ganze Schar von Seefahrern auf einer utopischen Insel und ließ sie hier einen ebenso utopischen Staat gründen, der zu allen vorhandenen und zu allen Gesellschaftsordnungen in geradem Gegensatz stand. Auf der Insel Felsenburg wuchs der neue Staat als ein Wunschbild aus dem Nichts hervor, er ergab sich als die natürliche Ordnung der Natur von selbst, er wurde. Wieder einmal hatte einer ein Traumbild dargestellt, es war wieder einmal ein „Neues Reich" aufgebaut worden, das immer die Sehnsucht der Zeit zu spiegeln pflegt.
In diesen Büchern fanden nun die damaligen Menschen die Sehnsucht ausgedrückt, die die ihre war. Mit diesem Bewußtsein ging die Epoche des Rokoko, des unnatürlich geschnürten, verschnörkelten und verniedlichten Stils auf allen Gebieten langsam zu Ende. Um die Mitte dieses Jahrhunderts beginnt Rousseau seine Anklagen gegen die Gesellschaft, in flammenden Worten legt er dar, daß die vorhandene Zivilisation den Menschen unglücklich mache, daß die bestehenden sozialen Verhältnisse unerträglich seien, daß man aus ihnen zum Urzustand der Natur zurückfinden müsse, daß sich aus dem Begriff des Eigentums die Ungleichheit der Menschen entwickelt habe. Seine Lehren gingen über Europa, er war — nach Desoe und Schnabel — wieder einer der Apostel, die die Sehnsucht der Zeit aussprachen. Er wirkte auf Pestalozzi, der seine Lehre auf die Praxis anzuwendeu
suchte, er wirkte auf Goethe, er hat mit feinem Evangelium die ganze Epoche in Bewegung gesetzt. Aber wie wurden feine Theorien in Frankreich zur Wirklichkeit? Der Konvent der französischen Revolution, dem Schreckensmänner wie Robespierre und Marat vorstanden, hat es gezeigt.
Aber von diesem unseligen Ende ahnte das Jahrundert damals noch nichts. Der berühmte und berüchtigte Ruf nach der „Rückkehr zur Natur" war erklungen — wie immer, wenn sich die Menschen möglichst weit von ihr entfernt haben — und er wirkte weiter.
Wieder einmal begann sich ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur anzufpinnen, es war, als lernten die Menschen die Landschaft von neuem sehen und empfinden. Die Niedlichkeiten und Spielereien der Rokokoparks mit den gestutzten Hecken, mit den Tieren, die aus Baumen geschnitten wurden, erschienen jetzt armselig und unnatürlich. Die Natur mußte jetzt wild und ungeheuer, sie mußte bodenständig und eben „natürlich" sein; man wollte glauben, daß sie schon feit Jahrhunderten in diesen Zustand hineingewachsen sei. Wo das nicht so schien, half man nach. Man bekam eine Vorliebe für Grotten in Gärten und künstlichen Ruinen auf den Hügeln, und da sie nicht immer so vorhanden waren, wurden sie eben hingebaut. Diese Naturseligkeit, das überhitzte, schnell emporgetriebene Gewächs einer sentimentalen Ge- rührteit, trieb wunderliche Blüten. Man begehrte einen augenblicklichen Bruch mit aller Vergangenheit und einen sofortigen Rückschritt zur Natur, und darüber verfiel man wieder in eine hysterische Unnatürlichkeit. Je unnatürlicher sich der Mensch von damals die Natur in Kleidung, Leben, Wohnung und Dasein machte, um so herrlicher und naturverwachsenerfühlte er sich. In den alten Parks findet man auch heute noch überall die Spuren dieser Zeit, die verschwiegenen Grotten und Tempelruinen, die künstlichen Wasserfälle und Teiche... Aber man vergleiche damit die geschichtlich gewordenen Zeugen der Landschaft, die alten Städte, die wirklichen Ruinen, Schlösser und Burgen, um zu begreifen, wohin die Natursehnsucht des Menschen gekommen war. Was sich in dieser Umgebung zutrug, war eine einzige Unnatur. Die Publikumsliteratur jener Tage erzählt davon: kein herzlicher natürlicher Ton findet sich da. Die Leidenschaft ist ein fades Schmachten geworden, und die Liebe besteht in Säuseln und Lispeln.
nuar 1924 eine Zeit des Tlebergangs von der bürgerlichen Klasse zu den Arbeitern und Dauern, als tragender Faktor für die nationale Revolution, durch. Sunyatsen traf sich mit dem Gesandten Sowjetrußlands, Joffe; obgleich ev den Kommunismus nicht annahm, konnte die Kommunistische Partei Chinas in den nationalrevolutionären Kämpfen mitwirken. Rach dem Tode Sunhatsens wurde dieser Einfluß beschränkt und am 20. März 1926 führte Chiangkai- schek einen militärischen Handstreich durch, der viele chinesische und russische Kommunisten vertrieb. Seitdem besteht die Partei offiziell nicht mehr.
Der ländliche Kommunismus hat bisher das größere Gewicht in China gewonnen. In Bauernaufständen sozialen Charakters in den Provinz Kiangse, Fukien, Hunan, Hupeh und Honan, die sich gegen die Unterdrückung durch das feudal-bürgerliche Gesellschaftssystem richteten, gewannen die Kommunisten die Führung. Don der „roten Armee" hort man zum erstenmal im Juli 1927. Ein Bauernaufstand in Ranchang in Kiangsi unter Führung zweier Kommunisten, Holung und Vehting, und mit Unterstützung entlaufener Soldaten, wurde zwar niedergeschlagen, aber Führer und Soldaten entkamen.
Die verschlagenen Soldaten verbündeten sich mit den Dauern, die sie in ihren Kämpfen unterstützten und bildeten Soldaten- und Dauernsowjets. Infolge der Landarmut waren die Soldaten gezwungen, ihre Standorte oft zu wechseln und auf diese Weise wurde die Einrichtung von Sowjets und der Bauern» kommunismus verbreitet. Er bedurfte keiner be- sonderen kommunistischen Doktrin, sondern entstand aus einer tiefen Existenznot heraus. Wo diese Bewegung auf dem Lande sich ausbreitete, wurden zunächst die großen Landbesitzer und Pachtherren enteignet, die Grenz» steine ausgerissen und das Land in neue Parzellen zur Einzelwirtschaft aufgeteilt.
Das Gebiet, das heute von den Sowjets beherrscht wird, also einen besonderen selbständigen Teil in China bildet, umfaßt eine Bevölkerung von über 80 Millionen Menschen. Es besteht aus zwei großen Sowjets-Rayons: einmal aus dem zentralen Sowjet-Rayon, der sich aus dem südlichen Teil der Provinz Fukien, dem nördlichen Teil der Provinz Kwangtung und dem Grenz- Rayon Hunan-Hupei-Kiangsi zusammenseht; zweitens dem westlichen Honan-Hupei-Rahon, der jetzt mit den Sowjetgebieten von Rganhui vereinigt worden ist. Außerdem bestehen noch weitere acht kleine Sowjetgebiete. Am 7. Rovember 1931 fand der erste chinesische Sowjetkongreh statt, an dem 610 Delegierte aus den verschiedenen Distrikten teilgenommen haben sollen. Es wurde eine provisorische Regierung gebildet, die den Ramen „Zentrale Sowjetregierung der chinesischen Sowjet-Volksrepublik" erhielt.
Selbstverständlich hat sich die Nanking- Regierung des öfteren in Feldzügew bemüht, diese Sowjetgebiete wieder unterzuordnen. Dieses Bemühen ist aber bisher ohne nennenswerten Erfolg verlaufen, und der augenblicklich durchgeführte fünfte antikom- muniftifche Feldzug, zu dem Chiangkaishek feine besten Truppen mobilisiert hat, zeigt io gut rote feine Fortschritte. Worin bestellt die Ueberlegenhett der Roten Armee?
Aus den Tausenden landloser Bauern, ent-, laufener Soldaten und einigen Jutellekrucl- len ist eine Note Armee entstanden, wie einstmals in Rußland aus den „Roten Garden" die heutige Sowjetarmee hervorging. Die rote Armee ist auf 26 Korps angewachsen. Außerdem verfügen die Sowjets über 15 selbständige Divisionen, die in Garnisonen kaserniert find, sowie über militärische Massenorganisationen, wie „Rote Garde", „Junge Garde" und Freischärlerabteilungen. Sogar eine gut- bewaffnete Abteilung der GPU. besteht. Die zentrale Militärschule im Zentral - Sowjetrayon hat allein im Laufe des Jahres 1931 tausend rote Kommandeure ausgebildet.
Die Ansichten militärischer Beobachter lauten dahin, daß in erster Linie bas Offizierkorps der Roten Armee dem der Regierungsarmee überlegen ist. Die
Diese Sentimentalität, also übersteigert, mußte sich einmal überschlagen und zerrinnen. Das geschah mit Goethes „W e r t h e r". Hier war noch einmal vorhanden, was die Welt brauchte: die Natur und ein großes ursprüngliches Gefühl. Napoleon, gewiß kein sentimentaler Mensch, führte das Buch immer bet sich. Aber dieser „Werther" war, wie sich erwies, für den Dichter ebenso notwendig wie für seine Zeit. Als Werther zu Grabe getragen wird, geht mit ihm eine ganze Epoche dahin. Als Goethe seinen Helden durch den Pistolenschuß erledigte, hatte er für sich die sentimentale Periode überwunden und konnte weiter gehen. Die Zeitgenossen aber wurden mit dem Werther-Fieber nicht so schnell fertig. Noch einmal kam die Werther-Krankheit über Europa, man mußte sich kleiden, lieben und enden wie Werther. Goethe selbst hat freilich die Tendenz seines Buches später anders gesehen. Er läßt den Helden aus dem Grabe den Lebenden zurufen: „Sei ein Mann und folge mir nicht nach!"
Zeitschriften.
— Die Monatsschrift „Die Kunst" (Verlag F. Bruckmann, München) bringt in ihrem September- Heft Bilder von der ersten Staatlichen Kunstausstellung München 1933. „Worte reden, schreiben, brücken sinb nicht Umgangsformen ber Welt ber Kunst, fonbern bas, was von Seele zu Seele springt, was man nicht in Worte fassen kann, bas ist bas Gebiet ber wahren Kunst/ So sprach ber bayerische Kultusminister Schemm kn ber Eröffnungsrebe. Die Kunst ist ber Ausdruck ber Gesund- heit eines Volkes. Ein neuer, frischer unb gesunder Geist weht uns aus den Silbern entgegen, die wir in dieser Ausstellung vereint sehen. Ein weiterer Schritt auf dem Wege, den sich die Regierung als künstlerische Aufgabe gestellt hat: „Eine glückliche deutsche Kunst für glückliche deutsche Menschen", wird getan werden mit der Grundsteinlegung zum „Hause der Deutschen Kunst". Durch diesen Bau soll der deutschen Kunst wieder ein Heim geschaffen werden, das ihr in geeigneter Form seit langem sehlt. Neben diesen Aufschlüssen über die künstlerischen Pläne der Regierung bietet das reichhaltige Heft gut gelungene Reproduktionen von Neuerwerbungen der Nationalgalerie in Berlin und aus ber Ausstellung der Berliner Sezession, von modernen Metallarbeiten, Plastiken, ferner Ratschläge über die Kunst der Gartengestaltung und über rationelle Wohnungseinrichtungen nebst einen Aufsatz über „Malerei unb Architektur",
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Der Bericht geht dann lichen und finanziellen menbrud) des I die llvjusriedenheil bei orten ein und sagt, da für die Jlalionalfojiali bereits stark nalionalfoji gelte von den Irupp' Regierung Truppen ron Tiro werfen mußte, u abzulvsea Die Keuang derweise mh eifi empfangen rooröer In Oesterreich stallfinde flonaHojialiflen die ftä. destenz 5 0 o. h. bei
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