Nr. 6 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Samstag, 7.Zanuar 1933
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Die saschisiische TJlilij.
Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.
(Nachdruck verboten.)
Durch den französischen Abrüstungsoorschlag, der — wenigstens in der Theorie — auf eine Um- Wandlung der stehenden Heere in eine M i l i a hinzielt, richtet sich der Blick des neuen politischen Jahres vor allem nach der Schweiz und nach Italien. Don der Eidgenossenschaft weih man, dah sie die Heranziehung aller wafsen- ähigen Männer zur militia, d. h. zum Kriegsdienst eit einem Menschenalter durchgesührt hat, vom aschistischen Staate — hört man s. Genaues weih eiten einer zu sagen und in d er Tat ist d i e A r - m e e Mussolinis, das Heer der Schwarzhem- den, die MBSN. (Milizia Volontaria Sicurezza Nationale) eine Wehrorganisation, von der man wie von gewissen Ländern sagen könnte, sie habe keine feststehende Grenzen. Aehnelt die Schweizer Miliz, die nach der Militärorganisation vom 12. April 1907 die Wehrpflicht vom 20. bis zum 48. Lebensjahre vorsieht, dem amerikanischen Heer, so die faschistische Miliz eher der Milizr e s e r o e Großbritanniens, bei der man 6 Jahre dient — oder diente, denn möglicherweise bestehen bereits mehr oder minder geheime andere Vorschriften.
Dieses Unbestimmte, dieses Unberechenbare ist es vor allem, was die Miliz Italiens von der schweizerischen unterscheidet und kennzeichnet, was die Heereszisfern unklar macht und ängstlichen oder übelwollenden Militärkritikern die Feder führt. Bei den lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den lateinischen Schwestern kommt es bekanntlich schon über die Flottenstärke, obwohl alle Einzelheiten aus den Marinekalendern ersichtlich sind, zu Meinungsverschiedenheiten, und wenn ein Franzose das feldgrüne Heer der Halbinsel durch das Mikroskop betrachtet, addiert er gerne ein schwarzes dazu, das er der Zahl nach aus feiner Vorstellung berechnet Mangels genauer amtlicher Unterlagen, wie zur Entschuldigung angeführt werden darf.
Aber weih man denn in Rom, wie viele junge Männer das schwarze Hemd tragen, wenn sie unter den Waffen stehen? Nein, das weih kein Kammerunteroffizier und kein Duce. Und das ist es ja gerade, diese Durcharmierung des Volkes mit seiner immer wachsenden Zahl, die der Miliz ihre Stärke verleiht, solange der Einheitsstaat besteht. In einem Parteienstaat wäre die Grenzenlosigkeit eine Schwäche, das Unüberschaubare eine Gefahr. Mussolini dagegen hat die Gewißheit, daß das ganze Volk bewaffnet hinter ihm steht. Daß die Miliz keine anderen Götte- neben sich hat, getreu ihrem Schwur, den jeder ablegen muß, wenn er als Zeichen politischer Mannhaftigkeit das Ge- wehr erhält: mit allen Kräften und nötigenfalls auch mit seinem Blute demDuceundderRe- v o l u t i o n zu dienen.
Hier ist der Gegensatz zur schweizerischen Miliz, die ein nationales, mit ihrem Blute das Vaterland verteidigendes D o l k s che e r sein will, dokumentarisch herausgearbeitet. Mehr noch: die faschistische P a r t e i m i l i z nennt sich und ist eine Organisation von Freiwilligen, kennt also nicht die allgemeine Wehrpflicht, wie die Schweiz. Sie unterscheidet sich als Parteiheer aber wieder insofern wesentlich von ähnlich scheinenden Truppen anderer Länder, als diese Partei eben d i e einzige der Nation, die Staatspartei ist. Und ferner: die faschistische Miliz ist geschickt ins königliche Heer hineingeschoben, selbständig und doch ein wichtiger Faktor der Feldgrünen, ja, den Soldaten des Königs zahlenmäßig weit überlegen.
Seinerzeit, nach dem Marsche auf Rom, als Mussolini fein Ziel erreicht hatte und seine Sturmabteilungen damit abbaureif schienen, war diese Ein- kaderung ins Heer eine Verlegenheitslösung, jedoch eine meisterhafte. Das Odium einer Prätorianergarde fiel, ihre Macht blieb und wuchs. Die Stoßtruppen verloren ein nahes Ziel, den Gegner im Lande, und gewannen ein ferneres und edleres, den Gegner draußen. Sie wurden staatsnational der Gesinnung nach, wenn sie auch die Parteiuniform nicht ablegten. Und als ihr Führer dem Geheimnis
der staatlichen Fortzeugung auf die Spur kam, indem er der Miliz den Lebensrhythmus selber, die immer neu erstehende Jugend als Nährboden unterschob, konnte sie sich mit Volk und Staat g l e i ch s e tz e n , sie wurde selber Nation. Das mag wie eine Tirade klingen, ist es aber nicht. Denn indem die Mutter schon ihrem Säugling so- aufagen das schwarze Hemd anzieht, indem sie das Kind, sowie es laufen kann, in die „Balilla" ein- schreiben läßt, gibt sie es der Miliz, der Partei, dem Staat. Aus dem kleinen Balilla wird der Avanguardist und aus diesem der Milite, der so die militärische Zucht, den Geist des neuen, des eisernen Roms mit der Muttermilch ausgenommen hat und nicht etwa aus Dersorgungsgründen „in die Partei eintritt", denn der Artikel 18 dieser ordens- ftrengen Gemeinschaft lautet: „Der Milite hat nur Pflichten und keine Rechte, ausgenommen die Genugtuung, feine Pflichten zu erfüllen."
Da nun mit wachsender Bevölkerungszahl jedes Jahr die Masse der aus der Avanguardia zum Kampffascio übertretenden jungen Männer an- schwillt, diese daneben auch ihrer Soldatenpflicht im königlichen Heere genügen müssen, ersaßt das schwarze Heer nach und nach die ganze waffenfähige Bevölkerung: wir haben das Schweizer System plus Armee, wir haben Berufs- Heer und freiwillige Miliz. Einen Statistiker könnte das bei seiner Aufgabe, die Truppenzahlen festzu- stellen, noch immer nicht schrecken, aber nun sind da noch die Syndikate, die Berufsorganisationen, die Studentenbünde und andere Fisci, im Fascio, die alle das Liktorenabzeichen tragen, es kommen die
weiblichen Fofci bazu, die Sanitäts- und Hilfsdienste — kurze in unüberfehbaresHeer, das auf einen Wink des vergötterten Führers sich erheben würde wie ein Mann. E i n Volk in Waffen, hier ist es verwirklicht.
Als Höchftkommandierender steht über allem natürlich der vielfache Minister M u f f o 11 n i, Gene- ralftabsdjef der Miliz ist gegenwärtig General le- ruzzi. Ihm unterstehen neben der eigentlichen Kampftruppe, die ihre eigenen militärischen Formationen und Waffen hat, die ihre Bluttaufe vor einigen Jahren in den libyschen Gefechten erhielt, die Italien eigentümlichen, beruflichen Abarten der Miliz: es gibt eine Eisenbahn- und Straßenmiliz, eine Hafen-, Forst- und Postmiliz — liebensroürbige Soldatenbeamte, mit denen der Ausländer zuerst in Berührung kommt, ohne immer um ihre Bedeu- tunq zu wissen. Dann hat die Miliz, wie die schweizerische, ihren militärischen Vorunterricht, ihre Iu- gendausbildung, bildlich gerne öargefteUt durch Buch und Gewehr, drängen doch die intellektuellen Schichten besonders zur schwarzen Armee, und vor allem die reichen jungen Männer, die nach alter römischer Sitte eigentlich ihre schönsten Jahre faulenzend verbummeln mühten, weil es sich nicht schickt, eine Stellung anzunehmen. Wer sich dazu immer noch nicht entschließen kann, anderseits gemerkt hat, wie das süße Nichtstun aus der Mode gekommen ist, hat als Milite einen leidlichen Ausweg. Und, nicht zu vergessen, ein gutes Sprungbrett. Das amtliche Italien von heute zieht Männer vor, die im Ernstfälle für ihre Ueberjeugung auch mit der Waffe eintreten können.
Nordischer Gprachenkrieg.
Don unserem K-Derichterstatter.
Oslo, Ende Dezember 1932.
In Norwegen ift feit Jahren ein erbitterter, toeim auch unblutiger Krieg im Gange. Nicht um materielle Dinge geht es in diesem Kampf, sondern — man sollte es nicht glauben — um das Vorrecht einer Sprache bzw. um das Verdrängen der einen Sprache durch die andere. Kurzum, die beiden Gegner im Streite find das Niksmaal — die Reichssprache, die seit Jahrhunderten anerkannte Staats- und Gelehrtensprache Norwegens, und das Landsmaal, die Sprache des Landes und der Bauer n, die seit undenklichen Zeiten in den Tälern u: 3 den Gebirgsdörfern, in den wild zerklüfteten Fjorden und auf den einsamen Höhen nahe der Mitternachtssonne gesprochen wird.
Es ist für den Ausländer nicht uninteressant, die verschiedenen Phasen dieses Sprachkampfes zu verfolgen, besonders die in den letzten Jahren in steigendem Maße erfolgende Umbenennung der norwegischen Städte. So wurde aus dem dänisch-norwegischen K r i st i a - n i a das neu-norwegische Oslo, aus dem bekannten Trondhjem (Drontheim) — Nida- ros usw. Darüber hinaus ist dieser „Streit um Worte" der Ausdruck eines sich selbst bewußt werdenden Norwegertums, das in politischer Hinsicht die dänische Fremdherrschaft seit über 100 Jahren abgeschüttelt hat und nun auch kulturell sich von der dänischen Bevormundung freimachen will, um auf die urwüchsigen Kräfte seines Landes und seiner Bauernschaft zurückzugveisen und sie von neuem zu Ehren und Ansehen zu bringen.
Wenn wir Zne sprachlichen Verschiedenheiten in Norwegen zurückverfolgen, so erkennen wir, daß dieWe st Norweger ursprünglich eine Art von Dänisch sprachen und ihre nördlichen Landsleute eine Art von Schwedisch. Da das Land zudem durch die zahlreichen, tief einschneidenden Fjorde örtlich sehr zerklüftet war, die zwischen diesen Fjorden gelegenen Landschaften außer durch das Wasser auch noch durch Gebirgsläufe getrennt wurden, lebten seine Bewohner jahrhundertelang abgeschlossen und zurückgezogen für sich. Bei dieser Zerklüftung konnte das von Süden her allmählich eindringende Schriftdänisch
naturgemäß nur geringen Widerstand finden, um so weniger, als 1387 die norwegische Krone an Dänemark gefallen war und beide Länder über 500 Jahre durch Personalunion verbunden waren. Aber die sprachliche Gemeinschaft überdauerte auch noch mehr als zwei Menschenalter die 1814 aufgehobene politische.
Das Halbjahrtausend unter der dänischen Krone blieb natürlich nicht ohne Einfluß auf Verwaltung und Unterricht, denn die dänischen Beamten, Pfarrer, Lehrer und Kaufleute sprachen und unterrichteten in ihrer Sprache, und, da sie die Oberschicht bildeten, zwangen sie die Norweger, sich der dänischen Sprache zu bedienen oder wenigstens ihre Sprache der dänischen anzugleichen. So kommt es, daß auch heute noch die städtische Oberschicht dänisch spricht, wenn auch durch die harte Aussprache und die verschiedene Rechtschreibung sich allmählich ein Unterschied zwischen dem sich fo herausbildenden Riks- maal, der Reichssprache, und dem eigentlichen Dänisch ergab. Neben der Reichssprache ist aber das eigentliche Norwegisch, das Landsmaal, das — wie schon betont — in vielem engste Verwandtschaft mit dem Schwedischen zeigt, im Volke stets im Gebrauch gewesen und konnte nie völlig durch die Reichssprache verdrängt werden. Während also auf der einen Seite die Abgeschlossenheit und Zersplitterung der norwegischen Siedlungen das Vordringen der Reichssprache auf dem Lande begünstigte, ermöglichte auf der anderen Seite gerade diese Weltakmeschiedenheit in den Tälern des Nordens die vom Süden nicht oder nur sehr schwer zugänglich waren, den Fortbestand des klangvollen, urwüchsigen Landsmaal, das sich in bunter Farbenpracht und vielfältigen Dialekten in den einzelnen Bauernsiedlungen und Tälern weiter vererbte. Es ist deshalb verkehrt, das Lands- mal oder Neu-Norwegisch als eine aus bäuerlichen Dialekten zusammengesetzte Kunstsprache zu bezeichnen. Denn es hat, auch während bergenden Dauer der Dänenheiwschast und auch später, eine eigene norwegische Sprache in lebendigem Gebrauch gegeben. Sie war niemals tot, nicht einmal untergetaucht, sondern hatte sich nur in die Einsamkeit der tiefen, dunklen Wälder, in die
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Geheimrat Ernst von Borfig, der MitinhabeO der bekannten Berliner Maschinenfabrik A. Borfig, und ein Enkel des Gründers der gtrnm starb im 64. Lebensjahre. Als Vorsitzender der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände sowie des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller, als Mitglied des Präsidiums des Reichsverbandes der deutschen Industrie und des Reichswirtschastsrate« spielte er im wirtschaftlichen Leben seit Jahrzehnten eine bedeutsame Rolle.
geheimnisvollen Fjorde und schwer zugänglichen Gebirgstäler zurückgezogen, wo sie wie seit alters her von den Dauern gepflegt und gesprochen wurde, während weit unten im Süden mit der dänischen Kanzleisprache regiert wurde und die von der Regierung «später von der Gewohnheit abhängigen Kreise die fremde Sprache bevorzugten.
Das nach langer Demütigung wieder hergestellte nationale Selbstgefühl hatte ganz selbstverständlich in den Jahren nach der Trennung von der dänischen Oberhoheit das Bedürfnis nach einer von fremden Einflüssen unabhängigen Sprache, und Ivar Aasen war es, der um die Mitte des letzten Jahrhunderts zunächst unter größtem Widerstand auf die vielen verschiedenen Dialekte der Täler, die sog. Talsprachen, hinwies und sie zu einem Landsmaal zusammenschweißte. Diese von ihm geweckte Landsmaalbewegung ist durch das starke Nationalgefühl der Norweger, sowie durch den politischen Einfluß, den das Bauerntum in Norwegen ausübt, sehr wesentlich gefördert worden.
Heut ist es bereits schon so weit, daß sich die Landsprache, d. h. die Sprache der Bauern, bereits die öffentliche Anerkennung erzwun» ge n hat und das Land somit zweisprachig ist. Die einzelnen Landkreise und Bezirksverbände ent- scheiden jeweils durch Mehrheitsbeschluß, ob Riks- maal oder Landsmaal im öffentlichen Leben gesprochen werden soll. Damit ergibt sich das seltsame Bild, daß dieses kleine Volk, einer Rasse und einer Nation, zwei verschiedene Sprachen spricht, daß man in dem einen Teil Norwegens durchweg die Reichssprache spricht, in dem anderen die Land- spräche, dah es z. B. in einem Eisenbahnabteil „Jkke rötere" — Nichtraucher — heißt, in dem andern aber ,Lkkja röykjarar".
Der Zeitpunkt wird wohl nicht mehr fern sein, an dem Norwegen — lange nachdem es die politische Vorherrschaft Dänemark abgeschüttelt hat, sich auch der kulturellen Vormundschaft entledigt und wieder zurückfindet zu seiner jahrtausendealten Sprache und Kultur.
Daten für Sonntag, 8 Januar.
1081: Kaiser Heinrich V. geboren; — 1642: der Physiker und Astronom Galileo Galilei in Ar- cetri bei Florenz gestorben; — 1867: Wilhelm Stolze, Begründer eines steiwgraphischen Systems, in Berlin gestorben; — 1919; der Schriftsteller Peter Altenberg in Wien gestorben.
ZurAallirseschichte desSlihaserlS
Von August Leih.
Nicht zu leugnen: Unsere alpine Fauna vermehrt sich wieder. Wir waren schon gefaßt, die traurige Nachricht vom gänzlichen Aussterben der alpinen Tierwelt zu vernehmen, da kam vor einigen Jahren die erfreuliche Kunde von der Entdeckung eines neuen, höchst merkwürdigen Lebewesens. Anfangs trat es ganz vereinzelt auf, aber es vermehrte sich rasch und ist soweit erforscht, daß eine eingehende wissenschaftliche Betrachtung möglich geworden ist.
Die Gelehrten zählen das neuentdeckte Wesen zur Familie der Hasen, und der Münchener, in dessen Umgebung es am häufigsten anzutreffen ist, nennt es Skihaserl. Es ist ein reizendes Tierchen mit schönen, lebhaften Augen und einem entzückenden Mäulchen, an dessen Seiten man jedoch die allen übrigen Hasen eigenen Bart- haare nicht selten beobachtet. Seine Farbe ist sehr verschieden. Da kein Feind sein Leben bedroht — sind wir dem Himmel doch dankbar, daß er sie erschaffen hat —, so brauchte ihm die Natur keine Schuh^arbe nritzugeben wie seinem Namensvetter, dem Feldhasen, und so finden wir grüne, gelbe, rote und blaue Häschen, die das langweilige Weiß der Schneefelder anmutig beleben. An schönen Wintertagen kann man große Herden des hübschen Tierchens beobachten, merkwürdigerweise aber nie auf den von der Gemse bevölkerten steilen Wänden und Graten, sondern nur auf den sanften Hügeln der Vorberge. Um nicht im Schnee zu versiicken, stellen sie sich klug auf schmale Bretter, von den Gelehrten Schwartlinge genannt, und gleiten auf ihnen über die geneigten Flächen. Doch erlangen sie selten bedeutende Fertigkeit, sich auf diese Weise fortzubewegen, weshalb sie leicht die Deute des Jägers werden.
Dieser erlegt sie aber nicht mit Pulver und Blei, sondern fängt sie lebendig, und zwar auf folgende amüsante Weise: er umkreist das ins Auge gefaßte Wild, klug und vorsichtig, enger und enger, isoliert es und sucht es durch freundliche Blicke und liebe Worte zu hypiwtisieren, bis es, von Natur ohnehin nicht scheu, so zutraulich wird, daß es sich greifen und streicheln läßt. Dann ist die Deute sein. Das Häschen ist leicht zu zähmen und wird bei liebevoller Behandlung bald recht zutraulich und anhänglich. Der Nutzen des Skihaserls ist materiell gering.
Man kann es trotz seines appetitlichen Ansehens nicht essen, und erfahrene Haserln nehmen daher die in der ersten Weidmannsfreude begangenen Reden jüngerer Nimröder, sie hätten ihre Deute zum Fressen gern, durchaus nicht ernst.
Doch schenkt das Tierchen seinem Herrn schöne Gemütswerte: Er darf ihm die Nahrung nachtragen, oft auch seine Schwartlinge, wenn diese eben entbehrlich sind, er darf es aus den Abgründen des Schnees ziehen, falls es gestürzt ist, er darf es mit Pralinen trösten, er darf sich kein zweites Häschen fangen, er darf, ja, was darf er noch alles?
Ja, das mit dem zweiten Häschen, daS ist eine merkwürdige Sache! Da glaubt mancher Jäger, berauscht vom Reiz der Skihaserljagd (ich hörte sagen, er sei größer als die Freude am Desih selbst!), er müsse alsbald wieder hinaus zum fröhlichen Weidwerk. Aber er bereut's bald. Denn die Häschen sind, obwohl in der Freiheit sehr gesellig, in der Gefangenschaft gegen ihresgleichen unverträglich. Sie gebärden sich aufgeregt, werden bissig, und bereiten ihrem Herrn geringe Freude.
Tiefes Dunkel liegt noch über der Fortpflanzung des Skihaserls. Obwohl alle bisher gefangenen Cremplare zweifellos weiblichen Geschlechtes waren, vermehren sie sich, ganz nach Hasen- avt, in den letzten Jahren ungeheuer.
Doch sei dem, wie ihm wolle, die Skihaserln sind nun einmal da, und es obliegt dem wissenschaftlichen Betrachter nur noch von einer höchst interessanten Metamorphose zu berichten, die mit dem Tierchen im Frühling vorgeht. Da ändert es Farbe und Gewohnheiten, legt die unnötig gewordenen Bretteln ab und kauert sich hinter feinem Herrn auf dessen Knatterrad, um ihn vor dem traurigen Schicksal zu bewahren, mutter- seelenallein durch die blöde Natur rasen zu müssen. In diesem Zustand heißt das Tierchen Den- zinhaserl.
Das heilsame Wiegenlied.
In einer Sitzung der Wiener Gesellschaft für Kinderheilkunde kam es kürzlich ganz unvorhergesehen zu einer überaus interessanten Debatte der Gelehrten über die Heilkraft der Musik und die geradezu gesundheitsnotwendige Bedeutung deS Wiegenliedes, das sehr zum Schaden der Kinder nahezu völlig abgekommen ist. Den Anlaß zu der lehrreichen Aussprache bildete die Lei-
I densgeschichte eines Säuglings, der nach einer Er- I krankung die üble Angewohnheit des Wiederkauens angenommen hatte. Das arme Kind konnte feinen Dissen im Magen behalten, wurde mit der Zeit bedrohlich unterernährt und entkräftet, und man mutzte bereits das Schlimmste befürchten. Erst als man zu dem ein wenig gewaltsamen Kunstgriff seine Zuflucht nahm, den Unterkiefer des Kindes nach dem Essen fest mit einem Tuch gegen den Oberkiefer zu halten, behielt der kleine Patient die auf genommene Nahrung bei sich. In der Diskussion über den Fall betonte nun der Leiter der Wiener Universitäts-Kinderklinik, dah derartige Maßnahmen oft überflüssig wären, wenn man die nervösen Kinder durch Musik ablenkt. Die Rückwanderung der Nahrung aus dem Magen in die Speiseröhre unterbliebe dann von selbst. Besonders eindringlich verfocht ein anderer Kinderspezialist die gesundheitliche Bedeutung der Musik für Kinder. Das Kind ist auf Musik eingestellt und in erster Linie auf die natürlichste Musik, den Gesang. Es wird jetzt den Kindern viel zu wenig vor gesungen. Die Wiegenlieder, die man ja auch bei allen Naturvölkern antrifft, schwinden bei uns leider immer mehr. Es sei ein Fehler der „modernen" Säuglingspflege, daß sie dieses Moment vernachlässigt habe.
Onkel Sams „Zdealbrauerei^.
Amerikas Brauer richten sich, damit der Tag, da die Prohibition endgültig fällt, sie in jeder Beziehung bereit findet. So wird die erste Drauerei der Nachtrocken-Periode als ein Musterbau für alle folgenden erstehen. Wenigstens versichern dies der Baumeister E. Dale Badgeley und die Ingenieure der Schwarz-Laboratorien, die mit der Errichtung der New Amsterdam- Brauerei beschäftigt sind. Der Bau, der mit einem Kostenaufwand von 2,5 Millionen Dollar in Middle Dillage ersteht, wird sich in seinem Baustil von allen früheren unterscheiden. Alle Erfahrungen der Ingenieure werden zu einer hervorragenden Raumersparnis benutzt, ohne daß der Eindruck der Beengung erweckt wird. Mit Ziegeln und Email bekleidete Wälle werden in einer Kurve zu den wasserdichten und mit Fliesen belegten Böden übergeleitet. „In Europa haben wir", so führte der Architekt aus, „keine neuen Baumethoden, keine neuen Materialien für unsere Zwecke finden formen. Bei uns ist die Benutzung von Zernent-GärungSbehältern ausgebildet worden. Wir werden den ganz alten
Brauerei-Typ mit seinen Holzsäulen und Holzfußböden, seinem Maueranwurf int Innern ebenso übertreffen wie den vor 20 Jahren üblichen der feuerfesten Konstruktion. Bei uns wird es keine düsteren Jnnenräume geben. Während die alten Drauereigebäude auch in ihrem Innern von dem Wetter außen abhängig waren, werden in unserer Brauerei durch Luftzufuhranlagen, mechanische Kühlvorrichtungen und Isolation beständige atmosphärische Derhältnisse geschaffen, die kaum um 2 Prozent in ihrer Temperatur und ihrem Feuchtigkeitsgrad schwanken und sich genau in jedem Teil des Gebäudes den günstigsten Bedingungen für den hier vorgenommenen Teil des Produktionsprozesses anpas en.“ DerPräsident der Gesellschaft, die diese Musterbrauerei errichtet, ist Herbert L. Roll, der einer alten Drauerfamilie, die in Middle West ansässig war, entstammt.
Reliquien von der Arnundsen-Expedition
Kapitän Georgiewski, der Leiter der russischen Polar-Expedition, die gegenwärtig beim Kap Scheljuskin überwintert, hat in einer drahtlosen Botschaft der Sowjet-Regierung Mitteilung von der Auffindung eines Tagebuches und anderer Spuren der unglücklichen Amundsen-Expedition auf der „Maud" im Jahre 1918 gemacht. Beide Nachrichten beziehen sich auf die Bruchstücke eine« norwegischen Schiffes, die in der Nähe einer Steinhütte von zwei Meter Höhe gefunden wurden; die Hütte war mit Brettern gedeckt und im Innern mit geteertem Tuch ausgekleidet; sie enthielt Nahrungsvorräte, astronomische Instrumente und das Tagebuch von Tessem, einem Mitglied der Amundsen-Expedition von 1918, der auf der Dickson-Jnsel ums Leben kam. Im Zusammenhang mit der Erörterung der neuen Funds weisen die Mitglieder des russischen arktischen Institutes auf die Auffindung der Skelette von Tessem und Knutsen hin, die von russischen Forschern unter der Leitung Urwantsesfs im Jahr« 1921 und 1922 gemacht wurden, und auf die aufgefundenen Postsachen, aus denen hervorgeht, daß Amundsen im Winter 1918 Tessem und Knutsen von Scheljuskin nach der Dickson-Jnsel gesandt habe, von wo sie nie mehr zurückgekehrt sind. Knutsens Gebeine wurden 1921, Tesfems Leich« im August 1922 auf gefunden. Die Briefschaften wurden an Norwegen abgeliefert, dessen Regierung Urwantseff dafür mit einer goldenen Uhr mit eingravierter Inschrift belohnte.


