Lin Lied vom Glück.
Vornan von Anny von ponhuys.
16. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Frau von Malten kehrte zurück: doch als Marlene erschreckt von ihm abrücken wollte, lächelte Achim. „Mutter hat doch schon gesehen, daß wir uns küßten."
Frau von Malten winkte ab: „Laßt, Kinder! Ich störte euch ja auch nur ungern, aber Roberta Olbers möchte mit dir sprechen, Achim. Sie behauptet, es bandle sich um Wichtiges. Sie wartet in deinem Arbeitszimmer."
Achim von Malten erhob sich zögernd.
,Lch bitte um Entschuldigung, Liebste, aber da es sich um etwas Wichtiges handeln soll, will ich doch lieber gleich hinübergehen."
Roberta stand am Fenster seines Arbeitszimmers und wandte sich um, als Achim von Malten eintrat. Sie bemerkte sofort den strahlenden Ausdruck seiner Züge. Aber in den letzten Tagen hatte er sich doch so sehr verändert, daß ein wenig mehr kaum noch auffiel.
Er bot ihr die Hand.
„Was gibt es Neues, Infpektorchen?"
Ein bißchen burschikos klang es.
„Sie sagte: „Ich habe die beiden Milchkühe, die bei Freising im Dorf versteigert wurden, gekauft: das wollte ich Ihnen nur mitteilen. Es ist doch recht so?"
Er war etwas erstaunt.
„Dergleichen bedarf nachträglich doch kaum noch meiner Genehmigung. Ich ließ Ihnen in solchen Sachen seit langem freie Hand. Natürlich ist es recht." Er fuhr nach kurzem Zögern fort: „Aber bei der Gelegenheit möchte ich Ihnen gleich sagen, von nun an wollen wir es etwas anders halten. Ich gab Ihnen unumschränktes Recht, hier alles nach Ihrem Ermeßen zu behandeln, doch fortan werde ich wieder selbst die Oberleitung des Gutes übernehmen."
Sie ließ ihn nicht ausreden und fragte erregt: „Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir?"
„Doch, doch", aawortete er oeruhigend, „ich setze volles Vertrauen in Sie und bin auch in jeder Beziehung mit Ihnen zufrieden. Aber ich fühle mich wieder wohler: die Stumpfheit, die mich so gleichgültig gegen alles gemacht, ist gewichen, und ich verspüre große Arbeitslust. Sie sollen natürlich nach wie vor den Jnspektorposten hier behalten: doch es ist wieder ein Herr hier. Ich bin gesund geworden, und staunen Sie, Fräulein Olbers, ich will mich verheiraten! Meine Kindheitsfreundin soll eine der ersten fein, die es erfährt. Maltstein bekommt eine junge Herrin! Ich werde Fräulein Werner heiraten!"
Roberta Olbers war wie vor den Kapf geschlagen. Ihre Sicherheit hatte sie momentan ganz verlassen.
Sie war sich dessen vollkommen bewußt, wollte gleichmütig lächeln und verzog nur unschön den Mund.
Achim von Malten fiel es eben erst ein, Roberta liebte ihn anscheinend. Ganz vergeßen hatte er das in diesem Augenblick. Aber er hätte ihr die Mitteilung doch machen müssen. Wenn nicht heute, so doch bald. Schade! Er hatte ihr jetzt sicher sehr weh getan. Ihr Benehmen war auffallend und sonderbar.
Wenn es sich aber so verhielt, daß sie ihn liebte, wie er seit einiger Zeit annehmen mußte, war natürlich am besten, sie verließ Maltstein, es blieb gar nichts anderes übrig. Schon Marlenes wegen.
Inzwischen aber fand Roberta ihre äußere Ruhe wieder. Sie brachte sogar ein ganz vergnügtes und lächelndes Gesicht fertig.
„Welch eine Ueberraschung! Nun begreife ich auch, aus welchem Grunde Sie wieder arbeitsfreudig geworden find, Herr von Malten. Ich gratuliere von ganzem Herzen! Fräulein Werner hat sehr schöne Augen und ist reizend. Also, meinen herzlichsten Glückwunsch!"
Sie reichte ihm die Rechte und drückte sie so männlich kräftig, sah so vergnügt aus, daß Achim von | Malten sofort den Gedanken fallen ließ, Robertas j Liede zu ihm könne besonders tief fein. Man sieht leicht gern alles so, wie man es sehen möchte.
Roberta fragte: „Wann darf ich Fräulein Werner Glück wünschen?"
„Gleich, wenn Sie mögen", gab er zurück. „Sie ist drüben bei meiner Mutter."
„Dann werde ich hinübergehen", erklärte sie und nahm die Baskenmütze in die Hand, strich glättend über das glänzende Schwarzhaar.
Auch bei Marlene zeigte Roberta Olbers ein vergnügtes Gesicht. Sie schien sich sogar wirklich über die Verlobung zu freuen, und Marlene schämte sich fast der Abneigung, die sie trotzdem gegen die Inspektorin empfand.
Roberta Olbers aber fuhr bald darauf mit dem Iagdwagen über die Grenze. Wenn es nötig gewesen, hätte sie leicht einen Grund dafür gefunden: doch niemand fragte sie, was sie tat. und warum sie es tat. Drüben, jenseits der Grenzpfähle, pütschte sie sich unauffällig an das Gehöft von Bernd Brussak heran. Ein Bauernhaus war es, mit kärglichem Garten, kleinem Hof und Stall. Sie fuhr in den offenen Hof ein und stellte den Wagen so geschickt, daß man ihn von außen gar nicht sah.
Sie klingelte an der Haustür. Ein Fenster öffnete sich. Noch ungewaschen und ungekämmt kam Bernd Brußaks Kopf zum Vorschein, fuhr gleich mit einem: „Teufel noch mal!" zurück. Es dauerte fast zehn Minuten, bis sich die verschloßene Tür endlich öffnete. Aber das Gesicht des Mannes war jetzt rasiert, und die Haare verrieten sorgfältigen Bürstenstrich.
Roberta trat rasch in den Flur.
„Meinetwegen hättest du dich nicht anzustrengen brauchen", brummte sie, ihn spöttisch musternd. „Ich
weiß ja. wie wenig schön du aussehen kannst, wenn du so bleibt, wie du bist."
Er war eitel, vergaß nie, daß er einmal ein sogenannter schöner Mann gewesen war, und fühlte sich immer noch als solcher.
Er gab zurück: „Laß doch deine schlechte Laune nicht an mir aus! Was ist denn los? Ohne besonderen Grund kommst du nicht hierher. Es gelingt mir in letzter Zeit nur äußerst selten, dich hier zu sehen. Leider! Also — wo brennt es?"
Sie stieß eine Tür auf. Ein einfaches Zimmer nach dem Hof zu war es, in das sie eintrat Schlicht bürgerliche Möbel standen hier sparsam oerteiü.
Sie warf sich in einen Armftuhl, begann erregt: „Nun ist der Kladderadatsch schon da — schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Mallen ist mit der Gesellschafterin einig. Er macht nächstens feine Verlobung bekannt, und meine Hoffnung, entweder so oder so Maltstein zu schnappen, ist aus. Wenn die zwei Weibsbilder nicht nach Maltstein gekommen wären, hätte sicher alles geklappt. Er hätte mich geheiratet: ich hätte das wohl fertiggebracht. Er war ja schon so willenlos. Und wenn nicht, hätten Mutter und Sohn mich zur Erbin eingesetzt. Was ist jetzt zu tun? Irgendein Gewaltstreich wird keinen Zweck haben. Wir hätten uns eher zu irgend etwas entschließen müssen. Da haben wir nachts im Gartensaale babattiert und sind uns nicht einig geworden. Jetzt ift’s zu spät."
Er setzte sich auch und blickte sie kopfschüttelnd an.
„Liebe Roberta, wie du bisher alles entscheiden wolltest, ging es nicht. Es wäre dabei nur eine große Sensation für die Leute herausgekommen, wir beide aber wären in Nummer Sicher gewandert. Ich konnte einfach nicht tun, was du mir allen Ernstes vorgefchlagen hattest." Er zuckte die Achseln. „Ich bin froh, noch in Freiheit zu sein, und verspüre kein Verlangen nach einer Zelle und schlimmeren Dingen.
Ihre dunklen Augen sprühten vor Zorn.
„Du bist feige, unglaublich feige! Ich verspreche dir, die Werner irgendwohin zu locken, wo du sie in Empfang nehmen kannst. Ich habe da allerlei Ideen, von denen die eine oder andere sicher gut ist. Draußen wird sie betäubt und zu dir geschleppt. Ist sie erst mal hier in diesen Mauern, hast du freie Hand. Ich verspreche, sie dir sogar bis ins Haus zu schicken: freiwillig wird sie kommen."
Sie sah sich um, als fürchte sie, man könne sie be- lauschen, und wußte doch genau, es befand sich kein Mensch sonst im Hause. Die Aufwärterin aus dem böhmischen Orte, zu dem das weit draußen gelegene Haus gehörte, kam erst nachmittags, um ihre Einkäufe abzuliefern und aufzUräumen.
Roberta Olbers sprach von ganz nahe in das Ohr des Mannes hinein, ganz leise.
Er machte keinen Einwurf. Aber als sie fertig war, seufzte er laut auf.
„Ich habe keinen Mut dazu, das bekenne ich ehr
lich, wenn du mich auch feige schiltst. Und schließlich, wenn ich alles wagte und es gelänge auch, denkt Malten nachher doch nicht daran. dick zu heiraten oder dich zur Erbin einzusetzen. Das letzte ist über» Haupt eine etwas fixe Idee von dir, während da, erste immerhin sehr im Bereich der Möglichkeit lag und vielleicht io gar noch liegt, wenn diese Person rechtzeitig verschwände. Aber ich mochte kein Risiko mehr übernehmen. Ich wäre aus Klugheitsgründcn jetzt überhaupt mehr dafür, du begehst bei nächster Gelegenheit eine Unterschlagung ganz großen Stils, und wir reisen schleunigst ins Ausland. Don meinen Zirkusjahren her weiß ich draußen überall Bescheid "
Sie verzog die Lippen, schalt: „Du bist so schreck- lich feige. Schade! Einen feigen Mann kann ich nicht lieben. Ich soll Geld unterschlagen und dann mit dir in die weite Welt laufen, überall in Angst leben: Die Häscher sind hinter uns her. Und du er- zählst bann, wenn wir gefaßt werden, gliederbebend: Bitte schön, meine Herren, ich bin an der Sache un» schuldig. Hätte ich geahnt, woher die Olbers das viele Geld hat, wäre ich ihr in großem Bogen aus der., Wege gegangen!" Sic lachte böse. „Nein, mein teurer Freund, ich setze lieber alles auf eine Karte. Ich habe das bestimmte Gefühl, alles glückt dock noch nach Wunsch. Verschwindet diese Werner so oder fo für immer aus seinem Leben, fällt er sicher wieder in seine alte Stumpfheit zurück. Nein, stumpfer noch als vorher wird er werden, und bann werbe ich m.ch so unentbehrlich machen, baß er froh sein wirb, mich überhaupt zur Seite zu haben. Wenn die Werner nicht hierhergekommen wäre, konnte ich jetzt vielleicht schon triumphieren. Ich war Mutter unb Sohn schon unentbehrlich geworben. Wie oft ließ mich Frau von Malten zu sich bitten! Und er ließ m.ch schalten und walten wie ich wollte. Nur der Form halber fragte ich ihn ab und zu noch etwas. Und jetzt fühlt er sich mit einemmal wieder als der Herr auf dem Gut: ich stehe wieder unter Oberaufsicht" Sie packte ihn bei den Schultern. „Du tust, was ich will, oder es ist aus mit uns beiden!"
Er lachte. „Erzähle mir bas doch nicht immer wieder, es wird ja bald langweilig. Du weißt genau, solange ich lebe, kommst du von mir nicht mehr los."
Sie umarmte ihn plötzlich.
„Narr, geliebter Narr du, ich will ja auch gar nicht wieder von dir los. Weil ich dich liebe! Aber tue das, was ich dir geraten, tue, um was ich dich bitte! Halte dir immer vor Augen, du wirst eines Tages der Herr von Schloß und Gut Maltstein."
Sie küßte ihn, und er ahnte nicht, mit welchem Widerwillen sie es tat, und daß sie schon jetzt daran dachte, wie sie sich seiner am schnellsten entledigen konnte, wenn sie am Ziele märe.
Der verliebte Mann fand nicht mehr die Kraft zu weiterer Weigerung. Er flüsterte in ihre leidenschast- lich scheinenden und doch so leidenschaftslosen Küße hinein: ,Zch tue alles, was du willst, Roberta — alles, alles!"
(Fortsetzung folgt.)
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Dolkechalle unb Liebigshöhe Gießen!
Geöffnet tägliches bis 21 Llhr
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30. September bis 8. Oktober 1933
Deutsche Bühne hur Vorstellung „Hermannsschlacht") für Donnerstag-Abonnenten am Donnerstag, dem k>. Oktober, an der Theaterkasse von 16 bis 20 Uhr. 6136V II1HIIIIIHIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII
Bekanntmachung.
Bett.: Personenstands- unb Betriebsaufnahme am 10. Oktober 1933.
Der Herr Reichsminister ber Finanzen hat zum 10. Oktober 1933 eine Personenstands- und Bctriebsauf- nähme angeordnet. Durch Beamte des Polizeiamts Gießen werden in den näch> fttn Tagen an alle Hausbesitzer Haus- Ilften, Haushaltungsliften und Betriebs- blätter ausgegeben, die nach dem Stand vom 10. Oktober 1933 auszufüllen find; d>e Nichterfüllung dieser Verpflichtung kann mit Geldstrafe belegt werden. Das Abholen der Listen erfolgt ab 11. Oktober 1933. Die Haushaltungsliften, die von jedem Inhaber einer selbständigen Woh. nung auszufüllen sind, bilden die Unterlage für die Steuertartcnau5ftcUung 1934. Im Interesse aller Arbeitnehmer (Ge- Halts-, Lohn-, Pensions- und Renten- empfänger) liegt es, die Haushaltungsliften (insbesondere die Spalte 11 über das Arbeitsverhällnis) so sorgfältig und voll- ständig wie irgend möglich auszufüllen, damit bei der Ausstellung der Steuerfar- ten für 1934 Unrichtigkeiten vermieden werden. Nachdem die für den 1. Januar 1934 vorgesehene Bewertung des Grundbesitzes nicht ftattfindet, find von den Haus- eigentümern oder deren Stellvertretern in den Hausliften auf der 1. Seite nur die Ziffer 1 (Eigentümer) unb auf ben Seiten 2—4 nur die Spalten 1—3 ober 3a auszufüllen. Die Angaben über die Jahres- rohmieten ukw. find nicht erforderlich
Gießen, Den 4. Oktober 1933. (6135C
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