Ausgabe 
5.12.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 285 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Dienstag, 5. Dezember 1953

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Wirtschaftliches Sparen

Von Dr. Paul Ruprecht.

Seitdem uns keine Ausländsanleihen mehr zu- fliehen und wir auch die Folgen der mit ihrer Hilfe betriebenen Aerfchwendungswirtschaft spüren, spielt in unserer Wirtschaftspolitik das Sparen eine große Atolle und zwar sowohl für den einzel­nen Bürger wie für die öffentlichen Haushalte. Wie alle wirtschaftlichen Begriffe, so ist aber auch das Sparen nichts Absolutes, sondern etwas Rela­tives. So nötig sparen für ein Volk in der Lage des unsrigen auch ist, so kann der Grundsatz auch falsch angewendet sein, wenn man sich klar macht, worauf es dabei ankommt.

An sich ist Sparen etwas durchaus Verdienst­liches, denn es stellt den vornehmsten Akt der Selbsthilfe dar, da es den Sparer in Fällen der Not von der Hilfe anderer unabhängig macht. Sparen läßt sich jedoch nicht allein vom Standpunkt des Einzelnen auffassen, sondern muß auch von dem der Volksgesamtheit angesehen wer­den. Von ihm aus betrachtet ist zunächst nur die Spartätigkeit anzuerkennen, die das Ersparte ent­weder durch Verwendung im eigenen Betrieb oder durch Zuführung an eine Bank oder Sparkasse der Wirtschaft d i e n st b a r macht, keineswegs aber der Sparer, der fein Geld als totes Kapital im Strumpf auf- hebt. Während nämlich der erstere zur Arbeitsbe­schaffung und Wirtschaftsbelebung beiträgt, tut der letztere das Gegenteil, denn er enthält der Wirt­schaft Geld vor, das sie dazu benutzen könnte, nach­dem er sie vorher schon durch Verbrauchseinschrän- kung geschädigt hat.

Damit kommen wir auf den eigentlichen, meist mißverstandenen Kern des Sparens. Darunter ist nämlich nickt, wie es gewöhnlich geschieht, ein be­scheidenes, sondern vielmehr ein den eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen ent­sprechendes Leben zu verstehen, denn sonst wäre ja der Kleinverdiener immer und der Groß­verdiener niemals im richtig verstandenen Sinne sparsam. Sparen heißt allerdings weniger ver­brauchen als man verdient, jedoch unter Bei­behaltung eines dem Einkommen und der Stellung entsprechenden Ver­brauches. Hier zeigt sich also schon, daß Sparen etwas Relatives ist und nur vom Verhältnis zu einem andern Begriff aus richtig beurteilt werden kann: der des Verbrauches.

Was würde, wenn die Reichen und Wohlhaben­den aus Sparsamkeit ihren Bedarf auf den der ärmeren Schichten herabschraubten? Zunächst wäre das in Häusern mit großen Wohnungen investierte Volksvermögen verloren, bann mürben Hundert- tausende von Menschen arbeitslos, und zahlreiche Erwerbszweige, die nur von diesem Verbrauch leben, wie z. B. die Künstler, Juweliers, Buchhänd­ler usw., vernichtet werden. Alle die durch die Sparsamkeit des Wohlhabenden brotlos geworbenen Arbeitnehmer dieser Gewerbe, zu denen auch noch die Hausangestellten kämen, wurden keine Stellung mehr finden und den Druck auf den Arbeitsmarkt erhöhen

Die Spartätigkeit eines Volkes hat also, wenn sie wirtschaftlich gesund sein soll, eine Grenze an der Erzeugungsfähigkeit feiner Wirtschaft, benn wie nach Spengler im Leben der Krieg der Vater aller Dinge ist, so ist es in der Wirtschaft der Ver­brauch. Ohne ihn gibt es keine Wirtschaft, keine Zivilisation und keine Pflege von Kulturgütern, ohne die auch ein armes Volk nicht leben kann. Ebenso wie aufdringlicher Luxus nicht unserer Lage angemessen ist, ist auch die Forderung, daß wir alle in äußerster Bescheidenheit leben sollen, nicht das Richtige. Richtig ist vielmehr einzig und allein eine 8er wirtschaftlichen Lage des Einzelnen angepaßte Sparsamkeit. Daß der Marxismus bas nicht erkannt und den wohlhabenden Schichten eine ihrem Einkommen entsprechende Lebensführung mißgönnt hat, war eine feiner schlimmsten Sünden gegen die Arbeiter­schaft, denn Neid ist ein ausgesprochen negatives Empfinden. Mit einer Negation ist aber noch nie etwas Positives geschaffen worden, auch nicht wenn sie auf etwas an sich Gesundes, nämlich eine an­spruchslose Lebensführung hinausläuft.

Neben der Sparsamkeit in der persönlichen Le­benshaltung gibt es noch eine inderBetriebs- ü t) r u n g, Die in einer Herabdrückung der 1 n f o fte n besteht. Auch sie findet, wenn sie ge- unb fein soll, ihre Grenze an ber Notwenbigkeit eines von ber Leistungsfähigkeit ber Wirtschaft be­stimmten Verbrauchs. Dafür, baß sie nicht zu deren Schaben übertrieben wirb, sorgt bas Interesse, bas jeber Inhaber eines Betriebs baran hat, baß bie- fer sowohl nach seiner Verfassung wie technisch a u f ber Höhe ber Zeit bleibt.

Trotzdem aber gibt es auch hier eine falsche Spar­samkeit, bie in unserer Rohstosfarmut unb Raum­not ihre Ursache hat. ? ide zwingen uns, einerseits möglichst viel Waren auszuführen unb andererseits die Einfuhr nach Möglichkeit einzuschränken und stellen dadurch bie Kalkulation unserer Betriebe unter den Druck der Weltmarkpreise. Das aber führt dazu, daß viele deutsche Unternehmer aus­ländische Rohstoffe unb Waren, bie wir im Lande selbst haben ober Herstellen, verarbeiten ober be­nützen, nur weil biese Erzeugnisse infolge niedrige­rer Frachten, Steuern, Valuta, Dumpings ober bergl billiger finb, als unsere eigenen. Die so erzielte Ersparnis ist jeboch kein echter Ge­winn, wenigstens für bie Gesamtwirtschaft, benn was hier her einzelne Betrieb spart, das verliert sie wieder durch einen unnötigen Deoisenabfluß unb eine ebenso unnötige Zahlung von Erwerbslosen­unterstützungen. Mag biese Art bes Sparens vom einzelnen Betrieb aus gesehen auch richtig erschei­nen, so ist sie vom gesamtwirtschaftlichen Stand-

Litwinows Besuch in Rom.

Dürftige Mitteilungen über das Ergebnis der Besprechung mit Muffolini.-Empfang beim König und Besuch in Littoria.

Rom, 4. Dez. (TU.) Am Montag wurde der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow, der gestern bereits Besprechungen mit Mussolini hatte, mit dem üblichen Zeremoniell von König Viktor Emanuel im Quirinal empfangen. Anschließend begab sich Litwinow, begleitet von Staatssekretär im Außenministerium, Suvich, nach Littoria zur Besichtigung der großen Kul­tivierungsarbeiten auf dem pontinischen Acker. Nach- mittags fand ein Teempfang auf dem Capitol statt, den der Gouverneur gab. Am Abend gab ber ruf- fische Botschafter ein Essen mit anschließenbem Empfang, an bem Mussolini, mehrere Minister und hohe Persönlichkeiten ber Partei sowie bas biplo- matische Korps, soweit es mit Rußland Beziehun­gen unterhält, geladen waren.

Die Presse widmet der Besprechung Litwi­nows mit Mussolini Leitartikel. Bemerkenswert ist die Aeußerung Engelys imLavoro Fascista". Es sei logischer Weise nicht einzusehen, warum ein Europa, dessen Länder untereinander 8urch zwei­seitige Nichtangriffs- und Neutrali- tätsoerträge gebunben seien, nicht sicherer sein solle, als ein Europa, dessen Länder durch einen allgemeinen Vertrag wie den des Völ­kerbundes gebunden seien. Denn der Völkerbunds- patt fei von einigen Ländern für ungenügend ge­halten worden, die deshalb andere Verträge hätten abschließen müssen. Zweiseitige Verträge schlössen jede Blockbildung aus.

lieber den Inhalt der amtlichen Mitteilung hin­aus ist über die Unterredung vom Montag auch von gut unterrichteter Seite nichts zu erfahren. Die zuständigen Stellen bewahren strengste Zurückhal­tung.G i o r n a I e d' Italia" schreibt, daß Italien keineswegs Sowjetrußland völlig für sich in Anspruch nehmen oder endgültige Lösungen für Probleme erreichen wolle, bie die Interessen und Zuständigkeit aller Großmächte angingen. Man wisse, daß Italien einen Ausgleich zwischen den europäischen Mächten erreichen wolle unb die Möglichkeit dazu in einer tatsächlichen Ab­rüstung sehe. Man wisse ferner, daß es bei der Garantierung des Friedens und der Zusammen­arbeit nicht ausschließlich an den Völkerbund denke. Tribun a" erklärt, die Völkerbundskrise biete den besten Beweis dafür, daß man auch außer­halb des Völkerbunds handeln könne. Das Abrüstungsproblem könne ebenfalls außerhalb der Abrüstungskonferenz verhandelt werden. Dabei könne die italienisch-russische Freundschaft nur klärend und förderlich wirken. Zu Unrecht glaube man immer noch, Italien sei nicht in ber Lage, i m öst­lich e n Mittelmeer eine felbftänbige Politik zu entwickeln. Italien habe im östlichen Mittelmeer genau bas gleiche Recht und die gleiche Pflicht zum Handeln wie jene Mächte, die fick auf derKonferenz des ungerechten Friedens" die Man­date im Nahen Osten aufgeteilt hätten.

panier Echo.

Paris, 4. Dez. (TU.) lieber die Besprechungen Litwinows mit Mussolini ist man hier nur sehr ungenau unterrichtet. Der römische Sonderbericht­erstatter der Information" glaubt zu wissen, daß die Abrüstungsfrage bas Hauptthema ber Besprechungen gebifbet habe. Ferner habe man sich mit ber Verbesserung ber italienisch- russischenHanbelsbeziehungenunbber Ratifizierung bes Freundschaftsvertrages beschäftigt, bie fobalb wie möglich erfolgen solle. Die Gerüchte über bie Absicht Litwinows, sich burch bie bermitt-

punkt aus betrachtet, beunod) falsch. Mussolini hat beshald solchem falschen Sparen einen Riegel vor- geschoben, inbem er ben vom Staate irgenbroie ab­hängigen Betrieben bie Bevorzugung in­ländischer Waren vorgeschrieben unb ange- orbnet hat, bah über bie anberen, soweit sie in größerem Umfange entbehrliche Erzeugnisse ein­führen, schwarze Listen geführt werben. Allerbings werben für bie Besorgung italienischen Materials, befonbers ben Eisenverbrauchern, Prämien gewährt, bie sie für ben bamit oerbunbenen Verzicht auf un­echte Ersparnisse entschäbigen sollen.

Darau hinzuweisen, liegt um so mehr Veranlas- fung vor, als sich bei uns bereits ber Wettbewerb bes zu Kulipreisen in Ostasien erzeugten Roheisens bemerkbar zu machen beginnt unb als unsere Steinkohle seit langem im eigenen Lanbe gegen bie auslänbische einen schweren Kampf zu bestehen hat. Wie aber bie Lanbwirtschaft als bie Orunblage unserer Ernährung mit Recht gegen die ausländische Unterbietung geschützt unb bie Er­zielung unechter Ersparnisse auf beren Kosten ver- hindert wirb, so muß bies auch bei Kohle unb Eisen geschehen, ben tragenben Säulen unserer Jn- bustriewirtschaft. Eine gesamtwirtschaftlich richtig verstandene Sparpolitik verlangt auch diesen Schutz, denn wie beim Einzelnen kann sie auch bei einer Volkswirtschaft mit Erfolg nur betrieben werden, wenn ber Verbrauch sich unter ben Einnahmen hält, b. h. wenn bie Zahlungsbilanz af- t i v ist. Deshalb gehört zum wirtschaftlich richtigen Sparen für ein rohstoffarmes, jeboch bem Auslande so stark verschuldetes Laub wie bas unfrige auch die möglichste Ausschaltung der entbehr­lichen Einfuhr.

lung der italienischen Regierung mit dem V a t i - k a n in Verbindung zu setzen, entbehrten dagegen jeder Grundlage. Die Religionsfrage sei für Ruß­land ein für allemal geklärt. Ein weiterer Punkt ber Verhanblungen seien bie deutsch-russi- f cf) e n Beziehungen gewesen. Mussolini habe versucht, bie Meinungsverschiedenheiten zwischen den

Kirchenpolitische Llnabhängig- kei< der Reichskirchenregierung Der Reichsbischof legt die Schirmherrschaft über die GlaubensbewegungDeutsche

Christen" nieder.

Berlin, 4. Dez. (WTB.) Das Geistliche Mlnisterium der Deutschen C o a n ge­ll f cf) e n Kirche hat folgendes Gesetz beschlossen:

§ 1. Den Mitgliedern des Geistlichen Ministe­riums sowie den Beamten und Hilfsarbeitern der Reichskirchenregierung wird die Zugehörig­keit zu kirchenpolitischen Parteien, Bünden, Gruppen und Bewegungen untersagt. Die Mitgliedschaft in den kirch­lichen Körperschaften und Synoden wird hierdurch nicht berührt.

§ 2. Dieses Gesetz tritt »mit seiner Verkündung in Kraft.

Berlin, den 4.Dezember 1933.

Gez. Der Reichsbischof.

Mtt dem Erlaß dieses Gesetzes hat, wie der Evan­gelische Pressedienst miftellt, das Geistliche Ministe­rium einen durchgreifenden Beschluß zur h e r - Heilung einer einheitlichen kirchli­chen Führung gefaßt. Es hat seinen Mitglie­dern sowie allen Beamten und Hilfskräften der Reichskirchenregierung die Mitgliedschaft bei kirchen­politischen Verbänden untersagt. Der Reichs­bischof hat in Ausführung dieses Beschlusses an

beiden Ländern auszuräumen, well die Abrüstungs­frage dadurch einen wesentlichen Schritt vorwärts käme. Er habe versucht, Rußland für die deutsch­italienische These ber Gleichberechtigung zu ge­winnen unb dadurch eine italienisch-rvssisch-beutsche Front zu bilben.

die obersten Behörden der deutschen evangelischen Landeskirchen die Aufforderung gerichtet, für ihre Mitglieder gleiche Maßnahmen durchzuführen.

Der R e i ch s b i s ch o f s e l b st hat die Schirm­herrschaft über die Glaubensbewegung Deutsche Ehrt st en niedergelegt und wird in diesem Sinne an die Glaubensbewegung Deutsche Christen" ein Schreiben richten.

Auch Rückstände an Landessteuern und Gemeindesteuern sollen für Arbeits­beschaffung flüssig gemacht werden.

Berlin, 4. Dez. (WTB.) Der Reichsminister der Finanzen hat durch Runderlaß vom 28. November 1933 die Reichs st euern, die aus ber Zeit vor bem 1. Januar 1933 rüdftänbig sind, f ü r Auf­träge aus Ersatzbeschaffungen von Ma­schinen, Werkzeugen, Maschinengeräten, Ergänzun­gen usw. in Bewegung gesetzt. Er hat durch Schrei­ben an dieLande sregierungen angeregt, bie Aktion auch auf bie Steuern berßänber und der Gemeinden, wie beispielsweise Hauszins­steuer, Grundsteuer, Gewerbesteuer usw. auszudeh­nen und zu dem Zweck Anordnungen zu treffen, die dem Runderlaß des Reichsministers der Finanzen entsprechen. Es ist zu wünschen, daß alle Länder und Oemeinhen sich sofort in ben neuen Reinharbt-Plan einfügen. Die Aktion muß zur Vergebung zahlreicher Aufträge im Monat De­zember und zu erheblichen Anregungen der ge­samten deutschen Wirtschaft im bevorstehenden Win­ter über bas bisher vorgesehen gewesene Ausmaß hinaus führen.

Eröffnung der panamerikanischen Konferenz.

Montevideo, 4. Dez. (TU.) Die panamerika­nische Konferenz wurde am Sonntag im uruguaya- nischen Unterhaus eröffnet. Eine große Menschen­menge hatte sich trotz des kalten und regnerischen Wetters vor dem Gebäude eingefunden, um 8er Anfahrt ber Diplomaten zuzusehen. Präsibent Ga­briel T o r r a unterstrich in feiner Gröffnunqsrebe die Notwendigkeit der Beilegung des Chaco-Streit- falles und der Regelung der interamerikanischen Zolltarife. Von kubanischer Seite wurde ein Antrag eingebracht, gegen bietrabitionelle, wirtschaftliche unb politische Einmischung ber bereinig­ten Staaten in die kubanisch-mittelamerikani»

Des Rätsels Lösung

Don unserem römischen E-Korrespondenten.

nicht, Mussolini ist das Zentralgestirn geworden, um das sich alles dreht. Er hort mehr, als daß er spricht, aber er schreibt gern mit der unausrottbaren Liede bes echten Publizisten zur Presse, und er hat schon im September in seinem Popolo d'Italia geschrieben, wie ber Viererpakt die gefährliche Blockbildung in Europa verhütet habe, so solle ber am 2. September zwischen Rußland un8 Italien geschlossene Freund» schaftsvertrag und Nichtangriffspakt ein Aus­gleichselement zwischen Osteuropa und Westasien bilden, wenigstens insoweit, als dort die Interessen Italiens berührt würden.

Und hier stoßen wir auf den Kern der Sache. Es ist die innerpolitische Befangenheit, die so viele in Europa heute noch daran hindert, außenpolitisch klar zu sehen. Italien hat als erster Staat schon vor Jahren bas gewagt, wozu sich jetzt erst bie bereinig­ten Staaten entschließen konnten. Seit zehn Jahren konnten daher die beiden durch roeltentiefe politische Abgründe getrennten Länder friedliche Handels­beziehungen pflegen, Liktorenbündel und Sowjet­stern begegneten sich im Schwarzen wie im Mittel­meer und salutierten. Nach und nach werden ohne Zweifel auch die übrigen Länder dem Beispiel Mussolinis folgen und die Sowjetrepublik anerken­nen. Denn Rußland gehört nicht zu den abgerüsteten, sondern zu den hochgerüsteten Staaten, und es liegt nicht im Mond, sondern sprungbereit Japan gegen­über.

Ganz natürliche Dinge sind es, die Mussolini und Litwinow zu besprechen haben, Dinge von Gehalt, nicht ödes Parteizeug. Unter bem Genfer Gesichts­winkel freilich läßt sich ber Besuch Moskaus in Rom nicht verstehen; man muß wissen, daß bie Zeit ber bölferbunbsafabemie enbgültig vorüber ist, harte Tatsachen von harten Männern erwogen werben wollen. Eine neue Politik in Europa, um ber aus bem Fernen Osten brechenden Gefahr Herr zu werden das ist das Gesprächsthema heute in Rom. das der Grund für den betont feierlichen Emp­fang des russischen Abgesandten.

Z. Rom, Dezember 1933.

Der bermutungen über den Zweck und die Be­deutung des bolschewistischen Besuches in der faschi­stischen Hauptstadt sind so viele, daß sich Herr Litwinow nicht drei Tage, sondern drei Monate in Rom aufhalten müßte, wenn er allen Hellsehern Recht geben wollte. Wenn äußerliche Anzeichen geeignet waren, die Wichtigkeit des Herrn Litwinow au beweisen, so hat das faschistische Italien mit seinem Galaempfang ohne Zweifel das Mögliche 8azu getan. Ein regierendes Staatsoberhaupt hätte überzufrieden fein können. Auf einem italienischen Luxusdampfer lief der hohe Gast im Hafen von Neapel ein, die Spitzen der Behörden waren ihm aus Rom entgegengefahren oder warteten im Ehrensaal des römischen Bahnhofes, bis der Zug mit dem Sonderwagen einlief. (Eine kleine Erinne­rung: auch Gandhi, der indische Johannes, reifte im härenen Gewand zwar dritter Klasse in Frank­reich, durch Italien aber auf schwellenden roten Polstern.) Die spalierbildenden Truppen hatten große Uniform angelegt, Unterstaatssekretär S u - vich, des Außenministers Mussolini rechte Hand, überbrachte ihm den ersten Gruß der ewigen Roma, und es gab einen allerherzlichsten Empfang. (L'in- contro e dei piü cordiah, meldet der faschistische Chronist.) Neben Litwinow der russische Botschafter mit dem nicht unbekannten Namen Potemkin. Wir von der ausländischen Presse werden am Dienstag feine Gäste fein, um aus 8em Munde Litwinows selber seine Rombegeisterung, aus der er schon jetzt kein Hehl mehr macht, zu vernehmen. Diejenigen von uns, die ihn schon an der großen Konferenz in Genua kennengelernt haben, sie liegt nun bereits über elf Jahre zurück, fällt also in 8as präfaschi- stische Zeitalter, lächeln ein wenig. Er hat uns bamals täglich den Sieg der kommunistischen Welt­revolution prophezeit.

Heute nun sitzt er beim Bankett zur Rechten des Duce und morgen geht er, feierlichste Audienz, zum König. Und zwischen anderen Banketten in Luxus­hotels wie auf bem Kapitol, wird er nach Littoria fahren, das Titanenwerk 8er Urbarmachung der pontinischen Sümpfe zu bewundern. Mussolinis schönste bisitenkarte. Hat er sich doch auch nach einer höchst unrussischen Fahrt über die am besuv entlangführende Autobahn das Menanderhaus in Pompeji aufschließen lassen, um dort, im Angesicht der verkrampften Skelette, fein immerlächelndes Photographiergesicht, wie wir es aus der Presse ken­nen, besonders seit seinem glückhaften Abstecher ins schwankende Dollarland, in ernste Falten zu legen. Es ist dock) etwas Eigenartiges um den Wandel der Zeiten, schien es nun zu sagen.

Aber zu verwundern gibt es nichts. Warum sollen gerade die Sowjetherren die Sttaße nicht finden, wo doch alle nach Rom führen? Wer pilgerte nicht alles in diesem Jahre zum Tiberstrand! Mussolini reift