Ausgabe 
6.10.1933 Frühausgabe
 
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Ern M övm Glück.

Roman von Anny von panhuys.

17. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nacht war es tief, dunkle Nacht. Auf dem Lande ist Mitternacht schon eine späte Stunde. Mar­lene, die noch wach lag und an ihr Glück gedacht hatte, schreckte jäh aus ihren seligen Wachtraumen auf. Ein paar schrille Pfiffe, die sie schon kannte, waren erregend in die Stille ihres Zimmers ge­drungen. Sie tastete sich im Dunkel bis an das Fenster und sah im kleinen Lichtbereich der Laterne draußen hinter der Mauer das phantastische Bild eines weißen Pferdes mit einer weißen Reiterin. Schon war der Spuk vorüber, und alles lag wieder totenstill da. Nichts war zu sehen und zu hören.

Marlene verspürte starkes Herzklopfen. Unheim- kicher als voriges Mal war ihr zumute. Olga befand sich diesmal nicht in ihrem Zimmer und Auguste Helm auch nicht. Die beiden hatten durch ihre De­batte über die weiße Reiterin der sonderbaren Er­scheinung das allzu Unheimliche genommen. Sie mochte nicht bei Olga anklopfen; wahrscheinlich schlief sie.

Sie horchte. Alles blieb ruhia im Hause, kein Laut war zu hören. Da schlüpfte Marlene wieder in ihr Bett; aber ihre Gedanken waren nicht mehr so froh und wohlgeordnet wie vorhin. Die weiße Reiterin, der man nachsagte, ihr Erscheinen verkünde Unglück, drängte alles andere weit zurück.

Marlene zwang sich, an den Brief zu denken, den sie heute an ihren Bater geschrieben hatte. Vorhin hatte sie ihn fast noch Wort für Wort gewußt; aber jetzt war es, als sprenge ein weißes Pferd mit einer weißen Reiterin über die glücklichen Sätze hin, die dem Vater von ihrer Liebe zu Achim von Malten erzählten.

Bis in ihren Traum verfolgten sie die gellen Pfiffe und das Vorbeijagen des gespenstischen Pfer- des mit seiner Reiterin.

Aber die Morgensonne vernichtete sieghaft die Schatten der Nacht. Frau von Malten war die ein­zige, die ein wenig gedrückt aussah, fand Marlene. Als sie sich nach dem Frühstück mit ihr allein befand, fragte die alte Dame:Sage, Kind, hast du die weiße Reiterin heute um Mitternacht gehört?"

Gehört und gesehen, Mutter!" gab sie zurück.

Die Aeltere schüttelte den Kopf.

Meine gute Auguste behauptet zwar, das letzte Mal hätte die weiße Reiterin Glück verkündet, weil Achim dich fand, weil er durch dich so wunderschnell wieder ein anderer Mensch wurde; aber daß sie sich nach so kurzer Zeit schon wieder zeigte, gefällt mir trotzdem nicht. Ich muß an die letzten beiden Male, vor zwei Jahren und vor einem Jahr, denken und werde eine bedrückende Angst nicht los. Anscheinend weiß Achim und auch sonst niemand außer uns

beiden etwas von dieser Nacht, deshalb ist's bester, wir schweigen. Die weiße Reiterin erfreut sich nun einmal keines besonders günstigen Rufes."

3d) werde schweigen, Mutter, auch gegen Achim!" versprach Marlene ernst.

Der Vormittag verging schnell. Olga las der alten Dame vor. Marlene saß bei Achim in seinem Ar­beitszimmer, und beide machten über selbsterbaute goldene Brücken Spaziergänge in eine sonnige, strah­lende Zukunft hinein.

Es war schon beinahe Mittagszeit, da hörten sie plötzlich draußen lautes weinerliches Sprechen und Zwischenrufe.

Achim von Malten und Marlene wechselten fra­gende Blicke. Immer lauter wurde der Lärm drau­ßen. Jetzt unterschied man auch die Stimmen. Die aufgeregteste war die der Wirtschafterin.

Ich muß doch nachsehen, was eigentlich los ist!" sagte schließlich Achim von Malten zu Marlene und ging zur Tür. Marlene erhob sich auch, und als er die Tür öffnete stand sie bereits neben ihm. Auch in Frau von Mattens Wohnzimmer hatte sich die Tür geöffnet, und von draußen kam eben Roberta Olbers. Alle blickten erstaunt und neugierig auf Auguste Helm, die, von der anderen Dienerschaft umringt, laut jammerte:

Mein ganzes Geld ist weg! Ich habe es dummer­weise letzthin von der Sparkasse abgehoben, und jetzt ist cs weg. Der Kommodenkasten war aufgebrochen und alles rausgeschmissen. O du grundgütiger Hirn- mel, ich werde noch verrückt!"

Achim trat auf sie zu, rief vorwurfsvoll:Die Schreierei nützt doch nichts, wenn es sich wirklich um einen Einbrecher handelt. Viel klüger ist's, schnell die Polizei zu benachrichtigen. Kommen Sie, Auguste, zeigen Sie mir doch erst einmal an Ort und Stelle, wo man bei Ihnen eingebrochen hat!"

Dicke Tränen kollerten über die runden Wangen der Wirtschafterin.

Als ich in der Küche war, muß es geschehen sein. Heute früh befand sich noch alles in schönster Ord­nung." Sie ballte die Hände.Viertausend Mark waren es, Herr von Malten! Bare viertausend Mark, der Notgroschen für meine alten Tage!"

Heftiger kollerten die Tränen, und die Stimme kippte ihr ein paarmal um.

Er nickte:Gut, gut! Aber kommen Sie jetzt, Auguste! Reißen Sie sich ein wenig zusammen, und führen Sie mich in Ihr Zimmer!"

Er war auch erregt. Solange er zurückdenken konnte, war noch nie im Schloß eingebrochen wor­den. Und welcher Mut und welche Frechheit gehörten dazu, das am hellichten Tage zu wagen! Er konnte es noch gar nicht recht fassen.

Auguste schritt voran die Treppe hinauf, und ein wenig hinter ihr, fast neben ihr, ging der Schloß- Herr. In einiger Entfernung folgten alle anderen. Keiner blieb zurück, weder Frau von Malten noch Marlene und Olga, weder die Dienerschaft noch Roberta Olbers.

Ein ganzer Zug bewegte sich die Treppe hinauf.

Oben schloß Auguste auf. Der Schlüssel steckte von außen, und auf den ersten Blick sah Achim von Malten, hier hatte ein Spitzbube gehaust. Die Korn- modenkasten standen halb offen. Wasche, Strümpfe und allerlei Krimskrams lagen auf dem Fußboden verstreut.

Haben Sie auch gründlich in dem Durcheinander gesucht, Auguste? Ob das vermißte Geld nicht doch dazwischensleckt?" fragte Achim von Malten.

Sie nickte eifrig.

Natürlich habe ich gesucht. Wie nach 'ner Steck- nadel habe ich gesucht, und die seidene, gehäkelte Börse von meinem Großvater selig, in der ich das Geld aufgehoben habe, fällt einem leicht in die Augen, so grasgrün ist sie. Der Dieb Hal sich gar nicht die Zeit gelassen, die Scheine 'rauszunehmen."

Der ältere Diener trat vor.

Erlauben Sie, Herr von Malten! Ich meine, der Dieb könnte derselbe gewesen sein, der kürzlich drüben dem Herrenhause von Medersdorf einen Besuch ao- geftattet hat auch am hellen Vormittag, und bei der Herrschaft war er nicht, nur in den Stuben der Dienstboten. Auf Schloß Elms war es vor 'ner Woche genau dasselbe." Er unterbrach sich.Ich will doch gleich mal bei mir nachsehen."

Er raste den Gang entlang, kam überschnell wieder.

Die hundert Mark, die ich in meinem Köfferchen hatte, sind weg! Der Koffer ist einfach aufge- schnitten."

Er sah bleich aus vor Erregung. Jetzt liefen die Hausmädchen und der zweite Diener weg, auch die Beiköchin, die der Wirtschafterin in der Küche zur Seite stand. Sie liefen wie gejagt in ihre Stuben, und bald jammerte es von allen Seiten los. Der Dieb schien gründliche Arbeit gemacht zu haben.

Olga Zadrow sagte ein bißchen ironisch:Bei mir hat der Einbrecher bestimmt nichts gefunden; aber nichtsdestoweniger werde ich nachsehen, ob auch mein Zimmer seinen Besuch erhalten hat."

Marlene erklärte achselzuckend, zu Achim von Malten gewandt:Unangenehm ist's, wenn man weiß, die Sachen wurden einem von fremder Hand durchwühlt; aber Werte konnte die fremde Hand auch bei mir nicht finden."

Es hatte jetzt schon jeder mit sich zu tun, und als man vor Marlenes Tür stand, war der Trupp sehr zusammengeschmolzen. Nur Achim von Malten und seine Mutter, Marlene und Roberta Olbers waren übriggeblieben.

Marlene schloß auf, der Schlüssel ihres Zimmers steckte. Von der Schwelle aus sah sie sofort, auch hier war unaelabener Besuch gewesen und hatte Spuren hinterlassen. Ihr schwarzer Lacklederkoffer war ganz einfach oben an drei Seiten ausgeschnitten und das Stück Deckel zurückgedrückt worden. Alles, was der Koffer enthalten hatte, lag wirr zerstreut auf dem grauen, buntgestreiften Teppich und

Sie fühlte förmlich, wie sie iäh erblaßte. Mitten in einem kleinen Berge von Taschentüchern, allen auf den ersten Blick sichtbar, aus seinem Zeitungs­bogen herausgeschält, lag der Dolch.

Ehe sie es noch zu hindern vermochte, war Achim schon herangettelen und hob ihn auf, fragte erstaunt: Was hast du denn da für einen scharfen Dolch? Ganz gefährlich sieht ja das Ding aus. Er be- trachlete ihn und schüttelte den Kopf.So etwas gehört nicht in Frauenhände. Sein Blick wurde gespannter; er hatte die dunklen Flecke auf dem stahl entdeckt.Seltsam, murmelte er,sehr selt­sam!" Er ließ die Waffe plötzlich fallen, fragte: ,^u welchem Zweck führst du so ein Schauerinstrument in deinem Koffer mit herum? Als Buch- und Brief­öffner ist es doch kaum geeignet." Sein Gesicht war sehr ernst. Er begriff nicht, daß Marlene so einen unheimlichen Gegenstand besaß. Ihm kam ein Ge­danke. Er fragte: ,j)at vielleicht der Einbrecher den Dolch verloren? Gehört er dir gar nicht?"

Sie war vor Schreck, daß der Dolch auf diese unvorhergesehene Weise ans Licht gekommen war, noch immer wie gelähmt und nicht fähig zu iraend- einer Ausrede. Nicht einmal zu der, die ihr Achim gewissermaßen in den Mund legte. Er hatte doch eben gefragt, ob ihn vielleicht der Einbrecher ver­loren hätte, ob er ihr gar nicht gehörte.

Sie stotterte etwas, was niemand verstand

Er sagte fast heftig:Bitte, tritt ein, Mutter! Und auch Sie, Fräulein Olbers! Die Angelegenheit muß vor Zeugen klargestellt werden!"

Eben kam Olga aus ihrem Zimmer. Sie lächelte vergnügt:Bei mir fehlt gar nichts" Sie erschrak vor dem fahlen, starren Gesicht Marlenes, vor ihren angstvoll blickenden Augen.

Bitte, treten auch Sie ein, Fräulein von Za- brow!" rief Achim von Malten, und hinter allen schloß er die Tür.

Olga sah jetzt ebenfalls den Dolch; aber sie begriff gar nichts.

Achim von Malten fragte:Weshalb tust du so erschreckt und geheimnisvoll mit der Waste, Mar­lene? Bitte erkläre uns allen gemeinfam, wie du zu dem Dolch mit den reichlich unheimlichen Flecken kommst. Die offizielle Erklärung jetzt muß sein, sonst konnte ein Geklatsch entstehen. Eine junge Frau braucht dergleichen Waffen nicht."

Marlene konnte nicht lügen; sie wollte es auch nicht. Ihre Augen leuchteten plötzlich auf. Warum zögerte sie nur, die Wahrheit zu sagen? Achim ge­hörte der Dolch auf keinen Fall, bas wußte sie ja nun, unb er konnte folglich keine Unannehmlichkeiten baburch haben.

Aller Augen hingen an ihrem Munde.

Sie atmete schon ruhiger. Eigentlich war die Ge­wißheit Achim kannte den Dolch gar nicht doch ganz wundervoll. Freuen mußte sie sich darüber^ statt sich aufzuregen bis zur halben Besinnungs­losigkeit.

(Fortsetzung folgt.)

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