Nachdruck verboten!
12. Fortsetzung.
nur mit einem
aufleuchtende Lächeln —,
schüttelt.
15. Kapitel.
„Keine Schmerzen mehr, Frau Jenny?"
„Das dürfen Sie mich nie fragen, mein Freund!" erwiderte sie ernsthaft. „Böse Geister beschwört man nicht!"
„Sie leiden ..Bestürzt sah er, wie die kleine Leidensfalte um Nase und Mundwinkel sich jäh vertiefte, da sich das Flugzeug nun mit einem surrenden Ruck in Bewegung setzte.
Die blasse Frau nickte und schloß sekundenlang die Augen. Aber als er ein Wort der herzlichen Teilnahme sagen wollte, winkte sie mit einer ungeduldigen chandbewegung ab.
Stumm saßen sie nebeneinander, während der Apparat über das Flugfeld glitt und sich dann wie eine vom Wind getriebene Feder in die Luft erhob. Leicht schwebte es nun hoch über der Erde dahin, die allmählich zu seltsamer Kleinheit schrumpfte. Schon lag das Häusergewirr der Vorstädte hinter ihnen; Dächer waren jetzt rote und graue Flecke im Grün, Gärten bunte Farbenkleckse, in denen Spielzeugwinzigkeiten emsig herumkrabbelten. Und wie wichtig dünkt sich ein jeder von uns da unten!, dachte Steinherr, herabschauend. Er saß dem Fenster zunächst. Wir gewinnen wenig, von oben betrachtet.
Ihr Blick glitt unter den schweren Lidern flüchtig betrachtend über die anderen Passagiere. Außer ihr befand sich nur noch eine Dame an Bord; die übrigen fünf Plätze waren von Herren besetzt, die mit mehr oder weniger diskretem Interesse nach der schlanken, blonden Frau im kostbaren Pelz herüberäugten. Nur zur Linken, auf der anderen Seite der Kabine, gebrauchte ein junger Herr eifrig das Fernglas und kritzelte dazwischen kurze Notizen in ein kleines Heft mit schwarzem Wachstuchdeckel. Ein Heft, das Magnus Steinherr stark interessiert, hätte er seinen
allein."
Und wieder spürte Magnus Steinherr jene warm aufquellende Freude an der Nähe dieser Frau, die er damals zu meiden sich oorgenommen. Seine Abneigung war einfach Vorurteil gegen ihren Typ gewesen. Anders war sie, als sie schien. Ein so tiefes Verständnis für seine Gedanken hatte er noch nie bei einem weiblichen Wesen gefunden. Wieviel Verstand und klare, scharfe Auffassungsgabe bewies sie, wenn er von Dingen sprach, die innerhalb seiner Berufsinteressen lagen! In solchen Augenblicken des gespannten Zuhörens war sie beinah schön. — Li hatte absolut nicht an die Zufälligkeit dieser gemeinsamen Reise glauben wollen. Und doch hatte er die Wahrheit gesagt.
Als Steinherr kurz zuvor bei der Maloreen war, um sich vor einer mehrwöchigen Abwesenheit von ihr zu verabschieden, hatte sie bemerkt, daß sie ebenfalls dieser Tage nach England zu fliegen gedenke, um mit ihrem dortigen Bankier wegen einer notwendig gewordenen neuen Kapitalanlage zu konferieren. Eigentlich könnte man doch da zusammen reifen. — Der Vorschlag fand williges Echo bei ihm. Sie verabredeten den Tag. Dann rief Jenny an, sie fühle
Inhalt geahnt.
„Alles Fremde. Wie angenehm; man braucht nicht höflich zu sein. Wissen Sie —" wieder das kurze, aufleuchtende Lächeln —, „nur mit einem guten Freund läßt sich gut reifen, sonst tausendmal lieber
„Also es geht besser — das ist ja famos!" Steinherr ging schneller auf Jenny Maloreen zu, die aus ihrem Wagen stieg, und zog den weichen Filz, unverkennbare Freude im braunen Gesicht.
Die nickte nur. Sie sah verfallen und übernächtig aus; aber ihre Augen strahlten.
„Bin ich pünktlich?"
„Fabelhaft! Es fehlen noch ganze sieben Minuten bis zur Abflugszeit", stellte Steinherr fest, seine Armbanduhr konsultierend, während sie nebeneinander über den Flugplatz schritten.
„Das habe ich wohl noch nie in meinem Leben fertiggebracht." Frau Maloreen kniff die Lider zusammen. Die grelle Mittagshelle blendete. Sie stiegen die Leiter hinaus und betraten die Kabine des Doppeldeckers, der startbereit dastand.
„Das gute Wetter lockte anscheinend." Jeder Platz war schon besetzt. Sie sank mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung auf ihren Sitz und lächelte den Mann neben ihr an. Weil sie selten lächelte, wirkte es jedesmal wie ein Geschenk. Er beugte sich näher ZU ihr.
IMüttmimM
Vornan von Helma von Hettermann.
Eine merkwürdige Frau! Ohne jede Spur weiblicher Koketterie saß sie nun da, das blasse Gesicht just dem Schein einer grellen Mittagssonne preis- gegeben, die erbarmungslos auf die winzigen Fältchen beginnenden Alterns, die Dünne der Haare an den Schläfen wie mit Fingern wies.
Von kreidiger Trockenheit schien die matte, sehr feine Haut.
Noch nie hatte Steinherr eine Frau getroffen, die so wenig auf den Mann in ihm wirkte — und doch war er gekommen. Ein starkes Verlangen war in ihm, zu wissen, wer, ober vielmehr was dieses Weib war, die vor etwa Jahresfrist in D. aufgetaucht war. Keiner konnte sagen, woher... Es hieß, sie sei die Witwe eines holländischen Pflanzers in Niederlän- disch-Jndien. Andere wollten wissen, daß sie unverheiratet und deutsch von Geburt, und^daß Maloreen nur ein angenommener Name sei. Sie sprach ein ebenso flüssiges Englisch wie Französisch und Italienisch und erzählte im Lauf der Unterhaltung, daß sie jetzt eifrig russische Sprachstudien treibe.
„Man kann sich überall auf der Welt zurechtfin- ben, wenn man bie Sprache bes Landes beherrscht', meinte sie mit einem Lächeln, das jäh das ganze Gesicht in weiche Weiblichkeit verwandelte.
... und viel erfahren!, fuhr es Steinherr durch den Sinn. Woher kam ihm nur der Gedanke? Absonderliche Frauen waren stets harmlos. Wer geheime Zwecke verfolgte, tauchte in der Masse unter. Es gab keinen besseren Deckmantel als den der Alltäglichkeit.
Nun, es lohnte sich schon, hier ein wenig den unbeteiligten Beobachter zu spielen; solch anregende Stunden hatte Steinherr lange nicht verlebt, wie bei dieser fast kränklich aussehenden Frau mit dem männlichen Geist, die so viel verständnisvolle Teilnahme für seine Interessen bewies. Mit Bedauern schieb er unb wußte, baß er roiebertommen würbe. Freiwillig, so glaubte er. Aber es geschah, weil bas Weib es wollte.
*
„Du kommst doch heute abenb, Magnus? Brinkmanns haben mich nach bem Theater ins Esplanabe eingeladen. Sie sagten, sie hätten bich auch gebeten, aber noch keine feste Zusage erhalten! — Nein?! Ja, warum benn in aller Welt — London? — so plötzlich? Vorgestern sagtest du mir kein Wort davon. Ja, ich weiß, das geht oft schnell; aber es liegt doch beidir, Tag und Stunde zu bestimmen — da könntest du doch... Ach, ewig .Geschäft, Geschäft! Sag' doch gleich, daß du ger n gehst! Nein, ich bin nicht vernünftig, ich bin wütend..
Klick! Er hatte angehängt.
Die Kalesso horchte noch einen Augenblick. Nichts regte sich. Da drückte sie den Hörer heftig auf die Gabel, stützte den Kopf auf beide Hände und starrte auf das kleine Schreibtischtelephon, das sie boshaft und schadenfroh anzuglitzern schien. Was war das mit Magnus? Einmal in dieser ganzen Woche hatten
sie sich gesehen, ein einziges Mal. Dann hatte er Arbeit vorgeschützt, Blumen und eine Amethystkette geschickt, die sie beim letzten Bummel durch die Stadt irgendwo bewundert hatte. Was lag ihr an dem Zeug! Nur dann hatte es Wert, wenn sie sich damit für ihn schmückte. Und nun — sie begann zu meinen, schluchzte ein paarmal laut auf — und verstummte jäh, als das Telephon schrillte. Hastig riß sie den Hörer ans Ohr. Aber es war nur Frau Marie Brinkmann, die soeben Steinherrs Absage erhalten hatte.
„Es ist schon für Ersatz gesorgt", freute sie sich. „Der reizende Jimmy Johnston, mit dem Sie sich neulich so glänzend unterhielten, kommt gern! Sie wissen doch: .Johnstons Käse ist das beste Nährmittel der Weit' und Johnstons Millionen nähren auch nicht schlecht!" Ein vergnügtes Lachen.
Li Kalesso biß sich auf bie Lippen. Lachte bann ebenso heiter unb hell. „Schön, Frau Marie, ich werbe mich also an ben Käse halten! — Ja, sofort nach der Borstellung! Tausend Dank — Wiedersehen!" v x
Dann saß sie mit verbissenen Zugen ba und ritz ihr Spitzentaschentuch in kleine Streifen. „Er kommt nicht, weil ihm mein Uebertritt zum Variete nicht paßt!", dachte sie erbittert. „Alle Welt feiert mich als neuen Revuestar — und er bleibt fort und gefällt sich in kritischer Pose!"
Ach, diese Männer, nichts als Aerger und Aufregung brachten sie einem ins Leben! 'statt mit Magnus, dessen Besitz ihr allgemein geneidet wurde, Triumphe zu feiern, würde sie nun heute abend bie Huldigungen des kleinen Jimmy über sich ergehen lassen, der ja ein lieber Kerl war, aber... (Sin langer, tiefer Seufzer. „Ich werde so mit ihm flirten, daß ihm Hören und Sehen vergeht!", beschloß sie, erbost das Bild Steinherrs, Vas auf dem Schreibtisch stand, gegen die Wand werfend. „Mag Magnus es ruhig erfahren!" .
Sie stand auf, ging den Kopf steif im Genick, trällernd hinüber ins Schlafzimmer — Wb warf sich auf das Bett, von hemmungslosem Weinen ge-
sich krank, sie wisse nicht, ob sie mitzureisen imstande sein würde.
Nun war sie doch gekommen; aber man sah ihr vorhin die Spuren überstandenen Leidens recht deutlich an.
Li hätte sich in solchem Zustand nicht sehen lassen, fuhr es Steinherr durch den Sinn. Sie wußte wohl, daß sie in erster Linie durch ihr Aeußeres wirkte. Jenny Maloreens Reiz fesselte stärker, weil sie Geist besaß. Und bas Wechselhafte reizte mehr als die sich gleichbleibende Schönheit, denn des Mannes tiefstes Empfinden blieb von beiden unberührt.
In der Ferne tauchte bie massive Silhouette Am- fterbams auf, bie irgenbroie ben Eindruck einer unveränderlichen Ruhe unb Dauerhaftigkeit machte. Die Lust hatte sich verbichtet. Leichter Nebeldunst hing über bem Hafen mit seinem taufenbfältigen Schiffsgewirr.
Im Restaurant bes Flugplatzes eilten schwarzbefrackte Kellner geschäftig herbei. Die eine Dame bestellte sich Kaffee und Kognak. Sie sah blaß aus, hatte die ganze Zeit mit Uebelteit gekämpft. Jenny Maloreen dagegen wirkte frisch und blühend wie nie zuvor.
„Tee und Toast!" bestellte sie, ihre Handschuhe obftreifenb.
Am Neb'entisch hatte der junge Herr mit bem Felb- stecher Platz genommen. Er war schlank, brünett, sehr sorgfältig getleibet.
„Wahrscheinlich ein Franzose!" stellte Steinherr fest, ihn flüchtig musternd. Er war sehr wohlerzogen, sprang sogleich auf, als einer der Handschuhe zu Boden fiel, unb hob ihn auf, ehe Steinherr, der an der anderen Seite bes Tisches saß, es tun konnte.
„S’il vous plait, madame“, lächelte er. Spitze, weiße Zähne blinkten unter bem Meinen schwärze» Schnurrbart.
„Danke sehr", sagte bie Maloreen in ihrer gewohnten kühlen Art. Kaum, baß sie die Lider hob. Steinherr verneigte sich leicht, die höfliche Verbeugung bes anberen erroibernb.
Die bestellten Getränke kamen. Mit Appetit knabberte Jenny ihren Toast. „Mir schmeckt es", sie nickte Steinherr zu, ber sich barüber freute, „außer einer Tasse starken Kaffees habe ich heute noch nichts zu mir genommen." Dann schob sie Teller unb Tasse zurück, ließ sich von Steinherr eine Zigarette geben unb blies mit bemfelben Ausbruck behaglichen Ge- nießens bie im Flugzeug verbotenen aromatischen Tabakwölkchen vor sich hin. Plauberte babei von diesem und jenem, was sie während des Fluges gesehen. Sie war eine scharfe Beobachterin, Steinherr lachte mehrmals über ihre amüsanten Schilderungen.
„Ich freue mich auf London", meinte sie bann, „auf bas Untertauchen in dieser Riesenstadt, in der man immer den Pulsschlag ber ganzen Welt zu spüren vermeint. Kein Volk ber Erbe, bas man ba nicht sehen kann."
„Sie kennen Lonbon gut?" fragte Steinherr.
Ein leises Zucken um bie Munbwinkel. „Allzu gut — von ber bürgerlichen Besuchsseite. Die andere reizte mich mehr! Aber dazu fehlte stets ber richtige Begleiter."
(Fortsetzung foln''
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