Donnerstag, 5. Moder 1933
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger |üt Gberheßen)
Kr. 233 Zweites Blatt
war doch der erste Ta
erhellte
Die Folgen der Annexionskrisis für die Zukunft
Wie uns in
Aber es erweist sich, im Ablauf der drei Akte, daß dieses Stück nicht so heiter ausgeht, wie es beginnt — das ist nicht das erste Mal so in einer modernen Operette —, und man fühlt sich ein lpenig an einen der. ältesten Tonfilme erinnert, „Melodie des Herzens" hieß er, der aus der gleichen Landschaft kam und in manchen Szenen verwandte Motive einführte.
Giehener Stavttheaier.
Franz Lehär: „Wo die Lerche singt."
Wo die Lerche singt: das ist Ungarn, klassischer Operetten-Schauplatz von altersher, und wenn gleich zu Anfang der Vorhang aufgeht über einer strahlenden Erntelandschaft am Dorfrand, dann meint man: mit dieser Operette hätten sie beginnen sollen am 1. Oktober, am Tage des Bauern.
Es ist die Geschichte vom kleinen Bauernmädel, das an einen jungen Maler aus der großen Stadt Budapest sein Herz verliert, das heimatliche Dörfchen und den bäuerlichen Anoerlobten verläßt: aber es findet fein Glück nicht in der großen Stadt und nicht die wahre Liebe, sondern nur Enttäuschung und Demütigung und es geht am Ende heimlich davon, zurück ins Dorf and zurück zum ersten Bräutigam, der doch der Richtige war und auch getreulich auf sie gewartet hat.*
Eine bittersüße Liebesgeschichte also, dieses Textbuch (nach einem Entwurf von Dr. Fr. M a r t o s) von Dr A M. W i l l n e r und H. N e i ch e r t, und es ist aut, daß die Verfasser des Librettos sich von der leise melancholischen Stimmung de's Ausklangs das Konzept nicht haben verderben lassen und immerhin eine Menge ganz unbeschwert-heiterer Episoden in die theatralisch, geschickt aufgebaute und flüssig abrollende Handlung eingefugt haben.
russische und der österreichisch-serbische Gegensatz verschärfte sich weiter. Die auf die Errichtung der russischen Hegemonie auf dem Balkan abzielende Politik Petersburgs, die Bestrebungen Rußlands auf Erstarkung der Balkanstaaten unter russischer Führung mußten Oesterreich-Ungarn bei seinem erheblichen Einschlag von slawischer Bevölkerung in seinem Bestände bedrohen. Die Wendung der russischen Politik gegen Oesterreich-Ungarn bedeutete für Deutschland eine erneute Verschlechterung der gesamtpolitischen Lage. Die Erkenntnis, daß es bei seinem Vordringen im Osten nicht nur mit Oesterreich-Ungarn, sondern auch mit dem hin-
natürlichen Kräften, die das Leben eines Volkes tragen, ist auch das Bewußtsein von einer Wirtschaft wieder geboren, der in Wesen und Ausdruck das Volk übergeordnet ist, das den Rahmen abgibt für die Gestaltung dieser Wirtschaft, und in diesem Rahmen ordnet sich vie Familie mit ganzer Selbstverständlichkeit in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeu-
tung ein.
Das wichtigste Kennzeichen einer jeden gesellschaftlichen Wirtschaft ist d i e A r b e i t s t e i l u n g. Auch hierin ist die Familie ein Modell, im kleinen. Sie gibt die ursprünglichste Arbeitsteilung wieder, die zwischen Erzeugung und Verbrauch. Der Mann als Erwerber, die Frau, die mit der Leitung des Haushalts zugleich die Verteilung des Erwerbes leitet, diese beiden Aufgaben sind gleich wichtig und verantwortungsvoll. Es war eine bare Verständnislosigkeit, wenn eine Zeitlang die Fvrde-
Der Meister Franz L e h ä r, der im Programmheft interessante Erinnerungen ays den Anfängen seiner überaus erfolgreichen Komponistenlaufbahn
Es gab viel Applaus und mehrere Wiederholungen.
docbfcbulnadiricbten.
Das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat wegen der Wiederbesetzung der erledigten Professur für Philosophie an der Universität München einen Ruf an den o. Professor und derzeitigen Rektor der Universität Freiburg i. Br. Dr. Martin Heidegger ergehen lassen.
An der Universität F r e i b u r g. i. B. wurde durch Entschließung des Reichsstatthalters folgenden Hoch- fchullehrern die Lehrbefugnis auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entzogen: dem ordentlichen Honorarprofetzor für Volkswirtschaft, Dr. Robert Liefmann; den außerordentlichen Professoren Dr. Walter üHeo' laender (Kunstgeschichte) und Dr. Gustav Wolf (Geschichte): den Privatdozenten Ernst A l ex - ander, Dr. Werner Brock (Philosophie), Dr. Herbert Fröhlich (Chemie)^ Dr yans Adolf Krebs (Medizin) und Dr. Berta Ottenstein (Medizin).
zum Besten gibt, paßt sich im lynsch-melodwsen Stil seiner Vertonung dem Buch geschmeidig an und hat sowohl die heiteren wie die „großen" Szenen musikalisch einschmeichelnd und recht verschwenderisch ausgestattet. Besonders das Leitmotiv — „Wo die Lerche singt" —, der rhythmisch sehr reizvolle Dauerntanz, der Walzer im Mittelakt und das originell gesetzte Spottliedchen des alten Török zeugen von der stilgerechten Anpassungsfähigkeit und Erfindungsgabe des Komponisten.
das Atom den gleichen Aufbau zeigt, der ... unserem Planetensystem bekannt ist, jo gibt die Familie als Zelle eines Volkes die gleichen Kräfte kund, die die Gesamtheit im ganzen tragen. Führung und Unterordnung, gefühlsmäßige Bindungen und organisatorische Elemente, Arbeitsteilung und Berücksichtigung der persönlichen Eigenart. Ist die Familie im kleinen ein Bild von den Kräften, die das große Ganze tragen, dann muß sie auch die Grundlage für das Leben dieser Kräfte im Gesarnt- aufbau sein. Wie jeder Organismus hat die Familie Bedeutung und Aufgabe nicht nur nach einer Richtung hin, sondern sie ist allseitig verbunden mit den großen Fundamenten des Volkslebens, Kultur, Staatsordnung und Wirtschaft.
Das Eintopfgericht ein voller Erfolg.
Gin BerichL wird zusammengegeffen. — Oie Ausländer begeistert. — Oie Speisekarte als Andenken.
Familie und Volkswirischast
Oie Zelle des Volkes, ihre Kräfte und ihre Ausgaben.
Von Dr. K. Hausen.
Vor 25 Jahren: Sie Annexion von Bosnien
' Eme Erinnerung an den 5. Oktober 1908
Fräulein Liefe! Beling, diesmal unwiderruflich Abschied nehmend, wenigstens für die nächste Zeit, hatte mit der weiblichen Hauptrolle der Margit, hellblond und grünweißrot, eine dankbare Gelegenheit, ihre vielseitige und liebenswürdige Operettenbegabung, gesanglich, tänzerisch und darstellerisch, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, aus dem Vollen zu entfalten.*
Herr Hub kam uns diesmal ganz ungarisch, als alter Großvater Török Päl, was nicht nur dem Publikum, sondern auch ihm selber sichtlich Vergnügen bereitete. Maria Perry brachte gleich mit dem Austrittslied und später in dem wirkungsvoll aufgemachten Rosen-Duett (mit Fier m e n t) im zweiten Akt ihren schlanken Sopran recht vorteilhaft zur Geltung. F i e r m e n i war musikalisch erfreulich in Form, darstellerisch ließ ihn die etwas schwierige Rolle nicht ganz aus sich Herausgebern Der temperamentvolle und treuherzige Pista des Herrn W r e d e, Dielen als Baron Ferenczy und Elisabeth Wielander (Bvrcsa) rundeten das Ensemble mit hübschen Leistungen ab.
am 9. November 1867 herangekommen war, begrüßte Rudolf Gottschalk die Erleichterung, die dem deutschen Volk bei seiner politischen Wieder- gebürt dadurch gewährt werde, daß es sich in die unsterblichen Werke ihrer Denker und Dichter vertiefen könne. Die billigen Klafsikerausgaben brachten dem Buchhandel ein großes Geschäft, und die Zunahme der Neuerscheinungen um 13 v. H., die bei der Ostermesse 1868 feftgefteHt wurde, schrieb man diesem neuen Verlagszweige zu. Die Buchhandlungen bezogen Schiller, Goethe und Lessing hundertweise und verkauften sie aus dem Schaufenster heraus. Die Verleger machten glänzende Geschäfte, und einige sollen in wenigen Tagen Auslagen von 500 000 Stück verkauft haben. Das Publikum stürzte sich auf diese wohlfeile Geistes- nahrung. Aber 1872 werden im Buchhändler- Börsenblatt Stimmen laut, die erklären, man habe nun genug an billigen Ausgaben: man verlange Ausgaben, die etwas teurer fein könnten, aber dafür einen korrekten Text und bessere Ausstattung haben müßten, lieber die liederliche Behandlung des Textes der Klassiker wird viel geklagt, und erst die Hempelschen Ausgaben, die einen großen Stab von Gelehrten beschäftigten, brachten darin Besserung. Die schlechte Ausstattung wurde durch die „illustrierten Prachtwerke" ersetzt, die nun auf dem Tisch in jeder guten Stube 8es deutschen Bürgerhauses lagen. Aber auch diese „Pracht" entartete bald, und man forderte eine geschmackvollere Gestalt, die dann durch die Reform der Buchkunst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verwirklicht wurde.
nossen zu verlieren.
Die einzelnen Phasen der Annexionsknse, die immer wieder auftauchenden Konferenzgedanken, die Verhandlungen zwischen den Kabinetten im einzelnen zu verfolgen, würde zu weit führen. In. gewissen Augenblicken schien durch die Haltung Serbiens die Gefahr eines europäischen Krieges nahe. Daß es nicht zu ihm kam, ist dem Eingreifen Deutschlands zu danken. Der deutsch, von Rußland schließlich angenommene Vermittlungsvorschlag vom 21. März 1909 war keineswegs ein Ultimatum, in das ihn die Legende umdeuten möchte, sondern ein auch vom Zaren begrüßter Versuch Deutschlands, die Kluft zwischen Rußland und Oesterreich zu überbrücken und dem
g e r i d) t e s. _ . .,
morgen wissen, wie es geklappt hat. In den Privathaushaltungen hat es natürlich geklappt, denn da bedeutet das Eintopfgericht am Sonntag eben in sehr vielen Fällen nur ein Verzicht auf das Sonntagsessen. Aber in den feinen Restaurants, m den Luxushotels, bei der Mitropa ufw., da bildete das Eintopfgericht doch wahrlich eine Neuheit. Und da mußten die armen Reporter vom Eintopfgericht zum Eintopfgericht laufen, und sich ihre Erfahrungen buchstäblich zusammenessen.
Einer berichtet, daß es ihm „den Umständen nach" ganz gut geht, allerdings habe er mit Natron nachhelfen müssen. Er war in einem ff. Priv-.it- mittagstisch, wo es seit 14 Jahren jeden Sonntag Kalbsbraten mit Brühe und Kompott gab. Das Pichelfteiner Fleisch, das am Sonntag auf dem Stammtisch stand, wirkte auf die Herren Junggesellen wie eine revolutionäre Befreiung von dem obligaten Kalbsbraten. In einem großen Hotel stocherten ein Pankee und eine Lady mißtrauisch mit der Gabel in ihrem Topf herum. Sie zogen, wie der Berliner sagt, einen echt amerikanischen Flunsch. Dann probierte der Pankee, seine Miene
' " sich sichtlich, und mit leuchtenden Augen
nahm er einen zweiten Bissen, dann schlug er mit der Faust auf den Tisch: „W i r wollen das wied erhaben". Die Lady steckte die Speisekarte in ihre Handtasche, um sie mit nach Hause zu nehmen.
Kurz gesagt: der erste Tag des Eintopfgerichtes war ein voller Erfolg. Der Oberkellner des O-Zuges Rom — Berlin erklärte, daß im Speisewagen dieses Zuges über hundert (Sin- top f e H e n serviert werden. Einige schwedische und englische Fahrgäste seien so begeistert von dieser Art Winterhilfe gewesen, daß sie baten, die Speisekarte als Andenken mit in die Heimat nehmen zu dürfen. Am meisten scheint überhaupt den Angelsachsen die Sache imponiert zu haben. Aus vielen Hotels wird berichtet, daß Engländerinnen und Amerikanerinnen von ben servierten Eintopfgerichten so begeistert waren, daß sie unbedingt vom Kellner das Rezept haben wollten, um es mit nach Hause zu nehmen.
Noch eine andere hübsche Szene: ein französischer Reisender ißt im Speisewagen sein Eintopfgericht. Er meint es mit sich und dem Winterhilfswerk besonders gut, er will noch ein Gericht von der anderen Art haben, denn vier Gerichte waren $ur Auswahl gestellt. Doch das geht leider nicht. Für jeden Gast nur ein Topf. Freundlich wird er belehrt und lachend begnügt er sich. Es hat also vorzüglich geklappt. Der Appell an das Solidari- tätsgefühl ist nicht ohne Echo geblieben. Nur m ganz seltenen Fällen haben Besucher von Restaurants und die Bewohner der repräsentativen Hotels den Magen knurren lassen, bis nach 17 Uhr, dem Schlußtermin für bas Eintopfgericht.
ter diesem stehenden Deutschland zu rechnen habe, ergab für Rußland anderseits die Notwendigkeit, sich mit seinen Verbündeten noch enger zusammenzuschließen und für die kommenden Entscheidungen sich zu rüsten. Schon Anfang 1909 sah Iswolski eine kriegerische Entscheidung für unvermeidlich an. „Die orientalische Frage", so äußerte er sich gegenüber dem deutschen Botschafter GrasenPourta- l£s „kann nicht anders als 8urch einen Konflikt gelöst werben ... vielleicht wird dieser Konflikt erst in fünf oder zehn Jahren ausbrechen, aber er ist unvermeidlich". Fünf Jahre später brach über die serbische Frage der Weltkrieg aus!
ein frischerer und energischerer Zug in die österreichisch-ungarische Balkanpolitik gekommen (Projekt der Sandschakbahn, Erwägungen über die Annexion Bosniens und der Herzegowina, Bereinigung der serbischen Gefahr.) Der Ausbruch der jungtürkischen Revolution im Sommer 1908 schien beiden Teilen (Rußland sowohl wie Oesterreich-Ungarn) eine günstige Gelegenheit zur Verwirklichung ihrer Pläne zu bieten. Am 2. Juli regte der russische Außenminister Iswolski durch ein offizielles Schreiben an die österreichische Regierung freundschaftliche Verhandlungen über das Verhältnis der zwar türkischen, aber von Oesterreich-Ungarn okkupierten Bezirke Bosnien, der Herzegowina und des Sandschaks von Nooibazar sowie über die Meerengen von Konstantinopel an, unter dem Gesichtspunkt: „Annexion gegen bie Oeffnung ber Meere n g e n". Iswolskis Anregung begegnete sich mit ben Wiener Wünschen nach Annexion ber besetzten Provinzen, insbesondere mit Rücksicht auf die starke serbische Propaganda, die vornehmlich in Bosnien auf eine Vereinigung mit Serbien hinarbeitete und die österreichische Aufbauarbeit in den besetzten Provinzen gefährdete. Nachdem Frhr. v. Aehrenthal unter dem 27. August den russischen Anregungen im wesentlichen zugestimmt hatte, kam es am 16. September auf dem mährischen Schlosse B u ch l a u zu der Zusammenkunft zwischen Iswolski und Aehrenthal.
Die Unterhaltungen zwischen den beiden Außenministern wurden ohne Zeugen geführt, wie sie auch nicht endgültig 8urch eine Niederschrift sestge- legt wurden. Aber die Tatsachen lassen sich ziemlich genau mit Hilfe der Angaben feftftellen, die beide Minister innerhalb weniger Tage dritten Personen gegenüber gemacht haben. Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amts, o. Schoen, der Iswolski gleich nach Buchlau traf, erfuhr von diesem selbst über die Unterredung folgende Stichworte über die Absichten der Donaumonarchie: „Annexion von Bosnien und der Herzegowina, ----- ,
Verzicht auf den Vormarsch nach Saloniki, Zurück- serbisch-österreichlschen Kriege vorzubeugen. _ _ Ziehung der Garnisonen aus dem Sandschak, Be- Die Folgen der 2Ir.ne«on??r«j»« h** reitroilligfeit, mit Rußland über dessen Wünsche waren allerdings verhängnisvoll. Der österreichisch^
Der Weg ins Schlaraffenland ist bekanntlich mit einigen Mühen verknüpft. Der Schlemmer, der ins Land der ungezählten Magenwonnen gelangen will, hat feinem Magen zunächst eine gewaltige Kraftprobe aufzubürden, gewissermaßen als Prüfung für die Befähigung zum Schlemmerdafein. Er muß sich durch eine dicke Mauer von Milchreis hindurchessen. So erging es in Berlin am Sonntag den Berichterstattern der Berliner Tagespresse. Der Sonntag der erste Tag 8 e s Eintopf- >. Da wollten die Berliner am Montag-
Die gepflegte Aufführung wurde von Paul W r e b e mit leichter und sicherer Hand geleitet; seine Inszenierung hatte Stimmung, gut gewähltes Tempo unb exakte Ensemble-Auftritte. Kapellmeister C u ) € betreute sorgsam und mit sauberen Einsätzen die stellenweise recht anspruchsvolle Partitur. Theo Bä ulke hatte eine Anzahl hübscher Tanzfiguren beigesteuert. Karl Löffler schuf der Operette den szenischen Rahmen; besonders das luftige, bunte Dor bild des ersten Aktes war ihm famos gelungen. Besonderer Anerkennung bedarf die malerische Ko- stümausstattung (Curt Huber), die vor allem den Eingangsakt erfreulich belebte.
Auf ben/ Wege zum Weltkriege ist bie bosnische Krisis ber Jahre 1908 unb 1909 eine ber wichtigsten Etappen; sie zeigt alle charakteristischen Züge und Merkmale, die sich wenige Jahre später in der Zeit, die zum Weltbrande führte, wiederholen sollten. Schon allein aus diesem Grunde erscheint eine Erinnerung an die Ereignisse, die sich vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren abspielten, zeitgemäß. Und das um so mehr, als die Aktenveröffentlichungen über die Vorkriegspolitik in den einzelnen Ländern immer klarer erkennen lassen, daß die gegen die deutsche Politik gerichteten Vorwürfe, sie hätte während der bosnischen Krise zum Kriege getrieben, z u U n - recht erhoben werden. Im Gegenteil, im Verlaus der Krise, die mit der Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie am 5. Oktober 1908 einsetzte und Ende März 1909 durch die deutsche Vermittlung in Petersburg nach außen hin ihren Abschluß fand, beweist in jeder Hinsicht den Friedenswillen Deutschlands, durch dessen Eingreifen damals nicht zuletzt der Krieg vermieden wurde.
Die Niederlage Rußlands im Kriege gegen Japan, die mit ihr verknüpfte Abkehr von feinen asiatischen Zielen ließ die slawische Großmacht sich wieder Europa zuwenden, um hort eine Erfüllung ihrer alten Wünsche zu versuchen Hand in Hand mit dem Streben Rußlands nach ber Herrschaft über die Meeresengen von Konstantinopel ging bas Verlangen nach der Hegemonie auf oem Balkan, das zwangsläufig einen wachsenden Gegensatz zur Donaumonarchie zeitigen mußte. Auf der anderen Seite war nach dem Amtsantritt Frhr. o. Aehrenthals im Jahre 1906
Sarasates Geigen.
Die Nachwelt windet auch dem Konzertvirtuofen keine Kränze. Nur die älteren unter uns erinnern sich noch an die Stürme der Begeisterung, die einst der spanische Geiger Pablo de Sarafate entfesselte. Er war ein feuriges Genie, in dem etwas von der Glut P a g a n i n i s und seiner unbegreiflichen Technik auferstanden zu sein schien. Wie jeder große Geiger fühlte er sich mit seinen Instrumenten innig verbunden und führte seine Lieblinge auf seinen vielen Konzertreisen immer mit sich. Eine wundervolle Stradivarius war ihm schon in der Jugend von der spanischen Königin Isabella zur Verfügung gestellt worden, die Eigentum des spanischen Staates war und nach seinem Tode an diesen zurücksiel. Ein anderes Meisterwerk des berühmten italienischen Geigenbauers war die sog. Stradivarius Boissier, auf der er besonders gern spielte. Dieses Instrument hatte eine eigenartige Geschichte. Ein Hufschmied in einem Schweizer Dors erhielt von einem Herrn, dem er verschiedene Dienste geleistet, eine alte, völlig verschmutzte Geige, die er reinigte und an der Decke seiner Schmiede aufhängte, ohne zu ahnen, welchen Schatz er besaß. Bei einem Spaziergang sah der Genfer Geigenkenner Boissier zufällig dieses Instrument, erwarb es, unb nach seinem Tobe kam bie Geige, bie er als einen echten Strabivarius erkannt hatte, an eine Pariser Firma, von ber sie Sarafate für einen Riefenpreis erwarb. Außerbem führte er als Talisman stets eine kleine silberne Violine mit sich, die eine genaue Nachbildung der Lieblingsgeige Paga- ninis war. Zum ersten Mal war es ihm passiert, daß er diesen Talisman vergessen hatte, als er in Biaritz von der tödlichen Krankheit überfallen wurde.
Und es zeigt sich auch, daß eben die Gegensätze, an deren Ausgleich und Ueberbrüdung wir heute mit allen Kräften arbeiten, den eigentlichen Antrieb für die Handlung bilden und den Konflikt heraufbeschwören, der sich dann in der wehmütigen Abschiedsstimmung des letzten Aktschlusses löst.
Erst als Iswolski in London, wohin er sich von Paris aus begeben hatte, erkennen mußte, daß d i e englische Regierung entgegen gewissen in Reval gemachten Zusagen, von einer Aenderung in der Meerengenfrage nichts wissen wollte, wandte sich sein ganzer Groll gegen Aehrenthal; er behauptete, von seinem österreichischen Kollegen schnöde betrogen zu sein, weil dieser zu schnell vorgegangen sei, ja, er ging soweit, feste Vereinbarungen in Buchlau überhaupt in Abrede zu stellen.
In Frankreich und England brach ein Sturm der Entrüstung los, auch in -Rußland machte sich tiefe Unzufriedenheit geltend. Am heftigsten war der Sturm in Serbien, wo es zu fei-nbfeligen Kundgebungen gegen Oesterreich-Ungarn kam. Alsbald wandte sich die „allgemein Empörung", wie gewöhnlich, auch gegen Deutschland, dem man vorwarf, die Schritte Aehrenthals veranlaßt zu haben. Davon konnte keine Rede sein. Berlin erfuhr von der Absicht der Annexion erst unmittelbar vor Buchlau, und durch eine unglückliche Verkettung der Umstände war Kaiser Wilhelm der letzte unter allen europäischen Staatsoberhäuptern, der die Mitteilung der öffentlichen Verkün- düng der Annexion erhielt. „Ich bin persönlich auf das tiefste in meinen Gefühlen als Bundesgenosse verletzt, daß ich nicht im Geringsten von S. M. (Kaiser Franz Joseph) ins Vertrauen gezogen wurde", so heißt es in einer Randbemerkung des Kaisers. In der Annexionsfrage selbst stellte sich Deutschland, trotz mancher Bedenken, l)mtet Wien, schon um nicht den letzten, noch sicheren Bundesge-
Als die Klassiker „frei" wurden.
Wir können uns heute die Zeit kaum noch vorstellen, da die Werke unserer Klassiker in teuren Ausgaben nur den sehr Bemittelten zugänglich waren und der Aermere höchstens einen unrechtmäßigen billigeren Nachdruck taufen konnte. Durch einen Beschluß des Bundestages vom 6. November 1856 war bestimmt worden, daß die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Autoren vom 9. November 1867 an frei fein sollten. Wie Wilhelm Freis in einem Aufsatz im Buchhändler-Börsenblatt erzählt, stellte Sachsen-Weimar den Antrag, den Verlagsschutz für Goethe, Schiller, Herder und Wieland zu verlängern, sand aber damit in der Öffentlichkeit 'leinen Anklang. Als der große Tag
nach freier Durchfahrt durch die Meeresengen zu sprechen." Diese Angaben decken sich vollkommen mit den Darlegungen Aehrenthals in einem Pri- oatbrief an den deutschen Reichskanzler Fürst Bülow vom 26. September; nach ihnen hatte sich Iswolski mit der Annexion „im Prinzip einverstanden erklärt und eine freundschaftliche Haltung Rußlands zugesichert".
Iswolski muß ziemlich fest davon überzeugt gewesen sein, daß die anderen Mächte seinen Plänen nach einer teilweisen Oefsnung der Meeresengen zustimmen würden. Um sich ihrer Zustimmung zu vergewissern, begab er sich auf die Reise nach den wichtigsten europäischen Hauptstädten. Bei feiner Ankunft in Paris am 4. Oktober erfuhr Iswolski, das der österreichische Botschafter am Tage vorher dem Präsidenten der französischen Republik ein Handschreiben Kaiser Franz Josephs überreicht habe, das die Annexion für den 7. Okto- b e r antünbigte. Erft am Nachmittag des gleichen Tage erhielt Iswolski verspätet ein Schreiben Aehrenthals vom 30. September mit der gleichen Ankündigung. Allzu überrascht konnte Iswolski nicht sein; denn bereits in Buchlau hatte ihm Aehrenthal als Tag der Bekanntgabe der Annexion den 9. Oktober, den Zusammentritt der ungarischen Delegationen in Budapest, genannt. Jedenfalls aber war Aehrenthal zur Tat übergegan- qen, ehe Iswolski Gelegenheit gehabt hatte, seinen Teil des vereinbarten Geschäfts ficherzustellen.
Die Bedeutung der Familie für die Volkswirtschaft ist in einer Zeit verblaßt, wo der orgartifdje Begriff der Volkswirtschaft durch den mechanischen der Welt- ----- -----
wirtschaft ersetzt wurde. Mit der Rückkehr zu den 1 rung nach der Gleichberechtigung der Geschlechter


