einem Rätsel. An den Zufall oder das sogenannte Gesetz der Serie will man nicht glauben,
man neigt vielmehr zu der Ansicht, das; böswillige Brandstiftung vorliegl. Sie erklären es als ausgeschlossen, daß das Jener so rasch sich über das ganze Schiss ausbreiten konnte, wenn nicht mehrere Brandherde vorhanden gewesen wären. Anders ist es auch nicht zu erklären, daß die Besatzung, im Schlafe überrascht, buchstäblich nur das nackte Leben reiten konnte.
Da das €A:ff verloren ist, werden sich natürlich keine Beweise dafür finden lassen, aber durch die eingeleitece >.renge Untersuchung wird sich vielleicht feststellen lassen, ob andere Erklärungen für die Ursache der Katastrophe stichhaltig sind oder nicht. Eine Kommission von Spezialisten wird mit den Einzelun tersuchungen betraut. Der Verlust der „Atlantique" trifft die Londoner City sehr schwer, da die englischen Gesellschaften natürlich den größten Anteil der Versicherung übernommen haben. Der auf dem Londoner Markt liegende Versicherungsanteil soll 1 bis 2 Millionen Pfund Sterling betragen. Die Versicherungsverträge wurden erst vor kurzer Zeit abgeschlossen und anch der französische Staat scheint daran beteiligt zu sein.
Der Schiffahrtskonzern Chargeurs r^unis, dem die Reederei des Schiffs, die Compagnie Südatlantique. gehört, war vor einiger Zelt in finanzielle Schwierigkeiten geraten und mutzte unter finanzieller Beteiligung der französischen Regierung saniert werden. Dabei scheint der Staat einen großen Teil der Haftung für das Schiff übernommen zu haben.
Der Bau der „Atlantique" hat etwa 800 Millionen Franken gekostet, lieber den unerhörten Luxus, mit dem der Dampfer ausgestattet war, gibt in einem Berliner Blatt der Leiter des Berliner Rednerseminars, der sich kürzlich auf einer südamerikanischen Bortragsfahrt auf dem Dampfer „Atlantique" befand, eine anschauliche Schilderung: Wenn man durch einen der beiden bequemen Zugänge den Luxusdarnpfer mit seinen zwölf Decks betrat, so befand man sich nach wenigen Schritten im Innern einer riesigen etwa achtzehn Meter hohen Hotelhalle. Don hier aus ging nach beiden Seiten längs des Schiffes eine 150 Meter lange und zehn Meter breite Straße. Je zwölf Läden und zahlreiche Auslagen befanden sich zu beiden Seiten dieser Avenue, hier standen elegante Limousinen zum Verkauf, hier hatte ein großes Pariser Modehaus die neuesten Schöpfungen ausgestellt, nebenan zeigte eine große Gärtnerei ihre herrlichsten Züchtungen nordischer und südländischer Fauna. Parfümerie- und Juweliergeschäfte, Babyausstattungen, Bedarfsartikel der eleganten Welt reihten sich in verschwenderischer Fülle in dieser Prachtallee aneinander. Täglich promenierten hier die Passagiere. Richt weit davon durch einen hohen mit Portieren behängten Bogen gelangte man in den einzig schönen Speisesaal. Unwahrscheinlich dicke Läufer und Teppiche dämpften die Schritte in diesem hohen Raum. Im Salon des Schiffes sah man einen außerordentlich wertvollen Gode- I i n aus dem 17. Jahrhundert. Die Franzosen waren auf dieses Schiff besonders stolz. In letzter Zeit hörte man allerdings wiederholt Klagen darüber, daß die „Atlantique" sich nicht mehr rentiere, da sie durch ihre allzu luxuriöse Ausstattung nicht mehr genügend Passagiere fand.
Die,,Ailanlique" treibt vor der englischen Küste.
London, 5. Jan. (WTB.) Der brennende französische Dampfer „Atlantique" wurde Donnerstag 3.30 Uhr, wenige Meilen von der Küste entfernt bei Portland Bill gesichtet, nachdem er durch den Wind 50 bis 60 Meilen von der gestrigen Unglücksstätte nach dem Norden getrieben worden war. Tausende von Menschen sehen von den Klippen dem ungewöhnlichen Schauspiel zu. Ein französisches Kriegsschiff und acht Schlepper begleiten das Wrack. Die Schlepper versuchten, in das Innere des Schiffes Wasser zu pumpen. Weiße
Dampfwolken hüllen das Schiff ein, aus dessen Hinterem Ende weitere Rauchwolken aufsteigen. Versuche, das Schiff ins Tau zu nehmen, um es an die englische Küste nach Weymouth zu schleppen, sollen noch nicht geglückt sein. Immer neue Rauchwolken steigen aus dem Heck auf. Die gesamten Decks sind eingestürzt. Der Vordermast ist umgefallen. Die Seitenwände find noch immer stellenweise rotglühend.
Die Entschädigungssumme in höhe von 1.2 Millionen Pfund ist am Donnerstag von Lloyds Underwriters beglichen worden. Der Verlust ist einer der größten der letzten Jahre. Da die „Atlantique" er st vor kurzem versichert worden ist, hatte man noch nicht aenügenö Franken zur Deckung der Versicherungssumme angesammelt, so daß viele Versicye- rungsteilhaber heute Franken-Käufe an der Börse vornehmen mußten.
Inzwischen wird in Cherbourg die Vernehmung der geretteten Besatzung fortgesetzt. Aus den Aussagen der Matrosen und vor allem des zweiten Kapitäns scheint hervorzugehen, daß man einen Kurzschluß a l s Ursache des Feuers für möglich hält. Der zweite Kapitän erklärte, daß das Schiff sehr stark geschlingert habe, weil es weder Passagiere noch Ladung und nur einen Bruchteil feiner üblichen Besatzung an Bord hatte. Man habe außerdem bereits einmal feftgefteüt, daß bei starkem Schlingern ein elektrischer Draht gerissen sei. Handelsmarineminister Meyer scheint ebenfalls zu dieser Auffassung zu neigen. Er schaltet jedenfalls von vornherein jeden verbrecherischen Anschlag aus.
Oank an die Hapaq.
Hamburg, 5. Jan. (WTB.) Die Hamburg- Amerika-Linie hat von der Compagnie de Navigation Sudatlantique folgendes Telegramm erhalten: „Tiefgerührt über Ihr Telegramm danken wir Ihnen aufrichtig für Ihre herzliche Anteilnahme und für die durch Ihr Motorschiff
„R u h r" in so hohem Maße bewiesene Solidarität der Schiffahrt."
preffehehe in Paris.
Elende Verleumdungen deutscher Reeder.
Paris, 5. 3an. ($11.) 3n der Pariser Presse wird übereinstimmend eine scharfe Untersuchung gefordert. Man hebt die e i g e n t ü m- liche Liebereinstimmung hervor, die zwischen dem Brand -der „Atlantique" und des „Georges Philippar" bestehe. Bei beiden Schiffen wurde das Feuer in den frühen Mvrgen- st u n d e n entdeckt, und bei beiden brach es i n einer unbeseh ten Kabine 1. Klasse aus. Weiter waren in beiden Fällen die Funkstationen fast vom Beginn an unbrauchbar. Die „Action Fran^aise", das Blatt der französischen Royalisten, schreibt, daß die französische Landesverteidigung zwei bedeutende Einheiten des allgemeinen Mobttmachungs- planes verliere. Die „Liberte" bestätigt diese kriegerische Rebenbestimmung der beiden vernichteten französischen Ri^endampfer und erklärt in diesem Zusammenhang, daß die Spionage- abwehrdeseinen oder anderenStaa- t e s, der etwa einen Angriff gegen Frankreich vorbereite, Vorteil durch die Beseitigung dieser beiden Schiffe gehabt haben fornte. Dieses wäre eine Erklärung, es gebe aber auch noch eine andere. Dor dem Kriege habe ein bekannter Reeder Frankreichs berichtet, daß gewisse deutsche Schiffahrtsgesellschaften sich nicht davor gescheut hätten, in Le Havre Agenten zu unterhalten, die beauftragt waren, die Besatzung der französischen Schiffe zum Streik aufzuwiegeln am $age vor dem Eintreffen deutscher Schiffe aus Hamburg, so dah die Fahrgäste von den deutschen Schiffen übernommen werden sollten. Aber Frankreich könne doch jetzt nicht als Gegenmatz- nahme ausländische Schiffe in Brand stecken.
Calvin ßooliöget-
Oer Präsident der Prosperity.-Einem Herzschlag erlegen.
Reuyork,5. Jan. (WTB.) wie aus Rorlhamp- fon gemeldet wird, ist der frühere Präsident Calvin Coolidge heule g e st o r b e n. Er wurde in seinem heim von seiner Frau, die vorübergehend abwesend war, tot aufgefunden, heute morgen hatte Coolidge sich wie gewöhnlich in sein Büro begeben, war jedoch gegen 10 Uhr wieder nach Hause gegangen. Als er von feiner Frau gefunden wurde, war der Tod vermutlich bereits vor einer viertel st unde eingetreten. Seit etwa 2 bis 3 Wochen hatte Coolidge unter einer Wagenerkrankung zu leiden. Als Todesursache wird eine herzaffektion angenommen.
Die politischen kreise wurden durch den unerwarteten Tod des früheren Präsidenten Coolidge blitzartig getroffen. Den Präsidenten Hoover erreichte die Todesnachricht während eines Frühstücks mit Stimfon. Hoover hat sich entschlossen, einen Volksaufruf herauszugeben, in dem eine a 11 g e - meine Volkstrauer von 30 Tagen gefordert wird. Alle Gebäude haben halbmast geflaggt. Der Kongreß wurde sofort vertagt, wie noch bekannt wird, foll Coolidge in den letzten Wochen mehrfach über fein Befinden geklagt haben, ohne dah er jedoch diesem Zustande grohe Bedeutung beigemessen hat. Wan sand den Präsidenten in dem zu seinem Schlafzimmer führenden Flur. Coolidge ist anscheinend auf einem Stuhle sitzend vom Tode ereilt worden und dann auf den Boden gesunken.
Calvin Coolidge wurde 1872 in dem Dergdörs- chen Plymouth im Staate Vermont als Sohn eines Farmers geboren. Er studierte Mathematik und später Rechtswissenschaften. 3m Alter von 27
3ahren war er bereits Präsident einer Bank in Rockhampton, später trat er in den Dienst der Kommunalverwaltung, wurde Dürgermei, eSe- natvr und schließlich sie vertvee.i'cer Gouverneur von Massachusetts (1916 bis 1918). Als Gouverneur wurde dann Coolidge über die Grenzen des Staates durch die Unterdrückung des Streikes ter Bostoner Polizisten im 3ahre 1919 bekannt. Den Gouverneurposten behielt er bis zum März 1921.
Damals wurde Harding zum Präsidenten und Coolidge zum VizepräsidentenderDer- einigten Staaten gewählt. Als Harding 19 Monate vor Ablauf seiner Amtszeit starb, folgte ihm Coolidge im August 1923 automatisch nach der Verfassung im Am le nach. 3m Srmmer lll21 wurde er f ü r dieReuwahl alsKan- dida t der Republikaner ausgestellt und am 4. Rovember 1924 mit sehr großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt.
Der große Schweiger, so hieß der Präsident, weil er in seiner politischen Tätigkeit und auch im polittschen Kampse die Taktik des Schweigens zur höchsten Kunst ausgebildet hatte, erfreute sich, zumindest in den ersten beiden Gruppen seiner Amtszeit, ganz außerordentlicher Beliebtheit. 3n jene Zeit fiel die Hochblüte der amerikanischen Prosperität mit all ihren Folgeerscheinungen auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiet.
Coolidges entschiedene Ablehnung des Völkerbundes, sein energisches Eintreten für die Ab- rüstung und sein Standpunkt, daß die Kriegsschulden der Alliierten bezahlt werden müßten, kennzeichnen seine außenpolitischeHal- tung. Das Scheitern der amerikanischen Polittk auf der Genfer Seeabrüstungskonferenz bestimmten Coolidge, bei der neuen Präsidentenwahl im 3ahve 1928 nicht mehr zu kandidieren. Er schlug als Rachfolger Herbert Hoover vor, der auch
mit großer Mehrheit gewählt wurde. Er selbst übernahm dann den Posten des Direktors der Reuhorker Life 3nfurance. 3n Rorthampton (Massachusetts), wo er lange 3ahre als Advokat, Bankpräsident, Bürgermeister und Gouverneur gewirkt und wo er sich nun niedergelassen, ist er unerwartet an einem Herzschlag verschieden.
Aus aller Wett.
Justizrat Dr.h.c. Albert pinner f.
D" bekannte Berliner Jurist Justizrat Dr. h. e zllbert Pinner ist in Dresden, wo er sich zu einem kurzen Erholungsurlaub aufhielt, wenige Monate nach Vollendung des 75. Lebensjahres ge- ft o r b e n. Pinners überragende Bedeutung lag fo» roobl auf wissenschaftlichem wie auf anroaltsberuf- lidjem Gebiet. Das bekannteste feiner Werke ist der von Staub begonnene, von ihm fortgesetzte große Kommentar zum Handelsgesetz» buch. Bekannt sind weiter die Kommentare zum Aktienrecht und zum Gesetz über den unlauteren Wettbewerb. Neben einer umfangreichen Anwasts- prayis widmete er sich mit Eifer und Hingabe den allgemeinen Interessen feines Berufsstandes. Er roar über zehn Jahre lang Vorsitzender des Berliner Anwaltsoereins.
Ehrenmal für die „Jllobe^Opfet in kiel geplant.
Aus dem Marine-Chrenfriedhos, auf dem die bisher geborgenen Opfer des untergegangenen Schulschiffes „R i o b e" beigesetzt sind, solß wie verlautet, ein E h r e n m a l zur Erinnerung an die Katastrophe errichtet werden. Reben einer Grünanlage soll jedes Grab mit einem Stein geschmückt werden. Auf einer besonderen Gedenktafel sollen die Ramen der nicht geborgenen Besatzungmitglieder der Rachwelt erhalten werden. Das Mal soll am ersten Jahrestag des Untergangs — 26. 3uli — eingeweiht werden.
Die Klage gegen Marlene Dietrich zurückgezogen.
Der Streit zwischen Marlene Dietrich und der Paramount-Film-Gesellschaft in Hollywood hat eine neue Wendung genommen. Die Gesellschaft hat ihre Klage auf Zahlung von 200 000 Dollar Entschädi- wegen Kontraktbruches zurückgezogen, und Marlene Dietrich hat sich bereit erklärt, zur Arbeit zuruckzukehren. Der Vertrag mit ihr läuft noch sieben Wochen.
Große Sturmverheerungen an der norwegischen Küste.
Der Sturm, der seit mehreren Tagen an der vorweg.schen Küste herrscht, hat große Verheerungen angerichtet. 3n der Gegend von Haugesunt wuchs der Sturm zum Orkan, Schiffe, die vertäut im Hasen lagen, wurden losgerissen. 3n Romsdal wurden ganze Wälder vom Sturm niedergekveht. Mehrere Städte und Dörfer sind ohne elektrischen Strom, die Telephonleitungen sind unterbrochen. Alle Rettungsstationen an der Küste sind Tag und Rächt in Alarmberettschaft, da man Schiffsunglücke befürchtet.
Drei Kinder erstickt.
Wie „Az Est" meldet, spielten in einem Budapester Vorort drei in der Wohnung allein gelassene Kinder eines Feuerwehrmannes im Alter von einem. Zwei und vier Jahren mit dem Feuer. Dabei gerieten die Möbel in Brand, und alle drei Kinder erstickten.
Autobus vom Schnellzug erfaßt.
Ein mit zehn Personen besetzter Autobus wurde in der Nähe der tschechischen Station Luzic von einem Schnellzug erfaßt und zertrümmert. Drei Personen waren auf der Stelle tot, fünf wurden schwer verletzt, zwei leicht.
Kohlenstaubexplosion.
In der Chemischen Fabrik von Eugen Schwarz in Ratingen bei Düsseldorf ereignete sich eine Koh - lenstaubexplosion. Durch die Stichflammen wurde ein Arbeiter fo schwer verletzt, daß er bald darauf ft a r b. Ein weiterer Arbeiter mußte mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Ein dritter wurde leicht verletzt. Der Brand konnte schnell gelöscht werden.
Dos Walroß Rickelmami.
Von Paul Eipper.
Wir sind alte Bekannte. Es mögen vier Jahre her sein, als die Walroßkinder vorn hohen Norden, aus dem Polarmeer nach Stellingen tarnen.
„Das find treuherzige, nach Zärtlichkeiten bettelnde Burschen, die ihre dicken Kugelköpfe komisch ernsthaft aus dem Wasser heben und ihre kleinen, tränenfeucht glänzenden Augen verlangend auf den Menschen riqjten. Was ist das für ein Grunzen, bis sie endlich ihre wulstigen Lippen durch das Sieb des Stoppelbartes an meine Hand pressen können, an meinem Daumen schmatzen und saugen", so schrieb ich am ersten Abend in mein Tagebuch.
Der kleine Bulle war damals etwa einen Meter lang. Als ich ihn jüngst wieder besuchte, schätzte ich aus gut drei Meter vom Kopf bis zum lächerlichen Stummelschwanz, und er wird wohl noch anderthalb Meter weiterwachsen, dieser rotlich-leder- farbene Nickelmann.
Wenn man Jahre hindurch die Entwicklung eines Meersäugetieres verfolgt, kommt man zu der lieber-- zeugung, daß alle diese Robben merkwürdig klug sind, beweglich und voller Neugier. Ich werde nie vergessen, wie aufmerksam mich ein kleiner Seehund beobachtete, als ich im Nachbargehege mit den jungen Walrossen spielte. Er selbst war zu scheu, um aus seinem Wasserloch herauszukommen; aber die großen, schwarzen Augen verfolgten fast sehnsüchtig jede Bewegung. Als ich gar den Fischeimer holte, von der watschelnden Walroßherde gefolgt, nach der Felsenhöhle ging, da hat sich der kleine Seehund senkrecht im Wasser hochgestellt, ist wie sein eigenes Denkmal unbeweglich dagestanden.
Walrosse rutschen nicht, sie gehen an Land auf ihren vier Beinflossen, nicht allzu geschickt, doch fördernd und schnell. Sie lieben sehr die Bequemlichkeit, betten sich eng nebeneinander und stützen den Kopf auf das Fettpolster des nachbarlichen Rückens. Sie haben einen ausgesprochenen Gemeinschaftssinn und sind auch durchaus fähig, ihren menschlichen Kameraden zu lieben. Ich nehme die Behauptung meiner ersten Tagebuchnotiz auch nach vierjähriger Beobachtung nicht zurück: ein Walroß ist für Zärtlichkeit sehr empfänglich!
Dabei weiß ich wohl, daß die ausgewachsenen Bullen und Muttertiere, broben im Eismeer, gefährliche Gegner des harpunierenden, angreifenden Menschen sind; aber ist das nicht ihr gutes Recht?
Als Walroßkind lag Nickelmann stundenlang am Strand, wälzte sich zwar von Zeit zu Zeit ins Wasser, schob aber dann bald wieder Kopf und Brust aufs Ufer hoch. Jetzt ist es anders geworden; ich sehe ihn eigentlich nur noch im Wasser. Er hat bei Hagenbeck ein besonders geräumiges Schwimmbecken, ein Weibchen dazu, mit dem er im Herbst die anmutigsten Paarungsspiele treibt. So plump am Land der Watschelgang ist, so souverän sind die Schwimm- und Tauchbewegungen. Das Walroß Nickelmann, nach meiner Schätzung über tausend Pfund schwer, legt sich rücklings ins Wasser, so recht, als bette sich ein korpulenter Mensch in einen daunengepolsterten Langstuhl.
Alles ist eingehüllt, schmeichelnd umschmiegt vom nassen Element; nur die Schnauze und der borstige Bart ragen heraus. Eine knappe Bewegung der Flossen; wie ein Pfeil, wie ein Torpedo, schießt die nach vorn und hinten zugespitzte Fettwalze des Siörpers voran; ein Ruck gibt Schwenkung nach rechts; noch eine Bewegung, die Walze rotiert um ihre eigene Längsachse; jetzt sieht man die braune Rückenlinie für wenige Sekunden; schon taucht der „Nickel". Durchs klare Wasser beobachte ich, wie mein Freund gründest; er sucht irgend etwas am Boden, geht gewissermaßen drei Minuten lang dort unten auf die Weide.
Wieder hoch, hörbar Luft eingesogen, wieder getaucht und zugleich vorwärts geschwommen, um plötzlich im Wasser Kobolz zu schlagen, einen richtigen Purzelbaum. Bei tausend Lebendgewicht gibt das natürlich Spritzwellen weit heraus ins Land; das Publikum kreischt, Nickelmann taucht hoch und besieht sich die Aufregung.
Kommt es daher, oder was war sonst die Anregung? — ich weiß es nicht. Jedenfalls hat sich dieser Nickelmann eine spitzbübische Unart angewöhnt: er spuckt.
Wenn ahnungslose Fremde am Absperrungsge- länber des Walroß-Panoramas stehen, den Tauchkünsten Nickelmanns gespannt zusehend, dann schwimmt der junge Bulle — fast möchte ich sagen — eitel noch eine Runde um sein Weibchen, und wenn er eben wieder in Richtung zum Publikum dreht, steckt er flink fein Maul unter Wasser, ruckt sofort hoch, zieht die Sippen zusammen, fo daß man die gelben Stoßzähne sieht, und spritzt einen Wasserstrahl, dünn aber kräftig, drei oder vier Meter weit und hoch im Bogen, fo wohlgeziest, daß die Menschen von oben bis unten nah sind.
Man wird mich der Uebertreibung zeihen, wenn ich behaupte, daß Nickelmann befriedigt den angerichteten Schaden besehe. Jedenfalls aber haben sich die Herren Hagenbeck entschließen müssen, über der
Freianlage ein großes Schild anzubringen: Vorsicht, das Walroß spuckt.
*
Jedermann weiß wohl, daß die Walrosse fünf Zehen an jeder Flosse haben und an jeder Zehe einen Nagel; es sind ja keine Fische, sondern Säugetiere. Manchmal kratzt sich das Walroß mit der Vorderpfote am Bart oder oben auf dem Schädel. Aber ich habe auch einmal gesehen, wie Nickelmann sich mit der linken Dorderflosse kurz nach dem Aufwachen die schlafmüden Augen rieb — und seitdem liebe ich dieses so plumpe und als häßlich verschriene Geschöpf.
Kindergeschichien.
Don Irmgard von Kader du Kaur.
Die Geschichte von der Polternacht.
Die Mistgabel war ein schmuckes Ding, wie sie jung war. Den ganzen Tag war sie fleißig, und dabei glänzten ihre Zacken.
Bei Feierabend wurde sie an den Nagel neben den Dreschflegel gehängt.
Der Dreschflegel hing den ganzen Tag da und langweilte sich.
Da sagte er zur Mistgabel: „Werde meine Frau." Die Mistgabel sagte: „Du bist mir viel zu faul. Du arbeitest nur einmal im Jahr ein paar Wo- chen. Sonst tust du nichts."
„Das verstehst du nicht", sagte der Dreschflegel. „Wir Dreschflegel find vornehme Leute. Deshalb arbeiten wir so wenig."
„Dann paßt du nicht zu mir", sagte die Mistgabel. „Ich muß einen Mann haben, der arbeiten kann wie ich."
„Ich kann auch arbeiten", sagte der Dreschflegel und stieg von dem eisernen Nagel herunter und fing an, auf dem Boden zu poltern.
„Nur immer zu", sagte die Mistgabel, „das ist noch lange nicht genug."
Und der Dreschflegel polterte und polterte die ganze Nacht. Am Morgen war er ganz matt.
„Nun", sagte die Mistgabel, „laß sehen, was du gearbeitet hast."
„Hast du mich nicht gehört?" fragte der Dreschflegel.
„Gehört wohl, aber jetzt will ich es auch sehen." Da schaute sie auf den Boden, aber da war nichts. Da lachte die Mistgabel und alle anderen, die noch an der Wand hingen, Rechen und Sense und Sichel, die lachten mit. „Nichts", jagten jie alle, „nichts — und dafür die ganze Polternacht." —
Da kam der Knecht herein und nahm die Mistgabel und warf sie auf den Mistwagen.
Der fragte: „Was war denn für ein Gepolter bei euch heute Nacht?"
Da erzählte sie es ihm.
„Arbeite ich dir genug?" fragte der Mistwagen.
Die Mistgabel sagte: „Ja, du kannst arbeiten wie ich."
Und sie wurde seine Frau.
Der Dreschflegel sagte: „Die Mistleute gehören zusammen. Mir riechen sie zu sehr."
Die Geschichte vom Katerlein, das fliegen wollte.
Es war einmal ein Katerlein. Wenn die Mutter den anderen zeigte, wie man Mäufe fängt, härte es gar nicht zu.
Das Katerlein hatte abends die Fledermäuse fliegen gesehen. Es dachte sich: „Die will ich kriegen." — Die anderen Mäuse fangen war ihm viel zu wenig.
„So muß ich zuerst fliegen lernen", dachte das Katerlein.
Es saß den ganzen Tag auf dem Scheunendach und sah den Vöglein beim Fliegen zu. Aber die Vogel lachten das arme Katerlein aus. Denn es hatte ja keine Flügel.
Da kam der Wind angebrauft und fragte: „Was machst du da?" — „Ich will fliegen lernen", sagte das Katerlein.
„Das ist einfach", sagte der Wind. „Du nimmst einen Strohwisch und setzt dich darauf. Dann blase ich dich vom Dach. Mit deinem Schwanz kannst du steuern."
Das Katerlein nahm einen Strohwisch aus der Scheune und setzte sich daraus und sagte zum Wind: „Jetzt blase."
Und der Wind blies.
Das Katerlein flog auf feinem Strohwisch durch die Luft. Ader es vergaß, daß es mit feinem Schwanz steuern sollte.
Der Strohwisch flog eine Strecke und sauste mit dem Kater mitten in den Teich hinein.
Da wurde das Katerlein triefnaß. Mit Mühe arbeitete es sich ans Lands
Es ließ sich von der Sonne trocknen, und als es trocken war, ging es zu feiner Mutter und feinen Geschwistern. Die fingen schon richtig Mäuse.
Die Mutter sagte: „So, mein Ähnchen, jetzt kommst du an die Reihe", und setzte sich mit ihm vor ein Mauseloch und zeigte ihm das Lauern.
Bald konnte das Katerlein so gut Mäuse fangen wie die anderen. Aber eine Fledermaus hat es nie bekommen.


