Aus der Provinzialhauptstadt.
Wichtige Lohnsteuerbestimmungen.
1. Bei Abführung der Lohnsteuer in bar oder durch Lieberweisung ist zu beachten:
s) Arbeitgeber, die im Kalenderjahr 1932 die Lohnsteuer ihrer Arbeitnehmer in bar oder durch Lieberweisung abgeführt haben, müssen für jeden am 31. DHember 1932 bei ihnen beschäftigt gewesenen Arbeitnehmer dem Finanzamt die Steuerkarte 1932 mit der vollzogenen Lohnsteuer-Bescheinigung auf der zweiten Seite derselben übersenden. Die Liebersendung hat bis zum 15. Februar 1933 an das Finanzamt zu erfolgen, in dessen Bezirk die Sleuerkarte 1933 ausgeschrieben worden ist. Die Sleuerkarten dürfen also diesen Arbeitnehmern nicht ausgehändigt werden.
b) Für die übrigen im Jahre 1932 bei ihnen beschäftigt gewesenen, aber vor dem 31. Dezember 1932 ausgeschiedenen Arbeitnehmer müssen die Arbeitgeber bis zum gleichen Zeitpunkt den Finanzämtern, in deren Bezirk die Steuerkarte 1932 ausgeschrieben worden ist. Lohnsteuer-Lieberwe sur.gsblätler übersenden. D.e Ausschreibung und Liebersendung von Lohnsteuer-Lieberweisungsblättern hat dann zu unterbleiben, wenn der Arbeitgeber bereits beim Ausscheiden des Arbeitnehmers eine vollständige Lohnsteuer-Bescheinigung auf der zweiten Seite der Steuerkarte 1932 ausgeschrieben hat. Bordru<ke zu den Lohnst :uer-L1eberweisungsblä!tern werden von den Finanzämtern unentgeltlich abgegeben.
2. Bei Berwendung von Steuermarken ist zu beachten:
Arbeitnehmer, für die im Kalenderjahr 1932 Steuermarken verwendet worden sind, sind verpflichtet, die in ihrem Besitz befindlichen Steuerkarten 1932 mit den mit Marken beklebten Cinlagebogen bis zum 15. Februar 1933 bei dem Finanzamt abzu- liesern, in dessen Bezirk sie am 10. Oktober 1932 gewohnt haben.
Besondere Lohnzettel sind außerdem einzureichen für Arbeitnehmer, deren Arbeitseinkommen im Kalenderjahr 1932 den Betrag von 9220 Mark überstiegen hat. Muster wer- den von den Finanzämtern abgegeben.
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— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute als 13. Freitags-Abonnementsvorstellung „3m weißen Rößl" von Müller- Benatzky unter der Spielleitung von Heinrich Hub. Anfang 19.30 Uhr, Ende nach 22.30 Uhr. Operettenpreise. — Sonntag, 8. Januar, 1b Uhr, zum letzten Mal Aufführung des Weihnachts- . märchens: „Aschenbrödel", sechs Bilder mit Gesang und Tanz von Görner unter der Spielleitung von I
Karl Dolck. 19 Uhr, zu ermäßigten Operettenpreisen, außer Abonnement, die erfolgreiche Ope- retten-Revue „3m weihen Rößl" in der Besetzung der Erstaufführung.
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•* Evangelisch - kirchliche Personalien. Durch die Kirchenregierung wurde dem Pfarrer Hugo Gundermann zu Obrr-Beer- bach die evangelische Pfarrstelle zu Domhrim, Dekanat Groß-Gerau, übertragen, und P ar er Hans D u r st zu Droh-Felda von dec Llebrrnahme der Pfarrstelle zu Langenhain, Dekanat Friedberg, entbunden.
*’ Gesellschaften mit beschränkter Haftung haben nach § 40 des G. m. b. H.-Ge- fitzes alljährlich im Monat Januar durch chre Geschäftsführer eine von ihnen unterschriebene Liste der Gesellschafter, aus welcher Raine, Borname, Stand und Wohnort der letzteren, sowie ihre Stammeinlogen zu ersehen sind, zum Handelsreg'stcr einzureichen. Sind seit Einreichung der letzten Liste Veränderungen hinsichtlich der Person der Gesellschafter und des Umfangs ihrer Beteiligung nicht eingetreten, so genügt die Einreichung einer entsprechenden Erklärung.
** Evangelische Frauenvereinsvor- stände tagen in Gießen. Zum erstenmal für Oberhessen soll in der Zeit vom 24. bis 27. Januar eine Arbeitstagung für Vereinsoorstände der dem Verbände Evangelisch-Kirchlicher Frauenvereine in Hessen angeschlossenen Frauenvereine stattfinden. Die Tagung wird im Vereinshaus der Inneren Mission, Hinter der Wesranlage 11, abgehalten. Die von auswärts kommenden Tagungsteilnehmer werden in Gießener Familien einquartiert. Zur Verhandlung stehen folgende Themen: „Vom wahren Opfer", „Wer ist mein Nächster?", „Die Stellung der Frau im öffentlichen und Berufsleben", „Das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", „Unsere Aufgabe im Dienst der öffentlichen Meinung". Als Referenten haben zugesagt Frau Heraeus, die Vorsitzende des Verbandes, Pfarrer Köhler (Darmstadt), Pfarrer Lic. Herrn e n a u (Potsdam) und Pfarrer Bremmer (Klein-Linden). Am 27.3anuar schließt sich an die Tagung die Hauptversammlung für Oberhessen an.
** O e f f e n 11 i d> e Bücherhalle. 2m Dezember wurden 1323 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 867, Literaturgeschichte 8, Zeitschriften 25, Gedichte und Dramen 9, Jugendschriften 113, Länder- und Völkerkunde 82, Kulturgeschichte 10, Geschichte und Biographien 98, Kunstgeschichte 6, Aaturwissen- schast und Technologie 57, Heer- und Seewesen 3, Haus- und Landwirtschaft 1, Religion und Philosophie 16, Staatswissenschaft 17, Sprachwissenschaft 3, Sport 6, Fremdsprachliches 2 Bände. Rach auswärts kamen 3 Bände.
Tagung der landwirtschaftlichen Genossenschaften Oer Abschluß der hessischen Landwirtschaftlichen Woche.
WSR. Darmstadt, 5. Jan. Der letzte Tag der diesjährigen Landwirtschaftlichen Woche war dem Genossenschafts gedan- ke n gewidmet. Die Reihe der Vorträge eröffnete Direktor Strasburger vom Verband der Hessischen Zentralgenossenschaft Darmstadt mit Ausführungen über
die Getreideverwerlung.
Der Redner betonte die Schwierigkeiten in der deutschen Getreideverwertung infolge der Um- gcstaltung der Weltgetreideversorgung. Wie in Deutschland, ist auch im Ausland die Getreideanbaufläche ganz erheblich vergrößert worden. Ein Glück, daß in diesem Jahre Rußland mit seiner Getreideernte vollkommen für den Weltmarkt ausfiel. Fast alle Produitionsländer haben einen weitgehenden Schuh für die Erzeugung und Verwertung ihres Getreides durchgeführt. Auch der deutsche Getreidebau verlangt mit Recht Schutzmaßnahmen. Der deutsche Bauer selbst sei erfreulich mitgegangen, um seine Produktion zu verbessern. Der Redner erinnerte an die Standardisierung, die auf den genossenschaftlichen Absatz belebend eingewirkt habe und noch weiter intensiviert werden müsse. Lim dem Getreidehandelsgesetz einen praktischen Wert zu verleihen, seien verschiedene Aenderungen notwendig. Die völlige Ablehnung der Getreideterminbörse durch einen Teil der Landwirtschaft schieße über das Ziel hinaus. Für Süddeutsd)land maßgebend seien vor allem die Frankfurter und Münchener Getreidenotierungen. Fast zwecklos seien die Mannheimer Getreidenotierungen. Die planmäßige Arbeit der Genossenschaften schaffe den Genossen — und damit auch den Richtgenossen — die Möglichkeit einer Preiskalkulation. Rach einem Llcberblick über die Maßnahmen zur diesjährigen Cmteverwertung kam der Redner zu dem Schluß, daß in Deutschland eine freie Getreidewirtschaft nicht mehr besteht. Getreidewirtschaft lasse sich von den übrigen Produktionszweigen der Landwirtschaft losg:löst nicht betrachten. Das in diesem Erntejahr Erlebte fordere gebieterisch Abhilfe.
Zuerst müsse das deutsche Volk seine eigenen Produkte aufnehmen und nur bei wirklich dringendem Bedarf importieren.
Mit reichsseitiger Hilfe sei eine für das ganze Wirtschaftsjahr gleichbleibende Preisregulierung für deutsches Getreide anzustreben, wodurch auch eine starke Verringerung der Preisschere möglich werde. Unbegründet sei die in gewissen Kreisen auftretende Gespensterseherei wegen der Forderungen nach einer planmäßigen Regulierung der Getreideproduktion.
Das genossenschaftliche Geld- und Kreditgeschäft in der Krise
behandelte Direktor Feldmann, Köln. Er ist der Meinung, daß mit der Deflation bereits der zweite Teil der Wirtschaftskrise eingetreten sei. In der Krise reagieren die Genossenschaften nicht anders, als Danken und Sparkassen in bezug aus Vermögen, Wirtschaftlichkeit, Liquidität und im persönlichen Verhältnis zum Kunden, also den Genossen. Wenn auch im einzelnen verschieden, iy müsse objektiv festgestellt werden, daß es gelungen sei, im genossenschaftlichen Geld- und Kreditwesen den Krisenfolgen so zu begegnen, daß namhafte Rachteile für die Genossen vermieden werden konnten. Gewisse Der- Inste bei den Genossenschaften entstanden aus vier Hauptursachen: aus einer schicksalhaften Wirt
schaftskrise, aus betriebswirtschaftlichen Fehldispositionen, aas mangelnder Zahlungswilligkeit und aus einer Umkehrung der moralischen und geschäftlichen Begriffe. Bei Behandlung der.Ver- lustdcckung bestätigte der Redner, daß die kleinen Kreditgenossenschaften mit geringem bankmäßigen Einschlag sich als sehr krisenfest erwiesen haben. Dem genossenschaftlichen Gedanken liege jeder Zwang, auch in der Zinsfrage — heute bestehe vielfach eine Zinsspanne von 3 bis V2 Prozent — im Prinzip fern. Das nach der Tankenkrise zutage getretene Mißtrauen in die Kreditgenossenschaften sei verschwunden. Entgegen treten müsse man dem „Schwarzhandel" mit Kapital, der sich versteckt breitmache.
Da existenzfähig, fei das genossenschaftliche Geld- und Kreditgeschäft zur Rettung der Landwirtschaft unbedingt notwendig.
Aus der Erkenntnis gemachter Fehler müsse das genossenschaftliche Geld- und Kreditwesen die Folgerungen ziehen und das ihm gebührende Vertrauen noch weiter festigen, indem es in erster Linie für den Genossen arbeite.
Rachm) tags fand die Tagung des Verbandes der Hessischen Landwirtschaftlichen Genossenschaften und ihrer Zentralgeschäftsstelle statt. Verbandsdireltor Berg wies einleitend darauf hin, daß das abgelaufene Jahr die allseitig erhoffte wirtschaftliche Gesundung und politische Beruhigung nicht gebracht habe. Selbst wenn man optimistischen Voraussagen für die Zukunft folge, bleibe nur die Hoffnung auf einen langsamen Aufstieg. Große Sorge erwecke das Absacken der Preise für landwirtschaftliche Produkte, für die durchgreifende Schutzmaßnahmen zur Wiederherstellung eines rentablen Betriebs ergriffen werden müßten.
Trotz der starken Stürme, die das Genossenschaftswesen ausgehalten hätte, sei es in hessischen Organisationen nirgends zu einem nennenswerten Schaden gekommen und kein Zusammenbruch einer Kreditgenossenschaft zu verzeichnen.
Ende 1932 gab es 1118 Genossenschaften gegenüber 1115 im Jahre 1931.
Anschließend sprach Generalsekretär Dr. H i l - lemann über grundsätzliche genossenschaftl.che Fragen, wie die Tätigkeit des Zentralverbandes als Revisionsverband, über Rentabilität, Dilancierung und Einstellung von Zwangsvollstreckungen. 1932 seien 75 Prozent der angeschlossenen hessischen Genossenschaften revidiert worden, womit die hie und da geäußerte Kritik am genossenschaftlichen Revisionswesen Wegfälle.
Die Bestrebungen zur Zinssenkung im Rahmen des wirtschaftlich Möglichen werden vom Zentralverband warm unterstützt.
Tatsächlich sei das Zinsniveau bei allen Kreditinstituten, insbesondere bei den Kreditgenossenschaften, fühlbar gesunken. Abschließend betonte der Redner, daß eine Inflation von der Geldseite her nicht im Bereich der Möglichkeit liege und eine Beunruhigung in dieser Richtung jeglicher Begründung entbehre.
Direktor Dr. Winckler- Krämer behandelte das genossenschaftliche Geldgeschäft. Er teilte mit, daß sich das Geschäft der Landes-Genossenschaftsbank im abgelaufenen Jahr im Umfang des Vorjahres gehalten habe, sogar ein kleiner Einlagenzuwachs sei zu verzeichnen. Die Liquidität habe sich weiter gebessert.
Durch die Zinssenkung feien der hessischen Landwirtschaft erhebliche Summen erhalten geblieben.
Der Redner behandelte zum Schluß die technische Seite der Verwertbarkeit der Steuergutscheine.
Zum Schluß sprach Direktor Strasburger über das genossenschaftliche Warengeschäft, das in 1932 bei der Zentralgenossenschaft wertmäßig zurückgegangen, infolge des Preisrückgangs fast aller Produkte jedoch mengenmäßig gleich geblieben sei. Der Redner behandelte dann eingehend die Verwertung der einzelnen landwirtschaftlichen Produkte. Insbesondere müsse durch Rücksichtnahme auf die örtlichen Vorschriften noch eine bessere Absatzmöglichkeit den einzelnen Landwirten erschlossen werden.
Verbandsdirektor Berg schloß die Tagung mit einem Appell, an der genossenschaftlichen Verwertung landwirtschaftlicher Produkte feftzuhalten und ihr neue Impulse zu geben.
Landfrauen-Tagung.
Die Landfrauen hatten mit ihrer D er • banbstagung im Saale der „Krone" eine Ausstellung von Wollen, Wollwaren, Handarbeiten und Geräten verbunden, die Zeugnis ablegte für den im Bauernhaus herrschenden Fleiß, auch der jungen Generation alte Tugenden und verdienstbringende Arbeiten der Landfrau zu übertragen. Racb mehreren Glückwunschansprachen, in denen das schwesterliche Zusammenhalten von Land- unb Stadtfrau warmen Ausdruck fand, sprach Dr. Dender von der Landwirtschaftskammer Darmstadt über die neuesten Bestrebungen der deutschen Schafzucht zur Hebung der Wollverwertung, ein Gebiet, auf dem in Deutschland noch vieles zu erreichen ist. Erste Erfolge träten bereits zutage und spornten an zu weiterer Arbeit. Den Schluß der Tagung, durch Vorträge verschönt, bildete der Werbefilm „Fleißige Hände".
Kolportageroman vor hundertZahren.
Wie Wilhelm Hauffs „Mann im Mond" entstand.
Anknüpfend an Georg Kaisers „Kolportage", bei der es nicht klar war, ob es sich von Haus ans um eine Parodie handelte, oder um ein ehrlich gemeintes Jugendwerk, das witzig in eine Satire verwandelt war, erzählt Prof. H. H. H o u b e n sehr anschaulich in den „Preußischen Jahrbüchern" die Geschichte eines berühmten literarischen Präzedenzfalls von Wilhelm Hauffs berühmtem Roman „Der Mann im Monde". Er schildert zunächst sehr anschaulich die Szene, wie der junge Hauff als taten- und erfolgdurstiger Autor bei einem Besuch bei dem Verleger Gottlob Franckh in Stuttgart dazu gekommen ist, den „Mann im Monde" zu schreiben. Hauff war im Frühjahr 1825 Theologie-Kandidat und Hauslehrer, als er dem Verleger den ersten Teil seiner „Memoiren des Satan" brachte. Der Verleger, eine groteske Figur im ausgefransten Flauschrock, wegen seiner Derbheit berüchtigt, sah fid) den jungen frischen Burschen, so muß man sich diese Begegnung vorstellen, mißtrauisch an, schnüffelte in dem Manuskript herum und warf es auf den Schreibtisch, wo Bücher, Papiere, Wäsche, Geld, ein Stiefelknecht, Hosenträger, Brot und Wurstzipfel wild durcheinander lagen. Rach einer Einleitung fragte er den jungen Autor: „Memoiren des Satan? — wo haben Sie den Titel gestohlen? Das wird jedenfalls das Beste an dem ganzen Plunder sein. Ich habe nur so hineingerochen — viel zu literarisch, junger Mann! Wer liest denn das? Und Geld wollen Sie am Ende auch noch für den Schmarren?" „Aber sehr!" meinte der andere eifrig. „Sie — stapeln Sie bei mir nicht hoch! Sie sind wohl der Herr von Goethe junior? Schiller wäre mir lieber. Noch besser der Herr Postrat da oben in Berlin, Heun heißt er ja wohl und Clauren schimpft er sich. Der kleistert so den rechten klebrigen Zucker für die Lesefliegen. Jeder- Ladenschwengel geht mit seiner „Mimili" zu Bett! Das Zeug ist zwar zum Speien — aber Pinke, Pinke! So was können Sie nicht!" .Kunststück!" lachte Franckhs Visavis überlegen. „Können Sie —?!" Die listigen Aeuglein des Verlegers begannen feucht zu glänzen. Hauff legte fein Gesicht in geschäftsmäßig würdige Falten. „Wenn Sie mir zwei Goldfüchse für den Bogen zahlen, haben Sie in sechs Wochen einen Roman, der denen von Clau- ren zum Verwechseln ähnlich sehen soll. Er braucht ja nicht gerade unter meinem Namen zu erscheinen." Der Verleger beugte sich wie erschrocken vor und starrte seinen Besucher eine Weile wortlos ins Gesicht. Dann erhob er sich langsam: „Zwei Louisdors?! — Ein Schwarzwälder Kirsch gefällig? — Jetzt nicht? Schampus kann ich Ihnen nicht vor- fctzen. Also abgemacht: wenn — dann! Den Vertrag über das Satansbuch und den neuen Clau- ren kriegen Sie morgen. Und nun ziehen Sie mit Gott und fangen Sie gleich heute an. Sechs Wochen, junger Goethe! Keine Stunde länger! Ich bin pünktlich wie der Teufel hinter der armen Seele — grüßen Sie ihn von mir." — Der junge Dichter mag, als er wieder zu Haus war, über seinen Erfolg etwas in Verlegenheit geraten fein, aber er mußte zeigen, was er konnte. Er kramte in alten Papieren,
und da fand sich aus seiner Tübinger Stiftlerzeit der Anfang einer Novelle, die er nicht weiter fortgesetzt hatte. Es war immerhin schon ein fertiger Bogen, und sechs Wochen später war der neue Roman im Manuskript fertig, sogar zwei Bände stark.
Etwas anderes allerdings war daraus geworden, und Franckh hatte laut aufgelacht vor Vergnügen, als er die neue Pointe erfuhr: das gab eine Sensation, Cotta platzte vor Neid! Bei der Arbeit war dem jungen Dichter doch etwas katzenjämmerlich zumute geworden, er fühlte stets so was wie einen faulen Geschmack im Munde. Als er ungefähr die Hälfte des Romans fertig hatte, packte er das Manuskript unter den Arm und brachte es feinem Gönner, dem allmächtigen Redakteur des Stuttgarter „Literaturblatts", Wolfgang Menzel. Der las es und ranzte ihn nicht schlecht an: „Schämen Sie sich denn nicht? Wollen Sie auch dem Berliner Postrat nachahmen? Können (pie denn nicht höher- sliegen? Haben wir an solchem Schweinezeug nicht übergenug?! — Aber das sieht dem Franckh ganz ähnlich: Schundware, schlechter Druck, billiger Preis — nur Umsatz, Umsatz! Und mit diesem skrupellosen Geschäftsmann haben Sie paktiert?!" Menzel trommelte erregt mit den roten Fingern auf den Tisch. Peinliche Pause. Dann ging er ans Fenster und legte die Stirn an die Scheiben. Plötzlich drehte er sich um und schmunzelte diabolisch: „Es gibt einen Ausweg, junger Freund. Kehren Sie den Spieß um! Tragen Sie die Claurensche Soße noch stärker auf, lassen Sie dann das Buch einfad) unter Claurens Namen erscheinen, und jeder wird sagen: Sie haben eine köstliche Satire geschrieben!" So geschah es, es entstand, nach Menzels Urteil „ein Machtwerk ganz ä la ©lauten, und zwar im vollen Ernst so gemeint: die eigentliche Satire kommt erst in der zweiten Hälfte durch deutliche Uebertreibungen zum Ausdruck, die erst nach der Unterredung mit Menzel dem neuen Programm entsprechend geschrieben war. Der „Mann im Monde" machte Sensation, die Ahnungslosen, fast die gesamte Leserschaft, verspeisten das neue Gericht aus der Südelküche des Berliner Postrats mit Gier, und die literarische Kritik erklärte es für fein bestes Werk! Die wenigen Eingeweihten wieherten vor Vergnügen. Clauren selbst erließ eine „Warnung vor Betrug" und verklagte den Verleger wegen'Fälschung und literarischen Diebstahl. Das zuständige Eßlinger Gericht verurteilte den Verleger zu 50 Taler Strafe und den Kosten: außerdem erhielt jeder Käufer das Recht, das Buch wiederzugeben und sich die drei Taler zurückzahlen zu lassen, so daß der Verleger arg in der Patsche saß. Hauff aber holte zu einem neuen Streich aus, indem er eine „Kontrove r s- predigt über H. Clauren und dem Mann im Monde, gehalten vor dem deutschen Publikum" veröffentlichte, in der er mit Witz und Humor, mit Ernst und Entrüstung, den die Instinkte des Lesepöbels ausnutzenden Autor bloßstellte. Ein neuer Versuch Claurens, das preußische Oberzensur-Kollegium gegen den verhaßten jungen Dichter mobil zu machen, blieb ohne Erfolg.
Buntes Atlerlet.
Oie zwölf besten Romane.
Eine Umfrage, die sich nicht gerade durch Reu- heit auszeichnet, aber immer wieder auf Interesse rechnen kann, ist von der englischen Zeitschrift „The Book Window“ veranstaltet worden. Sie lautet: Welches sind nach Ihrer Meinung die zwölf besten Romane? Unter andern richtete sich die Frage an eine Anzahl hervorragender Schriftsteller, Darunter an H- ®- Wells und Ber- narb Shaw. „Ich liebe nicht, die Bücher in Kategorien einzuordnen und zu sagen, welches das größte und welches das kleinste ist", schreibt H. G. Wells. „Es ist, als ob man mich fragte, welches das Meisterstück der Ratur ist: die Spitzmaus oder der Elefant, die Zeder oder das Veilchen." In ähnlicher Weise verwahrt sich zunächst Dernard Shaw gegen die Beantwortung der Frage. „Das ist ein unlösliches Problem", schreibt er. „Riemand hat alle Bücher gelesen, ja nicht einmal alle Romane, und Sie Können daher nichts anderes zur Antwort erhalten als eine Liste, die aus denjenigen zusammengestellt ist, die der Befragte gelesen hat oder deren er sich erinnert.“ Richtsoestoweniger stellt Shaw eine solche Liste zusammen, die freilich nach seinen eigenen Worten durch beliebig viele andere gleich große Werke ergänzt werden kann. Sie lautet: „Don Quijote", „Robinson Crusoe", „Tom Jones", „Der Landprediger von Wakefield", „Ma- non", „Jvanhoe" und „Rod Roy", „Die kleine Dorrit", „Candide", „Gullivers Reisen", „Die Elenden", „Tausendundeine Rächt".
Ein Museum der Kleider.
Cs ist höchst verwunderlich, daß Paris, die beherrschende Stadt der Frauenmode, bis zum heutigen Tage kein Kleidermuseum besitzt. Aber während alle anderen historischen Erinnerungsstücke sorgfältig gesammelt, katalogisiert und in Museen ausgestellt wurden, ist es bis heute noch nicht gelungen, eine wirklich bedeutende Sammlung der Mode vergangener Jahrhunderte zusammenzubringen. Ein Plan, diese Lücke auszufüllen, zielt dahin, ein solches Museum in dem Schloß von Sceaux, unmittelbar vor den Toren von Paris, zu errichten. Reiche Sammlungen dafür sind bereits vorhanden und es gilt nun, sie in den geeigneten Räumen zur geeigneten Aufstellung zu
bringen. Unter den vielen Gründen, die von den Förderern dieses Planes geltend gemacht werden, wird auch darauf hingewiesen, wie sehr dadurch die Datierung unbekannter Kunstwerke erleichtert wird, wenn das Kleid der porträtierten Persönlichkeit festgestellt wird. Außerdem würde der Wert des neuen Museums nicht zuletzt darin bestehen, daß es viele außerordentlich malerische Trachten, die bis vor kurzem in verschiedenen Teilen Frankreichs noch getragen wurden, vor dem völligen Verschwinden bewahrt.
Aussterbende Segelschiffe.
Wie die gesamte Weltschiffahrt, so hat auch die Segelschiff-Flotte unter der schweren Weltkrise zu leiden, und ihr Rückgang hat sich in letzter Zeit so schnell vollzogen, daß man wohl schon von den letzten Segelschiffen sprechen kann. Deutschland hat heute, wie in einem Aufsatz der Illustrierten Wochenschrift „Die Umschau" ausgeführt wird, noch sechs große Raa-Segler, von denen aber nur fünf fahren. Trotzdem besteht die deutsche Seglerflotte nach amtlichen Zählungen immer noch aus 1533 Seglern mit zusammen 148 000 Tonnen: es handelt sich hier fast nur um kleine Küstensegler, die die Ostsee meist nicht verlassen Doch haben sich auch sie die Errungenschaften Der modernen Technik in weitgehendem Matze nutzbar gemacht, indem schon 1276 von ihnen mit Motor ausgerüstet sind. Heute bildet Finnland das Paradies der Segelschiffe: seine Reedereien kaufen die ausrangierten Segelschiffe aus aller Welt zusammen. Seine Seglerflotte umfaßt fast 100 grotze Raa-Segler, die ständig die Ozeane durchkreuzen und hauptsächlich nach Australien segeln. Daß Finnland diesen Segelschiff bestand sich erhalten konnte, ist sowohl den sehr billigen finnländischen Löhnen, als auch dem Umstand zuzuschreiben, daß diese Fahrzeuge Passagiere gegen Zahlung von 1000 Mk. auf ihren großen Uebersee-Reisen mitnehmen: von dieser billigen Reisegelegenheit wird gern Gebrauch gemacht. Ganz anders hat sich die Segelschiff- Flotte Rorwegens entwickelt: während dieses Land vor dem Kriege alte Segelschiffe in do- ganzen Welt zusammenkaufte, ist heute überhaupt fein großer Segler mehr in seiner Flotte zu finden.


