Ausgabe 
5.12.1933 Drittes Blatt
 
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Brio

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Uwonnes Geheimnis

Roman von Klothilde von Etegmann

llrheberrechtdschuh: Fünf-Türme-Derlag Halle (Saale)

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nein, Herr Baron! Aber nützen tut sie auch nichts.- Wenn der gute Merten noch lebte, würde er sich den Besuch de» sauberen Herrn Detter bei seiner Schwester wohl mit hinreichender Deutlichkeit verbeten haben. Vermögen besitzt Malesiu» kaum. Und wie man pon dem Gehalt eines Assessors a. D. dauernd als Lebejüngling auftreten kann, darüber zerbreche ich mir seit geraumer Zeit den Kopf. Jetzt werde ich mich doch mal um ihn kümmern, nachdem ich weiß, daß er spielt."

Und, Doktor, wenn Sie was in der Dokumenten« angelegenheit erfahren, tun Sie mir einen Gefallen, wenn Sie sich mal wieder verplappern! Sucht diese Schießbudenfigur Sie, lieber Herr Doktor?"

Kriminaldirektor Miller hatte im selben Augen­blick den Eingetretenen, dem man den Wachtmeister in Zivil auf zwanzig Meter ansah, herangewinkt. Einen steifen, harten Hut in der Hand, in einen festen grauen Anzug gekleidet, derbe Schuhe an den Fichen, war der Mann mit dem runden vollen Ge­sicht und dem aufgezwirbelten Schnurrbart der Typ oes sogenannten Geheimen. Auf Doktor Millers Wink trat er an den Tisch, wo er, den schweren EichFnstock in der Linken, eine fast militärische Stel­lung einnahm.

Da hat Schulze doch recht gehabt. Er sagte, er habe Sie hier hereingehen sehen, Herr Direktor!"

Sie können in Gegenwart des Herrn Legations- rate ruhig sprechen!" sagte Kriminaldirektor Miller. Gibt's etwas Besonderes?"

Nein, Herr Direktor! Der Herr, den ich beschattet habe, ist vor zehn Minuten mit einer eleganten, kleinen hellblonden Dame, die etwas merkwürdig K, in einem Auto davongefahren. Richtung

n. Nachfahren konnte ich nicht, denn gemäß der gestrigen Verfügung werden Autospesen ja nicht mehr ersetzt."

Danke, Wachtmeister so wichtig war es auch nicht! Und nun Schluß für heute. Aber auch für mich, Herr Baron! Ich bitte um Entschuldigung! Mehr als die zwei Flaschen wollen wir uns heute doch nicht leisten Die sind leer, und ich muß morgen zeitig zum Dienst."

2. Kapitel.

Der Fernsprecher läutete. Frau von Merten, die mit Irene noch am Frühstückstisch saß, nahm den Hörer ab:

(Buten Tag, lieber Franz! Dank für die Nach-

frage. Nein, mir geht es gar nicht gut, mein Junge. Irene hat Unannehmlichkeiten in der Gesandtschaft gehabt. Gestern. Nein, sie ist nicht mehr dort. Wir überlegen eben, was wir machen sollen. Irene ist dafür, Zimmer zu vermieten. Aber ich habe so ungern fremde Leute in der Wohnung. Ja, natür­lich, das wäre nett, Franz! Ich schicke dir Irene ein­mal an den Apparat."

Noch ehe Irene von Merten abwehren konnte, hielt die Mutter ihr den Hörer hin. Frau von Merten, die sich Unbequemlichkeiten gern entzog, war eine etwas behäbig gewordene Dame von fünfzig Jahren, mit angegrautem Haar und gutmütigem, ober energielosem Gesicht.

Du mußt sprechen, Irene!" flüsterte sie. ,^Ich habe Franz doch schon gesagt, daß du da bist. Wir müssen uns jetzt mit jedem Menschen gut stellen, wenn wir vermieten wollen. Franz ist doch dein direkter Setter und hat allerhand Verbindungen."

Widerstrebend nahm Irene den Hörer:

Guten Tag, Franz! Ja, du hast schon yehört, was ich Mutter vorschlug. Leider beschäftigt sie sich ja nicht gern mit solchen Dingen. Aber ich habe jetzt mehr Zeit, als mir lieb ist. Wie? Abgebaut bin ich, wie man das jetzt so nennt. Ja ganz plötzlich! Boi deinem Besuch gestern wußte ich noch nichts davon. Ach, eine unangenehme Sache! Da ist ein Dokument nicht aufzufinden, und das hat mich und drei andern Sekretärinnen die Stellung gekostet. Keine Ahnung, was für ein Schriftstück es war! Ich habe es gar nicht gesehen. Das weiß eben kein Mensch, wo es hingekommen ist. Ja, also, wir wollen unsere fünf Dorderzimmer vermieten, außerdem sehe ich mich sofort nach einer anderen Stellung um. Du wüßtest einen Mieter? Das wäre sehr nett, Franz! Ach so, eine Dame? Na, weißt du, Franz, deine Garantien sind mir nicht sehr überzeugend!" Hier lachte Irene leicht auf.Aber wenn wir vermieten können! Her­renbesuch darf sie natürlich hier nicht empfangen. Wenn das nicht in Frage kommt, wäre es ja ganz gut. Ja, vielleicht siehst du einmal zu? Besten Dank, Franz!"

Irene hängte den Hörer ein und stellte das Früh­stücksgeschirr zusammen. Da kam die alte Berta herein:

Der Herr möchte die Damen sprechen!" Irene warf einen Blick auf die Karte.

3a, ich komme sofort! Führen Sie den Herrn in den Salon, Berta, und bringen Sie der Mutter die Karte!"

Irene warf rasch einen Blick in den Spiegel, ord­nete mit ein paar Handgriffen eine widerspenstige Locke und ging schnell in den Salon. Freiherr von Seeburg, der sich hatte anmelden lassen, sprang auf, als das junge Mädchen, ihm die Hand entgegen- streckend, etwas befangen auf ihn zutrat.

«Wie geht es Ihnen heute, gnädiges Fräulein?" Ich muß mich wegen gestern abend noch bei Ihnen entschuldigen, Herr Baron!" sagte Irene ver­legen.Ich war zu töricht, aber ... es hatte mich umgeworfen, und ich glaube, ich habe mich gestern

bei Ihnen gar nicht bedankt. Darf ich das setzt nach­holen? Es ist sehr gütig, daß Sie gekommen sind. Bitte, behalten Sie doch Platz. Mutti muß gleich hier fein."

Irene nahm Seeburg gegenüber Platz. Beide musterten sich verstohlen. Bei dem Lalernenlicht gestern hatte man sich ja gar nicht ordentlich sehen können.

Eine entzückende Figur hat das Mädel", dachte Seeburg,und Augen! Donnerwetter, reizend! Wenn Mädels heulen, merkt man gar nicht, wie hübsch sie sind. Frauen sollten niemals weinen. Aber das ist wohl zu viel verlangt von dem schönen und schwächeren Geschlecht."

Auch Irene war zu einem sehr befriedigenden Resultat ihrer Musterung gekommen. Sie fand See- bürg ungemein vornehm und sympathisch. Nun kam Frau von Merten lebhaft herein. In ihrer etwas wehleidigen Art flocht sie in ihren Dank jammernde Klagen über die schweren Schicksalsschläge, die sie er­litten habe, sowie über die Unsicherheit ihrer Zu­kunft. Herr von Seeburg bat um die Erlaubnis, die fünf Zimmer, die vermietet werden sollten, sich an­sehen zu dürfen.

Aber gern!" versicherte Frau von Merten.Es sind schöne Räume. Sie liegen alle fünf nebenein­ander. Bitte, kommen Sie! Wir wären Ihnen zehr dankbar, Herr Baron, wenn Sie jemand dafür wüß­ten. Das hier war das Zimmer von Franz August. Es fällt mir doppelt schwer, es abzugeben. Irene und ich können uns aber in den drei Hinterzimmern gut einrichtcn."

Haben Sie sich schon einen Preis für diese bei­den ersten Zimmer gesetzt, gnädige Frau? Ihr Mäd- chen würde doch wohl Frühstück und dergleichen be­sorgen?"

Die treue Seele tut alles, was man von ihr ver­langt. Sie ist ja schon seit fünfzehn Jahren in unse­rem Hause."

Darf i ch mich Ihnen dann als Mieter für diese beiden Zimmer anbieten? Ich bin ohnehin im Be­griff, die Wohnung zu wechseln, und würde natür- lich doppelt gern gleichzeitig der verehrten Mutter meines alten Freundes behilflich fein. Ich könnte doch am Ersten, also schon in drei Tagen, einziehen?"

Aber selbstverständlich, sehr gern, Herr Baron! Dann wäre ja auf einmal unsere Hauptsorge besei­tigt. Wegen der beiden anderen Zimmer werden wir inserieren."

Dann wäre das also abgemacht, und ich darf mich für heute empfehlen. Sie sehen, gnädiges Fräu­lein, am Morgen sieht manches anders aus wie in der Nacht!" Er sah Irene herzlich an.Ich schicke bann meine Sachen und werde am Ersten kommen. Also auf Wiedersehen, meine Damen!"

Irene sah Seeburg vom Fenster aus verstohlen nach. Als sie sich umwandte, fiel ihr merkwürdiger Gesichtsausdruck der Mutter auf.

Dir scheint cs nicht recht zu passen, Irene, daß Seeburg bei uns gemietet hat?!"

3a und nein, Mutter! Ich freue mich natürlich.

nur kommt man vielleicht in eine falsche Stellung dem Baron gegenüber. Aber es hilft ja nicht». Die Hauptsache, wir sind wieder etwas sorgenloser/

Als Legationsrat Freiherr von Seeburg an* nächsten Morgen Die Raume des Auswärtigen Amt» betrat, fiel ihm eine gewisse Unruhe, ein j)in- und Hertasten auf. Auf den Korridoren war es lebhafter als sonst. Sekretärinnen und Beamte steckten bit Köpfe zusammen und verschwanden schnell in ihr« Räume, als sie den fiegationsrat sahen. Seeburg hatte kaum sein Zimmer betreten und abgelegt, da klopfte cs auch schon. Das Faktotum, der bienftaliefti Sureaubiener, trat ein:Herr Baron werden zu einer Besprechung ins Konferenzzimmer vier ge­beten!" meldete Krause. Und leise fügte er hinzu: Die anderen Herren habe ich auch schon alle bitten müssen."

Nanu, was ist denn los, Krause?"

Dicke Luft, Herr Baron! Wat Ienaues weiß ick nich. Schmidt hat mir gesagt, ein Aktenstück soll ver­schwunden fein, hat er gehört."

Was? Hier auch? Unfug! Na, ich will schnell hinübergehen. Ach ja, Krause, erinnern Sie mich doch nachher daran, daß ich dem Sekretariat meint neue Wohnungsadresse angebe ich ziehe um!"

e

3m Konferenzzimmer Nummer vier hatten sich die zusammenberufenen Herren bereits alle oersammeU und standen in leisem Gespräch zusammen. Es waren Die Leiter der verschiedenen Ressorts. Keiner wußte etwas Genaueres. Auch hielt jeder mit dem, was er gehört hatte, vorsichtig zurück. Staatssekretär Doktor Berg trat alsbald ein, verbeugte sich kurz gegen Die Anwesenden und nahm auf dem Stuhl des Vorsitzenden Platz. Mit einer Handbewegung lud er die Herren ein, sich gleichfalls zu fetzen.

Meine Herren! Seine Exzellenz hat mich beauh tragt. Ihnen folgendes bekanntzugeben: Auf uner­klärliche Weife ist das Aktenstück B 581 von feinem Platz verschwunden. Der zur Nachforschung heran- gezogene Kriminaldirektor behauptet, Mh das Schloß des Schrankes nicht mit einem 'Nachschlüssel geöffnet sei- B 581 ist wie Sie ja wissen, ein vollkommen unwichtiges Dokument. Wer ein Interesse daran haben konnte, es zu entwenden, falls bas überhaupt geschehen ist, ist vollkommen unverständlich. B 581 enthält doch aller Welt längst bekannte und im Par­lament ausführlich besprochene Zusammenstellungen. Es besteht ein Verdacht, baß B 518 gemeint war, und wenn dieser Akt in unberufene Hande gelangte, wäre das außerordentlich unangenehm gewesen. Doch glücklicherweise ist B 518 sicher aufgehoben. Im- merhin, Seine Exzellenz ist erstaunt, daß trotz der scharfen Kontrolle aus unseren Räumen eine Akten« stück abgängig sein kann. Ich habe deswegen den Auftrag zu fragen, ob einer der Herren dieses Akten- stück in den letzten Tagen eingesehen hat? Ich seh, aus Ihrem Schweigen, meine Herren, daß dies nicht der Fall ist, wie ich auch annahm.

(Fortsetzung folgt.)

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